Brief an eine Gräfin

(Text vom Juni 2024, überarbeitet)

Liebe Sophie Josephine Ernestine Friederike Wilhelmine Gräfin von Hatzfeldt-Wildenburg-Schönstein, geborene von Hatzfeldt-Schönstein zu Trachenberg,

darf ich überhaupt so beginnen oder muss ich Sie mit erlauchteste Gräfin von etc.pp. anreden? Ich kenne mich in diesen Dingen nicht so aus. Da Sie, liebe Sophie Friederike (die beiden Ihrer zahlreichen Namen gefallen mir am besten!), aber auch „die Rote Gräfin“ und „Mutter der Sozialdemokratie“ genannt wurden, denke ich, die Anrede „liebe“ ist mir gestattet.

Wissen Sie, wie ich von Ihrer Geschichte erfuhr? Ich stand einmal beim Bankrondell vor den Marktstuben der Stadt an der Sieg, neben deren Gemarkung das Schloss Ihrer Leiden liegt! Dort hörte ich erstmals von Ihnen und davon, dass Ferdinand Lassalle Ihr Rechts- und Lebensbeistand wurde. Während Ihres Scheidungsprozesses hatte er in eben jener Marktschänke eine Nacht verbracht (vielleicht war es aber auch schräg gegenüber in der alten Posthalterei – können Sie sich daran erinnern? – die Stadthistoriker sind sich nämlich nicht so ganz sicher). Lassalle jedenfalls hat sich jahrelang um Sie und Ihre Rechte gekümmert, ein „chevalereskes Eintreten für eine unglückliche Frau“ hat Alexander von Humboldt das einmal genannt.

Sie wiederum haben sich nach Ihrer „Befreiung“ um den 20 Jahre jüngeren Lassalle gekümmert, Sie begleiteten ihn auf Reisen nach Italien (dort trafen Sie auch Garibaldi – das stelle ich mir spannend vor!), lebten mit Ferdinand in einer WG in Düsseldorf und unterstützten, wo Sie nur konnten, seine sozialpolitischen Aktivitäten. Dumm nur, dass Sie als Frau dem von ihm initiierten Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein nicht beitreten durften! Aber Sie standen Ferdinand dabei auf andere Weise zur Seite, wie Sie es auch zuvor schon taten, als Ihre Düsseldorfer Wohnung während der Märzrevolution zur Anlaufstelle wurde für Verfechter der demokratischen Sache und für politisch Verfolgte.

Ihr Scheidungsprozess hatte während der 1840/50er- Jahre in den Kreisen von Hatzfeld-Wildenburg-Schönstein und weit darüber hinaus, ja sogar in den gesamten deutschen Landen hohe Wellen geschlagen, denn, liebe Sophie Friederike, man wollte nicht zulassen, dass Sie aufbegehrten und als Frau eine eigenständige Persönlichkeit mit eigenen Rechten zu sein wünschten. Das gehörte sich einfach nicht, obwohl doch Ihr Mann und Cousin Edmund von Hatzfeldt-Wildenburg-Schönstein, den Sie als 17-Jährige hatten heiraten müssen, Ihnen weder Anerkennung noch Rücksicht zuteilwerden ließ, sondern Sie schikanierte, betrog und tätlich anging.

Wie gut, dass Graf Keyserlingk Ihnen 1846 Ferdinand Lassalle vorstellte! Er übernahm Ihren Scheidungsprozess, verband ihn geschickt mit seinem eigenen Kampf gegen soziale Unterdrückung und setzte sich auch für die Bauern ein, die wie Sie unter dem Grafen, Ihrem Ehemann, litten. Was müssen das für aufreibende Jahre gewesen sein – sage und schreibe acht Jahre vor Dutzenden rheinischen Gerichten! Schließlich und endlich hat Lassalle Ihnen Freiheit und finanzielles Auskommen gesichert und sich selbst den Weg zum sozialpolitischen Engagement gebahnt, auf dem Sie ihm fortan mit Rat und Tat zur Seite standen.

Als Ihr Rechts- und Lebensbeistand 1864 in Genf an den Folgen eines Duells starb, wollten Sie sein ideelles Erbe übernehmen und beabsichtigten einen Triumphzug seines Leichnams durch die Städte des früheren Wirkens. Dass Ferdinands sterbliche Überreste von Düsseldorf aus auf einem Dampfboot über den Rhein nach Köln einziehen konnten, wie es Ihnen vorschwebte, vereitelte seine Mutter mit polizeilicher Hilfe, jedoch waren Ihnen zuvor in Frankfurt am Main und in Mainz spektakuläre Totenfeiern gelungen.

Leider lehnten in den folgenden Jahren frauenfeindliche Arbeiterfunktionäre Ihr mutiges Engagement ab und so misslangen Ihre Versuche, in der Arbeiterbewegung gestaltend mitzuwirken. 1881 kam auch Ihr Leben in einem Wiesbadener Hotel zu einem Ende. Neben Lassalles großem Namen wünschten Sie Ihrem Namen einen bescheidenen Platz als dem „seines besten und einzigen Freundes“ . Ich bin mir aber nicht sicher, ob Ihnen je eine gleichberechtigte Würdigung zuteilwurde.

Vergessen jedoch sind Sie nicht, das wollte ich Ihnen schreiben! Ihre Geschichte wird erzählt in der Stadt an der Sieg – und beim Schloss Kalkum, in dem Sie zeitweise lebten, erinnert eine Plakette an Sie und eine Gedenkstätte an Lassalle.  Auch wurde 1999 eine Dissertation über Ihren Scheidungsprozess verfasst und mir kam zu Ohren, dass Ihr Leben in mehreren Schriftzeugnissen aufgehoben ist. Sogar, liebe Sophie Friederike, inspirierte es 2019 einen Roman! Er trägt den Titel „Die unerlässliche Bedingung des Glücks“.

Damit schließe ich und grüße Sie herzlich,

Ihre …

(Foto: Schloss Schönstein 21.März 2026)

Quellenangabe:

Stadtführung Wissen „Bauwerke, Menschen und Geschichten“

Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/sophie-von-hatzfeldt

Wikipedia-Artikel „Sophie von Hatzfeldt, deutsche Sozialistin“(darin auch die Literaturangaben, z.B. Renate Feyl „Die unerlässliche Bedingung des Glücks“, Kiepenheuer&Witsch, Köln 2019)

(Sophie Josephine Ernestine Friederike Wilhelmine Gräfin von Hatzfeld-Wildenburg-Schönstein, geb.10.August 1805 in Trachenberg, gest. 25.Januar 1881 in Wiesbaden)

Der Büroaufsteller

will in seinen letzten Zügen noch einmal ausgiebig gewürdigt werden, und ich kann mich freuen, dass Guglielmo Ciardi heute, am 26.03.26 um 8:46 Uhr meinen Blick weg vom Monitor nach Venedig lenkt, ins Licht der Lagune, das mild mit der ruhigen Wasserfläche und den bewegteren Wolken spielt, die dennoch die Szenerie nicht bedrängen oder gar bedrohen. Alles ist friedlich und an seinem Platz, die Beiden im Boot sind ihre Handgriffe gewohnt und so aufeinander eingestimmt, dass es kaum der Worte bedarf .

Guglielmo Ciardi ist in Venedig geboren und auch dort gestorben, die Angaben der Daten schwanken etwas im Netz , aber 1842 bis 1917 stimmt wohl. Ab 1874 war Ciardi in Venedig tätig, auch als Professor der Accademia di Belle Arti. Er gilt als Hauptmeister der venezianischen Freilichtmalerei. Das auf dem Büroaufsteller abgebildete Gemälde stammt aus einer Privatsammlung.

Tüllinger Tulpen oder Frühlingsfreuden 6

Eine Besonderheit am Hügel sind die Wildtulpen, auch Weinberg-Tulpen genannt, womit schon klar ist, warum sie sich am Tüllinger wohl fühlen. Tulipa sylvestris liebt ein Leben zwischen den Reben, in Streuobstwiesen, auf kalk- und lehmhaltigen Böden. Im Sonnenlicht breitet sie dezent duftend ihr zipfliges Perigon aus und lockt Insekten an. Unter der Erde hat sie ihr Überdauerungsorgan, die Zwiebel, versteckt, während ihre Laubblätter schlank, glatt und spitz den Stiel begleiten. Man munkelt, die Römer brachten sie mit, auf jeden Fall aber stammt sie, wie die anderen raren Schönen des Hügels, Dolden-Milchstern, Trauben-Hyazinthe und Weinberg-Lauch, aus dem Mittelmeerraum. Sie ist geschützt und die Weinbauern nehmen Rücksicht, sie warten mit dem Grasschnitt, bis die Tulpe ihr kurzes Leben wieder zurückzieht, meist strahlen die Blütensterne nur zwei Wochen. Dieses Jahr neigen die gelben Grazien schon früh ihre länglichen Köpfchen dem Licht des Südens entgegen.

Tüllinger Tulpen

wagen das kurze Leben.

Gelber Frühlingsrausch.

(Fotos vom 23.März 2026)

Gespräch mit einer Kapelle III

(St.Sebastianus-Kapelle auf dem Heister, 21.März 2026)

(Gespräch mit einer Kapelle I und II siehe Blogeintrag vom 11.Oktober 2025)

Ich steige hinauf zu dir, Kapelle, ich sehe dich wieder.

Zwischen deinen Baumgesellen duckst du dich in die Mulde, mit dem Rot der Vordachpfosten und dem Weiß deiner Fachwerkwände greifst du das Rund der Schilder auf, die jenen den Weg Richtung Schönstein wehren, die nicht zu Fuß gehen.

Mich aber lässt du näher kommen, ich stehe auf dem Grasteppich, der dem trockenen Braun des Herbstlaubs ein Frühjahrsgrün entgegenhält, dann laufe ich dir entgegen, rechts verkündet eine Bronzetafel auf bemoostem Stein, wem dein Patronat gilt.

Du bist still heute, Kapelle. Hast du deiner großen Schwester den Vortritt gelassen? Oder blickst du auf die Baumgesellen und erinnerst dich an den Buchenwald, der dich vor Zeiten umgab, la hêtre, es ist die Buche, die dem Heister den Namen gab.

Von deiner Schwester bin ich zu dir gekommen, wie es die Brandprozession tat beim großen Feuer im Jahr 1788, und wie dich nun immer aufs Neue die Prozession zu St. Johanni erreicht und die zur Feier des Fronleichnamtages.

Dann beten auch deine Baumgesellen mit, lassen ihre Blätter murmeln und singen, heute aber schweigen sie, horchen dem Klang nach, der endlich die Schwester wieder erfüllte, ehrfürchtig fächern sie die kahlen Äste auf und halten sie dem Himmel entgegen,

dein Schieferdach jedoch, Kapelle, und der Glockenturm schicken ihre Bewegung gegenläufig hinauf, sie verjüngen sich Richtung der Wolkenformationen, die schon den Abend einläuten, die Glocke aber bleibt still und ich kann ihre Inschrift nur ahnen:

Campanae sonitu, Jesu, depellito nubes atque atri caeli fulgura grando migrent, Durch den Klang der Glocke vertreibe, Jesu, die Wolken, und die Blitze des schwarzen Himmels und das Hagelwetter sollen wegziehen.

Der Himmel hat auch das Schweigen der Glocke erhört, das Schwarz lässt er dem Schiefer und den Eichenbalken, an denen hoch über Schönstein ein hölzerner Christus seine Passion vollendet und das schmerzerfüllte Gesicht unter die Dornenkrone und das INRI fügt.

Du hältst ihn über die Weite der Landschaft, Kapelle, und ich nehme seine Geschichte mit, als ich dein Sechseck verlasse und meinen Fußweg fortsetze hinab zur Stelle, wo der Elbbach willig sein Wasser der Sieg schenkt.

(Quellenangabe: www.schuetzenbruderschaft-schoenstein.de und Flyer der St.Sebastianus- Heisterkapelle zu Schönstein/Sieg „Droben stehet die Kapelle, schauet still ins Tal hinab…“)

Frühlingsduft

Sie dachte, dass man die Fragen waschen sollte. In eine Waschlauge tunken, auswringen und schließlich zum Trocknen aufhängen. Sie stellte sich vor, wie frisch sie dann wären. Und wie hell. Befreit vom Schmutz der Verlegenheiten, der Unsicherheiten, des „Me too“ oder des „We cannot“. Frischgewaschene Fragen würden strahlend an der Leine hängen und im Frühlingswind flattern, eine lange Reihe von Wäschestücken, große wie kleine, leise knatternd im Luftzug über dem jungen Grün aufkeimenden Grases. Nähme man sie dann von der Leine, könnte man mühelos die Antworten hinein falten, betört vom Frühlingsduft, der sich in ihnen verfangen hätte.

Und der Büroaufsteller in seinen letzten Tagen hat auch den Frühlingsduft eingefangen: Carl Larsson (1853-1919) hat 1914 seine Tochter mit den Apfelblüten aquarelliert:

Fünfter Sonntag der Passionszeit – Judica

Der Sonntag Judica leitet zwei Wochen vor Ostern die eigentliche Passion ein, der Name entstammt dem ersten Wort des Eingangspsalms „Judica me, Deus..“, (Psalm 43,1) ein Ruf nach Gerechtigkeit. „Schaffe mir Recht, Gott, und führe meinen Rechtsstreit…“, übersetzt die Elberfelder Übersetzung. Im Herrnhuter Losungsbüchlein ist der Psalm 43 auch als heutige Bibellese angegeben. In der Vertonung von Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809-1847) habe ich ihn schon gesungen. Es ist ein kurzer Psalm mit fünf Versen, ich zitiere noch ein paar Zeilen daraus:

Sende dein Licht und deine Wahrheit, sie sollen mich leiten, mich bringen zu deinem heiligen Berg und zu deinen Wohnungen. So werde ich kommen zum Altar Gottes, zum Gott meiner Jubelfreude. …Was bist du so aufgelöst, meine Seele, und was stöhnst du in mir? Harre auf Gott, denn ich werde ihn noch preisen, das Heil meines Angesichts und meinen Gott.

Sacra Conversazione

ist der Titel eines Gemäldes von Giovanni Bellini (um 1437-1516) in der Chiesa di San Francesco della Vigna in Venedig. Leider habe ich es noch nicht vor Ort original gesehen, aber das kann ja noch werden. In der zweiten Franziskanerkirche in Venedig, der Frari-Kirche, durfte ich aber schon einmal singen. Vom Gemälde besitze ich eine Postkarte, eine Verwandte schickte sie im Dezember 2023, und in so manchem Buch dient sie mir als Lesezeichen. Der Hl.Josef ist nicht dargestellt, aber die Madonna con il Bambino ist im Gespräch mit dem pfeildurchbohrten Hl.Sebastian, mit Johannes, dem Täufer, der eine Schriftrolle in der linken Hand hält, mit Franziskus von Assisi, mit dem Hl.Hieronymus samt aufgeschlagenem Buch und mit dem Stifter.

(Foto: Glättung von Kellerfunden, damit man sie bald aufhängen kann)

Kirschblüten oder Frühlingsfreuden 5

Es kann sein, dass man durch seine Stadt radelt.

Es kann sein, dass man durch seine Stadt auf einem Weg radelt.

Es kann sein, dass man durch seine Stadt auf einem Weg neben der S-Bahn-Linie radelt.

Es kann sein, dass man durch seine Stadt auf einem Weg neben der S-Bahn-Linie radelt, den man lange nicht geradelt ist.

Es kann sein, dass man durch seine Stadt auf einem Weg neben der S-Bahn-Linie radelt, auf dem man lange nicht geradelt ist und dabei Neuentdeckungen macht.

Es kann sein, dass man durch seine Stadt auf einem Weg radelt, den man lange nicht geradelt ist und dabei Neuentdeckungen macht, die dem Frühling geschuldet sind.

Dem Frühling der Blüten.

Dem Frühling der Blüten im Hinterhof.

Dem Frühling der Blüten im Hinterhof bei den Autoabstellplätzen.

Frühlingsdrang.

Wolken von Rosa,

am Mittag kein Ostwind mehr.

Frühlingssinfonie.

Römische Freuden 14

(Römische Freuden 1-13 siehe Blogeinträge vom 20.,21,.27.,30.Jan.,3.,6.,11.,16.,19.,24.,27.Febr.,3.,11.März)

…, und bei all dem hatte sie immer gedacht, wie gütig mich unser Gott geführt hat, dass ich hierher und nicht dorthin gekommen bin, dass sie Haustochter geworden war und in der Küche und bei der Essensausgabe gearbeitet hatte, dass ihr auf der Terrasse des Diakonissenhauses oder bei den Gängen durch die Stadt über den Dächern die imponierende Kuppel der Peterskirche in den Blick gerückt war,

und dass sie nun als Krönung die römischen Freuden hatte teilen können mit den Eltern, die Plätze, die Straßen, die Brunnen, die Museen und Menschen, wie eine große Familie hatten sich alle vereint, die Südtirolerin Maria und die Mutter, der Theologiedoktorand und der Vater, die Schwester des Doktoranden und sie, dazu ein Klassenkamerad, der auch noch gekommen war,

gemeinsam waren sie, umarmt von den Kolonnaden, über die Weite des Petersplatzes geschritten, auch die strenge Schwester R. hatte sie begleitet, und die Luft war schon so frühlingshaft warm gewesen, dass die große Diakonisse ihren Mantel locker über dem Arm und die Haustochter den langen hellen Kapuzentrenchcoat offen getragen hatte,

und beim Brunnen auf dem Petersplatz war ihr wieder C.F. Meyers Gedicht vom Römischen Brunnen eingefallen, das aber einem anderen Brunnen galt, einem in der Villa Borghese, „Aufsteigt der Strahl und fallend gießt/ Er voll der Marmorschale Rund…“, Meyer hatte über Jahrzehnte immer wieder „verdichtend“ daran gearbeitet, und einen Schluss vollendet, den sie liebte „Und jede nimmt und gibt zugleich/ Und strömt und ruht“,

aber sie hatten nicht nur die Gräber der Apostelfürsten besucht, sondern die Eltern waren auch mit ihr über die Piazza del Popolo hinauf zum Pincio gestiegen, den Weg gegangen zu der anderen deutschen Insel, zur Kirche in der Via Sicilia und sie hatten den Brunnen mit der auffällig großen Schale gesehen, der gegenüber der Villa Medici unter den Bäumen stand und zu kurzem Innehalten einlud,

wie sie überhaupt alles erfasst hatten, was ihr vertraut und wichtig geworden war, die Exemplare der „Gartenlaube“, die sie in einem Stauraum im Haupttreppenhaus gefunden und verschlungen hatte, die Begegnungen mit den Übriggebliebenen auf dem Stockwerk des Altenheims, mit dem 80-jährigen Fräulein, das einst Gouvernante von Diplomatenkindern gewesen war,

mit dem schittrigen Herrn K., für den sie immer am Kiosk Jerry Cotton-Hefte hatte kaufen müssen und der in Gesprächen die Trauer um seine Frau genauso umkreiste wie schwierige geheimdienstliche Missionen, in denen er unterwegs gewesen zu sein glaubte, so dass sich in seinen Geschichten die Grenze zwischen Realität und Fantasie verflüssigte,

schließlich aber war die Zeit im Diakonissenheim an ihr Ende gekommen, sie hatte Flöten, Noten, Reiseführer und Rilke-Ausgabe wieder in den Koffer gepackt, obwohl ein Abschied von den römischen Freuden kaum vorstellbar war, denn „der Abschied von Rom ist schmerzlich und ein Aufreißen der Seele. Er stellt einem alles Ungenügen des irdischen Zustandes vor Augen“,

das hatte schon Werner Bergengrün gewusst, dessen „Römisches Erinnerungsbuch“ ihr die Mutter zum Trost gereicht hatte auf der gemeinsamen Zugrückreise, auf der sie sich des Weinens nicht schämte, denn das Weinen gehörte zur Gewalt der Trauer, die sie erfasst hatte, und durch die Tränen hindurch hatte sie zu lesen begonnen,

und sich wiedergefunden in Sätzen wie „Dies Zurückbleibende ist mehr als eine Summe vom Gedächtnis aufbewahrter Dinge: es ist ein neuer, freilich in der Anlage vorbegründeter Bestandteil unser selbst“ , und auch mit Eindruck und Wunsch am Schluss des Buches hatte sie sich einverstanden erklärt: „Deutlicher als an jedem anderen Ort spürst du in Rom, dass etwas vom Pilger in uns allen steckt. Möchtest du auch spüren, dass jedem Pilger die Heimkehr verheißen ist“,

und sie hatte sich nie trennen können von allem, was sie während der römischen Freuden in Händen und Herz gehalten, aufgeschrieben und in Fotonotizen festgehalten hatte, sondern die Dinge aufbewahrt, und wenn sie nun, Jahrzehnte später, im Frühlingsmonat März das Römische Erinnerungsbuch aufschlägt, fällt ihr die Postkarte entgegen,

die den Altare della Cattedra di San Pietro con la ‘Gloria’ del Bernini aus dem Petersdom zeigt, und auf der die Mutter am 5.März 1978 mit blauer Tinte an ihr „geliebtes Kind“ geschrieben hatte: „Roma-Mönchweiler im Zug. Rom liegt hinter Dir. Rom, die Stadt, die alles in sich birgt und irgendwie miteinander verbindet: Vergangenes und Zukünftiges. Gott mit Dir und Mut.“

(Fine)

(die kursiv gesetzten Wendungen finden sich auch – an unterschiedlichen Stellen und ggf. in grammatikalisch gering anderer Form –  in Friedrich Christian Delius „Bildnis der Mutter als junge Frau“, Rowohlt TB-Verlag, 3.Aufl.2010)

(die Lektüre-Zitate stammen aus Werner Bergengrün: Römisches Erinnerungsbuch. Mit 16 Piranesi-Stichen. Herderbücherei Band 509. Herder-V. Freiburg-Basel-Wien 2.Aufl.1976)

(Engelbert Kirschbaum SJ: Die Gräber der Apostelfürsten. St.Peter und St.Paul in Rom. Societäts-V. Frankfurt/Main. 3.Aufl.1974, schenkte die Mutter dem Vater am 8.März 1978 „zur Vertiefung des gemeinsam Erlebten“)