Paulina lag und starrte auf die Weltkarte, die sich über die Decke des Doppelzimmers zog, in dem das zweite Bett leer blieb. Scharf konturiert reihten sich dort oben große und kleine Flecken aneinander, deren bunte Farben die Länder voneinander abgrenzen sollten. Viel breites Rosa für Russland, die Ukraine in Pink. Beim afrikanischen Kontinent dominierten die Gelbtöne, ein wenig Rosé und Orange war auch dabei, zwei dunkelblaue und ein schwarzes Land kontrastierten hart. Ein System konnte Paulina nicht erkennen. Sie dachte daran, dass sie einmal in Kenia (Rosé) gewesen war, in Ägypten (wüstengelb) und auch im nachtblauen Streifen Tunesien. Wo sie gesehen hatte, welches Licht in die Farben von August Macke und Paul Klee gemischt worden war. In Ägypten waren Geschichtsbücher lebendig geworden und die Bibel, Pyramiden, Papyri, Pharaonen, das Tal der Könige, auf dem Nil hatte sie der Diarrhoe Whisky und Zitronensaft entgegengehalten. In Kenia war sie den Spuren von Jungmädchenbüchern gefolgt, die ihr eine Liebe zum afrikanischen Hochland ins Herz gelegt hatten, damals hatte es keinen Unterschied gegeben zwischen der Liebe der Protagonistin und ihrer Liebe. Im Fernsehen hatte sie zudem Daktari gesehen und selbstverständlich auch gekämpft gegen Wilderer und Elefantendiebe. Eifrig hatte sie alle Suaheli-Wendungen aus den Jungmädchenbüchern heraus geschrieben, zuerst von Hand, dann mit der Schreibmaschine auf DIN A5- Ringbuchblätter abgetippt, ahsante sana, kuku na pili pili hoho, heia safari, kwaheri, Paulina erinnerte die Worte noch, und schließlich hatte sie ein schmales Polyglott-Wörterbuch besorgt, Sprachführer Suaheli für Ostafrika, der Einband hatte geglänzt in der Farbe der Savanne. Sie hatte sich aber dann in Ostafrika doch lieber um Menschen kümmern wollen, an den Tieren nur erfreuen, aus Faszination für Tansania und dessen nachkoloniale Entwicklung hatte sie im Gymnasium ein Referat über Julius K. Nyerere geschrieben. Schließlich war da noch Jenseits von Afrika gewesen, mit Meryl Streep und Robert Redford, noch immer sprach die Stimme Ich hatte eine Farm in Afrika am Fuße der Ngongberge, noch immer spürte sie, wie Robert Meryls Haare wusch, noch immer hörte sie das Knistern des Lagerfeuers, im Jahr des Films war sie 27 geworden und hatte ihr Studium beendet. Von Tania Blixens Buch besaß sie eine Ausgabe Manesse Bibliothek der Weltliteratur, auf dem Umschlagbild das von Tania Blixen gemalte ruhige Portrait eines Kikuju-Mädchens, die Savannenfarbe im Hintergrund. Ich hatte eine Farm in Afrika am Fuße der Ngongberge. Hundert Meilen nördlicher lief der Äquator durchs Hochland, aber die Farm lag in einer Höhe von über zweitausend Metern. Da spürt man tagsüber die Höhe, die Nähe der Sonne, aber die Morgenfrühe und die Abende sind klar und friedvoll, und die Nächte sind kalt. Den Äquator hatte sie in Kenia überquert, ein Schild und der Fahrer des Landrovers hatten das verkündet, Zinkbettflaschen und Kannen voll heißen Tees hatten die Nächte gewärmt, Elefanten sich an der Wasserstelle eingefunden und die Dunkelheit war rasch in die klare Luft gefallen. Es war die Zeit, als das zweite Bett nicht länger leer gewesen war. Von da sah ich im Südwesten die Ngongberge liegen. In edlem Schwung erhob sich das Gebirge luftig-blau über das umliegende Flachland, doch war es so fern, dass die vier Gipfel ganz klein erschienen, kaum unterscheidbar und anders geformt, als man sie von der Farm aus sah. Der Umriss des Gebirges war von der sänftigenden Hand der Ferne geglättet… Paulina blickte noch einmal hinauf zu den bunten Flecken der Zimmerdecke, alle Weltmeere waren weiß, dann drehte sie sich auf die Seite und schloss die Lider, sie musste endlich schlafen.
(Text vom 7./9./14.August; siehe auch Blogeintrag vom 4.August 2025: kuku na pili pili hoho)















