(Spaziergang 7 siehe Blogeintrag vom 15.Mai 2026, Spaziergang 1 siehe 31.Dezember 2024)
Der 17.September bringt am Mittag spätsommerliche Wärme auf und eine Himmelsbläue, die nur von kaum kaschierenden Schleiern verfälscht ist. Hinauf! – tönt es in mir, gefärbt von Mendelssohns Walpurgnisnacht-Klängen, aber ich will nicht auf den Brocken, sondern zum Ottilienkirchlein, das verlässlich auf dem Hügel thront. Ich habe keine Eile, gehe gemächlich, die Rebstöcke links über der Himmelsmauer, die freundlich blauweiß den Schlipf stützt, sind bereits ihrer dunklen Trauben beraubt. Ein Rinnsal, dessen feuchter Ursprung sich im Hügel verbirgt, quert den Weg und spielt beim Sturz in den Gulli laut auf. Dagegen kommt der vom nahenden Herbst geschickte Windhauch nicht an, tonlos zittern die Gräser. Einzelne Brombeerranken lassen sich locker über sonnenbelichtete Kalksteinquader der nächsten Stützmauer fallen, sie klammern nicht, haben Freude am Spiel mit den Schatten. Die Kuppel aus Blattwerk, durch die der noch asphaltierte Weg führt, hat der langen Trockenheit Tribut gezollt, bemüht sich aber weiter, ihr Grün hoch oben zum sakralen Raum zu verschränken. Am Brunnen im Gewann Petris verweile ich, satt und mit Bassresonanz empfängt das Wasser im steinernen Trog den frischen Strahl. Neben dem Becken klärt Schild Nr.32a des Weiler Weinwegs über das Wasser am Tüllinger auf: eine Anzahl von Quellen gibt es, meist führen sie aber wenig oder unregelmäßig Wasser, dennoch sind sie auf klingende Namen getauft und haben bis in die 1960er Jahre die Wasserversorgung der Altweiler Haushalte übernommen. Ich bestaune das Wort Quellhorizont und dessen Vorhandensein, mit der Kalkbank zieht er um den ganzen Hügel herum und speist die meisten der das Gelände furchenden Gerinne. Dann löse ich mich vom Brunnenklang und biege auf den ansteigenden Trampelpfad ein, kein Glatthafer haucht mir heute eine Berührung in die Handfläche, aber dort am Baum sehe ich Weihnachtskugeln kräftig rot leuchten – doch nein, das sind ja Äpfel, bemerke ich und büße die Annäherung durchs hohe Gestrüpp mit üppigem Klettenbefall. Wie winzige Tierchen sitzen die Wunderwerke sandfarben mit ihren Hakenhärchen in der leichten schwarzen Strickjacke, innen und außen, denn wegen der Wärme baumelt die Jacke lose an den Beinen herunter, nur von verknoteten Ärmeln gehalten. Noch lange werde ich zupfen, tupfen und rupfen, bis ich mich der Winzlinge wieder entledigt habe. Die schlaffen Blätter eines Kirschbaums sind auch befallen, schwarze Flecken und gestanzte Löcher zeugen von der Schrotschusskrankheit. Plötzlich taucht rechts im strohiggrünen Einerlei schüchternes Violett auf, zwei Herbstzeitlose sind es, die die ausgedörrte Erdkrume durchbrochen haben, die safrangelben Staubbeutel sind gar nicht schüchtern, sondern übertrumpfen die Sonne. Jetzt bin ich bei den drei Zinkgießkannen, aber ach, die dritte hat ihr Brausemundstück verloren und muss sich gegenüber den Schwestern hängen lassen. Gräser, Blätter, Äste und Stämme verwirren sich im Waldstück neben dem Treppenaufgang, der mich schließlich auf den Kies des Kirchenvorplatzes entlässt. Auf der Sandsteinmauer liegen sonnengeschriebene Buchstaben wie Spiegelschrift – ja, Ziel in Sicht und der Atem fliegt über die tiefliegende Ebene zu den Höhenzügen, die drei Ländern angehören. Ich trete ins Kirchlein ein, sofort umarmt mich ohrenfüllende Stille, niemand ist hier, nur ich und wohl der, der mir aus Gewandfalten weit gebreitete Arme und durchbohrte Hände entgegenstreckt. Ich setze mich eine Weile, das Buntglas der beiden Fenster malt flirrende Reflexe an die Wand, dann trete ich vor in den Altarraum, in der alten Bibel ist heute das Buch des Propheten Jeremia aufgeschlagen, es geht um Nebukadnezar und um solche Propheten, die falsch sprechen und Wahrheit nur täuschen, gehorchet ihnen nicht, heißt es da und denn also spricht der Herr Zebaoth. Die drei Jungfrauen weiß ich unverändert an der Rückwand der leeren Grabnische, wende mich aber nun einem Stehpult zu, das ein neues Besucherbuch trägt, meine früheren Einträge finde ich nicht mehr. Auch ein Angebot Zum Innehalten liegt bereit, ich blättere durch Gebete, Texte, Meditationen, gleich zu Anfang ein Gedicht von unbekanntem Autor: Der alte Brunnen spendet leise/sein Wasser täglich gleicherweise./Ich möchte diesem Brunnen gleichen,/was in mir ist, stets weiterreichen lautet die erste Strophe, auf der nächsten Seite folgt Psalm 23 auf Mt 11,28 Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken und weiter hinten lese ich Friederike Mayröckers Rhapsodie: Ich lasse Dich nicht Du segnest mich denn/Ich lobpreise ich lobsinge/ich lobe Dich in Deinen Monden in Deinen/schmalen wiegenden messingfarbenen Monden/die meine Nacht klar machen/Ich lobe Dich ich preise Dich in Deinen/Sonnen die übereinanderwogen in Deinen/ dürstenden Horizonten… Textgesättigt bin ich nun, noch immer allein, ich löse mich vom stillen Raum, auf dem Vorplatz trifft eine Kindergruppe ein, „ich seh‘ Basel“ ruft eine helle Stimme, „guckt mal, dass ihr Kastanien findet“ mahnt die einer Erwachsenen, Schulranzen werden an den Fuß der Sandsteinmauer gelehnt, fast alle sind blau, schnelle Schritte bringen den Kies durcheinander und unter den ausladenden Ästen der alten Kastanien, die Laub und auch Früchte noch halten, werden erste Sammlungserfolge gemeldet. Von einer Bank zur Linken erreicht mich Zigarettengeruch, verdünnt in der Septemberluft gefällt mir seine Würze gut und ich nehme einen tiefen Atemzug, bevor ich meinen Weg Richtung Westen fortsetze.













