
Nein, antworte ich Frau M., die vor vierzig Jahren noch zur Bürgermeisterzeit des Vaters ihre Tätigkeit im Rathaus aufgenommen hat, als sie davon spricht, wo sein Schreibtisch in dem Zimmer stand, in dem nun sie und andere arbeiten. Er war hier, vor dieser Wand, sage ich, die gegenüber nahm ein großer Schrank ein. Stimmt, erinnert sie sich nun, und für einen Moment stehe ich wieder als Kind im Amtszimmer des Vaters, blicke durch die Fensterfront der Langseite des Raumes, habe zur Rechten den dunklen Schrank, vor mir einen langen Tisch und zur Linken an der Stirnseite, die zur Hindenburgstraße zeigt, den Schreibtisch, der fast die ganze Breite des Zimmers einnimmt, und an einer Kante sehe ich den faszinierenden Apparat befestigt: ein gusseiserner Bleistiftspitzer, in Moosgrün, mit Handkurbel.
Das Kind durfte nicht nur die Stifte des Vaters in den Apparat stecken und die Handkurbel drehen, auch eigene Blei- und Buntstifte verschwanden stumpf in der Vorrichtung und konnten nach einigen Drehbewegungen mit scharfer Spitze wieder herausgezogen werden. Welche Befriedigung! Ab und an durfte das Kind auch die Amtskette des Vaters um den Hals hängen und ihre Schwere spüren, die Anlässe waren selten, an denen sie offiziell zum Einsatz kam, und für das Kind wurde sie extra aus verschlossener Schublade eines weiteren Zimmers geholt.
Ich schaue durch die Fensterfront, der Blick ist nicht verändert, denke ich, da aber fällt er auf zwei schwarze Elektroautos, die an Ladesäulen hängen und mit dem Mönchweiler Logo beschriftet sind, Dienstwägen. Einen Dienstwagen gab es früher nicht, oft ging der Vater zu Fuß zur Arbeit und das Kind begleitete ihn bis zum nah gelegenen Kindergarten, später bis zur nah gelegenen Volksschule.
Der Kindergarten ist noch an Ort und Stelle, ich habe neben ihm geparkt, sein Außengelände grenzt an die Milchzentrale, auf deren Rampe schon längst keine Kannen mehr warten, irgendwann hatte man die Gemeindebibliothek in ihr untergebracht und nun beherbergt sie ein kleines Heimatmuseum. Der Kindergarten hat einen anderen Anstrich erhalten, ein freundliches Lachsrosa, hinter den Fenstern präsentieren sich bunte Bastelwerke und die strenge Erzieherin, die das Kind mit zum „Doppelschlösschen“ gekreuzten Zeigefingern vorm Mund in die Ecke stehen hieß, schreitet nicht mehr durch seine Räume. Auch das alte Schulhaus mit dem krönenden Türmchen steht noch. Das Kind war in einer Klasse mit 52 anderen, der Lehrer war jung, chic und braungebrannt und einmal saß das Kind mit einem blonden Jungen im Treppenhaus, es hatte den Unterricht durch sein Lachen gestört.
An der Theke des jetzt ganz in Reinweiß gehaltenen Zimmers im Rathaus verabschiede ich mich von Frau M. und anderen, ich will zum Gemeindearchiv, das sich nicht im Gebäude befindet, ein Blick auf die Treppe zeigt helles Holz, wo früher tiefdunkles war, und die Stufen führten hinauf bis unters Dach, wo die Gemeindeschwester Marie R. wohnte, eine kleine Person in Diakonissentracht und mit weißgestärkter Haube, immer da, immer zur Verfügung, und zeichnen konnte sie wie eine Künstlerin. Vorbei am Prospektständer nun zum Ausgang, der auch der Eingang ist, durch seine Glastür im hohen Beton-Glas-Anbau auf der Rückseite habe ich das Rathaus betreten, und nicht mehr durch die schwere Holztür direkt gegenüber der evangelischen Antoniuskirche in der Hindenburgstraße.
Eine Tür an der Rückseite gab es früher auch, sie führte in etwas, das dem Kind so unheimlich wie faszinierend war: eine karge, enge Zelle für Landstreicher und Obdachlose, Tippelbrüder nannte man sie, über Nacht waren sie hier eingeschlossen, überdacht und mit Pritsche, Waschbecken und Toilette versorgt, der Dorfpolizei (nicht Dorfpolizist!) schaute vorbei und am Morgen gab der Vater ihnen die Freiheit wieder und ein Vesper mit, das die Mutter gerichtet hatte.
Noch ein Foto jetzt vom Feuerwehrhaus, es hat sich nicht vom Platz gerührt, und hinter ihm dehnen sich wie immer die Wiesen und Äcker hinauf bis dorthin, wo mit dunklem Tannengrün der Wald den Rand bildet, und da sehe ich das Kind über den Feldweg radeln, es wird das Rad am Waldrand abstellen, ein paar Blaubeeren klauben und wie auf einer Leiter immer weiter hinauf steigen im Baum, obwohl es doch Höhenangst hat, hier auf den Ästen fürchtet es sich nicht, ein würziger Duft und das dichte Grün der Nadeln behüten es, und das Kind schaut weit über die Felder und das Dorf bis dorthin, wo wieder dunkler Wald den anderen Horizont baut.

(Foto 1 Weihnachtsmitteilungsblatt 1986, Foto 2 Jahresrückblick 2025)









