Ricordi d’infanzia 2

O-Ton Reisetagebuch Osterferien 1975

(eigentlich war ich bereits 16 Jahre alt, der Ton klingt aber noch sehr nach infanzia)

Ich zitiere von Sonntag, den 23.III.’75:

Unser erstes Frühstück in der Küche der Casa Palma war sehr fein. Nachdem wir uns so gestärkt hatten, gingen wir zu Fuß in den bekannten Kurort Gardone Riviera…Wir spazierten durch schöne enge Gässchen, über einen schönen kleinen Platz und dann Lungolago, d.h. die herrliche Promenade am See entlang. Es ist gut, dass noch nicht so ein Betrieb ist wie im Sommer. Dann lernt man die Orte viel besser kennen, finde ich. Die Promenade ist, glaube ich, ganz auf den See gebaut, denn in bestimmten Abständen sind immer wieder Dohlen, durch die man das Wasser sieht. Durch diese Dohlen fischen auch die Einheimischen solch kleine silbrige Fische. Es sieht sich ungeheuer komisch an. Nach diesem Spaziergang gingen wir wieder in eines der kleinen Gässchen in das Ristorante des Hotel Nord. Hier wurden wir von einer Südtirolerin, die gut Deutsch sprach, freundlich bedient. Wir bestellten jeder ein Menu. Es war aber furchtbar viel, und D. und ich konnten nicht alles aufessen. Als Vorspeise aßen D. und ich Spaghetti, Mama und Papa Gemüsesuppe. Als Hauptgericht nahmen Papa, D. und ich Fleisch mit Kartoffeln, während Mama gebackene Forelle (auf Italienisch: trota) mit Kartoffeln aß. Dann folgte als Dessert Caramelpudding bzw. Obstsalat. Natürlich tranken D. und ich, wie immer in Italien, Aranciata. Oh je, waren wir satt nachher, und wir schworen uns, nie mehr ein ganzes Menu zu bestellen. Jetzt wanderten wir gemütlich wieder ‚heim‘. Hier suchten wir die Liegewiese, die im Prospekt angezeigt war. Nun, Liegewiese ist etwas übertrieben, es ist ein kleiner Platz mit mehr Steinen als Gras, aber mit einem schönen grünen Holztisch und dazugehöriger Bank, einem Sandplatz, zwei Umkleidekabinen, ein paar guten Bäumen, auf die man ein Stück weit hinaufklettern kann (besonders wichtig für D.!), und eben am See. Wir setzten uns gemütlich ein Weilchen auf die Bank, doch war es hier nicht sehr warm, weil trotz Sonnenschein ein ziemlich kalter Wind ging, was hier am Gardasee für diese Jahreszeit ungewöhnlich ist. Wir fassten einen Entschluss, über den ich mich sehr freute: wir beschlossen, nach Verona zu fahren. Um halb vier ungefähr machten wir uns auf den Weg, und auf der Autobahn waren wir ziemlich schnell in Verona angelangt. Wir fuhren in die herrliche alte Stadt hinein und parkten das Auto auf einen Platz vor der Kirche Sant‘ Anastasia. Nun gingen wir zu Fuß durch die alten Straßen und Gassen, es war wunderschön. Wie freute ich mich! Mama und ich konnten auch gut einer unserer Lieblingsbeschäftigungen nachgehen, nämlich: Leute beobachten! Unser Ziel war, die alte Arena von Verona zu sehen. Doch zuerst stärkten wir uns in einem Café an einer Piazza, die von schönen alten Häusern umstellt war, mit Cappuccino und Tee. …“

(NB.: der damals verschriftlichte Wunsch, zu einer Freilichtvorstellung im Sommer wiederzukommen, ist mir erhalten geblieben )

Ricordi d’infanzia

Im Kurs fragt die Nun-wieder-Italienisch-Lehrerin heute, welcher Sinn uns am ehesten in die Kindheit entführt. Kurze Antworten und kleine Geschichten der Teilnehmenden fallen ganz unterschiedlich aus, bei etlichen ist es ein bestimmter Geruch, bei anderen sind es visuelle Eindrücke, bei wieder anderen haptische, zum Beispiel das Gefühl von Sand am Strand, wenige haben auch bestimmte Stimmen im Ohr. Ich weiß nicht, ob das Thema der Woche die Sinne sind oder Kindheitserinnerungen oder beides zusammen (das gehört natürlich zusammen, wissen alle, die einen im Schreiben unterrichten), jedenfalls wird es vom 1.bis 3.Mai im Dreiländergarten ein „Festival der Sinne“ geben, mehr als 100 Kunsthandwerker, Gaukler, Marionettenspieler und Musiker werden dort auftreten oder ihre Stände aufbauen, teilt die Badische Zeitung mit. Die Kolumne Unterm Strich befasst sich heute mit dem Hörsinn und fragt, wie eine Rose klingt, beim Projekt „Re-Connecting with Nature“ könne man das am 21.Mai herausfinden, schreibt Alexander Dick, die Rose würde die Tasten eines Klavierflügels in Bewegung setzen – das wäre ja durchaus spannend zu hören (und auch zu sehen, oder?), wo soll die Performance denn stattfinden – ach, „in der Freien Waldorfschule zu Köln, am Weichselring“. So langsam frage ich mich, ob die Kolumnisten der BZ in hiesiger Gegend nicht genügend Anknüpfungspunkte für ihre Zeilen finden, ich werde das weiter verfolgen. Einstweilen bin ich froh, dass ich nicht die „ultraschallartigen Klickgeräusche“ von gestressten Pflanzen hören muss, das würde mich ja in eine Kümmer-Unruhe versetzen, dabei fällt mir ein: hören Fledermäuse die etwa und versuchen dann, die Pflanzen zu beruhigen? Im Italienisch-Kurs jedenfalls kommt mir wieder eine Stimme ins Ohr, eine warme, ruhige, schöne Stimme: es ist die eines Sprechers auf einer Märchenschallplatte „Nein, Herr, der Wagen nicht. Es ist ein Band von meinem Herzen, das da lag in großen Schmerzen, als Ihr in dem Brunnen saßt“ – der Frosch ist erlöst und wieder ein Königssohn mit schönen und freundlichen Augen, und jetzt müssen die drei eisernen Bande nicht mehr das Herz des treuen, traurigen Dieners vorm Zerspringen bewahren, sondern dürfen selbst aufspringen, eines nach dem anderen, das Herz ist nun auch erlöst und die Freude bricht sich Bahn.

(Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich, Kinder- und Hausmärchen KHM 1 der Brüder Grimm)

(Doris Dörrie: Leben-Schreiben-Atmen. Eine Einladung zum Schreiben. Diogenes-V. Zürich 2019, gelesen 2025)

(zu Märchen und Höreindrücken siehe auch Blogeinträge vom 28.Aug. und 19.Sept.2025)

Friedhof am Hörnli

(zu Friedhof siehe auch Blogeintrag vom 26.Juli 2025)

Die zweite Woche nach Ostern hatte das Thema Friedhof gepachtet, obwohl man doch gerade von der Auferstehung kam (vielleicht auch gerade deshalb?). Wie man weiß, liebe ich Friedhöfe: die Stille, das memento mori, all die Namen und Daten, die Gesellschaft von Gießkannen, Grabmalen, Statuen, die Fragen, vor die sich das Gärtnern schiebt.

Das Thema der Kalenderwoche 16 startete bereits am Samstag, den 11.April, mit einem längeren Artikel der Wochenendbeilage der Badischen Zeitung  zu unerwünschter Werbung für Sterbeversicherungen, die dem Autor wohl immer wieder in den Briefkasten flattert und deren Intention er sich verweigert. Er möchte gerne noch ein Weilchen am Leben bleiben und kommt daher im Artikel zur abschließenden Aufforderung „Machen Sie Geschäfte mit dem Leben“, solche Geschäfte würde er dann unverzüglich unterschreiben.

Wie genau man sich das vorzustellen hat, sei dahin gestellt, vielleicht aber so, wie ein weiterer Artikel der BZ am Donnerstag, den 16.April, empfahl, nämlich Lottogewinne lieber zu Lebzeiten zu verkosten, und nicht – wie „im schönen Westerwald“ geschehen – lediglich der reichste Mann auf dem Friedhof zu sein. Der 16.April ist der Geburtstag des vielseitigen Menschen Sir Peter Ustinov, dessen Grabplatte auf dem Friedhof CH-Bursins laut Wikipedia außer dem Namen und den Daten 1921-2004 noch die Bezeichnungen „Writer-Actor-Humanist- Musicien-Membre de L’Institut“ trägt. Das Geburtstagsdatum reichte dem Autor der BZ-Kolumne Unterm Strich (Dominik Bloedner) offenbar zur Vernüpfung mit anderen Meldungen, und so ließ er Sir Peter Ustinov antworten auf die Frage, ob es „Glückspilze im schönen Westerwald“ gibt: „Was der Sinn des Lebens ist, weiß keiner genau. Jedenfalls hat es wenig Sinn, der reichste Mann auf dem Friedhof zu sein.“

Zumindest mit dem zweiten Teil der angeblich Ustinov’schen Sätze erklärte ich mich einverstanden und war außerdem am Montag, den 13.April, mit noch einem BZ-Artikel „Zur Ruhe (ge)kommen auf dem Hörnli-Friedhof“.  Ach nein, stimmt nicht ganz, an diesem Tag beschäftigte mich ja ein ganz anderer Gottesacker, den Hörnli-Friedhof musste ich nachholen. Katharina Kubon hatte in ihrem Artikel mit Worten und Fotografien den größten Friedhof der Schweiz beworben, viele Menschen würden die friedliche Atmosphäre auch zum Spazierengehen benutzen, Parkbänke die Möglichkeit bieten, Ruhe zu genießen, meist sei nur das Zwitschern der Vögel zu hören, in den Artikel fiel dann aber auch das tiefe Brummen eines Rasenmähers ein. Außer Beschreibungen der Wege, der Kapellen und Pflanzen, der Einzelgräber und Gemeinschaftsfelder, des Bärlauch-Geruchs und der Schriftzeichen aus verschiedenen Kulturkreisen vergaß die Autorin auch nicht, die auf dem Friedhofsareal verteilten Toiletten zu erwähnen.

Ich glaube mir selber kaum, dass ich bisher das 54 Hektar große Gelände nicht kenne, obwohl es im schweizerischen Nachbarort liegt und mit dem E-Bike leicht zu erreichen ist. Also radle ich am Ende der 16.Kalenderwoche Richtung Hörnli. Der Name leitet sich vom benachbarten Grenzacher Horn ab, einem Muschelkalkfelsen am Rand des Buchswalds und des Oberrheinischen Grabenbruchs, mit herrlichem Weitblick auf den Rhein und darüber hinaus. Vom Hörnli-Friedhof ist der Rhein nicht zu sehen, seine unmittelbare Nähe nur zu ahnen. Der Nachmittag hat einen Sonne-Wolken-Mix und fast sommerliche Wärme, ich betrete den Gottesacker durch einen Nebeneingang und bin sofort von der Parkatmosphäre gefangen. Alte Bäume filtern das Licht, breite Wege führen in die Ferne, schmale Pfade in Winkel, steinerne Gestalten kauern auf Sockeln oder stehen aufrecht mit gesenktem Blick, manche haben Flügel, manche falten die Hände, andere breiten die Arme aus, wieder andere herzen Tiere. Eine stille, einvernehmliche Gesellschaft, kaum gestört durch ein paar Vereinzelte, die sich im riesigen Rechteck des Geländes bewegen. Blauregen fällt über eine Mauer, eine Magnolie hat noch Blüten, das Weiß von Rosenbüschen dominiert die Mitte des Areals. Kletternde Efeuranken und Grünvariationen der Unkräuter beleben so manche Grabstätte, andere Gräber wiederum glänzen als Mini-Gärten gestaltet. Fische, Schafe, Hunde, auch Rehe begleiten mich und jene, auf deren irdischer Vergänglichkeit sie treu verweilen. Mir kommt eine Information aus dem Zeitungsartikel in den Sinn: muntere Rehe hatten sich auf dem Hörnli-Friedhof zu wohl gefühlt und sprunghaft vermehrt, das Justiz- und Sicherheitsdepartement Basel gab die Jagd frei, Überlebende wurden eingefangen und in den Kanton Jura umgesiedelt. Als ich schließlich beim Tor des Haupteingangs ankomme und auf die Allee aus Eibenkuben blicke, deren Achse zu einem von zwei großen klassizistischen Gebäuden gerahmten Plateau leitet, weiß ich nicht, wieviel Zeit vergangen ist. Ich schaue auf die Uhr und eine Tafel mit Öffnungszeiten, noch gelten trotz der sich zum Sommer streckenden Abende und Temperaturen Winteröffnungszeiten. Ich lasse also die Allee und den breiten Treppenaufgang für einen nächsten Besuch, zumal die Friedhofssammlung, das Schweizer Museum für Bestattungskultur, an diesem Tag ohnehin nicht geöffnet ist. Kaum habe ich das Tor passiert, weicht die Stille, es dauert etwas, bis ich mit Geräuscheinfall und Alltagsoptik zurechtkomme, dann steige ich aufs E-Bike, das ich über Wege und Pfade des Gottesackers geschoben habe, und radle Richtung Rhein.

Friedhof am Hörnli | Kanton Basel-Stadt https://share.google/oKjp3yGfGQLpqefbp

Da ist Gott

Mitten im Chaos eines zu räumenden Hauses spricht der Purzel, der keiner mehr ist (ich muss einen neuen Namen finden) diesen Satz aus drei schlichten Worten, die doch so gewichtig sind. Klar, ohne jeden Zweifel spricht er den Dreiwortsatz und zeigt auf ein großes Bild in weißem Rahmen. Das große, gerahmte Bild steht an eine Wand gelehnt, zusammen mit solchen ganz anderen Charakters, umringt von Flusen, Staub und sonstigen Dingen, die aus einem Leben überdauert haben. In kräftigen Farben ist darauf ein Mann zu sehen, der einen anderen jüngeren Mann herzlich in die Arme schließt. Der Nicht-mehr-Purzel kennt solche Bilder, in kleinerem Format, es sind Illustrationen des niederländischen Künstlers Kees de Kort aus der Kinderbibel. Das Motiv des großen Bildes im Rahmen muss aus der Geschichte Der verlorene Sohn stammen. Die Geschichte interessiert den durchs Haus springenden Nicht-mehr-Purzel gerade nicht sonderlich. Aber ist es nicht so, dass der einfache Dreiwortsatz genau ins Zentrum getroffen hat? Und: brauchen wir nicht immer wieder einen, der im ganzen heillosen Durcheinander, im Tohuwabohu der Welt eine andere Wahrnehmung hat, der uns aufmerken lässt, unsere Ohren öffnet und unseren Blick ausrichtet auf – wenn vielleicht auch nur kleine – Inseln von „Da ist Gott“ ? Da, in einer Geste, einem Lächeln, einem Windhauch, einer Melodie, einem Pinselstrich, einer Zeile, einem Gedanken, einer Blüte, einem Moment der Schönheit?

(siehe auch 1.Könige 19,11+12)

Dritter Sonntag nach Ostern – Jubilate

Der erste Vers des Psalm 66 ist der Namensgeber des heutigen Sonntags: Jauchzt Gott, alle Welt!

(lateinischer Introitus in der römisch-katholischen Messe Jubilate Deo omnis terra!)

Im Kirchenjahr befinden wir uns in der österlichen Freudenzeit, der Sonntag Jubilate erinnert an die erste Schöpfungsgeschichte, spricht vom schöpferischen Spiel der Weisheit vor Gott und jubelt über die Auferstehung als Neuschöpfung.

Auch der „Wochenspruch“ fügt sich in die Thematik ein, Vers 17 aus dem ersten Kapitel des Briefes an die Korinther: Daher, wenn jemand in Christus ist, so ist er eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.

Psalm 66 ist auch die im Herrnhuter Losungsbüchlein vorgeschlagene Bibellese, ich zitiere noch die Verse 6, 8 und 9: Er wandelte das Meer in trockenes Land: durch den Strom gehen sie hinüber zu Fuß . Dort haben wir uns an ihm gefreut. …Preist, ihr Völker, unseren Gott und lasst hören den Klang seines Lobes; der unsere Seele zum Leben bringt und nicht zugelassen hat, dass unsere Füße wankten!

(Alle Zitate nach der Elberfelder Übersetzung 2006)

(Foto: Im Konstanzer Münster, 23.April 2026)

Eine andere Deutschlandreise

„Ab 26.04. Streckensperrung Rheinfelden- Erzingen mit Busersatz und Pendelverkehr RB30 Basel Bd Bhf- Rheinfelden. Bitte informieren Sie sich“  – unablässig läuft auf blauer Anzeigetafel am Gleis 7 das weiße Band über den Angaben zu Destination und Abfahrtszeit des Zuges, und obwohl der RE3 schon bereit steht, ist eine Reisewillige irritiert, lässt die Augen zwischen Anzeigetafel und Handy pendeln, die linke Hand aber festgefroren am Griff des Rollkoffers. Ich frage mich, bei der wievielten Wiederholung das weiße Band wohl in die Hirnwindungen der nett wirkenden Dame eindringt, bevor ich ihr aber Hilfe anbieten kann, hat sie das Vertrauen ins Datum und den Einstieg in den Regionalexpress gefunden. Die Informations-Causa liegt der DB Regio sehr am Herzen, schrecklich schief scheppernde Töne reißen die Fahrgäste entlang der Hochrheinstrecke immer aufs Neue aus Lektüren, Gesprächen und Landschaftsbetrachtungen, um das Unabwendbare in großer Dramatik zu verlautbaren: Streckensperrung, Zugausfälle, komplexer Schienenersatzverkehr ab dem kommenden Sonntag und das über ein Jahr lang! Leute, vergesst euer Deutschlandticket Richtung Bodensee bis Sommer 2027! Gut, ich gebe zu, der letzte Imperativ kam so nicht durch die Lautsprecher, aber dem langen Darben muss mit Vorsättigung vorgebeugt werden (ist das möglich?). Das Wetter spielt mit und so sitze ich also im Zug und fahre weit weg, nach Deutschland, oder besser… – ach, jetzt sind mir doch Worte meiner Begleitung hier rein gerutscht, diesmal nämlich habe ich nicht Martin Walser, sondern Roger Willemsen dabei, die Deutschlandreise, und wenn ich nicht rechts auf den Rhein schaue, der hier wie ein ruhiger Teich zwischen schon sommergrünen Bäumen liegt, vertiefe ich mich in Rogers unbestechliche Zeilen. Links über den Gang gähnen Asiaten und aufrecht sitzend fallen ihnen die Augen zu, offenbar haben sie schon ein stationenreiches Besichtigungsprogramm hinter sich gebracht. Rechts bläst der Kühlturm des Kernkraftwerks Leibstadt Wolken von unschuldigem Weiß in den Morgenhimmel, hinter Waldshut plötzlich die Fata Morgana schneebedeckter Alpengipfel, für uns im Süden, verkündet das Werbeplakat der Fürstenbergbrauerei. Dann wechselt das Land und die Brauerei, ein entschlossen blickender Falkenkopf prangt auf fensterlosem Turm neben den Gleisen. In Neuhausen habe ich nicht den minimalen Moment verpasst, in dem das Zugfenster den Blick hinunter zum Rheinfall freigibt, als Kind habe ich einmal zu ihm hinaufgeschaut und mit dem nimmermüden Rauschen seiner Wassermassen meine Ohren gefüllt. Gegenüber haben inzwischen die Mitreisenden gewechselt, die Asiaten sind aufgewacht und ausgestiegen, jetzt stürmt bei einer weißhauptigen Oma mit Kurzhaarschnitt die Bärenfamilie vorbei und trinkt sogar dem Maulwurf die Milch weg, der baseballbemützte Enkel lauscht gebannt und knabbert derweil eine Möhre. Eine Männerstimme hinter mir führt lang, breit und hochtief aus, welches Handy wie den Schlaf bewacht und Frequenz und Dauer von Atemaussetzern registriert, links hütet derweil die alte Festung den Hohentwiel. In Stahringen steht der Zug unplanmäßig. Draußen Streuobstwiesen, drinnen fängt die Schwester der Baseballmütze an, aus zweisprachigem Bilderbuch vorzulesen, irgendwas von acqua fresca und la carota, die Karotte. Der Zug fährt wieder, Apfelbaumplantagen säumen die Strecke mit Blütenüberfluss, hinter Überlingen weitet sich der See, eine stille Fläche. Es geht kein Wind, Segeljollen schlafen noch in ihren Häfen. Später werden ein paar auf dem See dümpeln, das Segeltuch höchstens gestreichelt von kaum vorhandener Brise, mir aber wird der Fahrtwind Haarsträhnen ins Gesicht wehen, denn der Katamaran beschleunigt ordentlich und ich sitze nicht, sondern stehe an der Reling, dem Wasser nah, und schaue hinüber zu den Alpengipfeln und hinauf zum silbrigen Schweben eines Zeppelins. Dann grüßt von rechts Annette herüber aus ihrer Meersburg und es scheint, als habe die Burg die Farbe ihrer Haare angenommen, der See aber ist in die ihrer Augen getaucht. Da nehme ich mir vor, die Bodensee-Gedichte der Droste-Hülshoff zu lesen und ihre Ruhestätte auf dem Friedhof Meersburg zu besuchen. Spätestens im Sommer 2027, wenn die Hochrheinstrecke von allen Hindernissen befreit sein wird.

(Roger Willemsen: Deutschlandreise. Fischer Taschenbuch Verlag. Limitierte  Sonderausgabe, Frankfurt a.M. 2006)

Blütentelefon oder Frühlingsfreuden 10

Im Markgräflerland gibt es ein Blütentelefon. Jedenfalls im Frühling. Beziehungsweise zu den Zeiten, die den Frühling herbei ahnen bis zum Zeitpunkt, an dem die Vollblüte der Obstbäume erreicht ist. Die Webseite des Blütentelefons (jedes Jahr von etwa 75000 Interessierten besucht) meint, dass wir mit der Vollblüte am 11.April wieder ein ganz besonders schönes Naturschauspiel haben erleben dürfen. Das Blütentelefon wird nun erst im Februar 2027 erneut aktiv, aber eine Tour durchs Eggener Tal empfehle sich auch derzeit, da die Apfelbäume und spätere Kirschsorten noch Blüten tragen würden. Die Daten auf der Webseite zeigen mir, dass ich wie beinahe jedes Jahr einer Täuschung unterliege mit meiner Meinung, dass die Blüten diesmal besonders früh dran gewesen sind. Es gab durchaus Jahre, in denen die Vollblüte noch früher erreicht wurde, 2011 z.B. am 4.April und 2014 am 6.April. Aber spätere gab’s auch (bin beruhigt, so ganz falsch ist mein Empfinden doch nicht): Vollblüte 2006 am 22.April und 2013 am 28.April.

Ich will aber nicht nur eine schnöde, wenn auch hübsch mit Blüten hinterlegte Webseite konsultieren, sondern mit den Blüten telefonieren! Ich konsultiere also meinen Hügel. Die Tüllinger Tulpen haben ihr kurzes, aber intensives oberirdisches Leben bereits beendet, und kaum habe ich auf dem Höhenweg die Sonnenerscheinungen der Löwenzahnreihen wahrgenommen, haben die gelben Strahler schon ihre wundersame Verwandlung durchlaufen und stehen nun mit weißgrauen Häuptern als aufrechte Skulpturen zwischen den Reben. Von den Quittenbäumen hat es dicke Flocken geschneit, nur die Apfelblüten sitzen rosageädert noch fest an den Ästen und kosten ihr Frühlingsdasein aus.

I

Ein Gang am Hügel,

die Vollblüte vorüber.

Da lacht nah ein Kind.

II

Zwischen den Reben

mutige Pusteblumen,

ganz auf sich gestellt.

(Fotos 19.-21.April 2026)

Interview im Kochdunst 4

Ich vermisse was, liebe Frau A.  – Oh je, es soll Ihnen doch an nichts mangeln. Davon hatten wir‘s ja schon, grüne Auen und so. Was vermissen Sie denn? – Na, ahnen Sie das denn nicht? Das ist doch nun wirklich nicht schwer! Hat auch mit Tisch bereiten zu tun. Ich vermisse selbstverständlich das Kochen! – Ach so, na klar, wenn es weiter nichts ist. Ich musste halt warten. – Sie mussten warten? Wieso denn das? Obwohl, wenn ich so drüber nachdenke, Warten ist eine unterschätzte Kunst. – Ja, nicht wahr, das meine ich auch, gerade heutzutage, wo alles immer subito, schnellschnell, speedy gehen muss, wischwisch und weg. Keine pazienza mehr, keine Geduld. Das Seltsame ist, dass es dabei immer mehr Patienten gibt, als ob sich die pazienza neuen Raum schaffen will, wo sie sich ausbreiten kann. – Äh, liebe Frau A., Sie schweifen mal wieder ab. – Ja, scusi, aber ich dachte, Sie können bestimmt zum Warten noch eine Liste von Lektüreempfehlungen geben, so eine Art Einkaufszettel fürs Lesemenu. – Natürlich kann ich das. – Ach, herzlichen Dank, grazie mille, die Einkaufszettel sind nämlich very important für mich, sonst schwimme ich so herum in den unendlichen Möglichkeiten. Obwohl ich ja gerne schwimme, sehr gerne sogar, am liebsten im Meer, oh stopp, wir waren ja beim Kochen. – Gut, dass Sie selbst die Kurve gekriegt haben, aber warten Sie mal, mir fällt gerade ein, dass die Gebrüder Grimm dem Warten in ihrem Wörterbuch eine viel breitere Bedeutung beigemessen haben, als wir das heute tun. – Echt? Interessant! Welche denn? – Ja, also zum Beispiel nach etwas Ausschau halten, spähen, aufmerken, wahrnehmen, aber auch sich vorsehen, hüten, schützen, bewahren und, jetzt kommen wir zu Ihren Patienten, auch sorgen, pflegen. – Uiuiuiii, grandios, das Wort wird mir immer lieber. – Ich pflichte Ihnen bei, aber jetzt genug der Exkursionen, worauf haben Sie denn gewartet? – Auf die Saison habe ich gewartet, die heimische Spargelsaison. Schließlich kann ich nicht immer Risotto kochen. Obwohl, auch den hab‘ ich schon mit grünem Spargel und…. – Liebe Frau A., keinen Risotto bitte!!! – Ach so, ja, nein, nein, hiesigen Spargel hab ich gekocht, perlweiß, aus dem schönen Markgräflerland! Das Klima und der Boden sind da ganz gut für den Bleichspargel und ich hoffe, die Saison hält durch bis Johanni, ich hab schon mal im kleinen Duden-Büchlein „Mit Goethe durch das Jahr 2026-Goethe und das Klima“ nachgeschaut, was der Herr Geheimrat am Mittwoch, den 24.Juni zu sagen, äh zu schreiben hat (zu welchem Thema hatte er eigentlich nichts zu schreiben?), da steht „…muss denn alles schädlich sein, was gefährlich aussieht?“ Hmm, keine Ahnung, wie ich das jetzt in Verbindung mit den Spargelstangen bringen soll. – Das ist mir nun ausnahmsweise auch mal schleierhaft, liebe Frau A. Aber sagen Sie, welche Sauce haben Sie denn dazu gekocht? – Ich habe gar nicht gekocht, nur gemixt. – Gemixt? – Ja, certo, gemixt und gerührt, nicht geschüttelt. Den Diminutiv hab‘ ich gemixt. – Den Diminutiv? – Ja, von vinaigre. – Ah, mir dämmert: eine Vinaigrette! – Genau, eine Vinaigrette, etwas variiert: Kretisches Olivenöl, Bio-Dijon-Senf, ein paar Würfelchen frischen Knoblauch, ein paar hübsche Röllchen frischen Schnittlauch und feine Lauchzwiebelringlein, Bio-Gourmet-Kräutersalz, weißen Pfeffer, gemahlenen Koriander (Sie wissen schon: die üblichen Verdächtigen), weißen Balsamico- Essig, dazu wegen der Wärme noch ein wenig roten Balsamico. – Wegen der Wärme? – Ja, finden Sie nicht, der schmeckt warm? – Na, ich weiß nicht, eher süß-säuerlich, ein bisschen karamellig. – Wie dem auch sei, wir wollten ja vom Spargel profitieren, und zwar nicht allein von den Duftmolekülen, die er außer in der Küche auch langanhaltend woanders verbreitet, bitte ersparen Sie mir weitere Ausführungen. – Tue ich, tue ich, aber wie profitieren wir noch? – Asparagus officinalis ist rundum gesund, besteht größtenteils aus Wasser und hat nur wenige Kalorien bei guter Nährstoffdichte, seine Ballaststoffe wie Inulin fördern die Darmfunktion und ein ganzes Bündel an Vitaminen, Mineralstoffen und sekundären Pflanzenstoffen wandert mit den Spargelstangen in unseren Körper. – Huch, jetzt werfen Sie aber mit diesem Zeugs um sich, da werde ich ja wortsatt, dabei will ich doch… aber sagen Sie mal, streuen Sie heute gar nicht? – Nee, das nicht auch noch, hab‘ ja gerührt, nicht geschüttelt, und das schütte ich jetzt… – Ja, apropos schütten, außer dem Wasser im Spargel sollte doch auch noch eine Flüssigkeit ins Glas, oder? Was haben Sie da zu bieten? – Lieber Herr Spürnase, da haben Sie meilenweit mehr zu bieten als ich, da traue ich mich kaum, mit irgendwelchen Flüssigkeiten aufzuwarten, aber gut, ich verrate Ihnen so viel: Markgräfler Spargel, also Markgräfler Grauburgunder, flüssig, aber trocken! Salute!

(Buch: Mit Goethe durch das Jahr 2026. Goethe und das Klima. Hrsg. u. mit einem Essay von Bodo Plachta. Dudenverlag, Berlin 2025, ein Geschenk von C.E.F. im Dezember 2025)

(Text begonnen 19.Apr.2026)

Mikrodrama 2

(Mikrodrama 1 siehe Blogeintrag vom 16.April 2026)

In ihrer Rubrik „Dreiland“ meldet die Badische Zeitung heute kurz, dass im Basler Zoo, genannt Zolli, bald wieder Elefanten leben werden. Und zwar die Elefantenkuh Tika (geb.13.Juli 2007) samt ihrer beiden Töchter namens Kimana und Mali. Die drei Elefantendamen ziehen um, bisher lebten sie nämlich im Grünen Zoo Wuppertal. Tika gelte als aufgeweckt und verspielt, verrät mir die Internetrecherche. Da hoffe ich mal, dass es den Damen im Zolli auch gefallen wird, man tut wohl wirklich alles, um ihnen den Empfang so angenehm wie möglich zu machen. Seit März war der Zolli elefantenlos, nachdem man die zwei Elefantenkühe Maya und Rosy nach Frankreich outsourcen musste, weil sie sich seit dem Tod der Leitkuh Heri im Juni 2025 ungut ins Gehege kamen. Offenbar sollen sie nun in La France mit anderen Verhaltensweisen infiziert werden, die Eine im Zoologischen Garten Safari de Peaugres und die Andere im Zoo d’Amnéville.

Also probieren wir mal ein Mikrodrama für Kinder und solche, die es werden wollen:

Schau mal, Mama, aufgeregt deutet Lenchen aus dem Zugfenster, da ist ein Elefant. Ach, mein Lenchen mit seiner Fantasie, denkt die Frau Mama liebevoll, wie sollte denn ein Elefant da sein auf den Wiesen zwischen H. und Sch. Sie wendet sich Lenchen zu, deren Augen noch immer am Zugfenster kleben: Das war bestimmt eine Kuh, Lenchen, oder ein Pferd, da guck, da ist auch eine große Pferdekoppel. Klein-Lena aber lässt sich nicht davon abbringen, sie hat ganz bestimmt einen Elefanten gesehen, und zwar einen wirklich großen, schließlich weiß sie doch genau, wie Kühe aussehen und Pferde kennt sie zur Genüge, die kann man doch keinesfalls mit Elefanten verwechseln. Die Frau Mama vertieft sich wieder in ihr Buch, Lenchen schaut weiter aus dem Fenster. Mama, Mama, da ist wieder einer und dort auch, jetzt schau doch, schau!, ihre Stimme überschlägt sich fast. Nicht nur die Frau Mama, auch die anderen Fahrgäste blicken nun auf und nach draußen. Und trauen ihren Augen nicht, denn tatsächlich, auf den sommergrünen Wiesen tummeln sich Elefanten, und je weiter der Zug durch die Landschaft rattert, desto mehr werden es, große und kleine, alte Bullen mit riesigen Stoßzähnen, Elefantenkühe mit tapsigen Kälbern, asiatische Elefanten mit kleinen Ohren und afrikanische, die sich mit ihren enormen Ohren Kühlung zufächeln. Lenchen, das ist ja – ja ganz unglaublich ist das, das gibt’s doch nicht, der Mama ist das Buch aus den Händen gefallen und auch die anderen Fahrgäste sind ganz aus dem Häuschen und fahren sich über die Augen, alle sind aufgesprungen und hängen an den Fenstern, Taschen, Handys und Bücher sind auf den Boden gekullert, alle reden wild durcheinander, die Worte schwirren nur so durch die Gegend. Klein-Lena ist begeistert, sie liebt Elefanten, und nun sieht sie nicht nur die paar im Zoogehege, sondern ganze Herden draußen auf den Wiesen! Wenn man doch hinaus könnte! Kaum hat sie das gedacht, quietscht es, der Zug bremst, ein Stück weiter vorne blockieren drei Elefanten mit ihren Säulenbeinen die Gleisstrecke. Mama, wo sind wir?Gleich in W., aber jetzt stehn wir ja, die Mama ist noch immer perplex und bringt kaum ein Wort über die Lippen. Macht nichts, ruft Lenchen, guck, der Zugführer macht die Türen auf, schnell, Mama, komm, wir steigen aus! Klein-Lena greift energisch nach der Hand der Mama und zieht diese in den Gang Richtung Tür. Es ist schon fast kein Durchkommen mehr, alle drängen nach draußen in die flirrende Sommerluft, zu den Elefanten. Oh, schau, Mama, schau, dort im Fluss! Die Mama schaut und tatsächlich, es ist ein traumhaftes Bild: im sonnenglitzernden Wasser vergnügen sich die grauen Tiere, als wären sie hier zuhause, sie baden und tauchen die Rüssel ein, saugen Wasser an und spritzen es nach Herzenslust über sich und hoch in die Lüfte. Lenchen juchzt und kennt kein Halten mehr, sie rennt durchs hohe Wiesengras zum Fluss, die Frau Mama hinterher, es ist ansteckend, alle Fahrgäste, die eben noch ungläubig neben dem Gleisbett verharrten, setzen sich in Bewegung und laufen dem Fluss entgegen, nichts wie hin zum Wasser und zu den herrlichen Dickhäutern, das gibt ein Fest!

(nach einer Idee vom 30.August 2023.  Und wenn sie nicht gestorben sind,…)

(Foto: Haus zum Elefanten, Konstanz,4.Apr.2026)