Monsieur Cezanne verabschiedet sich

(zu Cezanne siehe auch Blogeinträge vom 13.Februar, 17.April und 2.Mai 2026)

Muss kurz in die Provence. Nochmal Monsieur Cezanne treffen. Dann bin ich schon da. Auf dem Hügel Les Lauves. Im Jahr 1906. Über die Sommerwiese bin ich gekommen und setze mich auf die Terrasse des Ateliers. Gegenüber von Monsieur Vallier nehme ich Platz. Einmal. Dann noch einmal. Und schließlich zum dritten Mal. Seinen Hut behält Monsieur Vallier jedesmal auf. Ein schöner Sonnenhut. Wahrscheinlich aus Stroh. Beim letzten Besuch gleist die Sonne so, dass der Hut fast weiß ist, und auch Monsier Valliers Kleidung erscheint weiß. Am schwarzen Hutband erkenne ich aber, dass es immer derselbe Hut ist, den er trägt. Auch der Stuhl, auf dem er mir gegenüber sitzt, ist immer derselbe. Monsieur Vallier liebt es, in immer derselben entspannten Haltung auf seinem Stuhl zu sitzen, das rechte Bein über das linke geschlagen, den rechten Fuß leicht nach vorne gestreckt, den linken auf dem Boden, Unterarme und locker verschränkte Hände auf dem rechten Oberschenkel abgelegt. Er ruht gerade von seiner Arbeit. Seine Arbeit ist eine Cura. Monsieur Vallier kümmert sich um den Garten und er kümmert sich um den erkrankten Monsieur Cezanne. Ich schaue mein Gegenüber an, aber dessen Augen sind vom Hut beschattet, auch die Gesichtszüge kann ich nicht genau erkennen, nur der weiße Bart leuchtet. Sonst ist es Monsieur Vallier gerade recht, dass seine Person so gut mit den Farben der Umgebung harmoniert, ja nahezu in sie übergeht. Blau, Ocker, Grün, Braun, Rosé. Provence eben.

Jetzt will ich aber noch Monsieur Cezanne sprechen. Ach, da höre ich ihn schon. Er unterhält sich mit Joachim Gasquet, dem Schriftsteller. Was reden sie da? Ein Kind sei er, sagt Monsieur Cezanne? Wieso beneidet er dann Joachim Gasquet für seine Jugend? Wissen will er und fühlen, damit er wissen kann, sagt Monsieur Cezanne? Und dann steht er nur und schaut und schaut und schaut. Zwanzig Minuten brauche er manchmal zwischen einem Pinselstrich und dem nächsten, sagt Monsieur Gasquet. Oder ist das eine Frage? Was riechen Sie? Das ist eine Frage. Die stellt Monsieur Cezanne an Gasquet, das höre ich genau. Aber mit der Antwort ist er nicht zufrieden. Nur die Kiefer im Vordergrund? Nein, auch die Wiesen sind zu riechen, der Berg im Hintergrund. Die Farben. Die Farben.

(Portrait de Vallier, um 1906, Aquarell und Grafit auf Papier, Privatsammlung)

(Le jardinier Vallier, 1906, Sammlung Emil Bührle, Dauerleihgabe im Kunsthaus Zürich)

(Le jardinier Vallier, 1906, Tate, Vermächtnis von C.Frank Stoop, 1933)

(Insgesamt hat Cezanne seinen Gärtner neunmal gemalt, zuletzt noch an einem Portrait von Vallier auf der Terrasse wenige Tage vor seinem Tod gearbeitet)

(18-minütiger Film Cezanne on art, 2025 von Albert Oehlen und Oliver Hirschbiegel für die Fondation Beyeler, gedreht an Originalschauplätzen an der südfranzösischen Montage Sainte-Victoire und im Steinbruch von Bibémus)

(Von Joachim Gasquet (1873-1921) erschien im Jahr 1921 ein Buch über Cezanne in zwei Bänden, der erste Teil trägt den Titel Ce que je sais ou ai vu de sa vie, der zweite Ce qu’il m’a dit, in dem er die Gespräche mit Cezanne 15 Jahre nach dessen Tod aufschrieb in einer Mixtur aus authentischen und ersonnenen Äußerungen.)

(Die Ausstellung Cezanne endet am 25.Mai, am 24.Mai wird die neue Ausstellung eröffnet: Pierre Huyghe, geb.1962 in Paris, bis 13.September 2026)

Siri und Navid

Die Eine auf der Leinwand, der Andere im Literaturhaus. Die Eine groß. Der Andere klein. Beide sehr präsent. Nicht laut.

Siri ist eine Variante von Sigrid, lese ich bei Wikipedia, Sigrid wiederum leitet sich aus einem altnordischen Wort für Sieg ab, erweitert schöner Sieg (NB.: ein solcher war dem SC Freiburg gestern nicht gegönnt) oder schöne Siegerin .

Navid ist ein persischer männlicher Vorname mit der Bedeutung Versprechen, gute Nachricht.

Navid Kermani ist am 27.November 1967 in Siegen, Westfalen geboren und dort als Sohn eines Arztes aufgewachsen. Mit drei älteren Brüdern. Lebt und schreibt im Eigelsteinviertel, Köln.

Siri Hustvedt ist am 19.Februar 1955 in Northfield, Minnesota geboren und dort als Tochter eines Professors für norwegische und amerikanische Geschichte aufgewachsen. Mit drei jüngeren Schwestern. Lebt und schreibt in Brooklyn, New York City.

Im Dunkel des Kinos kritzele ich einige wenige Sätze mit, die Siri sagt: in der Bücherei hatte ich Flügel, Buch um Buch emporgehoben zu der Riesin, die ich sein wollte, und dann schreibt man und schreibt und schreibt und dann wird man allmählich besser, life is a fluid movement, kein statisches Gebilde. Sie sagt viele zentrale, auch schöne Sätze im 110 Minuten langen Film der Regisseurin Sabine Lidl Dance Around the Self, der im Februar 2026 auf der Berlinale Weltpremiere hatte. Auch Paul Auster (schon gezeichnet von der tödlichen Krankheit) sagt Zentrales und Schönes. Die Tochter Sophie, deren Ehemann, die drei Schwestern. Ein Film über und im Leben und Schreiben von Siri. Bis hin zum aktuellen Buch Ghost Stories. Ein intimer Film. In den roten Kinosesseln kaum zwei Handvoll ZuschauerInnen am Abend des 19.Mai. Man wünscht dem Film wesentlich mehr!

Das Basler Literaturhaus ist am Abend des 20.Mai restlos ausverkauft. Sommer 24 ist das am 17.Februar 2026 erschienene Buch (bezeichnet als Roman), um das sich das Gespräch mit dem Moderator Thomas Strässle dreht und aus dem Navid Kermani liest. Der Arbeitstitel Sommer 24 avancierte zum Buchtitel. Der Sommer 24 war für Kermani stärker als sonst mit Ereignissen verbunden. Ob es außer dem Zeitraum auch sonst eine Verbindung zwischen den im Buch erzählten Ereignissen gäbe, fragt der Moderator. Antwort: Genau aus dieser Frage heraus sei der Roman entstanden. Thomas Strässle ist ein Schweizer Literaturwissenschaftler, Autor und Flötist. Mir scheint, die beiden auf der Bühne an den zwei kleinen runden schwarzen Tischen (bestückt jeweils mit Wasserkaraffe und Wasserglas) fremdeln ein bisschen und rangeln oder ringen um Fragen und Antworten. Vielleicht wirken aber auch Auflösung und Verunsicherung, Grundthemen des Buches, in gewisser Weise ansteckend. Strässles Hemdkragen scheint zu drücken, obwohl der oberste Knopf nicht geschlossen ist, seine Finger wandern wiederholt dorthin, Kermanis hingegen auf den eigenen Kopf, in dem er auch mit dem eigenen Text ringt, er hat seinen Lektor gebeten, ein paar Sätze in der nächsten Auflage zu streichen (sie legen den Text und dessen Besprechungen unnötig in eine Richtung fest). Bestimmt drin bleibt ein Satz des Erzählers, der festhält, dass ihm seine Fantasie genauso echt ist wie das wirkliche Geschehen. Quellen des Schreibens, führt Navid Kermani auf eine so nicht gestellte Frage aus, seien das Leben, das Erlebte und andere Bücher, wir leben ja mit diesen Büchern, sind ständig mit ihnen im Austausch.

Siri Hustvedt – Dance Around the Self – Wikipedia https://share.google/ONFJyiZuDpc2mJDsr

Instagram Account von Siri Hustvedt:    @sirihustvedt

www.navidkermani.de

Looking forward to Rome 2

(Looking forward to Rome 1 siehe Blogeintrag vom 11.Mai 2026)

To do -Liste (oder so):

1.Puccini Messa di Gloria üben (noch nie gesungen)

2.H.Kook Magnificat üben (Uraufführung)

(dabei lernen, was Gutgeori ist: ein grundlegender, traditioneller Rhythmus in der koreanischen Musik, häufig eingesetzt in der traditionellen Volksmusik und in der Tanzmusik, z.B. beim Sogochum = Tanz mit kleiner Trommel; Rhythmusmuster: 12/8-Takt)

3. Mendelssohn  Ps.43 Richte mich Gott durchschauen (bereits mehrfach gesungen, Noten von 1986)

4. Probenplan ausdrucken, Beginn Mon, 9:30 a.m. (Häkchen dran)

5. in Goethe Tagebuch der italiänischen Reise für Frau von Stein (1786) schauen (erworben 1979):

(Rom, d.29.Oktbr.Abends. Mein zweytes Wort soll an dich gerichtet seyn, nachdem ich dem Himmel herzlich gedanckt habe, daß er mich hierher gebracht hat.)

6. In Franca Magnani Rom Zwischen Chaos und Wunder schauen :

(Widmung der Mutter 15.12.1998: Dir,…,Eindrücke der Stadt, die für uns eine so herrliche Erinnerung birgt. Chaos und Wunder, auch unser Leben vollzieht sich, empfinde ich, häufig zwischen diesen beiden Polen.)

7. Stadtpläne vergegenwärtigen

(Goethe: Tagebuch der italienischen Reise 1786. Notizen und Briefe aus Italien. Mit Skizzen und Zeichnungen des Autors. Herausgegeben und erläutert von Christoph Michel. Insel Taschenbuch 176, 1.Aufl.1976)

(Franca Magnani: Rom. Zwischen Chaos und Wunder. Herausgegeben von Sabina Magnani von Petersdorff und Marco Magnani. KiWi484. Kiepenheuer&Witsch, Köln 1.Aufl.1998)

Sommernachtsstimmung

Wir gönnen uns jetzt ein richtiges Sommerlied, sagt Pippo Pollina und wechselt an den schwarzen Flügel, spielt die ersten Töne von Mare, mare, mare. Das Publikum jubelt. Datemi una giornata al mare … -offenbar trifft dieses Flehen in alle Herzen. Ein Tag, eine Nacht am Meer, ein Atemzug voll Salzluft, una boccata eccezionale, das genügt, das genügt.

Am 9. Mai um 22:20 Uhr ist es soweit. Dass ich es sehe. Und rieche. Das Meer. Da unten, am Fuße des Hügels, breitet es seine dunkle Fläche aus, bis zum Horizont. Nein, kein Horizont. Die Meeresfläche spannt sich auf, von allen Seiten umgibst du mich, von hinten und von vorn hast du mich umschlossen, du hast deine Hand auf mich gelegt. Vereinzelte Lichter kleiner Fischerboote schwimmen unten und vor mir und über mir, ruhig ziehen sie, ohne Aufhebens, seit Jahrtausenden sind sie das gewohnt. Ich höre keine Brandung, das Meer will den Hügel nicht stören, es hält seine Wucht zurück, behutsam lecken gezähmte Wellen an Ufern, noch nicht, murmeln sie, noch nicht.  Ich kann nicht mit dir spielen, sagt der Fuchs zum kleinen Prinzen, ich bin noch nicht gezähmt. Und: wenn du mich zähmst, wird mein Leben wie durchsonnt sein. Ich höre den Klang meiner Schritte auf dem Kies. Vorsichtig sind sie und langsam. Ich kenne den Weg zwischen den Reben. Ich kenne den Weg nicht in der Nacht. Ein Tasten, ein Innehalten, ein Weitergehen. Unten das Meer. Und so hoch der Himmel ist, ist deine Gnade über mir, wenn mein Herz voll Schatten ist, strahlt dein Lächeln über mir, über mir ist das Meer mit seinen stillen Lichtern, die Nacht ist lau, fast zwanzig Grad, eine Sommernacht, und da ist ein Klang, ein helles Zirpen. Nicht enden wollend. Endlos. Ad infinitum. Ich lenke meine Schritte durch den Rhythmus der Feldgrillen.

Beim Lied der Grillen

ergreift das Meer den Hügel.

Ein Sommernachtstraum.

(Psalm 139,5. )

(Antoine de Saint-Exupéry: Der Kleine Prinz. Eine meiner Ausgaben erworben 1979: Karl Rauch Verlag Düsseldorf, Neuauflage 1979. )

(Lied von Johannes Hartl 2017: So hoch der Himmel ist)

Pippo Pollina

Reihe 18, Platz 18, der sizilianische (jedoch in der Schweiz lebende) Cantautore Pippo Pollina ist mit seinem Quartetto Acustico am 17.Mai im Lörracher Burghof. Das erste Mal auf diesem palcoscenico, wie er sagen wird, und er freut sich über die zahlreich erschienene Zuhörerschaft. Obgleich er auch einmal einem einzigen Zuhörer ein zweistündiges Konzert gesungen habe, in einem Raum so groß wie der hiesige, erzählt er, in Grenoble sei das gewesen. Man glaubt, was er erzählt, der persönliche Kontakt mit seinem Publikum ist ihm wichtig, auf den Stühlen liegt denn auch ein Kontaktformular an die „liebe(n) Musikfreunde“, das man ausfüllen und am CD-Stand abgeben kann, um den Newsletter zu erhalten, „Fühlt euch umarmt, Pippo“. „Ist das heute euer erstes Konzert von Pippo“ lautet darauf eine Frage, Kästchen zum Ankreuzen für Ja oder Nein, ich müsste das Ja ankreuzen. Ich erlebe also erstmals, wie er den Saal betritt durch den Publikumsraum, von ganz hinten, den Seitengang vor, braune Schuhe, schwarze Hose, schwarzes Hemd, graue Jacke, die Akustikgitarre umgehängt, spielend, singend, einfach so, unplugged, ohne Mikro. Auf der Bühne wird sich das dann ändern, es bleibt aber sehr unmittelbar, auch wenn er an den Flügel wechselt oder ein reines Percussion-Stück einfügt. Die mit reichlich Konzerten und Aufführungsorten ausgestattete Tour 2026 stellt sich unter das Motto La vita è bella così com’è, vorgestellt wird aber das neue Album (es ist das 25.), das Fra guerra e pace, Zwischen Krieg und Frieden, heißt. Zu dieser Spannung befragt, antwortet Pollina, dass er mit dem Motto „Das Leben ist schön, so wie es ist“ die hoffnungsvolle Seite zeigen, Hoffnung und Licht projizieren wolle (Interview von Katrin Fehr, Badische Zeitung 12.Mai 2026 „Künstler sind in Krisenzeiten wichtig“). Auf der Burghof-Bühne erzählt Pippo Pollina auf Deutsch mit italienischen (seltener auch französischen) Einsprengseln auch zu den Hintergründen und Entstehungsgeschichten der Lieder, er habe immer Menschen bewundert, die sich für die Idee der Freiheit einsetzen, deshalb gehöre auf sein neues Album auch eine Hommage an Die Weiße Rose (Geschwister Scholl). Ein Abend auch für Reflexionen sei es, sagt er im BZ-Interview, und dass seine Heimat seine Erinnerungen seien, dass Inspiration aus der Realität komme, aus persönlichen Erfahrungen. Das spürt man im Burghof auch, als er von Jugendtagen in einem Landhaus der Insel erzählt, sehr langsame Tage in großer Hitze, an denen nichts geschah, ein träges Verrinnen der Minuten, ein Warten ohne zu wissen, auf was, nichts, außer vielleicht dem Rhythmus der Zikaden, dann irgendwann doch ein Klang, ein Klang, der schließlich zur Melodie wird. Noch heute würde er aus diesen Tagen schöpfen. Und dann hört auch das Lörracher Publikum einen sehr besonderen Klang, ein Lied aus dem früheren Album Racconti brevi, seit 20 Jahren würde es bei keinem Auftritt fehlen, nun aber erstmals wieder im Originalklang ertönen, geprägt von der Lyra pontica, ein hier selten gespieltes dreisaitiges Musikinstrument, das mit dem Bogen gestrichen wird. Die Cellistin Cecile Grüebler musste sich der Lyra annehmen (erzählt Pollina) und sie tut das virtuos, der eigenwillige, kraftvolle Klang singt von der Gleichzeitigkeit von Sehnsucht und Erfüllung und verkörpert für mich das gesamte Chiaroscuro des Abends.

Heute, am 18.Mai, hat er Geburtstag, der Cantautore, das erfährt man vor der einzigen Zugabe, als das Quartetto Acustico ihm ein kleines Ständchen spielt. Daher ist auch heute Konzertpause, bevor morgen ein Auftritt im Bonner Pantheon folgt. Zum großen Gala-Abend zur Feier seines 65.Geburtstages am 18.Mai 2028 um 20 Uhr im Volkshaus Zürich lädt der in Palermo geborene Pollina schon jetzt mit Flyern ein, die auf den Stühlen bereit liegen.

https://www.pippopollina.com

Sechster Sonntag nach Ostern – Exaudi

Die Weltgebetswoche für die Einheit der Christen (Ökumenische Gebetswoche) beginnt heute und wir haben den Sonntag Exaudi.  Exaudi, Domine, vocem meam. Psalm 27 Vers 7 liegt dem zugrunde, nach der Elberfelder Übersetzung lautet der Vers so:

Höre, HERR, mit meiner Stimme rufe ich: sei mir gnädig und erhöre mich!

Als heutige Bibellese wird im Herrnhuter Losungsbüchlein der Psalm 92 angegeben, überschrieben ist er in meiner Bibelausgabe mit Ein Lied. Für den Tag des Sabbats. Ich zitiere daraus noch die Verse 1-6 und 14-16:

Es ist gut, den HERRN zu preisen und deinen Namen, du Höchster, zu besingen; am Morgen zu verkünden deine Gnade und deine Treue in den Nächten zur zehnsaitigen Laute und zur Harfe, zum klingenden Spiel auf der Zither. Denn du hast mich erfreut, HERR, durch dein Tun. Über die Werke deiner Hände juble ich. Wie groß sind deine Werke, HERR! Sehr tief sind deine Gedanken….Die gepflanzt sind im Haus des HERRN, werden grünen in den Vorhöfen unseres Gottes. Noch im Greisenalter gedeihen sie, sind sie saftvoll und grün, um zu verkünden, dass der HERR gerecht ist. Er ist mein Fels, und kein Unrecht an ihm.

(Foto vom 29.Juli 2019)

Interview im Kochdunst 5

Liebe Frau A., ich schneie mal kurz in Ihre Küche, ich hab‘ s nämlich gerade satt. – Sie sind satt? Dann sollte doch eher ich in Ihre Küche schneien, es ist mir nämlich zu Ohren, vielmehr in meine Nasenlöcher gekommen, dass dort so allerlei Rezepte ausprobiert werden, die wirklich gut duften. Mit schneien bin ich allerdings d’accord, das absolut passende Wort bei der Kälte. Oben im Schwarzwald soll‘s tatsächlich in den letzten Tagen.. – Frau A., nicht abschweifen!!! – Ach so ja, scusi. Fahren wir also nicht in den Schwarzwald, sondern bleiben in der Küche. Wieso sind Sie satt? – Ich bin nicht satt, ich habe es satt, und zwar das Grau. Ich dachte, Sie könnten vielleicht, also Sie haben doch mal so einen Risotto, in den Sie Sonne gerührt… – Aber bitte, lieber Herr Spürnase, wir befinden uns doch trotz des Graus, dem Sie den Garaus machen wollen, in der Spargelzeit. Und hier im schönen Markgräflerland…- Jaja, das weiß ich ja, und es ist auch eine ganze Weile her, dass jemand „Komm, lieber Mai und mache die Bäume wieder grün“ mit einer Singstimme versehen hat, und wenn ich so nach draußen schaue, dann hat das ja auch funktioniert, sind schon ordentlich grün die Bäume… – Genau, was fehlt Ihnen denn dann? Wie bereits wiedergekäut, es soll ja nichts mangeln, das hat doch schon David gesungen, mir wird nichts mangeln, sang er sogar, eine Tatsachenfeststellung, und das halten wir uns doch immer wieder vor die Augen, vielmehr Ohren, wobei  – die grünen Auen seh‘  ich regelrecht vor mir, hach, und stille Wasser sind doch auch soooo schön, Güte und Gnade alle Tage… –  Frau A.! jetzt ist aber mal gut, keine Predigt bitte, ich wollte doch nur schauen, ob Sie Ihre Küche auch mit Grün füllen können. – Na, wenn es weiter nichts ist, bitte, hier haben Sie’s: Grüne Soße, und zwar genau so geschrieben, äh gesagt. Oder Grie Soß, aber das kann ich nicht so gut aussprechen, ich kann kein Frankfurterisch babbele. – Mir dämmert’s. Sie haben Goethes Leibspeise gekocht? Frankfurter Grüne Soße zum weißen Markgräfler Spargel? – Naja, also gekocht hab‘ ich ja nur die Freilufteier, sonst halt geschnippelt und ein Wiegenlied gesungen, äh, ich meine natürlich, die doppelte Sichel des Wiegemessers über die sieben Kräuter bewegt, hin und her, her und hin. Wissen Sie, mein Supermarkt hält zur Spargelzeit die Gebinde auch parat, Pimpernelle, Kresse, Borretsch, Sauerampfer, Kerbel, Schnittlauch und krause Petersilie. – Braver Supermarkt. – Ja, mein Leben, mein Laden. – Wie bitte? Der Laden ist doch hoffentlich nicht Ihr Leben! – G.tt bewahre, das wäre ja fürchterlich! Nein nein, ist lediglich der nicht eben demütige Werbeslogan. Das weiß sogar die inzwischen ubiquitär ungefragt auftretende KI. Ganz eindeutig. Gut gefüttert. Man darf’s nur nicht umdrehen, dann kommt was anderes raus, hm. – Liebe Frau A., Sie sind mal wieder auf Abwegen, Sie wollten doch zur Grünen Soße was beitragen, die der geschätzte Herr von Goethe sich hat nach Weimar kutschieren lassen, die Meisterin der Zubereitung war ja bekanntermaßen seine Mutter.  – Na, viel beitragen kann ich gar nicht mehr, ist ja ganz einfach, was da noch die Kräuter unterstützt, Senf, Salz, Pfeffer, Essig, Öl, allenfalls ein wenig Schmand. Keine Ahnung, ob der Geheimrat zufrieden wäre, aber ich muss ihm beipflichten, seine Leibspeise schmeckt einfach saumäßig gut, entschuldigen Sie bitte, lieber Herr Spürnase. – Es sei Ihnen verziehen, liebe Frau A., glitzert jedenfalls schön grün. – Ja, finde ich auch, obwohl ich den Borretsch entfernt habe. – Sie haben den Borretsch entfernt, wieso denn das? – Tja, man weiß leider, dass er die Leber schädigt mit seinen Pyrrolizidinalkaloiden, also zu viel sollte man von diesen Pyrrodingensbummens nicht verspeisen. Ich hebe mir die Leberschädigung jedenfalls lieber für Anderes auf, Flüssiges, Sie wissen schon, überfließende Becher.  – Aha, sehr aufschlussreich, aber sagen Sie mal, wieso sind Sie denn vom Mixen des Diminutivs abgekommen? Also wieso von der Vinaigrette zur Grünen Soße gewechselt? – Das wissen Sie nicht? Ich liebe die Variation! Bei aller Grundlagentreue. Und außerdem  muss ich mich vorbereiten. Ich will ihn doch besuchen. – Wen wollen Sie besuchen? – Na, den Herrn von Goethe. Auch wenn er dort, wo ich ihn endlich besuchen möchte, ein anderer war, so eine Incognito- Identität um sich wickelte. Via del Corso 18, noch nie war ich da drin, nicht zu fassen, dabei bin ich x-mal dran vorbei spaziert, habe innegehalten, die Messingklingeln betrachtet, am Haus hinaufgeschaut. Aber jetzt! Jetzt schmeiß‘ ich Sie aus meiner Küche, ich muss nämlich was nachlesen, vielmehr nochmal lesen. – Sie müssen was nachlesen? Was denn? – Sie sind wieder mal gar nicht neugierig, was? Wird nicht verraten! Ein paar Geheimnisse müssen Sie mir schon noch lassen, also ich kann ja nicht alles öffentlich – aber Sie haben doch sicher trotzdem eine Ahnung, lieber Herr Spürnase, nicht wahr?

Das Museum Casa di Goethe – ein Ort mit Geschichte – Liebermann-Villa https://share.google/VOL10ebTSk8V9TXoz

Hoch hinaus oder Spaziergang 7

(Spaziergang 6 siehe Blogeintrag vom 25.Oktober 2025)

Einer der Eisheiligen, es ist der in der Via Aurelia enthauptete Pankratius, hat genug vom grauen Einerlei. Zwar bleibt er kühl, bläst aber dunkle Wolken beiseite und spannt einen azurblauen Schirm über alles, was bereits dem Sommer entgegenwächst. Das mag daran liegen, dass er der Schutzpatron der Saat und der Blüten ist, denke ich – also nichts wie hinaus! Und hinauf! Nach St.Ottilien! Ich folge der Röhrigasse, bald lasse ich die Rebreihen links liegen und betrete den sakralen Raum unter einer grünen Kuppel aus Blattwerk. Sonnenflecke üben Cosmatenmuster auf dem Weg, der hier noch asphaltiert ist. Nach der Brunnenstube aber nehme ich weiter hügelan den unbefestigten Pfad, kaum lässt er zu, dass ich hinunter schaue in die Ebene und hinüber zu den Vogesen. Wiese, Buschwerk und Baumbestand wollen alle Saat zeigen, die aufgegangen ist, zwischen hochgewachsenen Gräsern behaupten sich eher versteckt die Blüten wilder Wiesenblumen. Ich lasse einen Herrn passieren, der es eilig hat, und bin wieder allein mit dem silbrigen Glanz, den das Gegenlicht dem gewöhnlichen Glatthafer verleiht. Seine Rispen hauchen den Nachhall einer Berührung in die linke Hohlhand. Weiter oben, in einer Gartenlaube zur Rechten, hat sich zu den beiden Gießkannen aus Zink eine dritte gesellt, brav gereiht hängen die Drillinge an ihren Henkeln und warten auf den nächsten Einsatz. Ein grüner Tunnel entlässt mich schließlich dorthin, wo ich den ersten Blick aufs Ottilienkirchlein haben kann, aber – ich sehe es nicht! Über der Mauer, die ihre Bruchsteine der Sonne entgegenhält, thronen die altehrwürdigen Bäume, die große Linde und die Kastanien breiten in ungehinderter Pracht ihre frühsommerliche Lebendigkeit aus. Im Inneren des Kirchenraums breitet auch jemand etwas aus, es muss der auferstandene Christus sein, der weit öffnend seine Arme aus Gewandfalten streckt, in beiden Hohlhänden das Zeichen der Nägel, das Gemälde beschränkt sich als horizontal gedehntes Rechteck auf diese Geste, nichts sonst ist zu sehen von der Gestalt. Allein durch Gnade steh ich hier/vor deinem Thron, mein Gott bei dir/der mich erlöst hat, lädt mich ein/ganz nah an seinem Herz zu sein/durchbohrte Hände halten mich…, haben diese Liedzeilen die Pinselstriche geführt? Im Kirchlein ist es still, niemand hat es betreten, auf dem Vorplatz rastet mit Blick ins Wiesental und zu den Juraausläufern ein Radfahrer in Sportkleidung, am Smartphone gibt er irgendeinem Gegenüber durch, wo er sich gerade befindet, das Rad hat er an die rötliche Sandsteinmauer gelehnt. Ein Paar unterhält sich auf der Holzbank unter einem Kastanienbaum, von hier lassen sich auch die Schwarzwaldhöhen sehen. Im Kircheninneren gehe ich die wenigen Schritte nach vorne in den Altarraum, die drei Jungfrauen im Sakramentsschrein neigen unverändert ihre Gesichter unter dem Weiß der Schleiertücher, eine nach links, die zweite nach rechts mit Blick auf die dritte und – stimmt, die dritte im roten Gewand zeigt ja ihr Gesicht gar nicht mehr, hier hat das Fresko eine Lücke. Ich sprach in meinem Herzen: Wohlan, ich will wohl leben, und gute Tage haben! Aber siehe, das war auch eitel. Ich sprach zum Lachen, du bist toll! Und zur Freude: was machst du? – die alte Bibel auf dem Altartisch liegt aufgeschlagen beim Prediger Salomo, das zweite Kapitel, und die Frakturschrift fährt fort: Da dachte ich in meinem Herzen, meinen Leib mit Wein zu pflegen, doch also, dass mein Herz mich mit Weisheit leitete, und zu ergreifen, was Thorheit ist, bis ich lernete, was den Menschen gut wäre, dass sie thun sollten, so lange sie unter dem Himmel leben. Ich that große Dinge; ich baute Häuser, pflanzte Weinberge; ich machte mir Gärten und Lustgärten, und pflanzte allerlei fruchtbare Bäume drein… Als ich bis hierhin gelesen habe, denke ich in meinem Herzen, dass es mich wieder hinauszieht unter das Himmelsblau, zu den Bäumen und Gärten und den Rebreihen des Weinbergs. Der Weg schickt mich Richtung Westen, die Wiese, die sich unterhalb des Obertüllinger Lindenplatzes zum Süden neigt, trägt auch ihr Frühsommergewand, niemand hat gemäht, Horden von zottigem Klappertopf säumen den Wegrand, die Blüten wíe zitronengelbe Kolibris zwischen dem scharfgesägten Hellgrün der Blätter. Links lädt eine Bank zum Verweilen ein, ich habe das rote Büchlein des Reclam Fremdsprachentextes dabei, ich setze mich, und wenn ich nicht auf die Zeilen des treno dei bambini blicke, können meine Augen unten in der Ebene den Lauf des Rheins verfolgen. Der Protagonist der Lektüre hat seine Kindheit inzwischen schon lange verlassen, nun aber greifen ihre Bilder wieder nach ihm, zufällig trifft er auf einen Schuhmacher, der ihn von einem seit Kindertagen mitgeschleppten Leiden erlöst, kaum kann er es glauben, so dass der still arbeitende Schuster schließlich spricht: I piedi sono tutti diversi, ognuno tiene la sua forma, bisogna saperla assecondare. Sennò è una sofferenza continua. Im Italienisch-Kurs wird die Lehrerin ihre corsisti fragen, was es mit dieser Textstelle auf sich hat, mit der Eigenform eines jeden Fußes, die man so etwas wie erhören muss, damit der Schuh nicht zu eng ist – sind es Metaphern? Ich habe meine Hausaufgaben beendet, richte Blick und Füße weiter gen Westen, das Dunkelblau der Vogesen begrenzt den Horizont, ein Dürrbaum hat sich als stehendes Totholz selbst in eine Skulptur verwandelt und kann seinen Schatten auf den Boden schreiben, weil hier die Wiese gemäht ist. Weiter unten ändere ich die Himmelsrichtung meiner Schritte, zwischen den Rebreihen, an denen die Traubengescheine ihrer Wandlung entgegensehen, laufe ich nun ostwärts, bis ich in Nähe meines Ausgangspunktes das burgunderrote Schild erspähe, das die lieben Wanderer und Weinfreunde auf dem ersten grenzüberschreitenden Weinweg der Region willkommen heißt, mit Wahlmöglichkeiten und herrlichen Ausblicken wirbt und empfiehlt: Nehmen Sie die Schönheiten entlang des Weges mit offenen Sinnen auf und lernen Sie auch die Arbeit der Winzer im Jahresverlauf kennen, die notwendig ist, um unsere ausgezeichneten Weine genießen zu können.

(Viola Ardone: Il treno dei bambini. Reclam Fremdsprachentexte. Reclams Universal-Bibliothek Nr.14501, Philipp Reclam jun. Verlag 2023)

Himmelfahrt(en)

Johannes 12,32 ist der Vers im Herrnhuter Losungsbüchlein, der dem heutigen Feiertag Christi Himmelfahrt zugeordnet ist: (Christus spricht) Und ich, wenn ich von der Erde erhöht bin, werde alle zu mir ziehen.

Über ein Himmelfahrtereignis, also eine für die Jünger sichtbare Auffahrt Jesu in den Himmel, erzählt aber nur Lukas wirklich, am Ende seines Evangeliums und vor allem im ersten Kapitel der Apostelgeschichte: …wurde er vor ihren Blicken emporgehoben, und eine Wolke nahm ihn auf vor ihren Augen weg. Voraus geht, dass Jesus seinen Nachfolgern klar macht, dass es nicht ihre Sache ist, Zeiten oder Zeitpunkte zu wissen – das ist nicht, worauf es ankommt. Wesentlich ist das Empfangen, das Empfangen der bewegenden Kraft (dynamis) des Heiligen Geistes, und das Weitergeben, das Weitergeben bis ans Äußerste der Erde als Zeugen (martyres) des Christus. Interessant ist auch die Erzählung vom dem Himmelfahrtsgeschehen vorausgegangenen Zeitraum seit der Auferstehung: 40 Tage, eine Quarantäne also, die Zahl 40 mit hoher Symbolkraft in der gesamten Bibel und in der Antike, in Zusammenhang (u.a.) mit einer Zeit der Besinnung, die Verwandlung, Neuausrichtung und Neuanfang ermöglicht. Während des 40-tägigen Zeitraums seit der Auferstehung hat Jesus sich den ihm Nachfolgenden in vielen sicheren Zeichen lebendig dargestellt und über die Dinge geredet, die das Reich Gottes betreffen, heißt es in Apg.1,3. Und ihnen die Zusage des Immanuel gegeben, nämlich bei ihnen zu sein alle Tage bis zur Vollendung des Zeitalters (Mt.28,20).

Mit Christi Himmelfahrt verbinden sich vielfältige, alte Traditionen, unter anderem das Fest einer Vermählung mit dem Meer (Festa della Sensa). Hierzulande wird der Tag häufig nur noch als Vatertag gewürdigt und entsprechend begangen, wobei den so Feiernden oft auch nicht bewusst ist, dass solcherart Vatertagsausflüge sich im 19.Jahrhundert als Herrenpartien aus christlichen Prozessionen entwickelten. Im Tessin, in Italien und auf der Iberischen Halbinsel wird hingegen der Vatertag nicht an Christi Himmelfahrt, sondern am Josefstag, dem 19.März gefeiert.

Hoch erhoben ist der Christus, mit einem Namen ausgezeichnet, der über alle Namen ist. Warum, das steht im zweiten Kapitel des Philipperbriefes.

Wissenswertes zum Feiertag Christi Himmelfahrt und zum Vatertag – SWR Aktuell https://share.google/kiFjJ3aOPj9ULtZWu

(Foto: Schaufenster Optikergeschäft in W. 23.03.2023)