Der für die Kalenderwoche 40 im Herrnhuter Losungsbüchlein angegebene Wochenspruch steht im ersten Johannesbrief, ein Teil des vierten Verses aus Kapitel 5. Ich zitiere nach der Elberfelder Übersetzung:
Und dies ist der Sieg, der die Welt überwunden hat: unser Glaube.
Die Bibellese für den heutigen Sonntag ist Psalm 138, einer der davidischen Psalmen:
Preisen will ich dich mit meinem ganzen Herzen, ich will dir spielen vor den Göttern. Ich falle nieder vor deinem heiligen Tempel, und deinen Namen preise ich wegen deiner Gnade und Treue. Denn du hast dein Wort groß gemacht über deinen ganzen Namen. An dem Tag, da ich rief, antwortetest du mir. Du vermehrtest mir in meiner Seele die Kraft. Alle Könige der Erde werden dich preisen, HERR, wenn sie die Worte deines Mundes gehört haben. Sie werden die Wege des HERRN besingen, denn groß ist die Herrlichkeit des HERRN. Ja, der HERR ist erhaben, doch er sieht den Niedrigen, und den Hochmütigen erkennt er von fern. Wenn ich auch mitten in Bedrängnis wandeln muss – du belebst mich. Gegen den Zorn meiner Feinde wirst du deine Hand ausstrecken, und deine Rechte wird mich retten. Der HERR wird es für mich vollenden. HERR, deine Gnade währt ewig. Gib die Werke deiner Hände nicht auf!
…so würde er inzwischen seinen Titel lieber nennen, sagt Dr. Andreas Loos gestern Abend in der denk-bar, anstelle von Die Kunst gut zu hoffen. Mir gefällt beides, auf jeden Fall aber gehört das Handwerk untrennbar zur Kunst. Aus persönlich schwierigem Erleben gespeist, setzt sich der Theologe Loos (20 Jahre lang Dozent für Systematische Theologie am Theolog.Seminar St.Chrischona, seit 2022 bei fokustheologie.ch und reflab.ch in Zürich) intensiv mit Begriff und Inhalt von Hoffnung auseinander und lädt zum Nach- und Umdenken ein. Weg von Hoffnungszwang, Verzweckung, Triumphalismus hin zu den unerwarteten, unverfügbaren, unerdachten, unbedachten Möglichkeiten, mit denen Hoffnung uns ständig umspielt, die sie uns zuspielt. Im Schnelldurchgang streift er die Hoffnungsskepsis in der Antike, Hoffnung ist das große Übel, das bewusst in der Büchse der Pandora bleibt, die Stoiker lehren die Abkehr vom Begehren für ein Leben ohne solcherart Hoffnung und ohne Furcht. Aber: Menschsein ohne Hoffnung ist nicht möglich (siehe auch Victoria McGeer, Princeton University The Art of Good Hope), die Hoffnung ist Handlungsermächtigerin. Dabei beinhaltet „gutes Hoffen“ die ehrliche Auseinandersetzung mit Leid und Verzweiflung, die Lockerung einer Fixierung auf ein bestimmtes Hoffnungsgut, Loos zitiert aus Dorothee Sölles Buch Leiden, dass in der Passionsgeschichte Jesu eine entscheidende Wendung vollzogen wird: die Wende von der Bitte, verschont zu bleiben hin zum verzweifelt klaren Bewusstsein, es nicht zu werden. Im Buch der französischen Philosophin Corine Pelluchon mit dem wundervollen Titel Die Durchquerung desUnmöglichen wird auch der Unterschied zwischen espérance und espoir beleuchtet. Nicht der Mensch findet die Hoffnung, sondern die Hoffnung sucht und findet den Menschen; er kann ihr aber helfen, dass er gefunden wird, zum Beispiel, indem er einen entsprechenden Raum schafft oder aufsucht, indem er im Zustand der Neugier bleibt. Hoffnung ist Sinn und Geschmack dafür, was an Gutem möglich ist. Für (christliche) Hoffnung ist Zukunft nicht nur ein in der Zeitachse Vergangenheit-Gegenwart-Zukunft folgendes Futurum, sondern ein Adventum. Gott kommt entgegen aus dem Reich seiner Möglichkeiten, die uns in unsere Gegenwart gespielt werden, so dass eine solche Zukunft von der Vergangenheit befreit sein kann.
Hingezogene Hoffnung macht das Herz krank, heißt es in Sprüche 13 Vers 12, aber ein eingetroffener Wunsch ist ein Baum des Lebens.
(Artikel von Andreas Loos: Hoffen bei Nebel, in: Aufatmen, Ausgabe 3/2026 August, SCM Bundes-Verlag, Witten)
(Corine Pelluchon: Die Durchquerung des Unmöglichen. Hoffnung in Zeiten der Klimakatastrophe. C.H.Beck 2023)
Der 17.September bringt am Mittag spätsommerliche Wärme auf und eine Himmelsbläue, die nur von kaum kaschierenden Schleiern verfälscht ist. Hinauf! – tönt es in mir, gefärbt von Mendelssohns Walpurgnisnacht-Klängen, aber ich will nicht auf den Brocken, sondern zum Ottilienkirchlein, das verlässlich auf dem Hügel thront. Ich habe keine Eile, gehe gemächlich, die Rebstöcke links über der Himmelsmauer, die freundlich blauweiß den Schlipf stützt, sind bereits ihrer dunklen Trauben beraubt. Ein Rinnsal, dessen feuchter Ursprung sich im Hügel verbirgt, quert den Weg und spielt beim Sturz in den Gulli laut auf. Dagegen kommt der vom nahenden Herbst geschickte Windhauch nicht an, tonlos zittern die Gräser. Einzelne Brombeerranken lassen sich locker über sonnenbelichtete Kalksteinquader der nächsten Stützmauer fallen, sie klammern nicht, haben Freude am Spiel mit den Schatten. Die Kuppel aus Blattwerk, durch die der noch asphaltierte Weg führt, hat der langen Trockenheit Tribut gezollt, bemüht sich aber weiter, ihr Grün hoch oben zum sakralen Raum zu verschränken. Am Brunnen im Gewann Petris verweile ich, satt und mit Bassresonanz empfängt das Wasser im steinernen Trog den frischen Strahl. Neben dem Becken klärt Schild Nr.32a des Weiler Weinwegs über das Wasser am Tüllinger auf: eine Anzahl von Quellen gibt es, meist führen sie aber wenig oder unregelmäßig Wasser, dennoch sind sie auf klingende Namen getauft und haben bis in die 1960er Jahre die Wasserversorgung der Altweiler Haushalte übernommen. Ich bestaune das Wort Quellhorizont und dessen Vorhandensein, mit der Kalkbank zieht er um den ganzen Hügel herum und speist die meisten der das Gelände furchenden Gerinne. Dann löse ich mich vom Brunnenklang und biege auf den ansteigenden Trampelpfad ein, kein Glatthafer haucht mir heute eine Berührung in die Handfläche, aber dort am Baum sehe ich Weihnachtskugeln kräftig rot leuchten – doch nein, das sind ja Äpfel, bemerke ich und büße die Annäherung durchs hohe Gestrüpp mit üppigem Klettenbefall. Wie winzige Tierchen sitzen die Wunderwerke sandfarben mit ihren Hakenhärchen in der leichten schwarzen Strickjacke, innen und außen, denn wegen der Wärme baumelt die Jacke lose an den Beinen herunter, nur von verknoteten Ärmeln gehalten. Noch lange werde ich zupfen, tupfen und rupfen, bis ich mich der Winzlinge wieder entledigt habe. Die schlaffen Blätter eines Kirschbaums sind auch befallen, schwarze Flecken und gestanzte Löcher zeugen von der Schrotschusskrankheit. Plötzlich taucht rechts im strohiggrünen Einerlei schüchternes Violett auf, zwei Herbstzeitlose sind es, die die ausgedörrte Erdkrume durchbrochen haben, die safrangelben Staubbeutel sind gar nicht schüchtern, sondern übertrumpfen die Sonne. Jetzt bin ich bei den drei Zinkgießkannen, aber ach, die dritte hat ihr Brausemundstück verloren und muss sich gegenüber den Schwestern hängen lassen. Gräser, Blätter, Äste und Stämme verwirren sich im Waldstück neben dem Treppenaufgang, der mich schließlich auf den Kies des Kirchenvorplatzes entlässt. Auf der Sandsteinmauer liegen sonnengeschriebene Buchstaben wie Spiegelschrift – ja, Ziel in Sicht und der Atem fliegt über die tiefliegende Ebene zu den Höhenzügen, die drei Ländern angehören. Ich trete ins Kirchlein ein, sofort umarmt mich ohrenfüllende Stille, niemand ist hier, nur ich und wohl der, der mir aus Gewandfalten weit gebreitete Arme und durchbohrte Hände entgegenstreckt. Ich setze mich eine Weile, das Buntglas der beiden Fenster malt flirrende Reflexe an die Wand, dann trete ich vor in den Altarraum, in der alten Bibel ist heute das Buch des Propheten Jeremia aufgeschlagen, es geht um Nebukadnezar und um solche Propheten, die falsch sprechen und Wahrheit nur täuschen, gehorchet ihnen nicht, heißt es da und denn also spricht der Herr Zebaoth. Die drei Jungfrauen weiß ich unverändert an der Rückwand der leeren Grabnische, wende mich aber nun einem Stehpult zu, das ein neues Besucherbuch trägt, meine früheren Einträge finde ich nicht mehr. Auch ein Angebot Zum Innehalten liegt bereit, ich blättere durch Gebete, Texte, Meditationen, gleich zu Anfang ein Gedicht von unbekanntem Autor: Der alte Brunnen spendet leise/sein Wasser täglich gleicherweise./Ich möchte diesem Brunnen gleichen,/was in mir ist, stets weiterreichen lautet die erste Strophe, auf der nächsten Seite folgt Psalm 23 auf Mt 11,28 Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken und weiter hinten lese ich Friederike Mayröckers Rhapsodie:Ich lasse Dich nicht Du segnest mich denn/Ich lobpreise ich lobsinge/ich lobe Dich in Deinen Monden in Deinen/schmalen wiegenden messingfarbenen Monden/die meine Nacht klar machen/Ich lobe Dich ich preise Dich in Deinen/Sonnen die übereinanderwogen in Deinen/ dürstenden Horizonten… Textgesättigt bin ich nun, noch immer allein, ich löse mich vom stillen Raum, auf dem Vorplatz trifft eine Kindergruppe ein, „ich seh‘ Basel“ ruft eine helle Stimme, „guckt mal, dass ihr Kastanien findet“ mahnt die einer Erwachsenen, Schulranzen werden an den Fuß der Sandsteinmauer gelehnt, fast alle sind blau, schnelle Schritte bringen den Kies durcheinander und unter den ausladenden Ästen der alten Kastanien, die Laub und auch Früchte noch halten, werden erste Sammlungserfolge gemeldet. Von einer Bank zur Linken erreicht mich Zigarettengeruch, verdünnt in der Septemberluft gefällt mir seine Würze gut und ich nehme einen tiefen Atemzug, bevor ich meinen Weg Richtung Westen fortsetze.
…hat jemand mit weißer Tinte fein akkurat ins alte Fotoalbum geschrieben und sich bei manchen Seiten große Gestaltungsmühe gegeben. Anderes ist unbeschriftet versammelt und springt in den Zeiten, Nachgeborene haben Zuordnungsmühe.
Es sind Fotos aus dem Leben meiner Großeltern mütterlicherseits. Endlich beginne ich mit der Sichtung mir überlassenen Materials (Fotografien, Briefe, Dokumente).
Da sitzt der Großvater, lange bevor ich ihn kannte, auf weißem Gartenstuhl in einem prächtig anmutenden Garten. Ein Buch in der Hand. Fast alles hat er, der Methodistenpastor, sich selbst beigebracht.
Da lagern Großvater und Großmutter im Gras unter einem Baum und halten wohl recht vergnügt Sonntagsschule. Oder was ist es, auf das die Kleinen sich konzentrieren sollen?
…so steht es für heute gedruckt in den Kalendern. Die zweite Tagundnachtgleiche des Jahres. Die Sonne wendet sich der Südhalbkugel zu, bis zur Wintersonnwende wird sie nun jeden Tag flacher und flacher bei uns ankommen.
Nach dem großen Sommer sind wir vom frühen Dunkeln überrascht und erblicken erstaunt erste Herbstzeitlose, sie haben das trockene Erdreich durchbrochen. Noch tanzen zitronengelbe Falter über die zarten Blüten und Sportler joggen in kurzen Hosen über den Hügel. Kaum ein Nebel wagt sich hervor, allenfalls läuft leichter Wind durch Blätter und Gräser.
Werden wir wie Jill Barklem in Brombeerhag im Herbst sagen: Es war ein wunderschöner Herbst? Werden wir dem allzeit vergnügten Tabakraucher von Johann Peter Hebel Im Herbst beipflichten und sprechen: Chönnt denn d’Welt no besser si?/Mit sim Trübel, mit sim Wi/stärkt der Herbst mi lustig Bluet,/und mi Pfifli schmeckt so guet (Könnt‘ die Welt denn besser sein?/Mit den Trauben und dem Wein/stärkt der Herbst mein lustig Blut,/und mein Pfeiflein schmeckt so gut)?
Die Schatten länger.
Ein Wind läuft durch die Gräser.
Der Abend noch licht.
(Jill Barklem: Brombeerhag im Herbst. Aus dem Englischen von Ilse Walter. Annette Betz-Verlag, Wien-München 1981)
(Das Jahreszeitengedicht Der allzeit vergnügte Tabakraucher von Johann Peter Hebel in Alemannische Gedichte. Reclams Universalbibliothek Nr.8294, Philipp Reclam jun.,Ditzingen 2007)
…titelt die Badische Zeitung heute zum 200. Todestag von Johann Peter Hebel (10.Mai 1760 in Basel – 22.Sept.1826 in Schwetzingen, aufgewachsen in Hausen im Wiesental und in Basel, verwaist im Alter von 13 Jahren) und lässt Autorinnen, Theaterleute und Alemannisch-Experten über ihre liebsten Hebeltexte zu Wort kommen (Gerd Heinz, Annette Pehnt, Uli Führe, Theresia Walser). Der Wasserträger wird genannt, Unverhofftes Wiedersehen (mehrfach) und die Alemannischen Gedichte, die Uli Führe zu Liedern verarbeitete.
Bei einer Veranstaltung des Hebelbunds Lörrach habe ich einmal mehrere Schriften mitgenommen über Gespräche oder Vorträge beim „Schatzkästlein“, darunter die des am 16.Mai 1992 gehaltenen Festvortrages Johann Peter Hebel in der östlichen und postmodernen Sicht von Prof. Yasumitsu Kinoshita, Kyoto, die so beginnt: „Meine Damen und Herren, liebe Hebelfreundinnen und -freunde! Es ist für mich eine große Freude und Ehre, aber zugleich, scheint’s mir, fast ein unglaubliches, verwegenes Vornehmen, dass ich, ein Japaner, mir erlaube, vor Ihnen, den christlichen Deutschen, über Johann Peter Hebel, Ihren geistigen Ahnherrn und Schutzgeist zu reden.“ Der japanische Germanist (geb.1947) war 1992 mit dem Hebeldank ausgezeichnet worden, er hatte einige Werke Hebels ins Japanische übersetzt (während seines Germanistikstudiums hatte er sich zunächst überwiegend mit Leben und Werk Goethes auseinandergesetzt). Seinen Dank für die Auszeichnung beschließt er mit einer Würdigung seiner Mutter, einer Würdigung der Mütter allgemein: „ich möchte diese Ehre und Freude mit meiner verstorbenen Mutter teilen, weil ich ihr zu verdanken habe, was ich bin, so wie auch Johann Peter Hebel seiner Mutter zeitlebens in Dankbarkeit gedacht hat. Ich gestehe hier, dass ich mich bei der Übersetzung der Erzählung ‚Die gute Mutter‘ an meine liebe, verstorbene Mutter erinnert habe. Ja, die Mutter ist, so glaube ich, der Urquell der Liebe und des Friedens.“
Und ich gestehe, dass ich erst begonnen habe, mich mehr mit Johann Peter Hebel zu befassen, obwohl er immer präsent war, unter anderem deswegen, weil ich bis zu meinem zwölften Lebensjahr in einer Hebelstraße gewohnt habe, bevor mein Zuhause dann bis zum neunzehnten Lebensjahr in einer Goethestraße lag.
Ein Hebeldenkmal steht zentral im Lörracher Hebelpark, es ist ein überlebensgroßes, naturalistisch gestaltetes Standbild des Schriftstellers, evangelischen Geistlichen und Lehrers. Vor der Basler Peterskirche ist Hebel als Büste aufgestellt, „gestiftet von Verehrern Hebels in Basel 1899“. Dort hat man im Gedenkjahr eine auffällige orangefarbene Konstruktion aus Rohren und Trichtern aufgebaut, unter dem Motto „Hebel spricht“ ertönen auf Knopfdruck Hebels Texte (aber nur Mo- Sa von 8-22 Uhr und So von 10-18 Uhr). Zudem beleuchten auf ebenfalls knalligem Orange Tafeln sein Leben und Wirken, ein „Hebel-ABC“ kümmert sich von A bis Z um seine Themen. Da gibt es doch tatsächlich auch etwas zum Ypsilon: dass nämlich Hebel in seiner Kalendergeschichte Kannitverstan einen Schauplatz mit dem ungewöhnlichen Namen Ypsilon einführt.
Das Biotop von Hebels Geschichten sei nicht nur das Wiesental, sondern die Weltkugel, meint der Schweizer Schriftsteller, Kabarettist und Liedermacher Franz Hohler und Johann Wolfgang von Goethe empfahl : „Einen solchen Dichter muss man im Original lesen! Dann muss man halt diese Sprache lernen!“
(Allen, die des Alemannischen nicht mächtig sind, kann man zum Beispiel die Reclam-Ausgabe der Alemannischen Gedichte ans Herz legen, sie enthält neben dem Originaltext eine 1969 revidierte hochdeutsche Übertragung von Richard Gäng; Reclams Universalbibliothek Nr.8294, wahrscheinlich nur noch antiquarisch zu erwerben).
Und nun habe ich schon Vorfreude auf die Lesung mit Arnold Stadler (geb.1954, Hebelpreisträger 2010) in der Reihe „Literarische Begegnungen“ des Hebelbunds Lörrach am 27.September im Dreiländermuseum Lörrach!
(siehe hierzu auch Blogeinträge vom 18.Juni und 15.April 2026)
Auch in den südlichen Bundesländern startete nun das neue Schuljahr (remember: in Bayern und Baden-Württemberg müssen die Kinder immer noch bei der Ernte helfen 😉) und die Chorproben folgen den durch den Ferienplan vorgegebenen Zeiten. So gab´s nicht nur für frischgebackene Schulkinder bunte Begrüßungslieder (eingeläutet vom buntgescheckten Elefanten namens Elmar), sondern auch Beethoven, Brahms und Mendelssohn-Bartholdy satt.
Musikalische Konzentration also auf Töne und Texte, faszinierend stimmbildnerisch unterstützt durch Tiago Oliveira (Tenor, Gesangslehrer, Stimmbildner, Mitglied der Zürcher Sing-Akademie, Lehrbeauftragter für Gehörbildung an der Musikhochschule Freiburg). Wie man doch immer wieder an einem „Gl“ arbeiten kann, damit es den richtigen Auftakt bildet zu „Glänzende Götterlüfte rühren euch leicht“ und das „leicht“ auch wirklich luftig leicht abbricht und dennoch hinaufreicht in ersehnte Welten.
Auswendig sollen Hölderlins Text (Hyperions Schicksalslied) und Brahms‘ Töne im Konzert erklingen, also gilt es, beides inwendig bis in alle Nuancen zu erfassen. Auch Beethovens Fantasie für dasPianoforte mit Begleitung des ganzen Orchesters und Chor wird ohne das Carus-Notenheft zu singen sein: „Großes, das ins Herz gedrungen, blüht dann neu und schön empor, hat ein Geist sich aufgeschwungen, hallt ihm stets ein Geisterchor. Nehmt denn hin, ihr schönen Seelen, froh die Gaben schöner Kunst! Wenn sich Lieb und Kraft vermählen, lohnt dem Menschen Göttergunst.“ Geschrieben wurde der inzwischen häufig nicht goutierte Text von einem recht unbekannten und in der Erstausgabe nicht genannten „Gelegenheitsdichter“ (der Beethoven-Schüler Carl Czerny nannte als Verfasser den Wiener Konzipisten und Redakteur Christoph Kuffner). Also, Sängerinnen und Sänger, singt mit Liebe und mit recht eingesetzter (Stimm-)Kraft, dann werden es Euch nicht nur die ZuhörerInnen, sondern auch höhere Mächte lohnen.
Bei der Mendelssohn-Vertonung der Goethe-Ballade Die erste Walpurgisnacht hingegen werden wie bei der Uraufführung der davon inspirierten Auftragskomposition der jungen Komponistin Elisabeth Fußeder (Walignis) die Notationen unterstützen. Goethe hatte von Anfang an eine Vertonung seiner Ballade im Sinn, der ursprünglich vorgesehene Komponist Carl Friedrich Zelter übergab jedoch schließlich die Vorlage an seinen Schüler Felix Mendelssohn-Bartholdy. Jener reiste in den Jahren 1830/31 durch die Schweiz und Italien und schrieb aus Rom an Goethe, dass ihn seit einigen Wochen fast ausschließlich die Musik zum Gedicht „Eur.Exzellenz, welches die Walpurgisnacht heißt“ beschäftige, dass er aber „fühle, wie groß die Aufgabe ist und mit welcher Sammlung und Ehrfurcht ich sie angreifen muss“. Das Werk erklang zum ersten Mal im Herbst 1832 nach Goethes Tod (22.März 1832) , und zwar in Mendelssohns Elternhaus, öffentlich dann am 10.Januar 1833 in der Sing-Akademie zu Berlin, Mendelssohn dirigierte selbst. Ganze zehn Jahre später (1842/43) arbeitete er seine Komposition grundlegend um, wieder dirigierte er selbst bei der Uraufführung der zweiten Fassung am 2.Februar 1843 im Leipziger Gewandhaus, Robert Schumann und Hector Berlioz waren unter den Zuhörern. Der begeisterte Hector Berlioz hielt später seine Eindrücke schriftlich fest.
Das zweite Jubiläumskonzert zu 100 Jahre Motettenchor lässt am Sonntag, dem 18.Oktober 2026 ab 18 Uhr im Burghof Lörrach der Töne Zauber walten, die Leitung hat Joss Reinicke. Herzliche Einladung!
Vers 17 aus Psalm 40 wurde in Herrnhut für die Losung des heutigen Sonntags ausgelost. Ich zitiere ihn nach der Elberfelder Übersetzung:
Es mögen fröhlich sein und sich freuen an dir alle, die dich suchen; es mögen stets sagen: „Groß istder HERR!“, die dein Heil lieben.
(Foto: „Wordcloud“ in der Ausstellung zu 100 Jahre Motettenchor im Dreiländermuseum Lörrach. Die Größe der Namen der Komponistinnen und Komponisten soll widerspiegeln, wie häufig ihre Werke vom Motettenchor in 100 Jahren aufgeführt wurden)