Vom schneeweißen Marmor und anderen Weltmaterialien

Uiuiuiiii – ist das ein Feuerwerk an Wissen, Ideen und Gedanken, das die 1980 geborene Schriftstellerin und Buchgestalterin Judith Schalansky am Abend des 6.Mai im Basler Literaturhaus zündet! Leider habe ich bisher von ihr, die auch Mitherausgeberin der wunderbaren Reihe Naturkunden (Matthes & Seitz-V.,Berlin) ist, noch nie etwas gelesen. Als ich aber in den letzten Tagen über ihr neues Werk Marmor, Quecksilber, Nebel las und sah, dass sie kurz darauf im Literaturhaus Basel zu Gast sein würde, wusste ich sofort: ich muss dahin. Aus Texten und Textfragmenten für die Frankfurter Poetik-Vorlesung (2025 Judith Schalansky: Marmor, Quecksilber, Nebel. Woraus die Welt gemacht ist) ist das Buch entstanden und auch von der Autorin selbst gestaltet worden. Woraus die Welt gemacht ist, diesem nicht gerade klein zu nennenden Thema stellt sich die Autorin mit all ihrem Einfallsreichtum, ihrem großen Hintergrundwissen, ihren fleißigen und akribischen Recherchen, ihren „Gedankengirlanden“, ihrem Sprachwitz und Humor. Judith Schalansky sei eine der geistreichsten Erscheinungen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, meint der Literaturkritiker, Übersetzer und Journalist Denis Scheck. Jedenfalls erfährt man in Basel ungeheuer geistsprühend nicht nur, woraus die Welt, sondern auch woraus und wie Schalanskys Texte gemacht sind. Die unerwartet berührende Begegnung mit einem Block aus Thassos-Marmor, berühmt für ein Weiß von frischgefallenem Schnee, ist die Initialzündung für das Triptychon der Texte, welche Buchbesprechungen mit windungsreich, überraschend, mal Essay, mal Erzählung charakterisieren und denen spielerische Präzision attestiert wird. Wer Spaß an Hieroglyphen hat, dem traut man auch zu, dass er dem Marmor lauscht, rekapituliert Schalansky eine Wahrnehmung. Die sehr gut und mit persönlichem Touch zwischen Aktion und Zurückhaltung changierende Moderatorin Jennifer Khakshouri konstatiert, dass Schalanskys Sprache sehr flüssig sei, man sei sozusagen bei Schalanskys Erleben dabei. Außerdem wisse man, dass Schalansky eine sehr gründliche Rechercheurin sei (kurze Irritation, wie heißt es richtig? J.Sch. schlägt ‚Rechercheuse‘ vor), aber wie mache man nun daraus das Geschriebene? Antwort J.Sch.: harte Arbeit. Sie arbeite immer, ihr gesamtes Erwachsenenleben lang, in der Staatsbibliothek Berlin, dem Sharoun-Bau, auch weil man sich da jeden Tag wieder an einen leeren Schreibtisch setzen könne, im Gegensatz zum Schreibtisch zuhause. Genau diese Metamorphose mache ihr ja Freude beim Schreiben : wie kann sie das Material in literarische Sprache umsetzen. Am Basler Abend ist zu erleben, dass Judith Schalansky auch beim spontanen Sprechen inhaltlich und sprachlich großartige Sätze gelingen. Und das Lesen aus allen drei Aggregatzuständen des Buches gerät ebenfalls zum Genuss: Tempo-, Rhythmus-, Stimmlagen- Artikulations- und Lautstärkenvariationen werden mühelos jongliert. Keine Fragen, nur Schlussapplaus im fast, aber nicht ganz ausverkauften Literaturhaus, in dem ich auch den Schriftsteller Alain Claude Sulzer im Publikum gesichtet habe. Fasziniert, aber auch eingeschüchtert, bleibt mir nur, das Buch und weitere von Judith Schalansky auf meine Leseliste zu setzen.

(Judith Schalansky: Marmor, Quecksilber, Nebel. Woraus die Welt gemacht ist. Suhrkamp-V.2026

(NB.: ich erinnere mich, in den 1980er Jahren für meine kleine Dissertation in Geschichte der Medizin Eugen Neter, ein Beitrag zur pädagogischen Aufgabe des Kinderarztes im Sharoun-Bau der Staatsbibliothek Berlin recherchiert zu haben)

Weiß-Blau und andere Farben

(Text vom 7./12.März 2024, überarbeitet)

In Murnau hatte sie ein Dirndl gekauft. Kein edles, schweres –  ein leichtes, baumwollenes in frischen Farben. Das Hellblau des Kleides erinnerte sie an den Sommerhimmel, wie eine einzige Schönwetterwolke quoll weiß die Bluse daraus hervor und das Band der Schürze stürzte über die Rockfalten wie ein Gebirgsbach über Felsen. Sie hatte noch nie ein Dirndl besessen und wann sie es tragen sollte, wusste sie nicht. Aber sie fühlte sich darin gut aufgehoben, fest gehalten und doch luftig frei. Vor dem Dirndlkauf hatte sie ein Grab gesucht, auf dem Friedhof bei der Kirche des Heiligen Nikolaus, von dem aus man die blauen Berge sehen konnte. Als sie vor dem Grabstein von Gabriele Münter stand, war ihr, als würden die Buchstaben des Namens sich versammeln zu einer Gestalt und wieder einziehen in das alte Wohnhaus, das über der Friedhofsmauer in der Blickachse lag und das sie kannte von farbstarken Gemälden. Unweit des Gottesackers, der sich um die Kirche schmiegte, stieg ein Schlossgebäude in die Höhe. Weiße Zacken berührten den hellblauen Sommerhimmel, der wenige Cumuluswolken bereit hielt. Sie folgte dem Weg hinauf zum Schloss, ließ sich in die Säle ziehen und nun war ihr, als wären Gabriele Münter und ihre Gefährten gerade herein gekommen, um mit ihr zu sprechen und ihr teilzugeben an ihrem Murnau. Sie saß mit ihnen am weißgedeckten Tisch, sie ging mit ihnen auf der Dorfstraße durch die Sommerhitze, sie blickte mit ihnen über das satte Grün der Wiesen dorthin, wo die blauen Berge den Horizont markierten und ein Abendhimmel die Landschaft aufnahm. Als sie die Säle wieder verließ und hinaustrat, begleiteten sie die Farben. Ein Strauß Sonnenblumen hielt seine Frische in der Mittagshitze, eine Hauswand sättigte sich am Licht, das krause Wasserblau des Staffelsees barg sich in den Grünschattierungen der Ufer.

Sie steht im Dunkel des Zimmers, öffnet die Schranktür und streicht über den Baumwollstoff. Einmal, noch sommerbraun, hat sie das Dirndl angezogen und sich im Spiegel betrachtet. Sie hat ein Foto gemacht.

„Ich denke viel an Murnau – an Euch, an den Schnee, an das Land.“ (Ödön von Horváth, 1927)

Gabriele Münter – Wikipedia https://share.google/iiU6KgKJr9vOaCkhp

(Gabriele Münter: Murnau,1908, Schlossmuseum Murnau)

Erlesen

Vollkommen überraschend, sozusagen aus dem Nichts, erhalte ich am 28.April 2026 mit herzlichen Grüßen aus dem Helmut-Schmidt-Haus eine Mail von Karina Kupsch, Managerin Content Sales & ZEIT Bücher, in der ich informiert werde, dass auch mein Beitrag zur beliebten LeserInnen-Kolumne Was mein Leben reicher macht in der ZEIT-Ausgabe 30/2019 (!) in das neue, gleichnamige, ab dem selbigen Tag zu erwerbende Kartenset aufgenommen ist (na gut, dass ich meine Mail-Adresse in der Zwischenzeit nicht gewechselt habe). Es handele sich um einen Nachdruck, zu dem ich mein Einverständnis bereits erteilt hätte. Jede Karte würde ein Zitat mit einer reflektierenden Frage (von der ZEIT auf den Rückseiten hinzugefügt) verbinden, als Impuls zum Innehalten, für persönliche Reflexion oder als Gesprächsanstoß.

Ich bestelle das Kartenset und hole es heute in meiner Buchhandlung ab. Mein Einverständnis mit dem Beitrag hat Bestand. Nicht einverstanden bin ich mit dem, was ich in der kleinen, inhabergeführten, nur wenige Minuten entfernten Buchhandlung erfahre: sie schließt nach 80 Jahren zum 30.Juni 2026. Die Inhaberin, die die Buchhandlung von ihrem Vater übernommen hatte, ist bereits seit Längerem über das übliche Rentenalter hinaus, ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin wurde nicht gefunden. Mich befällt Wehmut, hat diese Buchhandlung, die auch Schreibwaren etc. bereithält, mich doch über Jahrzehnte hinweg begleitet. Mit hervorragendem Service und immer auch angenehmen Gesprächen. Und dann schenkt mir die Inhaberin auch noch einen übrig gebliebenen Abreißkalender 2026 der ZEIT Was mein Leben reicher macht – Glücksmomente für jeden Tag …

Tüllinger Skulpturen

Das Dreieck des  grüngerahmten Schildes weist ein Naturdenkmal aus. Es krönt die Wegweiser-Stange an einer Weggabelung auf dem Obertüllinger Lindenplatz. Das Schild, das in ganz Deutschland Naturdenkmale anzeigt, verrät mir nicht, ob hier ein flächenhaftes Naturdenkmal (FND) gemeint ist oder ein Einzelgebilde-Naturdenkmal (END). Recherchen ergeben, dass von den zehn im Landkreis Lörrach ausgewiesenen Naturdenkmalen keines ein FND ist, alle sind END, und zwar jeweils bestimmte Bäume: ein einzelner Baum (Eiche, Lärche, Mammut, Platane, Magnolie etc.), zwei Bäume (Traubeneichen) oder auch drei (Feldahorne). Das Tüllinger END aber umfasst mit großem Abstand die höchste Baumzahl: 45 Winterlinden.

An diesem Sonntagmittag Anfang Mai tragen die Obertüllinger Winterlinden bereits ihr Frühsommergewand. Nach einem Blick Richtung Osten hinüber ins Wiesental und auf erste Schwarzwaldhöhen nehme ich den Weg auf der Westseite links am Schild vorbei. Er verweilt zunächst auf der Hügelkuppe und erlaubt den Augen das Changieren zwischen Ferne und Nähe. In der Rheinebene das Band des Flusses, die Horizontlinie geschwungen gezeichnet im Blau der Vogesengipfel. Dann das Eintauchen in den Laubwald. Die Augen haften an Naturskulpturen. Alt- und Totholz ist belassen, dicke Stämme säumen verlässlich den Wegrand. Andere, hochaufragende, touchieren die Himmelszonen. Wieder andere, schmale, stoßen wie ein Queue durchs Grün des Blattdickichts. Höhlenbrütende Waldvogelarten fühlen sich im alten Buchenwald wohl, zeigen sich mir aber nicht. Exemplare der horstbrütenden Raubvögel geben sich auf ihren Ausflügen in das dem Wald benachbarte Offenland zu erkennen. Die offene Kulturlandschaft mit ihren Mäh- und Obstbaumwiesen, ihren Kleingärten und Rebhängen erreiche auch ich wieder, nachdem der Weg sich sanft hinab geschlängelt hat.

In Jonathan Droris Buch In 80 Bäumen um die Welt lese ich von den Buchen, die man suchen soll, vom Schutz, den die glatte, geschmeidige Rinde bei Gewittern bieten kann. Und ich lese von dem, was die Buche mit dem Schreiben verbindet. Buchenholz diente den Germanen für Schreibtafeln, in die Schriftrunen geritzt wurden. Die Begriffe für den Baum und das, was aus den Schreibtafeln entstand, näherten sich in der Sprache. Ich recherchiere weiter: das althochdeutsche buoh und das mittelhochdeutsche buoch waren Pluralformen, die wahrscheinlich für Runenzeichen, später allgemeiner für Schriftzeichen, Buchstaben und auch Schriftstücke standen. Ob das Buch wirklich verwandt ist mit der Buche, gilt als nicht gesichert. Die Brüder Grimm jedenfalls hielten in ihrem Deutschen Wörterbuch verwandschaftliche Bande für durchaus möglich. Ich werde daran denken, wenn ich das nächste Mal die Tüllinger Skulpturen umrunde.

(Jonathan Drori: In 80 Bäumen um die Welt. Illustrationen von Lucille Clerc. Laurence King Verlag, Berlin. 2.Aufl.2022)

Tüllinger Berg | Regierungspräsidium Freiburg https://share.google/LZAj34Zt0gc2lpTa5

Vierter Sonntag nach Ostern – Cantate

Im evangelischen Kirchenjahr ist am heutigen vierten Sonntag nach Ostern der Sonntag Cantate (das katholische Kirchenjahr zählt die Bezeichnungen der nachösterlichen Sonntage anders). Allen Sonntagen zwischen Ostern und Pfingsten gemein ist der Ausdruck der österlichen Freude.

Singt dem HERRN ein neues Lied, denn er hat Wunder getan – der erste Vers des Psalm 98 ist der Namensgeber und im Herrnhuter Losungsbüchlein dem heutigen Sonntag zugeordnet, wie auch der gesamte Psalm als vorgeschlagene Bibellese. Ich zitiere noch die Verse 4-9 (sämtlich nach der Elberfelder Übersetzung 2006):

Jauchzt dem HERRN, alle Welt! Seid fröhlich und jauchzt und spielt! Singt dem HERRN zur Zither, mit der Zither und der Stimme des Gesangs! Mit Trompeten und dem Schall des Horns jauchzt vor dem König, dem HERRN! Es brause das Meer und seine Fülle, die Welt und die darauf wohnen! Die Ströme sollen in die Hände klatschen, alle Berge zusammen sollen jubeln vor dem HERRN! Denn er kommt, die Erde zu richten. Er wird die Welt richten in Gerechtigkeit und die Völker in Geradheit.

(statt Gerechtigkeit haben Martin Buber und Franz Rosenzweig das Wort Wahrspruch gewählt in ihrer Übertragung des Textes)

(Foto: Claude’s Message am 1.Mai)

Tag der Badenden

Die Fondation Beyeler scheut sich nicht, ihr Areal immer wieder bespielen zu lassen, und das nicht nur am Familientag, auf dem Erzählteppich oder beim sommerlichen Sound Garden. „Leichter, freier und mit einem Hauch von Humor“ wünscht sie sich eine „neue Art des Sehens“ .  Der 1. Mai scheint geeignet für den „spielerischen Geist von Maurizio Cattelan“: Cezannes Badende sollen aus Rahmen und Zeiten heraustreten und die BesucherInnen in sie hinein oder so ähnlich, jedenfalls sollen sich Grenzen zwischen Exponaten und Betrachtenden verflüssigen.

Das muss ich doch unbedingt erleben, in der Rolle einer stillen Beobachterin, mein Museumspass gewährt mir ja nicht nur das erfreute Willkommen des Kontrolleurs (lilagetönte Brillengläser mustern und lächeln), sondern auch ohnehin und in jedem Outfit den ausgelobten freien Eintritt. Den nämlich sollen zudem jene erhalten, die die Ausstellung an diesem Tag in Badekleidung betreten. Was bedeutet, dass dem vollständigen Ineinanderfließen der Badeszenen doch Grenzen gesetzt sind, denn bar jeglicher Kleidung soll man nicht durch Räume und unter Bäumen flanieren. Petrus oder die Wettergötter sind von der Idee offenbar begeistert und unterstützen das Vorhaben kräftig. Und so gehen, sitzen, liegen, stehen tatsächlich Badeanzüge, Bikinis und Badeshorts, Adiletten, Strohhüte, Sonnenbrillen, Handtücher und Bademäntel (figur- und altersvariiert) zwischen Gemälden und Vollkleidungs-Gewändern (sportiv bis hochelegant) oder in den Grünrotbraunsymphonien des Parks, bewegen sich entspannt oder üben sich als Statuen.  

Im Park füge ich mich sitzend und lesend in die Szenerie ein, der Teich wirft sein Lichtspiel auf den Porphyr der Gebäudesäulen, europäischer Sprachenmix rieselt dezent als Hintergrundmusik, nur kurz fällt ein Bimmeln der Tram hinein, offenbar gibt es noch eine Welt da draußen, nah und  – mag sein – auch fern, denn durchs nicht nachlassende Himmelsblau ziehen unaufhörlich lange weiße Streifen, von winzigen silbrig glänzenden Punkten angeführt. Aber dort hinten, im Gartenpavillon, im Gegenlicht, mit wohlgefälligem Blick, ist das nicht Monsieur Cezanne? Inkognito?

(Cezanne. Fondation Beyeler, CH-Riehen, noch bis 25.Mai 2026)

Paraphrasen

Das Kunstmuseum Basel zeigt noch bis 23.August 2026 eine Ausstellung mit Werken der wegweisenden amerikanischen Malerin Helen Frankenthaler (1928-2011). Im achten von neun Ausstellungssälen im zweiten Stock des Neubaus finden sich die sogenannten Paraphrasen der 1980er Jahre. Helen Frankenthaler interagiert in dieser Zeit erneut stark mit verschiedensten Werken der Kunstgeschichte, z.B. mit japanischen Holzschnitten (For Hiroshige 1981, Sammlung Reinhard Ernst, Wiesbaden), aber auch mit Gemälden von Gustave Corbet, Édouard Manet und Claude Monet (Claude’s Message 1976). Sie kopiert die Vorlagen nicht, sondern transformiert sie in ihre eigene Bildsprache, sie knüpft an Vorbilder an, sucht und findet in der Auseinandersetzung den eigenen Ausdruck. Bereits ab 1956 hatte Frankenthaler Arbeiten geschaffen, die auf Begegnungen mit Werken aus unterschiedlichsten Zeiten, verschiedensten Stilen und Techniken reagierten, z.B. solchen von Tizian (Portrait of a Lady in White 1979) oder von Marie Laurencin; in Saal 3 (Hommage an die Malerei) zu sehen auch das 1960 entstandene Fabritius Bird (Helen Frankenthaler Foundation New York) samt der Vorlage in Form einer Postkarte: Der Distelfink des niederländischen Malers Carel Fabritius (1622-1654). Dabei erhält Frankenthaler Inspiration häufig durch Museumsbesuche, Reproduktionen von Gemälden pinnt sie an ihre Atelierwand, oft sind es Postkarten. Prägende Einflüsse haben über viele Jahre auch Reisen durch Europa, wo sie ebenfalls durch die Museen streift (durchs Kunstmuseum Basel 1974); in Vitrinen liegen Frankenthalers Museumsführer, in die sie Anmerkungen geschrieben hat (z.B. Louvre 1956). Schon mit Anfang zwanzig arbeitet Helen Frankenthaler im eigenen Atelier in Manhattan, mit dem Kunstkritiker Clement Greenberg, ihrem damaligen Lebenspartner, teilt sie die Passion, Galerien und Museen zu besuchen, und so startet auch die Ausstellung des Kunstmuseums Basel mit dem 1951 geschaffenen The Sightseers, deutscher Titel Die Ausstellungsbesuchenden, in das Frankenthaler mittenhinein schwarz ihren Vornamen gepinselt hat: Helen. Am 26.Oktober 1952 geschieht das, was in der Malerei wegweisend wurde: Frankenthaler erarbeitet mit vollkommen neuer Technik ihr Schlüsselwerk Mountains and Sea: sie schüttet stark verdünnte Farbe auf eine große, auf dem Boden ausgebreitete, ungrundierte Leinwand und bearbeitet diese von allen Seiten mit Pinseln, Bürsten, Schwämmen und anderem Werkzeug, die sogenannte Soak-Stain-Technik, bei der die Farbe ins Gewebe einzieht. Damit hat Frankenthaler ihren ganz eigenen Weg, ihre eigene Sprache gefunden. Im Basler Museum ist das Schlüsselwerk nur als kleine Reproduktion zu sehen, andere großformatige Werke aber lassen einen dem fließenden Leuchten der Farbflächen folgen.

Helen Frankenthaler: Porträt einer Pionierin der abstrakten Kunst https://share.google/Mo0oHuXOlhAZQciHT

Helen Frankenthaler: So ist die Ausstellung in Basel https://share.google/aedZwGFVq5Znqn759

Ricordi d’infanzia 2

O-Ton Reisetagebuch Osterferien 1975

(eigentlich war ich bereits 16 Jahre alt, der Ton klingt aber noch sehr nach infanzia)

Ich zitiere von Sonntag, den 23.III.’75:

Unser erstes Frühstück in der Küche der Casa Palma war sehr fein. Nachdem wir uns so gestärkt hatten, gingen wir zu Fuß in den bekannten Kurort Gardone Riviera…Wir spazierten durch schöne enge Gässchen, über einen schönen kleinen Platz und dann Lungolago, d.h. die herrliche Promenade am See entlang. Es ist gut, dass noch nicht so ein Betrieb ist wie im Sommer. Dann lernt man die Orte viel besser kennen, finde ich. Die Promenade ist, glaube ich, ganz auf den See gebaut, denn in bestimmten Abständen sind immer wieder Dohlen, durch die man das Wasser sieht. Durch diese Dohlen fischen auch die Einheimischen solch kleine silbrige Fische. Es sieht sich ungeheuer komisch an. Nach diesem Spaziergang gingen wir wieder in eines der kleinen Gässchen in das Ristorante des Hotel Nord. Hier wurden wir von einer Südtirolerin, die gut Deutsch sprach, freundlich bedient. Wir bestellten jeder ein Menu. Es war aber furchtbar viel, und D. und ich konnten nicht alles aufessen. Als Vorspeise aßen D. und ich Spaghetti, Mama und Papa Gemüsesuppe. Als Hauptgericht nahmen Papa, D. und ich Fleisch mit Kartoffeln, während Mama gebackene Forelle (auf Italienisch: trota) mit Kartoffeln aß. Dann folgte als Dessert Caramelpudding bzw. Obstsalat. Natürlich tranken D. und ich, wie immer in Italien, Aranciata. Oh je, waren wir satt nachher, und wir schworen uns, nie mehr ein ganzes Menu zu bestellen. Jetzt wanderten wir gemütlich wieder ‚heim‘. Hier suchten wir die Liegewiese, die im Prospekt angezeigt war. Nun, Liegewiese ist etwas übertrieben, es ist ein kleiner Platz mit mehr Steinen als Gras, aber mit einem schönen grünen Holztisch und dazugehöriger Bank, einem Sandplatz, zwei Umkleidekabinen, ein paar guten Bäumen, auf die man ein Stück weit hinaufklettern kann (besonders wichtig für D.!), und eben am See. Wir setzten uns gemütlich ein Weilchen auf die Bank, doch war es hier nicht sehr warm, weil trotz Sonnenschein ein ziemlich kalter Wind ging, was hier am Gardasee für diese Jahreszeit ungewöhnlich ist. Wir fassten einen Entschluss, über den ich mich sehr freute: wir beschlossen, nach Verona zu fahren. Um halb vier ungefähr machten wir uns auf den Weg, und auf der Autobahn waren wir ziemlich schnell in Verona angelangt. Wir fuhren in die herrliche alte Stadt hinein und parkten das Auto auf einen Platz vor der Kirche Sant‘ Anastasia. Nun gingen wir zu Fuß durch die alten Straßen und Gassen, es war wunderschön. Wie freute ich mich! Mama und ich konnten auch gut einer unserer Lieblingsbeschäftigungen nachgehen, nämlich: Leute beobachten! Unser Ziel war, die alte Arena von Verona zu sehen. Doch zuerst stärkten wir uns in einem Café an einer Piazza, die von schönen alten Häusern umstellt war, mit Cappuccino und Tee. …“

(NB.: der damals verschriftlichte Wunsch, zu einer Freilichtvorstellung im Sommer wiederzukommen, ist mir erhalten geblieben )

Ricordi d’infanzia

Im Kurs fragt die Nun-wieder-Italienisch-Lehrerin heute, welcher Sinn uns am ehesten in die Kindheit entführt. Kurze Antworten und kleine Geschichten der Teilnehmenden fallen ganz unterschiedlich aus, bei etlichen ist es ein bestimmter Geruch, bei anderen sind es visuelle Eindrücke, bei wieder anderen haptische, zum Beispiel das Gefühl von Sand am Strand, wenige haben auch bestimmte Stimmen im Ohr. Ich weiß nicht, ob das Thema der Woche die Sinne sind oder Kindheitserinnerungen oder beides zusammen (das gehört natürlich zusammen, wissen alle, die einen im Schreiben unterrichten), jedenfalls wird es vom 1.bis 3.Mai im Dreiländergarten ein „Festival der Sinne“ geben, mehr als 100 Kunsthandwerker, Gaukler, Marionettenspieler und Musiker werden dort auftreten oder ihre Stände aufbauen, teilt die Badische Zeitung mit. Die Kolumne Unterm Strich befasst sich heute mit dem Hörsinn und fragt, wie eine Rose klingt, beim Projekt „Re-Connecting with Nature“ könne man das am 21.Mai herausfinden, schreibt Alexander Dick, die Rose würde die Tasten eines Klavierflügels in Bewegung setzen – das wäre ja durchaus spannend zu hören (und auch zu sehen, oder?), wo soll die Performance denn stattfinden – ach, „in der Freien Waldorfschule zu Köln, am Weichselring“. So langsam frage ich mich, ob die Kolumnisten der BZ in hiesiger Gegend nicht genügend Anknüpfungspunkte für ihre Zeilen finden, ich werde das weiter verfolgen. Einstweilen bin ich froh, dass ich nicht die „ultraschallartigen Klickgeräusche“ von gestressten Pflanzen hören muss, das würde mich ja in eine Kümmer-Unruhe versetzen, dabei fällt mir ein: hören Fledermäuse die etwa und versuchen dann, die Pflanzen zu beruhigen? Im Italienisch-Kurs jedenfalls kommt mir wieder eine Stimme ins Ohr, eine warme, ruhige, schöne Stimme: es ist die eines Sprechers auf einer Märchenschallplatte „Nein, Herr, der Wagen nicht. Es ist ein Band von meinem Herzen, das da lag in großen Schmerzen, als Ihr in dem Brunnen saßt“ – der Frosch ist erlöst und wieder ein Königssohn mit schönen und freundlichen Augen, und jetzt müssen die drei eisernen Bande nicht mehr das Herz des treuen, traurigen Dieners vorm Zerspringen bewahren, sondern dürfen selbst aufspringen, eines nach dem anderen, das Herz ist nun auch erlöst und die Freude bricht sich Bahn.

(Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich, Kinder- und Hausmärchen KHM 1 der Brüder Grimm)

(Doris Dörrie: Leben-Schreiben-Atmen. Eine Einladung zum Schreiben. Diogenes-V. Zürich 2019, gelesen 2025)

(zu Märchen und Höreindrücken siehe auch Blogeinträge vom 28.Aug. und 19.Sept.2025)