Es ist das zweite Mal, dass ich ihn im Freiburger Konzerthaus erlebe, das zweite Mal, dass ich ihn überhaupt erlebe. Und noch suche ich Worte, um das Erleben zu beschreiben (zumal als absolute Laiin).
Der Abend ist warm, im großzügigen, mehretagigen Foyer fast erschreckend viele Menschen, der Rolf- Böhme-Saal fasst mehr als 1700 BesucherInnen, und er ist nicht ganz, aber beinahe ausverkauft. Durch die große, nach Westen ausgerichtete Glasfront beleuchtet die Sommerabendsonne die Szenerie derer, die sitzen und eine Kleinigkeit speisen, derer, die samt Sektglas flanieren, derer, die auf hohem Balkon hinüberschauen zur Stühlinger Herz-Jesu-Kirche, Junge und Alte, in Pumps und Flip-Flops, in Abendgarderobe oder Sportkleidung, tief dekolletiert, rückenfrei oder hochgeschlossen. Dann Einlass, es dauert eine Weile, bis alle ihre Plätze eingenommen haben. Das Pure des Bühnenbilds versetzt bereits in wohltuende Ruhe, der geöffnete schwarze Flügel, der Klavierhocker, sonst nichts. Als sich links die Tür öffnet und der 76-jährige Grigory Sokolov mit raschen kleinen Schritten zum Flügel läuft, verstummt alles Geraschel und Gemurmel, sakrale Stille breitet sich aus. Kurze Verbeugung, Platznehmen, Frackschöße nach hinten über den Hocker, Beine vor die des Flügels, sofort beginnt die Entfaltung der Sonate für Klavier Nr.4 Es-Dur op.7 von Ludwig van Beethoven (1770-1827). Sokolov wird gute 50 Minuten spielen, ohne groß merkbare Zäsur nach der Sonate noch Beethovens Sechs Bagatellen op.126, über die im Programmheft zu lesen ist, dass Beethovens Sekretär und Biograf Anton Schindler meinte, sie seien nur als Gedankenspäne während des Komponierens großer Werke abgefallen, der Werkeinführende aber mit Jean Paul grundsätzlich findet, dass von „einem großen Mann alles interessant“ ist „und die Kleinigkeiten desselben sind es nicht am wenigsten“. Auch die junge Frau neben mir schließt zwischendurch die Augen, so dass nicht einmal mehr die wohltuend sparsamen Bewegungen des Pianisten die Klangwelt stören. Dabei sind auch die Bewegungen schön anzusehen, fast ausschließlich die Hände sind es, die sie ausführen, in immer sicherer, immer klarer, immer präziser, immer genau richtiger Manier, manchmal verlässt die eine Hand die Tastatur, manchmal die andere, manchmal greifen die Hände kräftig in die Tasten, manchmal lassen sie sich sacht auf ihnen nieder wie ein Schmetterling. Und das Instrument antwortet, nein, das kann man nicht einmal sagen, denn es ist etwas, was immer genau im Moment der Berührung sofort da ist, in allen Tempi, Rhythmen, Laut- und (ich nenne es mal) Leis-Stärken. Grigory Sokolov ist dabei allein mit dem Flügel, den 1700 im Saal ist die Gnade gewährt, Zeugen einer einzigartigen Zwei-heit zu sein. Nicht nur, aber auch die Kleidung des Pianisten in schwarz-weiß, dazu die schlohweißen, weit in den Nacken reichenden Haare, lassen mich denken, dass die Beiden Brüder sind, Sokolov und der Flügel. Frenetischer Beifall löst den Bann zum Beginn der Pause. Im Foyer eine fremd gewordene Welt. Dann taucht man wieder ein, Franz Schubert (1797-1828) Sonate für Klavier Nr.21 B-Dur (D960), schließlich: aufstehen, zweimal verbeugen, mit raschen kleinen Schritten die Bühne nach links verlassen, Beifallssturm und Bravo-Rufe, Sokolov läuft wieder zum Flügel, verbeugt sich, setzt sich, Frackschöße nach hinten über den Hocker, es entfaltet sich die erste Zugabe. Noch fast eine Stunde wird das so hin und her gehen, bis sich in unerhörtem Pianissimo der letzte Ton der (wie gewohnt) sechsten Zugabe verabschiedet.










