…fragt der bayerische König Ludwig I. den Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe in einem Brief zu dessen 80.Geburtstag. Das wollen auch wir endlich wissen, vielmehr inwendig erfahren, denn wir kennen die Adresse seit 50 Jahren, sind aber bisher am Haus 18, Via del Corso, immer vorbei spaziert und haben lediglich verlangend an der Fassade hinauf -, aber nie in die Räume hinein oder aus ihnen heraus geschaut. Nun haben wir uns für den Besuch ausgerechnet den Tag der Festa della Repubblica ausgesucht, an dessen Morgen wir beim Bronzetor in den rechten Kolonnaden Karten für die päpstliche Generalaudienz in Empfang nehmen, bevor wir über den Ponte Sant’Angelo mit seinen wieder enthüllten Engeln, durch die Via dei Coronari zur Santa Maria del Anima, über die Piazza Navona zu San Luigi dei Francesi und weiter über die Piazza della Rotonda zur Piazza della Minerva laufen, wo wir unbedingt Berninis obelisktragenden Elefanten mit gebührenden Blicken würdigen wollen, hat er doch nicht nur seinen langen Rüssel zwischen den Stoßzähnen zur rechten Seite bis auf Höhe seines großen Ohres geschwungen, während der nicht kurze Schwanz dem linken Hinterbein anliegt, sondern steht auch gerne auf seinem Sockel, der uns mit Inschrift B auf Latein kundtut, dass es eines robusten Geistes bedarf, um eine solide Weisheit zu stützen, zu tragen, (empor-), (aufrecht-), (aus-) zu halten. Wir kauen diesen Gedanken, während wir kurz darauf in den Corso eintrudeln, wo sich von der Piazza Venezia her eine riesige Menschenmenge aufbaut, alle Köpfe in den Nacken, alle Augen Richtung Monumento Vittorio Emmanuele II, alle Handys zum römischen Himmel gehoben, wir folgen der Bewegung und all’improvviso zaubern die Frecce tricolori über uns die Streifen der Flagge, deren Auflösung in italienisch gefärbte Wolken uns besonders gefällt. Für unser Fortkommen wählen wir dann unbedingt ruhigere Gefilde und schlingern uns durch Gässchen, Gassen und Straßen, touchieren kurz die Theaterkulisse der Piazza Sant’Ignazio, sind auf der Piazza Colonna dem Palazzo Chigi und damit der italienischen Ministerpräsidentin, danach dem Palazzo Montecitorio mit der italienischen Abgeordnetenkammer nah, bevor wir vorbei am Palazzo Borghese in die Via di Ripetta einbiegen, die Ara Pacis Augustae in ihrem Glashaus wahrnehmen und das Mausoleum des Augustus sehen, das noch für Rundgänge hergerichtet wird, Ende 2026 sollen die Arbeiten abgeschlossen sein. Auf der neu und großzügig hell gestalteten Piazza Augusto Imperatore können wir die Menschen an einer Hand abzählen, bevor uns kurz darauf wieder das Gewusel des Corso umgibt, der hier seine letzten Meter zur Piazza del Popolo zurücklegt. Casa di Goethe verkündet weiße Schrift auf rotem Schild und wir treten durchs messingbeschlagene Holztor ins 1997 eröffnete „einzige deutsche Museum im Ausland“, steigen hinauf in den erhöhten ersten Stock und sind alleine mit Filippo Miller (oder Johann Philipp Möller) und seinen Maler-Gefährten in gut gekühlten Räumen, deren Terrakottafliesenboden man dem ursprünglichen nachempfunden hat, wie Tischbeins berühmtes Aquarell seines Mitbewohners beweist, und natürlich schauen auch wir durchs Fenster hinunter auf die Via della Fontanella. „Für mich ist es ein Glück daß Tischbein ein schönes Quartier hat, wo er noch mit einige Mahlern lebt. Ich wohne bey ihm und bin in ihre eingerichtete Haushaltung mit eingetreten, wodurch ich Ruh und häuslichen Frieden in einem fremden Lande genieße. Die Hausleute sind ein redliches altes Paar, die alles selbst machen und für uns wie Kinder sorgen….Wie wohl mir dies aufs Italiänische Wirtshausleben thut, fühlt nur der der es versucht hat. Das Haus liegt am Corso, keine dreihundert Schritte von der Porta del Popolo“ schreibt Goethe am 31.November 1786 in seinem ersten Brief aus Rom an die Weimarer Freunde. Alleine mit Möller-Goethe und den Maler-Gefährten, haben wir gesagt? Und was ist dann mit dem verfluchten zweiten Küßen (Kissen), von dem Johann Heinrich Wilhelm Tischbein uns in Federzeichnung und Handschrift erzählt? Mit den ungelenken Zeilen einer unbekannten Römerin, die von Filippo Miller etwas wissen will? Wir schauen in der stanza di Goethe in den Spiegel, der errötend dreisprachig verrät: questo è ciò che vedeva Goethe quando si sveglia – dies sah Goethe, als er aufwachte – this is what… – wir aber sehen lediglich dunkle Schlieren in der Maserung der Holzkassettendecke.

Roberto Zapperi: Römische Spuren. Goethe und sein Italien. Verlag C.H. Beck, München 2007
Gustav Seibt: Ein Sommer mit Goethe. Verlag C.H. Beck, München 2026
Hanns-Josef Ortheil: Faustinas Küsse. Roman. btb 4.Aufl.2000, copyright 1998 by Luchterhand-V., München
Johann Wolfgang Goethe: Tagebuch der Italienischen Reise 1786, hrsg. u. erläutert von Christoph Michel, insel taschenbuch 176, Insel-V., Frankfurt a.M. 1.Aufl.1976
Johann Wolfgang Goethe: Italienische Reise. Mit vierzig Zeichnungen des Autors. I. Band. Hrsg. u. mit einem Nachwort versehen von Christoph Michel, insel taschenbuch 175. Insel-V., Frankfurt a.M. 1.Aufl.1976












