Und der Monat November beginnt. Im Herrnhuter Losungsbüchlein mit dem Monatsspruch aus dem 2.Kapitel des Jesaja-Buches, Vers 4:
Und er wird richten zwischen den Nationen und für viele Völker Recht sprechen. Dann werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden und ihre Speere zu Winzermessern. Nicht mehr wird Nation gegen Nation das Schwert erheben, und sie werden den Krieg nicht mehr lernen.
Der geloste Tagesvers für den heutigen Sonntag steht im Buch des Propheten Micha, Kap.5, Vers 3:
Und er wird auftreten und seine Herde weiden in der Kraft des HERRN, in der Hoheit des Namens des HERRN, seines Gottes. Und sie werden in Sicherheit wohnen. Ja, jetzt wird er groß sein bis an die Enden der Erde.
(zitiert nach der Elberfelder Übersetzung 2006)
(zum gestrigen Reformationstag siehe Blogeintrag vom 1.November 2025)
(Foto: „Zwei Heilige“, Rom um 1670/80; plastische Entwürfe – bozzetti – für Altarfiguren. Augustinermuseum Freiburg)
„Was bleibt übrig, wenn man die Schwarzwald-Klischees weglässt“ – fragt das Augustinermuseum im Bereich „Schwarzwald“, der am 10.Oktober neu eröffnet wurde. Bollenhut, Kirschtorte und Kuckucksuhr kennt fast jeder, in den Museumsräumen sollen aber alle Schwarzwald-Facetten beleuchtet werden, von Ideenreichtum über Tradition bis hin zum Überlebenskampf. Und so begegnen einem nicht nur Gemälde, Glas, Keramik und unterschiedliche Bestandteile der Trachten, sondern auch das Los der Hütekinder, die Arbeit der Köhler und die schweren Krätzen, also jene hölzernen Tragegestelle, in denen die gefertigten Uhren, Glas- und Keramikgegenstände auf dem Rücken weite Strecken zu Fuß transportiert wurden. Man erfährt etwas über den Bau der Schwarzwaldbahn und auf einem Gemälde von Georg Michael Zimmermann (1864-1938) erreicht eine Dampflok gerade die Ravennabrücke der Höllentalbahn. Ravennabrücke und Ravennaschlucht waren in der Kindheit Faszinosa, ich dachte dabei aber immer an die italienische Stadt, zumal man mir erzählt hatte, dass viele Arbeiter aus Italien beim Bau der Schwarzwaldbahn 1865-1873 eingesetzt worden waren, und der Name manch einer Familie in unserem Dorf auf damals im Schwarzwald Gebliebene zurückzuführen sei. Es ist aber der Bach, der Ravenna heißt, wohl nach dem französischen Wort für Schlucht „ravin“ oder nach dem keltischen „rova“ für Erdschlipf, Riss, Sturz oder nach einem Besitzernamen „Rappen“, der mit der Bezeichnung für Bach zu Ravenna verschliffen wurde. Wie dem auch sei, das Ravennaviadukt ist noch immer eine Attraktion und die Tickets für den alljährlichen Weihnachtsmarkt unter der beleuchteten Brücke sind dieses Jahr bereits ausverkauft. Verkauft haben die Schwarzwälder immer weit über die Region hinaus, die Uhren wurden weltweit gehandelt und ihr Aussehen immer auch dem Zeitgeist angepasst. In der Ausstellung bewegt eine „Augenwenderin“ im Sekundentakt die dunklen Augen hin und her, während sie die Uhr vor blauem Bustier und hellgelber Schürze ihrer Tracht trägt. Und auf einem Gemälde von Nikolaus Ganter (1809-1886) erfüllt die vom Uhrenträger in der Krätze getragene Uhr ihren funktionellen Zweck als Bilderuhr, ein Zungenspielwerk befähigt sie dazu. „Was verbindest Du mit dem Schwarzwald?“ werden kleine und große BesucherInnen gefragt und mit Metallklemmen befestigte handgeschriebene Zettel geben Auskunft.
(Foto 1: Wilhelm Hasemann, 1850-1913: Im Herrgottswinkel, Ölfarbe auf textilem Träger. Fotos vom 30.Oktober 2026. )
Die letzten Jahre seines Lebens wohnte der Schriftsteller, Verleger und Förderer schriftstellerischer Talente Hermann Kesten (1900-1996) im jüdischen Altersheim La Charmille in Riehen bei Basel, nachdem er zuvor seit 1953 mit seiner Frau bis zu deren Tod 1977 in Rom ansässig gewesen war. „Witz, Kraft und etwas sehr Seltenes und Wertvolles – Humor“ wurden ihm 1932 in einer Rezension von Der Scharlatan in „Der Wiener Tag“ bescheinigt. Im Gewölbekeller des MUKS – Museum Kultur und Spiel Riehen ist derzeit (noch bis 4.Januar 2027) eine Ausstellung über das Leben in der Charmille zu sehen (Jahre 1947-2002): „Schabbes, Schnitzel, Mehrbettzimmer“. Gestern Abend garniert mit „Leckereien, Literatur, Lebensabend“, einer Lesung von Steffi Bollag (geb.1957) aus ihrem satirischen Buch Lebensmittel.punkt , in dem Speisen Figuren repräsentieren. Steffi Bollag ist in der Charmille aufgewachsen, ihr Vater Michael ‚Michy‘ Bollag war dort ab 1953 der Koch des Hauses, ganze 32 Jahre lang. Auf den Fotos mit strahlendweißer Kochjacke und hoher steifer Zylindermütze (Toque Blanche) ist ihm die Leidenschaft für seinen Beruf genauso anzusehen wie sein Sinn für Humor : „kecke Sprüche klopft Michy ebenso gut wie Schnitzel“. Die handschriftlich auf Zetteln notierten, immer wieder ergänzten oder mit neu beschriebenen Zetteln überklebten Rezepte sind ein großartiges, direkt aus dem Leben gegriffenes Archivmaterial und zeugen von feinen Zutaten. Der Kosmopolit Hermann Kesten war dennoch nicht so ganz zufrieden, weder mit dem Essen, noch mit den (alten) MitbewohnerInnen und auch nicht mit dem kleinen Ort Riehen. An seine in den USA lebende Schwester Gina Strauss schreibt er in einem kleinen, auf der Schreibmaschine (mit Fehlern) getippten Brief am 9.September 1985: „Das Dorf Riehen ist auf die Dauer eintönig. Heute mittags und abends ist das Menu kklassisch, mittags Kartoffelpuffer, abends Kartoffeln. Punktum. …. Eine Ansprache gibt es gar nicht. Die meisten, sozusagen alle, sind geistig wie physisch sehr erledigt.“ Und am 7.Oktober 1991: „Ich komme aus der Cafeteria, lauter alte Damen, kein Herr, Kuchen schlecht, Kaffee gut.“ La Charmille (poetischer Begriff aus dem Französischen mit der Bedeutung Laubengang) lag auf einer Anhöhe am äußersten Rand Riehens am Waldrand, so etwas wie ein jüdischer Zauberberg, sagt Steffi Bollag.
Salve, liebe Frau A., hören Sie mal, Sie haben mich schon lange nicht mehr in Ihre Töpfe und Pfannenschauen lassen. Ich liebe doch Töpfe gucken. Und Pfannen riechen. – Hallo. – Hallo? Nur hallo? Diesebl… , üblich gewordene Mail-Ansprache? Von Leuten, die man gar nicht kennt? Hallo Herr Sowieso,hallo Frau Irgendwer. Ist das alles, hallo? – Ja. – Nur ja? Wieso sind Sie denn heute so knapp? – Ich bin knapp? K – n- a- pp? Was für ein Wort. Passt jedenfalls zum Inhalt. Kurz und gut. Knackig sozusagen. – Knackig? Na, Sie machen mir Spaß! – Sehen Sie! – Was? – Knapp ist das neue üppig. Hat auch das doppel p, pp, pp,…erinnert mich an Stimmübungen. – Stimmübungen? Wir wollten doch kochen! – Sie wollten kochen, ich nicht. Stimmübungen im Chor, tt, ff, ss, ttt, fff, sss, aber bitte mit Schmackes! Und natürlich bitte rhythmisch korrekt die Konsonanten rauspfeffern, 3,2,1, ttt, ff, s. – Pfeffern, doppel f, ff,liebe Frau A., da kommen wir doch endlich zurück zu den Töpfen und Pfannen. – Moment! Knapp, knapp, hat Knappe auch was mit knapp zu tun? Muss ich sofort nachschauen! Aha, aha, vermutlich ein gemeingermanischer Wortstamm für eng und kurz. Ha, sag ich’s doch, kurz und gut. Im Niederländischen würde ‚knap‘ auch klug bedeuten, meint die KI. Juii, das gefällt mir. Im Schwedischen dürftig, kärglich, sparsam. Hm, klingt nicht attraktiv. Oder vielleicht verwandt mit kneifen, knicken, kneten, meint auch das DWDS. – DWDS? Immer diese knappen Kürzel, nicht gut! – Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache. – Ah so. Bitte jetzt die Töpfe. – Nee, wir brauchen noch die Knappen. Wurden die geknetet? Geknickt? Haben sie gekniffen? Oh, das wäre ihnen schlecht bekommen, den Schildknappen oder Edelknaben, die einem Ritter dienten und selbst zum Ritter ausgebildet wurden. – Stimmt, Frau A., ich erinnere mich, Knappe kommt vom althochdeutschen‚knappo‘ für Knabe, wir hätten da ja auch noch die Knappen im Bergbau. – Na, so tief wollen wir jetzt aber nicht graben. Höchstens in unseren Beständen. – Ach, Sie lassen sich doch erweichen! – Ich? Nee, mein Lieber, ich nicht, der Kürbis lässt sich erweichen. Den Hokkaido hab‘ ich hier gefunden. Herbstknapp. Herbstüppig. – Herbstüppig? – Ja, schauen Sie doch die Farbe, üppig, üppig, üppig, mit mindestens zwei p. Wird man ganz fröhlich von. – Wenn Sie meinen. Bin ja froh, dass Sie etwasabgerückt sind von knapp. – Nee, da bleibe ich ganz bei. Knappe Zutaten. Kürbis andünsten in Olivenöl. Bisschen frische Knoblauchwürfelchen dazu. Die üblichen Verdächtigen: Kräutersalz, Koriander (gemahlen), ah hier taucht der Pfeffer wieder auf. Eine Kelle vom Kochwasser der Spaghetti dazugeben. – Spaghetti? Was machen die denn da? – Naja, irgendwo muss die Italianità ja herkommen. – D’accordo, ich stimme ein, äh zu. – Genug erweicht. Ab mit Euch in ein hohes Gefäß, jetzt rückt Euch der Pürierstab zu Leibe! – Huu, Frau A., jetzt geht’s aber zur Sache. – Summ, summ, summ, nur mit niedriger Drehzahl, wir wollen ja ein hübsches orangenes Liedchen. Und die Kochsahne freut sich schon aufs Reinfließen und Verfeinern. – Mmmmh, mir fließt gleich auch etwas,ich meine läuft, also das Wasser im Munde zusammen. – Gut, denn das von den Spaghetti hab‘ ich grad abgegossen, einen Teil noch zur Kürbissauce, wegen der richtigen Konsistenz, Sie verstehen! – Ja,vollkommen, aber bitte nun keine weiteren Verzögerungen, sondern ab mit dem Ganzen auf dieTeller! – Gemach, gemach, ein bisschen noch rauszögern, den Genuss. Die Sauce soll doch auch wärmen, nochmal kurz auf den Herd. Solange die Zesten abschaben von der Bio-Zitrone, oder wenn Sie es unisono wollen, von der Bio-Orange. – Stellen Sie mich jetzt etwa an in Ihrer Küche? – Nee, Herr Spürnase, kein Knappe, hab‘ alles schon erledigt. Hier die Teller (kurzes Geklapper), ein Spaghetti-Nest drauf, die haben noch Biss, ss, perfetto, tt, die herbstüppige Kürbissauce drüber, toppen, pp, mit gehackten Pistazien und den Zesten, dann last but not least Burrataflocken, rr, sonst fühlen sich die Spaghetti so allein in ihrer Italianità! – Ich bin platt, liebe Frau A., einfach platt, ganz knapp, tt, pp.
Seit dem 25.Oktober 2026 und noch bis zum 22.Januar 2027 gibt es in der arte-Mediathek einen 52-minütigen Film über die Fondation Beyeler, CH-Riehen zu sehen: Fondation Beyeler – Museum anders gedacht. Regie führte die deutsche Filmemacherin, Drehbuchautorin und Filmproduzentin Corinna Belz, die mehr als vier Jahre lang den Ort begleitet hat. Nicht nur die Anfänge des Renzo Piano-Baus samt Berower-Park sind zu sehen, auch die Anfänge der jetzigen Erweiterung mit Wyss-Bau, Ammann-Pavillon, Iselin-Weber Park. Der Film gehe auch der Frage nach, was diesen Ort so anziehend für Künstlerinnen und Künstler macht, heißt es im erläuternden Text. Ich habe die Dokumentation gestern Abend angeschaut und empfehle, mit ihr in die Atmosphären des Ortes, an dem sich Kunst und Natur verflechten, einzutauchen.
Direkt im Anschluss findet sich noch ein etwa zweiminütiges Video zu Ruth Asawas außergewöhnlicher Formensprache (aktuelle Ausstellung bis 10.01.2027; das Video bis 18.10.2027).
Schau, dort im Fenster!
Ist’s drinnen oder draußen?
Folie? Fiktion?
(Foto 1: Ruth Asawa: Untitled – WC.265, Eggplants on orange background, um 1958, Aquarell auf gestrichenem Papier, Privatsammlung; Foto 2: Fenster im Wyss-Bau; Fotos vom 15.u. 23.10.2026)
(Spaziergang 8 siehe Blogeintrag vom 25.September 2026)
Was gibt’s denn da Interessantes, fragt ein entfernter Nachbar, der im Begriff ist, mich hügelan zu überholen, während ich mit gezücktem Smartphone über eine Böschung gebeugt stehe. LauterkleineSchnecken, schauen Sie mal, hier und hier und hier. Ich weiß nicht wie sie heißen, dafür schicke ichgleich Google Lens auf die Suche, meistantwortet da jetzt rasch die KI und in diesen Fällen lasse ichsie auch. – Ach ja, der Nachbar lacht ein wenig unsicher, er hatte die Schnecklein nicht bemerkt. Ja,Weinbergschnecken sind es nicht, sagt er noch, bevor er seinen Marsch fortsetzt. Ich hingegen verweile und betrachte den Glanz der an Halmen aufgereihten hellen Perlen. Eine der glatten Grasschnecken plumpst prompt herunter, als sich das Smartphone fotografisch nähert – wie hat sie das gemerkt? Der Nachbar kommt mir schon wieder entgegen, als ich meinen Gang hügelan fortsetze. Nun bin ich am Brunnen im Gewann Petris, braunes Herbstlaub schwimmt im Becken und auch der Boden vorm steinernen Trog ist damit gepflastert, dazwischen leuchten Ahornblätter so gelb, als hätte man kräftige Strahlenkränze gestreut. Ahornflügel aber fliegen nicht mehr libellengleich, Regen hat sie zu Boden gebracht, an dem haften sie nun. Wie immer biege ich nach dem Brunnen links auf den Wiesenpfad ein, Wurzelwerk ragt glitschig hervor, zwischen dem Grün, Braun und Gelb gefallener Blätter taucht mit akzelerierendem Rhythmus Rot auf: es hat Hagebutten gehagelt. Unwillkürlich beginnt eine Stimme zu singen: Ein Männlein steht im Walde, ganz still undstumm, es hat von lauter Purpur ein Mäntlein um. Sagt, wer mag das Männlein sein, das da steht im Wald allein mit dem purpurroten Mäntelein? Hab‘ ich jetzt laut gesungen? Ich glaube nicht. Sei’s drum, außer der dichten Efeuhecke links und dem wilden Gestrüpp rechts gäbe es eh keine Zuhörer und nur der Wind würde einstimmen. Plötzlich strahlen mitten im herbstfahlen Einerlei der Streuobstwiese Sterne, Jakobs-Greiskraut behauptet hoch erhoben seine Farbe. Bald bin ich an der Treppe angelangt, die hinauf zum Kirchlein führt, auf feuchtem Grund des Pfads nun keine Hagebutten mehr, der Fuß stößt an größere Ovale, Mini-Melanzane, Auberginen, denke ich, aber natürlich sind das Walnüsse, matschig und schrumplig. Ich nehme die Stufen, wieviele sind es, noch nie habe ich sie gezählt, ein Astauge am Holzgeländer links hat sich einen üppigen Wimpernkranz zugelegt, Nässe war die Mascara. Auf dem Kies des Kirchenvorplatzes glänzen Kastanien, keine Kinderschar sammelt heute, die alte Holzbank ist verwaist, niemand raucht, und wo Mitte Oktober der Gipfel des Titlis den Horizont krönte, sitzen nun satt die Wolken. Himmelblau im Kies ein einzelner Kronkorken, auf ihm weist ein Pfeil die Richtung, schneeweiß. Ein Pfeil? Ich google das Zeichen, ein Ankersymbol soll es sein, jemand hat hier eine Flasche Elephant Bay Blueberry Ice Tea geöffnet. Ich öffne die Tür des Bergkirchleins, lautes Knarren im Geäst hat mich vom Standort unterm Kastanienbaum vertrieben, kräftiger Wind hatte leichtes Spiel mit müdem Baumlaub, Blätterspreu auch auf dem roten Fußläufer von St.Ottilien, keine bunten Reflexe an der Wand, aber auf dem Altartisch eine Vase mit Dahlien, kraftvoll das Pink und Orange. Im Besucherbuch neue Zeilen, jetzt jedoch bin ich allein und sammle Stille und Texte. Die Frakturschrift der alten Bibel zeigt Ev. Matthäi 9, es geht um den Gichtbrüchigen und das Töchterchen des Jairus, oben auf der Seite handschriftliche Bleistiftnotizen, ärgerlich kann ich lesen, was aber den Ärger entfacht, nicht entziffern. Auf der Sandsteintafel an der Chorwand ist der Prolog des Johannesevangeliums eingemeißelt, Am Anfangwar das Wort und das Wort war bei Gott…, und ich höre die Worte auf Griechisch, obwohl ich das doch kaum kann, spät erst habe ich ein wenig Koiné gelernt an der Schule der Kinder. Sprich duerneut zu mir und weise mir den Weg! Deinem Wort vertraue ich mich an, auch wenn es ein tiefesGeheimnisbleibt, Aurelius Augustinus manifestiert das 400 nach Christus und im ausliegenden Heft Zum Innehalten und Huub Oosterhuis bittet im zwanzigsten Jahrhundert Leg mein Gesicht frei, mach mich schön. Wer sich entlarvt sieht, wird gefunden und wird ganz neu sich selbst verstehn, wird leben, offen, unumwunden und nirgends hin verloren gehn. Leg mein Gesicht frei, mach mich schön. Mein Gesicht werde ich nun wieder dem Wind entgegenhalten, den Weg kenne ich schon, nicht aber die Eicheln, die auf ihm liegen, zwei Fundstücke lasse ich in der Jackentasche verschwinden. Unter Brombeergestrüpp lugen alte Zaunrauten hervor, sie leben mit Flechten und Moospolstern in Symbiose. Auf der Höhe kommt mir endlich jemand entgegen, ein Ehepaar, wir grüßen, die Frau zerrt das wollweiße Hundeexemplar von etwas weg. Die Dürrbaumskulptur hat ihren Rindenmantel verloren, auf freiem Feld wird mir nun kalt, der Wind greift ungehindert an, Saatkrähen fliegen unter lautem Gekrächze auf und ich beeile mich, hügelabwärts zu kommen. Es beginnt wieder zu regnen, die erblondeten Rebstöcke zur Linken beschirmen mich nicht, nur der helle Regenhut, der mir mit seinem Fleecefutter die Stirn wärmt. Jetzt wende ich mich von der Westrichtung ab, bald wird der Spaziergang ein Ende haben, ein Kleinwagen kommt auf dem Feldweg gefahren, parkt in einer Bucht, die junge Frau eilt zu einem Schuppen, wo die Freundin schon wartet, und der schwarze Hund, vor dem das Schild am Gartentor warnt, bellt seine Freude über den ganzen Hügel.
Im vorletzten Saal sind auf fein kleinkariertem Papier die präzis schwarzgetuscht wiedergegebenen fächerförmigen Blätter dreier Zweige eines Gingko zu sehen, das Motiv weist über den Blattrand hinaus, als wolle es aus dem Renzo Piano-Bau hinüberwachsen zu seinem grünen Bruder, der den Wyss-Bau überragt. Das botanische Prinzip der Variation bringe Ruth Asawa zur Anschauung in den vielgestaltigen Silhouetten der in alle Richtungen wachsenden Blätter, heißt es im Begleitheftchen, gleichzeitig aber würde auch ihre Faszination für Symmetrie in der Pflanzenwelt sichtbar. Aufs Wesentliche beschränkt ist die Darstellung. Reduktion, Konzentration und repetitive Muster charakterisieren fast alle der über 200 ausgestellten Werke aus sämtlichen Phasen der sechs Jahrzehnte dauernden künstlerischen Tätigkeit von Ruth Asawa (1926-2013), ebenso das Arbeiten mit einfachem, alltäglichem Material, aus dem sie Einzigartiges schuf. Staunt man in den ersten Sälen über stark geometrisch-symmetrische dreidimensionale, aus getuschtem Papier gefertigte Skulpturen (als Kind eines in die USA eingewanderten japanischen Ehepaares hatte Asawa sich sowohl mit Kalligraphie als auch mit Origami befasst), so gerät man im dritten Saal mit den luftig-lichten Drahtschlaufenskulpturen in eine schwebende Leichtigkeit. Das Drahtkorbflechten hatte Asawa von Dorfbewohnern in Mexiko gelernt, ihre Technik dann immer weiter ausgefeilt. Es entstanden filigrane Gebilde aus herkömmlichem Eisen-, Messing- und Kupferdraht, die Raum sowohl umschließen wie offen lassen. Ein Schwarzweißfoto der befreundeten Fotografin Imogen Cunningham zeigt Ruth Asawa kniend, im Inneren einer Drahtschlaufenskulptur arbeitend, Oberkörper, Kopf und Hände komplett vom Gebilde umgeben, an der Wand ein Banner mit großen japanischen Schriftzeichen. „An artist is not special. An artist is an ordinary person who can take ordinary things and make them special” hat Ruth Asawa 2006 gesagt, für sie waren Kunst und Leben eins, das Wohnhaus gewährte befreundeten KünstlerInnen und deren Werken genauso Raum wie den sechs Kindern samt deren Arbeiten (seit 1949, nachdem in Kalifornien das Gesetz gegen Mischehen aufgehoben wurde, war Asawa mit dem Architekten Albert Lanier verheiratet). Und wo landet man in Saal 8, in so etwas wie einer Baumschule? Jedenfalls schulte die Künstlerin Auge und Hände an Baum- und Pflanzenstrukturen der Natur und folgte nun mit Drähten und gebündelten Strängen verästelten Grundsätzen pflanzlichen Wachstums. Der eigene Garten geriet der Künstlerin bei fortschreitendem Alter und durch eine Autoimmunerkrankung zwar beeinträchtigt, aber im Schaffensdrang ungebremst, zu einer immer wichtiger werdenden Inspirationsquelle, so trifft man beim Verlassen von Saal 8 auf die getuschten Gingkoblätter und in Saal 9 auf ein aquarelliertes Kirschensemble, das die umgebende Glasschale nur durch seine Zusammenballung erahnen lässt, wie auch auf reduzierte Tuschzeichnungen von Blumen. Bereits während ihrer Ausbildung am Black Mountain College (North Carolina), das seinen StudentInnen viel Freiraum ließ, hatte Asawa ihrem Lehrer Josef Albers (1888-1976) gegenüber geäußert, dass sie gerne Blumen malen wolle. „Gut“, antwortete dieser, „achte darauf, dass es Asawa-Blumen sind.“
(Die Ausstellung ‚Ruth Asawa‘ ist im Renzo-Piano-Bau der Fondation Beyeler, Riehen, noch zu sehen bis 10.01.2027; Foto oben: Untitled, gestempelte Tusche auf Papier, Privatsammlung, Buchstaben BMC für Black Mountain College, BMC Laundry Stamp, um 1948/49 – für mich ist es ein Buchstabenvorhang)
(drei Personen lesen Goethe – ad hoc Schreibaufgabe in der Schreibschule Sent am 4.Oktober 2026; der kleine Text enthält nicht nur Goethe-Zitat-Fetzen)
Lilli zu Hans: Komm, Hans, ich zeig dir mein neues Insel-Buch Goethes Elefanten. Ich kannte es bisher nicht und heute hat es mir den Tag erhellt. Also echt, ich esse die Zeilen, es ist ein einziger Genuss, jedes Wort zergeht mir auf der Zunge. Neue Sätze von meinem Goethe – ich könnte sie grad singen!
Hans zu Lilli: Ach du immer mit deiner Schwärmerei, ist doch gar nicht mehr angebracht in deinem Alter, ich kann dir nicht folgen und ihm, dem Herrn Geheimrat, schon gleich gar nicht. Dieses ewige Liebesgetue und die Beschwörung schöner Körper – das war einmal. Und dann die unsäglichen Verschmelzungsgedanken „kanntest jeden Zug in meinem Wesen, konntest mich mit einem Blicke lesen“ – tja, dahin ist’s, dahin.
Gretchen (vor sich hin singend): ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so einsam bin, ein Märchen aus uralten Zeiten, das verwirrt mir Auge und Sinn. Ich lese von sanften Winden, von goldenem Glühn im Laub, doch wo soll ich solch Land finden, man hat es mir geraubt. Es lacht der Mai, der Wald ist frei von Eis- und Reifgehänge, am grünen Ort erschallen Lustgesänge, die Flamme lodre durch den Rauch – ich komme auch, ich komme auch …
(GoethesElefanten ist in Wahrheit kein Buch von, sondern über Goethe und seine Studien zu Elefanten, die er betrieb, weil er 1784 eine bedeutsame anatomische Entdeckung gemacht hatte. Oliver Matuschek hat das, natürlich garniert mit Goethe-Zitaten, im Insel-Bücherei Band Nr.1489 zusammengestellt und auf dem roséfarbenen Cover marschiert eine ganze Herde Elefanten – wobei, eigentlich ist es der immer gleiche, mal rechts herum, mal links herum geht er wie in Zeilen. Insel-Verlag Berlin 2020)