Reisen führen zuweilen zu Zielen, die beim Aufbruch nicht im Sinn waren. Wege nehmen überraschende Wendungen. Und manchmal erhält man unterwegs unerwartete Nachrichten. Ich drücke es einmal so aus: die Nachricht lautet, dass man in einer Filmrolle besetzt wird, für die man sich gar nicht beworben hat.
Daher macht mein Blog eine etwas verlängerte Pause, ich denke aber, kommende Woche mit Einträgen fortfahren zu können.
Zwei ineinander geschlungene Kobras sah der indische Architekt Balkrishna Doshi (1927-2023) in einem Traum, das Bild inspirierte ihn zu den beiden sich schlängelnden Pfaden, die auf dem Vitra-Gelände in den einen Kopf münden, der sich aus dem Erdreich erhebt und in dem sich Stille und Klang ineinander verschlingen. Die beiden Pole begleiten einen auch durch die sich immer tiefer in die Erde senkenden Pfade, die Klangsequenzen lehnen sich an „die sensorischen Umgebungen in östlichen Tempeln oder christlichen Sakralräumen“ an, wie es im Flyer heißt, eine Reise sei es durch Räume und Klänge. Das erste außerhalb Indiens realisierte Projekt Doshis wurde zum letzten Projekt überhaupt, an dem der Architekt arbeitete, seine Enkelin Khushnu Panthaki Hoof führte es zu Ende gemeinsam mit ihrem Mann Sönke Hoof, auf Einladung noch von Balkrishna Doshi selbst. Die Realisation der geträumten Reise begann „mit Worten wie Pause, Weg, Begegnung“, sagt die Enkelin in einem Interview. Und im Film, der in einem Nebengebäude des Vitra-Museums zur Entstehung des Doshi-Retreat zu sehen ist, geht Khushnu Panthaki Hoof auf den zentralen Gedanken ihres Großvaters ein, den der Reise. Eine Reise könne mit der Zeit spielen, sie sei frei, die Freiheit lasse ein Eintauchen in Dinge zu und ermutige zu einer Art Präsenz des Seins.
Doshi Retreat A conversation with Rolf Fehlbaum, Khushnu Panthaki Hoof and Sönke Hoof | Offizieller Vitra® Online Shop DE https://share.google/tWJHiuPsIURRoGn40
Mein Blog macht eine kleine Pause, der nächste Eintrag ist spätestens für den 6.August vorgesehen. Kurzbeiträge in der Zwischenzeit auf meinem Instagram Account @achfrie58.
Sie spielte Prinzessin und der Musikverein Blasmusik, o Täler weit o Höhen, o schöner grüner Wald. Prinzessinnen saßen still und aufrecht an ersten Tischen und grüßten anmutig, wenn sie das tun sollten, und alle grüßten Prinzessinnen und schauten, ob sie lächelten und welches Kleid sie trugen. Sie schaute auch, Knöpfe an burgunderroten Westen glänzten golden wie die Posaunen, die meist den rechten Ton trafen. Dass etwas Langes hin und her gezogen wurde, hatte mit dem Ton zu tun und aufgeblasene Backen auch. Plötzlich erhob sich einer und schlug zwei große Teller aufeinander, golden funkelten auch sie, einer vor dem dunklen Rot der Weste, der andere vor dem Schwarz der Hose, wenn kräftige Arme die Teller wieder auseinanderzogen, den einen hoch hinauf, den anderen hinunter. Die Musik war laut und die Gespräche an den Tischen pausierten, setzten aber sofort wieder ein, wenn der Kapellmeister seinen fuchtelnden Stab sinken gelassen, sein großes Taschentuch übers Gesicht gezogen und sich verbeugt hatte. Vor ihr stand die bauchige Bluna-Flasche, an ersten Tischen durften Prinzessinnen Strohhalme ins Grün der Flaschenöffnung stecken, sonst aber nicht, das Angesaugte leuchtete wie die beiden Orangenbälle unter den Blättern des Etiketts und die fruchtigfrische Flüssigkeit prickelte auf der Zunge. Wurde sie angesprochen, schluckte die Prinzessin schnell und antwortete artig, sonst folgte sie den Worten nicht, die über den Tisch wogten, aber die Stimmen von Mama und Papa waren um sie herum und das war gut so. O Schwarzwald, o Heimat, wie bist du so schön. Manchmal gab es am Ende Tanz und manchmal traute sie sich aufzustehen und zu den Paaren zu gehen, über deren Schwung sie sich gewundert hatte, denn da bewegten sich auch Grauhaarige, für die sie im Bus den Platz freigeben musste. Ein paar Schritte, ein paar Drehungen auf dem Schwingboden der Mehrzweckhalle vor den Tischen, tanze mit mir in den Morgen…, Junge, komm bald wieder, bald wieder nach Haus…, andere Dorfkinder drehten sich auch und hüpften. Die Eltern tanzten nie, aber der Papa hielt die Reden und die Mama hielt zu ihm.
Für die 31.Kalenderwoche finden sich im Herrnhuter Losungsbüchlein Verse aus dem 5.Kapitel des Epheserbriefes (8b u. 9), ich zitiere nach der Elberfelder Übersetzung:
Wandelt als Kinder des Lichts
denn die Frucht des Lichts besteht in lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.
Du bist meine dritte Wahl. Andere wählten rascher und haben schon die Jakobsmuschel genommen und auch die zweite, eine gebrochene, unsymmetrische. Nun nehme ich dich, weil auch du asymmetrisch bist. Eine Seite deiner Herzmuschelschale holt weit aus und beschreibt einen schönen Bogen, die andere schafft den Bogen nicht, wirkt abgeschnitten und hat doch einen heilen Rand, der in Wellenlinien verläuft wie auf der ausholenden Seite. Am unteren Rand fehlt dir ein Stück, es ist ausgebrochen. Deine Oberfläche hat Furchen und Riefen, Rippen erheben sich wie Doppelstrahlen und fächern sich von deinem Kopf aus auf, zum Teil sind sie von kleinen Stacheln besetzt. Deine Farben sind die des Sandes. In verschiedenen Schattierungen folgen sie von hellbeige bis hellbraun dem Verlauf deines Außenrandes und kreuzen die erhabenen Doppelstrahlen. Auf der abgeschnittenen Seite ist die Farbe noch dunkler, braun, wie ein alter Bluterguss, darauf Schorf. In deinem Inneren ist das, was außen erhaben ist, eingesenkt, ein Perspektivwechsel, die Fläche ist glatt, die Fingerkuppen gleiten leicht darüber, die Kuppe meines Daumens passt sich genau ein in die Mulde deines Kopfwirbels. Du riechst nach eingetrocknetem Meer, nicht mehr salzig, eher bitter, kräftig. Halte ich dich ans Ohr, höre ich wie als Kind das Rauschen der Meereswellen, ich weiß aber, dass es ein Widerhall ist, der sich in deinem Inneren verfängt.
Das Grün ist angenehm für die Augen. Stell dir vor, du müsstest auf blaues Gras schauen, blaues Reblaub, blaue Bäume, würde dir das gefallen?
Selbst beim Meer liebst du das Wechselspiel mit dem Grün, das Leuchten von Türkis.
Bibliothekslampen sind grün und ihr Licht grün gedämpft für das Studium an den Tischen.
Grün ist die Hoffnung. Warum eigentlich? Vielleicht, weil sie aufkeimt wie der Schössling einer Pflanze? Zartes Grün in Spalten zwischen Platten aus Beton.
Helen Frankenthaler kippte die Farben auf unbehandelter Leinwand auf dem Boden aus, kaum gelenkt durch Bürsten – entstand auch das Grün? Und woraus?
Jeden Morgen begrüßt mich das Grün, wenn ich über den Hügel radle, das pralle, helle der Reben, das frische der Grashalme, die Tautropfen tragen, das dunkle der Bäume, die es viel werden lassen im Sommer. Später verlieren sie es und das Grün der Gräser gibt seine Frische ab.
Grün, grün, grün sind alle meine Kleider, grün, grün, grün ist alles was ich hab‘ – das Lied aus Kindertagen – darum lieb‘ ich alles, was so grün ist, weil mein Schatz ein Jäger, Jäger ist.
Auf den Speicher habe ich mich geschleppt, will einmal wieder aufräumen. Dort in der Ecke – was ist das denn für eine Kiste? Ich bücke mich und puste den Staub vom Deckel, ach, das sind ja alte Fotos, ganz obenauf eines mit großem Knick, es fällt mir sofort ins Auge, ein Fotonegativ. Dazu muss es doch ein Positiv geben, ich wühle, aber das Positiv finde ich nicht. Ich drehe das Foto um, Carte Postale ist aufgedruckt, und – kleiner – Correspondance, rechts daneben Adresse. Aber da steht keine Adresse, kein Datum und auch kein Postkartengruß, nur in verblasster blauer Tinte E. & J. – E. und J.? Elisabeth und Johannes? Aber wo stehen wir denn da? Vom Hintergrund erkenne ich nur Schemen. Es gefällt mir, wie wir beide da stehen, du, Johannes und ich. Lange musste ich auf dich warten. Ich war so glücklich, als du da warst, auch wenn die Geburt schwer war und lang. Dieses Gefühl, als man mir dich auf den Bauch legte. Wo nur stehen wir da, Johannes? Weißt du, meine Erinnerungen werden unscharf. Manche strahlen so hell heraus wie unsere Haare, die sehen ja fast wie Heiligenscheine aus! Und manche verschwinden im Dunkel wie die Konturen des Mantels, den ich da anhabe. Ach, Johannes, ich liebe, wie du auf dem Foto neben mir stehst, ich habe dich im Arm und doch stehst du für dich, allein, fest auf dem Boden. Obwohl, ein wenig auch so, als wüsstest du noch nicht, was auf dich zukommt. Aber dafür ist mein Arm da. Ich halte dich. Schau mal, meinen Hut habe ich abgenommen. Kannte ich den Fotografen? Wollte ich nicht so offiziell aussehen? Ich weiß nicht. Aber der Hut schafft auch Abstand zum Fotografen, während er uns beide verbindet. Wie er kreisrund leuchtet! Seltsam, wie gerötet unsere Gesichter sind, dabei wirken sie ganz ruhig. Nur unsere Augen sind helle Sterne, aber ich kann nicht erkennen, wie sie schauen. Jetzt tun mir so langsam die Knie weh, ich muss versuchen aufzustehen. Den Deckel mache ich wieder auf die Kiste, aber das Foto behalte ich in der Hand. Weißt du, ich werde es rahmen und auf den Nachttisch stellen. Wenn ich nur wüsste, wo du jetzt bist, Johannes!
(ein Foto kann man doch nicht holen, sagt prompt der groß gewordene Jemand, als ich die Geschichte vorlesen und dazu die Fotografie holen will, ich stutze kurz – aber d.g.g.J. kennt auch dingliche Fotos, meist allerdings aus Alben)
…. wohl wahr! Auf jeden Fall läuft und läuft das große, bemooste Mühlrad und dreht seine Runden durch den Dalbebach. Einmal aber stand es still, denn der Wellbaum musste erneuert werden, das eineinhalb Tonnen schwere und 4,3 Meter lange hölzerne Herzstück, die verlängerte Radachse, die die Energie vom Mühlrad ins Mühleninnere auf das Stampfwerk überträgt, damit die Papierherstellung in der Basler Papiermühle wieder so laufen kann wie im 15.Jahrhundert, denn die alte Galizianmühle ist nicht nur Museum, sondern auch Papiermanufaktur. Zwei hölzerne Hammer werden durch die Maschinerie bewegt und zerstampfen rhythmisch alte Lumpen zu einem Zellulosebrei, aus dem dann das Papier geschöpft wird. Eichenholz wird benötigt für den Wellbaum, und zwar mindestens 300 Jahre altes, und es war in 2022 sehr schwierig, überhaupt einen entsprechenden Baum aufzutreiben, auch deshalb, weil Frankreich für den Wiederaufbau von Notre-Dame rund 30.000 Eichenstämme aufgekauft hatte. Schließlich aber war man in einem Schweizer Wald fündig geworden und Mühlrad und Stampfwerk konnten wieder anlaufen. Und sie laufen und laufen, sehr zur Freude eines groß gewordenen Jemand und eines Nicht-mehr-Purzel! Die auch gleich selbst Papier schöpfen, mit Gänsekiel und Federn Buchstaben malen, verschiedene Sachen drucken, Eidechsen in Kartonstreifen prägen, auf Schreibmaschinen Tasten drücken und zuschauen, wie die Typenhebel durch das Farbband die Zeichen aufs Papier bringen und der Papierträgerwagen sich dabei mit der Walze um einen Schreibschritt weiter bewegt (großes Faszinosum!).
Alles selbst Hergestellte darf mitgenommen werden, dazu auch der Mini-Umschlag, für dessen rotes Siegel jeder aus vielerlei Motiven auswählen konnte, bevor das Tropfen des Siegelwachses und das Eindrücken des Siegelstempels zu beobachten waren. Was es sonst noch alles zu sehen und zu lesen gibt zu Papier, Schrift, Druck und Buch, das erlebt man am Besten selbst im schönen alten Gebäude, beim Dalbedyych im St.Alban-Tal, unweit des Rheins, inmitten enger Gässchen mit aneinander geschmiegten Fachwerkhäusern und bei der alten Stadtmauer. Ist man hier wirklich im heutigen Großbasel? Erheben sich tatsächlich schräg gegenüber die weißen Roche-Türme?