Fünfter Sonntag nach Ostern – Rogate

Betet! – lautet der Imperativ des heutigen Sonntags und als Wochenspruch ist ihm im Herrnhuter Losungsbüchlein ein Psalmvers zugeordnet: Gepriesen sei Gott, der nicht verworfen hat mein Gebet noch seine Gnade von mir zurückzieht. (Ps.66,20)

Die Kantate, die Johann Sebastian Bach (1685-1750) für Rogate komponierte, basiert auf der Perikope des 5.Sonntags nach Ostern: Vers 23 aus dem 16.Kapitel des Johannesevangeliums: Und an jenem Tag werdet ihr mich nichts fragen. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Was ihr den Vater bitten werdet in meinem Namen, wird er euch geben. (BWV 086; uraufgeführt am 14.Mai 1724)

Der Psalm 95 ist gemäß Herrnhuter Losungsbüchlein die heutige Bibellese. Ich zitiere daraus noch die Verse 1 bis 6:

Kommt, lasst uns dem HERRN zujubeln, lasst uns zujauchzen dem Fels unseres Heils! Lasst uns vor sein Angesicht treten mit Dank! Lasst uns mit Psalmen ihm zujauchzen! Denn ein großer Gott ist der HERR, ein großer König über alle Götter. In seiner Hand sind die Tiefen der Erde, und die Höhen der Berge sind auch sein. Sein ist das Meer; er hat es ja gemacht, und das Trockene, seine Hände haben es gebildet. Kommt, lasst uns anbeten und uns neigen, lasst uns niederknien vor dem HERRN, der uns gemacht hat.

(alle Zitate nach der Elberfelder Übersetzung 2006)

Fußball- und Glaubensbegeisterung

Der 9.Mai ist der Tag, der das Ende des Zweiten Weltkriegs feiert, in der Europäischen Union ist er als Europatag bekannt, in Erinnerung an die Rede des französischen Außenministers Robert Schuman (Schuman-Erklärung 1950) soll er Frieden und Freiheit in Europa feierlich würdigen. In hiesiger Region feiern die Fans seit Donnerstagabend allerdings vor allem einen anderen „historischen Erfolg“: den Einzug des SC Freiburg ins Finale des Europapokals. Hat der französische Staatspräsident Emmanuel Macron vor wenigen Tagen beim Staatsbankett in der armenischen Hauptstadt Jerewan La Bohème vom französisch-armenischen Doppelbürger Charles Aznavour gesungen, um die Beziehung des armenischen Landes zur EU zu stärken, so singt – wenn man den Bildern und Tönen der diversen Medien Glauben schenkt – ganz Freiburg seit Donnerstagabend immer wieder neu entstandene Songs der Begeisterung: „ Wir fahren über die Alpen, nach Baku ans Kaspische Meer, nach London über den Kanal, denn Freiburg spielt international“. Jedenfalls gibt es nach dem Schlusspfiff kein Halten mehr, Scharen von Fans in weißen Oberteilen stürmen auf den Platz und in die Arme ihrer Spieler. „Kollektive Glückseligkeit“ titelt die Badische Zeitung heute auf der Dritten Seite und benutzt dabei eindeutig religiöses, ja biblisches Vokabular. Makarios – glückselig, gesegnet, das Wort im Sinne eines tiefen, umfassenden, von Gott herrührenden Glücks ist bekannt aus den Seligpreisungen der Bergpredigt. Und es lohnt, einmal im fünften Kapitel des Matthäusevangeliums nachzulesen, wer da glückselig gepriesen wird und warum. Aber lassen wir einmal den im Vers 12 erwähnten „Lohn in den Himmeln“ weg (m.E. zu oft sehr falsch verstanden) und bleiben bei dem „freut euch und jubelt“ im selben Vers. Anscheinend fällt dieses Freuen und Jubeln ja den Fußballfans leicht, ungebremst brechen sich Emotionen Bahn und knüpfen auch ein Band der Verbundenheit mit allen möglichen anderen Menschen, auch wildfremden – Hauptsache, sie jubeln für denselben Club. Warum fällt ein solches Freuen und Jubeln in anderen Zusammenhängen so schwer? Zum Beispiel auch in Zusammenhängen des Glaubens? Die Psalmdichter konnten es noch gut. Aber sie konnten auch ganz andere Sachen, weinen nämlich und schreien, heftig klagen, um Befreiung aus Ängsten und Bedrängnissen flehen. Wie wunderbar! Beides! Kollektive Begeisterungsstürme wecken in mir nämlich immer auch die kritische Vorsicht, gerade auch in religiösen Zusammenhängen, zu schnell sind manipulative Mächte am Wirken. Dabei be-geist-ere ich mich liebend gerne oder lasse mich be-geist-ern, von und in der Musik, beim Singen, in und durch Sprache, beim Lesen und Schreiben, in und von der Natur (ohne in allem Genannten besondere Kenntnisse zu haben) –  ja auch von der Begeisterung anderer für mir zunächst unbekannte oder fremde Dinge werde ich angesteckt. In der Schönheit sprachlicher Wendungen, im unfassbaren Geschehen der Musik, im sonnenberührten Reblaub tönt für mich eine Ahnung des makarios-Zustandes durch, erfahre ich eine re-ligio. Dann juble ich, oft im Stillen, oder ich sage (stumm): schau mal, Gott, oder hör mal – ja, tatsächlich ist das meist meine Art Gebet, mehr ein ständiges oder immer wieder fortgesetztes Gespräch oder Erzählen. Es war nie weg, seit meiner Kindheit. Und beinhaltet auch die anderen Dinge, die die Psalmdichter in Worte fassen konnten. Die Fragen, Zweifel, Ungereimtheiten, Ängste, Traurigkeiten. Auf jeden Fall aber Wahrhaftigkeit, so gut wie möglich.

Und jetzt? Kümmern wir uns um Europa? Die mit der weiten Sicht oder aber die Breitgesichtige? Die der als Stier auftretende Zeus schwimmend nach Kreta entführte? Oder schließen wir uns denen an, die Europa von erebu  bzw. arab = untergehen ableiten – wohlgemerkt bezogen auf die Sonne?

Nein, wir wünschen dem SC Freiburg einen hymnischen Einzug ins Europapokal-Finale und empfehlen sehr, ein Gespräch (nach) zu hören über „Glück und Gnade des Schreibens. Zur Begegnung des Menschen mit seiner Sprache“, s.Link. (u.a. ein Bischof ohne fixfertige Lösung zum Begriff Ewigkeit, großartig!)

Glück und Gnade – Ein Gespräch über Schreiben und Inspiration (SWR Kultur)

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Kleine Metamorphosen

Nicht nur schließt die kleine, nahe, inhabergeführte Buchhandlung in wenigen Wochen (was geschieht mit dem Raum?), auch bei der kleinen, wenige Minuten hügelab liegenden Bäckerei konnte man eine ganze Weile nicht die drei Stufen hinauf und durch die Eingangstür treten. Zwar saß der betagte Bäcker häufig wie eh und je auf seiner Bank vor der grünen Fassade mit den weißen Schlagläden und winkte Vorbeiradelnden freundlich zu, aber auf der schwarzen Gehwegtafel fehlte die lockende Kreideschrift. Nun aber soll wieder Leben eingezogen sein, und da kleine Gartenhelfer auch einmal eine Pause, auf jeden Fall aber eine große Stärkung benötigen, machen wir uns auf den Weg. Und landen  – in Italien, genauer gesagt, in Sizilien. Sogar der Boden erinnert an Italien, das äußert genauso ein groß gewordener Jemand, der seine Augen weg von der Auslage und hinunter auf die Rauten der Terracotta- Fliesen gerichtet hat. Nicht nur der Boden, auch die durch den Laden tönende Musik spricht die passende Sprache. Was heißt, dass wir die kleine italienische Insel nicht verlassen können, ohne ein paar Stücke Sizilien mit uns zu führen. In den Tüten landen ein Cannolo und zwei Arancini, Kugel- und Kegelform sind vertreten. Ich hab‘ eine Idee, sagt die nonna, wir spielen Strand.- Jaaa, ich maak das heute machen, ist der Nicht-mehr-Purzel begeistert, angesichts der Umgebung des Rückwegs aber plötzlich verunsichert: wie geht das? – Na, wir setzen uns in den Strandkorb, essen dort und rufen laut „Schau mal, da vorne ist das Meer!“ – Eifriges Nicken des kleinen Gartenhelfers, dann doch noch leichter Zweifel: Das musst du aber auch machen, nonna!  Aber klar, sagt die nonna, ich mach‘ das!

Und später springen nicht nur Bälle, sondern auch ein paar Dreizeiler zur Auswahl vorbei:

I

Gartengehilfen.

Eidechsen im Sonnenlicht.

Kurz Lavendelduft.

II

Die Eidechse flieht.

Auf Steinen weilen Winden.

Kurz Lavendelduft.

III

Kurz Lavendelduft.

Eidechsen huschen vorbei.

Winden wurzeln tief.

IV

Eidechsen huschen.

Winden wuchern sonnenwärts.

Wohin wächst der Wind?

V

Den Mauerspalten

vertrauen die Eidechsen.

Husch, husch, verschwunden.

Vom schneeweißen Marmor und anderen Weltmaterialien

Uiuiuiiii – ist das ein Feuerwerk an Wissen, Ideen und Gedanken, das die 1980 geborene Schriftstellerin und Buchgestalterin Judith Schalansky am Abend des 6.Mai im Basler Literaturhaus zündet! Leider habe ich bisher von ihr, die auch Mitherausgeberin der wunderbaren Reihe Naturkunden (Matthes & Seitz-V.,Berlin) ist, noch nie etwas gelesen. Als ich aber in den letzten Tagen über ihr neues Werk Marmor, Quecksilber, Nebel las und sah, dass sie kurz darauf im Literaturhaus Basel zu Gast sein würde, wusste ich sofort: ich muss dahin. Aus Texten und Textfragmenten für die Frankfurter Poetik-Vorlesung (2025 Judith Schalansky: Marmor, Quecksilber, Nebel. Woraus die Welt gemacht ist) ist das Buch entstanden und auch von der Autorin selbst gestaltet worden. Woraus die Welt gemacht ist, diesem nicht gerade klein zu nennenden Thema stellt sich die Autorin mit all ihrem Einfallsreichtum, ihrem großen Hintergrundwissen, ihren fleißigen und akribischen Recherchen, ihren „Gedankengirlanden“, ihrem Sprachwitz und Humor. Judith Schalansky sei eine der geistreichsten Erscheinungen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, meint der Literaturkritiker, Übersetzer und Journalist Denis Scheck. Jedenfalls erfährt man in Basel ungeheuer geistsprühend nicht nur, woraus die Welt, sondern auch woraus und wie Schalanskys Texte gemacht sind. Die unerwartet berührende Begegnung mit einem Block aus Thassos-Marmor, berühmt für ein Weiß von frischgefallenem Schnee, ist die Initialzündung für das Triptychon der Texte, welche Buchbesprechungen mit windungsreich, überraschend, mal Essay, mal Erzählung charakterisieren und denen spielerische Präzision attestiert wird. Wer Spaß an Hieroglyphen hat, dem traut man auch zu, dass er dem Marmor lauscht, rekapituliert Schalansky eine Wahrnehmung. Die sehr gut und mit persönlichem Touch zwischen Aktion und Zurückhaltung changierende Moderatorin Jennifer Khakshouri konstatiert, dass Schalanskys Sprache sehr flüssig sei, man sei sozusagen bei Schalanskys Erleben dabei. Außerdem wisse man, dass Schalansky eine sehr gründliche Rechercheurin sei (kurze Irritation, wie heißt es richtig? J.Sch. schlägt ‚Rechercheuse‘ vor), aber wie mache man nun daraus das Geschriebene? Antwort J.Sch.: harte Arbeit. Sie arbeite immer, ihr gesamtes Erwachsenenleben lang, in der Staatsbibliothek Berlin, dem Sharoun-Bau, auch weil man sich da jeden Tag wieder an einen leeren Schreibtisch setzen könne, im Gegensatz zum Schreibtisch zuhause. Genau diese Metamorphose mache ihr ja Freude beim Schreiben : wie kann sie das Material in literarische Sprache umsetzen. Am Basler Abend ist zu erleben, dass Judith Schalansky auch beim spontanen Sprechen inhaltlich und sprachlich großartige Sätze gelingen. Und das Lesen aus allen drei Aggregatzuständen des Buches gerät ebenfalls zum Genuss: Tempo-, Rhythmus-, Stimmlagen- Artikulations- und Lautstärkenvariationen werden mühelos jongliert. Keine Fragen, nur Schlussapplaus im fast, aber nicht ganz ausverkauften Literaturhaus, in dem ich auch den Schriftsteller Alain Claude Sulzer im Publikum gesichtet habe. Fasziniert, aber auch eingeschüchtert, bleibt mir nur, das Buch und weitere von Judith Schalansky auf meine Leseliste zu setzen.

(Judith Schalansky: Marmor, Quecksilber, Nebel. Woraus die Welt gemacht ist. Suhrkamp-V.2026

(NB.: ich erinnere mich, in den 1980er Jahren für meine kleine Dissertation in Geschichte der Medizin Eugen Neter, ein Beitrag zur pädagogischen Aufgabe des Kinderarztes im Sharoun-Bau der Staatsbibliothek Berlin recherchiert zu haben)

Weiß-Blau und andere Farben

(Text vom 7./12.März 2024, überarbeitet)

In Murnau hatte sie ein Dirndl gekauft. Kein edles, schweres –  ein leichtes, baumwollenes in frischen Farben. Das Hellblau des Kleides erinnerte sie an den Sommerhimmel, wie eine einzige Schönwetterwolke quoll weiß die Bluse daraus hervor und das Band der Schürze stürzte über die Rockfalten wie ein Gebirgsbach über Felsen. Sie hatte noch nie ein Dirndl besessen und wann sie es tragen sollte, wusste sie nicht. Aber sie fühlte sich darin gut aufgehoben, fest gehalten und doch luftig frei. Vor dem Dirndlkauf hatte sie ein Grab gesucht, auf dem Friedhof bei der Kirche des Heiligen Nikolaus, von dem aus man die blauen Berge sehen konnte. Als sie vor dem Grabstein von Gabriele Münter stand, war ihr, als würden die Buchstaben des Namens sich versammeln zu einer Gestalt und wieder einziehen in das alte Wohnhaus, das über der Friedhofsmauer in der Blickachse lag und das sie kannte von farbstarken Gemälden. Unweit des Gottesackers, der sich um die Kirche schmiegte, stieg ein Schlossgebäude in die Höhe. Weiße Zacken berührten den hellblauen Sommerhimmel, der wenige Cumuluswolken bereit hielt. Sie folgte dem Weg hinauf zum Schloss, ließ sich in die Säle ziehen und nun war ihr, als wären Gabriele Münter und ihre Gefährten gerade herein gekommen, um mit ihr zu sprechen und ihr teilzugeben an ihrem Murnau. Sie saß mit ihnen am weißgedeckten Tisch, sie ging mit ihnen auf der Dorfstraße durch die Sommerhitze, sie blickte mit ihnen über das satte Grün der Wiesen dorthin, wo die blauen Berge den Horizont markierten und ein Abendhimmel die Landschaft aufnahm. Als sie die Säle wieder verließ und hinaustrat, begleiteten sie die Farben. Ein Strauß Sonnenblumen hielt seine Frische in der Mittagshitze, eine Hauswand sättigte sich am Licht, das krause Wasserblau des Staffelsees barg sich in den Grünschattierungen der Ufer.

Sie steht im Dunkel des Zimmers, öffnet die Schranktür und streicht über den Baumwollstoff. Einmal, noch sommerbraun, hat sie das Dirndl angezogen und sich im Spiegel betrachtet. Sie hat ein Foto gemacht.

„Ich denke viel an Murnau – an Euch, an den Schnee, an das Land.“ (Ödön von Horváth, 1927)

Gabriele Münter – Wikipedia https://share.google/iiU6KgKJr9vOaCkhp

(Gabriele Münter: Murnau,1908, Schlossmuseum Murnau)

Erlesen

Vollkommen überraschend, sozusagen aus dem Nichts, erhalte ich am 28.April 2026 mit herzlichen Grüßen aus dem Helmut-Schmidt-Haus eine Mail von Karina Kupsch, Managerin Content Sales & ZEIT Bücher, in der ich informiert werde, dass auch mein Beitrag zur beliebten LeserInnen-Kolumne Was mein Leben reicher macht in der ZEIT-Ausgabe 30/2019 (!) in das neue, gleichnamige, ab dem selbigen Tag zu erwerbende Kartenset aufgenommen ist (na gut, dass ich meine Mail-Adresse in der Zwischenzeit nicht gewechselt habe). Es handele sich um einen Nachdruck, zu dem ich mein Einverständnis bereits erteilt hätte. Jede Karte würde ein Zitat mit einer reflektierenden Frage (von der ZEIT auf den Rückseiten hinzugefügt) verbinden, als Impuls zum Innehalten, für persönliche Reflexion oder als Gesprächsanstoß.

Ich bestelle das Kartenset und hole es heute in meiner Buchhandlung ab. Mein Einverständnis mit dem Beitrag hat Bestand. Nicht einverstanden bin ich mit dem, was ich in der kleinen, inhabergeführten, nur wenige Minuten entfernten Buchhandlung erfahre: sie schließt nach 80 Jahren zum 30.Juni 2026. Die Inhaberin, die die Buchhandlung von ihrem Vater übernommen hatte, ist bereits seit Längerem über das übliche Rentenalter hinaus, ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin wurde nicht gefunden. Mich befällt Wehmut, hat diese Buchhandlung, die auch Schreibwaren etc. bereithält, mich doch über Jahrzehnte hinweg begleitet. Mit hervorragendem Service und immer auch angenehmen Gesprächen. Und dann schenkt mir die Inhaberin auch noch einen übrig gebliebenen Abreißkalender 2026 der ZEIT Was mein Leben reicher macht – Glücksmomente für jeden Tag …

Tüllinger Skulpturen

Das Dreieck des  grüngerahmten Schildes weist ein Naturdenkmal aus. Es krönt die Wegweiser-Stange an einer Weggabelung auf dem Obertüllinger Lindenplatz. Das Schild, das in ganz Deutschland Naturdenkmale anzeigt, verrät mir nicht, ob hier ein flächenhaftes Naturdenkmal (FND) gemeint ist oder ein Einzelgebilde-Naturdenkmal (END). Recherchen ergeben, dass von den zehn im Landkreis Lörrach ausgewiesenen Naturdenkmalen keines ein FND ist, alle sind END, und zwar jeweils bestimmte Bäume: ein einzelner Baum (Eiche, Lärche, Mammut, Platane, Magnolie etc.), zwei Bäume (Traubeneichen) oder auch drei (Feldahorne). Das Tüllinger END aber umfasst mit großem Abstand die höchste Baumzahl: 45 Winterlinden.

An diesem Sonntagmittag Anfang Mai tragen die Obertüllinger Winterlinden bereits ihr Frühsommergewand. Nach einem Blick Richtung Osten hinüber ins Wiesental und auf erste Schwarzwaldhöhen nehme ich den Weg auf der Westseite links am Schild vorbei. Er verweilt zunächst auf der Hügelkuppe und erlaubt den Augen das Changieren zwischen Ferne und Nähe. In der Rheinebene das Band des Flusses, die Horizontlinie geschwungen gezeichnet im Blau der Vogesengipfel. Dann das Eintauchen in den Laubwald. Die Augen haften an Naturskulpturen. Alt- und Totholz ist belassen, dicke Stämme säumen verlässlich den Wegrand. Andere, hochaufragende, touchieren die Himmelszonen. Wieder andere, schmale, stoßen wie ein Queue durchs Grün des Blattdickichts. Höhlenbrütende Waldvogelarten fühlen sich im alten Buchenwald wohl, zeigen sich mir aber nicht. Exemplare der horstbrütenden Raubvögel geben sich auf ihren Ausflügen in das dem Wald benachbarte Offenland zu erkennen. Die offene Kulturlandschaft mit ihren Mäh- und Obstbaumwiesen, ihren Kleingärten und Rebhängen erreiche auch ich wieder, nachdem der Weg sich sanft hinab geschlängelt hat.

In Jonathan Droris Buch In 80 Bäumen um die Welt lese ich von den Buchen, die man suchen soll, vom Schutz, den die glatte, geschmeidige Rinde bei Gewittern bieten kann. Und ich lese von dem, was die Buche mit dem Schreiben verbindet. Buchenholz diente den Germanen für Schreibtafeln, in die Schriftrunen geritzt wurden. Die Begriffe für den Baum und das, was aus den Schreibtafeln entstand, näherten sich in der Sprache. Ich recherchiere weiter: das althochdeutsche buoh und das mittelhochdeutsche buoch waren Pluralformen, die wahrscheinlich für Runenzeichen, später allgemeiner für Schriftzeichen, Buchstaben und auch Schriftstücke standen. Ob das Buch wirklich verwandt ist mit der Buche, gilt als nicht gesichert. Die Brüder Grimm jedenfalls hielten in ihrem Deutschen Wörterbuch verwandschaftliche Bande für durchaus möglich. Ich werde daran denken, wenn ich das nächste Mal die Tüllinger Skulpturen umrunde.

(Jonathan Drori: In 80 Bäumen um die Welt. Illustrationen von Lucille Clerc. Laurence King Verlag, Berlin. 2.Aufl.2022)

Tüllinger Berg | Regierungspräsidium Freiburg https://share.google/LZAj34Zt0gc2lpTa5

Vierter Sonntag nach Ostern – Cantate

Im evangelischen Kirchenjahr ist am heutigen vierten Sonntag nach Ostern der Sonntag Cantate (das katholische Kirchenjahr zählt die Bezeichnungen der nachösterlichen Sonntage anders). Allen Sonntagen zwischen Ostern und Pfingsten gemein ist der Ausdruck der österlichen Freude.

Singt dem HERRN ein neues Lied, denn er hat Wunder getan – der erste Vers des Psalm 98 ist der Namensgeber und im Herrnhuter Losungsbüchlein dem heutigen Sonntag zugeordnet, wie auch der gesamte Psalm als vorgeschlagene Bibellese. Ich zitiere noch die Verse 4-9 (sämtlich nach der Elberfelder Übersetzung 2006):

Jauchzt dem HERRN, alle Welt! Seid fröhlich und jauchzt und spielt! Singt dem HERRN zur Zither, mit der Zither und der Stimme des Gesangs! Mit Trompeten und dem Schall des Horns jauchzt vor dem König, dem HERRN! Es brause das Meer und seine Fülle, die Welt und die darauf wohnen! Die Ströme sollen in die Hände klatschen, alle Berge zusammen sollen jubeln vor dem HERRN! Denn er kommt, die Erde zu richten. Er wird die Welt richten in Gerechtigkeit und die Völker in Geradheit.

(statt Gerechtigkeit haben Martin Buber und Franz Rosenzweig das Wort Wahrspruch gewählt in ihrer Übertragung des Textes)

(Foto: Claude’s Message am 1.Mai)

Tag der Badenden

Die Fondation Beyeler scheut sich nicht, ihr Areal immer wieder bespielen zu lassen, und das nicht nur am Familientag, auf dem Erzählteppich oder beim sommerlichen Sound Garden. „Leichter, freier und mit einem Hauch von Humor“ wünscht sie sich eine „neue Art des Sehens“ .  Der 1. Mai scheint geeignet für den „spielerischen Geist von Maurizio Cattelan“: Cezannes Badende sollen aus Rahmen und Zeiten heraustreten und die BesucherInnen in sie hinein oder so ähnlich, jedenfalls sollen sich Grenzen zwischen Exponaten und Betrachtenden verflüssigen.

Das muss ich doch unbedingt erleben, in der Rolle einer stillen Beobachterin, mein Museumspass gewährt mir ja nicht nur das erfreute Willkommen des Kontrolleurs (lilagetönte Brillengläser mustern und lächeln), sondern auch ohnehin und in jedem Outfit den ausgelobten freien Eintritt. Den nämlich sollen zudem jene erhalten, die die Ausstellung an diesem Tag in Badekleidung betreten. Was bedeutet, dass dem vollständigen Ineinanderfließen der Badeszenen doch Grenzen gesetzt sind, denn bar jeglicher Kleidung soll man nicht durch Räume und unter Bäumen flanieren. Petrus oder die Wettergötter sind von der Idee offenbar begeistert und unterstützen das Vorhaben kräftig. Und so gehen, sitzen, liegen, stehen tatsächlich Badeanzüge, Bikinis und Badeshorts, Adiletten, Strohhüte, Sonnenbrillen, Handtücher und Bademäntel (figur- und altersvariiert) zwischen Gemälden und Vollkleidungs-Gewändern (sportiv bis hochelegant) oder in den Grünrotbraunsymphonien des Parks, bewegen sich entspannt oder üben sich als Statuen.  

Im Park füge ich mich sitzend und lesend in die Szenerie ein, der Teich wirft sein Lichtspiel auf den Porphyr der Gebäudesäulen, europäischer Sprachenmix rieselt dezent als Hintergrundmusik, nur kurz fällt ein Bimmeln der Tram hinein, offenbar gibt es noch eine Welt da draußen, nah und  – mag sein – auch fern, denn durchs nicht nachlassende Himmelsblau ziehen unaufhörlich lange weiße Streifen, von winzigen silbrig glänzenden Punkten angeführt. Aber dort hinten, im Gartenpavillon, im Gegenlicht, mit wohlgefälligem Blick, ist das nicht Monsieur Cezanne? Inkognito?

(Cezanne. Fondation Beyeler, CH-Riehen, noch bis 25.Mai 2026)