Hängt es noch an selber Stelle, an der wir es gewohnt sind? Wir stehen dem amputierten Pappelholzjesus zur Seite und blicken an ihm vorbei über den Rücken des Esels hinweg zur taubenblauen Wand links neben dem Eingang in die Skulpturenhalle („Kirche“). Ja, da ist sie, die mit Tempera oder Ölholzfarben auf Nadelholz ausgeführte Darstellung „Grabtragung der Hl. Ursula“, um die Mitte des 15.Jahrhunderts am Oberrhein entstanden als Teil eines Flügelaltars mit Szenen der Ursula-Legende. Die Bild-Legende wiederum lässt uns dazu außer der Provenienz nur noch Folgendes lesen: „Die britische Prinzessin und ihre 11000 Gefährtinnen werden auf ihrer Rückreise aus Rom vor den Mauern Kölns von den Hunnen ermordet. Hier tragen Chorherren den Leichnam Ursulas in einer Prozession durch das an den Wappenschilden erkennbare Kölner Stadttor“. Und der Pfeil, mit dem ein Sohn des Attila die britannische Königstochter Ursula tötete, nachdem sie auch ihm eine Vermählung verweigert hatte, steckt noch in ihrer Kehle. Das Gesicht: bleich, jedoch ohne Zeichen eines Todeskampfes, im Einklang mit sich selbst: dem selbst auferlegten Schwur war Ursula treu geblieben, in sehr jungen Jahren hatte sie ihr Leben Christus geweiht und ewige Jungfräulichkeit versprochen. Was auch zu ihrem Aufbruch nach Rom geführt hatte. Da ihr Vater sie einem heidnischen Herrscher zur Frau geben wollte, hatte Ursula zur Friedenssicherung zugestimmt unter der Bedingung einer dreijährigen Frist bis zur Hochzeit, während derer ihr Bräutigam zum Christentum übertreten und getauft werden müsse. Sie selbst begab sich mit zehn weiteren Jungfrauen auf die Wallfahrt nach Rom, zunächst per Schiff über die Nordsee, dann auf dem Rhein über Köln nach Basel, von Basel schließlich zu Fuß nach Rom. Aus elf Jungfrauen wurden 11.000, was in Erzählungen und Vermutungen unterschiedlich gedeutet wird. Dass sie in Köln auf dem Rückweg von Rom erneut vorbeikommen und dort das Martyrium erleiden würde, erfuhr Ursula bereits auf dem Hinweg in Colonia Claudia Ara Agrippinensium, also Köln, in einer Traumvision von einem Engel. So erzählt die Legende, deren Kern auf eine Inschrift aus dem 5.Jahrhundert zurückgeht. Die Ermordung Ursulas wird in das Jahr 383 n.Chr. datiert, in zeitgenössischen Quellen ist ihr Leben aber nicht bezeugt.
Wir fragen uns, wohin die Chorherren schauen. Aufs Wappenschild rechts oben? Auf etwas außerhalb dieses Bildausschnitts, etwas, das in einer anderen Szene des Altars festgehalten war? Nur einer der Herren mit Tonsur scheint auf die Heilige Ursula zu blicken und von einer trüberen Stimmung ergriffen zu sein. Die drei voranschreitenden Knaben (Ministranten) haben alle Augen voll zu tun, die Prozessionsfahnen und das Vortragekreuz angemessen zu jonglieren. Ihre Proportionen entsprechen ihrem Alter wesentlich besser als diejenigen der Erwachsenen, bei denen die überdimensionierten Köpfe nicht so recht zu den Körpern passen wollen, auch die Füße unterm Saum der Soutanen wirken groß. Auch der Art, wie der junge Mann links oben in einer Maueröffnung lehnt und aufs Geschehen schaut, ist anzumerken, dass der namentlich nicht bekannte oberrheinische Meister eine eher einfache Malweise hatte. Dennoch tragen die Figuren individuelle Züge und differenzierte Mimik, die Gesichter leben, die Szene spricht.
Beim Betrachten der Szene kommt uns auch die Hl.Chrischona in den Sinn, auf deren Anhöhe wir Tag für Tag schauen, als Gefährtin der Hl. Ursula auf der Pilgerreise nach Rom war sie mit Pantalus, dem ersten Bischof von Basel, mit Kunigunde, Mechtund und Wibrand unterwegs, starb aber auf dem Rückweg und wurde auf dem Dinkelberg, dem heutigen St.Chrischona bestattet. Ein anderer Erzählstrang der Legende aber lässt sie leben, zusammen mit ihren Schwestern Margarethe und Ottilia nach der Enthauptung von Pantalus fliehen und in drei Einsiedeleien auf den Hügeln (St.Chrischona, Margarethenhügel/Binningen und Tüllinger Berg/Obertüllingen) beten, das Evangelium verkünden und des Nachts durch brennende Lämpchen Nachrichten austauschen. Das ist doch, was wir in manchen Nächten sehen, oder?

(Fortsetzung folgt)









