(siehe auch Blogeintrag vom 13.Februar 2026)
Noch wird am Museumsneubau der Fondation Beyeler gebaut und wegen der Absperrungen muss ich ein wenig anders radeln, als ich gestern spontan einen zweiten Besuch der Cezanne-Ausstellung beschließe. Aber die helle Außenfassade des Neubaus kontrastiert schon aufs Schönste mit dem Dunkelgrün alten Baumbestands des Iselin-Weber-Parks, und in den großen Fensterflächen spiegelt sich Blattwerk. Der 1943 in Basel geborene Architekt Peter Zumthor, über den Wim Wenders seit 2024 einen 3D-Dokumentarfilm mit dem Arbeitstitel „Das Geheimnis der Orte“ dreht, hat das Projekt geplant und entworfen, ein Zitat seiner Arbeitsintention findet sich auf der Webseite des Museumsneubaus: „Ich versuche Gebäude zu bauen, die geliebt werden.“
Im Renzo Piano Bau will ich nur einige wenige Gemälde Cezannes betrachten, ich wähle, wiederum recht spontan, weder die Obst- noch die Krugvariationen, auch nicht die der Badenden oder des Gärtners, sondern sieben verschiedene Darstellungen der Montagne Sainte-Victoire, vor allem weil es mir eine beim ersten Besuch der Ausstellung besonders angetan hatte, die Skizzenhafte nämlich, bei der einem aber rein gar nichts fehlt. Auf weißer Leinwand deuten ein paar Farbflecken Büsche, Bäume, Felder an, auch der Berg ist nur mit wenigen graublauen Farbstrichen und -flecken festgehalten und bietet doch einen verlässlichen Fluchtpunkt (La Montagne Sainte-Victoire vue des Lauves, um 1904, Privatsammlung, Derbyshire). Der schlichte, mattvergoldete Holzrahmen greift die Farbe eines angedeuteten Feldes auf. Im selben Saal 6 hängt auch das 1904/1905 entstandene Gemälde (ebenfalls La Montagne Sainte-Victoire vue des Lauves), bei dem der Berg als Insel aus einem dunklen blaugrünbraunen Meer geboren wird, dessen farbliches Kind er ist. Unterhalb des „Meeres“ eine knappe grüne Fläche, nicht bis in die beiden unteren Ecken ausgeführt, sondern dort ins Weißgelassene ausfransend, als sei dieser Teil des Bildes nicht so wichtig (The Nelson-Atkins Museum of Art, Kansas City, Missouri). Im Begleitheftchen beschrieben ist nur eine weitere Variation gleichen Titels, entstanden in den Jahren 1902 bis 1906 (Privatsammlung), dort heißt es, dass rhythmisch gesetzte Farbflecken die Gestaltung bestimmen und kaum eine Linie zu erkennen wäre, die diese Flecken zusammenhält. Mir scheint beim gemeinten Gemälde das Meer bis an den gesamten unteren Rahmenrand zu reichen, und über der geraden Horizontlinie erhebt sich wiederum der Berg als in den Himmel reichende Insel oder als Land in der Ferne. Weitere Varianten des Blicks auf die Montagne Sainte-Victoire verwenden ruhige Pastelltöne oder lassen den Berg fast aufgehen in Landschaft und Himmel oder zeigen ihn scharf konturiert blau über der gelbgrünen Ebene. Ich lese im Booklet, dass Cezanne sich in seinen letzten Lebensjahren intensiv mit dem Kalksteinbergmassiv auseinandergesetzt hat, oft mit dem Blick vom Hügel Les Lauves aus, wo sich ab 1901 sein Atelier befand. Insgesamt hat er das Bergmassiv 87mal dargestellt. Beim Googeln erfahre ich, dass sich noch jemand auseinandergesetzt hat, mit Cezanne und dessen Berg-Betrachtungen: Peter Handke beginnt Die Lehre der Sainte-Victoire mit dem Satz: „Nach Europa zurückgekehrt, brauchte ich die tägliche Schrift und las vieles neu.“ Der Suhrkamp-Verlag fährt in seinen Angaben zum Buch fort: „ Aus Sorger, dem Helden der Langsame(n) Heimkehr, ist der Autor geworden, der sich nach dem Recht zu schreiben fragt.“ Beide Handke-Bücher habe ich noch nie gelesen, werde sie aber nun auf meine Lektüre-Liste setzen.
Ein Cezanne-Zitat ist der in den verbliebenen Sälen unter dem Titel Sensations firmierenden, mit der Cezanne-Ausstellung korrespondierenden Sammlungspräsentation der Fondation vorangestellt: „Ich male, wie ich sehe, wie ich empfinde und meine Empfindungen sind sehr stark.“ Cezanne habe in seinen Briefen immer wieder von den „sensations colorantes“ geschrieben als Grundvoraussetzung seiner Malerei. Kuratiert wurde die Sammlungspräsentation entlang der deutschen Bedeutungsmöglichkeiten des Wortes sensation: Wahrnehmung, Sinneseindruck, Empfindung, Gefühl. Ich schaue nur in den ersten Saal: da grüßen Van Goghs blaugelbe Felder (Champs de blé aux bleuets,1890 und Champs aux meules de blé,1890) hinüber zu zwei großen zartfarbigen Zeugen von Monets Seerosen-Passion (in Rosablaugrün-Tönen das Bassin aux nymphéas, ca.1917-1920 und Nymphéas, 1916-1919).
Ein wenig verweile ich noch auf bereitgestellten Stühlen im Garten der Fondation und schaue dem Entenpaar zu, das sich im Teich vor der hohen Fensterfront des Renzo Piano-Baus tummelt, dann trete ich den Radrückweg an.

Die Montagne Sainte-Victoire aber lässt mich nicht los, sie meldet sich heute, als ich den Büroaufsteller aus einem der fünf Kartons ziehe, die weitere Büromaterialien beherbergen: der Aufsteller klappt ausgerechnet bei einer weiteren Cezanne-Variation des Gebirgszugs auf: Straße neben dem Mont Sainte-Victoire, um 1902, Ermitage St.Petersburg.

Museumsneubau https://share.google/IaCvnPSwn2wzMxzFQ
Die Lehre der Sainte-Victoire. Buch von Peter Handke (Suhrkamp Verlag) https://share.google/TFJIRop8rq8PGy3P4
(Cezanne, Fondation Beyeler, CH-Riehen, noch bis 25.Mai 2026, die Sammlungspräsentation Sensations noch bis 26.April 2026)


















