Das Dreieck des grüngerahmten Schildes weist ein Naturdenkmal aus. Es krönt die Wegweiser-Stange an einer Weggabelung auf dem Obertüllinger Lindenplatz. Das Schild, das in ganz Deutschland Naturdenkmale anzeigt, verrät mir nicht, ob hier ein flächenhaftes Naturdenkmal (FND) gemeint ist oder ein Einzelgebilde-Naturdenkmal (END). Recherchen ergeben, dass von den zehn im Landkreis Lörrach ausgewiesenen Naturdenkmalen keines ein FND ist, alle sind END, und zwar jeweils bestimmte Bäume: ein einzelner Baum (Eiche, Lärche, Mammut, Platane, Magnolie etc.), zwei Bäume (Traubeneichen) oder auch drei (Feldahorne). Das Tüllinger END aber umfasst mit großem Abstand die höchste Baumzahl: 45 Winterlinden.
An diesem Sonntagmittag Anfang Mai tragen die Obertüllinger Winterlinden bereits ihr Frühsommergewand. Nach einem Blick Richtung Osten hinüber ins Wiesental und auf erste Schwarzwaldhöhen nehme ich den Weg auf der Westseite links am Schild vorbei. Er verweilt zunächst auf der Hügelkuppe und erlaubt den Augen das Changieren zwischen Ferne und Nähe. In der Rheinebene das Band des Flusses, die Horizontlinie geschwungen gezeichnet im Blau der Vogesengipfel. Dann das Eintauchen in den Laubwald. Die Augen haften an Naturskulpturen. Alt- und Totholz ist belassen, dicke Stämme säumen verlässlich den Wegrand. Andere, hochaufragende, touchieren die Himmelszonen. Wieder andere, schmale, stoßen wie ein Queue durchs Grün des Blattdickichts. Höhlenbrütende Waldvogelarten fühlen sich im alten Buchenwald wohl, zeigen sich mir aber nicht. Exemplare der horstbrütenden Raubvögel geben sich auf ihren Ausflügen in das dem Wald benachbarte Offenland zu erkennen. Die offene Kulturlandschaft mit ihren Mäh- und Obstbaumwiesen, ihren Kleingärten und Rebhängen erreiche auch ich wieder, nachdem der Weg sich sanft hinab geschlängelt hat.
In Jonathan Droris Buch In 80 Bäumen um die Welt lese ich von den Buchen, die man suchen soll, vom Schutz, den die glatte, geschmeidige Rinde bei Gewittern bieten kann. Und ich lese von dem, was die Buche mit dem Schreiben verbindet. Buchenholz diente den Germanen für Schreibtafeln, in die Schriftrunen geritzt wurden. Die Begriffe für den Baum und das, was aus den Schreibtafeln entstand, näherten sich in der Sprache. Ich recherchiere weiter: das althochdeutsche buoh und das mittelhochdeutsche buoch waren Pluralformen, die wahrscheinlich für Runenzeichen, später allgemeiner für Schriftzeichen, Buchstaben und auch Schriftstücke standen. Ob das Buch wirklich verwandt ist mit der Buche, gilt als nicht gesichert. Die Brüder Grimm jedenfalls hielten in ihrem Deutschen Wörterbuch verwandschaftliche Bande für durchaus möglich. Ich werde daran denken, wenn ich das nächste Mal die Tüllinger Skulpturen umrunde.
(Jonathan Drori: In 80 Bäumen um die Welt. Illustrationen von Lucille Clerc. Laurence King Verlag, Berlin. 2.Aufl.2022)
Tüllinger Berg | Regierungspräsidium Freiburg https://share.google/LZAj34Zt0gc2lpTa5













