Ein Ostermorgen

Der See ist eine ebene Fläche, die sich an den Horizont verliert. Keine Grenze zwischen Himmel und Erde. Das Grab ist offen. Strahlend über dem Dunst das Gewand des Engels, der Firn der Alpengipfel. Der Stein ist weggerollt, zerbrochen in ferne Felsbrocken auf dem Wasser. Sie erheben sich, steigen auf, kommen näher, kreisen über der Ruhe. Flügelschlag, ein Ruf. Fürchtet euch nicht! Von gegenüber antworten die Glocken. Seid gegrüßt! Zurückgekehrt nistet der Klang im Schilf. Bis er die Tautropfen liegen lässt, leinene Tücher, auf Kieselsteinen getrocknet wie die Tränen der Frauen. Kein Weinen mehr, kein Suchen. Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Durch grüne Auen spricht ein Bach vom Wasser des Lebens, kristallen fließt Glanz in die Stille des Sees, am Ufer ahnen noch kahle Bäume kommendes Übermaß und der frische Morgen salbt die Luft mit Wohlgeruch.

Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Osterfest

SURREXIT DOMINUS VERE – ALLELUIA

Vers 18 aus dem ersten Kapitel der Offenbarung wird im Herrnhuter Losungsbüchlein dem heutigen Ostersonntag zugeordnet. Nach der Elberfelder Übersetzung lautet er so:

Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige, und ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und des Hades.

Marie Luise Kaschnitz (1901-1974) schrieb das Gedicht Auferstehung:

Manchmal stehen wir auf / Stehen zur Auferstehung auf/ Mitten am Tage / Mit unserem lebendigen Haar / Mit unserer atmenden Haut.

Nur das Gewohnte ist um uns./ Keine Fata Morgana von Palmen / Mit weidenden Löwen / Und sanften Wölfen.

Die Weckuhren hören nicht auf zu ticken / Ihre Leuchtzeiger löschen nicht aus.

Und dennoch leicht / Und dennoch unverwundbar / Geordnet in geheimnisvolle Ordnung / Vorweggenommen in ein Haus aus Licht.

(Marie Luise Kaschnitz: Überallnie. Ausgewählte Gedichte 1928-1965. dtv München 3.Aufl.1999)

Karfreitag

Vers 16 aus dem dritten Kapitel des Johannesevangeliums ist im Herrnhuter Losungsbüchlein dem heutigen Karfreitag zugeordnet. Ich zitiere nach der Elberfelder Übersetzung:

Denn so hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat.

Unter dem vorgeschlagenen Lied Nummer 85 O Haupt voll Blut und Wunden, voll Schmerz und voller Hohn, o Haupt, zum Spott gebunden mit einer Dornenkron, o Haupt, sonst schön gezieret mit höchster Ehr und Zier, jetzt aber hoch schimpfieret: gegrüßest seist du mir! ist in meiner Ausgabe des Evangelischen Kirchengesangbuchs ein Wort von Bernhard von Clairvaux (1090-1153) abgedruckt:

Das Kreuz Christi ist eine Last von der Art, wie es die Flügel für die Vögel sind. Sie tragen aufwärts.

Einblick in eine Settimana Santa 1975

Ich zitiere:

Nach dem Frühstück machten wir uns gleich auf den Weg, denn wir wollten nicht so spät nach Venedig kommen. Wie freute ich mich so furchtbar! Wenn ich von Venedig hörte, wollte ich immer einmal so gerne hin. Venezia (so heißt Venedig auf Italienisch) ist eines meiner Wunschziele. Wir waren schon einmal in Venedig, als wir im Urlaub in Jesolo waren. Jedoch war ich damals noch ziemlich klein (in dem Jahr wurde ich eingeschult), und so konnte ich mich kaum mehr erinnern. Und dass wir jetzt dahin fuhren, wo ich immer dachte, wann werde ich wohl einmal hinfahren können! Ich freute mich einfach schrecklich! Die Fahrt auf der Autobahn kam einem gar nicht lange vor, schon verließen wir sie in Mestre. Mestre: eine riesige Industriestadt mit gewaltigen Konzernen und vielen feuerspeienden, rauchenden Schornsteinen. Auch gab es hier große Häuserblocks, sie waren zwar schön angelegt, jedoch wohnen wollte ich hier überhaupt nicht. Schon waren wir durch das hässliche Mestre durch und fuhren auf die riesengroße, furchtbar lange Brücke nach Venedig auf. Hier sahen wir ein breites Stück des Mittelmeeres, der Adria. Als wir die Brücke hinter uns gelassen hatten, fuhren wir hinunter an das Wasser, wo ein großer, bewachter Parkplatz war. Hier ließen wir unseren Peugeot stehen. ….. Wir suchten den großen Bahnhof, in dessen Nähe die „Straßenbahn“ von Venedig abfährt, nämlich Schiffe, die einen an die bekannten und weniger bekannten Plätze Venedigs fahren. Hier begann schon das alte Venedig, die ersten kleineren Kanäle, die wir auf schönen Brücken überquerten. Jetzt gingen wir an einem größeren Kanal entlang, hier waren schon viele Geschäfte und Andenkenläden, und hier gab es die ersten Gondeln. Jedoch wir wollten mit dem normalen Linienschiff fahren, das in Venedig den Bus oder die Straßenbahn ersetzt und furchtbar billig ist. Jetzt ging es noch über eine große Brücke. Wenn man auf der einen Seite die Stufen aufwärts geht, sieht man die andere Seite nicht, auf der es wieder hinuntergeht, und man meint, geradewegs in den Himmel zu steigen. Viele Menschen hatte es auch hier, am Anfang von Venedig, auf der Brücke aus weißem Stein, auch junge Leute, die mit den Büchern in der Hand aus der Schule kamen und sich „Buona Pasqua“ (Frohe Ostern) wünschten. Bei ihnen begannen jetzt erst die Osterferien. Nun waren wir an der Haltestelle angelangt, an der die Schiffe abfuhren. Papa kaufte die Karten, und dann mussten wir noch eine Weile in dem überfüllten Wartehäuschen warten, das auf dem Kanal „schwamm“. Endlich kam das Schiff. Es wurde ziemlich voll und wir standen hinten draußen. Und nun ging die Fahrt los in Richtung Piazza S.Marco. Es war wunder-, wunderschön durch die schmaleren und breiteren Kanäle zu fahren, vorbei an alten, geschichtsträchtigen Häusern, Gebäuden und Brücken. Immer wieder zweigten kleinere Seitenkanäle ab, wo auch Menschen mit ihren Privatbooten fuhren. Immer wieder sah man zwischen den Häusern schmale Fußwege, die unvermittelt endeten, weil ja an dieser Stelle der Kanal vorbeiführte. …

In der Karwoche oder An einem ersten April 2

(siehe auch Blogeintrag vom 1.April 2025)

Dann kam der Schreiner. Im Dorf war es der Schreiner, der die Särge bereithielt und die Totenwaschung machte. Der Schreiner war gut bekannt mit dem Bürgermeister.

Im darauffolgenden Jahr und an einem zweiten April starb Karol Józef Wojtyla, zum Zeitpunkt des Todes Johannes Paul II. genannt. Der 264. Bischof von Rom.

Ein Jahr und ein Tag.

Karol war lange Papst gewesen. Und die Mutter lange die Mutter. Fünfundvierzig Jahre und einhundertacht Tage. Einhundertacht wegen des Schaltjahres im gregorianischen Kalender. Ein zusätzlicher Tag.

Lang. Nicht lang genug.

Um sieben Uhr morgens bescheinigte der Arzt den Tod. Sie hatten ein paar Stunden gewartet. In der Nacht stockende Rhythmen, verebbende Wellen. Kaum noch vernehmbar. Plötzlich ein fremder Seufzer, lösend, langgezogen. Dann Stille. Horchen. Nein, nichts mehr. Kein Einatmen. Nie mehr.

…Und zwangen einen, der vorüberging, mit Namen Simon von Kyrene, der vom Feld kam, den Vater des Alexander und des Rufus, dass er ihm das Kreuz trage…

Das erste Kapitel hieß Die Profile des Kyreners, das zwölfte und letzte Betrachtung über den Tod. Es gab auch ein Kapitel über Die Mutter.

Die Mutter schenkte der geliebten Tochter das Buch, da war Karol schon Pontifex in Rom. Als polnischer Geistlicher und Kardinal von Krakau hatte er die Betrachtungen und Gedichte geschrieben.

Sie schlossen die Augen der Mutter. Endlich auch das, das sich nicht mehr hatte schließen wollen. Den gewölbten Uhrglasverband brauchte es nicht mehr. Tags zuvor hatte der Pfarrer gebetet, das Vaterunser. Die Mutter folgte, die spröden Lippen konzentriert auf die vertrauten Worte, lautlos.

……

(Karol Wojtyla: Der Gedanke ist eine seltsame Weite. Betrachtungen – Gedichte. Aus dem Polnischen übertragen und herausgegeben von Karl Dedecius. Verlag Herder Freiburg im Breisgau 1979. Libreria Editrice Vaticana, Città del Vaticano 1979)

Nachklang Johannespassion

Was ist das wohl, wenn wildfremde Menschen nach dem Konzert auf einen zukommen und innig danken, weil sie an der schwarzen Kleidung erkennen, dass man im Chor mitgewirkt hat? Wenn langjährige Chormitglieder, die inzwischen zu den Zuhörenden gehören, sagen, sie fahren jetzt nach Hause und weinen dort? Wenn alle Musizierenden erst einmal wieder auftauchen und zu sich kommen müssen?

Dann war es ihnen offenbar gegeben, die musikalische Sprache, in die Johann Sebastian Bach vor 300 Jahren das Passionsgeschehen kleidete, zu einem Klingen zu bringen, das in Resonanzräume wirkte, deren Dimensionen im wahrsten Wortsinn wundervoll waren.

Geduldige, genaue, einfalls- und abwechslungsreiche Vorbereitung des Chores durch den Dirigenten Joss Reinicke, die hochtalentierten, so präzise wie ausdrucksstark agierenden jungen MusikerInnen (Solisten und BaroqueLAB Frankfurt) und die ab der ersten gemeinsamen Probe am Freitagabend konzentriert und begeistert ineinandergreifende Zusammenarbeit haben das ermöglicht – und doch kam noch etwas hinzu, über das man besser schweigen als sprechen kann.

Schweigen füllte auch die Kirche, bis der Nachhall des Fortissimo „Ich will dich preisen ewiglich“ nur noch in den Menschen zu hören war. Vollkommene STILLE antwortete lang dem musikalisch Erzählten. Bis sich schließlich in der restlos ausverkauften Bonifatiuskirche frenetischer Beifall Bahn brach.

(Foto: auf dem Weg zur Freitagabendprobe)

Abschied vom Büroaufsteller und andere dolci

Zum ausgiebigen Abschied meint es der Büroaufsteller noch einmal gut mit mir und schickt mich in italienischer Begleitung ins flirrende Frühlingslicht. Giuseppe oder Beppe Ciardi, der 1875 in Venedig geborene und 1832 in der Familienvilla in Quinto di Treviso gestorbene Sohn von Guglielmo Ciardi (siehe Blogeintrag vom 26.März ), studierte bei seinem Vater an der Accademia di Belle Arti und nahm 1899 erstmals an Venedigs Biennale teil, seine Themen waren Landschaft und symbolische Interpretation der Natur, die er mich heute in voller Blüte erleben lässt. Ich verweile ein wenig, bevor ich mich zum ciao entschließe und zum zugigen Bahnhof eile. Dort verspricht man mir auf gerade aktueller liturgischer Farbe einen köstlich schmeckenden Job und die Entdeckung der süßen Seite des (Berufs-) Lebens. Ich bin gespannt!

Und nun kommen wir zu anderen dolci : Der Friseur meines Vertrauens, aus Sizilien stammend, brachte mich vergangenes Jahr, während die blonden Strähnchen aufgefrischt wurden, bei einem Gespräch auf die italo-amerikanische Sängerin Amandina Pascali, die ebenfalls sizilianische Wurzeln hat (ich hatte ihm von Etta Scollo erzählt). Auf Instagram könne man sie finden, sagte L., also suchte ich, fand und folge seither. Vor wenigen Tagen sichte ich bei Amandina Pascalis posts schöne Meldungen: mehrere sizilianische Medien feiern, dass die texanische cantautrice Amandina „die Stimme“ von Rosa Balistreri in die Welt trägt, indem sie deren Lieder singt. Es wurde des 99. Geburtstages von Rosa Balistreri gedacht (geb. 21.März 1927 in Licata). Im irdischen Sizilien konnte Rosa ihn nicht mehr begehen (gest. 20.Sept.1990 in Palermo).

Sechster Sonntag der Passionszeit – Palmsonntag

Als Lesung aus dem Alten Testament ist im Herrnhuter Losungsbüchlein für den heutigen Sonntag ein Abschnitt aus dem Buch des Propheten Jesaja angegeben. In meiner Elberfelder Bibelausgabe (2006) ist dieser Abschnitt überschrieben mit „Drittes Lied: Der Knecht Gottes im Leiden, aber Gott schafft ihm Recht“. Ich zitiere daraus die Verse 4 bis 7a:

Der Herr, HERR, hat mir die Zunge eines Jüngers gegeben, damit ich erkenne, den Müden durch ein Wort aufzurichten. Er weckt mich, Morgen für Morgen weckt er mir das Ohr, damit ich höre, wie Jünger hören. Der Herr, HERR, hat mir das Ohr geöffnet, und ich, ich bin nicht widerspenstig gewesen, bin nicht zurückgewichen. Ich bot meinen Rücken den Schlagenden und meine Wange den Raufenden, mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmähungen und Speichel. Aber der Herr, HERR, hilft mir. Darum bin ich nicht zuschanden geworden…“

Beim Konzert des Motettenchores in der St.Bonifatiuskirche Lörrach heute um 18 Uhr (Joh.Seb. Bach: Johannespassion) wird auch der Choral erklingen:

Wer hat dich so geschlagen, mein Heil, und dich mit Plagen so übel zugericht? Du bist ja nicht ein Sünder wie wir und unsre Kinder, von Missetaten weißt du nicht...

Erstes Jubiläumskonzert

Morgen, am 6.Sonntag der Passionszeit, am Palmsonntag, ist es soweit: der Motettenchor Lörrach bringt unter seinem Dirigenten Joss Reinicke um 18 Uhr in St.Bonifatius, Lörrach, die Johannespassion BWV 245 (1724) zur Aufführung, das Oratorium für Soli, Chor und Orchester. Es ist das erste Jubiläumskonzert zum 100-jährigen Bestehen des Chores. Der in Dänemark aufgewachsene Joss Reinicke, der den Chor im Januar 2022 übernommen hat, ist erst der vierte Dirigent in der langen Geschichte des Chores. Erfreulich junge Solisten sind engagiert: Elena Elsa Tsantidis, Sopran; Kea Niedoba, Alt; Martin Höhler, Tenor; Mateo Penaloza Cecconi, Bass (Pilatus, Arien); Johannes Arzt, Bass (Jesus). Den warmen Wohlklang des aus ebenfalls jungen, experimentierfreudigen Musikern bestehenden Ensemble BaroqueLAB Frankfurt konnten wir gestern Abend bereits in der Probe genießen. Im Programmheft u.a. (mit Genehmigung) abgedruckt sind Auszüge eines Interviews von Domradio Köln mit dem Bach-Experten, Theologen und Musikwissenschaftler Prof.Dr. Meinrad Walter, Freiburg, in dem es u.a. heißt, dass die Kraft dieses Werkes sich in ganz verschiedenen Settings durchsetzt.

Wir haben das „Setting“ der St.Bonifatius-Kirche, der katholischen Hauptkirche der Stadt Lörrach, einer neoromanischen dreischiffigen Säulenbasilika, die von einem kleinen Park umgeben ist. Der Grundstein der Kirche war am 9.Juli 1865 gelegt, die vier Glocken am 28.Juli 1867 und die Kirche am 6.August 1867 durch den Mainzer Bischof Wilhelm Emmanuel von Ketteler geweiht worden. Bei einem Großbrand am 15.Juli 2007 wurden der Turmhelm und die Glockenstube erheblich beschädigt, die Kirche erfuhr in den Jahren 2007 und 2008 eine umfassende Renovierung, das vollkommen zerstörte Geläut musste ersetzt werden, am 14.September 2008 wurden fünf neue Bronzeglocken (gegossen in der Glockengießerei Bachert, Karlsruhe) geweiht und tun seither ihren Dienst im 40 Meter hohen Glockenturm: Bonifatiusglocke, Josef-Glocke, Elisabeth-Glocke, Ökumene-Glocke und Marienglocke. Aus dem ausgebrannten Glockenstuhl hat man zur Erinnerung an den Brand eine der früheren Glocken im kleinen Park an der Choraußenseite der Kirche aufgestellt.

Als ich gestern vom Chorraum aus in den Kirchenraum blickte, war mir ein wenig, als schaute ich in eine alte römische Basilika auf dem Aventin.

https://www.domradio.de/artikel/bachs-johannespassion-vergegenwaertigt-den-kreuzestod-jesu