Einblick in eine Settimana Santa 1975

Ich zitiere:

Nach dem Frühstück machten wir uns gleich auf den Weg, denn wir wollten nicht so spät nach Venedig kommen. Wie freute ich mich so furchtbar! Wenn ich von Venedig hörte, wollte ich immer einmal so gerne hin. Venezia (so heißt Venedig auf Italienisch) ist eines meiner Wunschziele. Wir waren schon einmal in Venedig, als wir im Urlaub in Jesolo waren. Jedoch war ich damals noch ziemlich klein (in dem Jahr wurde ich eingeschult), und so konnte ich mich kaum mehr erinnern. Und dass wir jetzt dahin fuhren, wo ich immer dachte, wann werde ich wohl einmal hinfahren können! Ich freute mich einfach schrecklich! Die Fahrt auf der Autobahn kam einem gar nicht lange vor, schon verließen wir sie in Mestre. Mestre: eine riesige Industriestadt mit gewaltigen Konzernen und vielen feuerspeienden, rauchenden Schornsteinen. Auch gab es hier große Häuserblocks, sie waren zwar schön angelegt, jedoch wohnen wollte ich hier überhaupt nicht. Schon waren wir durch das hässliche Mestre durch und fuhren auf die riesengroße, furchtbar lange Brücke nach Venedig auf. Hier sahen wir ein breites Stück des Mittelmeeres, der Adria. Als wir die Brücke hinter uns gelassen hatten, fuhren wir hinunter an das Wasser, wo ein großer, bewachter Parkplatz war. Hier ließen wir unseren Peugeot stehen. ….. Wir suchten den großen Bahnhof, in dessen Nähe die „Straßenbahn“ von Venedig abfährt, nämlich Schiffe, die einen an die bekannten und weniger bekannten Plätze Venedigs fahren. Hier begann schon das alte Venedig, die ersten kleineren Kanäle, die wir auf schönen Brücken überquerten. Jetzt gingen wir an einem größeren Kanal entlang, hier waren schon viele Geschäfte und Andenkenläden, und hier gab es die ersten Gondeln. Jedoch wir wollten mit dem normalen Linienschiff fahren, das in Venedig den Bus oder die Straßenbahn ersetzt und furchtbar billig ist. Jetzt ging es noch über eine große Brücke. Wenn man auf der einen Seite die Stufen aufwärts geht, sieht man die andere Seite nicht, auf der es wieder hinuntergeht, und man meint, geradewegs in den Himmel zu steigen. Viele Menschen hatte es auch hier, am Anfang von Venedig, auf der Brücke aus weißem Stein, auch junge Leute, die mit den Büchern in der Hand aus der Schule kamen und sich „Buona Pasqua“ (Frohe Ostern) wünschten. Bei ihnen begannen jetzt erst die Osterferien. Nun waren wir an der Haltestelle angelangt, an der die Schiffe abfuhren. Papa kaufte die Karten, und dann mussten wir noch eine Weile in dem überfüllten Wartehäuschen warten, das auf dem Kanal „schwamm“. Endlich kam das Schiff. Es wurde ziemlich voll und wir standen hinten draußen. Und nun ging die Fahrt los in Richtung Piazza S.Marco. Es war wunder-, wunderschön durch die schmaleren und breiteren Kanäle zu fahren, vorbei an alten, geschichtsträchtigen Häusern, Gebäuden und Brücken. Immer wieder zweigten kleinere Seitenkanäle ab, wo auch Menschen mit ihren Privatbooten fuhren. Immer wieder sah man zwischen den Häusern schmale Fußwege, die unvermittelt endeten, weil ja an dieser Stelle der Kanal vorbeiführte. …

In der Karwoche oder An einem ersten April 2

(siehe auch Blogeintrag vom 1.April 2025)

Dann kam der Schreiner. Im Dorf war es der Schreiner, der die Särge bereithielt und die Totenwaschung machte. Der Schreiner war gut bekannt mit dem Bürgermeister.

Im darauffolgenden Jahr und an einem zweiten April starb Karol Józef Wojtyla, zum Zeitpunkt des Todes Johannes Paul II. genannt. Der 264. Bischof von Rom.

Ein Jahr und ein Tag.

Karol war lange Papst gewesen. Und die Mutter lange die Mutter. Fünfundvierzig Jahre und einhundertacht Tage. Einhundertacht wegen des Schaltjahres im gregorianischen Kalender. Ein zusätzlicher Tag.

Lang. Nicht lang genug.

Um sieben Uhr morgens bescheinigte der Arzt den Tod. Sie hatten ein paar Stunden gewartet. In der Nacht stockende Rhythmen, verebbende Wellen. Kaum noch vernehmbar. Plötzlich ein fremder Seufzer, lösend, langgezogen. Dann Stille. Horchen. Nein, nichts mehr. Kein Einatmen. Nie mehr.

…Und zwangen einen, der vorüberging, mit Namen Simon von Kyrene, der vom Feld kam, den Vater des Alexander und des Rufus, dass er ihm das Kreuz trage…

Das erste Kapitel hieß Die Profile des Kyreners, das zwölfte und letzte Betrachtung über den Tod. Es gab auch ein Kapitel über Die Mutter.

Die Mutter schenkte der geliebten Tochter das Buch, da war Karol schon Pontifex in Rom. Als polnischer Geistlicher und Kardinal von Krakau hatte er die Betrachtungen und Gedichte geschrieben.

Sie schlossen die Augen der Mutter. Endlich auch das, das sich nicht mehr hatte schließen wollen. Den gewölbten Uhrglasverband brauchte es nicht mehr. Tags zuvor hatte der Pfarrer gebetet, das Vaterunser. Die Mutter folgte, die spröden Lippen konzentriert auf die vertrauten Worte, lautlos.

……

(Karol Wojtyla: Der Gedanke ist eine seltsame Weite. Betrachtungen – Gedichte. Aus dem Polnischen übertragen und herausgegeben von Karl Dedecius. Verlag Herder Freiburg im Breisgau 1979. Libreria Editrice Vaticana, Città del Vaticano 1979)

Nachklang Johannespassion

Was ist das wohl, wenn wildfremde Menschen nach dem Konzert auf einen zukommen und innig danken, weil sie an der schwarzen Kleidung erkennen, dass man im Chor mitgewirkt hat? Wenn langjährige Chormitglieder, die inzwischen zu den Zuhörenden gehören, sagen, sie fahren jetzt nach Hause und weinen dort? Wenn alle Musizierenden erst einmal wieder auftauchen und zu sich kommen müssen?

Dann war es ihnen offenbar gegeben, die musikalische Sprache, in die Johann Sebastian Bach vor 300 Jahren das Passionsgeschehen kleidete, zu einem Klingen zu bringen, das in Resonanzräume wirkte, deren Dimensionen im wahrsten Wortsinn wundervoll waren.

Geduldige, genaue, einfalls- und abwechslungsreiche Vorbereitung des Chores durch den Dirigenten Joss Reinicke, die hochtalentierten, so präzise wie ausdrucksstark agierenden jungen MusikerInnen (Solisten und BaroqueLAB Frankfurt) und die ab der ersten gemeinsamen Probe am Freitagabend konzentriert und begeistert ineinandergreifende Zusammenarbeit haben das ermöglicht – und doch kam noch etwas hinzu, über das man besser schweigen als sprechen kann.

Schweigen füllte auch die Kirche, bis der Nachhall des Fortissimo „Ich will dich preisen ewiglich“ nur noch in den Menschen zu hören war. Vollkommene STILLE antwortete lang dem musikalisch Erzählten. Bis sich schließlich in der restlos ausverkauften Bonifatiuskirche frenetischer Beifall Bahn brach.

(Foto: auf dem Weg zur Freitagabendprobe)

Abschied vom Büroaufsteller und andere dolci

Zum ausgiebigen Abschied meint es der Büroaufsteller noch einmal gut mit mir und schickt mich in italienischer Begleitung ins flirrende Frühlingslicht. Giuseppe oder Beppe Ciardi, der 1875 in Venedig geborene und 1832 in der Familienvilla in Quinto di Treviso gestorbene Sohn von Guglielmo Ciardi (siehe Blogeintrag vom 26.März ), studierte bei seinem Vater an der Accademia di Belle Arti und nahm 1899 erstmals an Venedigs Biennale teil, seine Themen waren Landschaft und symbolische Interpretation der Natur, die er mich heute in voller Blüte erleben lässt. Ich verweile ein wenig, bevor ich mich zum ciao entschließe und zum zugigen Bahnhof eile. Dort verspricht man mir auf gerade aktueller liturgischer Farbe einen köstlich schmeckenden Job und die Entdeckung der süßen Seite des (Berufs-) Lebens. Ich bin gespannt!

Und nun kommen wir zu anderen dolci : Der Friseur meines Vertrauens, aus Sizilien stammend, brachte mich vergangenes Jahr, während die blonden Strähnchen aufgefrischt wurden, bei einem Gespräch auf die italo-amerikanische Sängerin Amandina Pascali, die ebenfalls sizilianische Wurzeln hat (ich hatte ihm von Etta Scollo erzählt). Auf Instagram könne man sie finden, sagte L., also suchte ich, fand und folge seither. Vor wenigen Tagen sichte ich bei Amandina Pascalis posts schöne Meldungen: mehrere sizilianische Medien feiern, dass die texanische cantautrice Amandina „die Stimme“ von Rosa Balistreri in die Welt trägt, indem sie deren Lieder singt. Es wurde des 99. Geburtstages von Rosa Balistreri gedacht (geb. 21.März 1927 in Licata). Im irdischen Sizilien konnte Rosa ihn nicht mehr begehen (gest. 20.Sept.1990 in Palermo).

Sechster Sonntag der Passionszeit – Palmsonntag

Als Lesung aus dem Alten Testament ist im Herrnhuter Losungsbüchlein für den heutigen Sonntag ein Abschnitt aus dem Buch des Propheten Jesaja angegeben. In meiner Elberfelder Bibelausgabe (2006) ist dieser Abschnitt überschrieben mit „Drittes Lied: Der Knecht Gottes im Leiden, aber Gott schafft ihm Recht“. Ich zitiere daraus die Verse 4 bis 7a:

Der Herr, HERR, hat mir die Zunge eines Jüngers gegeben, damit ich erkenne, den Müden durch ein Wort aufzurichten. Er weckt mich, Morgen für Morgen weckt er mir das Ohr, damit ich höre, wie Jünger hören. Der Herr, HERR, hat mir das Ohr geöffnet, und ich, ich bin nicht widerspenstig gewesen, bin nicht zurückgewichen. Ich bot meinen Rücken den Schlagenden und meine Wange den Raufenden, mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmähungen und Speichel. Aber der Herr, HERR, hilft mir. Darum bin ich nicht zuschanden geworden…“

Beim Konzert des Motettenchores in der St.Bonifatiuskirche Lörrach heute um 18 Uhr (Joh.Seb. Bach: Johannespassion) wird auch der Choral erklingen:

Wer hat dich so geschlagen, mein Heil, und dich mit Plagen so übel zugericht? Du bist ja nicht ein Sünder wie wir und unsre Kinder, von Missetaten weißt du nicht...

Erstes Jubiläumskonzert

Morgen, am 6.Sonntag der Passionszeit, am Palmsonntag, ist es soweit: der Motettenchor Lörrach bringt unter seinem Dirigenten Joss Reinicke um 18 Uhr in St.Bonifatius, Lörrach, die Johannespassion BWV 245 (1724) zur Aufführung, das Oratorium für Soli, Chor und Orchester. Es ist das erste Jubiläumskonzert zum 100-jährigen Bestehen des Chores. Der in Dänemark aufgewachsene Joss Reinicke, der den Chor im Januar 2022 übernommen hat, ist erst der vierte Dirigent in der langen Geschichte des Chores. Erfreulich junge Solisten sind engagiert: Elena Elsa Tsantidis, Sopran; Kea Niedoba, Alt; Martin Höhler, Tenor; Mateo Penaloza Cecconi, Bass (Pilatus, Arien); Johannes Arzt, Bass (Jesus). Den warmen Wohlklang des aus ebenfalls jungen, experimentierfreudigen Musikern bestehenden Ensemble BaroqueLAB Frankfurt konnten wir gestern Abend bereits in der Probe genießen. Im Programmheft u.a. (mit Genehmigung) abgedruckt sind Auszüge eines Interviews von Domradio Köln mit dem Bach-Experten, Theologen und Musikwissenschaftler Prof.Dr. Meinrad Walter, Freiburg, in dem es u.a. heißt, dass die Kraft dieses Werkes sich in ganz verschiedenen Settings durchsetzt.

Wir haben das „Setting“ der St.Bonifatius-Kirche, der katholischen Hauptkirche der Stadt Lörrach, einer neoromanischen dreischiffigen Säulenbasilika, die von einem kleinen Park umgeben ist. Der Grundstein der Kirche war am 9.Juli 1865 gelegt, die vier Glocken am 28.Juli 1867 und die Kirche am 6.August 1867 durch den Mainzer Bischof Wilhelm Emmanuel von Ketteler geweiht worden. Bei einem Großbrand am 15.Juli 2007 wurden der Turmhelm und die Glockenstube erheblich beschädigt, die Kirche erfuhr in den Jahren 2007 und 2008 eine umfassende Renovierung, das vollkommen zerstörte Geläut musste ersetzt werden, am 14.September 2008 wurden fünf neue Bronzeglocken (gegossen in der Glockengießerei Bachert, Karlsruhe) geweiht und tun seither ihren Dienst im 40 Meter hohen Glockenturm: Bonifatiusglocke, Josef-Glocke, Elisabeth-Glocke, Ökumene-Glocke und Marienglocke. Aus dem ausgebrannten Glockenstuhl hat man zur Erinnerung an den Brand eine der früheren Glocken im kleinen Park an der Choraußenseite der Kirche aufgestellt.

Als ich gestern vom Chorraum aus in den Kirchenraum blickte, war mir ein wenig, als schaute ich in eine alte römische Basilika auf dem Aventin.

https://www.domradio.de/artikel/bachs-johannespassion-vergegenwaertigt-den-kreuzestod-jesu

Brief an eine Gräfin

(Text vom Juni 2024, überarbeitet)

Liebe Sophie Josephine Ernestine Friederike Wilhelmine Gräfin von Hatzfeldt-Wildenburg-Schönstein, geborene von Hatzfeldt-Schönstein zu Trachenberg,

darf ich überhaupt so beginnen oder muss ich Sie mit erlauchteste Gräfin von etc.pp. anreden? Ich kenne mich in diesen Dingen nicht so aus. Da Sie, liebe Sophie Friederike (die beiden Ihrer zahlreichen Namen gefallen mir am besten!), aber auch „die Rote Gräfin“ und „Mutter der Sozialdemokratie“ genannt wurden, denke ich, die Anrede „liebe“ ist mir gestattet.

Wissen Sie, wie ich von Ihrer Geschichte erfuhr? Ich stand einmal beim Bankrondell vor den Marktstuben der Stadt an der Sieg, neben deren Gemarkung das Schloss Ihrer Leiden liegt! Dort hörte ich erstmals von Ihnen und davon, dass Ferdinand Lassalle Ihr Rechts- und Lebensbeistand wurde. Während Ihres Scheidungsprozesses hatte er in eben jener Marktschänke eine Nacht verbracht (vielleicht war es aber auch schräg gegenüber in der alten Posthalterei – können Sie sich daran erinnern? – die Stadthistoriker sind sich nämlich nicht so ganz sicher). Lassalle jedenfalls hat sich jahrelang um Sie und Ihre Rechte gekümmert, ein „chevalereskes Eintreten für eine unglückliche Frau“ hat Alexander von Humboldt das einmal genannt.

Sie wiederum haben sich nach Ihrer „Befreiung“ um den 20 Jahre jüngeren Lassalle gekümmert, Sie begleiteten ihn auf Reisen nach Italien (dort trafen Sie auch Garibaldi – das stelle ich mir spannend vor!), lebten mit Ferdinand in einer WG in Düsseldorf und unterstützten, wo Sie nur konnten, seine sozialpolitischen Aktivitäten. Dumm nur, dass Sie als Frau dem von ihm initiierten Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein nicht beitreten durften! Aber Sie standen Ferdinand dabei auf andere Weise zur Seite, wie Sie es auch zuvor schon taten, als Ihre Düsseldorfer Wohnung während der Märzrevolution zur Anlaufstelle wurde für Verfechter der demokratischen Sache und für politisch Verfolgte.

Ihr Scheidungsprozess hatte während der 1840/50er- Jahre in den Kreisen von Hatzfeldt-Wildenburg-Schönstein und weit darüber hinaus, ja sogar in den gesamten deutschen Landen hohe Wellen geschlagen, denn, liebe Sophie Friederike, man wollte nicht zulassen, dass Sie aufbegehrten und als Frau eine eigenständige Persönlichkeit mit eigenen Rechten zu sein wünschten. Das gehörte sich einfach nicht, obwohl doch Ihr Mann und Cousin Edmund von Hatzfeldt-Wildenburg-Schönstein, den Sie als 17-Jährige hatten heiraten müssen, Ihnen weder Anerkennung noch Rücksicht zuteilwerden ließ, sondern Sie schikanierte, betrog und tätlich anging.

Wie gut, dass Graf Keyserlingk Ihnen 1846 Ferdinand Lassalle vorstellte! Er übernahm Ihren Scheidungsprozess, verband ihn geschickt mit seinem eigenen Kampf gegen soziale Unterdrückung und setzte sich auch für die Bauern ein, die wie Sie unter dem Grafen, Ihrem Ehemann, litten. Was müssen das für aufreibende Jahre gewesen sein – sage und schreibe acht Jahre vor Dutzenden rheinischen Gerichten! Schließlich und endlich hat Lassalle Ihnen Freiheit und finanzielles Auskommen gesichert und sich selbst den Weg zum sozialpolitischen Engagement gebahnt, auf dem Sie ihm fortan mit Rat und Tat zur Seite standen.

Als Ihr Rechts- und Lebensbeistand 1864 in Genf an den Folgen eines Duells starb, wollten Sie sein ideelles Erbe übernehmen und beabsichtigten einen Triumphzug seines Leichnams durch die Städte des früheren Wirkens. Dass Ferdinands sterbliche Überreste von Düsseldorf aus auf einem Dampfboot über den Rhein nach Köln einziehen konnten, wie es Ihnen vorschwebte, vereitelte seine Mutter mit polizeilicher Hilfe, jedoch waren Ihnen zuvor in Frankfurt am Main und in Mainz spektakuläre Totenfeiern gelungen.

Leider lehnten in den folgenden Jahren frauenfeindliche Arbeiterfunktionäre Ihr mutiges Engagement ab und so misslangen Ihre Versuche, in der Arbeiterbewegung gestaltend mitzuwirken. 1881 kam auch Ihr Leben in einem Wiesbadener Hotel zu einem Ende. Neben Lassalles großem Namen wünschten Sie Ihrem Namen einen bescheidenen Platz als dem „seines besten und einzigen Freundes“ . Ich bin mir aber nicht sicher, ob Ihnen je eine gleichberechtigte Würdigung zuteilwurde.

Vergessen jedoch sind Sie nicht, das wollte ich Ihnen schreiben! Ihre Geschichte wird erzählt in der Stadt an der Sieg – und beim Schloss Kalkum, in dem Sie zeitweise lebten, erinnert eine Plakette an Sie und eine Gedenkstätte an Lassalle.  Auch wurde 1999 eine Dissertation über Ihren Scheidungsprozess verfasst und mir kam zu Ohren, dass Ihr Leben in mehreren Schriftzeugnissen aufgehoben ist. Sogar, liebe Sophie Friederike, inspirierte es 2019 einen Roman! Er trägt den Titel „Die unerlässliche Bedingung des Glücks“.

Damit schließe ich und grüße Sie herzlich,

Ihre …

(Foto: Schloss Schönstein 21.März 2026)

Quellenangabe:

Stadtführung Wissen „Bauwerke, Menschen und Geschichten“

Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/sophie-von-hatzfeldt

Wikipedia-Artikel „Sophie von Hatzfeldt, deutsche Sozialistin“(darin auch die Literaturangaben, z.B. Renate Feyl „Die unerlässliche Bedingung des Glücks“, Kiepenheuer&Witsch, Köln 2019)

(Sophie Josephine Ernestine Friederike Wilhelmine Gräfin von Hatzfeldt-Wildenburg-Schönstein, geb.10.August 1805 in Trachenberg, gest. 25.Januar 1881 in Wiesbaden)

Der Büroaufsteller

will in seinen letzten Zügen noch einmal ausgiebig gewürdigt werden, und ich kann mich freuen, dass Guglielmo Ciardi heute, am 26.03.26 um 8:46 Uhr meinen Blick weg vom Monitor nach Venedig lenkt, ins Licht der Lagune, das mild mit der ruhigen Wasserfläche und den bewegteren Wolken spielt, die dennoch die Szenerie nicht bedrängen oder gar bedrohen. Alles ist friedlich und an seinem Platz, die Beiden im Boot sind ihre Handgriffe gewohnt und so aufeinander eingestimmt, dass es kaum der Worte bedarf .

Guglielmo Ciardi ist in Venedig geboren und auch dort gestorben, die Angaben der Daten schwanken etwas im Netz , aber 1842 bis 1917 stimmt wohl. Ab 1874 war Ciardi in Venedig tätig, auch als Professor der Accademia di Belle Arti. Er gilt als Hauptmeister der venezianischen Freilichtmalerei. Das auf dem Büroaufsteller abgebildete Gemälde stammt aus einer Privatsammlung.

Tüllinger Tulpen oder Frühlingsfreuden 6

Eine Besonderheit am Hügel sind die Wildtulpen, auch Weinberg-Tulpen genannt, womit schon klar ist, warum sie sich am Tüllinger wohl fühlen. Tulipa sylvestris liebt ein Leben zwischen den Reben, in Streuobstwiesen, auf kalk- und lehmhaltigen Böden. Im Sonnenlicht breitet sie dezent duftend ihr zipfliges Perigon aus und lockt Insekten an. Unter der Erde hat sie ihr Überdauerungsorgan, die Zwiebel, versteckt, während ihre Laubblätter schlank, glatt und spitz den Stiel begleiten. Man munkelt, die Römer brachten sie mit, auf jeden Fall aber stammt sie, wie die anderen raren Schönen des Hügels, Dolden-Milchstern, Trauben-Hyazinthe und Weinberg-Lauch, aus dem Mittelmeerraum. Sie ist geschützt und die Weinbauern nehmen Rücksicht, sie warten mit dem Grasschnitt, bis die Tulpe ihr kurzes Leben wieder zurückzieht, meist strahlen die Blütensterne nur zwei Wochen. Dieses Jahr neigen die gelben Grazien schon früh ihre länglichen Köpfchen dem Licht des Südens entgegen.

Tüllinger Tulpen

wagen das kurze Leben.

Gelber Frühlingsrausch.

(Fotos vom 23.März 2026)