Wie liest wer was von Goethe

(drei Personen lesen Goethe – ad hoc Schreibaufgabe in der Schreibschule Sent am 4.Oktober 2026; der kleine Text enthält nicht nur Goethe-Zitat-Fetzen)

Lilli zu Hans: Komm, Hans, ich zeig dir mein neues Insel-Buch Goethes Elefanten. Ich kannte es bisher nicht und heute hat es mir den Tag erhellt. Also echt, ich esse die Zeilen, es ist ein einziger Genuss, jedes Wort zergeht mir auf der Zunge. Neue Sätze von meinem Goethe – ich könnte sie grad singen!

Hans zu Lilli: Ach du immer mit deiner Schwärmerei, ist doch gar nicht mehr angebracht in deinem Alter, ich kann dir nicht folgen und ihm, dem Herrn Geheimrat schon gleich gar nicht. Dieses ewige Liebesgetue und die Beschwörung schöner Körper – das war einmal. Und dann die unsäglichen Verschmelzungsgedanken „kanntest jeden Zug in meinem Wesen, konntest mich mit einem Blicke lesen“ – tja, dahin ist’s, dahin.

Gretchen (vor sich hin singend): ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so einsam bin, ein Märchen aus uralten Zeiten, das verwirrt mir Auge und Sinn. Ich lese von sanften Winden, von goldenem Glühn im Laub, doch wo soll ich solch Land finden, man hat es mir geraubt. Es lacht der Mai, der Wald ist frei von Eis- und Reifgehänge, am grünen Ort erschallen Lustgesänge, die Flamme lodre durch den Rauch – ich komme auch, ich komme auch …

(Goethes Elefanten ist in Wahrheit kein Buch von, sondern über Goethe und seine Studien zu Elefanten, die er betrieb, weil er 1784 eine bedeutsame anatomische Entdeckung gemacht hatte. Oliver Matuschek hat das, natürlich garniert mit Goethe-Zitaten, im Insel-Bücherei Band Nr.1489 zusammengestellt und auf dem roséfarbenen Cover marschiert eine ganze Herde Elefanten – wobei, eigentlich ist es der immer gleiche, mal rechts herum, mal links herum geht er wie in Zeilen. Insel-Verlag Berlin 2020)

(Foto: Hauseingang in Sent, 4.Okt.2026)