Der 9.Mai ist der Tag, der das Ende des Zweiten Weltkriegs feiert, in der Europäischen Union ist er als Europatag bekannt, in Erinnerung an die Rede des französischen Außenministers Robert Schuman (Schuman-Erklärung 1950) soll er Frieden und Freiheit in Europa feierlich würdigen. In hiesiger Region feiern die Fans seit Donnerstagabend allerdings vor allem einen anderen „historischen Erfolg“: den Einzug des SC Freiburg ins Finale des Europapokals. Hat der französische Staatspräsident Emmanuel Macron vor wenigen Tagen beim Staatsbankett in der armenischen Hauptstadt Jerewan La Bohème vom französisch-armenischen Doppelbürger Charles Aznavour gesungen, um die Beziehung des armenischen Landes zur EU zu stärken, so singt – wenn man den Bildern und Tönen der diversen Medien Glauben schenkt – ganz Freiburg seit Donnerstagabend immer wieder neu entstandene Songs der Begeisterung: „ Wir fahren über die Alpen, nach Baku ans Kaspische Meer, nach London über den Kanal, denn Freiburg spielt international“. Jedenfalls gibt es nach dem Schlusspfiff kein Halten mehr, Scharen von Fans in weißen Oberteilen stürmen auf den Platz und in die Arme ihrer Spieler. „Kollektive Glückseligkeit“ titelt die Badische Zeitung heute auf der Dritten Seite und benutzt dabei eindeutig religiöses, ja biblisches Vokabular. Makarios – glückselig, gesegnet, das Wort im Sinne eines tiefen, umfassenden, von Gott herrührenden Glücks ist bekannt aus den Seligpreisungen der Bergpredigt. Und es lohnt, einmal im fünften Kapitel des Matthäusevangeliums nachzulesen, wer da glückselig gepriesen wird und warum. Aber lassen wir einmal den im Vers 12 erwähnten „Lohn in den Himmeln“ weg (m.E. zu oft sehr falsch verstanden) und bleiben bei dem „freut euch und jubelt“ im selben Vers. Anscheinend fällt dieses Freuen und Jubeln ja den Fußballfans leicht, ungebremst brechen sich Emotionen Bahn und knüpfen auch ein Band der Verbundenheit mit allen möglichen anderen Menschen, auch wildfremden – Hauptsache, sie jubeln für denselben Club. Warum fällt ein solches Freuen und Jubeln in anderen Zusammenhängen so schwer? Zum Beispiel auch in Zusammenhängen des Glaubens? Die Psalmdichter konnten es noch gut. Aber sie konnten auch ganz andere Sachen, weinen nämlich und schreien, heftig klagen, um Befreiung aus Ängsten und Bedrängnissen flehen. Wie wunderbar! Beides! Kollektive Begeisterungsstürme wecken in mir nämlich immer auch die kritische Vorsicht, gerade auch in religiösen Zusammenhängen, zu schnell sind manipulative Mächte am Wirken. Dabei be-geist-ere ich mich liebend gerne oder lasse mich be-geist-ern, von und in der Musik, beim Singen, in und durch Sprache, beim Lesen und Schreiben, in und von der Natur (ohne in allem Genannten besondere Kenntnisse zu haben) – ja auch von der Begeisterung anderer für mir zunächst unbekannte oder fremde Dinge werde ich angesteckt. In der Schönheit sprachlicher Wendungen, im unfassbaren Geschehen der Musik, im sonnenberührten Reblaub tönt für mich eine Ahnung des makarios-Zustandes durch, erfahre ich eine re-ligio. Dann juble ich, oft im Stillen, oder ich sage (stumm): schau mal, Gott, oder hör mal – ja, tatsächlich ist das meist meine Art Gebet, mehr ein ständiges oder immer wieder fortgesetztes Gespräch oder Erzählen. Es war nie weg, seit meiner Kindheit. Und beinhaltet auch die anderen Dinge, die die Psalmdichter in Worte fassen konnten. Die Fragen, Zweifel, Ungereimtheiten, Ängste, Traurigkeiten. Auf jeden Fall aber Wahrhaftigkeit, so gut wie möglich.
Und jetzt? Kümmern wir uns um Europa? Die mit der weiten Sicht oder aber die Breitgesichtige? Die der als Stier auftretende Zeus schwimmend nach Kreta entführte? Oder schließen wir uns denen an, die Europa von erebu bzw. arab = untergehen ableiten – wohlgemerkt bezogen auf die Sonne?
Nein, wir wünschen dem SC Freiburg einen hymnischen Einzug ins Europapokal-Finale und empfehlen sehr, ein Gespräch (nach) zu hören über „Glück und Gnade des Schreibens. Zur Begegnung des Menschen mit seiner Sprache“, s.Link. (u.a. ein Bischof ohne fixfertige Lösung zum Begriff Ewigkeit, großartig!)
Glück und Gnade – Ein Gespräch über Schreiben und Inspiration (SWR Kultur)
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