Choreomania oder ansteckendes Tanzen

Ich schaue einen Wochenstapel Tageszeitungen durch und kaum habe ich begonnen, bleibe ich an einem Artikel hängen, der Die Dritte Seite ganz füllt. Schon das vorgeschaltete, sich über die gesamte Seitenbreite erstreckende Bild zieht mich an: es ist ein Gemälde von Pieter Bruegel dem Jüngeren (1564-1638), das dieser nach Zeichnungen seines Vaters Pieter Bruegel dem Älteren fertigte: Tanzmanie auf der Pilgerfahrt von „Epileptikern“ zur Kirche in Molenbeek. Milde Farben, bewegte Menschen, verrenkte Körper, vor allem von den beiden Frauen geht die Aktion aus, von jeweils zwei Männern werden die Beiden gehalten, mittig zwei gebeugt gehende Spielleut, die auf dudelsackähnlichen Instrumenten musizieren, aber gleichzeitig ihre Augen aufs Geschehen lenken. Bei der Abbildung handelt es sich um einen Ausschnitt des Gemäldes Tanz in Molenbeek und die milden Farben sind offenbar der Wiedergabe geschuldet und im Original leuchtender. Der Artikel mit der Überschrift Als das Tanzen ansteckend war behandelt die Straßburger Tanzwut von 1518, als ab dem 14.Juli, ausgehend von einer einzigen Frau namens Troffea (Paracelsus erfand den namen Frau Troffea) immer mehr Menschen vom unwiderstehlichen Drang zum Tanzen erfasst wurden und über Tage hinweg in einer Art Trance ekstatisch bis zur völligen Erschöpfung auf den Straßen tanzten. Zeitgenössische schriftliche Quellen berichten von den Ereignissen. Als Auslöser des Tanzrausches, auch als Tanzpest, Tanzwut, Epilepsia saltatoria oder Choreomanie bezeichnet, habe die damalige Gesellschaft eine besondere Konstellation von Himmelsgestirnen vermutet, eine Störung der kosmischen Ordnung, sagt die Historikerin Elisabeth Clementz. Dass getanzt wurde, war nicht ungewöhnlich, das Tanzen habe im Mittelalter zum Leben gehört und sei Bestandteil vieler Feste gewesen. Lediglich der ansteckende Rausch, das Außer-Sich-Geraten und die vollkommene Verausgabung waren das Auffällige. Dass es sich, wie immer wieder diskutiert, um Auswirkungen von Mutterkornalkaloid gehandelt hat, das mit von einem Pilz befallenen Getreide aufgenommen wurde (LSD-ähnlich), ist von Symptomatik und Verlauf nicht nachvollziehbar, wohl aber mögen die euphorisierenden Effekte der durchs Tanzen hervorgerufenen Dopaminausschüttung zu den Tanzepidemien beigetragen haben.

Eine andere Quelle im Netz, die u.a. denselben Ausschnitt des Bruegel-Gemäldes zur Illustration verwendet, verrät mir zu Tanzpest, Choreomanie oder Tanzseuche, dass die schlimmste Tanzmanie der Welt 1374 von Aachen ihren Ausgang nahm und sich rasch auf Städte in Belgien und entlang des Rheins in den Niederlanden ausbreitete. Wochenlang tanzten Tausende Menschen, vernachlässigten Essen und Schlafen, tanzten wie Rasende, bis sie vor Erschöpfung zusammenbrachen. So plötzlich wie die Manie begonnen hatte, endete sie auch wieder. Bekannt ist, dass Regionen, in denen die Tanzepidemien ausbrachen, zuvor hart getroffen worden waren (selbst für mittelalterliche Verhältnisse), im Jahr 1374 waren es z.B. heftige Überschwemmungen, in Chroniken ist ein Anstieg des Rheinpegels um zehn Meter verzeichnet. In Straßburg 1518 begann das ansteckende Tanzen bei großer Hitze und nach einer dreijährigen Hungersnot, wie in einem kurzen arte-Video erläutert wird.

(Als das Tanzen ansteckend war, Bärbel Nückles, Badische Zeitung, 11.August 2026; hier nachrecherchiert, z.T. erweitert u. nach anderen Quellen korrigiert)

(Das ungelöste Rätsel der mittelalterlichen Tanzpest, Sanj Atwal, 5.Dezember 2022, guinessworldrecords.com)

(Foto: Sascha Wiederhold, 1904-1962 : Jazz-Symphonie, 1927. Kunsthalle Mannheim)

Unwägbarkeiten

Reisen führen zuweilen zu Zielen, die beim Aufbruch nicht im Sinn waren. Wege nehmen überraschende Wendungen. Und manchmal erhält man unterwegs unerwartete Nachrichten. Ich drücke es einmal so aus: die Nachricht lautet, dass man in einer Filmrolle besetzt wird, für die man sich gar nicht beworben hat.

Daher macht mein Blog eine etwas verlängerte Pause, ich denke aber, kommende Woche mit Einträgen fortfahren zu können.

Flirrende Hitze.

Räder rollen stromaufwärts.

Weiter und weiter.

Doshi-Retreat

Zwei ineinander geschlungene Kobras sah der indische Architekt Balkrishna Doshi (1927-2023) in einem Traum, das Bild inspirierte ihn zu den beiden sich schlängelnden Pfaden, die auf dem Vitra-Gelände in den einen Kopf münden, der sich aus dem Erdreich erhebt und in dem sich Stille und Klang ineinander verschlingen. Die beiden Pole begleiten einen auch durch die sich immer tiefer in die Erde senkenden Pfade, die Klangsequenzen lehnen sich an „die sensorischen Umgebungen in östlichen Tempeln oder christlichen Sakralräumen“ an, wie es im Flyer heißt, eine Reise sei es durch Räume und Klänge. Das erste außerhalb Indiens realisierte Projekt Doshis wurde zum letzten Projekt überhaupt, an dem der Architekt arbeitete, seine Enkelin Khushnu Panthaki Hoof führte es zu Ende gemeinsam mit ihrem Mann Sönke Hoof, auf Einladung noch von Balkrishna Doshi selbst. Die Realisation der geträumten Reise begann „mit Worten wie Pause, Weg, Begegnung“, sagt die Enkelin in einem Interview. Und im Film, der in einem Nebengebäude des Vitra-Museums zur Entstehung des Doshi-Retreat zu sehen ist, geht Khushnu Panthaki Hoof auf den zentralen Gedanken ihres Großvaters ein, den der Reise. Eine Reise könne mit der Zeit spielen, sie sei frei, die Freiheit lasse ein Eintauchen in Dinge zu und ermutige zu einer Art Präsenz des Seins.

Doshi Retreat A conversation with Rolf Fehlbaum, Khushnu Panthaki Hoof and Sönke Hoof | Offizieller Vitra® Online Shop DE https://share.google/tWJHiuPsIURRoGn40

Mein Blog macht eine kleine Pause, der nächste Eintrag ist spätestens für den 6.August vorgesehen. Kurzbeiträge in der Zwischenzeit auf meinem Instagram Account @achfrie58.

Dorfprinzessin

Sie spielte Prinzessin und der Musikverein Blasmusik, o Täler weit o Höhen, o schöner grüner Wald. Prinzessinnen saßen still und aufrecht an ersten Tischen und grüßten anmutig, wenn sie das tun sollten, und alle grüßten Prinzessinnen und schauten, ob sie lächelten und welches Kleid sie trugen. Sie schaute auch, Knöpfe an burgunderroten Westen glänzten golden wie die Posaunen, die meist den rechten Ton trafen. Dass etwas Langes hin und her gezogen wurde, hatte mit dem Ton zu tun und aufgeblasene Backen auch. Plötzlich erhob sich einer und schlug zwei große Teller aufeinander, golden funkelten auch sie, einer vor dem dunklen Rot der Weste, der andere vor dem Schwarz der Hose, wenn kräftige Arme die Teller wieder auseinanderzogen, den einen hoch hinauf, den anderen hinunter. Die Musik war laut und die Gespräche an den Tischen pausierten, setzten aber sofort wieder ein, wenn der Kapellmeister seinen fuchtelnden Stab sinken gelassen, sein großes Taschentuch übers Gesicht gezogen und sich verbeugt hatte. Vor ihr stand die bauchige Bluna-Flasche, an ersten Tischen durften Prinzessinnen Strohhalme ins Grün der Flaschenöffnung stecken, sonst aber nicht, das Angesaugte leuchtete wie die beiden Orangenbälle unter den Blättern des Etiketts und die fruchtigfrische Flüssigkeit prickelte auf der Zunge. Wurde sie angesprochen, schluckte die Prinzessin schnell und antwortete artig, sonst folgte sie den Worten nicht, die über den Tisch wogten, aber die Stimmen von Mama und Papa waren um sie herum und das war gut so. O Schwarzwald, o Heimat, wie bist du so schön. Manchmal gab es am Ende Tanz und manchmal traute sie sich aufzustehen und zu den Paaren zu gehen, über deren Schwung sie sich gewundert hatte, denn da bewegten sich auch Grauhaarige, für die sie im Bus den Platz freigeben musste. Ein paar Schritte, ein paar Drehungen auf dem Schwingboden der Mehrzweckhalle vor den Tischen, tanze mit mir in den Morgen…, Junge, komm bald wieder, bald wieder nach Haus…, andere Dorfkinder drehten sich auch und hüpften. Die Eltern tanzten nie, aber der Papa hielt die Reden und die Mama hielt zu ihm.

Achter Sonntag nach Trinitatis

Für die 31.Kalenderwoche finden sich im Herrnhuter Losungsbüchlein Verse aus dem 5.Kapitel des Epheserbriefes (8b u. 9), ich zitiere nach der Elberfelder Übersetzung:

Wandelt als Kinder des Lichts

 denn die Frucht des Lichts besteht in lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.

Nachlese Sent 6 – Sommerliste

(to be continued)

Barfuß abrollen im Sand

Gärender Bio-Müll

Heuballenwürze

Kinderlachen

Wasserplatschen

Grillrauch vom Nachbarn

Nächtliches Gehupe

Grasrispen in der Hohlhand

Freibaddurchsagen

Plötzliche Schattenkühle

Sonnenölfilm und Kokosduft

Vogelstimmen im ersten Morgenlicht

Saure Zitronenfrische

Sandkörner zwischen den Zehen

Tomatenaroma

Summer Beats

Flip-Flop-Klatschen

Blumige Parfums

Eidechsen auf Terrassenplatten

Frische Getränke mit Bitteraromen

Fliegenfremdkörper auf der Zunge

Heißkalter Affogato

Weißstörche auf dem Kirchturm

Windhauch vom Meer

Prallheit der Trauben

Wespenstichschmerz Fußsohle

Moosflaum auf marokkanischem Gartentisch

Lackierte Zehennägel

Gläserklirren

Sonnenbrillenparade

Rheinschwimmen

Amphitheatereffekt am Hügel

(Bergsommer 9.Juli 2026)

Nachlese Sent 5 – Muschel

Du bist meine dritte Wahl. Andere wählten rascher und haben schon die Jakobsmuschel genommen und auch die zweite, eine gebrochene, unsymmetrische. Nun nehme ich dich, weil auch du asymmetrisch bist. Eine Seite deiner Herzmuschelschale holt weit aus und beschreibt einen schönen Bogen, die andere schafft den Bogen nicht, wirkt abgeschnitten und hat doch einen heilen Rand, der in Wellenlinien verläuft wie auf der ausholenden Seite. Am unteren Rand fehlt dir ein Stück, es ist ausgebrochen. Deine Oberfläche hat Furchen und Riefen, Rippen erheben sich wie Doppelstrahlen und fächern sich von deinem Kopf aus auf, zum Teil sind sie von kleinen Stacheln besetzt. Deine Farben sind die des Sandes. In verschiedenen Schattierungen folgen sie von hellbeige bis hellbraun dem Verlauf deines Außenrandes und kreuzen die erhabenen Doppelstrahlen. Auf der abgeschnittenen Seite ist die Farbe noch dunkler, braun, wie ein alter Bluterguss, darauf Schorf. In deinem Inneren ist das, was außen erhaben ist, eingesenkt, ein Perspektivwechsel, die Fläche ist glatt, die Fingerkuppen gleiten leicht darüber, die Kuppe meines Daumens passt sich genau ein in die Mulde deines Kopfwirbels. Du riechst nach eingetrocknetem Meer, nicht mehr salzig, eher bitter, kräftig. Halte ich dich ans Ohr, höre ich wie als Kind das Rauschen der Meereswellen, ich weiß aber, dass es ein Widerhall ist, der sich in deinem Inneren verfängt.

dritte wahl

symétrique – asymétrique

du erinnerst worte

der Rand gebrochen

der Bogen nicht vollendet

dunkler bluterguss

Nachlese Sent 4 – Eine Farbe

Das Grün ist angenehm für die Augen. Stell dir vor, du müsstest auf blaues Gras schauen, blaues Reblaub, blaue Bäume, würde dir das gefallen?

Selbst beim Meer liebst du das Wechselspiel mit dem Grün, das Leuchten von Türkis.

Bibliothekslampen sind grün und ihr Licht grün gedämpft für das Studium an den Tischen.

Grün ist die Hoffnung. Warum eigentlich? Vielleicht, weil sie aufkeimt wie der Schössling einer Pflanze? Zartes Grün in Spalten zwischen Platten aus Beton.

Helen Frankenthaler kippte die Farben auf unbehandelter Leinwand auf dem Boden aus, kaum gelenkt durch Bürsten – entstand auch das Grün? Und woraus?

Jeden Morgen begrüßt mich das Grün, wenn ich über den Hügel radle, das pralle, helle der Reben, das frische der Grashalme, die Tautropfen tragen, das dunkle der Bäume, die es viel werden lassen im Sommer. Später verlieren sie es und das Grün der Gräser gibt seine Frische ab.

Grün, grün, grün sind alle meine Kleider, grün, grün, grün ist alles was ich hab‘ – das Lied aus Kindertagen – darum lieb‘ ich alles, was so grün ist, weil mein Schatz ein Jäger, Jäger ist.

(Blick aus der Schreibschule Sent 10.Juli 2026)

Nachlese Sent 3 – Begegnung auf dem Speicher

Auf den Speicher habe ich mich geschleppt, will einmal wieder aufräumen. Dort in der Ecke – was ist das denn für eine Kiste? Ich bücke mich und puste den Staub vom Deckel, ach, das sind ja alte Fotos, ganz obenauf eines mit großem Knick, es fällt mir sofort ins Auge, ein Fotonegativ. Dazu muss es doch ein Positiv geben, ich wühle, aber das Positiv finde ich nicht. Ich drehe das Foto um, Carte Postale ist aufgedruckt, und – kleiner – Correspondance, rechts daneben Adresse. Aber da steht keine Adresse, kein Datum und auch kein Postkartengruß, nur in verblasster blauer Tinte E. & J. – E. und J.? Elisabeth und Johannes? Aber wo stehen wir denn da? Vom Hintergrund erkenne ich nur Schemen. Es gefällt mir, wie wir beide da stehen, du, Johannes und ich. Lange musste ich auf dich warten. Ich war so glücklich, als du da warst, auch wenn die Geburt schwer war und lang. Dieses Gefühl, als man mir dich auf den Bauch legte. Wo nur stehen wir da, Johannes? Weißt du, meine Erinnerungen werden unscharf. Manche strahlen so hell heraus wie unsere Haare, die sehen ja fast wie Heiligenscheine aus! Und manche verschwinden im Dunkel wie die Konturen des Mantels, den ich da anhabe. Ach, Johannes, ich liebe, wie du auf dem Foto neben mir stehst, ich habe dich im Arm und doch stehst du für dich, allein, fest auf dem Boden. Obwohl, ein wenig auch so, als wüsstest du noch nicht, was auf dich zukommt. Aber dafür ist mein Arm da. Ich halte dich. Schau mal, meinen Hut habe ich abgenommen. Kannte ich den Fotografen? Wollte ich nicht so offiziell aussehen? Ich weiß nicht. Aber der Hut schafft auch Abstand zum Fotografen, während er uns beide verbindet. Wie er kreisrund leuchtet! Seltsam, wie gerötet unsere Gesichter sind, dabei wirken sie ganz ruhig. Nur unsere Augen sind helle Sterne, aber ich kann nicht erkennen, wie sie schauen. Jetzt tun mir so langsam die Knie weh, ich muss versuchen aufzustehen. Den Deckel mache ich wieder auf die Kiste, aber das Foto behalte ich in der Hand. Weißt du, ich werde es rahmen und auf den Nachttisch stellen. Wenn ich nur wüsste, wo du jetzt bist, Johannes!

(ein Foto kann man doch nicht holen, sagt prompt der groß gewordene Jemand, als ich die Geschichte vorlesen und dazu die Fotografie holen will, ich stutze kurz – aber d.g.g.J. kennt auch dingliche Fotos, meist allerdings aus Alben)