Der Hebelbund Lörrach hat den Hebelpreisträger von 2010 im Hebelgedenkjahr (200.Todestag) geladen, und da kommt er hinein in den Hebelsaal des Dreiländermuseums, legt die cognacfarbene Lederaktenmappe ab auf einen freien Stuhl in meiner Reihe, nimmt aus einer Baumwolltasche Bücher und Schreibutensilien, geht zum kleinen Tisch, der mittig auf jener Bühne steht, auf der wir Choristen im Juni zur Vernissage der Ausstellung 100 Jahre Motettenchor Come and hasten to the dancing (von Edward Elgar) gesungen haben, nimmt Platz, arrangiert seine Materialien hinter Wasserglas und Wasserflasche und wartet dort in Ruhe ab, bis die Vorredner ihre (durchaus lebendigen, Hebel und Stadler würdigenden) Worte losgeworden sind. Dann beginnt er zu lesen, Stühle sind nur wenige frei geblieben, die Reihen zwischen den Motettenchor-Exponaten sind gut gefüllt. Stadler (geb. 1954 in Meßkirch) liest als erstes einen neuen Text, den er geschrieben hat für sich und für uns („für Sie“), die Zuhörerschaft, und dann höre ich nicht genau, sagt er, einen neuen Hebel- oder einen neuen Himmel-Text. Auslöser jedenfalls war die Anfrage einer SWR-Redakteurin, sie aber stellte Hebel in die zweite Reihe, und da er dort nicht hingehört, empfand der Schriftsteller den Auftrag, ihn in die erste Reihe zu platzieren, wo er doch schon immer war und weiterhin ist, seit 200 Jahren, und nun könnten alle zusammen in diesem Weltraum der Poesie leben, für immer. Und dann bekennt Stadler, der u.a. wieder im kleinen Weiler lebt, in dem er aufwuchs, dass Hebel zu lesen immer wie ein Heimweg gewesen sei für ihn, „vom Kindergarten an hörte ich den Hebelklang.“ Worauf es ankomme, wäre der Klang, wird er auch noch sagen, und dass Hebels Sprache Klang sei, man könne sie singen. Walter Benjamin und Elias Canetti hätten ihr eigenes Schreiben an demjenigen Hebels überprüft. Stadlers Text kümmert sich auch um Charakterzüge, Themen und Vorlieben Hebels: den Zeitgenossen Jean Paul habe er neidlos verehrt, für Gelassenheit in schwierigen Zeiten habe er votiert, alles Dogmatische abgelehnt, ein Versöhner sei er gewesen, Weltgeschichte und persönliche Geschichte seien in Hebel zusammengefallen, „zämmekait“. Auch die Themen Vergänglichkeit und Unvergänglichkeit, Heimat und Heimatlosigkeit klingen an. Und dann klingt etwas anderes, nämlich die Glocke des nahen Kirchturms, es ist Sonntag, 18 Uhr, Stadler unterbricht sein Lesen, fragt (mit Dialektfärbung), ist das jetzt das Betläuten – ja, bekräftigt er selbst und ja, stimmen manche aus dem Publikum ein, das abendliche Betläuten oder Angelusgeläut. Noch einmal wird er die Lesung unterbrechen: „ach, jetzt sehe ich gerade jemand, bist Du es, R…., bist Du extra gekommen aus…?“ Die Angesprochene sitzt mit ihrem Begleiter in der Reihe vor mir und nickt lächelnd. Nach dem Hebeltext folgen Passagen aus dem allerersten Roman und aus dem jüngsten „Irgendwo. Aber am Meer“, den ich leider noch nicht gelesen habe. Stadler erzählt, was der auslösende Impuls zum Schreiben dieses Buches war: eine Veranstaltung auf Schloss Sayn anlässlich von Westerwälder Literaturtagen, bei der er geladen war zusammen mit einem anderen sehr bekannten Schriftsteller, den er aber im Buch nicht nenne, auch mit einem sehr bekannten Moderator, ein gutes Gespräch sei es gewesen, dann aber habe es von einer Dame aus der Zuhörerschaft Äußerungen gegeben (er nennt die wetternden Sätze), die ihn so getroffen hätten, dass er noch auf der Rückreise begonnen habe, das Buch zu schreiben. Das Schreiben des Romans sei also ein großer Heimweg gewesen. Mit dem Füller und blauer Tinte signiert Arnold Stadler schließlich auch den Vorgänger-Roman „Am siebten Tag flog ich zurück. Meine Reise zum Kilimandscharo“, den ich im Sommer 2021 erworben und mit großer Freude gelesen habe. (erschienen bei S.Fischer 2021)
Irgendwann wird im Laufe des Abends auch Goethe erwähnt und dieser beziehungsweise seine Lyrik ist der Grund, warum mein Blog nun eine Pause einlegt. Der nächste Eintrag ist vorgesehen für den 7.Oktober. Kurzbeiträge zwischenzeitlich auf meinem Instagram-Account @achfrie58












