Nachlese Sent 3 – Begegnung auf dem Speicher

Auf den Speicher habe ich mich geschleppt, will einmal wieder aufräumen. Dort in der Ecke – was ist das denn für eine Kiste? Ich bücke mich und puste den Staub vom Deckel, ach, das sind ja alte Fotos, ganz obenauf eines mit großem Knick, es fällt mir sofort ins Auge, ein Fotonegativ. Dazu muss es doch ein Positiv geben, ich wühle, aber das Positiv finde ich nicht. Ich drehe das Foto um, Carte Postale ist aufgedruckt, und – kleiner – Correspondance, rechts daneben Adresse. Aber da steht keine Adresse, kein Datum und auch kein Postkartengruß, nur in verblasster blauer Tinte E. & J. – E. und J.? Elisabeth und Johannes? Aber wo stehen wir denn da? Vom Hintergrund erkenne ich nur Schemen. Es gefällt mir, wie wir beide da stehen, du, Johannes und ich. Lange musste ich auf dich warten. Ich war so glücklich, als du da warst, auch wenn die Geburt schwer war und lang. Dieses Gefühl, als man mir dich auf den Bauch legte. Wo nur stehen wir da, Johannes? Weißt du, meine Erinnerungen werden unscharf. Manche strahlen so hell heraus wie unsere Haare, die sehen ja fast wie Heiligenscheine aus! Und manche verschwinden im Dunkel wie die Konturen des Mantels, den ich da anhabe. Ach, Johannes, ich liebe, wie du auf dem Foto neben mir stehst, ich habe dich im Arm und doch stehst du für dich, allein, fest auf dem Boden. Obwohl, ein wenig auch so, als wüsstest du noch nicht, was auf dich zukommt. Aber dafür ist mein Arm da. Ich halte dich. Schau mal, meinen Hut habe ich abgenommen. Kannte ich den Fotografen? Wollte ich nicht so offiziell aussehen? Ich weiß nicht. Aber der Hut schafft auch Abstand zum Fotografen, während er uns beide verbindet. Wie er kreisrund leuchtet! Seltsam, wie gerötet unsere Gesichter sind, dabei wirken sie ganz ruhig. Nur unsere Augen sind helle Sterne, aber ich kann nicht erkennen, wie sie schauen. Jetzt tun mir so langsam die Knie weh, ich muss versuchen aufzustehen. Den Deckel mache ich wieder auf die Kiste, aber das Foto behalte ich in der Hand. Weißt du, ich werde es rahmen und auf den Nachttisch stellen. Wenn ich nur wüsste, wo du jetzt bist, Johannes!

(ein Foto kann man doch nicht holen, sagt prompt der groß gewordene Jemand, als ich die Geschichte vorlesen und dazu die Fotografie holen will, ich stutze kurz – aber d.g.g.J. kennt auch dingliche Fotos, meist allerdings aus Alben)

Das Museum, wo immer etwas läuft

…. wohl wahr! Auf jeden Fall läuft und läuft das große, bemooste Mühlrad und dreht seine Runden durch den Dalbebach. Einmal aber stand es still, denn der Wellbaum musste erneuert werden, das eineinhalb Tonnen schwere und 4,3 Meter lange hölzerne Herzstück, die verlängerte Radachse, die die Energie vom Mühlrad ins Mühleninnere auf das Stampfwerk überträgt, damit die Papierherstellung in der Basler Papiermühle wieder so laufen kann wie im 15.Jahrhundert, denn die alte Galizianmühle ist nicht nur Museum, sondern auch Papiermanufaktur. Zwei hölzerne Hammer werden durch die Maschinerie bewegt und zerstampfen rhythmisch alte Lumpen zu einem Zellulosebrei, aus dem dann das Papier geschöpft wird. Eichenholz wird benötigt für den Wellbaum, und zwar mindestens 300 Jahre altes, und es war in 2022 sehr schwierig, überhaupt einen entsprechenden Baum aufzutreiben, auch deshalb, weil Frankreich für den Wiederaufbau von Notre-Dame rund 30.000 Eichenstämme aufgekauft hatte. Schließlich aber war man in einem Schweizer Wald fündig geworden und Mühlrad und Stampfwerk konnten wieder anlaufen. Und sie laufen und laufen, sehr zur Freude eines groß gewordenen Jemand und eines Nicht-mehr-Purzel! Die auch gleich selbst Papier schöpfen, mit Gänsekiel und Federn Buchstaben malen, verschiedene Sachen drucken, Eidechsen in Kartonstreifen prägen, auf Schreibmaschinen Tasten drücken und zuschauen, wie die Typenhebel durch das Farbband die Zeichen aufs Papier bringen und der Papierträgerwagen sich dabei mit der Walze um einen Schreibschritt weiter bewegt (großes Faszinosum!).

Alles selbst Hergestellte darf mitgenommen werden, dazu auch der Mini-Umschlag, für dessen rotes Siegel jeder aus vielerlei Motiven auswählen konnte, bevor das Tropfen des Siegelwachses und das Eindrücken des Siegelstempels zu beobachten waren. Was es sonst noch alles zu sehen und zu lesen gibt zu Papier, Schrift, Druck und Buch, das erlebt man am Besten selbst im schönen alten Gebäude, beim Dalbedyych im St.Alban-Tal, unweit des Rheins, inmitten enger Gässchen mit aneinander geschmiegten Fachwerkhäusern und bei der alten Stadtmauer. Ist man hier wirklich im heutigen Großbasel? Erheben sich tatsächlich schräg gegenüber die weißen Roche-Türme?

www.baslerpapiermuehle.ch

(Siehe auch Blogeintrag vom 24.Juli 2025)

(Informationen zum Wechsel des Wellbaums entnommen aus BaZ- Artikel von Simon Erlanger, 21.06.2022)

Interview im Kochdunst 7

Ich hab‘s mal wieder geschafft. – Was haben Sie geschafft, liebe Frau A.? – Die italienischen Farben zu komponieren. Das habe ich geschafft. Wenn ich auch sonst nicht so viel schaffe, das wenigstens klappt. – Ich verstehe nicht, liebe Frau A., was wollen Sie denn schaffen? Muss man denn immer was schaffen ? Irgendwelche Projekte haben?  – Naja, lieber Herr Spürnase, das ist schon hilfreich. Schließlich leitet sich das Wort ab vom lateinischen „nach vorne werfen“. Das gefällt mir, nach vorne werfen. Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für …. – wenn Sie wissen, was ich meine.  – Hm, liebe Frau A., ich bemühe mich, stimmt, da war mal sowas, hab ich irgendwo gelesen, wo war das nochmal, Ihre Kocharomen verwirren mich manchmal, dabei hab ich doch ein Elefanten- Gedächtnis. – Ich weiß, ich weiß, lieber Herr Spürnase, dieses ewige Kochen rührt auch mich manchmal durcheinander, dabei bin ich eigentlich mindestens so sortiert wie die Tassen im Küchenschrank. – Die Tassen im Küchenschrank? Das erinnert mich an was, gab’s da nicht so ein Sprichwort? – Genau, lieber Herr Spürnase, ein gut sortierter Küchenschrank signalisierte Wohlstand und Ordnung, deshalb war‘s schlecht, nicht alle Tassen im Schrank zu haben. – So, aha, da haben Sie also Wohlstand und Ordnung mit ihren gut sortierten weißen Tassen im Schrank, liebe Frau A. – Wie kommen Sie denn auf Weiß? Haben Sie etwa schon in meine Schränke gespitzt? Also, ehrlich gesagt, muss ich selbst grad nachschauen, ob nur weiß und sortiert und wie beim Basler Tattoo in Reih und Glied. Machen wir mal den Schrank da auf, Vorsicht Kochdunst!  – Jajaja, liebe Frau A., ich pass‘ schon auf, also ich muss schon sagen, das klingt nicht nach Tattoo-Formation, da gibt’s ja ein Sammelsurium von Bechern und bei den Tassen fehlt die ein oder andere.  – Jooaaa, lieber Herr Spürnase, ich gebe Ihnen recht, aber um mit einem Frage und Antwort- Spiel aus Kindertagen zu antworten: „das bringt das Leben so mit sich!“ Hübsche Kärtchen waren das, Bielefelder Spielkarten „Du lachst dich schief- Lustige Fragen und Antworten für Kinder“, zum Beispiel eine Frage: „Liest du gern Zeitschriften?“ und Mitspielende antworteten dann von ihrem Kärtchen „Mancher lernt es nie!“ oder „Dafür bin ich noch zu jung!“ Funktioniert auch heute noch, mit dem Kärtchenspiel Kinder zum Lachen zu bringen, hab‘ ich neulich selbst ausprobiert, auch wenn die Zeiten inzwischen bei manchen Antworten erweiterten Erklärungsbedarf mit sich bringen: „Der Mann muss hinaus ins feindliche Leben.“ – Frau A., Sie schweifen mal wieder ab! – Morning Sunshine! – Wie bitte, wir haben doch schon Mittag! – Na, das ist mein Lieblingskaffeebecher, begrüßt mich morgens ordnungsgemäß mit Sonnenschein in Großbuchstaben. So gehört sich das, da kann man sich doch nach vorne werfen, so richtig hinein jumpen in den Tag! – Wenn Sie meinen. Ich greife da lieber zu anderen Mitteln. – „Bist Du ein Feinschmecker?“ – Wie bitte? Was ist los? Wir sind doch nicht beim Du! – Neeneenee, Herr Spürnase, die Kärtchen, die Kärtchen, und die richtige Antwort auf dem Kärtchen lautet: „Du bist ein Schmecklecker!“ Aber die richtige kommt ja nicht, sondern sowas wie „Das sieht man doch.“ oder „Zum Kummer aller.“ – Liebe Frau A., ich darf doch bitten! Jetzt packen Sie mal die Fremdtexte wieder ein und lassen mich endlich schmecken, was in ihren Töpfen und Pfannen die Tricolore komponiert hat. – Sie wissen schon, lieber Herr Spürnase, dass schmecken im Schweizerdeutschen, im Alemannischen und im Schwäbischen riechen bedeutet, ja? – Natürlich, Frau A., darüber bin ich mir vollkommen im Klaren, aber wir wollen ja hier mit allen Sprachen, äh Sinnen … – Schwäbische Knöpfle haben sich da reingemogelt in die Italianità, „Alb-Gold“ Hartweizengrieß und 10% Landeier, kleine Reminiszenz ans Ländle, wir können alles außer…. Sie wissen schon. Fürs Grün feine Buschbohnen, bissfest (aber wegen des giftigen Phasin lang genug) in kochendem Wasser gegart, dann kriegen sie aber nach dem Abgießen einen internationalen Touch, Weltoffenheit, indem wir sie marokkanisch finiert haben, in Olivenöl mit Mini-Würfelchen von frischem Knoblauch und  – sorry!- Tomatenstückchen, da haben wir dann gleich das Rot und eine Prise Weiß, das haben wir vor Jahren mal in einem Kochbuch gelesen „Die Küche des Kalifen“, der Titel hatte es uns alleine schon wegen der Alliteration angetan, dazu noch der Duft von Maghreb und Orient und auf dem Cover Granatäpfel in goldener Schale. – Frau A.! Bitte jetzt nicht in den Orient reisen! Mir fehlt noch was und zwar ein bisschen Weiß. – Gut, gut, bin ja hier: nicht strahlend weiß, aber doch schön hell sind die Scaloppine, die hauchdünnen Kalbsschnitzel, die wir nicht mal in Mehl gewendet, sondern nur mit unseren üblichen Verdächtigen gewürzt, wenige Minütchen in Olivenöl-/Buttermischung auf jeder Seite sanft angebraten und dann den Satz mit dem Saft einer frischen Zitrone und Weißwein abgelöscht haben. Mmmmh! – Schmeckleckerin! – Cosa? Was sagen Sie da? – Ich sage: buon appetito! – Ach so, ja, ich bin ganz bei Ihnen: buon appetito!
 

Siebter Sonntag nach Trinitatis

Es beginnt bereits die 30.Kalenderwoche des Jahres und der Wochenspruch gemäß Herrnhuter Losungsbüchlein steht im zweiten Kapitel des Paulusbriefes an die Epheser (Vs.19):

So seid ihr nun nicht mehr Fremde und Nichtbürger, sondern ihr seid Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.

Auch im für den heutigen Sonntag vorgeschlagenen Psalm 87 geht es um Wohnung, Wurzeln und begründete Zugehörigkeit (wie dort Geborene werden ehemals Fremde sein). Ich zitiere die Verse 6 und 7 nach der Elberfelder Übersetzung 2006:

Der HERR wird schreiben beim Verzeichnen der Völker: Dieser ist dort geboren. Und singend und den Reigen tanzend werden sie sagen: Alle meine Quellen sind in dir!

(Doshi-Retreat 3.Juli 2026)

Die drei Grazien

Glänzend erheben sich die glasierten Keramiken aus dem Teich des Water Garden, der nach einem Entwurf des belgischen Landschaftsarchitekten Bas Smets (geb.1975) neu auf dem Vitra Gelände angelegt wurde. Bas Smets, der auch die Neubegrünung rund um die Kathedrale Notre- Dame plante, hat die Vision, den Vitra Campus in einen lebenden Organismus umzuformen mit Hilfe von Pflanzen, Bäumen und Wasser. Gleichzeitig sollen dabei neue Orte zum Flanieren und Verweilen geschaffen und die Klimaresilienz des Campus gefördert werden. Regenwasser speist den Teich. 2024 wurden 8000 Jungbäume gepflanzt, um nach dem Konzept des japanischen Pflanzensoziologen Akira Miyawaki (1928-2021) „Mikrowälder“ entstehen zu lassen. Weitere sollen hinzu kommen.

Die Keramikskulpturen der Niederländerin Hella Jongerius (geb.1963) gehören zur Werkserie Angry Animals und lassen zunächst so gar nicht an Grazien denken, sind es doch Haifische, die da ihre Köpfe recken und in geöffneten Mäulern die scharfen Zähne ihres Revolvergebisses präsentieren. Dass aus den aufgerissenen Mäulern auch ein schmaler Wasserstrahl springen darf, mildert kaum den „angry“-Eindruck. Die Künstlerin selbst gab mit Eigen- und Hintersinn ihren Geschöpfen den Namen: „Die drei Grazien verkörpern Schönheit, Freude und Fülle – Werte, die zunehmend gefährdet erscheinen. Die Figuren sind mächtige Wächterinnen, die diese Ideale schützen und bewahren“. 

Als ich den Teich Anfang Juli umrundete, ahnte ich noch nicht, dass mir kurz darauf die drei Grazien Aglaia (die Strahlende), Euphrosyne (die Frohsinnige) und Thalia (die Blühende) erneut entgegenkommen würden im bewundernswerten Text einer anderen Kursteilnehmerin der Schreibschule Sent (kleine Geschichte zu einer alten Fotografie). Auf dem Pfad des Vitra-Geländes war ich beinahe allein unterwegs und wäre nicht die Tür verschlossen gewesen, hätte ich mich sofort an den Tisch des Maison Démontable gesetzt und notiert (Architekt und Designer Jean Prouvé, 1901-1984). So aber zog mich der Schlangenweg des Doshi-Retreat immer tiefer ins Erdreich und mit Klängen einer keramischen Flöte hin zu denen des großen Gongs.

Nachlese Sent 2 – Hühner füttern

du bist überspannt

da schickt dich die mutter

zu den hühnern

in oma müllers garten

dort haben sie ein haus und

eine hühnerleiter

sie spazieren ein und aus

einen hahn gibt es auch

du darfst die hühner füttern

die blechdose kennst du schon

sie glänzt und ist warm und

groß an deinem körper

du greifst hinein

hellbraune körner rund

und glatt in deiner hand

dazwischen

weiß spitz und hart

eierschalenbruch

du nimmst ein korn

weich wird es und

nussig in deinem mund

du hältst die dose

fest im linken arm

deine rechte greift eine handvoll

die eierschalen knirschen

zwischen den zähnen

du magst das harte und

auf der zunge das nussige

magst du auch

da kommt oma müller

blaugeblümt in kittelschürze

ihre alte hand nimmt

dir die blechbüchse

aus dem arm und

füttert die hühner

(„Butietta dal bain“ heißt offenbar übersetzt nicht wortwörtlich Hofladen oder Hoflädeli, sondern Laden des Wohlbefindens)

Nachlese Sent – Sieben Rosenblütenvariationen

I

Fünf Rosenblüten

fallen auf weißes Papier

aus fremdem Garten.

II

Roter Rosenduft

auf blütenweißem Papier.

Welch samtiger Gruß!

III

Roter Rosenduft

grüßt blütenweißes Papier.

Samtiger Salut.

IV

Das weiße Papier

trägt den Duft roter Rosen.

Ein Sommerparfum.

V

Die Rosenblüten

senken rot ihre Lider

auf weißes Papier.

VI

Die Rosenblüten.

Lippen auf weißem Papier.

Schüchterne Küsse.

VII

Die Rosenblüten,

wie roter Sommerregen

auf weißem Papier.

(Zu Schreibschule Sent etc. siehe auch Blogeinträge vom 6. bis 9.Oktober 2025)

Vorm Küchenfenster

…hat auf steinigem Grund die zur Familie der Spargelgewächse gehörende Yucca filamentosa (Fädige Palmlilie) dieses Jahr drei Blütenstände geboren. Rasch wollten sie hoch hinaus, blieben dabei aufrecht. Seit Juni tönt bis ins späte Dämmern hinein das weiße Glockenspiel, schattengedoppelt.

Vorm Küchenfenster

stilles Blütenglockenspiel.

Kaum ein Menschenschritt.

Gedichte lesen, Gedichte schreiben – seit Langem steht der (Zusatz-)Kurstermin fest in der Schreibschule Sent bei Angelika Overath und Manfred Koch.

Mein Blog macht Pause, der nächste Eintrag ist vorgesehen für Mittwoch, den 15.Juli 2026. Kurzbeiträge auf meinem Instagram Account @achfrie58

Lektüren, die mich begleiten:

Dirk von Petersdorff: Wie schreibe ich ein Gedicht? Kreatives Schreiben: Lyrik. Mit 50 Schreibaufgaben. Reclam Taschenbuch Nr.20479, Philipp Reclam jun. Stuttgart 2017

Jan Wagner: Selbstporträt mit Bienenschwarm. Ausgewählte Gedichte. Fischer Taschenbibliothek. Frankfurt am Main Juni 2019.

Nun lieg ich wach… Gedichte über den Schlaf. Reclams Universal-Bibliothek Nr.14586. Philipp Reclam jun. Ditzingen 2024

Stefan George: Dies ist ein Lied für dich allein. Vierzig Gedichte mit Deutungen. Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung Mainz 2018.

Angelika Overath: Calanda oder Alvas Antwort. Roman. Luchterhand Literaturverlag München 2026. (unmittelbar nach Erscheinen bereits zum ersten Mal gelesen, siehe hierzu auch Blogeintrag vom 11. April 2026)

Grigory Sokolov im Konzerthaus Freiburg

Es ist das zweite Mal, dass ich ihn im Freiburger Konzerthaus erlebe, das zweite Mal, dass ich ihn überhaupt erlebe. Und noch suche ich Worte, um das Erleben zu beschreiben (zumal als absolute Laiin).

Der Abend ist warm, im großzügigen, mehretagigen Foyer fast erschreckend viele Menschen, der Rolf- Böhme-Saal fasst mehr als 1700 BesucherInnen, und er ist nicht ganz, aber beinahe ausverkauft. Durch die große, nach Westen ausgerichtete Glasfront beleuchtet die Sommerabendsonne die Szenerie derer, die sitzen und eine Kleinigkeit speisen, derer, die samt Sektglas flanieren, derer, die auf hohem Balkon hinüberschauen zur Stühlinger Herz-Jesu-Kirche, Junge und Alte, in Pumps und Flip-Flops, in Abendgarderobe oder Sportkleidung, tief dekolletiert, rückenfrei oder hochgeschlossen. Dann Einlass, es dauert eine Weile, bis alle ihre Plätze eingenommen haben. Das Pure des Bühnenbilds versetzt bereits in wohltuende Ruhe, der geöffnete schwarze Flügel, der Klavierhocker, sonst nichts. Als sich links die Tür öffnet und der 76-jährige Grigory Sokolov mit raschen kleinen Schritten zum Flügel läuft, verstummt alles Geraschel und Gemurmel, sakrale Stille breitet sich aus. Kurze Verbeugung, Platznehmen, Frackschöße nach hinten über den Hocker, Beine vor die des Flügels, sofort beginnt die Entfaltung der Sonate für Klavier Nr.4 Es-Dur op.7 von Ludwig van Beethoven (1770-1827). Sokolov wird gute 50 Minuten spielen, ohne groß merkbare Zäsur nach der Sonate noch Beethovens Sechs Bagatellen op.126, über die im Programmheft zu lesen ist, dass Beethovens Sekretär und Biograf Anton Schindler meinte, sie seien nur als Gedankenspäne während des Komponierens großer Werke abgefallen, der Werkeinführende aber mit Jean Paul grundsätzlich findet, dass von „einem großen Mann alles interessant“ ist „und die Kleinigkeiten desselben sind es nicht am wenigsten“. Auch die junge Frau neben mir schließt zwischendurch die Augen, so dass nicht einmal mehr die wohltuend sparsamen Bewegungen des Pianisten die Klangwelt stören. Dabei sind auch die Bewegungen schön anzusehen, fast ausschließlich die Hände sind es, die sie ausführen, in immer sicherer, immer klarer, immer präziser, immer genau richtiger Manier, manchmal verlässt die eine Hand die Tastatur, manchmal die andere, manchmal greifen die Hände kräftig in die Tasten, manchmal lassen sie sich sacht auf ihnen nieder wie ein Schmetterling. Und das Instrument antwortet, nein, das kann man nicht einmal sagen, denn es ist etwas, was immer genau im Moment der Berührung sofort da ist, in allen Tempi, Rhythmen, Laut- und (ich nenne es mal) Leis-Stärken. Grigory Sokolov ist dabei allein mit dem Flügel, den 1700 im Saal ist die Gnade gewährt, Zeugen einer einzigartigen Zwei-heit zu sein. Nicht nur, aber auch die Kleidung des Pianisten in schwarz-weiß, dazu die schlohweißen, weit in den Nacken reichenden Haare, lassen mich denken, dass die Beiden Brüder sind, Sokolov und der Flügel. Frenetischer Beifall löst den Bann zum Beginn der Pause. Im Foyer eine fremd gewordene Welt. Dann taucht man wieder ein, Franz Schubert (1797-1828) Sonate für Klavier Nr.21 B-Dur (D960), schließlich: aufstehen, zweimal verbeugen, mit raschen kleinen Schritten die Bühne nach links verlassen, Beifallssturm und Bravo-Rufe, Sokolov läuft wieder zum Flügel, verbeugt sich, setzt sich, Frackschöße nach hinten über den Hocker, es entfaltet sich die erste Zugabe. Noch fast eine Stunde wird das so hin und her gehen, bis sich in unerhörtem Pianissimo der letzte Ton der (wie gewohnt) sechsten Zugabe verabschiedet.