(Römische Freuden 1 bis 6 siehe Blogeinträge vom 20.01., 21.01., 27.01., 30.01., 03.02. u. 06.02.26)
…, gepredigt hatte auch der 24-jährige Theologie-Doktorand, auf Deutsch und in der evangelisch-lutherischen Christuskirche in der Via Sicilia, und sie hatte seinen Worten gerne gelauscht, auch in der Casa delle diaconesse, wenn sie ihm Pudding gebracht und Gespräche über Gott und die Welt geführt hatte, oder wenn sie an manchen Abenden mit ihm zu Fuß in die Chiesa Sant‘ Ignazio zum Orgelkonzert gelaufen war, über die Piazza Navona und vorbei am Pantheon,
zur Chiesa Sant‘ Ignazio, einer mit dem Jesuitenkloster verbundenen großen Barockkirche, die -wie sie am Donnerstag, den 10.November geschrieben hatte – zur Feier der Heiligsprechung des Hl.Ignatius von Loyola errichtet worden war, mit einer faszinierenden Vielfalt an Deckengemälden und Fresken, und sie war unter der nur gemalten Kuppel gesessen, was ihr zu verdeutlichen schien, dass Größe bisweilen nur vorgetäuscht und Schein ist,
sie hatte die Besucher beobachtet, darunter auch viele junge, alle waren ihr weniger steif vorgekommen als Konzertbesucher in Deutschland, lasen sie doch bis zum Konzertbeginn auch in der Kirche Zeitung, der Organist des Abends war Eugen Grossmann, wie sie notiert hatte, und das Orgelkonzert eines aus dem Aufführungs-Zyklus der Orgelwerke von Johann Sebastian Bach,
und sie hatte geschrieben, dass der Klang der Orgel einen großen, weiten, unwahrscheinlich schönen Raum schaffen würde, in den man hineingenommen und in dem gleichsam alles in einem mitschwingen würde, es wäre die Hingebung der Musik an den Menschen und des Menschen an die Musik, es gäbe keine Trennung mehr, vielmehr würden Mensch und Klang eins,
mit der Ausbreitung der Töne im Kirchenraum würde man eine Dimension erlangen, die einem sonst versagt sei, und dann hatte der Organist als Zugabe noch einen ihrer Lieblingschoräle angestimmt „O Haupt voll Blut und Wunden“ und bei der zweiten Zugabe, einem wahren Orgelsturm, hatte sie unter der Kuppel der Klänge ob der Gewaltigkeit des Instruments ein Zittern empfunden,
und eine Woche später hatte sie wieder in einer Kirchenbank von Sant‘ Ignazio beim Orgelkonzert gesessen und danach in ihrem Tagebuch ein Zitat von Max Frisch festgehalten, das sie gerade im Brief einer Freundin gelesen hatte „Glück als das lichterlohe Bewusstsein: diesen Anblick wirst du niemals vergessen“ , Augenblick, hatte die Freundin aber geschrieben, und sie hatte das bekräftigt und ergänzt mit „es ist wirklich so, aber es ist noch mehr als das“,
im Dezember aber, an ihrem Geburtstag, war sie mit dem Theologie-Doktoranden über die Via Cola di Rienzo zum Petersplatz gelaufen, hinaufgestiegen in die Peterskuppel und hatte vom Dach des Domes heruntergeblickt auf die Umarmung der Piazza durch die Bernini-Kolonnaden und sich über die adventliche Losung zum Tag ihres 19. Geburtstages gefreut,
die der 24-Jährige ihr auf die Karte mit einem Motiv aus den Priscilla-Katakomben geschrieben hatte: „Ich will dem Herrn singen, denn er hat Herrliches getan. Der Herr ist meine Stärke und mein Lobgesang und mein Heil. Das ist mein Gott, ich will ihn preisen, er ist meines Vaters Gott, ich will ihn erheben“, ein Wort aus dem Buch Exodus,
und das liturgische Blatt „Infra Hebd. iii. Adventus“, dem die Karte beigegeben war, würde sie von da an durch ihr Leben begleiten mit seinen roten Notenlinien, mit den schwarzen Noten und Buchstaben der Antiphon „Nolite timere, quinta enim die veniet ad vos Dñs noster“, ohne dass sie beim ersten Blick darauf Künftiges hätte erahnen können,
ohne dass sie beim ersten Entrollen hätte wissen können, dass sie Jahrzehnte später dem Schenkenden einmal wieder begegnen würde und noch einmal sein gesprochenes Wort hören konnte in der Studienstadt ihres Nachkommen, wo der Theologieprofessor auch ab und an predigte in einer Peterskirche, …
(Fortsetzung folgt)
(die kursiv gesetzte Wendung im Text findet sich auch in Friedrich Christian Delius: Bildnis der Mutter als junge Frau, Rowohlt TB-Verlag, 3.Aufl.2010)



















