…tönt es in der Tram nach Basel und bei der Konzerteinführung im Vortragssaal des musikwissenschaftlichen Seminars wird man mit einem weiteren eleganten Helvetismus empfangen: schön, sind Sie so zahlreich erschienen. Schön, sind Sie da, hieß es beim vorigen Mal und ich bedaure fast, dass bereits ein paar Meter über der Grenze diese Wendungen so nicht zu hören sind. Ist es nicht hübsch, wie man sie verstehen kann, wenn man im Gesprochenen das Komma nicht mithört? Also nicht nur: schön, dass Sie mit uns unterwegs sind, sondern auch: Sie sind mit uns schön unterwegs oder gar: Sie sind schön! Und mit uns unterwegs.
Schön unterwegs (und dazu noch zahlreich, in der ausverkauften Peterskirche) war man denn auch beim Hauptkonzert Nr. 7 des Erasmus klingt!-Festivals mit VOCES 8, dem gefeierten A-cappella-Oktett aus Großbritannien, man reiste mit den wundervollen acht Stimmen nicht nur durch Zeiten, sondern auch durch Orte.
Unter dem Titel Metropolis kam man in Venedig, München, Paris, London, Reykjavik, Talinn, Oslo, Helsinki, Rom, Leipzig, Wien, Liverpool und New York vorbei – ach nein, man kam nicht nur vorbei, sondern tauchte in die Klangatmosphären der Städte ein, wobei gemäß Programmstationen New York zweimal (mit The Sound of Silence und I Get a Kick Out of New York), Paris sogar dreimal vertreten war mit Pater Noster von Igor Stravinsky (1882-1971), Dessus le marché d’Arras von Orlando di Lasso (1532-1594) und April in Paris von Vernon Duke (1903-1969)/Yip Harburg (1896-1981). Für Rom stand das Magnificat Primi Toni von Giovanni Pierluigi da Palestrina (1525-1594), für Venedig Giovanni Croce (1557-1609) mit Buccinate in Neomina Tuba, ein Umstellen der wenigen Ensemblestimmen erinnerte an die im Markusdom üblichen ‚cori spezzati‘ (mindestens zwei Chöre sangen von gegenüberliegenden Emporen). Orlando di Lasso vertrat mit dem Gloria aus der Missa Bell’ Amfitrit’ Altera auch München, wo er lange lebte und auch begraben liegt. Deutschsprachig stellten sich Leipzig mit Denn er hat seinen Engeln befohlen über dir von Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809-1847) vor sowie Wien mit Liebe von Franz Schubert (1797-1828). Und wer wohl nahm einen mit nach Liverpool? Natürlich die Beatles mit einem 1994 von den verbliebenen Pilzköpfen wieder aufgegriffenen Demo-Tape aus 1977 des 1980 ermordeten John Lennon Free as a bird (arr. Jim Clements 1983).
Zwischen den Stationen fungierten die Ensemblemitglieder als humorvolle ReiseführerInnen mit profunden Kenntnissen. Und so verflog die pausenlose Reisezeit (aus einem Brief des oft unfreiwillig reisenden Erasmus lesend eingeleitet von Alain Claude Sulzer „ich bin dort zuhause, wo meine Bibliothek ist“, „einzig und allein Italien habe ich freiwillig besucht“) schneller als den Mitreisenden lieb war. Aber irgendwann wollte das Oktett weder den Reisegefährten noch sich selbst weiter seinen „Smell“ zumuten, denn passend zum Viaggio-Thema des Festivals, bei dem es auch ein Konzert mit dem Titel Arie di Baule – Kofferarien gegeben hatte, waren zwar die Melodien, aber nicht die Koffer mit den VOCES mitgereist, British Airways sei’s gedankt, das Oktett musste „casual“ auftreten. Ein Reise- Surplus ließ sich dann doch noch bei den standing ovations erklatschen: Come, fly with me (to the moon).
(Das Surplus, ein Arrangement von Alexander L’Estrange der Songs ‚Come Fly with me‘ und ‚Fly me too the moon‘ kann man auch in mehreren YouTube-Videos von VOCES 8 anhören und ansehen, 18.11.2022,05.06.2025,30.01.2026 – viele weitere wunderbare VOCES 8- Videos auch)











