Die Eisheiligen

Und, wisst ihr, wie die Eisheiligen heißen und wie sie hintereinander folgen ?– fragt jemand in der Chorprobenpause am ersten (kühlen und regnerischen) Eisheiligen-Tag, dem 11.Mai. Ich muss passen, beschließe aber nachzuschauen. Nicht in allen meiner Kalender sind sie verzeichnet, aber der „Was mein Leben reicher macht“ – Abreißkalender, den man mir in meiner (noch geöffneten) kleinen Buchhandlung schenkte, führt sie auf, die Namen der Heiligen, die den Tagen des 11. bis 15.Mai zugeordnet sind, an denen man gemäß tradierten Bauernregeln mit den letzten Nachtfrösten eines Jahres rechnen muss. Wobei sich die mit Bauernregeln verknüpften Namenstage noch auf den seit 1582 nicht mehr gültigen julianischen Kalender beziehen. Also, wie heißen sie denn nun, die Eisheiligen oder Gestrengen Herren oder Eismänner? Gemein ist ihnen jedenfalls, dass sie Bischöfe oder Märtyrer im 3.bis 5. Jahrhundert n. Chr. waren.

Der um 477 gestorbene Mamertus, Erzbischof von Vienne (bei Lyon), ist der erste, er führte die Bittprozessionen an den drei Tagen vor Christi Himmelfahrt ein und ist Schutzpatron der Hirten und der Feuerwehr.

Der zweite ist Pankratius, aus Phrygien stammend, starb er 304 (oder auch schon früher) in Rom den Märtyrertod, er wurde enthauptet in der Via Aurelia, wo sich nach ihm benannte Katakomben befinden, in denen er begraben ist. Er ist nicht nur Eisheiliger, sondern gehört auch zu den Vierzehn Nothelfern und gilt als Patron des Eides, der Kinder, der Ritter, der Saat und der Blüten (was für eine Zusammenstellung).

Als dritter folgt am heutigen 13.Mai Servatius, in dessen Gestalt offenbar zwei historische Personen vermischt sind, und zwar erstens jener aus Armenien von jüdischen Eltern abstammende Servatius, Bischof von Tongeren, Belgien, dem der Legende zufolge durch eine Erscheinung Petri in Rom der drohende Hunneneinfall unter Attila (450 n.Chr.) vorhergesagt wurde, der zurückreiste, die Bürger von Tongeren warnte und den Bischofssitz nach Maastricht verlegte, wo er kurz drauf starb, zweitens ein Servatius aus Gallien, der u.a. 359 n.Chr. an einer Synode in Rimini teilnahm. Die Heiligengestalt Servatius jedenfalls ist im Dom zu Maastricht begraben.

Jetzt sind wir beim 14.Mai und dem vierten Eisheiligen angelangt: es ist der Römer Bonifatius von Tarsus. Als Nichtchrist gesandt, um in der Region von Tarsus (Türkei) Reliquien christlicher Märtyrer zu finden und nach Rom zurückzubringen, war er von der Glaubensstärke der unter Kaiser Galerius zu Tode Gefolterten so beeindruckt, dass er sich taufen ließ und selbst im Jahr 307 n.Chr. in Tarsus das Martyrium durch siedendes Pech erlitt. In der Basilica Santi Bonifacio e Alessio auf dem römischen Aventin verehrt man seine Reliquien.

Bleibt noch ein „Eismann“ und der ist kein Mann, sondern eine Frau, der Name des Tages ist doch bei Vielen haften geblieben und so mancher Kalender führt nur diese Eisheilige auf: die Kalte Sophie. Wer aber weiß, dass sich dahinter die Heilige Sophia von Rom verbirgt, über die nicht viel mehr bekannt ist, als dass sie um 304 n.Chr. während der diokletianischen  Christenverfolgung starb. Nicht verwechseln solle man sie, sagen verschiedene Quellen im Netz, mit der Hl.Sophia von Mailand, die sich nach dem Tod ihres Mannes den Märtyrertod herbeiwünschte und deshalb mit ihren drei Töchtern Fides (Glaube), Spes (Hoffnung) und Caritas (Nächstenliebe) nach Rom ging, wo sich unter Kaiser Hadrian (117-138 n.Chr.) dieser Wunsch (für alle vier) erfüllte. Mein 2019 in einem Lörracher Antiquariat erworbenes Reclam- Lexikon der Heiligen und der biblischen Gestalten vermischt allerdings die beiden Sophien.

Nach heute gültigem, international anerkanntem, gregorianischen Kalender wären die mit den Eisheiligen verknüpften Bauernregeln eine gute Woche später anzuwenden. Schauen wir also mal, wie lange uns der Kälteeinbruch noch erhalten bleibt.

(Reclams Lexikon der Heiligen und der biblischen Gestalten. Legende und Darstellung in der bildenden Kunst. Von Hiltgart L.Keller. 8.durchgesehene Auflage 1996)

(Foto: auf St.Chrischona am 10.Mai 2026)

Mikrodrama 3

(Mikrodrama 1 und 2 siehe Blogeinträge 16. und 20.April 2026)

Elena spannte den Schirm auf. Gelbe Polka Dots tanzten auf dem schwarzen Gewebe. Sie eilte vorwärts. Nur weg von hier! Die Lügen waren Tentakel, die nach ihr griffen. Sie spürte bereits das Nahen der Saugnäpfe, den Biss, die drohende Lähmung. Nervengift. Kein Atmen mehr möglich. Also schnell, noch konnte sie sich bewegen und entkommen! Sie barg sich unter den Schirm, beschleunigte die Schritte, ihr Atem durchbrach das Dunkel. Eure Rede sei: Ja, ja! Nein, nein! – die Worte blubberten wie Blasen empor. Ja, ja! Nein, nein! Sie passte ihre Schritte dem Rhythmus an: ja, ja! Nein, nein! Fast geriet das zu einem Hüpfen, jaja, neinnein, jaja, neinnein. Sie begann, den Schirm mitzuschwingen. Die gelben Punkte strahlten am Firmament der Bespannung wie Löwenzahnblüten. IstsyBitsyTeenieWeenieYellowPolkaDotBikini, plötzlich sang in ihrem Kopf eine Stimme aus Kindertagen, HonoluluStrandBikini – warum hatte das Lied auf Deutsch die Punkte verloren?- , Pezzettini di Bikini, italienisch sang Dalida von den Stückchen, das schüchterne Mädchen im Polka Dot Bikini traut sich nicht heraus aus der geschlossenen Kabine, sie trägt so etwas zum ersten Mal, she was afraid to come out of the locker, she was as nervous as she could be, endlich hüllt sie sich in eine Decke und setzt sich ans Ufer -ist es das Meer?- , schließlich lässt sie die Decke und schafft es ins Wasser, dann aber nicht mehr heraus, non ha il coraggio di uscire dal mar, auf Italienisch also das Meer. Jaja, neinnein, jaja, neinnein, es hüpfte sich schon besser, Elena kam schneller voran. Der Schirm schwang im Rhythmus, aber nicht mehr über dem Kopf, sie spürte, wie der Regen über ihr Gesicht rann, ein kühlender Balsam, und sie wusste nicht, ob noch anderes Wasser dabei war, salziges, aber sie wusste, dass sie früher einmal getanzt hatte in einem Sommerregen, mit weit ausgebreiteten Armen. Jaja, neinnein, jajaneinnein, jajajajajaneineineineinein, schneller und schneller hüpften die Füße, die Regentropfen reihten sich zur Melodie, I’m singin‘ in the rain, singin‘ and dancin‘ in the rain, was war das für ein schöner Refrain, die Füße folgten ihm jetzt von allein, singin‘ an dancin‘, dancin‘ and singin‘, und wurde es dort vorne nicht heller, wie konnte das, ach, Elena traute den Augen kaum, vom Schwung mitgenommen, hatten die Polka Dots sich vom Schirmgewebe gelöst und tanzten gelben Sonnen gleich auf dem nassen Asphalt. Und je weiter sie tanzten und rollten, desto größer wurden sie. Und es wurde Licht.

Looking forward to Rome

Am 8.Juli 2019 habe ich einmal mit Bleistift in einem Notizbuch den Versuch gemacht, etwas aufzuschreiben zu „kleinen Heimaten“, bezogen auf die Via Alessandro Farnese 18 in Rom, die ich erstmals mit 18 Jahren kennengelernt habe. Der Versuch endete mit dem Satz „Sie ist angekommen. Und da stellt es sich wieder ein, das schwer zu beschreibende Rom-Gefühl: am ehesten Glückseligkeit“. Makarios also – glückselig (siehe auch Blogeintrag vom 9.Mai 2026), da kann man sich ja in etwa vorstellen, wie groß und tief meine Vorfreude ist auf einen erneuten Rom-Aufenthalt. Bald! Zum Fest des Spirito Santo! Pfingstmontagfrüh beginnen die Proben in Rom. War ich bereits mit dem Projektchor und Orchester des Süddeutschen Ärztechores zu Aufführungen des Deutschen Requiems von Brahms im September 2024 in Verona, Venedig und Mantua (Proben in Verona, Konzert in der Frari-Kirche, Venedig mit Spendenerlös zugunsten von deren Erhaltung, und im Dom von Mantua mit Spendenerlös zur Restaurierung der Orgel), so steht nun (u.a.) die Messa a 4 voci con orchestra SC6 ( Messa di Gloria) von Giacomo Puccini (1858-1924) auf dem Programm. Mit Konzert am 29.Mai um 20 Uhr in Sant‘Andrea della Valle und am 30.Mai um 18 Uhr in der Nationalkirche der Portugiesen Sant’Antonio dei Portoghesi. Giacomo della Porta (1532-1602) begann den Bau der Mutterkirche des Theatinerordens Sant‘Andrea della Valle, später setzte der prominente, aus dem Tessin stammende Architekt Carlo Maderno (1556-1629) ihn fort, konzipierte und vollendete auch die Kuppel, die drittgrößte Roms. Bekannt ist die Kirche auch, weil Giacomo Puccini den ersten Akt seiner Oper Tosca in ihr spielen lässt, bevor das Geschehen dann im Palazzo Farnese und in der Engelsburg seinen weiteren Lauf nimmt.

Ich ziehe also zur Vorbereitung der römischen Freuden wieder meine Rom-Lektüren aus dem Regal. An Auswahl mangelt es nicht. In welche schaue ich ? Welche werde ich mitführen?

Der Stapel auf dem Foto ist nur eine Auswahl der Auswahl. Fange ich mal an mit:

Émile Zola: Meine Reise nach Rom. Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung Mainz 2014, erworben August 2019

Rom. Literarische Spaziergänge. Insel TB 2298, 1.Aufl.2000, erworben im Lörracher Antiquariat Juni 2020

(Zu ‚Römische Freuden‘ s.auch Blogeintrag vom 17.März 2026 und weitere)

Fünfter Sonntag nach Ostern – Rogate

Betet! – lautet der Imperativ des heutigen Sonntags und als Wochenspruch ist ihm im Herrnhuter Losungsbüchlein ein Psalmvers zugeordnet: Gepriesen sei Gott, der nicht verworfen hat mein Gebet noch seine Gnade von mir zurückzieht. (Ps.66,20)

Die Kantate, die Johann Sebastian Bach (1685-1750) für Rogate komponierte, basiert auf der Perikope des 5.Sonntags nach Ostern: Vers 23 aus dem 16.Kapitel des Johannesevangeliums: Und an jenem Tag werdet ihr mich nichts fragen. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Was ihr den Vater bitten werdet in meinem Namen, wird er euch geben. (BWV 086; uraufgeführt am 14.Mai 1724)

Der Psalm 95 ist gemäß Herrnhuter Losungsbüchlein die heutige Bibellese. Ich zitiere daraus noch die Verse 1 bis 6:

Kommt, lasst uns dem HERRN zujubeln, lasst uns zujauchzen dem Fels unseres Heils! Lasst uns vor sein Angesicht treten mit Dank! Lasst uns mit Psalmen ihm zujauchzen! Denn ein großer Gott ist der HERR, ein großer König über alle Götter. In seiner Hand sind die Tiefen der Erde, und die Höhen der Berge sind auch sein. Sein ist das Meer; er hat es ja gemacht, und das Trockene, seine Hände haben es gebildet. Kommt, lasst uns anbeten und uns neigen, lasst uns niederknien vor dem HERRN, der uns gemacht hat.

(alle Zitate nach der Elberfelder Übersetzung 2006)

Fußball- und Glaubensbegeisterung

Der 9.Mai ist der Tag, der das Ende des Zweiten Weltkriegs feiert, in der Europäischen Union ist er als Europatag bekannt, in Erinnerung an die Rede des französischen Außenministers Robert Schuman (Schuman-Erklärung 1950) soll er Frieden und Freiheit in Europa feierlich würdigen. In hiesiger Region feiern die Fans seit Donnerstagabend allerdings vor allem einen anderen „historischen Erfolg“: den Einzug des SC Freiburg ins Finale des Europapokals. Hat der französische Staatspräsident Emmanuel Macron vor wenigen Tagen beim Staatsbankett in der armenischen Hauptstadt Jerewan La Bohème vom französisch-armenischen Doppelbürger Charles Aznavour gesungen, um die Beziehung des armenischen Landes zur EU zu stärken, so singt – wenn man den Bildern und Tönen der diversen Medien Glauben schenkt – ganz Freiburg seit Donnerstagabend immer wieder neu entstandene Songs der Begeisterung: „ Wir fahren über die Alpen, nach Baku ans Kaspische Meer, nach London über den Kanal, denn Freiburg spielt international“. Jedenfalls gibt es nach dem Schlusspfiff kein Halten mehr, Scharen von Fans in weißen Oberteilen stürmen auf den Platz und in die Arme ihrer Spieler. „Kollektive Glückseligkeit“ titelt die Badische Zeitung heute auf der Dritten Seite und benutzt dabei eindeutig religiöses, ja biblisches Vokabular. Makarios – glückselig, gesegnet, das Wort im Sinne eines tiefen, umfassenden, von Gott herrührenden Glücks ist bekannt aus den Seligpreisungen der Bergpredigt. Und es lohnt, einmal im fünften Kapitel des Matthäusevangeliums nachzulesen, wer da glückselig gepriesen wird und warum. Aber lassen wir einmal den im Vers 12 erwähnten „Lohn in den Himmeln“ weg (m.E. zu oft sehr falsch verstanden) und bleiben bei dem „freut euch und jubelt“ im selben Vers. Anscheinend fällt dieses Freuen und Jubeln ja den Fußballfans leicht, ungebremst brechen sich Emotionen Bahn und knüpfen auch ein Band der Verbundenheit mit allen möglichen anderen Menschen, auch wildfremden – Hauptsache, sie jubeln für denselben Club. Warum fällt ein solches Freuen und Jubeln in anderen Zusammenhängen so schwer? Zum Beispiel auch in Zusammenhängen des Glaubens? Die Psalmdichter konnten es noch gut. Aber sie konnten auch ganz andere Sachen, weinen nämlich und schreien, heftig klagen, um Befreiung aus Ängsten und Bedrängnissen flehen. Wie wunderbar! Beides! Kollektive Begeisterungsstürme wecken in mir nämlich immer auch die kritische Vorsicht, gerade auch in religiösen Zusammenhängen, zu schnell sind manipulative Mächte am Wirken. Dabei be-geist-ere ich mich liebend gerne oder lasse mich be-geist-ern, von und in der Musik, beim Singen, in und durch Sprache, beim Lesen und Schreiben, in und von der Natur (ohne in allem Genannten besondere Kenntnisse zu haben) –  ja auch von der Begeisterung anderer für mir zunächst unbekannte oder fremde Dinge werde ich angesteckt. In der Schönheit sprachlicher Wendungen, im unfassbaren Geschehen der Musik, im sonnenberührten Reblaub tönt für mich eine Ahnung des makarios-Zustandes durch, erfahre ich eine re-ligio. Dann juble ich, oft im Stillen, oder ich sage (stumm): schau mal, Gott, oder hör mal – ja, tatsächlich ist das meist meine Art Gebet, mehr ein ständiges oder immer wieder fortgesetztes Gespräch oder Erzählen. Es war nie weg, seit meiner Kindheit. Und beinhaltet auch die anderen Dinge, die die Psalmdichter in Worte fassen konnten. Die Fragen, Zweifel, Ungereimtheiten, Ängste, Traurigkeiten. Auf jeden Fall aber Wahrhaftigkeit, so gut wie möglich.

Und jetzt? Kümmern wir uns um Europa? Die mit der weiten Sicht oder aber die Breitgesichtige? Die der als Stier auftretende Zeus schwimmend nach Kreta entführte? Oder schließen wir uns denen an, die Europa von erebu  bzw. arab = untergehen ableiten – wohlgemerkt bezogen auf die Sonne?

Nein, wir wünschen dem SC Freiburg einen hymnischen Einzug ins Europapokal-Finale und empfehlen sehr, ein Gespräch (nach) zu hören über „Glück und Gnade des Schreibens. Zur Begegnung des Menschen mit seiner Sprache“, s.Link. (u.a. ein Bischof ohne fixfertige Lösung zum Begriff Ewigkeit, großartig!)

Glück und Gnade – Ein Gespräch über Schreiben und Inspiration (SWR Kultur)

https://share.google/4admSALCl259UB4jZ

Kleine Metamorphosen

Nicht nur schließt die kleine, nahe, inhabergeführte Buchhandlung in wenigen Wochen (was geschieht mit dem Raum?), auch bei der kleinen, wenige Minuten hügelab liegenden Bäckerei konnte man eine ganze Weile nicht die drei Stufen hinauf und durch die Eingangstür treten. Zwar saß der betagte Bäcker häufig wie eh und je auf seiner Bank vor der grünen Fassade mit den weißen Schlagläden und winkte Vorbeiradelnden freundlich zu, aber auf der schwarzen Gehwegtafel fehlte die lockende Kreideschrift. Nun aber soll wieder Leben eingezogen sein, und da kleine Gartenhelfer auch einmal eine Pause, auf jeden Fall aber eine große Stärkung benötigen, machen wir uns auf den Weg. Und landen  – in Italien, genauer gesagt, in Sizilien. Sogar der Boden erinnert an Italien, das äußert genauso ein groß gewordener Jemand, der seine Augen weg von der Auslage und hinunter auf die Rauten der Terracotta- Fliesen gerichtet hat. Nicht nur der Boden, auch die durch den Laden tönende Musik spricht die passende Sprache. Was heißt, dass wir die kleine italienische Insel nicht verlassen können, ohne ein paar Stücke Sizilien mit uns zu führen. In den Tüten landen ein Cannolo und zwei Arancini, Kugel- und Kegelform sind vertreten. Ich hab‘ eine Idee, sagt die nonna, wir spielen Strand.- Jaaa, ich maak das heute machen, ist der Nicht-mehr-Purzel begeistert, angesichts der Umgebung des Rückwegs aber plötzlich verunsichert: wie geht das? – Na, wir setzen uns in den Strandkorb, essen dort und rufen laut „Schau mal, da vorne ist das Meer!“ – Eifriges Nicken des kleinen Gartenhelfers, dann doch noch leichter Zweifel: Das musst du aber auch machen, nonna!  Aber klar, sagt die nonna, ich mach‘ das!

Und später springen nicht nur Bälle, sondern auch ein paar Dreizeiler zur Auswahl vorbei:

I

Gartengehilfen.

Eidechsen im Sonnenlicht.

Kurz Lavendelduft.

II

Die Eidechse flieht.

Auf Steinen weilen Winden.

Kurz Lavendelduft.

III

Kurz Lavendelduft.

Eidechsen huschen vorbei.

Winden wurzeln tief.

IV

Eidechsen huschen.

Winden wuchern sonnenwärts.

Wohin wächst der Wind?

V

Den Mauerspalten

vertrauen die Eidechsen.

Husch, husch, verschwunden.

Vom schneeweißen Marmor und anderen Weltmaterialien

Uiuiuiiii – ist das ein Feuerwerk an Wissen, Ideen und Gedanken, das die 1980 geborene Schriftstellerin und Buchgestalterin Judith Schalansky am Abend des 6.Mai im Basler Literaturhaus zündet! Leider habe ich bisher von ihr, die auch Mitherausgeberin der wunderbaren Reihe Naturkunden (Matthes & Seitz-V.,Berlin) ist, noch nie etwas gelesen. Als ich aber in den letzten Tagen über ihr neues Werk Marmor, Quecksilber, Nebel las und sah, dass sie kurz darauf im Literaturhaus Basel zu Gast sein würde, wusste ich sofort: ich muss dahin. Aus Texten und Textfragmenten für die Frankfurter Poetik-Vorlesung (2025 Judith Schalansky: Marmor, Quecksilber, Nebel. Woraus die Welt gemacht ist) ist das Buch entstanden und auch von der Autorin selbst gestaltet worden. Woraus die Welt gemacht ist, diesem nicht gerade klein zu nennenden Thema stellt sich die Autorin mit all ihrem Einfallsreichtum, ihrem großen Hintergrundwissen, ihren fleißigen und akribischen Recherchen, ihren „Gedankengirlanden“, ihrem Sprachwitz und Humor. Judith Schalansky sei eine der geistreichsten Erscheinungen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, meint der Literaturkritiker, Übersetzer und Journalist Denis Scheck. Jedenfalls erfährt man in Basel ungeheuer geistsprühend nicht nur, woraus die Welt, sondern auch woraus und wie Schalanskys Texte gemacht sind. Die unerwartet berührende Begegnung mit einem Block aus Thassos-Marmor, berühmt für ein Weiß von frischgefallenem Schnee, ist die Initialzündung für das Triptychon der Texte, welche Buchbesprechungen mit windungsreich, überraschend, mal Essay, mal Erzählung charakterisieren und denen spielerische Präzision attestiert wird. Wer Spaß an Hieroglyphen hat, dem traut man auch zu, dass er dem Marmor lauscht, rekapituliert Schalansky eine Wahrnehmung. Die sehr gut und mit persönlichem Touch zwischen Aktion und Zurückhaltung changierende Moderatorin Jennifer Khakshouri konstatiert, dass Schalanskys Sprache sehr flüssig sei, man sei sozusagen bei Schalanskys Erleben dabei. Außerdem wisse man, dass Schalansky eine sehr gründliche Rechercheurin sei (kurze Irritation, wie heißt es richtig? J.Sch. schlägt ‚Rechercheuse‘ vor), aber wie mache man nun daraus das Geschriebene? Antwort J.Sch.: harte Arbeit. Sie arbeite immer, ihr gesamtes Erwachsenenleben lang, in der Staatsbibliothek Berlin, dem Sharoun-Bau, auch weil man sich da jeden Tag wieder an einen leeren Schreibtisch setzen könne, im Gegensatz zum Schreibtisch zuhause. Genau diese Metamorphose mache ihr ja Freude beim Schreiben : wie kann sie das Material in literarische Sprache umsetzen. Am Basler Abend ist zu erleben, dass Judith Schalansky auch beim spontanen Sprechen inhaltlich und sprachlich großartige Sätze gelingen. Und das Lesen aus allen drei Aggregatzuständen des Buches gerät ebenfalls zum Genuss: Tempo-, Rhythmus-, Stimmlagen- Artikulations- und Lautstärkenvariationen werden mühelos jongliert. Keine Fragen, nur Schlussapplaus im fast, aber nicht ganz ausverkauften Literaturhaus, in dem ich auch den Schriftsteller Alain Claude Sulzer im Publikum gesichtet habe. Fasziniert, aber auch eingeschüchtert, bleibt mir nur, das Buch und weitere von Judith Schalansky auf meine Leseliste zu setzen.

(Judith Schalansky: Marmor, Quecksilber, Nebel. Woraus die Welt gemacht ist. Suhrkamp-V.2026

(NB.: ich erinnere mich, in den 1980er Jahren für meine kleine Dissertation in Geschichte der Medizin Eugen Neter, ein Beitrag zur pädagogischen Aufgabe des Kinderarztes im Sharoun-Bau der Staatsbibliothek Berlin recherchiert zu haben)

Weiß-Blau und andere Farben

(Text vom 7./12.März 2024, überarbeitet)

In Murnau hatte sie ein Dirndl gekauft. Kein edles, schweres –  ein leichtes, baumwollenes in frischen Farben. Das Hellblau des Kleides erinnerte sie an den Sommerhimmel, wie eine einzige Schönwetterwolke quoll weiß die Bluse daraus hervor und das Band der Schürze stürzte über die Rockfalten wie ein Gebirgsbach über Felsen. Sie hatte noch nie ein Dirndl besessen und wann sie es tragen sollte, wusste sie nicht. Aber sie fühlte sich darin gut aufgehoben, fest gehalten und doch luftig frei. Vor dem Dirndlkauf hatte sie ein Grab gesucht, auf dem Friedhof bei der Kirche des Heiligen Nikolaus, von dem aus man die blauen Berge sehen konnte. Als sie vor dem Grabstein von Gabriele Münter stand, war ihr, als würden die Buchstaben des Namens sich versammeln zu einer Gestalt und wieder einziehen in das alte Wohnhaus, das über der Friedhofsmauer in der Blickachse lag und das sie kannte von farbstarken Gemälden. Unweit des Gottesackers, der sich um die Kirche schmiegte, stieg ein Schlossgebäude in die Höhe. Weiße Zacken berührten den hellblauen Sommerhimmel, der wenige Cumuluswolken bereit hielt. Sie folgte dem Weg hinauf zum Schloss, ließ sich in die Säle ziehen und nun war ihr, als wären Gabriele Münter und ihre Gefährten gerade herein gekommen, um mit ihr zu sprechen und ihr teilzugeben an ihrem Murnau. Sie saß mit ihnen am weißgedeckten Tisch, sie ging mit ihnen auf der Dorfstraße durch die Sommerhitze, sie blickte mit ihnen über das satte Grün der Wiesen dorthin, wo die blauen Berge den Horizont markierten und ein Abendhimmel die Landschaft aufnahm. Als sie die Säle wieder verließ und hinaustrat, begleiteten sie die Farben. Ein Strauß Sonnenblumen hielt seine Frische in der Mittagshitze, eine Hauswand sättigte sich am Licht, das krause Wasserblau des Staffelsees barg sich in den Grünschattierungen der Ufer.

Sie steht im Dunkel des Zimmers, öffnet die Schranktür und streicht über den Baumwollstoff. Einmal, noch sommerbraun, hat sie das Dirndl angezogen und sich im Spiegel betrachtet. Sie hat ein Foto gemacht.

„Ich denke viel an Murnau – an Euch, an den Schnee, an das Land.“ (Ödön von Horváth, 1927)

Gabriele Münter – Wikipedia https://share.google/iiU6KgKJr9vOaCkhp

(Gabriele Münter: Murnau,1908, Schlossmuseum Murnau)

Erlesen

Vollkommen überraschend, sozusagen aus dem Nichts, erhalte ich am 28.April 2026 mit herzlichen Grüßen aus dem Helmut-Schmidt-Haus eine Mail von Karina Kupsch, Managerin Content Sales & ZEIT Bücher, in der ich informiert werde, dass auch mein Beitrag zur beliebten LeserInnen-Kolumne Was mein Leben reicher macht in der ZEIT-Ausgabe 30/2019 (!) in das neue, gleichnamige, ab dem selbigen Tag zu erwerbende Kartenset aufgenommen ist (na gut, dass ich meine Mail-Adresse in der Zwischenzeit nicht gewechselt habe). Es handele sich um einen Nachdruck, zu dem ich mein Einverständnis bereits erteilt hätte. Jede Karte würde ein Zitat mit einer reflektierenden Frage (von der ZEIT auf den Rückseiten hinzugefügt) verbinden, als Impuls zum Innehalten, für persönliche Reflexion oder als Gesprächsanstoß.

Ich bestelle das Kartenset und hole es heute in meiner Buchhandlung ab. Mein Einverständnis mit dem Beitrag hat Bestand. Nicht einverstanden bin ich mit dem, was ich in der kleinen, inhabergeführten, nur wenige Minuten entfernten Buchhandlung erfahre: sie schließt nach 80 Jahren zum 30.Juni 2026. Die Inhaberin, die die Buchhandlung von ihrem Vater übernommen hatte, ist bereits seit Längerem über das übliche Rentenalter hinaus, ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin wurde nicht gefunden. Mich befällt Wehmut, hat diese Buchhandlung, die auch Schreibwaren etc. bereithält, mich doch über Jahrzehnte hinweg begleitet. Mit hervorragendem Service und immer auch angenehmen Gesprächen. Und dann schenkt mir die Inhaberin auch noch einen übrig gebliebenen Abreißkalender 2026 der ZEIT Was mein Leben reicher macht – Glücksmomente für jeden Tag …