(römische Freuden 11 siehe Blogeintrag vom 27.Febr.2026)
…, einen Linienbus hatte sie zusammen mit der munteren J. auch genommen am Sonntag, den 6.November, die Sonne schien herrlich und warm, beide Haustöchter mussten keinen Dienst im Diakonissenheim tun, und so waren sie in der römischen Via Gaeta in den Bus gestiegen, der sie die etwa dreißig Kilometer nach Westen in die Sabiner Berge gebracht hatte nach Tivoli, dem antiken Tibur,
das bereits zu Zeiten des kaiserlichen Rom ein bevorzugter Kurort reicher Römer gewesen war, und sie hatte notiert, dass nur 300 Lire zu zahlen waren für die dreißig Kilometer, die über schöne, weite Felder der Campagna hinauf in die Ausläufer der Monti Sabini führten, deren weißes Kalkleuchten vom Ankunftsplatz der Busse aus zu sehen war,
dann aber hatte sie nicht gewusst, wie sie am besten den Eindruck beschreiben sollte, der sie überwältigte, als sie durch einen Saal mit Freskenmalereien auf die Terrasse getreten war, von der aus man die gesamte, auf verschiedenen Ebenen liegende Gartenanlage der berühmten Villa d’Este überblicken konnte,
wie die Lieblichkeit des Gartens beschreiben mit seinen Zypressen und Palmen, wie die alten Gemäuer, die unter Efeu hervorschauten, wie die Weite der südlichen Landschaft und die Einmaligkeit der Brunnenanlagen, wo sich Wasser aus hunderterlei verschiedenen Formen in hunderterlei verschiedene Becken ergoss, Brunnen jeder Größe und Spielart,
künstliche kleine Kaskaden entlang der Treppen, hochaufspritzende Fontänen und in der Allee der hundert Brunnen lauter kleine Brünnchen neben- und übereinander, und sie hatte das Tagebuch mit ihrem Staunen gefüllt: „Etwas derartiges habe ich noch nie, nie gesehen!“, um im nächsten Satz zum Schluss zu kommen, dass die Anlage von jemanden entworfen und gebaut sein müsse, „der Wasser im Garten ebenso liebte wie Papa und ich!“,
dann aber fortgefahren war, dass die Villa 1550 von Pirro Ligorio für den Kardinal Ippolito d’Este erbaut worden, später im Besitz des österreichischen Kaiserhauses gewesen und Franz Liszt hier zum Priester geweiht worden sei, und bevor sie mit der munteren J. durch verwinkelte Gassen des Ortes mit eng beieinanderstehenden mittelalterlichen Häusern zurückgefunden hatte zur Bushaltestelle,
waren sie noch durch die Villa Gregoriana gelaufen, im großen Gegensatz zur Villa d’Este wollte sie diese als wildromantisch und naturbelassen bezeichnen, und vorbei an der Grande Cascata, wo das Wasser des Aniene 108 Meter über weißes Kalkgestein hinabstürzt, waren sie in die Ruinen der Villa des Manlius Vopiscus gestiegen, wo ihr ein wenig unheimlich zumute wurde,
und weiter unten in der Schlucht, die der Aniene tief ins Gestein gefressen hat, hatten sie in der Grotte der Sirenen seinem Rauschen gelauscht, bevor sie steil hinauf gestiegen waren in die Grotte des Neptun, einer richtigen Höhle, und immer weiter hinauf dorthin, wo am Ende des Parks über steilem Abgrund Tempelreste thronten, die des Tempels der Sibilla Tiburtina und mit weißen korinthischen Säulen jene des Tempels der Vesta,
ein wenig müde, aber sehr glücklich waren sie schließlich heimgefahren nach diesem Erlebnisgeschenk, wie sie geschrieben hatte, und auf der Busfahrt zurück war ihr Augenmerk auf die äußeren Bezirke Roms gefallen mit ihren entsetzlichen Massen von billigsten Mietkasernen inmitten von Autofriedhöfen, Industrien und Dreck,…
(Fortsetzung folgt)
(zu Franz Liszt: am 25.April 1865 empfing er im Vatikan die Tonsur und die erste Niedere Weihe, am 30.Juli 1865 in Kardinal Hohenlohes Privatkapelle in der Villa d’Este in Tivoli drei weitere Niedere Weihen)
(zu Villa d’Este: Palast aus dem 16.Jh. mit Renaissancegarten, seit 2001 UNESCO-Welterbe. Kardinal Ippolito II. d’Este, 1509-1572, wurde 1550 Statthalter von Tivoli und ließ ab 1560 vom Hofarchitekten Alberto Galvani einen Garten am Hang unterhalb seines Palastes anlegen nach dem Entwurf des Malers, Architekten und Archäologen Pirro Ligorio aus Neapel)
(abgebildetes Buch: Ernst Burger: Franz Liszt. Die Jahre in Rom und Tivoli. Schott Music, Mainz 2010)
Na ja – nicht ganz, ist er doch am 22.September 1826 in Schwetzingen verstorben (geboren am 10.Mai 1760 in Basel, aufgewachsen in Basel und in Hausen im Wiesental). Und genau deswegen, nämlich wegen des Gedenkens zum 200.Todesjahr hat der Hebelbund Lörrach für dieses Jahr ein interessantes Programm mit Lesungen von Hebelpreisträgern zusammengestellt. Gestern hat es begonnen mit dem Preisträger von 2012, Karl-Heinz Ott, 1957 in Ehingen/Donau geboren, Schriftsteller, Essayist, literarischer Übersetzer, wohnhaft unter anderem bei Freiburg, Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz, Mitglied der Bayerischen Akademie der schönen Künste etc., von 1993 bis 1995 war er auch Chefdramaturg der Oper am Theater Basel. Im Dreiländermuseum las er vor denen, die trotz des sonnigen Spätnachmittages gekommen waren, aus seinem neuen Roman Die Heilung von Luzon (erschienen 2025 im Hanser-Verlag). Außer dem Ohrenmerk auf den Romananfang (sowohl der Präsident des Hebelbundes Lörrach als auch Karl-Heinz Ott lieben Romananfänge) kam man in den Genuss, ein komplettes Kapitel zu hören, das ungeheuer detailreich die Bilder der fremden philippinischen Welt erstehen ließ, man sah sozusagen einen Film. Am Büchertisch beim Signieren konnte man noch kurz mit dem Autor ins Gespräch kommen, mich interessierte Dauer der Materialsammlung und Notate (langer Zeitraum, immer wieder) und Dauer des eigentlichen Schreibens der Endfassung (eher kurz). Zulegen wollte ich mir dann jedoch lieber ein anderes Werk von Karl-Heinz Ott: Hölderlins Geister, Hanser-V. 3.Aufl.2020.
Bei meinem Radrückweg entlang der Wiese, über die Johann Peter Hebel ein schönes Langgedicht auf Alemannisch verfasst hat („Los, i will di jez mit mine Liederen ehre und mit Gsang bigleiten uf dine freudige Wege“), war die Sonne schon untergegangen, aber der Himmel bewahrte noch ihren Nachklang und die Wiese antwortete mit metallisch blauem Schimmern, die säumenden Bäume in Scherenschnittstimmung.
Für den 17.Mai hat man Monika Helfer und Michael Köhlmeier geladen (Hebelpreis 2022/1988), für den 27.September Arnold Stadler (Hebelpreis 2010), für den 15.November Lukas Bärfuss (Hebelpreis 2016).
Der Monatsspruch für den heute beginnenden Frühlingsmonat März findet sich gemäß Herrnhuter Losungsbüchlein im 11.Kapitel des Johannesevangeliums (Vers 35):
Da weinte Jesus.
(Der Vers steht im Zusammenhang der Lazarus-Geschichte, in der nicht nur von Jesu Weinen die Rede ist, sondern auch von seiner Erschütterung, von seinem Ergrimmen und Erzürnen.)
Der dem heutigen Reminiscere- Sonntag zugeordnete Vers ist der sechste aus Psalm 25. Ich zitiere aus diesem Psalm die Verse 6,15 und 17 nach der Elberfelder Übersetzung:
Denke an deine Erbarmungen, HERR, und an deine Gnadenerweise; denn sie sind von Ewigkeit her.
Meine Augen sind stets auf den HERRN gerichtet; denn er, er wird meine Füße aus dem Netz lösen.
Die Enge meines Herzens mache weit, und führe mich heraus aus meinen Bedrängnissen!
…, und sie hatte versucht, den letzten, im Raum schwebenden und schwindenden Akkord so lange wie möglich im Gehör zu wiegen, bevor sie wieder hinaus aufs Pflaster der Stadt getreten war und fortan all die Töne getragen und im Herzen bewegt hatte, die von Sant‘ Ignazio, die von Flötenspiel und Kirchenchor, die der Oper, alle römischen Freuden schienen unter das Himmelszelt der Musik zu passen, auch die wunderbare Stille,
die sie auf den Friedhöfen fand, in der Nekropole unter dem Petersdom, im Hag des Campo Santo Teutonico, auf dem Cimitero acattolico, wo sie lange umhergestreift war und die Gräber von Goethes Sohn August, von Axel Munthe, Malwida von Meysenbug, von John Keats und Percy Shelley gesucht und gefunden hatte,
auch beim Hinabsteigen in die Katakomben, wo die ersten Christen die Jahrhunderte der Verfolgungen überlebt hatten, die Katakomben von Sant’Agnese fuori le mura an der Via Nomentana, die der Pricilla an der Via Salaria, die des Hl.Kallixtus zwischen Via Appia Antica und Via Ardeatina, und war es ad catacumbas Domitilla oder San Sebastiano gewesen, wo ein junger blonder Student sie eingeladen hatte, ihm allein in sonst nicht zugängliche Bereiche der Totenstadt zu folgen,
und wo sie voller Vertrauen die Einladung angenommen hatte, um zu schauen, was nicht jeder sah, um tiefer noch einzutauchen in Leben und Sterben früher Christen, um mit denen zu atmen, die fast zweitausend Jahre vor ihr Zeichen, Inschriften, Fresken auf mehreren Stockwerken unter der Erde angebracht hatten, und um dem deutschen Sprechen des Studenten zu lauschen, das nun ihr ganz allein galt,
wo sie dann aber nach ausgedehnter Runde, über Hindernisse hinweg und durch Engstellen hindurch doch froh gewesen war, dass der Blonde sie zurück zum Ausgang geführt hatte, froh gewesen war, sich über der Erde wieder der milden römischen Winterluft überlassen und zu Fuß auf der Appia Antica und vorbei an der kleinen Kirche ‚Domine Quo Vadis‘ den Rückweg gehen zu können, bis sie sich nach der Porta San Sebastiano innerhalb der Aurelianischen Mauer einem Linienbus anvertraut hatte,…
(Fortsetzung folgt)
(die kursiv gesetzten Wendungen im Text finden sich auch – an unterschiedlichen Stellen und ggf. in grammatikalisch gering anderer Form – in Friedrich Christian Delius „Bildnis der Mutter als junge Frau“, Rowohlt TB-Verlag, 3.Aufl.2010)
(abgebildetes Buch: dtv Reise Textbuch Rom. Ein literarischer Begleiter auf den Wegen durch die Stadt, mit Fotos von Gertrud Leutenegger, hrsg. von Franz Peter Waiblinger. 2.Aufl.Aug.1986)
Der nur datumsaktuelle Büroaufsteller empfängt mich beim Ausflug heute mit Musikern, die ihre Instrumente vor mehr als 3400 Jahren in Händen hielten, die Basler Fasnächtler aber haben die ihrigen jetzt erst einmal aus der Hand gelegt, denn nun hat die Fasnacht auch in der Regio TriRhena ein Ende, mit dem Ändstraich um vier Uhr früh des heutigen Tages. Obwohl: auf einigen Hügeln werden noch die Fasnachtsfeuer lodern und die brennenden Scheiben (Schiibe) gen Tal geschlagen werden, ein Brauchtum, das den schwäbisch-alemannisch- elsässischen Raum auch mit dem Vinschgau und mit Vorarlberg verbindet. In den letzten drei Tagen aber zogen das Piccolo-Pfeifen und das Basler Trommeln auf seilgespannten Marsch-Trommeln unablässig durch Gassen und über Brücken der Stadt am Rheinknie, und wir zogen ein bisschen mit, schauten nach oben, wo Drei Könige sich in drei Waggis verwandelt hatten, schauten nach unten, wo Kanaldeckel sich mit Räppli schmückten, schauten geradeaus, wo Anzeigetafeln einmal anderes als effektive Abfahrtszeiten verkünden durften, und freuten uns an einem Himmel, der willig seine Farbe dem Spruchband anpasste: „Fasnacht uff em Rhy – jo, do möchti sy!“ (und Dääfeli gab‘s massenweise für Jemande im Binggis-Alter)
(zur Basler Fasnacht etc siehe auch Blogeintrag vom 5.März 2025)
(übrigens: nicht mehr lange, dann ist auch Ändstraich bei Büroaufstellerausflügen)
wird das Konzertprogramm mit Puccinis Messa di Gloria in Rom bei zwei Benefizkonzerten des Projektchores (SÄCO) ergänzen und meine Vorfreude aufs Singen in Sant’Andrea della Valle (29.Mai) und Sant’Antonio dei Portoghesi (30.Mai) beginnt zu crescendieren.
Meist ist das Magnificat (der Lobgesang der Maria) liturgisch in den Weihnachtsfeierlichkeiten verankert, weil es in den Erzählzusammenhang der Weihnachtsgeschichte gestellt ist. Es ist jedoch auch Teil des Stundengebets, in der Ostkirche im Morgengebet, in der Westkirche gehört es als Höhepunkt zur abendlichen Vesper. Psalmen und andere Schriftstellen der hebräischen Bibel liegen dem hymnischen Sprechen Marias zugrunde. Auch Martin Luther wollte das Singen des Magnificat in der Kirche belassen, die Vertonungen aus der Communauté de Taizé von Jaques Berthier sind sehr bekannt geworden und in vielen europäischen Gesangbüchern zu finden. (Für die SÄCO-Konzerte ist eine Uraufführung angekündigt)
Während der ersten Amtszeit eines bestimmten Präsidenten fragte ich einmal in Weihnachtsgedanken, ob wir nun einen Lobgesang anstimmen auf an Zäunen zerrissene Hoffnung, auf Verdunstung der Barmherzigkeit, auf das große #MeFirst oder ob wir mit Maria sprechen wollen:
Meine Seele erhebt den Herrn
und mein Geist hat gejubelt
über Gott, meinen Retter.
Er hat Macht geübt mit seinem Arm,
er hat zerstreut,
die in der Gesinnung ihres Herzens
hochmütig sind.
Er hat Mächtige von Thronen hinabgestoßen
und Niedrige erhöht.
Hungrige hat er mit Gütern gefüllt
und Reiche leer fortgeschickt.
Er gedenkt der Barmherzigkeit.
(Lukas 1,47 u. 51-54; s. auch Ps.107)
(Foto vom 10.Mai 2024: eine Gnadenmadonna mit dem Apfel des Heils, den sie ihrem Sohn übergibt, aber er hat ihn auch schon in der Hand, oder? Ein bisschen, als würden sie sich Bälle zuwerfen. Mir gefällt auch, wie der Jesusknabe mit dem rechten Arm an den Mantel der Mutter greift – hebt er sich fest oder ab? Und schön: die seitlichen Schatten, die die Statue wirft, so dass eine Dreier-Gruppe mit unterschiedlichen Konturen und Betonungen entsteht. Die Kronen mit den Reichsäpfeln wirken auf den Figuren fremd, in den Schatten aber passen sie sich an.)
(Römische Freuden 9 siehe Blogeintrag vom 19.Februar)
…, wie ja die ganze Stadt eine Balance zu halten suchte zwischen vielen Zeiten und Welten, am 12. November hatte sie das Brummen der Überwachungshubschrauber gehört, den ganzen Tag im Haus zu bleiben, war besser gewesen, weil eine große und verbotene Demonstration der Ultralinken die Stadt mit Molotow-Cocktails in Unruhe versetzt und Tränengasantwort provoziert hatte,
so dass sie nicht hatte verstehen können, warum die Menschen immer wieder so sehr dem Unfrieden dienten, eine Antwort schien ihr in Zeilen eines Rilke-Gedichtes zu liegen: „Endlich ein Gott. Da wir den friedlichen oft nicht mehr ergriffen, ergreift uns plötzlich der Schlacht-Gott, schleudert den Brand“,
und da sie im Schutz des Diakonissenheims geblieben war, hatte sie im Musiksalon gelesen und später mit allen Sinnen die Sprache eines Klavierspiels empfangen, dem sonst niemand lauschte, an anderen Abenden aber mit der munteren J. und der trägen S. die Piazza Navona genossen, den mittigen prachtvollen Brunnen, dem kräftige Figuren entwuchsen,
die imposante Fassade von Sant‘ Agnese al Circo Agonale, das Treiben der Straßenmaler, die gerade jemanden portraitierten oder ihre Bilder zu verkaufen suchten, solange den Platz genossen, bis sie hatten fliehen müssen, weil sie sich der „Angriffe“ junger Italiener nicht mehr hatten erwehren können, alles Reden hatte nichts geholfen,
dieselben Jungen hatten sie aber ganz in Ruhe gelassen, wenn der Römer Enzo die muntere J. aus der französischen Schweiz begleitete, sie hatte es amüsiert notiert und als geltendes Prinzip verstanden, und mit diesem Schutz konnten sie noch das Professionisti aufsuchen, wo sie auf Bruno trafen, einen Italienisch-Deutsch-Dolmetscher und ebenfalls den anderen Haustöchtern schon bekannt,
solcherart Bekanntschaften aber waren ihr fremd geblieben, sie fand Enzo einen wirklich netten Jungen und hatte sich gewundert, dass die muntere J. ihn nur für die Dauer des römischen Aufenthaltes gebrauchen wollte, und sie war froh gewesen um die Orgelkonzerte in Sant’Ignazio in Begleitung des Klavierspielers,
oder um Besuche der römischen Oper, dem Teatro dell’Opera auf dem Viminal, wo sie, dem Deckengemälde nah und unter dem großen Kristallluster, der dramatischen Schönheit der Belcanto-Klänge in Donizettis Lucia di Lammermoor nicht hatte entkommen können und wollen, …
(Fortsetzung folgt)
(Foto: Cover einer weiteren Ausgabe des Reiseführers J.M. Wiesel: Rom. Die ewige Stadt. W.Kohlhammer-Verlag, Stuttgart 1954, ein handgeschriebener Zettel meines Großvaters ist vorne hineingeklebt)
Ach, ich sehe, der Himmel hat sich auch beteiligt am Laternen-Spiel oder warum sonst hätte er frühmorgens so erröten sollen (ich schwöre: die Sonne war es nicht!)? Dabei war der „magische Moment“ schon vorüber, als gemäß Lichtlöschplan (steht wirklich so geschrieben) in der gesamten Basler Innenstadt, also im Klein- und im Großbasel, alle Lichter erloschen waren, damit Schlag 4 Uhr sämtliche Cliquen gleichzeitig pfeifend und trommelnd ein- und denselben Marsch „Morgestraich“ anstimmen und mit Kopf- und Zuglaternen „Vorwärts- Maaarsch“ gehen und leuchten können. Und ich war zwar nahe, aber wieder nicht direkt vor Ort – immerhin empfing mich beim Büroaufstellerausflug Franz Marcs Gemälde „Der Traum“ und zur Himmelslaterne gabs ein frühlingshaftes Pfeifkonzert der „Vögelheit“ (erstaunliche Wortschöpfung des Purzels, der seinem Purzelsein entwächst). Einmal aber habe ich den magischen Moment mitgelebt in der Menge der Zuschauer und sogar einen Platz ergattert zur obligatorischen Stärkung mit Mehlsuppe am sehr frühen Morgen, das ist allerdings Jahrzehnte her, aus der knapp eine Stunde entfernten Studienstadt war ich angereist. Ein Basler Mädchen durfte erst heiraten, wenn es Mehlsuppe kochen konnte, sagt mir Wikipedia, die Mehlsuppentradition der Region reicht bis zu den Römern zurück, die die einfache Speise bereits in ihrer Kolonie Augusta Raurica (Colonia Augusta Rauricorum; 10 km östlich von Basel, am Rhein) zubereiteten.
(Rezepte für Basler Mehlsuppe finden sich von verschiedenen Anbietern, mit oder ohne Film, im Internet)