„Sonne, leuchte mir ins Herz hinein,/Wind, verweh mir Sorgen und Beschwerden!/Tiefere Wonne weiß ich nicht auf Erden,/Als im Weiten unterwegs zu sein.“ – Strophen des 1911 verfassten Reiselieds laden an einer Wand in der Kunsthalle Messmer in blauer Pseudohandschrift ein, „alle Sinne festlich“ aufzutun und den Lauf, wenn schon nicht „nach der Ebene hin“, so doch durch die Ausstellung zu nehmen. „Sonne soll mich sengen, Meer mich kühlen“ – es wird dann eher der Luganer See sein, der kühlt mit seinem aquarellierten Blau, zum Meer ist es noch ein Stückchen hin.
Als wir beim Rundgang bei einem September -Gedicht angekommen sind („Der Garten trauert…“), fällt uns ein, dass wir gerade im Regionalexpress von einem anderen Septembergedicht gelesen haben, „vom blauen Mond September“ und von der flüchtigen Erscheinung einer Wolke „Sie war sehr weiß und ungeheuer oben/Und als ich aufsah, war sie nimmer da“, Rüdiger Safranski zitiert Bertolt Brecht im achten Kapitel seines Buches Zeit. Was sie mit uns macht und was wir aus ihr machen, dem Kapitel über Eigenzeit, das sich unter anderem auch mit der „Verteidigung der Eigenzeit als politische Aufgabe“ befasst.
Unsere Ausgabe des Buches, die ziemlich genau der Größe (oder besser Kleine) unserer Hand entspricht, ist ein idealer Begleiter beim Unterwegssein und wir versuchen, uns im RE 7 weiter in die Ausführungen zu vertiefen, allerdings werden wir von einer munteren Damengruppe abgelenkt, die sich lautstark mit Schuhgeschichten unterhält. Alles wird ausgebreitet, bedacht und belacht, Modelle, Farben, Putztipps (Mikrofasertuch, Soda), „meine Schuhe konnte man immer problemlos weitergeben, ich war ein sorgfältiges Mädchen, aber meine Schwester…!“, „also, ich hatte immer hochwertige Schuhe, Salamander und so,…“, „ich hab‘ sie auch immer doppelt gekauft, viele Schuhe, über hundert Paar,…“. Eigenschuhzeit, denken wir und dann, dass wir ja vor kurzem in einer Buchhandlung ein Cover fotografiert haben Ich erröte vom Schaft bis zur Sohle. Schuhgeschichten, um das Buch für einen Erwerb vorzumerken.
Die mehr oder minder beschuhten Damen (der Tag ist warm) treten in Freiburg durch die Zugtür auf die Sohlen (wie viele Schuhgeschäfte hat die Stadt?), wir treten wieder in Ruhe und Lektüre ein, bis wir in Malterdingen aus- und für wenige Minuten auf einem Gleis, das hier (je nachdem) beginnt oder endet, in die Kaiserstuhlbahn einsteigen. Mit ihr sind wir noch nie gefahren, jetzt bringt sie uns in den 4000-Einwohner- Ort Riegel, der schon von den Römern besiedelt war, erstmals unter Karl dem Großen urkundlich erwähnt wurde und außer den Gebäuderesten eines Mithräums auch die der Riegeler Brauerei besitzt.
Wir durchlaufen den Ort, hier breiten sich keine lauten Geschichten aus, eine große Stille liegt auf Dächern und Kirchtürmen, senkt sich an Hauswänden hinunter zu Gehwegen und Gassen und begleitet uns an einem Biergarten vorbei bis zum Großherzog-Leopold-Platz, an die Stufen der Kunsthalle Messmer, hinter der der dünne Zeigefinger des roten Schornsteins von Römerbräu Riegel Richtung Himmel weist.
(Rüdiger Safranski: Zeit. Was sie mit uns macht und was wir aus ihr machen. Fischer Taschenbibliothek. 3.Auflage Juli 2024)
(Wolfram Schneider-Lastin & Christa Prameshuber, Hrsg.: Ich erröte vom Schaft bis zur Sohle. Schuhgeschichten. Arisverlag 2026)










