Ruth Asawa in der Fondation Beyeler

Im vorletzten Saal sind auf fein kleinkariertem Papier die präzis schwarzgetuscht wiedergegebenen fächerförmigen Blätter dreier Zweige eines Gingko zu sehen, das Motiv weist über den Blattrand hinaus, als wolle es aus dem Renzo Piano-Bau hinüberwachsen zu seinem grünen Bruder, der den Wyss-Bau überragt. Das botanische Prinzip der Variation bringe Ruth Asawa zur Anschauung in den vielgestaltigen Silhouetten der in alle Richtungen wachsenden Blätter, heißt es im Begleitheftchen, gleichzeitig aber würde auch ihre Faszination für Symmetrie in der Pflanzenwelt sichtbar. Aufs Wesentliche beschränkt ist die Darstellung. Reduktion, Konzentration und repetitive Muster charakterisieren fast alle der über 200 ausgestellten Werke aus sämtlichen Phasen der sechs Jahrzehnte dauernden künstlerischen Tätigkeit von Ruth Asawa (1926-2013), ebenso das Arbeiten mit einfachem, alltäglichem Material, aus dem sie Einzigartiges schuf. Staunt man in den ersten Sälen über stark geometrisch-symmetrische dreidimensionale, aus getuschtem Papier gefertigte Skulpturen (als Kind eines in die USA eingewanderten japanischen Ehepaares hatte Asawa sich sowohl mit Kalligraphie als auch mit Origami befasst), so gerät man im dritten Saal mit den luftig-lichten Drahtschlaufenskulpturen in eine schwebende Leichtigkeit. Das Drahtkorbflechten hatte Asawa von Dorfbewohnern in Mexiko gelernt, ihre Technik dann immer weiter ausgefeilt. Es entstanden filigrane Gebilde aus herkömmlichem Eisen-, Messing- und Kupferdraht, die Raum sowohl umschließen wie offen lassen. Ein Schwarzweißfoto der befreundeten Fotografin Imogen Cunningham zeigt Ruth Asawa kniend, im Inneren einer Drahtschlaufenskulptur arbeitend, Oberkörper, Kopf und Hände komplett vom Gebilde umgeben, an der Wand ein Banner mit großen japanischen Schriftzeichen. „An artist is not special. An artist is an ordinary person who can take ordinary things and make them special” hat Ruth Asawa 2006 gesagt, für sie waren Kunst und Leben eins, das Wohnhaus gewährte befreundeten KünstlerInnen und deren Werken genauso Raum wie den sechs Kindern samt deren Arbeiten (seit 1949, nachdem in Kalifornien das Gesetz gegen Mischehen aufgehoben wurde, war Asawa mit dem Architekten Albert Lanier verheiratet). Und wo landet man in Saal 8, in so etwas wie einer Baumschule? Jedenfalls schulte die Künstlerin Auge und Hände an Baum- und Pflanzenstrukturen der Natur und folgte nun mit Drähten und gebündelten Strängen verästelten Grundsätzen pflanzlichen Wachstums. Der eigene Garten geriet der Künstlerin bei fortschreitendem Alter und durch eine Autoimmunerkrankung zwar beeinträchtigt, aber im Schaffensdrang ungebremst, zu einer immer wichtiger werdenden Inspirationsquelle, so trifft man beim Verlassen von Saal 8 auf die getuschten Gingkoblätter und in Saal 9 auf ein aquarelliertes Kirschensemble, das die umgebende Glasschale nur durch seine Zusammenballung erahnen lässt, wie auch auf reduzierte Tuschzeichnungen von Blumen. Bereits während ihrer Ausbildung am Black Mountain College (North Carolina), das seinen StudentInnen viel Freiraum ließ, hatte Asawa ihrem Lehrer Josef Albers (1888-1976) gegenüber geäußert, dass sie gerne Blumen malen wolle. „Gut“, antwortete dieser, „achte darauf, dass es Asawa-Blumen sind.“

(Die Ausstellung ‚Ruth Asawa‘ ist im Renzo-Piano-Bau der Fondation Beyeler, Riehen, noch zu sehen bis 10.01.2027; Foto oben: Untitled, gestempelte Tusche auf Papier, Privatsammlung, Buchstaben BMC für Black Mountain College, BMC Laundry Stamp, um 1948/49 – für mich ist es ein Buchstabenvorhang)

Wie liest wer was von Goethe

(drei Personen lesen Goethe – ad hoc Schreibaufgabe in der Schreibschule Sent am 4.Oktober 2026; der kleine Text enthält nicht nur Goethe-Zitat-Fetzen)

Lilli zu Hans: Komm, Hans, ich zeig dir mein neues Insel-Buch Goethes Elefanten. Ich kannte es bisher nicht und heute hat es mir den Tag erhellt. Also echt, ich esse die Zeilen, es ist ein einziger Genuss, jedes Wort zergeht mir auf der Zunge. Neue Sätze von meinem Goethe – ich könnte sie grad singen!

Hans zu Lilli: Ach du immer mit deiner Schwärmerei, ist doch gar nicht mehr angebracht in deinem Alter, ich kann dir nicht folgen und ihm, dem Herrn Geheimrat, schon gleich gar nicht. Dieses ewige Liebesgetue und die Beschwörung schöner Körper – das war einmal. Und dann die unsäglichen Verschmelzungsgedanken „kanntest jeden Zug in meinem Wesen, konntest mich mit einem Blicke lesen“ – tja, dahin ist’s, dahin.

Gretchen (vor sich hin singend): ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so einsam bin, ein Märchen aus uralten Zeiten, das verwirrt mir Auge und Sinn. Ich lese von sanften Winden, von goldenem Glühn im Laub, doch wo soll ich solch Land finden, man hat es mir geraubt. Es lacht der Mai, der Wald ist frei von Eis- und Reifgehänge, am grünen Ort erschallen Lustgesänge, die Flamme lodre durch den Rauch – ich komme auch, ich komme auch …

(Goethes Elefanten ist in Wahrheit kein Buch von, sondern über Goethe und seine Studien zu Elefanten, die er betrieb, weil er 1784 eine bedeutsame anatomische Entdeckung gemacht hatte. Oliver Matuschek hat das, natürlich garniert mit Goethe-Zitaten, im Insel-Bücherei Band Nr.1489 zusammengestellt und auf dem roséfarbenen Cover marschiert eine ganze Herde Elefanten – wobei, eigentlich ist es der immer gleiche, mal rechts herum, mal links herum geht er wie in Zeilen. Insel-Verlag Berlin 2020)

(Foto: Hauseingang in Sent, 4.Okt.2026)

Gedenktag der Hl.Ursula

Der 21.Oktober gilt als solcher. Wahrscheinlich hat es die Person, an die der Tag erinnert, historisch so nicht gegeben. Die Legende um die aus romanisch-britischem Adelsgeschlecht stammende Königstochter ist aber sehr bekannt, zahlreiche Kirchen und Schulen tragen Ursulas Namen, in vielen Kunstwerken sind Ursula und ihre Geschichte festgehalten. Mich interessieren solche Legendenbildungen sehr, zumal die der Hl.Ursula auch verknüpft ist mit hiesigen Legenden um die Hl.Chrischona, Margaretha und Ottilia.

Auch Bauernregeln ranken sich um den Gedenktag:

Zu Ursula muss das Kraut herein, sonst wird’s noch lange draußen sein.

Oder:

Lacht Ursula mit Sonnenschein, wird wenig Schnee vorm Christfest sein

Oder:

An Ursula muss das Kraut herein, sonst schneien Simon und Judas (28. Oktober) drein.

Oder:

Sankt Ursula will uns sagen, bald könnt das Feld Schnee tragen.

(naja, sieht gerade nicht nach Sonnenschein aus, dann also eher Schnee)

Weiteres zur Ursula-Legende siehe Blogeintrag vom 26.August 2026: Im Augustinermuseum 2

(Foto: St.Ottilien, Obertüllingen am 12.Okt.2026)

Wenn der Töne Zauber walten 4

Wenn der Töne Zauber im wirklich gelungenen und sehr gut besuchten Konzert (dessen Klangwelten noch in einem nachhallen) walten, dann walten sie noch lange nicht bei den RezensentInnen. Wie es vielen in den verschiedenen Künsten Tätigen geschieht, werden ihre Aktivitäten nicht unbedingt angemessen in Presse und sonstigen Medien bedacht. So waren wohl entsprechend Kundige einer regionalen Tageszeitung am Sonntag, 18.Oktober zum (nachgeholten) Konzert von Martha Argerich und Jura Margulis ins Freiburger Konzerthaus beordert und niemand mehr übrig für das zweite Jubiläumskonzert des Motettenchores im Lörracher Burghof. Die zweite regionale Zeitung schickte jemanden, der Artikel begeistert sich über ein triumphales Jubiläum voller Mystik und Dynamik, den geschichtsträchtigen und zugleich zutiefst lebendigen Abend, über den Klangkörper von beachtlicher Reife und künstlerischer Strahlkraft, über den Meilenstein der regionalen Kulturpflege, über den genialen, fast schon kühnen Schachzug der Programmgestaltung, über die kollektive Atemlosigkeit des Publikums. Als Klanggemälde gewürdigt wird das Auftragswerk Walignis der jungen Komponistin Elisabeth Fußeder, die Sicht- und Hörbarkeit des Frühlings im Spiel des Orchesters, die Leistung der SolistInnen, das hochgradig aufmerksame, virtuose, bescheidene Spiel des Pianisten Hansjacob Staemmler (u.a. Dozent an der Musikhochschule Freiburg, Hochschule für Musik Karlsruhe, Musikhochschule Frankfurt a.M.), die rundum herausragende Gesamtleistung aller Beteiligten. In den Artikel haben sich allerdings einige Irrtümer eingeschlichen, schade. Es bleibt dennoch die ungetrübte Eigenfreude am Konzerterlebnis!

Wer mag, kann heute um 18 Uhr zum Rundgang durch die noch bis zum 8.November dauernde Ausstellung 100 Jahre Motettenchor in den Hebelsaal des Dreiländermuseums Lörrach kommen, ich habe ein bisschen etwas zum Erzählen zusammengestellt.

Nebelgedanken

I

Auf meinem Hügel wohnt heute der Nebel, als reiche ihm der Raum des Himmels nicht. Der Herbst hat sich niedergelassen und es ist, als käme er endlich heim. In den Rebstöcken taucht die Erinnerung an gedämpfte Laubtöne auf, noch etwas zögerlich lassen sie vom kräftigen Grün ab. Dabei haben sie ihre Trauben schon längst hergegeben und den Winzern anvertraut. Die vier mächtigen Platanen haben sommerlicher Trockenheit getrotzt und an vielen Blättern festgehalten. Ihr Herzwurzelsystem befähigt sie dazu. Jetzt empfangen sie die fisselige Feuchtigkeit mit jeder Pore und sind besänftigt.

II

Auf den Videos der Wetter-Webcams sehe ich den Himmel bei Scuol: Schleierwolken dämpfen das Blau, aber die Sonne wirkt noch kräftig. Ich erinnere mich an die Ankunft in der Staziun Scuol-Tarasp (die s klingen wie sch) und an die Elfchen zur Ankunft im ersten Kurstag:

Signalrot

in Landquart

die Rhätische Bahn

ohne Zweifel nun weiter

Allegra!

Engadinerblau

in Scuol

empfängt es dich

am Himmel eine Wolke

federleicht

Zwanzigster Sonntag nach Trinitatis

In die 43.Kalenderwoche schickt das Herrnhuter Losungsbüchlein seine Leserinnen und Leser mit einem Vers, der im 6.Kapitel des Buches „Der Prophet Micha“ steht. Micha war ein Zeitgenosse von Jesaja, seine Lebensdaten werden mit 740 v.Chr. bis 670 v.Chr. angegeben:

Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.

Die Elberfelder Bibelausgabe teilt diesen 8.Vers aus Kap.6 in Aussage und Anfrage:

Man hat dir mitgeteilt, Mensch, was gut ist. Und was fordert der HERR von dir, als Recht zu üben und Güte zu lieben und bescheiden zu gehen mit deinem Gott?

In der Einheitsübersetzung liest sich der Vers so:

Es ist dir gesagt worden, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir erwartet: Nichts anderes als dies: Recht tun, Güte und Treue lieben, in Ehrfurcht den Weg gehen mit deinem Gott.

Wenn der Töne Zauber walten 3

(siehe auch Blogeintrag vom 21.September 2026)

Es ist soweit!

Das zweite Jubiläumskonzert zum 100-jährigen Bestehen des Motettenchores Lörrach steht bevor. Das Zitat aus Beethovens Chorfantasie führe direkt zur allumfassenden und menschenverbindenden Freude an der Musik, schreibt Dr. Georg Müller, der Vorsitzende des Chores, in seinem Grußwort im Programmheft. Und die Landrätin Marion Dammann meint, der Motettenchor könne selbstbewusst auf seine 100-jährige Geschichte zurückblicken und das Dreiländereck sich glücklich schätzen, ein so hochkarätiges Chorensemble zu haben. Von Brücken schlagen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Tradition und Erneuerung, Musik und Menschen, schreibt Jörg Lutz, der Lörracher Oberbürgermeister. Dann hoffen wir mal, dass wir im Konzert am Sonntag, den 18.Oktober 2026 um 18 Uhr im Burghof Lörrach nicht nur diesen Worten gerecht werden, sondern vor allem den Kompositionen von Johannes Brahms (1833-1897), Ludwig van Beethoven (1770-1827), Elisabeth Fußeder (geb.2000) und Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809-1847). Die Freude an der Musik ist bei den etwa 60 Sängerinnen und Sängern auf jeden Fall da, und nun, wo sich alles zusammenfügt mit Orchester und Solisten, noch einmal gesteigert.

Wie sie sich ihr Klangrepertoire aufbaue, wurde die junge Komponistin Fußeder (die oft für Chöre komponiert und selbst auch Sängerin ist, eine Rarität im deutschen Raum) am Mittwochabend in einem Gespräch mit dem Dirigenten Joss Reinicke gefragt. Die Antwort: manchmal ist der Klang, der sich über den Text legt, schon da, manchmal aber auch noch ganz diffus und unscharf, als sei man gerade aus einem Traum erwacht, noch in der Traumstimmung gefangen, dann müsse man ihn suchen.

Freuen wir uns also darauf, dass morgen der Töne Zauber walten!

Ein Kino im Bahnhof – Cinema Staziun

Das Signalrot der Rhätischen Bahn empfängt die kleine Truppe, hinterm Gebäude legt die Bahn gerade einen Halt ein, vorm Gebäude wirft eine metallene Tonne das rote Signal zurück. Wer am Abend mitkommen möchte ins eine halbe Fahrstunde entfernte Kino, ging die Frage im Kurszimmer der Chasa Misoch, und da wir schon länger von Titel und Trailer des Films angezogen sind, besetzen Teilnehmende der Schreibschule Sent vier der fünfundzwanzig bequem türkisgrün gepolsterten Stühle des Cinema Staziun an der Haltestation Lavin der Rhätischen Bahn. Sie glauben an Engel, Herr Drowak? fragt der Filmtitel und wir fragen uns, ob er die Frage weiterreicht, ob Herr Drowak oder wir in Fragen und vielleicht Antworten eintauchen. Geht es doch im Film auch um das Schreiben. Zunächst einmal tauchen wir auf 1431,70 Meter über dem Meer in die holzgeprägten Atmosphären der Staziun Lavin ein, der Wartesaal ist ein Bistro und das Bistro ein Wartesaal, heißt es auf der Website, und dass der Saal noch immer den Hauch der Bahnpioniere aus der Gründerzeit 100 Jahre zuvor atme. Der Saal ist für uns ein heimeliges Sälchen, an drei Tischen verwöhnen handverlesene regionale Köstlichkeiten die Gäste, ab und an ergänzt durch „Nahrung für den Geist“: Lesungen und Spoken-Word-Veranstaltungen. Die Theke fungiert auch als Kinokasse, außer Getränken kann man sich mit dem kinoüblichen Popcorn in den Varianten süß und salzig versorgen. Wir wechseln in den Schopf, in dem die Stühle so auf Holzpodeststufen platziert sind, dass jeder und jede gut auf die nahe Leinwand sehen kann, buna saira, guten Abend, die meisten kennen sich, es ist, als träfe man in einem Wohnzimmer zusammen. Schwarzweiß kommt der Film daher, nur in gewissen Sequenzen der im Schreiben auftauchenden Erinnerung wird die Farbe einfallen. Als Tragikomödie, gelegentlich sogar als Komödie/Romanze wird das Spielfilmdebüt des Schweizer Dokumentarfilmers Nicolas Steiner schubladisiert, nun denn. Lars Eidinger (geb.1976) jedenfalls spielt komödiantisch, clownesk, das ganze „Amt für Ruhe und Ordnung“ ist eine einzige, überladene Karikatur (mit durchaus gut beobachtetem Bodensatz). Bei der „nagelneuen Maßnahme: tolerant und gewaltfrei durch Kreativität“ ist ein Scheitern nicht vorgesehen, für die Kategorie Schreiben hat sich nur ein Mensch eingetragen, der von Karl Markovics (geb.1963) dargestellte Alkoholiker und Misanthrop Drowak. Luna Wedler (geb.1999) als Schreibtrainerin Lena Jakobi mischt den Lebensrest auf, in dem er sich eingerichtet hat. Hauptdarsteller des surrealen Films (skurrile Einfälle gibt es mehr als genug) sind vor allem auch die repetitiven Muster, die aus allem gebildet werden, aus Gebäuden zum Beispiel und leeren Flaschen – außerdem die Schauplätze, es treten uns gut bekannte auf: die Roche-Türme und auch die Schwebebahn (die sich hier allerdings kurvig verbiegt), dazu noch eine Basler Bühne, die wir nicht kannten: eine Passerelle, im Volksmund Basler Schnägg genannt. Der Film ist eine deutsch-schweizerische Koproduktion, das Drehbuch schrieb die deutsche Schriftstellerin Bettina Gundermann, gedreht wurde in Basel, Freiburg i.Brsg., Rottweil, Köln und Paris. Ja, und dann sind da noch die Ratten, ebenfalls in wichtigen Rollen, aber nicht als Boten der Seuche wie in Camus‘ Pest, sondern als bedrohliche Akteure der alkoholbedingten Halluzinationen. Und was ist nun mit unserer Engelsfrage? Tja, die überlassen wir mal allen, die bis zum Ende des langen Films durchhalten. Wir indessen legen auf der Rückfahrt erst einmal die Beklemmung zur Seite und freuen uns auf den nächsten Kurstag in der Schreibschule Sent.

Wolkendienst

  1. Im bei S.Fischer 2016 erschienenen Buch Wolkendienst. Figuren des Flüchtigen schreibt der Autor Klaus Reichert, dass kein Komponist den Wolken enger verwandt sei als György Ligeti, da es bei ihm keine hierarchischen Beziehungen gäbe und statt melodischen Bildungen Flächen und Texturen, „Aggregatzustände“. Hat das nicht Anklänge an etwas, das ich am Vortag hörte im Gespräch zwischen Joss Reinicke (Dirigent des Motettenchores Lörrach) und Elisabeth Fußeder (geb.2000, Komponistin des Auftragwerkes „Walignis“ zum 100.Jubiläum des Chores). Im Buch folgen kurze Tages-Notate aus venezianischen Tagebüchern des Autors, die sich u.a. den beobachteten Wolkenformationen widmen.
  2. Auf Ferdinand Hodlers Gemälde Le Grammont après la pluie (1917, Rudolf Staechelin Collection, Fondation Beyeler) legt sich ein blendend weißes Wolkenband auf und hinter blau scheinende Bergreihen. Am Vortag war das gleiche Phänomen über die gesamte Breite hiesigen Hügel- und Bergpanoramas zu beobachten. Die im Herbstlicht tiefblau naherückenden Vogesen, ein langgezogener Wattebausch trennt sie in ungetrübtem Weiß vom Himmel.
  3. Auf René Magrittes Gemälde Les idées claires (1958, Reuben Collection, Wyss-Bau der Fondation Beyeler) gelingt es einem schweren Felsbrocken mit gleicher Leichtigkeit über dem Meer zu schweben wie es die flauschige Wolke vermag. Mir gelingt es nicht, das Gemälde ohne Spiegelung zu fotografieren, nun schweben auch die Bäume des Iselin-Weber-Parks über der Meeresfläche.
  4. Auf der Dachterrasse des Wyss-Baus bieten die Stühle der Sonne heute nicht ihre Rücken für Schattengemälde dar, in Reih und Glied warten sie auf Besucher der Sitzflächen (nur einer schert aus). Über ihnen besetzen Schäfchenwolken (Altocumulus) das Himmelsblau und melden den Wetterwechsel.
  5. In Von Wegen und Wolken. Den Himmel säumen (Nr.283 von die horen. Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik, zs.gestellt von Andreas Erb und Christof Hamann, 2021) lerne ich auf S. 98 durch Alain Claude Sulzer erstmals den Wolkensonderling Malojaschlange kennen und auf S.124 entdecke ich das ohne Majuskeln geschriebene, sechsstrophige  Gedicht wolken von Angelika Overath, es beginnt so: wandelbarer als das wasser …

(noch mehr Wolken auf meinem Instagram- Account @achfrie58)