Die letzten Jahre seines Lebens wohnte der Schriftsteller, Verleger und Förderer schriftstellerischer Talente Hermann Kesten (1900-1996) im jüdischen Altersheim La Charmille in Riehen bei Basel, nachdem er zuvor seit 1953 mit seiner Frau bis zu deren Tod 1977 in Rom ansässig gewesen war. „Witz, Kraft und etwas sehr Seltenes und Wertvolles – Humor“ wurden ihm 1932 in einer Rezension von Der Scharlatan in „Der Wiener Tag“ bescheinigt. Im Gewölbekeller des MUKS – Museum Kultur und Spiel Riehen ist derzeit (noch bis 4.Januar 2027) eine Ausstellung über das Leben in der Charmille zu sehen (Jahre 1947-2002): „Schabbes, Schnitzel, Mehrbettzimmer“. Gestern Abend garniert mit „Leckereien, Literatur, Lebensabend“, einer Lesung von Steffi Bollag (geb.1957) aus ihrem satirischen Buch Lebensmittel.punkt , in dem Speisen Figuren repräsentieren. Steffi Bollag ist in der Charmille aufgewachsen, ihr Vater Michael ‚Michy‘ Bollag war dort ab 1953 der Koch des Hauses, ganze 32 Jahre lang. Auf den Fotos mit strahlendweißer Kochjacke und hoher steifer Zylindermütze (Toque Blanche) ist ihm die Leidenschaft für seinen Beruf genauso anzusehen wie sein Sinn für Humor : „kecke Sprüche klopft Michy ebenso gut wie Schnitzel“. Die handschriftlich auf Zetteln notierten, immer wieder ergänzten oder mit neu beschriebenen Zetteln überklebten Rezepte sind ein großartiges, direkt aus dem Leben gegriffenes Archivmaterial und zeugen von feinen Zutaten. Der Kosmopolit Hermann Kesten war dennoch nicht so ganz zufrieden, weder mit dem Essen, noch mit den (alten) MitbewohnerInnen und auch nicht mit dem kleinen Ort Riehen. An seine in den USA lebende Schwester Gina Strauss schreibt er in einem kleinen, auf der Schreibmaschine (mit Fehlern) getippten Brief am 9.September 1985: „Das Dorf Riehen ist auf die Dauer eintönig. Heute mittags und abends ist das Menu kklassisch, mittags Kartoffelpuffer, abends Kartoffeln. Punktum. …. Eine Ansprache gibt es gar nicht. Die meisten, sozusagen alle, sind geistig wie physisch sehr erledigt.“ Und am 7.Oktober 1991: „Ich komme aus der Cafeteria, lauter alte Damen, kein Herr, Kuchen schlecht, Kaffee gut.“ La Charmille (poetischer Begriff aus dem Französischen mit der Bedeutung Laubengang) lag auf einer Anhöhe am äußersten Rand Riehens am Waldrand, so etwas wie ein jüdischer Zauberberg, sagt Steffi Bollag.











