Il Viaggio Musicale

…ist bereits das zweite Hauptkonzert des Erasmus klingt!– Festivals in Basel. War es am 6.September die Via Francigena, die Pilgerstrasse von Canterbury nach Rom, deren Orientierung gebende Sternbilder ich in der Martinskirche hören konnte im von Sir John Eliot Gardiner konzipierten und geleiteten Programm mit geistlichen Werken der Renaissance und des Frühbarock (gesungen von The Constellation Choir), so reiste ich gestern Abend in der Peterskirche mit Il Giardino Armonico unter Giovanni Antonini „durch die Musiklandschaft Oberitaliens im frühen 17.Jahrhundert“, wie es im Programmheft heißt.

Davvero in der Peterskirche? Durch die Musiklandschaft? Nein! Nicht mehr in der Basler Kirche, sondern in Italien, in der Musik, in der Landschaft, in den einzigartigen Klängen, die in dieser Zeit dem Ausdruck von Text und Gefühl zunehmend Raum gaben. Musik solle nun Art und Weise aufnehmen, wie Sprache funktioniert, sagt die reizende junge Studentin der Musikwissenschaften in der Konzerteinführung, zum Beispiel Hervorhebungen und Geschwindigkeiten, es entstehe ein musikalisches Gespräch, eine Stimme (vokal/instrumental) beginne einen Gedanken, eine Melodie, eine andere greife das auf, variiere es, führe es fort. Viele der Komponisten hätten mit vorhandenem Material gearbeitet (Liedern, Tänzen), das Alte und das Neue würden auf diese Weise ineinander greifen, Melodien gehörten ja niemanden, sie könnten wandern, erkennbar bleiben und sich doch ändern. In solcherart Gespräch beziehen einen dann die wahrhaft virtuosen zehn MusikerInnen des Giardino Armonico ein, ich bin eine ununterbrochene Stunde lang Beteiligte der Viaggio, weiß nicht genau, in oder auf welchem (Weg -) Stück ich mich gerade befinde, es ist ein grandioses, mal rasches, mal langsames Gleiten, während dem auch MusikerInnen lautlos Instrumente wechseln, auf- und abtreten, bis schließlich der letzte Klangraum vor der Pause (Dario Castello: Sonata 17 in ecco) das Gespräch bis zum Echospiel erweitert, zwei am Kirchenausgang stehende Musiker antworten den vorne Rufenden, als hallte ein Echo von Bergen wider.

Wie bereits die erste, so wird auch die zweite Stunde nach der Pause eingeläutet mit einer Lesung des Schriftstellers Alain Claude Sulzer, der als künstlerischer Berater des Festivals fungiert. Er liest jeweils einen der über dreitausend Briefe und Reiseberichte des Erasmus von Rotterdam, jenes niederländischen Universalgelehrten, der am 11. oder 12.Juli 1536 in Basel verstarb, wo er schon in den Jahren 1514 bis 1529 gelebt und gearbeitet und seine Schriften hatte drucken lassen in der Werkstatt des späteren Freundes Johann Froben. Ging es im ersten gelesenen Brief von Gewittererlebnissen über beeindruckende Wolkenbilder bis hin zu stillen Örtchen und Darmentleerungen, so mahnt Erasmus im zweiten vorgelesenen einen Freund zur Einhaltung einer der Gesundheit förderlichen Ordnung im Lesen und Schreiben, zur Erstellung und Einhaltung eines Tages- und Jahresplans, zum Führen eines Tagebuchs, denn die Sorgfalt, Tag für Tag etwas zu notieren, habe sich schon bei Vielen gelohnt. Humor, Ironie, ja gar Satire scheinen nach ernsten, tiefempfundenen Sätzen in den Briefwendungen durch und versprechen eine köstliche Lektüre. Am Büchertisch in der Kirche liegt u.a. Erasmus unterwegs aus, eine neu vom Historiker Tobias Roth edierte und übersetzte Sammlung von 40 Briefen und Reiseberichten. „Lebhaft und lustig“ erhofft Erasmus auch die Antworten seines Briefgegenübers.

Nur widerwillig kehre ich nach der zweiten Klangreisestunde (die noch einmal ausführlicher auch von der absolut klaren, reinen und doch warmen Sopranstimme der 2005 geborenen Angelica Antonini begleitet wird), in das Basel der Jetztzeit zurück und muss mich ermahnen, auf die vielen Stufen der Treppe zu achten, die neben der Peterskirche hinunterführt Richtung Schifflände zur Tramhaltestelle.

https://www.erasmus-klingt.ch

https://www.ilgiardinoarmonico.com

https://antoniniangelica.com

https://springheadconstellation.com

Hermann Hesse in Riegel 3 etcetera

„Sonne, leuchte mir ins Herz hinein,/Wind, verweh mir Sorgen und Beschwerden!/Tiefere Wonne weiß ich nicht auf Erden,/Als im Weiten unterwegs zu sein.“ – Strophen des 1911 verfassten Reiselieds laden an einer Wand in der Kunsthalle Messmer in blauer Pseudohandschrift ein, „alle Sinne festlich“ aufzutun und den Lauf, wenn schon nicht „nach der Ebene hin“, so doch durch die Ausstellung zu nehmen. „Sonne soll mich sengen, Meer mich kühlen“ – es wird dann eher der Luganer See sein, der kühlt mit seinem aquarellierten Blau, zum Meer ist es noch ein Stückchen hin.

Als wir beim Rundgang bei einem September -Gedicht angekommen sind („Der Garten trauert…“), fällt uns ein, dass wir gerade im Regionalexpress von einem anderen Septembergedicht gelesen haben, „vom blauen Mond September“ und von der flüchtigen Erscheinung einer Wolke „Sie war sehr weiß und ungeheuer oben/Und als ich aufsah, war sie nimmer da“, Rüdiger Safranski zitiert Bertolt Brecht im achten Kapitel seines Buches Zeit. Was sie mit uns macht und was wir aus ihr machen, dem Kapitel über Eigenzeit, das sich unter anderem auch mit der „Verteidigung der Eigenzeit als politische Aufgabe“ befasst.

Unsere Ausgabe des Buches, die ziemlich genau der Größe (oder besser Kleine) unserer Hand entspricht, ist ein idealer Begleiter beim Unterwegssein und wir versuchen, uns im RE 7 weiter in die Ausführungen zu vertiefen, allerdings werden wir von einer munteren Damengruppe abgelenkt, die sich lautstark mit Schuhgeschichten unterhält. Alles wird ausgebreitet, bedacht und belacht, Modelle, Farben, Putztipps (Mikrofasertuch, Soda), „meine Schuhe konnte man immer problemlos weitergeben, ich war ein sorgfältiges Mädchen, aber meine Schwester…!“, „also, ich hatte immer hochwertige Schuhe, Salamander und so,…“, „ich hab‘ sie auch immer doppelt gekauft, viele Schuhe, über hundert Paar,…“. Eigenschuhzeit, denken wir und dann, dass wir ja vor kurzem in einer Buchhandlung ein Cover fotografiert haben Ich erröte vom Schaft bis zur Sohle. Schuhgeschichten, um das Buch für einen Erwerb vorzumerken.

Die mehr oder minder beschuhten Damen (der Tag ist warm) treten in Freiburg durch die Zugtür auf die Sohlen (wie viele Schuhgeschäfte hat die Stadt?), wir treten wieder in Ruhe und Lektüre ein, bis wir in Malterdingen aus-  und für wenige Minuten auf einem Gleis, das hier (je nachdem) beginnt oder endet, in die Kaiserstuhlbahn einsteigen. Mit ihr sind wir noch nie gefahren, jetzt bringt sie uns in den 4000-Einwohner- Ort Riegel, der schon von den Römern besiedelt war, erstmals unter Karl dem Großen urkundlich erwähnt wurde und außer den Gebäuderesten eines Mithräums auch die der Riegeler Brauerei besitzt.

Wir durchlaufen den Ort, hier breiten sich keine lauten Geschichten aus, eine große Stille liegt auf Dächern und Kirchtürmen, senkt sich an Hauswänden hinunter zu Gehwegen und Gassen und begleitet uns an einem Biergarten vorbei bis zum Großherzog-Leopold-Platz, an die Stufen der Kunsthalle Messmer, hinter der der dünne Zeigefinger des roten Schornsteins von Römerbräu Riegel Richtung Himmel weist.

(Rüdiger Safranski: Zeit. Was sie mit uns macht und was wir aus ihr machen. Fischer Taschenbibliothek. 3.Auflage Juli 2024)

(Wolfram Schneider-Lastin & Christa Prameshuber, Hrsg.: Ich erröte vom Schaft bis zur Sohle. Schuhgeschichten. Arisverlag 2026)

Vierzehnter Sonntag nach Trinitatis

Lobe den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.

Mit diesem Vers aus Psalm 103 schickt das Herrnhuter Losungsbüchlein seine Leserinnen und Leser in die 37. Kalenderwoche.

Fürchtet nicht die Schmähung der Menschen und erschreckt nicht vor ihren Hohnreden

Vers 7 aus dem Buch des Propheten Jesaja, Kapitel 51 ist der für den heutigen Sonntag ausgeloste Tagesvers – kein einfacher Vers; eingebettet in einen Kontext über das, was Bestand hat und was nicht.

Der zum ausgelosten alttestamentlichen Vers ausgesuchte aus dem Neuen Testament steht im zweiten Timotheus-Brief (Kap.1, Vers 7) und gehört zu den biblischen Versen, die mir besonders lieb sind:

Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.

Hermann Hesse in Riegel 2

Ins Fotoalbum von Anfang der Siebziger Jahre schrieb die Mutter mit schwarzem Filzstift auch Hermann Hesses sehr bekanntes Gedicht Stufen, das in der Kunsthalle Messmer groß und in blauer Pseudohandschrift an eine Wand am Ende des Ausstellungsrundgangs geschrieben steht.

Dort flankiert in der unteren rechten Ecke Hesses Aquarell Certenago, Torbogen von 1923 die Worte „Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!“, während im Album an gleicher Position das Foto einen Besuch von Hesses Grab bei Montagnola festhält.

Certenago gehört zu Montagnola, dem Tessiner Ort, der schließlich für Jahrzehnte Hesses Lebensmittelpunkt wurde. „Die Tessiner Landschaft, die ich im Jahr 1907 erstmals gründlicher kennenlernte, hat mich stets wie eine vorbestimmte Heimat oder doch wie ein ersehntes Asyl angezogen und empfangen“, schrieb Hermann Hesse 1945. Kein Wunder also, dass die Tessiner Landschaft viele Motive seiner über 3000 Aquarelle speist.

In Riegel kehre ich nach Montagnola zurück, zur Casa Camuzzi, zur Casa Rossa (Casa Bodmer), zu Hausdächern, Kirchtürmen, Ausblicken, in vielfältigen Variationen, in kräftigen oder gedämpften Farben. Und da erkenne ich doch auf einem Gemälde ein weißes Haus wieder, dessen Abbild auch eine Postkarte im Fotoalbum zeigt – es muss dieses Haus sein, oder?

Montagnola – der Ort, das Wort, beide haben ihren Klang durch die Jahrzehnte getragen und immer wieder in Resonanz gebracht. Wenige Wochen vor ihrem Tod wählt die Mutter für eine Karte an den „Begleiter durch ein ganzes Leben“ ein Foto der Kirche Sant’Abbondio bei Montagnola, auf deren Friedhof Hermann Hesse im August 1962 beigesetzt wurde.

(Das Gedicht Stufen schrieb Hermann Hesse am 4.Mai 1941 nach langer Krankheit, ursprünglich unter dem Titel „Transzendieren!“, er bettete es dann in seinen 1943 erschienenen Roman Das Glasperlenspiel ein. Das Zitat „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“ wurde zu dem, was man ein geflügeltes Wort nennt, auch Angela Merkel bediente sich des Zitats offenbar beim Staatsbesuch des neu gewählten französischen Präsidenten Emmanuel Macron im Jahr 2017).

Hermann Hesse in Riegel

Ma certo – Hermann Hesse (1877-1962) war auch Maler, und als solcher hat er noch bis zum 11.Oktober einen gelungenen Auftritt in der Kunsthalle Messmer in Riegel. Wobei auch des Malers Worte auftreten, und das nicht nur in Hesses Bekenntnis „Als Dichter wäre ich ohne das Malen nicht so weit gekommen.“

Hermann Hesse-Bereit zum Aufbruch, so der Titel der Ausstellung, die etwa 130 Aquarelle, Tusche- und Federzeichnungen, Typoskripte von Gedichten, illustrierte Briefe, Erstausgaben und Fotografien in den Räumen der stillgelegten Riegeler Brauerei nicht nur versammelt, sondern miteinander sprechen lässt.

Blick nach Italien ist der Titel einer Aquarellskizze, eine weitere Variation des Blicks aquarellierte Hesse in seinen Tessiner Jahren und verband sie mit dem 1924 entstandenen gleichnamigen Gedicht, das sich um Herbstgedanken rankt.

Ein Plakat von Andy Warhol, Aussagen von Udo Lindenberg zu Hesse („Die Verbindung zwischen diesem großen Meister und mir, dem Zauberlehrling, wird ewig bleiben“) und ein Plakat der amerikanisch-kanadischen Rockband Steppenwolf stehen als Beispiele für den weitreichenden Einfluss von Hesses Werk auf andere Kreative.

Der Steppenwolf – nicht nur die Rockband hat den Romantitel (erschienen 1927) entlehnt, auch meine Mutter gab den Namen dem italienischen Familienfreund, wie in einem Fotoalbum nachzulesen ist („Der Steppenwolf bereitet uns einen wunderbaren Nachmittag auf der Terrasse der Romagna“).

Das Fotoalbum enthält weitere Hesse-Bezüge. Dazu und zur Ausstellung in Riegel bald mehr.

Septemberluft 2

(Septemberluft 1 siehe Blogeintrag vom 18.September 2025)

Nein, ich meine nicht die Septemberluft aus dem Gedicht Die kleine Passion von Gottfried Keller (1819-1890), ich meine das Wort, das ich in den frühen Siebzigerjahren zum ersten Mal einsog, nachdem es der italienische Familienfreund ausgeatmet hatte.

Sie ist wieder da, die Septemberluft und weht Mücklein aufs Buch, Erinnerungen in Herz und Hirn, Wolken über die Himmel, Frische in den Morgen, Winzer in die Reben, Wärme in den Mittag.

Tag 245 ist heute, sagt mein Kalender, 120 bleiben noch für dieses Jahr, T 245-120, so steht es geschrieben, Sonnenaufgang 6:36, Sonnenuntergang 20:06 und gestern, T 244-121, war der Sonnenaufgang nur eine Minute früher, der Sonnenuntergang aber ganze drei Minuten später.

Septemberluft und Sonnenuntergänge färben die Himmel rosig oder feurig. Septemberluft und Cirrus oder Cumulus verlangen weiße Fläche vom klaren Blau.  

Von wundersamen Wolken weiß eine Doku-Serie der Arte-Mediathek. Von Wegen und Wolken, vom Säumen des Himmels erzählen Texte und Bilder der Ausgabe 283 von die horen.

In ältester Zeit waren die Horen Gottheiten des himmlischen Wolkenwassers, später als Töchter des Zeus göttliche Wächterinnen der Jahreszeiten, solche des Blühens (Thallo), des Wachsens (Auxo) und der Früchte (Karpo). Hinzu kamen noch Dike (Gerechtigkeit), Eunomia (Ordnung) und Eirene (Frieden). Septemberluft, Zeit der Karpo.

Über Himmelsland

wandern gleichmütig Wolken.

Noch zögert der Herbst.

(Die erwähnte Ausgabe der Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik aus dem Wallstein-Verlag: Den Himmel säumen. Von Wegen und Wolken. Zusammengestellt von Andreas Erb und Christof Hamann. die horen. 66.Jahrgang. Ausgabe 283.)

Ach, diese Lücke, …

Gibt es das? Man wohnt nur 15 Kilometer entfernt und war noch nie da? An diesem herrlichen Ort, der einem eine Zeitreise schenkt? Jetzt aber, jetzt ist man da: im Kommunalen Kino Kandern. Ach was, Kino – das Wort reicht nicht! Lichtspielhaus, Filmtheater – schon besser! Und in welche Zeit sackt man, schon beim Eintreten, noch bevor man in den weichen Samt salbeigrüner Sessel sinkt? Und auf die lachsrosa gepolsterte Wandverkleidung blickt? Richtig – es sind die 50er Jahre! Der historische Projektor (35mm-Kinofilmprojektor der Eugen Bauer GmbH, sagt die KI-Recherche) empfängt einem gleich rechts neben dem Eingang hinter dem smaragdgrünen Cocktailsessel, der gerne seine weißen Paspeln präsentiert und mit schräggestellten Beinen mit denen des Nierentischs füßelt. Auch taubenblaue Sessel mit knopfgesteppter Rückenlehne laden ein – aber wo bleibt die Barmusik am Flügel? Ach so, man will ja gleich einen Film sehen, da werden einem auch Takte aus dem Ständchen von Franz Schubert und aus Solveigs Lied von Edvard Grieg bannen. Zuvor aber noch ein Gang zu den Toiletten. Solche Türen kennt man doch noch aus Kindertagen, das quadratisch strukturierte, kaum transparente Ornamentglas, die langen angewinkelten Stangengriffe?! Dann hinein in den Saal und hinein in den Film, den Kopf an den salbeigrünen Samt von Sitz 11 Reihe 7 gelehnt. Man wird laut lachen, leise weinen, so wie der Großvater bibbernd turnt: „ich turne innerlich“.  Auch der Film ist eine (Zeit-)Reise und ein „Gedankenbesuch“, wie der Schriftsteller und Schauspieler Joachim Meyerhoff (geb.1967) selbst zum Schreiben über seine Großeltern (die Schauspielerin Inge Birkmann, 1915-2004, der Philosoph Hermann Krings, 1913-2004) sagt. Den autobiografisch grundierten Roman aus dem Jahr 2015, auf dem der Film basiert, hat man leider noch nicht gelesen, überhaupt noch nichts gelesen von Joachim Meyerhoff  – ach, diese Lücken … (→Lektüre nachholen!). Die Zeit des Abspanns reicht nicht, um aus der 136 Minuten dauernden Filmreise und dem intensiven Spiel von Senta Berger, Michael Wittenborn, Bruno Alexander und vielen weiteren (bekannten) Darstellerinnen und Darstellern aufzutauchen.  

Im Augustinermuseum 4

Vorbei am Sündenfall aus Buchsbaumholz (Schlange und Baum der Erkenntnis umgarnen sich gegenseitig, die Mähne des vorm Baum lagernden Löwen übertrumpft die der Eva, das Löwengesicht erinnert an ein menschliches, changierend zwischen Grimm und Lächeln) verlassen wir die „Kirche“ nach rechts, passieren den Silberaltar, der sich überwiegend aus Kunstwerken einer Augsburger Gold-und Silberschmiede des 18.Jahrhunderts zusammensetzt und zu bestimmten Zeiten des Kirchenjahres, nämlich von Ostern bis Fronleichnam im Freiburger Münster aufgebaut wird, und steigen dann nach links hinab in die Schatzkammer. Hier waren wir noch nie. Es ist kühl im unterirdischen Gewölbe, wir frösteln fast, wie vereinbart flüstern plötzlich alle Eintretenden, ein italienischer Zehnjähriger bittet begeistert und leise seine mamma um ein Foto eines Details, das er in einer Vitrine entdeckt hat. Wir sind auch begeistert. Und zwar von den Bildergeschichten der Wandbehänge aus verschiedenen oberrheinischen Provenienzen des frühen vierzehnten Jahrhunderts. Wolle erzählt hier auf Leinen von allerlei Begebenheiten und erschafft sprechende Welten. „Weiberlisten“ heißt eines der Bildprogramme, vier Doppelszenen beschäftigen sich auf dem „Maltererteppich“ (Malteserteppich) aus dem Dominikanerkloster St.Katharina in Freiburg mit bekannten Männern aus biblischem Kontext bis hin zur Ritterzeit, die „durch die Liebe zu einer Frau Schaden erleiden“, da war man offenbar fündig geworden bei Samson, bei Aristoteles, bei Vergil und bei Iwein. Aha, denken wir, und Männerlisten gibt es wohl nicht? Jedenfalls nicht als Sujet der Kunst oder des Kunsthandwerks, zur Weiberlist gesellt sich die Männertorheit, belesen wir uns einmal mehr, die Darstellungen dieser Motive wären in Zeichnungen und Bildern, auf Kabinettscheiben, Stickereien und Kachelöfen des Spätmittelalters und der Renaissance sehr beliebt gewesen, vor allem nördlich der Alpen, im Bodenseeraum und in der Eidgenossenschaft, der Schaulust hätten sie gedient und der Belehrung. Eieiei. Gibt es nicht das Sprichwort Ein Schelm, wer Böses dabei denkt oder Hon(n)i soit qui mal y pense? Nichtsdestotrotz sind die Darstellungen auf den Wandteppichen einfach wunderschön. Besonders gefallen hat uns aber ein anderes und einzigartiges Motiv: zwischen den Wappen der Familie von Munzingen und der Familie von Falkenstein in äußeren Feldern ist Alexander der Große zu Gast im Palast der indischen Königin Candace. Und dieser Palast gleicht einem Boot oder der Arche, finden wir, ein Elefant trägt das Palastboot samt seiner Insassen. Einen solchen Elefanten haben wir doch schon einmal gesehen? Einen Elefanten, der eher Pfotenfüße hat, einen Trompetenrüssel und Flügelohren? Zähne wie ein Wildschweineber? Ja genau, am Basler Münster sind uns ganz ähnliche Exemplare begegnet. Und dann bewundern wir noch ein am Oberrhein zu Anfang des 16.Jahrhunderts aus Wolle gewirktes (und teilweise geknüpftes) Antependium mit Maria und den Heiligen Barbara (rechts) und Katharina (links). Die drei Frauen sitzen vor einem blühenden Rosenhag, in dem Vögel sich sichtlich wohlfühlen, auch den drei heiligen Frauen geht es richtig gut, ihre Gesichter lächeln unter blondgelockt rieselnden Haaren, unter Kronen und Heiligenscheinen, sie unterhalten sich offenbar frohgemut und mühelos, Maria wendet ihren Kopf der Hl.Barbara zu, während das Jesuskind, das sie zwar mit beiden Händen fest vor ihren Rumpf hält, ansonsten aber gerade nicht beachtet, Ärmchen und Beinchen nach der Hl.Katharina ausstreckt, die bereit ist, es mit strahlenden Augen, lächelnden Mundwinkeln und offenen Armen zu empfangen. Kaum können wir uns vom Anblick trennen, das Stifterehepaar muss das nicht tun, klein kniet in der rechten unteren Ecke die Frau, in der linken der Mann, beide betrachten auf ewig oder solange es ihnen die Konservierungskünste erlauben, ihre Lieblingsheiligen. Wir nehmen heute nicht den Ausgang Richtung Graphische Sammlung, sondern kehren zurück zum anderen, steigen die Treppe hinauf und stärken uns, bevor wir unsere Tasche dem Schließfach entnehmen, im nun belebteren Kreuzgang mit einem Caffè espresso aus dem Museumscafé. Und beschließen, bald wiederzukommen.
 

Dreizehnter Sonntag nach Trinitatis

Für den heutigen Sonntag wurde ein Vers aus dem ersten Buch der Könige ausgelost (1.Kön.19,7):

Der Engel des HERRN rührte Elia an und sprach: Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir.

Dazu wurde im Herrnhuter Losungsbüchlein der neutestamentliche Vers aus Apostelgeschichte 27 ausgesucht (Vers 34, Paulus spricht):

Ich ermahne euch, etwas zu essen; denn das dient eurer Rettung; es wird keinem von euch ein Haar vom Haupt fallen.

(Oder wie es in der Elberfelder Übersetzung heißt: Deshalb ermahne ich euch, Speise zu euch zu nehmen, denn dies gehört zu eurer Rettung; denn keinem von euch wird ein Haar des Hauptes verloren gehen. Der entsprechende Abschnitt der Apostelgeschichte ist überschrieben mit:  Sturm und Schiffbruch auf der Romreise.)

Der sogenannte Dritte Text der Losung ist heute ein Liedvers aus Lied Nr.228 im Evangelischen Gesangbuch. Das Lied greift 1.Könige 19,7 auf. In meiner schönen kleine Ausgabe des Gesangbuches mit Silberschnitt und drei Lesebändchen in den Farben gelb, grün und violett findet sich unter dem Lied 228 ein sehr bekannter und oft zitierter Text der Dichterin Hilde Domin (1909-2006):

Nicht müde werden/ sondern dem Wunder/ leise/ wie einem Vogel/ die Hand hinhalten.