Erste Tuchfühlung mit Cezanne

Bis zum 25.Mai sind in der Fondation Beyeler 58 Ölgemälde und 21 Aquarelle von Paul Cezanne (1839-1906) zu erleben. Ich habe heute mit der Kontaktaufnahme begonnen. Das Saalbooklet erwähnt außer den schwierigen künstlerischen Anfängen auch die Schulfreundschaft zum späteren Schriftsteller Émile Zola und den engen Austausch mit Camille Pissaro in den 1870er Jahren, der zur Entwicklung des Malstils beitrug, durch den Cezanne Berühmtheit erlangte. Außerdem erklärt das Heft mir, warum in der Ausstellung die Schreibweise „Cezanne“ ohne Accent verwendet wird: weil der Künstler selbst so signierte und inzwischen die Nachkommen und die Société Paul Cezanne für die originäre Schreibweise plädieren. Und gleich in Saal 1 begegnet mir Monsieur Cezanne, ohne und mit Palette, auf der schon die nebeneinander gesetzten Farbflecken auf die eigensinnige Maltechnik hinweisen – erst beim Betrachten setzen sie sich zu einem farbigen Gefüge zusammen. Monsieur Cezanne nannte sie „taches“ – wohlgemerkt ohne Circonflexe. Saal 2 versammelt zwölf Variationen des Sujets Tisch/Tischdecke/Krug/Obstschale/Obst, drei davon enthalten ein- und denselben grauen Krug, der Ingwertopf auf dem 1890-1893 gemalten Fruit et pot de gingembre ist aber ein anderer und in ein sehr weitmaschiges Netz zum Transportieren gebettet. Eine Nature morte avec pot et fruits aus der Sammlung O.Reinhart „Am Römerholz“, Winterthur, wohl von 1890 und wohl unvollendet geblieben, wird im Booklet gewürdigt mit dem hohen künstlerischen Wert des Fragments, der „Möglichkeit des Werdens“ im „Prinzip des non-finito“, welches „bereits in der Renaissance als Kunst der gezielten Andeutung geschätzt“ worden sei. Das Gemälde hat für mich eine große Schönheit, wie da so der Obstteller, die beiden Birnen, der helle, modern anmutende Krug in der weißen Leere der unbemalten Leinwand schweben und die lediglich angedeutete Tischdecke gerade nur diesen wenigen Dingen einen gewissen Halt zu geben scheint. Umso deutlicher sprechen die Dinge und die Betrachtenden können dem Ensemble Umgebungen ihrer Wahl geben oder auch nicht. Das erinnert mich auch an eine Aussage von Iris Wolff zu ihrer Art zu schreiben, dass sie nämlich nicht immer alles auserzählen, sondern an den Rändern offen lassen wolle. In Saal 6 kommt eine der vielen Variationen des Motivs La Montagne Sainte-Victoire vue des Lauves (um 1904, Privatsammlung, Derbyshire) auch mit wunderbar wenigen, sogar zart anmutenden Pinselstrichen und sparsamer Farbgebung auf weißem Hintergrund aus. Dass Cezanne das Weiß auch gestalten konnte und wollte, davon zeugt das Portrait seines Pariser Kunsthändlers Ambroise Vollard, der 140 Sitzungen hatte über sich ergehen lassen müssen, bevor Cezanne zufrieden war mit der Darstellung des weißen Hemdes. Es ist nur der Ausschnitt des Hemdes, der zu sehen ist, aber der leuchtet nun wunderbar heraus aus dem Braun der Weste und des Jacketts, unter dem Dunkel der Fliege und des Vollbarts (und besteht natürlich nicht nur aus Weiß). Saal 3 beherbergt ein weiteres häufig gemaltes Motiv in mehreren Varianten: Le jardinier Vallier. Das Begleitheft weiß, dass Cezanne zu seinem Gärtner eine besondere Beziehung unterhielt, war doch Vallier nicht nur ein Pfleger von Cezannes Garten, sondern auch einer des Künstlers selbst (der an Diabetes erkrankt war). Noch wenige Tage vor seinem Tod hatte Cezanne an einem Portrait gearbeitet, das den Gärtner auf der Terrasse zeigt, wobei er die Gesichtszüge des Portraitierten immer nur unscharf wiedergab. Auch auf dem in Saal 8 ausgestellten aquarellierten Portrait Valliers ist das so (um 1906, Aquarell und Grafit auf Papier, Privatsammlung). Rainer Maria Rilke hatte sich zu den Aquarellen Cezannes 1907 in einem Brief an Paula Modersohn-Becker so geäußert: „eine Reihe von Flecken, wunderbar angeordnet und von einer Sicherheit im Anschlag: als spiegelte sich eine Melodie“.

Flecken, Melodien oder etwas ganz anderes kann jeder, der möchte (ohne Altersgrenzen, unter 12-Jährige jedoch mit Begleitperson), ausprobieren beim eigenen Kreativwerden im Aquarellatelier, das mehrere Stunden täglich alle benötigten Materialien, Werkzeuge und – falls gewünscht- auch Anleitung bereithält. Inspiriert vom Ausstellungsbesuch und angetan vom unkomplizierten Angebot haben sich schon viele anstecken lassen. Ich hebe es mir für eine weitere Cezanne-Begegnung auf und schaue noch ein wenig im Garten der Fondation umher – und was entdecke ich da: auch er ist farbfleck- infiziert , äh – inspiriert!

(Cezanne, Fondation Beyeler, CH-Riehen, bis 25.Mai 2026)

Gute Dinge

1 Wenn Büroaufstellerausflugstage leuchtend blaue Überraschungen bereithalten, wartet man gespannt (und keineswegs blauäugig) auf das Eintreten der Prophezeiung

2 Auf anderen Schreib-Schreibtischen warten bereits gute Dinge. Zum Beispiel das Herbstgeschenk, das eine Freundin aus Ligurien brachte. (Natürlich musste ich recherchieren, wer G.Tsukiyama ist: wohl die in San Francisco geborene Autorin Gail Tsukiyama, Tochter einer chinesischen Mutter aus Hongkong und eines japanischen Vaters aus Hawai. Sie studierte an der San Francisco State University Kreatives Schreiben und war dort auch als Lektorin für Kreatives Schreiben tätig)

Römische Freuden 7

(Römische Freuden 1 bis 6 siehe Blogeinträge vom 20.01., 21.01., 27.01., 30.01., 03.02. u. 06.02.26)

…, gepredigt hatte auch der 24-jährige Theologie-Doktorand, auf Deutsch und in der evangelisch-lutherischen Christuskirche in der Via Sicilia, und sie hatte seinen Worten gerne gelauscht, auch in der Casa delle diaconesse, wenn sie ihm Pudding gebracht und Gespräche über Gott und die Welt geführt hatte, oder wenn sie an manchen Abenden mit ihm zu Fuß in die Chiesa Sant‘ Ignazio zum Orgelkonzert gelaufen war, über die Piazza Navona und vorbei am Pantheon,

zur Chiesa Sant‘ Ignazio, einer mit dem Jesuitenkloster verbundenen großen Barockkirche, die -wie sie am Donnerstag, den 10.November geschrieben hatte – zur Feier der Heiligsprechung des Hl.Ignatius von Loyola errichtet worden war, mit einer faszinierenden Vielfalt an Deckengemälden und Fresken, und sie war unter der nur gemalten Kuppel gesessen, was ihr zu verdeutlichen schien, dass Größe bisweilen nur vorgetäuscht und Schein ist,

sie hatte die Besucher beobachtet, darunter auch viele junge, alle waren ihr weniger steif vorgekommen als Konzertbesucher in Deutschland, lasen sie doch bis zum Konzertbeginn auch in der Kirche Zeitung, der Organist des Abends war Eugen Grossmann, wie sie notiert hatte, und das Orgelkonzert eines aus dem Aufführungs-Zyklus der Orgelwerke von Johann Sebastian Bach,

und sie hatte geschrieben, dass der Klang der Orgel einen großen, weiten, unwahrscheinlich schönen Raum schaffen würde, in den man hineingenommen und in dem gleichsam alles in einem mitschwingen würde, es wäre die Hingebung der Musik an den Menschen und des Menschen an die Musik, es gäbe keine Trennung mehr, vielmehr würden Mensch und Klang eins,

mit der Ausbreitung der Töne im Kirchenraum würde man eine Dimension erlangen, die einem sonst versagt sei, und dann hatte der Organist als Zugabe noch einen ihrer Lieblingschoräle angestimmt „O Haupt voll Blut und Wunden“ und bei der zweiten Zugabe, einem wahren Orgelsturm, hatte sie unter der Kuppel der Klänge ob der Gewaltigkeit des Instruments ein Zittern empfunden,

und eine Woche später hatte sie wieder in einer Kirchenbank von Sant‘ Ignazio beim Orgelkonzert gesessen und danach in ihrem Tagebuch ein Zitat von Max Frisch festgehalten, das sie gerade im Brief einer Freundin gelesen hatte „Glück als das lichterlohe Bewusstsein: diesen Anblick wirst du niemals vergessen“ , Augenblick, hatte die Freundin aber geschrieben, und sie hatte das bekräftigt und ergänzt mit „es ist wirklich so, aber es ist noch mehr als das“,

im Dezember aber, an ihrem Geburtstag, war sie mit dem Theologie-Doktoranden über die Via Cola di Rienzo zum Petersplatz gelaufen, hinaufgestiegen in die Peterskuppel und hatte vom Dach des Domes heruntergeblickt auf die Umarmung der Piazza durch die Bernini-Kolonnaden und sich über die adventliche Losung zum Tag ihres 19. Geburtstages gefreut,

die der 24-Jährige ihr auf die Karte mit einem Motiv aus den Priscilla-Katakomben geschrieben hatte: „Ich will dem Herrn singen, denn er hat Herrliches getan. Der Herr ist meine Stärke und mein Lobgesang und mein Heil. Das ist mein Gott, ich will ihn preisen, er ist meines Vaters Gott, ich will ihn erheben“, ein Wort aus dem Buch Exodus,

und das liturgische Blatt „Infra Hebd. iii. Adventus“, dem die Karte beigegeben war, würde sie von da an durch ihr Leben begleiten mit seinen roten Notenlinien, mit den schwarzen Noten und Buchstaben der Antiphon „Nolite timere, quinta enim die veniet ad vos Dñs noster“, ohne dass sie beim ersten Blick darauf Künftiges hätte erahnen können,

ohne dass sie beim ersten Entrollen hätte wissen können, dass sie Jahrzehnte später dem Schenkenden einmal wieder begegnen würde und noch einmal sein gesprochenes Wort hören konnte in der Studienstadt ihres Nachkommen, wo der Theologieprofessor auch ab und an predigte in einer Peterskirche, …

(Fortsetzung folgt)

(die kursiv gesetzte Wendung im Text findet sich auch in Friedrich Christian Delius: Bildnis der Mutter als junge Frau, Rowohlt TB-Verlag, 3.Aufl.2010)

Pinocchio oder Die Geschichte vom hölzernen Bengele

Bleiben wir im Italienfieber. Das uns schon früh befallen hat. Oder uns eingeimpft wurde. Auch Lektüren trugen dazu bei. Die man uns früh überreicht hat. Wie zum Beispiel Die Geschichte vom hölzernen Bengele, die in Italien allen Kindern bekannt war und hoffentlich noch ist. „Nenne einem italienischen Kinde Pinocchio, und seine dunklen Augen schauen zu dir empor im leuchtenden Glanz der Freude, hast du ihm doch den Namen eines Freundes ausgesprochen. Alle kennen ihn, den allzeit lustigen hölzernen Kleinen.“- heißt es im Vorwort zur ersten Auflage der deutschen Übersetzung des Pfarrers Anton Grumann (Florenz, Juli 1913). Die Eltern schenkten mir die 1968 im Herder-Verlag erschienene und mit zart colorierten Zeichnungen versehene vierundachtzigste Auflage der deutschen Fassung zum zehnten Geburtstag. „Ein Holzscheit, das sprechen, lachen und weinen kann“ ist die Überschrift des ersten Kapitels, das so beginnt: „Es war einmal… ‚Ein König!‘ – meinen gleich die klugen Leser. Aber diesmal, Kinder, habt ihr weit daneben geraten. Es war einmal: ein Stück Holz, ja ein ganz gewöhnliches Holzscheit!“ Ich erinnere mich, dass es wohl vor diesem Geschenk schon ein Bilderbuch gab mit Pinocchio und Geppetto, die Illustrationen sind mir noch genau im Kopf. Der Name Pinocchio ist zusammengesetzt aus dem italienischen Wort pino (Kiefer/Pinie), der Verniedlichungsform von pinco, was (nicht nur, aber auch) Trottel bedeutet, und occhio (Auge). Der italienische Schriftsteller und Journalist Carlo Collodi (1826-1890) schrieb die Geschichte, die zunächst ab 1881 in der Kinderzeitschrift Giornale per i bambini in Rom erschien, im Jahr 1883 kamen dann die gesammelten 36 Episoden Le Avventure di Pinocchio. Storia di un burattino erstmals als Buch heraus. Der Entwicklungsroman implizierte pädagogische Absichten. Collodi schaffe es „die kindliche Perspektive in der Erzählung sprachlich und inhaltlich lebendig und humorvoll zu vermitteln“, zitiert Wikipedia eine Quelle, zudem würde er immer wieder hintersinnige Pointen setzen, die sich erst durch „Close Reading“ erschlössen (und schon haben wir wieder etwas gelernt – nämlich, was mit dem Fachausdruck Close Reading gemeint ist). Die Geschichte vom hölzernen Bengele wurde in über 260 Sprachen übersetzt, womit sie auf Platz 3 rangiert hinter der Bibel und Saint -Exupérys Der kleine Prinz. Carlo Collodi, der sich auch für die Unabhängigkeitsbewegung Italiens (Risorgimento) einsetzte, hat übrigens den sehr großen Erfolg seines Pinocchio nicht mehr miterlebt. Aber : „Der Hampelmann hatte sich völlig verändert und lebte ein neues Leben.“ Und warum das? Weil : „Die langen Abende benutzte der fleißige Kleine, um noch besser lesen und schreiben zu lernen.“  (s.S.248 meiner Ausgabe von Die Geschichte vom hölzernen Bengele. Herder, Freiburg-Basel-Wien, 84.Aufl.1968)

Interview im Kochdunst 2

(Text vom 8.Februar 2026)

Sagen Sie mal, liebe Frau A., mir kam zu Ohren, dass sie wieder Vegetarier zu Besuch hatten oder wie lautet das jetzt, wenn man wirklich alle einschließen will, ich meine, nicht nur m, w und d? – Na, ich hoffe, es heißt nicht Vegetierende. Und ich staune, was Ihnen immer alles so zu Ohren kommt.- Tja, ich halte halt die Ohren offen, und auch die Augen sind nicht im Modus eyes wide shut. Also? – Also was?-  Ja, was haben Sie in ihre Kochtöpfe geschmissen, ohoh, Entschuldigung, ich meine natürlich, welchen Ingredienzien haben Sie einen gebührenden Auftritt verschafft? –  Jetzt bin ich aber froh, dass Sie die Formulierung geändert haben, ich merke, wir lernen dazu. Wie schön, ich liebe nämlich Lernen. – Sie lieben Lernen? Wir hatten‘ s ja schon davon, ich staune, was Sie alles lieben.  –  Dann staunen Sie mal weiterhin, bleiben Sie ruhig dabei, ich liebe nämlich auch das Staunen. Kinder können das so gut, ein wahrer Genuss, da mit zu staunen. Staunen, staunen, staunen – hm, je öfter ich das Wort schreibe, äh sage, desto komischer kommt mir das vor, naja, der Schweizer A.v.Haller hatte es im 18.Jahrhundert in die Literatursprache eingeführt, „stünen“ war eigentlich das in Gedanken versunkene Vor-Sich-Hin-Blicken, aber wir wissen ja zum Glück, wie wir‘s jetzt meinen. Lernen lieb ich übrigens nur als Freelancer, huch, Freelancerin, also nur, wenn ich mich grad einfach so mit Sachen beschäftigen kann, die mich begeistern, gepaukt hab ich wahrlich schon genug. – Okay, wenn Sie meinen, aber nun haften Sie doch bitte nicht wieder an Nebenschauplätzen, sondern heben endlich die Topfdeckel. – Jaja, gemach, gemach und bitte Vorsicht, der Dampf ist noch heiß, verbrennen Sie sich nicht!- Danke, ich weiß Ihre Umsicht zu schätzen, aber ich halte nicht nur immer Augen und Ohren offen, sondern auch ausreichend Abstand. – Ah, na dann. Also, wir sind ja gerade im Italienfieber, wegen Winterolympiade und ohnehin auch so, deswegen gibt es einen Risotto, zum Beispiel mit Bio- Carnaroli Reis. – Perfetto, liebe Frau A. Das haben Sie sich gut ausgedacht. Und wen schicken Sie mit den rundlichen Reiskörnchen auf den Laufsteg?  –  Hm, ich dachte, wir bleiben im grünen Bereich. – Grün finde ich gut, hat irgendwie was mit Garten zu tun. – Meinen Sie? May be. Jedenfalls, schauen Sie, hab ich einen großen Zucchetto genommen, ihn gewürfelt und ein wenig in Olivenöl angedünstet. Dazu hab ich dann die Brokkoli-Röschen gegeben, die ich zuvor in Gemüsebrühe kurz al dente gegart habe. – Kalos, äh gut und auch schön, aber wo bleibt denn der Reis? – Der köchelt hier schon vor sich hin in seiner Brühe, nachdem die Körner sich erst in einer Olivenöl-Butter- Mischung etwas warmlaufen durften mit einer großen Zehe (frischen Knoblauchs, meine ich) – eine Schalotte mogelte sich noch dazwischen – bevor ich alle Teilnehmenden mit frisch gepresstem Zitronensaft und einem kräftigen Schluck trockenem Weißwein gestärkt habe für ihren weiteren Auftritt. Ein bisschen Schminke war noch nötig: Kräutersalz, weißer Pfeffer, gemahlener Koriander, für hübsche Locken schließlich Lauchzwiebelröllchen. Das grüne Gemüse hab ich erst zum Schluss ins Rennen geschickt, damit es nicht vorzeitig schlapp macht. Oder mal im Klartext: ich hab es erst unter den Risottoreis gehoben, als der schon unter Nach – und – Nach – Zugabe von Gemüsebrühe seine cremig-sämige Konsistenz erreicht hatte. – Hm, ja, I see with eyes wide open, zudem gelangt auch etwas in meine Nase und von da weiter nach oben. Dennoch fehlt mir was. -Du lieber Himmel, es soll Ihnen doch an nichts mangeln, lieber Herr Spürnase! Sie wissen doch: auf grünen Auen, am bereiteten Tisch et cetera! Was fehlt denn?  – Ja, also von wegen Italienfieber: es ist das Rot, das Rot fehlt zur Tricolore! – Ma certo!!! Wir streuen!!! Ein paar Chiliflocken hinein und dann toppen wir das Ganze mit dem Grün der glatten Petersilie und mit den roten Gespinsten der Chilistrings!! – Aaaaah, sono contento. – Benissimo, wenn Sie das sind, dann bin ich’s auch, contenta, meine ich. Und jetzt: buon appetito, im grünen Bereich, zu dem wir unbedingt auch die Servietten zählen.
 

Zweiter Sonntag vor der Passionszeit – Sexagesimae

Gemäß Herrnhuter Losungsbüchlein lautet der Wochenspruch für die beginnende siebte Kalenderwoche Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verhärtet eure Herzen nicht wie in der Erbitterung. Er steht im dritten Kapitel des Hebräerbriefes (Vers 15), ist ein Zitat aus dem 95.Psalm und findet sich auch bereits in Vers 7 von Hebr.3.

Der ausgeloste Tagesvers steht in Psalm 126 (Vers 3), ich zitiere den gesamten Psalm nach der Elberfelder Übersetzung:

Als der HERR die Gefangenen Zions zurückführte, waren wir wie Träumende. Da wurde unser Mund voll Lachen und unsere Zunge voll Jubel. Da sagte man unter den Nationen: der HERR hat Großes an ihnen getan! Der HERR hat Großes an uns getan. Wir waren fröhlich! Bringe zurück, HERR, unsere Gefangenen gleich den Bächen im Südland. Die mit Tränen säen, werden mit Jubel ernten. Er geht weinend hin und trägt den Samen zum Säen. Er kommt heim mit Jubel und trägt seine Garben.

(morning reflections)

Gen Süden

lautet die Überschrift eines Kapitels von „Italien, eine Liebeserklärung in Bildern und Gedichten“, ein anderes Kapitel heißt „Alle Wege führen nach Rom“. Mit den Kapiteln reist man im Reclam-Band vom Norden Italiens immer weiter Richtung Süden und kommt dabei auch in Rom vorbei, begleitet wird man von vielen Dichtern und Dichterinnen, Hugo von Hoffmannsthal, Johann Wolfgang Goethe, Rainer Maria Rilke, Nora Gomringer, Nora Bossong, Ulla Hahn, Conrad Ferdinand Meyer, Ingeborg Bachmann, Marie Luise Kaschnitz, Jan Wagner u.a. Die den Gedichten zugeordneten Gemälde bieten Visualisierungen zu den Textinhalten. Ich hatte das schön gestaltete Buch einmal in einer Buchhandlung in der Hand, mir aber versagt, es zu kaufen. Umso größer die Überraschung und Freude, als C.E.F. es mir im Dezember schickte.  „Römische Spuren. Goethe und sein Italien“ von Roberto Zapperi hingegen habe ich mir selbst geschenkt. Eine kräftige Prise Vorfrühling lockte heute zur Lektüre hinaus auf die Terrasse und versprach Italien-Geschmack. Das Versprechen wurde gehalten.

(NB.: ich hätte mir gestern im San Siro eine andere Sängerin oder einen anderen Sänger für „Volare – Nel blu dipinto di blu“ gewünscht. Domenico Modugno gewann mit dem Lied in meinem Geburtsjahr den Wettbewerb des Sanremo-Festivals. In meiner Kindheit war mir wegen Vorlieben alter Verwandter vor allem Peter Alexanders eigentümliche Cover-Version „Bambina“ zu Ohren gekommen)

(Italien. Eine Liebeserklärung in Bildern und Gedichten. Hrsg. von Hannes Fricke. Nachwort von Stefan Ulrich. Philipp Reclam jun. Verlag GmbH 2025)

(Roberto Zapperi: Römische Spuren. Goethe und sein Italien. C.H.Beck, München 2007)

Römische Freuden 6

… sie hatte den Weg zu der anderen deutschen Insel, zur Kirche in der Via Sicilia aber auch oft zu Fuß zurückgelegt, war vom Diakonissenheim nach links Richtung Tiberbrücke abgebogen, hatte die kleine Parkanlage vor der Brücke passiert, und war geradeaus zur Brücke und auf den durchs Geäst der ufersäumenden Platanen sichtbaren Obelisken der Piazza del Popolo zugelaufen,

hatte aber jedes Mal auf der Brücke mit Namen Ponte Margherita innegehalten und flussabwärts bis zur nächsten Biegung und zur nächsten Brücke, hinter der dann bald die Engelsbrücke auftauchen würde, geschaut, sie hatte diesen Blick geliebt, den grüngrauen, grüngelben Fluss mit einer Reihe von Hausbooten der Freizeit- und Ruderclubs, unbelebt und geschlossen in diesen Wintertagen, zwischen den hellen, hohen Ufermauern,

bevor sie, als sei das selbstverständlich, weiterging, auf die Piazza del Popolo zu, wo sie von der Ziegelsteinmauer und von der Rückseite des hoch über die Mauer ragenden Denkmals für irgendwelche Meeresgötter empfangen wurde, einer mächtigen Mannsfigur flankiert von zwei Halbmenschhalbfischgestalten und sich dann entscheiden musste, ob sie am linken oder rechten Paar der Fische im Kopfstand vorbeilaufen würde,

dicke, zufrieden grinsende, flossengeschmückte Köpfe, Leiber und Schwanzflossen nach oben gereckt umeinander geschlungen und geflochten, die Schwanzflossen ohne Berührung miteinander spielend in der Höhe, und Jahrzehnte später würde sie den nämlichen Weg wieder wählen und Friedrich Christian Delius‘ Text Bildnis der Mutter als junge Frau illustrieren, ohne ihn zu kennen,

den Weg aber kannte sie noch gut und ging wieder an den auf die Platzmauer gelagerten Sphingen vorbei auf die Pinciotreppen zu, wie sie es als junge Frau gemacht hatte, als sie nicht nur beim Gang zur evangelisch-lutherischen Kirche auf den Pincio, wo der Himmel nah war, gestiegen war, sondern oft auch zum Flanieren im weitläufigen Park der Villa Borghese,

über den sie am 15.November geschrieben hatte, dass der schöne alte Park den Pincio, einen Hügel Roms, einschlösse, so dass man über den Häusern stünde, und sie hatte die angelegten Gärten, die Brunnen und die Wege mit Statuen und Denkmälern bestaunt und vor allem auch den Wechsel all dessen mit den naturbelassenen Wiesen und den mächtigen, alten Pinien geliebt,

und auf einem Teich, in dessen seichtem, von leichten Wellen bewegtem Wasser Enten schwammen, hatte sie, eingebettet zwischen Laub von Herbstbäumen, die Säulen eines kleinen Aeskulaptempels aufragen sehen, und später den Jungs zugeschaut, die in einem alten Stadion Fußball spielten und das Bild schön gefunden, das edle Pferde vor einem Stück alter Stadtmauer auf dem Reitplatz boten,

sich aber an den Karussells einiger weniger Schausteller gestört, obwohl sie den Kindern die Freude gegönnt hatte, und da sie sich bereits in Rom beheimatet fühlte, hatte sie sich über Rilke gewundert, der am Rand der Parkanlage in der Villa Strohl-Fern während eines längeren Romaufenthaltes hatte leben dürfen und unglücklich gewesen war,

hatte er doch die Stadt so ganz anders als sie empfunden, sie schien ihm laut, grell, aufdringlich und unnatürlich, sie aber hatte den zauberhaften Augenblick vor dem Abstieg vom Hügel genossen, als sie auf die alte Mauerbrüstung gelehnt zwischen schon abendlich dunklen Bäumen hindurch die Sonne als roten Feuerball hatte untergehen sehen,

einen Feuerball, der aber nicht mehr die Kraft gehabt hatte, Stadt und Himmel zu entzünden, so dass alle Farben ergeben waren in ein eigenartiges Grau, in dessen dunkler werdenden Ferne sich die Kuppel des Petersdomes nur noch als Silhouette konturierte, und bevor sie am Abend wieder in der Via Sicilia im Kirchenchor gesungen hatte,

war sie auf dem Rückweg vom Pincio, ihrem Heimweg, wie sie geschrieben hatte, sofort geborgen gewesen im warmen Widerschein der Kerzen, im Gold des Altarbildes und der friedvollen Stille im Raumdunkel  der Kirche Santa Maria del Popolo, ohne zuvor gewusst zu haben, dass Martin Luther vor dem Altar die Messe gelesen und gepredigt hatte, als er als junger Mönch in Rom war,

(Fortsetzung folgt)

(kleiner Flyer der ev.-luth. Christus-Kirchengemeinde Rom aus 1977; übrige Fotos August 2024)

(die kursiv gesetzten Wendungen im Text finden sich auch – an unterschiedlichen Stellen und ggf. in grammatikalisch gering anderer Form –  in Friedrich Christian Delius „Bildnis der Mutter als junge Frau“, Rowohlt TB-Verlag, 3.Aufl.2010)

Am Wegesrand

Heute hatte das Berufsleben wieder einen langen und sehr süßen Schmelz.

Honigfließend sozusagen.

Seltsam nur, dass mir keine Walzerklänge zu Ohren kamen.

(der Ordnung halber: Werbung unbeauftragt und unbezahlt)