(Spaziergang 6 siehe Blogeintrag vom 25.Oktober 2025)
Einer der Eisheiligen, es ist der in der Via Aurelia enthauptete Pankratius, hat genug vom grauen Einerlei. Zwar bleibt er kühl, bläst aber dunkle Wolken beiseite und spannt einen azurblauen Schirm über alles, was bereits dem Sommer entgegenwächst. Das mag daran liegen, dass er der Schutzpatron der Saat und der Blüten ist, denke ich – also nichts wie hinaus! Und hinauf! Nach St.Ottilien! Ich folge der Röhrigasse, bald lasse ich die Rebreihen links liegen und betrete den sakralen Raum unter einer grünen Kuppel aus Blattwerk. Sonnenflecke üben Cosmatenmuster auf dem Weg, der hier noch asphaltiert ist. Nach der Brunnenstube aber nehme ich weiter hügelan den unbefestigten Pfad, kaum lässt er zu, dass ich hinunter schaue in die Ebene und hinüber zu den Vogesen. Wiese, Buschwerk und Baumbestand wollen alle Saat zeigen, die aufgegangen ist, zwischen hochgewachsenen Gräsern behaupten sich eher versteckt die Blüten wilder Wiesenblumen. Ich lasse einen Herrn passieren, der es eilig hat, und bin wieder allein mit dem silbrigen Glanz, den das Gegenlicht dem gewöhnlichen Glatthafer verleiht. Seine Rispen hauchen den Nachhall einer Berührung in die linke Hohlhand. Weiter oben, in einer Gartenlaube zur Rechten, hat sich zu den beiden Gießkannen aus Zink eine dritte gesellt, brav gereiht hängen die Drillinge an ihren Henkeln und warten auf den nächsten Einsatz. Ein grüner Tunnel entlässt mich schließlich dorthin, wo ich den ersten Blick aufs Ottilienkirchlein haben kann, aber – ich sehe es nicht! Über der Mauer, die ihre Bruchsteine der Sonne entgegenhält, thronen die altehrwürdigen Bäume, die große Linde und die Kastanien breiten in ungehinderter Pracht ihre frühsommerliche Lebendigkeit aus. Im Inneren des Kirchenraums breitet auch jemand etwas aus, es muss der auferstandene Christus sein, der weit öffnend seine Arme aus Gewandfalten streckt, in beiden Hohlhänden das Zeichen der Nägel, das Gemälde beschränkt sich als horizontal gedehntes Rechteck auf diese Geste, nichts sonst ist zu sehen von der Gestalt. Allein durch Gnade steh ich hier/vor deinem Thron, mein Gott bei dir/der mich erlöst hat, lädt mich ein/ganz nah an seinem Herz zu sein/durchbohrte Hände halten mich…, haben diese Liedzeilen die Pinselstriche geführt? Im Kirchlein ist es still, niemand hat es betreten, auf dem Vorplatz rastet mit Blick ins Wiesental und zu den Juraausläufern ein Radfahrer in Sportkleidung, am Smartphone gibt er irgendeinem Gegenüber durch, wo er sich gerade befindet, das Rad hat er an die rötliche Sandsteinmauer gelehnt. Ein Paar unterhält sich auf der Holzbank unter einem Kastanienbaum, von hier lassen sich auch die Schwarzwaldhöhen sehen. Im Kircheninneren gehe ich die wenigen Schritte nach vorne in den Altarraum, die drei Jungfrauen im Sakramentsschrein neigen unverändert ihre Gesichter unter dem Weiß der Schleiertücher, eine nach links, die zweite nach rechts mit Blick auf die dritte und – stimmt, die dritte im roten Gewand zeigt ja ihr Gesicht gar nicht mehr, hier hat das Fresko eine Lücke. Ich sprach in meinem Herzen: Wohlan, ich will wohl leben, und gute Tage haben! Aber siehe, das war auch eitel. Ich sprach zum Lachen, du bist toll! Und zur Freude: was machst du? – die alte Bibel auf dem Altartisch liegt aufgeschlagen beim Prediger Salomo, das zweite Kapitel, und die Frakturschrift fährt fort: Da dachte ich in meinem Herzen, meinen Leib mit Wein zu pflegen, doch also, dass mein Herz mich mit Weisheit leitete, und zu ergreifen, was Thorheit ist, bis ich lernete, was den Menschen gut wäre, dass sie thun sollten, so lange sie unter dem Himmel leben. Ich that große Dinge; ich baute Häuser, pflanzte Weinberge; ich machte mir Gärten und Lustgärten, und pflanzte allerlei fruchtbare Bäume drein… Als ich bis hierhin gelesen habe, denke ich in meinem Herzen, dass es mich wieder hinauszieht unter das Himmelsblau, zu den Bäumen und Gärten und den Rebreihen des Weinbergs. Der Weg schickt mich Richtung Westen, die Wiese, die sich unterhalb des Obertüllinger Lindenplatzes zum Süden neigt, trägt auch ihr Frühsommergewand, niemand hat gemäht, Horden von zottigem Klappertopf säumen den Wegrand, die Blüten wíe zitronengelbe Kolibris zwischen dem scharfgesägten Hellgrün der Blätter. Links lädt eine Bank zum Verweilen ein, ich habe das rote Büchlein des Reclam Fremdsprachentextes dabei, ich setze mich, und wenn ich nicht auf die Zeilen des treno dei bambini blicke, können meine Augen unten in der Ebene den Lauf des Rheins verfolgen. Der Protagonist der Lektüre hat seine Kindheit inzwischen schon lange verlassen, nun aber greifen ihre Bilder wieder nach ihm, zufällig trifft er auf einen Schuhmacher, der ihn von einem seit Kindertagen mitgeschleppten Leiden erlöst, kaum kann er es glauben, so dass der still arbeitende Schuster schließlich spricht: I piedi sono tutti diversi, ognuno tiene la sua forma, bisogna saperla assecondare. Sennò è una sofferenza continua. Im Italienisch-Kurs wird die Lehrerin ihre corsisti fragen, was es mit dieser Textstelle auf sich hat, mit der Eigenform eines jeden Fußes, die man so etwas wie erhören muss, damit der Schuh nicht zu eng ist – sind es Metaphern? Ich habe meine Hausaufgaben beendet, richte Blick und Füße weiter gen Westen, das Dunkelblau der Vogesen begrenzt den Horizont, ein Dürrbaum hat sich als stehendes Totholz selbst in eine Skulptur verwandelt und kann seinen Schatten auf den Boden schreiben, weil hier die Wiese gemäht ist. Weiter unten ändere ich die Himmelsrichtung meiner Schritte, zwischen den Rebreihen, an denen die Traubengescheine ihrer Wandlung entgegensehen, laufe ich nun ostwärts, bis ich in Nähe meines Ausgangspunktes das burgunderrote Schild erspähe, das die lieben Wanderer und Weinfreunde auf dem ersten grenzüberschreitenden Weinweg der Region willkommen heißt, mit Wahlmöglichkeiten und herrlichen Ausblicken wirbt und empfiehlt: Nehmen Sie die Schönheiten entlang des Weges mit offenen Sinnen auf und lernen Sie auch die Arbeit der Winzer im Jahresverlauf kennen, die notwendig ist, um unsere ausgezeichneten Weine genießen zu können.

(Viola Ardone: Il treno di bambini. Reclam Fremdsprachentexte. Reclams Universal-Bibliothek Nr.14501, Philipp Reclam jun. Verlag 2023)









