Im Markgräflerland gibt es ein Blütentelefon. Jedenfalls im Frühling. Beziehungsweise zu den Zeiten, die den Frühling herbei ahnen bis zum Zeitpunkt, an dem die Vollblüte der Obstbäume erreicht ist. Die Webseite des Blütentelefons (jedes Jahr von etwa 75000 Interessierten besucht) meint, dass wir mit der Vollblüte am 11.April wieder ein ganz besonders schönes Naturschauspiel haben erleben dürfen. Das Blütentelefon wird nun erst im Februar 2027 erneut aktiv, aber eine Tour durchs Eggener Tal empfehle sich auch derzeit, da die Apfelbäume und spätere Kirschsorten noch Blüten tragen würden. Die Daten auf der Webseite zeigen mir, dass ich wie beinahe jedes Jahr einer Täuschung unterliege mit meiner Meinung, dass die Blüten diesmal besonders früh dran gewesen sind. Es gab durchaus Jahre, in denen die Vollblüte noch früher erreicht wurde, 2011 z.B. am 4.April und 2014 am 6.April. Aber spätere gab’s auch (bin beruhigt, so ganz falsch ist mein Empfinden doch nicht): Vollblüte 2006 am 22.April und 2013 am 28.April.
Ich will aber nicht nur eine schnöde, wenn auch hübsch mit Blüten hinterlegte Webseite konsultieren, sondern mit den Blüten telefonieren! Ich konsultiere also meinen Hügel. Die Tüllinger Tulpen haben ihr kurzes, aber intensives oberirdisches Leben bereits beendet, und kaum habe ich auf dem Höhenweg die Sonnenerscheinungen der Löwenzahnreihen wahrgenommen, haben die gelben Strahler schon ihre wundersame Verwandlung durchlaufen und stehen nun mit weißgrauen Häuptern als aufrechte Skulpturen zwischen den Reben. Von den Quittenbäumen hat es dicke Flocken geschneit, nur die Apfelblüten sitzen rosageädert noch fest an den Ästen und kosten ihr Frühlingsdasein aus.
Ich vermisse was, liebe Frau A. – Oh je, es soll Ihnen doch an nichts mangeln. Davon hatten wir‘s ja schon, grüne Auen und so. Was vermissen Sie denn? – Na, ahnen Sie das denn nicht? Das ist doch nun wirklich nicht schwer! Hat auch mit Tisch bereiten zu tun. Ich vermisse selbstverständlich dasKochen! – Ach so, na klar, wenn es weiter nichts ist. Ich musste halt warten. – Sie mussten warten? Wieso denn das? Obwohl, wenn ich so drüber nachdenke, Warten ist eine unterschätzte Kunst. – Ja, nicht wahr, das meine ich auch, gerade heutzutage, wo alles immer subito, schnellschnell, speedy gehen muss, wischwisch und weg. Keine pazienza mehr, keine Geduld. Das Seltsame ist, dass es dabei immer mehr Patienten gibt, als ob sich die pazienza neuen Raum schaffen will, wo sie sich ausbreiten kann. – Äh, liebe Frau A., Sie schweifen mal wieder ab. – Ja, scusi, aber ich dachte, Sie können bestimmt zum Warten noch eine Liste von Lektüreempfehlungen geben, so eine Art Einkaufszettel fürs Lesemenu. – Natürlich kann ich das. – Ach, herzlichen Dank, grazie mille, die Einkaufszettel sind nämlich very important für mich, sonst schwimme ich so herum in den unendlichen Möglichkeiten. Obwohl ich ja gerne schwimme, sehr gerne sogar, am liebsten im Meer, oh stopp, wir waren ja beim Kochen. – Gut, dass Sie selbst die Kurve gekriegt haben, aber warten Sie mal, mir fällt gerade ein, dass die Gebrüder Grimm dem Warten in ihrem Wörterbuch eine viel breitere Bedeutung beigemessen haben, als wir das heute tun. – Echt? Interessant! Welche denn? – Ja, also zum Beispiel nach etwas Ausschau halten, spähen, aufmerken, wahrnehmen, aber auch sich vorsehen, hüten, schützen, bewahren und, jetzt kommen wir zu Ihren Patienten, auch sorgen, pflegen. – Uiuiuiii, grandios, das Wort wird mir immer lieber. – Ich pflichte Ihnen bei, aber jetzt genug der Exkursionen, worauf haben Sie denn gewartet? – Auf die Saison habe ich gewartet, die heimische Spargelsaison. Schließlich kann ich nicht immer Risotto kochen. Obwohl, auch den hab‘ ich schon mit grünem Spargel und…. – Liebe Frau A., keinen Risotto bitte!!! – Ach so, ja, nein, nein, hiesigen Spargel hab ich gekocht, perlweiß, aus dem schönen Markgräflerland! Das Klima und der Boden sind da ganz gut für den Bleichspargel und ich hoffe, die Saison hält durch bis Johanni, ich hab schon mal im kleinen Duden-Büchlein „Mit Goethe durch das Jahr 2026-Goethe und das Klima“ nachgeschaut, was der Herr Geheimrat am Mittwoch, den 24.Juni zu sagen, äh zu schreiben hat (zu welchem Thema hatte er eigentlich nichts zu schreiben?), da steht „…muss denn alles schädlich sein, was gefährlich aussieht?“ Hmm, keine Ahnung, wie ich das jetzt in Verbindung mit den Spargelstangen bringen soll. – Das ist mir nun ausnahmsweise auch mal schleierhaft, liebe Frau A. Aber sagen Sie, welche Sauce haben Sie denn dazu gekocht? – Ich habe gar nicht gekocht, nur gemixt. – Gemixt? – Ja, certo, gemixt und gerührt, nicht geschüttelt. Den Diminutiv hab‘ ich gemixt. – Den Diminutiv? – Ja, von vinaigre. – Ah, mir dämmert: eine Vinaigrette! – Genau, eine Vinaigrette, etwas variiert: Kretisches Olivenöl, Bio-Dijon-Senf, ein paar Würfelchen frischen Knoblauch, ein paar hübsche Röllchen frischen Schnittlauch und feine Lauchzwiebelringlein, Bio-Gourmet-Kräutersalz, weißen Pfeffer, gemahlenen Koriander (Sie wissen schon: die üblichen Verdächtigen), weißen Balsamico- Essig, dazu wegen der Wärme noch ein wenig roten Balsamico. – Wegen der Wärme? – Ja, finden Sie nicht, der schmeckt warm? – Na, ich weiß nicht, eher süß-säuerlich, ein bisschen karamellig. – Wie dem auch sei, wir wollten ja vom Spargel profitieren, und zwar nicht allein von den Duftmolekülen, die er außer in der Küche auch langanhaltend woanders verbreitet, bitte ersparen Sie mir weitere Ausführungen. – Tue ich, tue ich, aber wie profitieren wir noch? – Asparagus officinalis ist rundum gesund, besteht größtenteils aus Wasser und hat nur wenige Kalorien bei guter Nährstoffdichte, seine Ballaststoffe wie Inulin fördern die Darmfunktion und ein ganzes Bündel an Vitaminen, Mineralstoffen und sekundären Pflanzenstoffen wandert mit den Spargelstangen in unseren Körper. – Huch, jetzt werfen Sie aber mit diesem Zeugs um sich, da werde ich ja wortsatt, dabei will ich doch… aber sagen Sie mal, streuen Sie heute gar nicht? – Nee, das nicht auch noch, hab‘ ja gerührt, nicht geschüttelt, und das schütte ich jetzt… – Ja, apropos schütten, außer dem Wasser im Spargel sollte doch auch noch eine Flüssigkeit ins Glas, oder? Was haben Sie da zu bieten? – Lieber Herr Spürnase, da haben Sie meilenweit mehr zu bieten als ich, da traue ich mich kaum, mit irgendwelchen Flüssigkeiten aufzuwarten, aber gut, ich verrate Ihnen so viel: Markgräfler Spargel, also Markgräfler Grauburgunder, flüssig, aber trocken! Salute!
(Buch: Mit Goethe durch das Jahr 2026. Goethe und das Klima. Hrsg. u. mit einem Essay von Bodo Plachta. Dudenverlag, Berlin 2025, ein Geschenk von C.E.F. im Dezember 2025)
(Mikrodrama 1 siehe Blogeintrag vom 16.April 2026)
In ihrer Rubrik „Dreiland“ meldet die Badische Zeitung heute kurz, dass im Basler Zoo, genannt Zolli, bald wieder Elefanten leben werden. Und zwar die Elefantenkuh Tika (geb.13.Juli 2007) samt ihrer beiden Töchter namens Kimana und Mali. Die drei Elefantendamen ziehen um, bisher lebten sie nämlich im Grünen Zoo Wuppertal. Tika gelte als aufgeweckt und verspielt, verrät mir die Internetrecherche. Da hoffe ich mal, dass es den Damen im Zolli auch gefallen wird, man tut wohl wirklich alles, um ihnen den Empfang so angenehm wie möglich zu machen. Seit März war der Zolli elefantenlos, nachdem man die zwei Elefantenkühe Maya und Rosy nach Frankreich outsourcen musste, weil sie sich seit dem Tod der Leitkuh Heri im Juni 2025 ungut ins Gehege kamen. Offenbar sollen sie nun in La France mit anderen Verhaltensweisen infiziert werden, die Eine im Zoologischen Garten Safari de Peaugres und die Andere im Zoo d’Amnéville.
Also probieren wir mal ein Mikrodrama für Kinder und solche, die es werden wollen:
Schau mal, Mama, aufgeregt deutet Lenchen aus dem Zugfenster, da ist ein Elefant. Ach, mein Lenchen mit seiner Fantasie, denkt die Frau Mama liebevoll, wie sollte denn ein Elefant da sein auf den Wiesen zwischen H. und Sch. Sie wendet sich Lenchen zu, deren Augen noch immer am Zugfenster kleben: Das war bestimmt eine Kuh, Lenchen, oder ein Pferd, da guck, da ist auch eine große Pferdekoppel. Klein-Lena aber lässt sich nicht davon abbringen, sie hat ganz bestimmt einen Elefanten gesehen, und zwar einen wirklich großen, schließlich weiß sie doch genau, wie Kühe aussehen und Pferde kennt sie zur Genüge, die kann man doch keinesfalls mit Elefanten verwechseln. Die Frau Mama vertieft sich wieder in ihr Buch, Lenchen schaut weiter aus dem Fenster. Mama, Mama, da ist wieder einer und dort auch, jetzt schau doch, schau!, ihre Stimme überschlägt sich fast. Nicht nur die Frau Mama, auch die anderen Fahrgäste blicken nun auf und nach draußen. Und trauen ihren Augen nicht, denn tatsächlich, auf den sommergrünen Wiesen tummeln sich Elefanten, und je weiter der Zug durch die Landschaft rattert, desto mehr werden es, große und kleine, alte Bullen mit riesigen Stoßzähnen, Elefantenkühe mit tapsigen Kälbern, asiatische Elefanten mit kleinen Ohren und afrikanische, die sich mit ihren enormen Ohren Kühlung zufächeln. Lenchen, das ist ja – ja ganz unglaublich ist das, das gibt’s doch nicht, der Mama ist das Buch aus den Händen gefallen und auch die anderen Fahrgäste sind ganz aus dem Häuschen und fahren sich über die Augen, alle sind aufgesprungen und hängen an den Fenstern, Taschen, Handys und Bücher sind auf den Boden gekullert, alle reden wild durcheinander, die Worte schwirren nur so durch die Gegend. Klein-Lena ist begeistert, sie liebt Elefanten, und nun sieht sie nicht nur die paar im Zoogehege, sondern ganze Herden draußen auf den Wiesen! Wenn man doch hinaus könnte! Kaum hat sie das gedacht, quietscht es, der Zug bremst, ein Stück weiter vorne blockieren drei Elefanten mit ihren Säulenbeinen die Gleisstrecke. Mama, wo sind wir? – Gleich in W., aber jetzt stehn wir ja, die Mama ist noch immer perplex und bringt kaum ein Wort über die Lippen. Macht nichts, ruft Lenchen, guck, der Zugführer macht die Türen auf, schnell, Mama, komm, wir steigen aus! Klein-Lena greift energisch nach der Hand der Mama und zieht diese in den Gang Richtung Tür. Es ist schon fast kein Durchkommen mehr, alle drängen nach draußen in die flirrende Sommerluft, zu den Elefanten. Oh, schau, Mama, schau, dort im Fluss! Die Mama schaut und tatsächlich, es ist ein traumhaftes Bild: im sonnenglitzernden Wasser vergnügen sich die grauen Tiere, als wären sie hier zuhause, sie baden und tauchen die Rüssel ein, saugen Wasser an und spritzen es nach Herzenslust über sich und hoch in die Lüfte. Lenchen juchzt und kennt kein Halten mehr, sie rennt durchs hohe Wiesengras zum Fluss, die Frau Mama hinterher, es ist ansteckend, alle Fahrgäste, die eben noch ungläubig neben dem Gleisbett verharrten, setzen sich in Bewegung und laufen dem Fluss entgegen, nichts wie hin zum Wasser und zu den herrlichen Dickhäutern, das gibt ein Fest!
(nach einer Idee vom 30.August 2023. Und wenn sie nicht gestorben sind,…)
Der Name des heutigen Sonntags basiert u.a. auf dem fünften Vers von Psalm 33, der ist ihm auch im Herrnhuter Losungsbüchlein zugeordnet: Die Erde ist voll der Gnade des HERRN.
Er leitet sich aber auch ab von der Eröffnungsantiphon Misericordias Domini in aeternum cantabo, Psalm 89, 2: Die Gnadenerweise des HERRN will ich ewig besingen…
Das Thema des Sonntags kreist um den Guten Hirten und so stammt der Wochenspruch aus Johannes 10 (Verse 11a und 27-28): Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme und ich kenne sie, und sie folgen mir; und ich gebe ihnen ewiges Leben, und sie gehen nicht verloren in Ewigkeit, und niemand wird sie aus meiner Hand rauben.
Auch die Tageslosung und der dazu gewählte „Lehrtext“ befassen sich heute mit dem Hirtenthema, ich zitiere noch letzteren aus dem ersten Petrusbrief (Kap.2 Vers 25): Denn ihr gingt in die Irre wie Schafe, aber ihr seid jetzt zurückgekehrt zu dem Hirten und Aufseher eurer Seelen.
(alle Zitate nach der Elberfelder Übersetzung 2006)
Der war gestern. Die Social-Media- Beiträge des Reclam-Verlags haben mich daran erinnert. Weltweit finden offenbar an dem Tag zur Feier der Haiku-Dichtung Workshops, Lesungen und Wettbewerbe statt. Der Tag sei eine Anerkennung der Kraft der Worte und der Schönheit der Kürze, lese ich in einem anderen Netz-Beitrag (besserwisser-kalender.de).
Ich feiere nach mit Dreizeiler-Versuchen von heute:
Noch wird am Museumsneubau der Fondation Beyeler gebaut und wegen der Absperrungen muss ich ein wenig anders radeln, als ich gestern spontan einen zweiten Besuch der Cezanne-Ausstellung beschließe. Aber die helle Außenfassade des Neubaus kontrastiert schon aufs Schönste mit dem Dunkelgrün alten Baumbestands des Iselin-Weber-Parks, und in den großen Fensterflächen spiegelt sich Blattwerk. Der 1943 in Basel geborene Architekt Peter Zumthor, über den Wim Wenders seit 2024 einen 3D-Dokumentarfilm mit dem Arbeitstitel „Das Geheimnis der Orte“ dreht, hat das Projekt geplant und entworfen, ein Zitat seiner Arbeitsintention findet sich auf der Webseite des Museumsneubaus: „Ich versuche Gebäude zu bauen, die geliebt werden.“
Im Renzo Piano Bau will ich nur einige wenige Gemälde Cezannes betrachten, ich wähle, wiederum recht spontan, weder die Obst- noch die Krugvariationen, auch nicht die der Badenden oder des Gärtners, sondern sieben verschiedene Darstellungen der Montagne Sainte-Victoire, vor allem weil es mir eine beim ersten Besuch der Ausstellung besonders angetan hatte, die Skizzenhafte nämlich, bei der einem aber rein gar nichts fehlt. Auf weißer Leinwand deuten ein paar Farbflecken Büsche, Bäume, Felder an, auch der Berg ist nur mit wenigen graublauen Farbstrichen und -flecken festgehalten und bietet doch einen verlässlichen Fluchtpunkt (La Montagne Sainte-Victoire vue des Lauves, um 1904, Privatsammlung, Derbyshire). Der schlichte, mattvergoldete Holzrahmen greift die Farbe eines angedeuteten Feldes auf. Im selben Saal 6 hängt auch das 1904/1905 entstandene Gemälde (ebenfalls La Montagne Sainte-Victoire vue des Lauves), bei dem der Berg als Insel aus einem dunklen blaugrünbraunen Meer geboren wird, dessen farbliches Kind er ist. Unterhalb des „Meeres“ eine knappe grüne Fläche, nicht bis in die beiden unteren Ecken ausgeführt, sondern dort ins Weißgelassene ausfransend, als sei dieser Teil des Bildes nicht so wichtig (The Nelson-Atkins Museum of Art, Kansas City, Missouri). Im Begleitheftchen beschrieben ist nur eine weitere Variation gleichen Titels, entstanden in den Jahren 1902 bis 1906 (Privatsammlung), dort heißt es, dass rhythmisch gesetzte Farbflecken die Gestaltung bestimmen und kaum eine Linie zu erkennen wäre, die diese Flecken zusammenhält. Mir scheint beim gemeinten Gemälde das Meer bis an den gesamten unteren Rahmenrand zu reichen, und über der geraden Horizontlinie erhebt sich wiederum der Berg als in den Himmel reichende Insel oder als Land in der Ferne. Weitere Varianten des Blicks auf die Montagne Sainte-Victoire verwenden ruhige Pastelltöne oder lassen den Berg fast aufgehen in Landschaft und Himmel oder zeigen ihn scharf konturiert blau über der gelbgrünen Ebene. Ich lese im Booklet, dass Cezanne sich in seinen letzten Lebensjahren intensiv mit dem Kalksteinbergmassiv auseinandergesetzt hat, oft mit dem Blick vom Hügel Les Lauves aus, wo sich ab 1901 sein Atelier befand. Insgesamt hat er das Bergmassiv 87mal dargestellt. Beim Googeln erfahre ich, dass sich noch jemand auseinandergesetzt hat, mit Cezanne und dessen Berg-Betrachtungen: Peter Handke beginnt Die Lehre der Sainte-Victoire mit dem Satz: „Nach Europa zurückgekehrt, brauchte ich die tägliche Schrift und las vieles neu.“ Der Suhrkamp-Verlag fährt in seinen Angaben zum Buch fort: „ Aus Sorger, dem Helden der Langsame(n) Heimkehr, ist der Autor geworden, der sich nach dem Recht zu schreiben fragt.“ Beide Handke-Bücher habe ich noch nie gelesen, werde sie aber nun auf meine Lektüre-Liste setzen.
Ein Cezanne-Zitat ist der in den verbliebenen Sälen unter dem Titel Sensations firmierenden, mit der Cezanne-Ausstellung korrespondierenden Sammlungspräsentation der Fondation vorangestellt: „Ich male, wie ich sehe, wie ich empfinde und meine Empfindungen sind sehr stark.“ Cezanne habe in seinen Briefen immer wieder von den „sensations colorantes“ geschrieben als Grundvoraussetzung seiner Malerei. Kuratiert wurde die Sammlungspräsentation entlang der deutschen Bedeutungsmöglichkeiten des Wortes sensation: Wahrnehmung, Sinneseindruck, Empfindung, Gefühl. Ich schaue nur in den ersten Saal: da grüßen Van Goghs blaugelbe Felder (Champs de blé aux bleuets,1890 und Champs aux meules de blé,1890) hinüber zu zwei großen zartfarbigen Zeugen von Monets Seerosen-Passion (in Rosablaugrün-Tönen das Bassin aux nymphéas, ca.1917-1920 und Nymphéas, 1916-1919).
Ein wenig verweile ich noch auf bereitgestellten Stühlen im Garten der Fondation und schaue dem Entenpaar zu, das sich im Teich vor der hohen Fensterfront des Renzo Piano-Baus tummelt, dann trete ich den Radrückweg an.
Die Montagne Sainte-Victoire aber lässt mich nicht los, sie meldet sich heute, als ich den Büroaufsteller aus einem der fünf Kartons ziehe, die weitere Büromaterialien beherbergen: der Aufsteller klappt ausgerechnet bei einer weiteren Cezanne-Variation des Gebirgszugs auf: Straße neben dem Mont Sainte-Victoire, um 1902, Ermitage St.Petersburg.
In der gestrigen Tageszeitung las ich das erste Mal über den neuen Trend, filmische Kürzestserien fürs Handy herzustellen. Auch die Black Forest Studios in Kirchzarten würden daran arbeiten. Ein Mikrodrama ist eine extrem kurze (1 bis 2 Min.), meist in hohem Tempo erzählte audiovisuelle Geschichte, lerne ich, die speziell für Mobilgeräte im Hochformat produziert wird, nur wenige Figuren zeigt, sich auf einen einzigen Moment oder Konflikt konzentriert und auf eine klare Aussage oder eine überraschende Pointe hinausläuft. Für die Apps sind die kleinen schnellen Häppchen seriell angelegt.
Versuchen wir doch mal so etwas wie ein Mikrodrama:
Als Lena ankam, öffnete sich die Tür nicht. Was bedeutete, dass sie gar nicht ankam. Sie fuhr weiter. In diese Richtung war sie noch nie gefahren. Sie wusste gar nicht, wo der Zug das nächste Mal hielt. Sie hätte sich jetzt aufregen und wie eine Wahnsinnige durch den Zug rasen können. Auf der Suche nach Personal, das einschritt und zu Hilfe eilte. Aber das wollte sie nicht. Sie wollte Ruhe bewahren. Mit einem Mal schienen ihr alle im Waggon seltsam ruhig, wie festgefroren, eine jede und ein jeder in der Position, in der er oder sie oder es gerade gewesen war. Hatten die Jederlinge eben noch unablässig in ihre Smartphones gesprochen, so standen ihnen nun die Münder still, aber offen, was ein komisches Bild abgab. Andere blieben über die kleinen Monitore gebeugt, deren bewegtes Flimmern auch eingefroren war. Manche hatten noch den Wischfinger am Display, wie festgeklebt. Die funktionslos gewordenen Stöpsel in den Ohren erinnerten Lena jetzt an Knöpfe bekannter Kuscheltiere. Kaum einer der Jederlinge hatte den Kopf zu den Fensterscheiben gedreht, vor denen nach wie vor eine üppig blühende Frühlingslandschaft vorbeizog. Nur wenige hielten ein aufgeschlagenes Buch in Händen. Die sahen festgefroren noch am natürlichsten aus, fand Lena, als würden sie nur gerade den Text in ihrem Kopf fortspinnen. Schön anzusehen waren auch die Kinder, das kleine Mädchen dort mit den blonden Zöpfen, es träumte vor sich hin und hielt seinen Teddy im Arm. Lena musste schmunzeln und lächelte dem Mädchen zu. Da schaute es auf und lächelte zurück. Lena erschrak ein wenig, das Mädchen war ja gar nicht festgefroren! Lena blickte sich um, tatsächlich, auch die anderen Kinder bewegten sich ruhig und sacht, wie in stillem Einvernehmen. Es fielen aber keine Worte. Lena erhob sich langsam und durchschritt den ganzen Zug. Es war überall so, in jedem Wagen, die erwachsenen Jederlinge festgefroren in grotesken Positionen, die Kinder bewegten sich, sicher wie Schlafwandelnde und in sich ruhend. Lena kehrte zu ihrem Platz zurück, setzte sich wieder auf das blaugewürfelte Polster und genoss die Ruhe. Da bemerkte sie, dass der Zug die Schienen verlassen hatte und geradewegs in den Himmel aufstieg, hinauf zu den Wolken, die bereits ein abendliches Rosa angenommen hatten. Nun hatte auch das Rattern aufgehört, das Lena ohnehin kaum noch wahrgenommen hatte. Neue Töne erreichten ihr unverstöpseltes Ohr. Eine himmlische Musik begleitete das Schweben, das kein Ende zu nehmen schien. Plötzlich ein Ruck. Lena schreckte hoch und riss die Augen auf, ihr Bett stand fest auf dem Parkettboden des Zimmers.
Ich breite vor mir den kommenden Gesang des Jahres aus – Grund zur Freude!
Das erste Jubiläumskonzert zum 100-jährigen Bestehen des Motettenchores Lörrach, Bachs Johannespassion am Palmsonntag in der Bonifatiuskirche ist mit Nachhall verklungen. Die Proben beginnen für das zweite Jubiläumskonzert, das am 18.Oktober im Burghof Lörrach stattfinden wird. Die junge Komponistin Elisabeth Fußeder (geb. 2000) erarbeitet dafür eine Auftragskomposition, daneben kommen das Schicksalslied von Brahms, Die erste Walpurgisnacht von Mendelssohn und die Fantasie für Klavier, Chor und Orchester von Beethoven zur Aufführung.
Den Klavierauszug des Schicksalslied habe ich bereits 1984 und 2024 in Händen gehalten und mich in Brahms‘ musikalische Gedankenwelt zu Hölderlins Gedichttext begeben (im Italienisch-Kurs lasen wir heute den schönen Satz: Io ascolto i pezzi di musica e li riscostruisco nella mia testa). Als die Walpurgisnacht schon einmal Teil eines Projekts war, war ich nicht dabei, und die Beethoven-Fantasie habe ich auch noch nie gesungen, so sind die vom Chorleiter empfohlenen Carusausgaben mit ihrem schönen, tiefen Blau nun ganz frisch.
Die Carus-Noten sind jeweils mit aufschlussreichen Vorworten versehen und ich erfahre, dass das Wunderkind Felix Mendelssohn-Bartholdy erst zwölf Jahre alt war, als es seinen Lehrer Carl Friedrich Zelter 1821 nach Weimar begleitete, um dort den schon über 70-jährigen Johann Wolfgang von Goethe zu treffen. Es entstand eine zehn Jahre andauernde musikalisch-literarische Freundschaft zwischen den Beiden. In der Walpurgisnacht setzte sich Mendelssohn (1809-1847) am intensivsten mit Versen Goethes auseinander, die Kompositionsaufgabe zur 1799 verfassten Ballade hatte er von seinem Lehrer Zelter übernommen und das Werk 1832 kurz vor Zelters und Goethes Tod vollendet. Nach der Uraufführung 1833 legte er die Walpurgisnacht aber für zehn Jahre zur Seite und überarbeitete sie 1842 umfassend, was er selbst als Mixtur aus Rekomposition und feinerer „Schneiderarbeit“ beschrieb.
Die Chorfantasie von Ludwig van Beethoven (1770-1827) sei als ein Variationenwerk zu verstehen, heißt es im Carus-Vorwort, und sie verkörpere wie die 5.Sinfonie das „per aspera ad astra“. Ich schlage den Text auf und lese : „Schmeichelnd hold und lieblich klingen unsers Lebens Harmonien, und dem Schönheitssinn entschwingen Blumen sich, die ewig blühn…“ , „ Wenn der Töne Zauber walten und des Wortes Weihe spricht…“ und „Doch der Künste Frühlingssonne lässt aus Leiden Licht entstehn. Großes, das ins Herz gedrungen, blüht dann neu und schön empor,…“, wobei ursprünglich wohl „beiden“ anstelle von „Leiden“ geschrieben stand (gemeint sind Nacht und Stürme). Lange Zeit war umstritten, wer den Text der Chorfantasie Op 80 verfasst hatte, verrät Wikipedia, die Erstausgabe erschien ohne Angabe des Textdichters, jedoch nannte Beethovens Schüler Carl Czerny den Wiener Konzipist und Redakteur Christoph Kuffner als Verfasser.
Die Messa a 4 voci con orchestra (Messa di Gloria) von Giacomo Puccini (1858-1924) werde ich auch das erste Mal singen, jedoch nicht mit dem Motettenchor, sondern mit einem Projektchor für Benefizkonzerte, dem Süddeutschen Ärztechor (Leitung Marius Popp) – und das im Heimatland des Komponisten. Pfingstmontag findet man sich zu den Proben in Rom zusammen, am 29.Mai wird in der Basilica Sant’ Andrea della Valle (die Kirche hat die drittgrößte Kuppel Roms) und am 30.Mai in der Nationalkirche der Portugiesen, in Sant’ Antonio dei Portoghesi konzertiert. Neben der Uraufführung eines Magnificat durch den Solisten Hyon Kook soll noch eine Psalmvertonung von Mendelssohn erklingen, die des 43.: „Richte mich, Gott“ (aus op.78 Drei Psalmen für gemischten Chor und Solostimmen), die Chorpartitur wiederum hielt ich schon 1986 in Händen und im September 2024 bei meiner ersten Italienreise (Verona, Venedig, Mantua) mit dem Süddeutschen Ärztechor.
Die nonna steht auf einer Leiter, Äste der Lagerströmia sind zu kürzen, und so schnell kommt eine nonna nicht mehr von einer Leiter herunter.
Mach schnell!
Es scheint wirklich dringend zu sein und die nonna, endlich am Fuß der Leiter angelangt, eilt zum groß gewordenen Jemand, der aufgeregt im Gras hockt.
Schau mal, nonna, so ein großes Gänseblümchen!
Die nonna schaut und staunt. Inmitten einer unzähligen Schar hat der groß gewordene Jemand die Besonderheit entdeckt.
Ein siamesischer Zwilling, sagt die nonna, die so ein Gänseblümchen noch nie gesehen hat, da sind zwei zusammengewachsen, da müsste doch auch der Stiel – und tatsächlich : ein vereintes Doppel!