Wo bleibt das Licht

(Foto: Blick in den Himmel am 3.Februar um 17:20 Uhr)

Auch Katrin Eckert, die Intendantin des Basler Literaturhauses, nimmt am 3.Februar um 19 Uhr die nun schon länger hell bleibenden Tage als Aufhänger ihrer Begrüßung zum Abend mit der 1946 in Slowenien geborenen Schweizer Autorin Ilma Rakusa, die in ihrem 2025 erschienenen Wo bleibt das Licht „lesend und schreibend und lebend Anteil genommen“ hätte am Geschehen der Jahre 2022 bis 2024.

Martin Zingg, der Basler Autor und Literaturvermittler, würdigt das literarische Schaffen der überwiegend als Lyrikerin, Essayistin und Übersetzerin tätigen Rakusa, die nie einen Roman in Angriff genommen, aber doch immer auch Prosatexte geschrieben hätte. Zum Beispiel einen wunderbaren Essay über Langsamkeit. Auch verfüge Rakusa über viele Register im lyrischen Bereich, Listentexte, ABC-Darien, Haiku. Sie mag Ordnung in ihren Büchern, sagt Ilma Rakusa, es sei ja immer die Frage „wie ordne ich den Stoff“, und ihr entsprächen eher die kurzen Formen, in der Zeitschrift Manuskripte erschien ihr Ukraine-Zyklus in Form von Tanka, ein früherer Gedichtband beinhaltet neunzig 9-Zeiler. Dennoch sei es immer ein Austarieren von Ordnen und Sortieren mit dem hinzukommenden Moment des Zufalls. Für ihr Schreiben allgemein gelte, dass Themen oder Motive immer eine Dringlichkeit haben müssten (ich erinnere mich, dass Annette Pehnt das Gleiche sagte), ohne eine Dringlichkeit ginge es nicht, denn das Schreiben bedeute auch viel Arbeit. Sie schreibe langsam, Schritt für Schritt, überarbeite nur wenig, kürze allenfalls ein bisschen. Wie bei der Musik müsste ein Buch in wechselnden Stücken komponiert sein, es benötige dramaturgische Wechsel, nicht beispielsweise lauter langsame Sätze hintereinander, schließlich wolle sie sich selbst nicht langweilen beim Schreiben und ihre LeserInnen nicht beim Lesen. So enthalte auch Wo bleibt das Licht, die Tagebuchprosa der Jahre 2022 bis 2024, wechselnde kurze Textformen inclusive Haiku, Skizzen von Erzählungen, Wiedergabe von Träumen, Erlebnisse mit dem Enkel, eine missratene Schöpfungsgeschichte (die zu hören ein Genuss war, ebenso wie anderes aus dem Werk). Ihre Bücher hätten nie nur das Thema zum Thema, sondern immer auch die Sprache. Wenn der Rhythmus eines Satzes nicht stimme, korrigiere sie den Satz so lange, bis er sprachlich stimmig sei, ohne die Aussage des Inhalts zu verfälschen. Dabei fänden aber durchaus auch fiktive Elemente Eingang. Sie traue der Literatur sehr viel zu, auch wenn sie keine Kriege verhindern oder beenden könne, so könne sie doch Wahrnehmung sensibilisieren, sortieren, differenzieren und vieles mehr. Martin Zingg bemerkt bezüglich des „Spielens“ mit den Formen, dass das Spielerische ja auch ein Tragegerüst sein könne für schwierige Inhalte. Dem pflichtet Rakusa bei, nicht umsonst habe sie auch Erlebnisse mit dem vierjährigen Enkel ins Buch aufgenommen – von den Kindern sei viel zu lernen, das Staunen, das So-tun-als-ob  – und bewusst das Ende des Buches mit einem Anfang verwoben. Sie liebe Tagebuchprosa wegen der Lebendigkeit, was sie mit einem Zitat der von ihr übersetzten russischen Lyrikerin Marina Zwetajewa (1892-1941) bekräftigt: „Ich liebe meine Notizbücher, denn da ist das meiste Leben drin.“  Das Schreiben von Wo bleibt das Licht (bewusst der Titel ohne Fragezeichen) und das des vorherigen Bandes Kein Tag ohne (eine lyrische Chronik der Jahre 2020 bis 2022) hätten ihr selbst auch Halt gegeben in dieser Zeit des Umbruchs und der Transformation, getreu dem lateinischen (oft aufgegriffenen Sprichwort) „nulla dies sine linea“.

Keines von Ilma Rakusas Büchern habe ich bisher gelesen, bin einem Band aber einmal im Kunstmuseum Basel begegnet, mit Wo bleibt das Licht werde ich bald die Lektüre dieser Stimme beginnen, der Abend, den sowohl Rakusa wie Zingg trotz beider Erkältungen wunderbar bestritten, hat großen Appetit darauf gemacht.

(Und auf der Tramrückfahrt wirbt nicht nur das diesjährige Basler Fasnachts-Sujet mit „Blyyb verschpiilt“, sondern am Claraplatz steigt auch eine frohe junge Frau mit blondem Pferdeschwanz ein, über der Schulter eine helle Baumwolltasche, in Rosé greifen Buchstaben darauf einen Chansontitel auf: La vie en rose)

(Kein Tag ohne – Literaturverlag Droschl https://share.google/93cNEhAgcUtu8R29o)

(Über deutschlandfunk.de lässt sich ein etwa 18-minütiges Gespräch hören: Ilma Rakusa zu „Wo bleibt das Licht“ https://share.google/wmhZFqIQzLqy6Jl8f)

Römische Freuden 5

(Römische Freuden 1 bis 4 siehe Blogeinträge vom 20., 21., 27. und 30. Januar 2026)

…und auf ihrem Gang zur Vierung hatte sie den bronzenen Petrus passiert, der ihr über alle hinwegzublicken schien, so als sähe er etwas ganz anderes, und sie sah seinen rechten, vorgestellten Fuß blank-  und gerundet gewetzt durch Berührungen der Gläubigen, bevor der Blick sie hinauftrug in Michelangelos meisterliche Peterskuppel,

die 551 Stufen würde sie später einmal hinaufsteigen und im schmalen Gang das Innere der Kuppel umrunden, mit schwindelndem Blick hinab in die Basilica den goldenen Mosaiken nahe kommen, den biblischen Figuren und zwei Meter hohen Buchstaben, die Jesu‘ im Matthäusevangelium fixierte Worte auf den Kuppelfries gravieren: Tu es Petrus et super hanc petram aedificabo ecclesiam meam et tibi dabo claves regni caelorum,

am 8.November aber, einem Dienstag, hatte sie die Treppe hinunter in die Krypta genommen und einen steinernen Papst beneidet, der gleichwohl lebendig und dem erlaubt schien, für immer in vollkommener Ruhe an jener Stelle knieen zu dürfen, an der Zeiten und Tode nicht galten und Jesu Jünger und Zeitgenosse ihr nah war, so dass sie lange verharrt hatte,

bevor sie wieder oben in der ersten Kapelle des rechten Seitenschiffs angesichts der unerhörten Schönheit von Michelangelos Pietà fast zu weinen begonnen und später geschrieben hatte, wie tief sich das reine Bild dieses Kunstwerks einprägen würde, weil man die Liebe sähe, mit der der erst 24-Jährige seine Gedanken und Hände an den weißen Stein gelegt hatte,

und sie hatte sich von ihrer Andacht noch nicht lösen können und ganz vorne in der Tribuna einer Messfeier beigewohnt und den ersten Besuch von St.Peter mit dem Wissen beschlossen, dass sie oft wiederkommen würde, hatte sie doch erst einen Bruchteil gesehen, am Abend aber hatte sie mit den Diakonissen die evangelisch-lutherische Christusgemeinde in der Via Sicilia aufgesucht und begonnen, im Kirchenchor mitzusingen,…

(Fortsetzung folgt)

(Foto aus:  Vatikan-Führer. 1973 by Monumenti, Musei e Gallerie Pontificie, gedruckt 1976 in der Zincografica Fiorentina, Firenze. Erworben 1977)

Quarantäne

Eine vierzigtägige Karenz- oder Absonderungszeit, die ihre Ursprünge u.a. in der mosaischen Gesetzgebung (Levitikus) hat, liegt dem heute für auch wesentlich kürzere Zeiträume gültigen Begriff zugrunde. Eine solche Quarantänezeit wurde beispielsweise im 14.Jahrhundert in Ragusa, in Venedig, in Marseille und Dubrovnik verhängt, um die Städte vor Pestepidemien zu schützen (Schiffe, Besatzung, Waren, Kaufleute wurden zunächst für 30 bis 40 Tage isoliert). Der spanisch-lateinamerikanische Raum kennt La cuarentena als 40-tägige Erholungsphase der Mütter nach einer Geburt, in der gewisse Aktivitäten eingeschränkt sein sollen und die Mütter Unterstützung erhalten. So ist das traditionelle Ende der Weihnachtszeit auch mit dem heutigen Tag, vierzig Tage nach der Geburt Christi, erreicht (siehe auch Blogeintrag vom 2.Januar). Damit in Verbindung gebracht wird die ebenfalls den jüdischen Weisungen folgende sogenannte Darstellung des Jesuskindes im Tempel, bei der dessen irdische Eltern staunen, welche Worte der alte, erwartungsvolle Simeon und die sehr alte, geduldige Hannah über das Kind aussprechen, weil ihnen in diesem Augen- und Anblick tiefer Frieden zuteil wird (Lukas 2, 21-38).

Paul Revellio, der auch für seine „Glotzer“ bekannte Künstler aus meiner gymnasialen Klassenstufe, fertigte den Probedruck, auf dem die Rottöne dominieren und das hochgehaltene Baby den Betrachter eindringlich, wissend, sehr erwachsen anblickt .

Paul Revellio – Kalender https://share.google/LNAJcBbgFCn6aUnOr

Letzter Sonntag nach Epiphanias

Als Wochenspruch für die sechste Kalenderwoche des Jahres 2026 ist im Herrnhuter Losungsbüchlein Vers 2b aus Jesaja 60 angegeben. Ich zitiere noch ein paar Verse darumherum nach der Elberfelder Übersetzung 2006:

Steh auf, werde licht! Denn dein Licht ist gekommen, und die Herrlichkeit des HERRN ist über dir aufgegangen. Denn siehe, Finsternis bedeckt die Erde und Dunkel die Völkerschaften, aber über dir strahlt der HERR auf, und seine Herrlichkeit erscheint über dir. Und es ziehen Nationen zu deinem Licht hin und Könige zum Lichtglanz deines Aufgangs. Erhebe ringsum deine Augen und sieh!

(Die 1946 geborene Schweizer Schriftstellerin, Übersetzerin und Literaturwissenschaftlerin Ilma Rakusa wird am Dienstag, 3.Februar im Literaturhaus Basel aus ihrem 2025 im Literaturverlag Droschl erschienenen Buch „Wo bleibt das Licht“ lesen (Tagebuchprosa, Gedichte, Dialoge, Monologe). Mal sehen, ob ich dorthin kann.)

Die späten Tage

Von Natascha Wodin (geb.1945) habe ich bisher leider erst die fünf Erzählungen des Bandes „Der Fluss und das Meer“ gelesen (im März/April 2024; Rowohlt-V., Hamburg 2024). Jetzt machte mich C.E.F. darauf aufmerksam, dass derzeit die von mir geschätzte Schauspielerin Martina Gedeck (ich mag, wie sie spielt, ich mag ihre Stimme) aus Wodins neuem Werk „Die späten Tage“ liest, und zwar auf NDR Kultur in der Sendung „Am Morgen vorgelesen“, zehn Folgen bis zum 6.Februar (jeweils knapp 30 Minuten). Schön, dass dies auch im Süden Deutschlands problemlos gehört werden kann, zu jeder beliebigen Zeit des Tages, über die NDR Kultur- App, womit ich bereits begonnen habe (für „Neueinsteiger“: Folge 1 ist nur noch zwei Tage abrufbar). Über Deutschlandfunk Kultur ist seit gestern Abend ein etwa 47-minütiger Beitrag zu „Die späten Tage“ abrufbar unter dem Titel „Ein schrecklich schönes Leben“.

(NB: welchen zweiten Vornamen die 64-jährige Martina Gedeck trägt, hat mir Wikipedia gerade erst verraten)

Martina Gedeck liest aus „Die späten Tage“ von Natascha Wodin | ndr.de https://share.google/WgqZk7ClbezlezE0t

(Foto: Winter Mood 30.01.2026)

Römische Freuden 4

… und ja, die Eltern würden sie besuchen kommen am Ende der römischen Zeit und sie würde gemeinsam mit ihnen die Freuden genießen, von denen sie geschwärmt hatte, und nicht nur in einem langen, langen Brief von den Wegen erzählen, sondern die Wege gehen, wo sich nach der zweiten, von jungen Steineichen gesäumten Querstraße der Platz mit dem Namen Cola di Rienzo öffnete,

Cola di Rienzo, ein Volkstribun, der im 14. Jahrhundert gelebt hatte und dessen dunkle Bronzestatue mit entschieden emporgerecktem Arm und kapuzenvermummtem, entschlossenen Gesicht 1887 keinen Platz im neuen Prati – Viertel unweit des Vatikans gefunden hatte, sondern zwischen der Cordonata, der zum Kapitol hinansteigenden Treppe, und der steileren hinauf zu Santa Maria in Aracoeli, aufgestellt wurde,

sie hatte ihn dort oft gesehen, noch bevor sie wusste, wer er war, aber der Gang durch die ihm gewidmete Straße war ihr bereits zur Gewohnheit geworden, geradewegs führte die Straße zur Piazza Risorgimento und von dort zur Piazza San Pietro oder zu den Vatikanischen Museen, denn das Diakonissenheim lag nur eine Viertelstunde Fußweg entfernt von Peterskirche und Vatikan,

und an ihrem vierten Tag in Rom, einem strahlenden dritten November war sie zum Petersplatz gelaufen und hatte sich am Fuße einer der hohen dorischen Säulen niedergesetzt, die die 240 Meter Breite der Piazza umarmen, um in Ruhe zu schauen und zu erfassen und die freudejauchzenden Kinder zu betrachten, die auf den Pflastersteinen umhersprangen und mit den Tauben spielten,

und sie hatte sich über den Pater gefreut, der liebevoll ob der Unbefangenheit der Kleinen gelächelt hatte und gedacht, dass trotz allem Gigantischen einem nichts bedrücken, sondern vielmehr die hoheitsvolle Schönheit einem Aufnahme und Geborgenheit bieten würde, was ihr ein Sinnbild schien für die Größe und Schönheit Gottes,

und gleich nach Dienstschluss war sie am selben Tag mit Schwester E., dem Haushund Luchs und der trägen S. noch einmal zum Petersplatz gelaufen und in Nähe der Vatikanpost auf dem schönen Stein gesessen, links mächtig die Fassade des Petersdomes, gegenüber die andere Säulenhalle, gekrönt von den Statuen der Heiligen,

darüber der Häuserhügel des Vatikan, der sich in den Nachthimmel erhob und dessen warmscheinende Fenster wie Augen auf sie blickten, auf dem Platz der Springbrunnen, der im Dunkel wässriges Licht versprühte, so dass sie ihn Lichtbrunnen taufte, und sie hatte sich nicht lösen können vom Schauen,

so dass sie im Haus noch auf die Dachterrasse gestiegen war und den Tag mit dem Anblick des nächtlichen Rom beschlossen und geschrieben hatte „sono felice!“, aber erst drei Tage später die Piazza San Pietro wieder überquert hatte, um das erste Mal den verheißungsvollen Aufstieg über die breiten Stufen hinauf zu nehmen und den Petersdom zu betreten,

nicht ohne zuvor an der Fassade hinauf zu den überlebensgroßen Figuren von Johannes, dem Täufer, von Christus und elf Aposteln zu blicken, die ihr ein seltsames Bild boten, wie sie da so in den novemberblauen Himmel ragten, dann endlich die Vorhalle durchschritten und eines der fünf Portale ins Innere der Basilica genommen hatte,

wo sie sich sofort von warmgoldenem Licht umfangen gefühlt und ob des Eindrucks erst einmal ganz hinten auf eine weiße Marmormauer gesetzt hatte, um das Erfassen und Begreifen zu beginnen, bevor sie langsam den Weg nach vorne zum Kuppelraum beschritten und sich an den Vorhängen gestört hatte, die in den Arkaden das Mittelschiff von den Seitenschiffkapellen trennten,….

(Fortsetzung folgt)

(zu den im Text kursiv gesetzten Wendungen siehe Blogeintrag vom 27.Januar)

I giorni della merla

nennt man die mit dem 29.Januar beginnenden drei letzten Tage des Januar in Italien, die Tage der Amsel, die nach altem Volksglauben die kältesten des Jahres sein sollen (bei Ausfall der Heizung pflichte ich gerade bei). Verschiedene Legenden ranken sich um die Amseltage, basierend auf dem Mythos von Demeter und ihrer Tochter Persephone (römisch Ceres und Proserpina), es geht um den Wechsel der Jahreszeiten.

Über die in lateinischer Sprache verfasste Handschrift des Livro de Horas (Stundenbuch) de la Condessa de Bertiandos, aus der mich eine der 2066 detailreichen Buchmalereien heute wieder auf dem Büroaufsteller empfing, habe ich bereits am 29.Januar 2025 geschrieben und nicht damit gerechnet, der fantastischen Szenerie nochmals am gleichen Ort zu begegnen. Immerhin überlasse ich nach und nach reichliche handschriftliche Exzerpte dem Schlund des Spezial-Büro-Mülleimers und vertraue auf den sich ankündigenden Wechsel der Lebensjahreszeiten.

Für die kommende Lebensjahreszeit wünsche ich mir neben dem Lesen das Schreiben als Kontinuum, ein Päckchen Nährstoffe dafür lag heute vor der Haustür. Dann weiß ich ja, was ich an den weiteren giorni della merla zu tun habe!

Römische Freuden 3

…im Speisesaal, in dem auch die alte Standuhr ihren Dienst versah, Jahrzehnte später würde die Uhr noch immer in derselben Ecke stehen, aber keine gestrenge Schwester R. würde mehr das Pendel richten und durch die Räume eilen in grauer Tracht mit gestärktem weißen Kragen, die grauen Haare unter der weißen Diakonissenhaube zusammengefasst,

und die strenge, große Schwester R. würde auch nicht mehr staunen, dass sie, die Haustochter, den Boden des Speisesaals knieend aufwischte, wie sie es kannte von zuhause, und nicht mehr ihre Bestimmtheit ablegen für gemeinsames Musizieren mit ihr und einem klavierspielenden Hausgast, der in Zimmer 33 und an der Gregoriana für seine Doktorarbeit schrieb,

der auch einmal predigte in der anderen deutschen Insel, der Kirche in der Via Sicilia, in der sie oft aufgeschaut hatte nach vorn zu den blinkenden Mosaiksteinen der Apsis, wo auf einem blauen Planeten und auf einem Regenbogen Jesus thronte, die Hand zum segnenden Gruß erhoben, und wo sie im Kirchenchor mitgesungen und beim Adventsbazar geholfen hatte,

mit anderen der evangelisch-lutherischen Auslandsgemeinde, Menschen, die bei der Botschaft, an der deutschen Schule oder den deutschen Instituten in Rom arbeiteten, in „ihrem“ Rom, über das sie am fünften Tag nach der Ankunft ins Tagebuch geschrieben hatte, wie schnell man es so lieb gewinnen und sich mit ihm verwachsen fühlen würde,

Rom, der Inbegriff einer Stadt, die Stadt aller Städte, die sie sich vor allem im Laufen angeeignet hatte, schon am ersten Tag war sie mit der munteren J. durchs Forum Romanum spaziert und es war ihr vorgekommen wie ein Traum, all die Säulen, Steine, Gebäude, Triumphbögen, dazwischen die Pinien und Zypressen, und sie war überwältigt, auch vom Raum der Basilica Ss.Cosma e Damiano, der im Gold der Mosaiken funkelte, und hatte geschrieben „ich laufe mitten durch Geschichte“,

wie alles Geschichte atmete und gleichzeitig gegenwärtig war, auch die alten Menschen hoch oben in der Via Alessandro Farnese, auf dem Stockwerk, das übrig geblieben war vom Altenheim und auf dem Schwester E. ihren Dienst versah, die freundliche Krankenschwester und frühere Haustochter, die mit der neuen Haustochter am 2.November auf der Questura den Permesso di Soggiorno einholte,

so dass die vier Monate in der Casa gesichert waren, wo sie am 1.November, ihrem ersten Arbeitstag, um halb acht morgens Zwieback und Kaffee, das richtige Frühstück aber erst um neun Uhr bekommen und in der Küche im Souterrain Kartoffeln geschält, auf den Stockwerken beim Reinigen der Zimmer und mittags beim Abtrocknen geholfen hatte, weil wegen des Feiertages nicht genug römische Frauen da waren,

am Abend aber bereits im Speisesaal serviert hatte, die flotte J. aus der französischen Schweiz hatte sie eingewiesen, denn es musste gelernt sein, das Eindecken mit der korrekten Platzierung des Vorlegebestecks, das Reichen der Teller von der richtigen Seite, das Abräumen mit dem Stapeln der weißen Teller auf dem linken Unterarm,

und es hatte ihr Freude gemacht und sie hatte immer die Freude teilen wollen und nicht nur ins Tagebuch, sondern gleich an die Eltern geschrieben, die sie am Ende der vier Monate besuchen kommen würden, wie sie es bereits am dritten römischen Tag erhofft hatte: „Nur ist es traurig, wenn niemand bei einem ist, dem man seine Freude und seine Gedanken mitteilen kann, ich ertappe mich immer wieder dabei, dass ich mir vorstelle, wie ich das alles denjenigen zeigen werde, die mich besuchen kommen“, …

(Fortsetzung folgt)

(die kursiv gesetzten Wendungen finden sich auch in Friedrich Christian Delius „Bildnis der Mutter als junge Frau“, Rowohlt TB-Verlag 3.Aufl. 2010, siehe auch Blogeinträge vom 20. und 21.Januar)