
Darf man über Bücher schreiben, die man noch gar nicht gelesen hat?
Man darf über Lesungen schreiben, die man erlebt hat. Wie die gestrige im Basler Literaturhaus mit Hannah Häffner Die Riesinnen und Julia Weber Weil ich Ruth bin. Ich gebe zu, mir den Termin ausgeguckt zu haben, weil Rezensionen mir verraten hatten, dass der Schwarzwald in Die Riesinnen eine Rolle spielt, und ich schon einmal live hineinschnuppern wollte, wie er das tut. Die Autorin sagt denn auch, dass der Schwarzwald sozusagen als vierte Hauptfigur plötzlich da war, zusammen mit den drei Figuren der Riesinnen, die sie sich samt dieser Benennung nicht bewusst ausgedacht habe. Vielmehr sei sie auf dem Spielplatz gestanden und habe ihre Kinder beobachtet, da seien die Riesinnen und der Schwarzwald einfach aufgetaucht, irgendwo aus dem Hinterzimmer ihres Kopfes, und sie habe sich dem Trupp lediglich angeschlossen und die Geschichte dann entwickelt. Und ich muss sagen, dass mir das, was ich bisher davon kosten konnte, außerordentlich gut gemundet hat, eine Sprache, die einem auf der Zunge zergeht und ein Inhalt, den man auch nach dem Schlucken noch langsam aufschließen und verdauen sollte. Es ist zudem ein Genuss, Hannah Häffner (geht der Name der 1985 Geborenen nicht auch herunter wie Öl?) lesen zu hören, eine sanfte, aber klare und sichere Stimme mit gekonnten Rhythmen, Modulationen, Tempovariationen. Politikwissenschaften hat sie studiert, u.a. Praktika im Europäischen Parlament gemacht, dann als Werbetexterin gearbeitet, sich dabei aber zunehmend dem kreativen und literarischen Schreiben zugewandt, vor den Riesinnen bereits drei Kriminalromane veröffentlicht. Auf die Fragen und Anregungen der beiden Moderatorinnen antwortet sie ruhig, überlegt, unprätentiös; so dass ich fast verwundert bin, als sie bei der Frage an beide Autorinnen, ob ihnen ihre weiblichen Figuren Vorbild sein können, ausführt, sie würde gerne von ihrer Cora lernen, einfach gar nichts auf die Meinung anderer zu geben, sie würde sich wünschen, das in ihr steckende „People-Pleaser-tum“ los zu werden. Die 1983 in Tansania geborene Schweizerin Julia Weber (Studium Literarisches Schreiben am Literaturinstitut Biel) beantwortet die Frage nach dem Vorbild ihrer Figur Ruth im Roman Weil ich Ruth bin damit, dass diese etwas aussendet, dadurch Begegnung und Empfangen ermöglicht und in dieser Berührung die Möglichkeit gemeinsamer Verwandlung – wie dies auch beim Schreiben und Lesen von Büchern geschehe und in der Kunst. Julia Webers Debütroman Immer ist alles schön war 2017 erschienen, bei Wikipedia lese ich, dass sie im Sommer 2022 für einige Monate zusammen mit ihrer Familie in der Casa Baldi in Olevano Romano (zur Deutschen Akademie Villa Massimo, Rom gehörende Künstlerresidenz) lebte und dort Briefe an verstorbene und lebende Autorinnen und Autoren schrieb. Im Gegensatz zum plötzlichen Auftauchen der Figuren bei Hannah Häffner, hatte sich Webers aktueller Roman im Gefolge eines Schreibauftrages entwickelt. In der Passage, die sie auch sehr gut liest, beginnen viele der Sätze mit „ich erinnere mich“, es erzählt an dieser Stelle das mit einem Fell geborene Baby über den Vorgang seiner Geburt und die Momente danach. Beide Bücher handelten auch von weiblichen Körpererfahrungen, hatten die Moderatorinnen einleitend gesagt. Die Veranstaltung im Literaturhaus war eine Kooperation mit der Initiative Art of Intervention, bei der auch Lea Dora Illmer, eine der Moderatorinnen beteiligt ist. Daneben betreibt sie das Archiv der vollen Bäuche, erfährt man bei der Vorstellungsrunde, die gleichlautende Ausstellung im Klingental-Museum habe ich leider verpasst, wie die Website von Lea Dora Illmer preisgibt. Das Projekt ziele darauf ab, „das Alltagskochen, das Schreiben und das Sprechen über Essen ernst zu nehmen, kritisch zu erkunden und gleichzeitig zugänglich(er) zu machen. …“ – Da traue ich mich doch jetzt, meinen heute bereits nach vormittäglichem Italienisch-Kurs ungewohnt früh gekochten Risotto dazuzustellen (mit grünem Spargel, Räucherlachs, spezzettini getrockneter Bio-Tomaten, Lauchzwiebelringen, gekrönt von Gremolata).
(Hannah Häffner: Die Riesinnen. Penguin-V. Febr.2026)
(Julia Weber: Weil ich Ruth bin. Limmat-V. Febr.2026)
(Lea Dora Illmer https://share.google/gh13zmtsc3g9ht3rl)











