Cezanne und Sensations

(siehe auch Blogeintrag vom 13.Februar 2026)

Noch wird am Museumsneubau der Fondation Beyeler gebaut und wegen der Absperrungen muss ich ein wenig anders radeln, als ich gestern spontan einen zweiten Besuch der Cezanne-Ausstellung beschließe. Aber die helle Außenfassade des Neubaus kontrastiert schon aufs Schönste mit dem Dunkelgrün alten Baumbestands des Iselin-Weber-Parks, und in den großen Fensterflächen spiegelt sich Blattwerk. Der 1943 in Basel geborene Architekt Peter Zumthor, über den Wim Wenders seit 2024 einen 3D-Dokumentarfilm mit dem Arbeitstitel „Das Geheimnis der Orte“ dreht, hat das Projekt geplant und entworfen, ein Zitat seiner Arbeitsintention findet sich auf der Webseite des Museumsneubaus: „Ich versuche Gebäude zu bauen, die geliebt werden.“

Im Renzo Piano Bau will ich nur einige wenige Gemälde Cezannes betrachten, ich wähle, wiederum recht spontan, weder die Obst- noch die Krugvariationen, auch nicht die der Badenden oder des Gärtners, sondern sieben verschiedene Darstellungen der Montagne Sainte-Victoire, vor allem weil es mir eine beim ersten Besuch der Ausstellung besonders angetan hatte, die Skizzenhafte nämlich, bei der einem aber rein gar nichts fehlt. Auf weißer Leinwand deuten ein paar Farbflecken Büsche, Bäume, Felder an, auch der Berg ist nur mit wenigen graublauen Farbstrichen und -flecken festgehalten und bietet doch einen verlässlichen Fluchtpunkt (La Montagne Sainte-Victoire vue des Lauves, um 1904, Privatsammlung, Derbyshire). Der schlichte, mattvergoldete Holzrahmen greift die Farbe eines angedeuteten Feldes auf. Im selben Saal 6 hängt auch das 1904/1905 entstandene Gemälde (ebenfalls La Montagne Sainte-Victoire vue des Lauves), bei dem der Berg als Insel aus einem dunklen blaugrünbraunen Meer geboren wird, dessen farbliches Kind er ist. Unterhalb des „Meeres“ eine knappe grüne Fläche, nicht bis in die beiden unteren Ecken ausgeführt, sondern dort ins Weißgelassene ausfransend, als sei dieser Teil des Bildes nicht so wichtig  (The Nelson-Atkins Museum of Art, Kansas City, Missouri). Im Begleitheftchen beschrieben ist nur eine weitere Variation gleichen Titels, entstanden in den Jahren 1902 bis 1906 (Privatsammlung), dort heißt es, dass rhythmisch gesetzte Farbflecken die Gestaltung bestimmen und kaum eine Linie zu erkennen wäre, die diese Flecken zusammenhält. Mir scheint beim gemeinten Gemälde das Meer bis an den gesamten unteren Rahmenrand zu reichen, und über der geraden Horizontlinie erhebt sich wiederum der Berg als in den Himmel reichende Insel oder als Land in der Ferne. Weitere Varianten des Blicks auf die Montagne Sainte-Victoire verwenden ruhige Pastelltöne oder lassen den Berg fast aufgehen in Landschaft und Himmel oder zeigen ihn scharf konturiert blau über der gelbgrünen Ebene. Ich lese im Booklet, dass Cezanne sich in seinen letzten Lebensjahren intensiv mit dem Kalksteinbergmassiv auseinandergesetzt hat, oft mit dem Blick vom Hügel Les Lauves aus, wo sich ab 1901 sein Atelier befand. Insgesamt hat er das Bergmassiv 87mal dargestellt. Beim Googeln erfahre ich, dass sich noch jemand  auseinandergesetzt hat, mit Cezanne und dessen Berg-Betrachtungen: Peter Handke beginnt Die Lehre der Sainte-Victoire mit dem Satz: „Nach Europa zurückgekehrt, brauchte ich die tägliche Schrift und las vieles neu.“ Der Suhrkamp-Verlag fährt in seinen Angaben zum Buch fort: „ Aus Sorger, dem Helden der Langsame(n) Heimkehr, ist der Autor geworden, der sich nach dem Recht zu schreiben fragt.“ Beide Handke-Bücher habe ich noch nie gelesen, werde sie aber nun auf meine Lektüre-Liste setzen.

Ein Cezanne-Zitat ist der in den verbliebenen Sälen unter dem Titel Sensations firmierenden, mit der Cezanne-Ausstellung korrespondierenden Sammlungspräsentation der Fondation vorangestellt: „Ich male, wie ich sehe, wie ich empfinde und meine Empfindungen sind sehr stark.“ Cezanne habe in seinen Briefen immer wieder von den „sensations colorantes“ geschrieben als Grundvoraussetzung seiner Malerei. Kuratiert wurde die Sammlungspräsentation entlang der deutschen Bedeutungsmöglichkeiten des Wortes sensation: Wahrnehmung, Sinneseindruck, Empfindung, Gefühl. Ich schaue nur in den ersten Saal: da grüßen Van Goghs blaugelbe Felder (Champs de blé aux bleuets,1890 und Champs aux meules de blé,1890) hinüber zu zwei großen zartfarbigen Zeugen von Monets Seerosen-Passion (in Rosablaugrün-Tönen das Bassin aux nymphéas, ca.1917-1920 und Nymphéas, 1916-1919).

Ein wenig verweile ich noch auf bereitgestellten Stühlen im Garten der Fondation und schaue dem Entenpaar zu, das sich im Teich vor der hohen Fensterfront des Renzo Piano-Baus tummelt, dann trete ich den Radrückweg an.

Die Montagne Sainte-Victoire aber lässt mich nicht los, sie meldet sich heute, als ich den Büroaufsteller aus einem der fünf Kartons ziehe, die weitere Büromaterialien beherbergen: der Aufsteller klappt ausgerechnet bei einer weiteren Cezanne-Variation des Gebirgszugs auf: Straße neben dem Mont Sainte-Victoire, um 1902, Ermitage St.Petersburg.

Museumsneubau https://share.google/IaCvnPSwn2wzMxzFQ

Die Lehre der Sainte-Victoire. Buch von Peter Handke (Suhrkamp Verlag) https://share.google/TFJIRop8rq8PGy3P4

(Cezanne, Fondation Beyeler, CH-Riehen, noch bis 25.Mai 2026, die Sammlungspräsentation Sensations noch bis 26.April 2026)

Mikrodrama

In der gestrigen Tageszeitung las ich das erste Mal über den neuen Trend, filmische Kürzestserien fürs Handy herzustellen. Auch die Black Forest Studios in Kirchzarten würden daran arbeiten. Ein Mikrodrama ist eine extrem kurze (1 bis 2 Min.), meist in hohem Tempo erzählte audiovisuelle Geschichte, lerne ich, die speziell für Mobilgeräte im Hochformat produziert wird, nur wenige Figuren zeigt, sich auf einen einzigen Moment oder Konflikt konzentriert und auf eine klare Aussage oder eine überraschende Pointe hinausläuft. Für die Apps sind die kleinen schnellen Häppchen seriell angelegt.

Versuchen wir doch mal so etwas wie ein Mikrodrama:

Als Lena ankam, öffnete sich die Tür nicht. Was bedeutete, dass sie gar nicht ankam. Sie fuhr weiter. In diese Richtung war sie noch nie gefahren. Sie wusste gar nicht, wo der Zug das nächste Mal hielt. Sie hätte sich jetzt aufregen und wie eine Wahnsinnige durch den Zug rasen können. Auf der Suche nach Personal, das einschritt und zu Hilfe eilte. Aber das wollte sie nicht. Sie wollte Ruhe bewahren. Mit einem Mal schienen ihr alle im Waggon seltsam ruhig, wie festgefroren, eine jede und ein jeder in der Position, in der er oder sie oder es gerade gewesen war. Hatten die Jederlinge eben noch unablässig in ihre Smartphones gesprochen, so standen ihnen nun die Münder still, aber offen, was ein komisches Bild abgab. Andere blieben über die kleinen Monitore gebeugt, deren bewegtes Flimmern auch eingefroren war. Manche hatten noch den Wischfinger am Display, wie festgeklebt. Die funktionslos gewordenen Stöpsel in den Ohren erinnerten Lena jetzt an Knöpfe bekannter Kuscheltiere. Kaum einer der Jederlinge hatte den Kopf zu den Fensterscheiben gedreht, vor denen nach wie vor eine üppig blühende Frühlingslandschaft vorbeizog. Nur wenige hielten ein aufgeschlagenes Buch in Händen. Die sahen festgefroren noch am natürlichsten aus, fand Lena, als würden sie nur gerade den Text in ihrem Kopf fortspinnen. Schön anzusehen waren auch die Kinder, das kleine Mädchen dort mit den blonden Zöpfen, es träumte vor sich hin und hielt seinen Teddy im Arm. Lena musste schmunzeln und lächelte dem Mädchen zu. Da schaute es auf und lächelte zurück. Lena erschrak ein wenig, das Mädchen war ja gar nicht festgefroren! Lena blickte sich um, tatsächlich, auch die anderen Kinder bewegten sich ruhig und sacht, wie in stillem Einvernehmen. Es fielen aber keine Worte. Lena erhob sich langsam und durchschritt den ganzen Zug. Es war überall so, in jedem Wagen, die erwachsenen Jederlinge festgefroren in grotesken Positionen, die Kinder bewegten sich, sicher wie Schlafwandelnde und in sich ruhend. Lena kehrte zu ihrem Platz zurück, setzte sich wieder auf das blaugewürfelte Polster und genoss die Ruhe. Da bemerkte sie, dass der Zug die Schienen verlassen hatte und geradewegs in den Himmel aufstieg, hinauf zu den Wolken, die bereits ein abendliches Rosa angenommen hatten. Nun hatte auch das Rattern aufgehört, das Lena ohnehin kaum noch wahrgenommen hatte. Neue Töne erreichten ihr unverstöpseltes Ohr. Eine himmlische Musik begleitete das Schweben, das kein Ende zu nehmen schien. Plötzlich ein Ruck. Lena schreckte hoch und riss die Augen auf, ihr Bett stand fest auf dem Parkettboden des Zimmers.

Kommender Gesang

Ich breite vor mir den kommenden Gesang des Jahres aus – Grund zur Freude!

Das erste Jubiläumskonzert zum 100-jährigen Bestehen des Motettenchores Lörrach, Bachs Johannespassion am Palmsonntag in der Bonifatiuskirche ist mit Nachhall verklungen. Die Proben beginnen für das zweite Jubiläumskonzert, das am 18.Oktober im Burghof Lörrach stattfinden wird. Die junge Komponistin Elisabeth Fußeder (geb. 2000) erarbeitet dafür eine Auftragskomposition, daneben kommen das Schicksalslied von Brahms, Die erste Walpurgisnacht von Mendelssohn und die Fantasie für Klavier, Chor und Orchester von Beethoven zur Aufführung.

Den Klavierauszug des Schicksalslied habe ich bereits 1984 und 2024 in Händen gehalten und mich in Brahms‘ musikalische Gedankenwelt zu Hölderlins Gedichttext begeben (im Italienisch-Kurs lasen wir heute den schönen Satz: Io ascolto i pezzi di musica e li riscostruisco nella mia testa).  Als die Walpurgisnacht schon einmal Teil eines Projekts war, war ich nicht dabei, und die Beethoven-Fantasie habe ich auch noch nie gesungen, so sind die vom Chorleiter empfohlenen Carusausgaben mit ihrem schönen, tiefen Blau nun ganz frisch. 

Die Carus-Noten sind jeweils mit aufschlussreichen Vorworten versehen und ich erfahre, dass das Wunderkind Felix Mendelssohn-Bartholdy erst zwölf Jahre alt war, als es seinen Lehrer Carl Friedrich Zelter 1821 nach Weimar begleitete, um dort den schon über 70-jährigen Johann Wolfgang von Goethe zu treffen. Es entstand eine zehn Jahre andauernde musikalisch-literarische Freundschaft zwischen den Beiden. In der Walpurgisnacht setzte sich Mendelssohn (1809-1847) am intensivsten mit Versen Goethes auseinander, die Kompositionsaufgabe zur 1799 verfassten Ballade hatte er von seinem Lehrer Zelter übernommen und das Werk 1832 kurz vor Zelters und Goethes Tod vollendet. Nach der Uraufführung 1833 legte er die Walpurgisnacht aber für zehn Jahre zur Seite und überarbeitete sie 1842 umfassend, was er selbst als Mixtur aus Rekomposition und feinerer „Schneiderarbeit“ beschrieb.

Die Chorfantasie von Ludwig van Beethoven (1770-1827) sei als ein Variationenwerk zu verstehen, heißt es im Carus-Vorwort, und sie verkörpere wie die 5.Sinfonie das „per aspera ad astra“. Ich schlage den Text auf und lese : „Schmeichelnd hold und lieblich klingen unsers Lebens Harmonien, und dem Schönheitssinn entschwingen Blumen sich, die ewig blühn…“ ,  „ Wenn der Töne Zauber walten und des Wortes Weihe spricht…“ und „Doch der Künste Frühlingssonne lässt aus Leiden Licht entstehn. Großes, das ins Herz gedrungen, blüht dann neu und schön empor,…“, wobei ursprünglich wohl „beiden“ anstelle von „Leiden“  geschrieben stand (gemeint sind Nacht und Stürme). Lange Zeit war umstritten, wer den Text der Chorfantasie Op 80 verfasst hatte, verrät Wikipedia, die Erstausgabe erschien ohne Angabe des Textdichters, jedoch nannte Beethovens Schüler Carl Czerny den Wiener Konzipist und Redakteur Christoph Kuffner als Verfasser.

Die Messa a 4 voci con orchestra (Messa di Gloria) von Giacomo Puccini (1858-1924) werde ich auch das erste Mal singen, jedoch nicht mit dem Motettenchor, sondern mit einem Projektchor für Benefizkonzerte, dem Süddeutschen Ärztechor (Leitung Marius Popp) – und das im Heimatland des Komponisten. Pfingstmontag findet man sich zu den Proben in Rom zusammen, am 29.Mai wird in der Basilica Sant’ Andrea della Valle (die Kirche hat die drittgrößte Kuppel Roms) und am 30.Mai in der Nationalkirche der Portugiesen, in Sant’ Antonio dei Portoghesi konzertiert. Neben der Uraufführung eines Magnificat durch den Solisten Hyon Kook soll noch eine Psalmvertonung von Mendelssohn erklingen, die des 43.: „Richte mich, Gott“ (aus op.78 Drei Psalmen für gemischten Chor und Solostimmen), die Chorpartitur wiederum hielt ich schon 1986 in Händen und im September 2024 bei meiner ersten Italienreise (Verona, Venedig, Mantua) mit dem Süddeutschen Ärztechor.

Felix Mendelssohn Bartholdy: „Die erste Walpurgisnacht“ | Klassik entdecken | BR-KLASSIK | Bayerischer Rundfunk https://share.google/Xjy7gJWFWus4XkYLI

Gartenarbeit oder Frühlingsfreuden 9

Nonna, komm schnell!

 Was gibt´s denn?

 Schnell!  

Moment. 

Die nonna steht auf einer Leiter, Äste der Lagerströmia sind zu kürzen, und so schnell kommt eine nonna nicht mehr von einer Leiter herunter. 

Mach schnell! 

Es scheint wirklich dringend zu sein und die nonna, endlich am Fuß der Leiter angelangt, eilt zum groß gewordenen Jemand, der aufgeregt im Gras hockt.

Schau mal, nonna, so ein großes Gänseblümchen!

Die nonna schaut und staunt. Inmitten einer unzähligen Schar hat der groß gewordene Jemand die Besonderheit entdeckt.

Ein siamesischer Zwilling, sagt die nonna, die so ein Gänseblümchen noch nie gesehen hat, da sind zwei zusammengewachsen, da müsste doch auch der Stiel – und tatsächlich : ein vereintes Doppel!  

(Fotos 27.Febr.2026)

Raiffeisenland und Rapsblüten

Raffeisenland, in beide Richtungen war es zu sehen, das braune Schild neben der Autobahn, wie andere der touristischen Unterrichtungstafeln, wie sie richtig heißen, auch. Limburger Dom zum Beispiel, Schloss Montabaur, Neanderthal-Fundstelle und Museum. Bei Wikipedia lässt sich sogar eine Liste der Unterrichtungstafeln an Deutschlands Autobahnen abrufen, geordnet nach Fahrtrichtung und Kilometer. Das neue touristische Hinweisschild an der A5, das im Januar 2026 als „sichtbares Zeichen für Innovationskraft“ aufgestellt wurde, findet sich in der Liste noch nicht : Black Forest Power Region. Zwei Zeigefinger einander entgegengehaltener Hände berühren sich fast – wie auf dem berühmten Deckengemälde der Cappella Sistina. Über den Zeigefingern schwebt ein Bollenhut. Die eine Hand allerdings weist seltsame Glieder auf – handelt es sich um eine Handprothese? Und warum redet der Schwarzwald Englisch?

Selbst der Tau ist grau.

Schau: neben der Autobahn

glühen Rapsblüten.

Erster Sonntag nach Ostern – Quasimodogeniti

Mit dem heutigen Sonntag endet die Osteroktav, der Name geht auf 1.Petrus 2,2 zurück: „seid wie neugeborene Kinder“.

Der im Herrnhuter Losungsbüchlein ausgeloste Tagesvers ist Vers 7 aus Psalm 116 :

Kehre zurück, meine Seele, zu deiner Ruhe! Denn der HERR hat dir Gutes erwiesen.

Ich zitiere noch die Verse 1 bis 6:

Ich liebe den HERRN, denn er hörte meine Stimme, mein Flehen. Ja, er hat zu mir geneigt sein Ohr, und an allen meinen Tagen werde ich ihn anrufen. Es umfingen mich die Fesseln des Todes, die Ängste des Scheols erreichten mich. Ich geriet in Not und Kummer. Da rief ich den Namen des HERRN an. „Bitte, HERR, rette meine Seele!“ Gnädig ist der HERR und gerecht, und unser Gott ist barmherzig. Der HERR behütet die Einfältigen. Ich war schwach, doch er hat mich gerettet.

Und die Verse 8 und 9:

Denn du hast meine Seele vom Tod gerettet, meine Augen von Tränen, meinen Fuß vom Sturz. Ich werde wandeln vor dem HERRN in den Landen der Lebendigen.

(nach der Elberfelder Übersetzung 2006)

Mixed Pickles oder Frühlingsfreuden 8

Eher etwas Winterliches sind in hiesiger Region die Mixed Pickles, gelten sie doch als gefragte Beilage zum Raclette, allerdings werden sie oft verschmäht, wenn sie auf dem Tisch stehen, dabei ist sauer Eingelegtes doch sehr schmackhaft – vielleicht sollte man sie besser selbst einmachen?

Ich verschmähe meine Lektüren-Mixed-Pickles jedenfalls nicht, sondern esse, äh lese mit Genuss erstmals oder wiederholt. Und das bei den derzeit günstigen Frühlingstemperaturen (vor neuerlichem Kälteeinbruch) bevorzugt auf der Terrasse.

Calanda oder Alvas Antwort ist der dritte Band von Angelika Overaths Istanbul-Trilogie (der zweite Unschärfen der Liebe war 2023 für den Deutschen Buchpreis nominiert), er ist am 18.März erschienen und führt zurück ins Engadin. Ich habe das Buch inzwischen mit großer Lesefreude inkorporiert. Im Klappentext heißt es: „Ganz unsentimental und doch tief berührend erzählt Angelika Overath von einer einsamen Gratwanderung im hohen Gebirge – und der Frage, was das Leben eigentlich trägt und wertvoll macht.“ Ich habe Angelika Overath von meinem Leseglück geschrieben: die präzise, knappe, schöne Sprache, jedes Wort treffgenau, die wundervollen Natur–‚Aufnahmen‘ und sprachlichen Wendungen, die Tiefe dessen, was in und hinter der Sprache steht, die verbindenden Motive (Quittenbaum, Quitten). Meine Vorfreude auf neuerliche  Kursteilnahme in der Schreibschule Sent bei Angelika Overath und Manfred Koch hat durch die Lektüre nochmals eine Steigerung erfahren, Gedichte lesen, Gedichte schreiben steht an bei einem sommerlichen Zusatztermin im Juli, und Goethes Lyrik wird Anfang Oktober bei den Senter Lektüren eine Rolle spielen.

Im 2023 erschienenen Die Klause der Illusionen. Aufzeichnungen aus drei Grashütten der beiden japanischen Dichter Matsuo Bashô (1644-1694) und Kamo No Chômei (1153-1216) sowie des chinesischen Dichters Bai Juyi (772-846) lese ich immer einmal wieder. Der sehr schön ausgestattete Band mit passenden Zeichnungen und ergänzenden Hinweisen zu Autoren und Texten bietet außer dem Lese-  auch noch haptischen Genuss.

Berge und Hütten treten in beiden Büchern auf.

(Angelika Overath: Calanda oder Alvas Antwort. Luchterhand, München 2026)

(Matsuo Bashô, Kamo No Chômei, Bai Juyi: Die Klause der Illusionen. DVB, Mainz 2023)

«Ich sammle Figuren aus dem Leben» | Engadiner Post/Posta Ladina https://share.google/rtL1aDIFaGTYgRKlk

NEU: „Calanda oder Alvas Antwort“ von Angelika Overath – Buch – 2026 https://share.google/o6XLZHKe0juL72wA0

Schwarzwaldmarie hoch zwei

(siehe auch Blogeinträge vom 20.Aug., 30.Okt. und 28.Nov.2025)

Man erinnere sich: das Bollenhut-Mädle war so begehrt, dass es trotz 70 000-facher Vervielfältigung im ersten Anlauf nicht mehr zu haben war. Es berühre ein Herzensthema, verlautbarte die Sprecherin der Schwarzwald-Tourismus Gesellschaft und stünde für die Liebe zum Schwarzwald und seinen Traditionen. Am 30.Oktober 2025 erreichte mich dann die Meldung, dass die Playmobil-Sonderfigur eine Renaissance erfahren habe – und tatsächlich konnte ich meine Schwarzwaldmarie mit ihrem roten Bollenhut bald in die Arme bzw. Finger schließen. Und gönnte ihr dann einen Platz in der illustren Gesellschaft der Herren Goethe und Bach, auch Wolfgang Amadeus hat sich inzwischen dort eingefunden (ich liebe ungewöhnliche Kombinationen) – und als ich irgendwann einmal zufällig an der Schwarzwaldmädel-Postkarte vorbeilief, musste die natürlich das Ensemble ergänzen (auf dem Regal, das meine Bücher etc. zu Schreiben und Schrift versammelt).

Ende März wurde ich in mehreren Medien gewahr, dass die rührige Tourismus Gesellschaft keine Ruhe gegeben und sich einen neuen Coup ausgedacht hatte. Die „Unterm Strich“- Kolumne der Badischen Zeitung titelte am 27.März „Wo die Liebe hinfällt“ und malte in den ersten Sätzen ein Schwarzwaldidyll: „Es war einmal im Schwarzwald, irgendwo bei Baiersbronn. Da sitzt ein junges Mädchen in hübscher Tracht an einem sprudelnden Bach, eine lauschige Lichtung inmitten grünen Tanns, das Eichhörnchen huscht vorbei, der Buchfink trällert seine Kaskaden, die Buschwindröschen recken sich der Frühlingssonne entgegen. Da kommt ein junger Mann daher,…“ (Artikel von Dominik Bloedner). Auch auf Instagram überschlugen sich die Meldungen, der offizielle Account der Baiersbronn-Touristik hatte unter der glasklaren Frage „Marie me?“ den perfekten Partner für das Bollenhut-Mädle gesucht und eine Abstimmung gestartet. Drei Kandidaten wurden in die Auswahl geschickt und mit entsprechenden Playmobil-Sonderfiguren hinterlegt: 1. Valentin, ein blonder charmanter Sunnyboy mit Brille (aber schwarzwaldmäßig angepasst), 2. Jakob, lässig mit braunem Schopf (ebenfalls in Schwarzwald-Outfit) und 3. Hannes, der klassische Schwarzwaldjunge. Die Abstimmung der Community habe ich leider komplett verpasst, mit deren Ergebnis bin ich aber sehr zufrieden, denn the winner is: Hannes, der klassische, bodenständige Schwarzwaldjunge. Baiersbronn Touristik erläuterte zum Geschehen:  „Für maximale Authentizität wurden die Trachten der Figuren gemeinsam mit Trachtenexperten aus dem Kinzigtal entwickelt: Marie trägt künftig den traditionellen schwarzen Bollenhut der verheirateten Frauen, Hannes‘ Tracht ist ebenfalls originalgetreu gestaltet.“  Ab Mitte 2026 soll das neue Set „Marie & Hannes“ erhältlich sein bei Baiersbronn Touristik und an anderen ausgewählten Orten im Schwarzwald. Da bin ich ja nun gespannt, ob der Run auf die verheiratete Marie in anderem Gewand und mit schwarzem Bollenhut, ohne Schwarzwälder Kirschtorte, dafür aber mit ihrem Hannes, genau so groß sein wird wie auf das Mädle mit den roten Bollen! Und: werde ich endlich einmal wieder nach Baiersbronn fahren und dort meine Großeltern besuchen, die mir zuletzt so schön von ihrem Balkon zuwinkten? (oh, ich muss, glaube ich, noch an meinen Zeitformen arbeiten! ) Mein Buchkalender meint jedenfalls „vielversprechend“, denn er wollte sich für dieses Jahr partout nicht im gewohnten schwarzen Outfit finden lassen, sondern kleidete sich in „NatureLine“- Grün mit Waldsilhouette (naja, auf den Bären kann ich verzichten).

Whispering Things oder Frühlingsfreuden 7

Whispering Things lautet der Titel der aktuellen Ausstellung im Vitra Design Museum, eine Retrospektive des Schaffens der niederländischen Designerin Hella Jongerius. Geboren 1963 und noch sehr lebendig, haderte sie erst mit dem Vorhaben einer Retrospektive, aber inzwischen gab sie ihr Placet und liebt es, „all diese Jahrzehnte zu sehen“. Das Programmheft des Museums beschwört den „forschungsbasierten Gestaltungsansatz“ von Hella Jongerius, „ihr vielschichtiges Denken, ihre Leidenschaft für handwerkliche Prozesse und ihre intensive Auseinandersetzung mit Materialität und der Symbolik der Dinge“. Ich habe die Ausstellung, die noch bis zum 6.September zu sehen ist, gestern besucht, gegenüber den sommerwarmen Außentemperaturen schien das Klima der Räume kühl. Nicht so das Gezeigte! Bei den Exponaten blühten nicht allein die Farben, sondern auch Fantasie, Ideen, Materialien, Techniken, Diskurse. „Die Dinge des Alltags erzählen Geschichten. Sie spiegeln unsere Sicht auf die Welt“ heißt es in einem Saaltext, und man bestaunt Jongerius‘ virtuosen Umgang mit unterschiedlichsten Formen und Materialien in ihren Arbeiten für Vitra, Ikea, KLM, Camper, Maharam. Da ruhen glasierte Keramiktiere auf Porzellanschalen und betrachten still die Umgebung, da ziert Hohlnadelstickerei einen Paravent aus Filz, da versammeln sich Handmodelle verschiedenster Materialien in einem Rahmen oder hängen als eine Art Mobile von der Decke, da bilden 282 unterschiedlich gefärbte Vasen (Coloured Vases, Third Series, 2010) in zehn kreisrund angeordneten Etagen einen großen Kegel. Hella Jongerius liebt nicht nur Farben, mit denen sie sich intensiv praktisch und wissenschaftlich auseinandersetzt, sondern auch Archive, die sie immer wieder aufsucht und denen sie Ideen und Materialien entnimmt. Ihr eigenes Designstudio – Archiv hat sie 2024 dem Vitra Design Museum übergeben. Inzwischen arbeitet Jongerius nicht mehr als Auftrags-Designerin, sondern als freie Künstlerin, davon zeugen im Obergeschoss auch Tiergestalten aus Keramik, die zum Teil als wasserspeiende Skulpturen im neuen Teich fungieren sollen, der derzeit gerade neben dem Museum angelegt wird, die Erdarbeiten sind hinter dem weißen Bauzaun in Gange. Im Obergeschoss findet sich auch eine Reminiszenz an den Froschkönig (würde ich sagen), ein großer Frosch (mit ebensolchem Hinterteil) ist untrennbar und gewaltig verbunden mit einem Walnussholztisch, sein linker Schwimmfuß liegt dem Tisch auf, der rechte verharrt noch neben dem Tischbein auf dem Boden. Jongerius stelle sich vor, dass ein riesiger Frosch „höflich darum bittet, an unserem Gespräch teilzunehmen“, heißt es im Erläuterungstext.

Vor dem gegenüberliegenden Vitra-Haus mit Café ergehen sich nicht nur die bunten, eingehegten Elefanten in der milden Frühlingsluft, es haben sich allerlei Menschen auf den bereitgestellten Sitzmöglichkeiten bei den Kirschbäumen eingefunden, manche lesen.

Welch Farbüberfluss!

Keusches Weiß kitzelt die Stirn

beim Kirschblütenfest.

„Die Hände sind klüger als der Kopf“ – Designerin Hella Jongerius https://share.google/mtN1Nyv7VtgfQC7Vs

(Hella Jongerius  – Whispering Things. Vitra Design Museum, Weil am Rhein, noch bis 06.09.2026)