In der gestrigen Tageszeitung las ich das erste Mal über den neuen Trend, filmische Kürzestserien fürs Handy herzustellen. Auch die Black Forest Studios in Kirchzarten würden daran arbeiten. Ein Mikrodrama ist eine extrem kurze (1 bis 2 Min.), meist in hohem Tempo erzählte audiovisuelle Geschichte, lerne ich, die speziell für Mobilgeräte im Hochformat produziert wird, nur wenige Figuren zeigt, sich auf einen einzigen Moment oder Konflikt konzentriert und auf eine klare Aussage oder eine überraschende Pointe hinausläuft. Für die Apps sind die kleinen schnellen Häppchen seriell angelegt.
Versuchen wir doch mal so etwas wie ein Mikrodrama:
Als Lena ankam, öffnete sich die Tür nicht. Was bedeutete, dass sie gar nicht ankam. Sie fuhr weiter. In diese Richtung war sie noch nie gefahren. Sie wusste gar nicht, wo der Zug das nächste Mal hielt. Sie hätte sich jetzt aufregen und wie eine Wahnsinnige durch den Zug rasen können. Auf der Suche nach Personal, das einschritt und zu Hilfe eilte. Aber das wollte sie nicht. Sie wollte Ruhe bewahren. Mit einem Mal schienen ihr alle im Waggon seltsam ruhig, wie festgefroren, eine jede und ein jeder in der Position, in der er oder sie oder es gerade gewesen war. Hatten die Jederlinge eben noch unablässig in ihre Smartphones gesprochen, so standen ihnen nun die Münder still, aber offen, was ein komisches Bild abgab. Andere blieben über die kleinen Monitore gebeugt, deren bewegtes Flimmern auch eingefroren war. Manche hatten noch den Wischfinger am Display, wie festgeklebt. Die funktionslos gewordenen Stöpsel in den Ohren erinnerten Lena jetzt an Knöpfe bekannter Kuscheltiere. Kaum einer der Jederlinge hatte den Kopf zu den Fensterscheiben gedreht, vor denen nach wie vor eine üppig blühende Frühlingslandschaft vorbeizog. Nur wenige hielten ein aufgeschlagenes Buch in Händen. Die sahen festgefroren noch am natürlichsten aus, fand Lena, als würden sie nur gerade den Text in ihrem Kopf fortspinnen. Schön anzusehen waren auch die Kinder, das kleine Mädchen dort mit den blonden Zöpfen, es träumte vor sich hin und hielt seinen Teddy im Arm. Lena musste schmunzeln und lächelte dem Mädchen zu. Da schaute es auf und lächelte zurück. Lena erschrak ein wenig, das Mädchen war ja gar nicht festgefroren! Lena blickte sich um, tatsächlich, auch die anderen Kinder bewegten sich ruhig und sacht, wie in stillem Einvernehmen. Es fielen aber keine Worte. Lena erhob sich langsam und durchschritt den ganzen Zug. Es war überall so, in jedem Wagen, die erwachsenen Jederlinge festgefroren in grotesken Positionen, die Kinder bewegten sich, sicher wie Schlafwandelnde und in sich ruhend. Lena kehrte zu ihrem Platz zurück, setzte sich wieder auf das blaugewürfelte Polster und genoss die Ruhe. Da bemerkte sie, dass der Zug die Schienen verlassen hatte und geradewegs in den Himmel aufstieg, hinauf zu den Wolken, die bereits ein abendliches Rosa angenommen hatten. Nun hatte auch das Rattern aufgehört, das Lena ohnehin kaum noch wahrgenommen hatte. Neue Töne erreichten ihr unverstöpseltes Ohr. Eine himmlische Musik begleitete das Schweben, das kein Ende zu nehmen schien. Plötzlich ein Ruck. Lena schreckte hoch und riss die Augen auf, ihr Bett stand fest auf dem Parkettboden des Zimmers.



















