Das Signalrot der Rhätischen Bahn empfängt die kleine Truppe, hinterm Gebäude legt die Bahn gerade einen Halt ein, vorm Gebäude wirft eine metallene Tonne das rote Signal zurück. Wer am Abend mitkommen möchte ins eine halbe Fahrstunde entfernte Kino, ging die Frage im Kurszimmer der Chasa Misoch, und da wir schon länger von Titel und Trailer des Films angezogen sind, besetzen Teilnehmende der Schreibschule Sent vier der fünfundzwanzig bequem türkisgrün gepolsterten Stühle des Cinema Staziun an der Haltestation Lavin der Rhätischen Bahn. Sie glauben an Engel, Herr Drowak? fragt der Filmtitel und wir fragen uns, ob er die Frage weiterreicht, ob Herr Drowak oder wir in Fragen und vielleicht Antworten eintauchen. Geht es doch im Film auch um das Schreiben. Zunächst einmal tauchen wir auf 1431,70 Meter über dem Meer in die holzgeprägten Atmosphären der Staziun Lavin ein, der Wartesaal ist ein Bistro und das Bistro ein Wartesaal, heißt es auf der Website, und dass der Saal noch immer den Hauch der Bahnpioniere aus der Gründerzeit 100 Jahre zuvor atme. Der Saal ist für uns ein heimeliges Sälchen, an drei Tischen verwöhnen handverlesene regionale Köstlichkeiten die Gäste, ab und an ergänzt durch „Nahrung für den Geist“: Lesungen und Spoken-Word-Veranstaltungen. Die Theke fungiert auch als Kinokasse, außer Getränken kann man sich mit dem kinoüblichen Popcorn in den Varianten süß und salzig versorgen. Wir wechseln in den Schopf, in dem die Stühle so auf Holzpodeststufen platziert sind, dass jeder und jede gut auf die nahe Leinwand sehen kann, buna saira, guten Abend, die meisten kennen sich, es ist, als träfe man in einem Wohnzimmer zusammen. Schwarzweiß kommt der Film daher, nur in gewissen Sequenzen der im Schreiben auftauchenden Erinnerung wird die Farbe einfallen. Als Tragikomödie, gelegentlich sogar als Komödie/Romanze wird das Spielfilmdebüt des Schweizer Dokumentarfilmers Nicolas Steiner schubladisiert, nun denn. Lars Eidinger (geb.1976) jedenfalls spielt komödiantisch, clownesk, das ganze „Amt für Ruhe und Ordnung“ ist eine einzige, überladene Karikatur (mit durchaus gut beobachtetem Bodensatz). Bei der „nagelneuen Maßnahme: tolerant und gewaltfrei durch Kreativität“ ist ein Scheitern nicht vorgesehen, für die Kategorie Schreiben hat sich nur ein Mensch eingetragen, der von Karl Markovics (geb.1963) dargestellte Alkoholiker und Misanthrop Drowak. Luna Wedler (geb.1999) als Schreibtrainerin Lena Jakobi mischt den Lebensrest auf, in dem er sich eingerichtet hat. Hauptdarsteller des surrealen Films (skurrile Einfälle gibt es mehr als genug) sind vor allem auch die repetitiven Muster, die aus allem gebildet werden, aus Gebäuden zum Beispiel und leeren Flaschen – außerdem die Schauplätze, es treten uns gut bekannte auf: die Roche-Türme und auch die Schwebebahn (die sich hier allerdings kurvig verbiegt), dazu noch eine Basler Bühne, die wir nicht kannten: eine Passerelle, im Volksmund Basler Schnägg genannt. Der Film ist eine deutsch-schweizerische Koproduktion, das Drehbuch schrieb die deutsche Schriftstellerin Bettina Gundermann, gedreht wurde in Basel, Freiburg i.Brsg., Rottweil, Köln und Paris. Ja, und dann sind da noch die Ratten, ebenfalls in wichtigen Rollen, aber nicht als Boten der Seuche wie in Camus‘ Pest, sondern als bedrohliche Akteure der alkoholbedingten Halluzinationen. Und was ist nun mit unserer Engelsfrage? Tja, die überlassen wir mal allen, die bis zum Ende des langen Films durchhalten. Wir indessen legen auf der Rückfahrt erst einmal die Beklemmung zur Seite und freuen uns auf den nächsten Kurstag in der Schreibschule Sent.











