…, einstweilen aber und bevor sie zum Rom-Abschied die Silhouette des Petersdomes aus grünem Karton geschnitten und umgeben von wenigen mattblauen Worten erhielt, fühlte sie sich bei den Orgelkonzerten geborgen wie in einem Pantheon der Töne, unter einer Himmelsleiter aus lauter himmlischen Tonleitern, unter einer Kuppel aus Harmonien,
und sang mit Freude im Kirchenchor der deutschen evangelischen Kirche, wo sie aus den Augen des im goldenen Mosaikhimmel thronenden Christus, aus dem bärtigen Gesicht unter dem Heiligenschein die leise Ermahnung las, nicht zu viel herbeizuwünschen und herumzuphantasieren, und sie ging nicht nur mit den anderen Haustöchtern nachmittags Lungotevere spazieren oder abends flanieren auf der Piazza Navona,
sondern eroberte sich ihr Rom vor allem allein und zu Fuß, und ging über die Via Cola di Rienzo zu den Vatikanischen Museen, bevor sie auf der Dachterrasse des Diakonissenheims zwischen der Peterskuppel und der Kuppel einer nahen Kirche das Sonnenrot untergehen sah hinter den schwarzgezeichneten Bäumen des vatikanischen Hügels und den Ausruf notierte „wie liebe ich diese Stadt“,
zuvor hatte sie am Freitag, dem 11.November in den Vatikanischen Museen den kleinen Rundgang genommen und zügig die gewölbten, langgestreckten Räume durchquert, Räume, angehäuft mit Decken- und Wandgemälden, Stuck, Wandteppichen, Skulpturen, Schränken, Vasen und Amphoren, denn sie wollte ihr Ziel, die Cappella Sistina rasch erreichen,
und man konnte ja keinesfalls alles auf einmal sehen, das war schlichtweg unmöglich bei der Mannigfaltigkeit an kostbaren Dingen, die zu sehen sie lohnenswert fand, und sie hatte sich vorgenommen, oft herzukommen und bei jedem Mal einen anderen Schwerpunkt zu setzen, und der für den 11.November war eben die Cappella Sistina,
endlich, endlich, hatte sie geschrieben, darf ich die berühmten und oft auf Abbildungen gesehenen Gemälde des Michelangelo betrachten und erfühlen, die Schöpfungsgeschichte an der Decke und das Jüngste Gericht über dem Altar, in ihren wirklichen Farben und Ausmaßen, in ihrer ganzen Natur, im Raum, in dem Michelangelo Buonarroti sie erschaffen hat,
sie hatte nicht wissen können, dass die Farben von der Patina der Jahrhunderte gedämpft waren und wenige Jahre später die ganze Welt über die Kraft ihres originären Leuchtens staunen würde, sondern hatte im ersten Eindruck das dunkle Licht als wohltuend empfunden, das von den zarten Farben der Gemälde ausgegangen war,
und auch so schon gefunden, dass Michelangelos Figuren sich lebhafter, bewegter und ausdrucksstarker dartaten als die an den Wänden, gefertigt von anderen Malern desselben Zeitalters, Pinturicchio, Perugino, Signorelli, della Gatta, Rosselli, Botticelli und Ghirlandaio, die Figuren zeigten sich ihr lebensecht,
und sie hatte gespürt, mit welcher Vehemenz der junge und der alte Michelangelo seine Auffassung zum Ausdruck gebracht hatte und geschrieben, wie glücklich sie sei, in der Nähe seines Schaffens sein zu können, alle Abbildungen könnten kaum einen Bruchteil der Wirklichkeit wiedergeben, sondern lediglich nach dem unmittelbaren Erleben helfen, in der Erinnerung die Atmosphäre erneut erstehen zu lassen,
und vom Ausgang aus hatte sich ihr schließlich noch ein Blick aufgetan in die zauberhaften Gärten des Vatikans, wo sich hinter Stufen von Grünfärbungen die Vollkommenheit der Peterskuppel abhob vom römischen Blau des Himmels,…

(Fortsetzung folgt)
(die kursiv gesetzten Wendungen im Text finden sich auch – an unterschiedlichen Stellen und ggf. in grammatikalisch gering anderer Form – in Friedrich Christian Delius „Bildnis der Mutter als junge Frau“, Rowohlt TB-Verlag, 3.Aufl.2010)

(Fotos: Ausschnitte der Postkarte, die eine Freundin Ende Oktober 1977 mitgab nach Rom)

















