
Das gerahmte Schwarz-Weiß-Foto der Isola San Giulio (Ortasee, Piemont) hing in meinem Elternhaus über der Telefonablage in der Diele. Auf der an der Wand angebrachten Ablage stand das beige Telefon, erst noch mit Wählscheibe, später hatte es eine Tastatur, immer aber eine lange Schnur, so dass man es von der Ablage nehmen und sich damit ein Stück entfernt auch hinsetzen konnte. Oft saß dann vor allem die Mutter auf dem einfachen, dicken Teppich in der Diele mit dem Telefon im Schoß, die Beine ausgestreckt, so milderte sie ihre Müdigkeit. Sie war als Gesprächspartnerin im Dorf und darüber hinaus sehr gefragt, nicht nur am Telefon und nicht nur als Frau des Bürgermeisters. Der Blick auf die Isola San Giulio war der Blick auf einen Sehnsuchts- und Familienort und ein Blick in frühe Zeiten. Bereits als Verlobte war sie mit dem Vater auf der Mauer des Sacro Monte gesessen im grünen 50er-Jahre Sommerkleid, hatte auf die Isola, den See und die dahinter liegenden Hügel geschaut. Auch ihre Eltern waren dabei gewesen, auf einem vom Verlobten aufgenommenen Foto stehen Eltern und Tochter glückselig auf dem Treppenbalkon des Rathauses von Orta. Die Isola San Giulio blieb ein Familienort, über viele Jahre traf sich dort die Großfamilie in wechselnder Zusammensetzung und zu wechselnden Zeiten, auch im noch kühlen Frühjahr, das dennoch den Süden versprach. Der Fährmann Mario schipperte Kleine und Große von Orta aus hinüber zur Insel und holte sie auch wieder, wenn Abschied genommen werden musste. Ich weiß noch, dass ich als Kind immer das Gefühl hatte, die Insel gehöre uns, auf jeden Fall gehörte sie zu uns. Die Großeltern blieben meist länger, viele Wochen, auch die Schreibmaschine des Großvaters wohnte dann auf San Giulio.
Das gerahmte Schwarzweiß-Foto habe ich in eine Vitrine des Raumes gestellt, den ich beginne, mein Schreibzimmer zu nennen. Auf meiner inneren Liste steht: Orta, Sacro Monte, Isola San Giulio in Farbe vor Ort erleben!
(siehe auch Blogeinträge vom 28.Februar und 17.März 2025)




















