Kurz vor seiner Zur-Ruhe -Setzung koste ich den Büroaufsteller noch einmal voll aus – oder er mich – so genau lässt sich das nicht sagen. Der französische Maler Pierre Montézin (1874-1946), dessen Werke Teil des Malwettbewerbs bei den Olympischen Sommerspielen 1932 waren, hat sein Gemälde den ersten Blüten gewidmet. Am Hügel kann man schon nicht mehr nur von den ersten Blüten sprechen, eine wahre Frühlingsexplosion lässt alles auf einmal aufspringen, wo vor kurzem noch kahle Äste und nasses Herbstlaub die Oberhand hatten und einzelne Krokusse sich schüchtern vorwagten. Wann genau haben denn die Forsythien ihren Flammenwurf gestartet? Selbst die Magnolien können sich nicht mehr zurückhalten und überall schimmert vergnügt das lichte Weiß der Obstbaumblüten durch.
Der Name des Sonntags leitet sich von Psalm 25 Vers 15 ab, den ich in Zusammenhang mit einem anderen Vers aus dem Psalm bereits letzten Sonntag zitiert habe. Ich wiederhole ihn nun zu Oculi:
Meine Augen sind stets auf den HERRN gerichtet; denn er, er wird meine Füße aus dem Netz lösen.
Und Vers 62 aus dem 9.Kapitel des Lukasevangeliums steht im Herrnhuter Losungsbüchlein noch für den heutigen Sonntag (es spricht da Jesus):
Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.
In der Elberfelder Übersetzung lautet der Vers so:
Niemand, der seine Hand an den Pflug gelegt hat und zurückblickt, ist tauglich für das Reich Gottes.
(euthetos steht im Griechischen: gut gesetzt, brauchbar)
Wohl Ravels Märchenwelt von Ma Mère l’Oye inspirierte den Titel, unter dem das Konzert des Sinfonieorchesters Basel am 4. (und 5.) März firmierte, das Programmheft verriet, dass Ravel (1875-1934) fünf der Geschichten von Mutter Gans der Märchensammlung von Charles Perrault entnommen und ursprünglich die sieben Stücke als einfache Klavierstücke den Kindern eines befreundeten Paares geschenkt hatte.
Bei der Konzerteinführung erzählt der bemühte und zwischen deutsch und englisch jonglierende Benjamin Herzog, dass Perrault etwa 100 Jahre vor den Brüdern Grimm Märchen gesammelt habe, deren Fassungen den Grimm-Brüdern dann auch als Vorlage dienten. Herzog jongliert mit den Sprachen, da der Dirigent des Abends, der Finne Pekka Kuusisto (geb.1976; auch Violinist), und die Geigensolistin des Abends, Patricia Kopatchinskaja (geb.1977), die Konzerteinführung mit bestreiten und dabei vor allem die Zuhörerschaft mit der Begeisterung für die Musik des Abends und die hinter der Musik stehenden Geschichten anstecken wollen. Pekka Kuusisto meint beispielsweise, dass Stück VII Apothéose. Le jardin féerique von Ma Mère l’Oye für ihn fast eine religiös zu nennende Erscheinungsqualität habe. Patricia Kopatchinskaja möchte lieber während des Konzerts vor dem gesamten Publikum weiter etwas erzählen zum Konzert für Violine und Orchester Nr.1 von Béla Bartók, und das tut sie und wie sie das tut, nachdem sie es bis in alle melodischen, rhythmischen und dynamischen Feinheiten virtuos, präzise, ungeheuer ausdrucksstark und wie immer barfuß gespielt hat, im offenen, leuchtend roten leichten Mantel über sonst schwarzer Kleidung. Einstweilen verrät das Programmheft, dass das von Bartók 1908 für die Geigerin Stefi Geyer komponierte Violinkonzert erst 50 Jahre später, also 1958 (13 Jahre nach Bartóks Tod) zur Uraufführung kam, und zwar just in Basel, unter Leitung von Paul Sacher mit dem Solisten Hansheinz Schneeberger. Patricia Kopatchinskaja beteuert, Geschichten zu lieben, es ginge immer darum, wie man heute die alten Stücke zum Leben bringt, es sei wie die Restaurierung alter Gemälde, man müsse sie erfrischen. Und zu ebensolcher Erfrischung ist sie nun wirklich fähig! Dass Geyer Bartóks Stück so lange in einem Safe versteckt und begraben hat, findet sie reichlich brutal. Dann aber wird sie selbst brutal, denn sie muss uns „vierteilen“! Wir sollen nämlich ins Motiv der Coda einstimmen, den Kanon, den Bartók wohl einmal in jungen Jahren mit der Geigerin und anderen gesungen hatte. Kurzerhand teilt sie die Zuhörerschaft in vier Gruppen ein, Gruppe 1 zu Patricia, Gruppe 2 zu Peeka, Gruppe 3 zu Antoine (aus dem Orchester), Gruppe 4 zu Friederike (aus dem Orchester), tja ich lande tatsächlich in Gruppe 4 und der ganze Stadtcasino-Saal singt heiter und kräftig mit- und ineinander: „Der Esel ist ein dummes Tier, was kann der Elefant dafür, i-a, i-a, i-a, i-a.“ Was Kopatchinskaja, die sich nach der Pause mitten ins Publikum setzt, nicht erzählt : der Reim des Kanons stammt eigentlich (leicht anders) aus dem Naturgeschichtlichen Alphabet von Wilhelm Busch (Naturgeschichtliches Alphabet für größere Kinder und solche, die es werden wollen).
(das weitere spannende Programm des Abends: The Rapids of Life von 2023 der 1985 geb. finnischen Komponistin Outi Tarkiainen und Entr’acte von 2014 der 1982 geb. amerikanischen Geigerin, Sängerin und Komponistin Caroline Shaw)
Noch nicht ganz Ändstraich. Aber der Büroaufsteller ist wenigstens so freundlich, mir Fra Angelico (oder Beato Angelico oder Fra Giovanni da Fiesole), den Maler der italienischen Frührenaissance und Schutzpatron der christlichen Künstler, zur Seite zu stellen mit einem Fresko des Stephanuszyklus aus der Cappella Niccolina, Palazzi Pontifici, Vatikan.
Da wage ich kaum, meine schlichte Wegrandsammlung dazuzustellen:
I
Bald passt er wieder,
zarter Osterschmuck am Baum.
Ganzjahresstatement.
II
Bald wieder stimmig,
der dezente Schmuck am Baum.
Ganzjahresstatement.
III
Ein Novembertag.
An kahlen Ästen Eier.
Frühjahrsbekenntnis.
IV
Frühjahrserwachen.
Jetzt sind sie wieder stimmig,
die Eier am Baum.
(Foto 1 vom 23.November 2025, Foto 2 vom 5.März 2026)
(römische Freuden 11 siehe Blogeintrag vom 27.Febr.2026)
…, einen Linienbus hatte sie zusammen mit der munteren J. auch genommen am Sonntag, den 6.November, die Sonne schien herrlich und warm, beide Haustöchter mussten keinen Dienst im Diakonissenheim tun, und so waren sie in der römischen Via Gaeta in den Bus gestiegen, der sie die etwa dreißig Kilometer nach Westen in die Sabiner Berge gebracht hatte nach Tivoli, dem antiken Tibur,
das bereits zu Zeiten des kaiserlichen Rom ein bevorzugter Kurort reicher Römer gewesen war, und sie hatte notiert, dass nur 300 Lire zu zahlen waren für die dreißig Kilometer, die über schöne, weite Felder der Campagna hinauf in die Ausläufer der Monti Sabini führten, deren weißes Kalkleuchten vom Ankunftsplatz der Busse aus zu sehen war,
dann aber hatte sie nicht gewusst, wie sie am besten den Eindruck beschreiben sollte, der sie überwältigte, als sie durch einen Saal mit Freskenmalereien auf die Terrasse getreten war, von der aus man die gesamte, auf verschiedenen Ebenen liegende Gartenanlage der berühmten Villa d’Este überblicken konnte,
wie die Lieblichkeit des Gartens beschreiben mit seinen Zypressen und Palmen, wie die alten Gemäuer, die unter Efeu hervorschauten, wie die Weite der südlichen Landschaft und die Einmaligkeit der Brunnenanlagen, wo sich Wasser aus hunderterlei verschiedenen Formen in hunderterlei verschiedene Becken ergoss, Brunnen jeder Größe und Spielart,
künstliche kleine Kaskaden entlang der Treppen, hochaufspritzende Fontänen und in der Allee der hundert Brunnen lauter kleine Brünnchen neben- und übereinander, und sie hatte das Tagebuch mit ihrem Staunen gefüllt: „Etwas derartiges habe ich noch nie, nie gesehen!“, um im nächsten Satz zum Schluss zu kommen, dass die Anlage von jemanden entworfen und gebaut sein müsse, „der Wasser im Garten ebenso liebte wie Papa und ich!“,
dann aber fortgefahren war, dass die Villa 1550 von Pirro Ligorio für den Kardinal Ippolito d’Este erbaut worden, später im Besitz des österreichischen Kaiserhauses gewesen und Franz Liszt hier zum Priester geweiht worden sei, und bevor sie mit der munteren J. durch verwinkelte Gassen des Ortes mit eng beieinanderstehenden mittelalterlichen Häusern zurückgefunden hatte zur Bushaltestelle,
waren sie noch durch die Villa Gregoriana gelaufen, im großen Gegensatz zur Villa d’Este wollte sie diese als wildromantisch und naturbelassen bezeichnen, und vorbei an der Grande Cascata, wo das Wasser des Aniene 108 Meter über weißes Kalkgestein hinabstürzt, waren sie in die Ruinen der Villa des Manlius Vopiscus gestiegen, wo ihr ein wenig unheimlich zumute wurde,
und weiter unten in der Schlucht, die der Aniene tief ins Gestein gefressen hat, hatten sie in der Grotte der Sirenen seinem Rauschen gelauscht, bevor sie steil hinauf gestiegen waren in die Grotte des Neptun, einer richtigen Höhle, und immer weiter hinauf dorthin, wo am Ende des Parks über steilem Abgrund Tempelreste thronten, die des Tempels der Sibilla Tiburtina und mit weißen korinthischen Säulen jene des Tempels der Vesta,
ein wenig müde, aber sehr glücklich waren sie schließlich heimgefahren nach diesem Erlebnisgeschenk, wie sie geschrieben hatte, und auf der Busfahrt zurück war ihr Augenmerk auf die äußeren Bezirke Roms gefallen mit ihren entsetzlichen Massen von billigsten Mietkasernen inmitten von Autofriedhöfen, Industrien und Dreck,…
(Fortsetzung folgt)
(zu Franz Liszt: am 25.April 1865 empfing er im Vatikan die Tonsur und die erste Niedere Weihe, am 30.Juli 1865 in Kardinal Hohenlohes Privatkapelle in der Villa d’Este in Tivoli drei weitere Niedere Weihen)
(zu Villa d’Este: Palast aus dem 16.Jh. mit Renaissancegarten, seit 2001 UNESCO-Welterbe. Kardinal Ippolito II. d’Este, 1509-1572, wurde 1550 Statthalter von Tivoli und ließ ab 1560 vom Hofarchitekten Alberto Galvani einen Garten am Hang unterhalb seines Palastes anlegen nach dem Entwurf des Malers, Architekten und Archäologen Pirro Ligorio aus Neapel)
(abgebildetes Buch: Ernst Burger: Franz Liszt. Die Jahre in Rom und Tivoli. Schott Music, Mainz 2010)
Na ja – nicht ganz, ist er doch am 22.September 1826 in Schwetzingen verstorben (geboren am 10.Mai 1760 in Basel, aufgewachsen in Basel und in Hausen im Wiesental). Und genau deswegen, nämlich wegen des Gedenkens zum 200.Todesjahr hat der Hebelbund Lörrach für dieses Jahr ein interessantes Programm mit Lesungen von Hebelpreisträgern zusammengestellt. Gestern hat es begonnen mit dem Preisträger von 2012, Karl-Heinz Ott, 1957 in Ehingen/Donau geboren, Schriftsteller, Essayist, literarischer Übersetzer, wohnhaft unter anderem bei Freiburg, Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz, Mitglied der Bayerischen Akademie der schönen Künste etc., von 1993 bis 1995 war er auch Chefdramaturg der Oper am Theater Basel. Im Dreiländermuseum las er vor denen, die trotz des sonnigen Spätnachmittages gekommen waren, aus seinem neuen Roman Die Heilung von Luzon (erschienen 2025 im Hanser-Verlag). Außer dem Ohrenmerk auf den Romananfang (sowohl der Präsident des Hebelbundes Lörrach als auch Karl-Heinz Ott lieben Romananfänge) kam man in den Genuss, ein komplettes Kapitel zu hören, das ungeheuer detailreich die Bilder der fremden philippinischen Welt erstehen ließ, man sah sozusagen einen Film. Am Büchertisch beim Signieren konnte man noch kurz mit dem Autor ins Gespräch kommen, mich interessierte Dauer der Materialsammlung und Notate (langer Zeitraum, immer wieder) und Dauer des eigentlichen Schreibens der Endfassung (eher kurz). Zulegen wollte ich mir dann jedoch lieber ein anderes Werk von Karl-Heinz Ott: Hölderlins Geister, Hanser-V. 3.Aufl.2020.
Bei meinem Radrückweg entlang der Wiese, über die Johann Peter Hebel ein schönes Langgedicht auf Alemannisch verfasst hat („Los, i will di jez mit mine Liederen ehre und mit Gsang bigleiten uf dine freudige Wege“), war die Sonne schon untergegangen, aber der Himmel bewahrte noch ihren Nachklang und die Wiese antwortete mit metallisch blauem Schimmern, die säumenden Bäume in Scherenschnittstimmung.
Für den 17.Mai hat man Monika Helfer und Michael Köhlmeier geladen (Hebelpreis 2022/1988), für den 27.September Arnold Stadler (Hebelpreis 2010), für den 15.November Lukas Bärfuss (Hebelpreis 2016).
Der Monatsspruch für den heute beginnenden Frühlingsmonat März findet sich gemäß Herrnhuter Losungsbüchlein im 11.Kapitel des Johannesevangeliums (Vers 35):
Da weinte Jesus.
(Der Vers steht im Zusammenhang der Lazarus-Geschichte, in der nicht nur von Jesu Weinen die Rede ist, sondern auch von seiner Erschütterung, von seinem Ergrimmen und Erzürnen.)
Der dem heutigen Reminiscere- Sonntag zugeordnete Vers ist der sechste aus Psalm 25. Ich zitiere aus diesem Psalm die Verse 6,15 und 17 nach der Elberfelder Übersetzung:
Denke an deine Erbarmungen, HERR, und an deine Gnadenerweise; denn sie sind von Ewigkeit her.
Meine Augen sind stets auf den HERRN gerichtet; denn er, er wird meine Füße aus dem Netz lösen.
Die Enge meines Herzens mache weit, und führe mich heraus aus meinen Bedrängnissen!
…, und sie hatte versucht, den letzten, im Raum schwebenden und schwindenden Akkord so lange wie möglich im Gehör zu wiegen, bevor sie wieder hinaus aufs Pflaster der Stadt getreten war und fortan all die Töne getragen und im Herzen bewegt hatte, die von Sant‘ Ignazio, die von Flötenspiel und Kirchenchor, die der Oper, alle römischen Freuden schienen unter das Himmelszelt der Musik zu passen, auch die wunderbare Stille,
die sie auf den Friedhöfen fand, in der Nekropole unter dem Petersdom, im Hag des Campo Santo Teutonico, auf dem Cimitero acattolico, wo sie lange umhergestreift war und die Gräber von Goethes Sohn August, von Axel Munthe, Malwida von Meysenbug, von John Keats und Percy Shelley gesucht und gefunden hatte,
auch beim Hinabsteigen in die Katakomben, wo die ersten Christen die Jahrhunderte der Verfolgungen überlebt hatten, die Katakomben von Sant’Agnese fuori le mura an der Via Nomentana, die der Pricilla an der Via Salaria, die des Hl.Kallixtus zwischen Via Appia Antica und Via Ardeatina, und war es ad catacumbas Domitilla oder San Sebastiano gewesen, wo ein junger blonder Student sie eingeladen hatte, ihm allein in sonst nicht zugängliche Bereiche der Totenstadt zu folgen,
und wo sie voller Vertrauen die Einladung angenommen hatte, um zu schauen, was nicht jeder sah, um tiefer noch einzutauchen in Leben und Sterben früher Christen, um mit denen zu atmen, die fast zweitausend Jahre vor ihr Zeichen, Inschriften, Fresken auf mehreren Stockwerken unter der Erde angebracht hatten, und um dem deutschen Sprechen des Studenten zu lauschen, das nun ihr ganz allein galt,
wo sie dann aber nach ausgedehnter Runde, über Hindernisse hinweg und durch Engstellen hindurch doch froh gewesen war, dass der Blonde sie zurück zum Ausgang geführt hatte, froh gewesen war, sich über der Erde wieder der milden römischen Winterluft überlassen und zu Fuß auf der Appia Antica und vorbei an der kleinen Kirche ‚Domine Quo Vadis‘ den Rückweg gehen zu können, bis sie sich nach der Porta San Sebastiano innerhalb der Aurelianischen Mauer einem Linienbus anvertraut hatte,…
(Fortsetzung folgt)
(die kursiv gesetzten Wendungen im Text finden sich auch – an unterschiedlichen Stellen und ggf. in grammatikalisch gering anderer Form – in Friedrich Christian Delius „Bildnis der Mutter als junge Frau“, Rowohlt TB-Verlag, 3.Aufl.2010)
(abgebildetes Buch: dtv Reise Textbuch Rom. Ein literarischer Begleiter auf den Wegen durch die Stadt, mit Fotos von Gertrud Leutenegger, hrsg. von Franz Peter Waiblinger. 2.Aufl.Aug.1986)