(zum Einstieg in Senter Lektüren von Goethes Lyrik fabrizieren wir Elfchen, Schreibschule Sent 2.Okt.26)
Nachdem ich die Casa di Goethe in der Via del Corso 18 in Rom endlich besucht habe, als 16-Jährige einmal im Weimarer Gartenhaus war und als Teenagerin in einer Goethestraße wohnte, sollte ich nun doch bald einmal auch Sessenheim (von Goethe Sesenheim geschrieben) aufsuchen, das – etwa 40 km nordöstlich von Straßburg – eigentlich rasch zu erreichen ist. Vom 2.April 1770 bis zum 14.August 1771 hat Goethe, der in Straßburg Jura studierte, sich auch immer wieder in Sessenheim aufgehalten und die dortige 19-jährige Pfarrerstochter Friederike Brion besucht. Ich bin tatsächlich nach ihr benannt, wie die Eltern erzählten, und nicht nach der Großmutter väterlicherseits, die in der Familie nur als Frieda bekannt war. Ein paar Erinnerungsstücke hat man in Sessenheim zusammengetragen und ausgestellt, ein Goethe-Memorial errichtet mit Büstenkopf und Huldigungs-Inschrift und einen Goethe-Wanderpfad ausgewiesen, der wohl auch über den Goethe-Hügel (anderer Name: Friederiken-Ruh) führt. Die Grabplatten von Friederikes Eltern sind an der südlichen Außenwand der evangelischen Kirche zu sehen, während Friederike selbst in Meißenheim bei Lahr beerdigt ist, wo sie – die zeitlebens unverheiratet blieb und lange im Elternhaus wohnte – zuletzt mit ihrer Schwester lebte und im Alter von 61 Jahren am 3.April 1813 starb. Das Sessenheimer Pfarrhaus hat Goethe auch in einer Rötelzeichnung skizziert. Bekannte, von Goethe mehrfach selbst überarbeitete Gedichte, stehen in Zusammenhang mit der Friederiken-Beziehung: Mailied, Heidenröslein, Willkommen und Abschied. Hat man mit Sehen, Hören, Lesen, Wandern noch nicht genug von Johann Wolfgang und Friederike Elisabeth, dann kann man sich den Sessenheim-Aufenthalt auch noch so richtig einverleiben – mit einer Gourmandise de Goethe: ein wahrer Bäcker-Meister kreierte den Gaumenschmaus aus Mandeln, Haselnüssen, in Fleur de Bière eingelegten Pflaumen und einem Überzug aus Marzipan.
Der Hebelbund Lörrach hat den Hebelpreisträger von 2010 im Hebelgedenkjahr (200.Todestag) geladen, und da kommt er hinein in den Hebelsaal des Dreiländermuseums, legt die cognacfarbene Lederaktenmappe ab auf einen freien Stuhl in meiner Reihe, nimmt aus einer Baumwolltasche Bücher und Schreibutensilien, geht zum kleinen Tisch, der mittig auf jener Bühne steht, auf der wir Choristen im Juni zur Vernissage der Ausstellung 100 Jahre Motettenchor Come and hasten to the dancing (von Edward Elgar) gesungen haben, nimmt Platz, arrangiert seine Materialien hinter Wasserglas und Wasserflasche und wartet dort in Ruhe ab, bis die Vorredner ihre (durchaus lebendigen, Hebel und Stadler würdigenden) Worte losgeworden sind. Dann beginnt er zu lesen, Stühle sind nur wenige frei geblieben, die Reihen zwischen den Motettenchor-Exponaten sind gut gefüllt. Stadler (geb. 1954 in Meßkirch) liest als erstes einen neuen Text, den er geschrieben hat für sich und für uns („für Sie“), die Zuhörerschaft, und dann höre ich nicht genau, sagt er, einen neuen Hebel- oder einen neuen Himmel-Text. Auslöser jedenfalls war die Anfrage einer SWR-Redakteurin, sie aber stellte Hebel in die zweite Reihe, und da er dort nicht hingehört, empfand der Schriftsteller den Auftrag, ihn in die erste Reihe zu platzieren, wo er doch schon immer war und weiterhin ist, seit 200 Jahren, und nun könnten alle zusammen in diesem Weltraum der Poesie leben, für immer. Und dann bekennt Stadler, der u.a. wieder im kleinen Weiler lebt, in dem er aufwuchs, dass Hebel zu lesen immer wie ein Heimweg gewesen sei für ihn, „vom Kindergarten an hörte ich den Hebelklang.“ Worauf es ankomme, wäre der Klang, wird er auch noch sagen, und dass Hebels Sprache Klang sei, man könne sie singen. Walter Benjamin und Elias Canetti hätten ihr eigenes Schreiben an demjenigen Hebels überprüft. Stadlers Text kümmert sich auch um Charakterzüge, Themen und Vorlieben Hebels: den Zeitgenossen Jean Paul habe er neidlos verehrt, für Gelassenheit in schwierigen Zeiten habe er votiert, alles Dogmatische abgelehnt, ein Versöhner sei er gewesen, Weltgeschichte und persönliche Geschichte seien in Hebel zusammengefallen, „zämmekait“. Auch die Themen Vergänglichkeit und Unvergänglichkeit, Heimat und Heimatlosigkeit klingen an. Und dann klingt etwas anderes, nämlich die Glocke des nahen Kirchturms, es ist Sonntag, 18 Uhr, Stadler unterbricht sein Lesen, fragt (mit Dialektfärbung), ist das jetzt das Betläuten – ja, bekräftigt er selbst und ja, stimmen manche aus dem Publikum ein, das abendliche Betläuten oder Angelusgeläut. Noch einmal wird er die Lesung unterbrechen: „ach, jetzt sehe ich gerade jemand, bist Du es, R…., bist Du extra gekommen aus…?“ Die Angesprochene sitzt mit ihrem Begleiter in der Reihe vor mir und nickt lächelnd. Nach dem Hebeltext folgen Passagen aus dem allerersten Roman und aus dem jüngsten „Irgendwo. Aber am Meer“, den ich leider noch nicht gelesen habe. Stadler erzählt, was der auslösende Impuls zum Schreiben dieses Buches war: eine Veranstaltung auf Schloss Sayn anlässlich von Westerwälder Literaturtagen, bei der er geladen war zusammen mit einem anderen sehr bekannten Schriftsteller, den er aber im Buch nicht nenne, auch mit einem sehr bekannten Moderator, ein gutes Gespräch sei es gewesen, dann aber habe es von einer Dame aus der Zuhörerschaft Äußerungen gegeben (er nennt die wetternden Sätze), die ihn so getroffen hätten, dass er noch auf der Rückreise begonnen habe, das Buch zu schreiben. Das Schreiben des Romans sei also ein großer Heimweg gewesen. Mit dem Füller und blauer Tinte signiert Arnold Stadler schließlich auch den Vorgänger-Roman „Am siebten Tag flog ich zurück. Meine Reise zum Kilimandscharo“, den ich im Sommer 2021 erworben und mit großer Freude gelesen habe. (erschienen bei S.Fischer 2021)
Irgendwann wird im Laufe des Abends auch Goethe erwähnt und dieser beziehungsweise seine Lyrik ist der Grund, warum mein Blog nun eine Pause einlegt. Der nächste Eintrag ist vorgesehen für den 7.Oktober. Kurzbeiträge zwischenzeitlich auf meinem Instagram-Account @achfrie58
Wie alt der Gingko im Iselin-Weber-Park ist, will ich wissen. Und stoße auf einen Artikel von Silvia Hofmann „Historische Gärten in Riehen“, der 1988 im Jahrbuch z’Rieche erschienen ist. Klosterzinspflichtige Höfe und Rebgüter seien die großen Landgüter ursprünglich gewesen, ist dort zu lesen, die im 16.Jahrhundert einer neuen Nutzung zugeführt wurden als Sommerfrischen und Lusthäuser der Basler Oberschicht. Aus dem Jahr 1786 existiert ein Plan, der die barocken Gartenanlagen von Glöcklihof und Iselin-Weber-Gut zeigt mit einer Einteilung des Gartens in einen Zier- und einen Nutzteil. Im 19.Jahrhundert schließlich wendet man sich von formaler Strenge ab und gestaltet einen der Natur nachgeahmten englischen Park. Das Iselin-Weber-Gut hatte bereits vor 1820 eine englische Anlage. Riesige Baustellen waren die Riehener Landgüter offenbar in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts mit großen Erdbewegungen, Pflanzarbeiten und baulichen Veränderungen, gleichzeitig im Berowergut und im Iselin-Weber-Gut. Wobei verwandschaftliche Verhältnisse die Besitzer verbanden. Vermutlich zwischen 1826 und 1835 zeichnete auf dem Höhepunkt seines Könnens der Gärtnermeister und Gartengestalter Jean-François Caillat d.Ä. den undatierten Gartenplan des Iselin-Weber-Guts mit großem Detailreichtum und als Novum mit einer Beschreibung des Wasserleitungssystems. In der kolorierten Tuschzeichnung haben die Bäume eine Sonnen- und eine Schattenseite, die Farben reichen bei den Nadelbäumen von hellem Blaugrün bis zu kräftigem Tannengrün, bei den Laubbäumen von gelblichem Hellgrün bis zu sattem Dunkelgrün. Der Weiher erhielt klares Hellblau und die Blütenfarben der Blumeninselbeete eine differenzierte Farbgebung mit Blau-, Gelb- und Rottönen. Die Legende des Plans ist in französischer Sprache verfasst (Caillat stammte aus dem Waadtland). Zum 1988 noch nicht öffentlich zugänglichen Iselin-Weber-Park heißt es im Artikel: „Hinter dem imposanten Gittertor zur Baselstrasse hin verbirgt sich etwas Besonderes: eine der schönsten Gartenanlagen in Riehen überhaupt. Ihre Ausdehnung (…) ist zwar respektabel, doch wirkt der Park in all seinen Aspekten intim,… Evoziert werden diese Empfindungen in erster Linie durch die geschickte Anordnung der Baumgruppen und Solitäre, die, wie es der Gartenarchitekt Caillat Vater ja beabsichtigt hat, das Auge hierhin und dahin führen und es immer wieder neue Perspektiven entdecken lassen.“ Und wie alt ist nun der Gingko-Baum, der die drei Stockwerke des von Peter Zumthor neu geschaffenen Wyss-Baus überragt? Baumreste des zweiten Basler Botanischen Gartens fanden offenbar in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts Einzug in den Iselin-Weber-Park, darunter auch der Gingko biloba, dessen Alter zum Zeitpunkt des Artikels auf 100 bis 120 Jahre geschätzt wurde.
Jenes Baumes Blatt,
altem Garten anvertraut,
trägt noch immer Grün.
(Dreizeiler frei nach Zeilen der ersten Strophe des von Johann Wolfgang v. Goethe 1815 verfassten Gedichtes Ging(k)o biloba)
(Marie Luise Kaschnitz schrieb Der alte Garten. Ein Märchen. Der Klappentext auf der Buchrückseite meiner alten Suhrkamp Taschenbuch-Ausgabe von 1977: „Ein Buch, das nie aufhört Märchen zu sein, und das sich doch auch ganz anders lesen lässt. Dem Menschen wird eindringlich klargemacht, dass die Welt, in der er lebt, ihm nicht einfach zur Verfügung stehen kann, dass sie nicht nach seinem Gutdünken manipulierbar ist.“)
Zerlegen – der Begriff wird in einem Artikel über die von Peter Zumthor verwirklichten neuen Gebäude der Fondation Beyeler benutzt: „… ein Museumsgebäude in Einzelteile zerlegen, dann ergäbe das…“. Ich meine eher, Peter Zumthor (geb. 1943 in Basel) fügt zusammen. Und zwar das, was zusammengehört: Landschaft, Licht, Baumbestand, Materialien, Museumsgebäude.
„Ich liebe Museen“, sagt der Architekt und „I strive to build structures that will be loved”. Sie sind zu spüren, die Liebe und das Bemühen. Und so ist man am 26.September 2026 bei der Öffnung des Ensembles berührt. Und denkt, ja, dieses Werk wird ein beloved one sein. Der Tag feiert mit, spätsommerlich leuchtet er Park und Gebäude vollendet aus. Maurizio Cattelans Drummer Boy lässt unter wolkenlosem Blau seine Beine vom Dach des Wyss-Baus baumeln, und der das Gebäude überragende Gingko demütigt seinen Schatten auf die Helle gestampften Jurakalksteins aus dem Laufental. Sofort will man es dem Schatten gleichtun und die Wand berühren, sie heißt die Berührung willkommen, mit langen Bänken zum Verweilen lädt sie dazu ein. Die großen, während der Bauphase geschlossenen Tore zum ehemals privaten Iselin-Weber-Park stehen nun weit offen, auch ohne Museumseintritt ist er jetzt öffentlich zugänglich wie der bestehende Berower-Park beim Renzo Piano-Bau auch. Es ist fast nicht zu glauben, aber am Nachmittag des Eröffnungstages empfängt einen das Gelände mit einer Ruhe, die man nicht anders als andächtig nennen kann. Auf verstreut stehenden Stühlen sitzen Lesende, Zeichnende, Schauende. Andere flanieren auf sonnengefleckten Wegen zum Seerosenteich, in der Obhut alter Baumgesellen. Sie sind die Ureinwohner des Parks, die Besucher begegnen ihnen mit Ehrfurcht. Auch Louise Bourgeois‘ riesige Spinne (Maman,1999) fügt sich da ein, als sei sie nichts anderes als eine große Luftwurzel, die eine Lichtung behütet. Und dann kann man sogar hinein in den Wyss-Bau. Es ist nur logisch, dass einen dort Wolfgang Tillmans‘ tree filling window (2002) empfängt. Denn in den hellen, hallenartigen Räumen (je einer in den drei Stockwerken) bannen einen nicht nur die behutsam gewählten Kunstwerke, sondern die bodentiefen und wandhohen Seitenfenster, durch die man sozusagen in die Umgebung fällt. Und aufgefangen wird vom Grün der Bäume, vom Braun der Ackerfurchen, von Hausfassaden und Dächern, von den Kühen, die ungerührt grasen hinter dem neuen, japanisch anmutenden Ammann-Pavillon, in dem ein Steinway-Flügel für künftige Konzerte bereit steht. Im dritten Stock tritt man auf die Dachterrasse, bestaunt das Muster, das bereitgestellte Stühle auf die hellen Fliesen werfen und die Holz-Glas-Fassade des Erlen-Torhauses gegenüber, das als drittes Gebäude das Ensemble komplettiert und Anlieferungsort für Kunstwerke, Büro- und sonstige Nutzflächen bereithält. Cattelans Drummer Boy kommt man dabei ganz nah, und ab und an schlägt er auch tatsächlich seine Trommel. Ein lichter Außentreppenschacht führt einen wieder hinunter in den Park, der einem bereits in dreieckigen Wanddurchlässen entgegenkommt.
Ja, denke ich, nichts ist zerlegt, es ist zusammengefügt – so, als habe es nicht anders sein können und so, als sei es nie anders gewesen.
(Die Öffnung der Gebäude erfolgt schrittweise, es gelten derzeit insgesamt geänderte Öffnungszeiten, auch für den Renzo Piano-Bau; Informationen unter https://www.fondationbeyeler.ch)
Der für die Kalenderwoche 40 im Herrnhuter Losungsbüchlein angegebene Wochenspruch steht im ersten Johannesbrief, ein Teil des vierten Verses aus Kapitel 5. Ich zitiere nach der Elberfelder Übersetzung:
Und dies ist der Sieg, der die Welt überwunden hat: unser Glaube.
Die Bibellese für den heutigen Sonntag ist Psalm 138, einer der davidischen Psalmen:
Preisen will ich dich mit meinem ganzen Herzen, ich will dir spielen vor den Göttern. Ich falle nieder vor deinem heiligen Tempel, und deinen Namen preise ich wegen deiner Gnade und Treue. Denn du hast dein Wort groß gemacht über deinen ganzen Namen. An dem Tag, da ich rief, antwortetest du mir. Du vermehrtest mir in meiner Seele die Kraft. Alle Könige der Erde werden dich preisen, HERR, wenn sie die Worte deines Mundes gehört haben. Sie werden die Wege des HERRN besingen, denn groß ist die Herrlichkeit des HERRN. Ja, der HERR ist erhaben, doch er sieht den Niedrigen, und den Hochmütigen erkennt er von fern. Wenn ich auch mitten in Bedrängnis wandeln muss – du belebst mich. Gegen den Zorn meiner Feinde wirst du deine Hand ausstrecken, und deine Rechte wird mich retten. Der HERR wird es für mich vollenden. HERR, deine Gnade währt ewig. Gib die Werke deiner Hände nicht auf!
…so würde er inzwischen seinen Titel lieber nennen, sagt Dr. Andreas Loos gestern Abend in der denk-bar, anstelle von Die Kunst gut zu hoffen. Mir gefällt beides, auf jeden Fall aber gehört das Handwerk untrennbar zur Kunst. Aus persönlich schwierigem Erleben gespeist, setzt sich der Theologe Loos (20 Jahre lang Dozent für Systematische Theologie am Theolog.Seminar St.Chrischona, seit 2022 bei fokustheologie.ch und reflab.ch in Zürich) intensiv mit Begriff und Inhalt von Hoffnung auseinander und lädt zum Nach- und Umdenken ein. Weg von Hoffnungszwang, Verzweckung, Triumphalismus hin zu den unerwarteten, unverfügbaren, unerdachten, unbedachten Möglichkeiten, mit denen Hoffnung uns ständig umspielt, die sie uns zuspielt. Im Schnelldurchgang streift er die Hoffnungsskepsis in der Antike, Hoffnung ist das große Übel, das bewusst in der Büchse der Pandora bleibt, die Stoiker lehren die Abkehr vom Begehren für ein Leben ohne solcherart Hoffnung und ohne Furcht. Aber: Menschsein ohne Hoffnung ist nicht möglich (siehe auch Victoria McGeer, Princeton University The Art of Good Hope), die Hoffnung ist Handlungsermächtigerin. Dabei beinhaltet „gutes Hoffen“ die ehrliche Auseinandersetzung mit Leid und Verzweiflung, die Lockerung einer Fixierung auf ein bestimmtes Hoffnungsgut, Loos zitiert aus Dorothee Sölles Buch Leiden, dass in der Passionsgeschichte Jesu eine entscheidende Wendung vollzogen wird: die Wende von der Bitte, verschont zu bleiben hin zum verzweifelt klaren Bewusstsein, es nicht zu werden. Im Buch der französischen Philosophin Corine Pelluchon mit dem wundervollen Titel Die Durchquerung desUnmöglichen wird auch der Unterschied zwischen espérance und espoir beleuchtet. Nicht der Mensch findet die Hoffnung, sondern die Hoffnung sucht und findet den Menschen; er kann ihr aber helfen, dass er gefunden wird, zum Beispiel, indem er einen entsprechenden Raum schafft oder aufsucht, indem er im Zustand der Neugier bleibt. Hoffnung ist Sinn und Geschmack dafür, was an Gutem möglich ist. Für (christliche) Hoffnung ist Zukunft nicht nur ein in der Zeitachse Vergangenheit-Gegenwart-Zukunft folgendes Futurum, sondern ein Adventum. Gott kommt entgegen aus dem Reich seiner Möglichkeiten, die uns in unsere Gegenwart gespielt werden, so dass eine solche Zukunft von der Vergangenheit befreit sein kann.
Hingezogene Hoffnung macht das Herz krank, heißt es in Sprüche 13 Vers 12, aber ein eingetroffener Wunsch ist ein Baum des Lebens.
(Artikel von Andreas Loos: Hoffen bei Nebel, in: Aufatmen, Ausgabe 3/2026 August, SCM Bundes-Verlag, Witten)
(Corine Pelluchon: Die Durchquerung des Unmöglichen. Hoffnung in Zeiten der Klimakatastrophe. C.H.Beck 2023)
Der 17.September bringt am Mittag spätsommerliche Wärme auf und eine Himmelsbläue, die nur von kaum kaschierenden Schleiern verfälscht ist. Hinauf! – tönt es in mir, gefärbt von Mendelssohns Walpurgnisnacht-Klängen, aber ich will nicht auf den Brocken, sondern zum Ottilienkirchlein, das verlässlich auf dem Hügel thront. Ich habe keine Eile, gehe gemächlich, die Rebstöcke links über der Himmelsmauer, die freundlich blauweiß den Schlipf stützt, sind bereits ihrer dunklen Trauben beraubt. Ein Rinnsal, dessen feuchter Ursprung sich im Hügel verbirgt, quert den Weg und spielt beim Sturz in den Gulli laut auf. Dagegen kommt der vom nahenden Herbst geschickte Windhauch nicht an, tonlos zittern die Gräser. Einzelne Brombeerranken lassen sich locker über sonnenbelichtete Kalksteinquader der nächsten Stützmauer fallen, sie klammern nicht, haben Freude am Spiel mit den Schatten. Die Kuppel aus Blattwerk, durch die der noch asphaltierte Weg führt, hat der langen Trockenheit Tribut gezollt, bemüht sich aber weiter, ihr Grün hoch oben zum sakralen Raum zu verschränken. Am Brunnen im Gewann Petris verweile ich, satt und mit Bassresonanz empfängt das Wasser im steinernen Trog den frischen Strahl. Neben dem Becken klärt Schild Nr.32a des Weiler Weinwegs über das Wasser am Tüllinger auf: eine Anzahl von Quellen gibt es, meist führen sie aber wenig oder unregelmäßig Wasser, dennoch sind sie auf klingende Namen getauft und haben bis in die 1960er Jahre die Wasserversorgung der Altweiler Haushalte übernommen. Ich bestaune das Wort Quellhorizont und dessen Vorhandensein, mit der Kalkbank zieht er um den ganzen Hügel herum und speist die meisten der das Gelände furchenden Gerinne. Dann löse ich mich vom Brunnenklang und biege auf den ansteigenden Trampelpfad ein, kein Glatthafer haucht mir heute eine Berührung in die Handfläche, aber dort am Baum sehe ich Weihnachtskugeln kräftig rot leuchten – doch nein, das sind ja Äpfel, bemerke ich und büße die Annäherung durchs hohe Gestrüpp mit üppigem Klettenbefall. Wie winzige Tierchen sitzen die Wunderwerke sandfarben mit ihren Hakenhärchen in der leichten schwarzen Strickjacke, innen und außen, denn wegen der Wärme baumelt die Jacke lose an den Beinen herunter, nur von verknoteten Ärmeln gehalten. Noch lange werde ich zupfen, tupfen und rupfen, bis ich mich der Winzlinge wieder entledigt habe. Die schlaffen Blätter eines Kirschbaums sind auch befallen, schwarze Flecken und gestanzte Löcher zeugen von der Schrotschusskrankheit. Plötzlich taucht rechts im strohiggrünen Einerlei schüchternes Violett auf, zwei Herbstzeitlose sind es, die die ausgedörrte Erdkrume durchbrochen haben, die safrangelben Staubbeutel sind gar nicht schüchtern, sondern übertrumpfen die Sonne. Jetzt bin ich bei den drei Zinkgießkannen, aber ach, die dritte hat ihr Brausemundstück verloren und muss sich gegenüber den Schwestern hängen lassen. Gräser, Blätter, Äste und Stämme verwirren sich im Waldstück neben dem Treppenaufgang, der mich schließlich auf den Kies des Kirchenvorplatzes entlässt. Auf der Sandsteinmauer liegen sonnengeschriebene Buchstaben wie Spiegelschrift – ja, Ziel in Sicht und der Atem fliegt über die tiefliegende Ebene zu den Höhenzügen, die drei Ländern angehören. Ich trete ins Kirchlein ein, sofort umarmt mich ohrenfüllende Stille, niemand ist hier, nur ich und wohl der, der mir aus Gewandfalten weit gebreitete Arme und durchbohrte Hände entgegenstreckt. Ich setze mich eine Weile, das Buntglas der beiden Fenster malt flirrende Reflexe an die Wand, dann trete ich vor in den Altarraum, in der alten Bibel ist heute das Buch des Propheten Jeremia aufgeschlagen, es geht um Nebukadnezar und um solche Propheten, die falsch sprechen und Wahrheit nur täuschen, gehorchet ihnen nicht, heißt es da und denn also spricht der Herr Zebaoth. Die drei Jungfrauen weiß ich unverändert an der Rückwand der leeren Grabnische, wende mich aber nun einem Stehpult zu, das ein neues Besucherbuch trägt, meine früheren Einträge finde ich nicht mehr. Auch ein Angebot Zum Innehalten liegt bereit, ich blättere durch Gebete, Texte, Meditationen, gleich zu Anfang ein Gedicht von unbekanntem Autor: Der alte Brunnen spendet leise/sein Wasser täglich gleicherweise./Ich möchte diesem Brunnen gleichen,/was in mir ist, stets weiterreichen lautet die erste Strophe, auf der nächsten Seite folgt Psalm 23 auf Mt 11,28 Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken und weiter hinten lese ich Friederike Mayröckers Rhapsodie:Ich lasse Dich nicht Du segnest mich denn/Ich lobpreise ich lobsinge/ich lobe Dich in Deinen Monden in Deinen/schmalen wiegenden messingfarbenen Monden/die meine Nacht klar machen/Ich lobe Dich ich preise Dich in Deinen/Sonnen die übereinanderwogen in Deinen/ dürstenden Horizonten… Textgesättigt bin ich nun, noch immer allein, ich löse mich vom stillen Raum, auf dem Vorplatz trifft eine Kindergruppe ein, „ich seh‘ Basel“ ruft eine helle Stimme, „guckt mal, dass ihr Kastanien findet“ mahnt die einer Erwachsenen, Schulranzen werden an den Fuß der Sandsteinmauer gelehnt, fast alle sind blau, schnelle Schritte bringen den Kies durcheinander und unter den ausladenden Ästen der alten Kastanien, die Laub und auch Früchte noch halten, werden erste Sammlungserfolge gemeldet. Von einer Bank zur Linken erreicht mich Zigarettengeruch, verdünnt in der Septemberluft gefällt mir seine Würze gut und ich nehme einen tiefen Atemzug, bevor ich meinen Weg Richtung Westen fortsetze.
…hat jemand mit weißer Tinte fein akkurat ins alte Fotoalbum geschrieben und sich bei manchen Seiten große Gestaltungsmühe gegeben. Anderes ist unbeschriftet versammelt und springt in den Zeiten, Nachgeborene haben Zuordnungsmühe.
Es sind Fotos aus dem Leben meiner Großeltern mütterlicherseits. Endlich beginne ich mit der Sichtung mir überlassenen Materials (Fotografien, Briefe, Dokumente).
Da sitzt der Großvater, lange bevor ich ihn kannte, auf weißem Gartenstuhl in einem prächtig anmutenden Garten. Ein Buch in der Hand. Fast alles hat er, der Methodistenpastor, sich selbst beigebracht.
Da lagern Großvater und Großmutter im Gras unter einem Baum und halten wohl recht vergnügt Sonntagsschule. Oder was ist es, auf das die Kleinen sich konzentrieren sollen?
…so steht es für heute gedruckt in den Kalendern. Die zweite Tagundnachtgleiche des Jahres. Die Sonne wendet sich der Südhalbkugel zu, bis zur Wintersonnwende wird sie nun jeden Tag flacher und flacher bei uns ankommen.
Nach dem großen Sommer sind wir vom frühen Dunkeln überrascht und erblicken erstaunt erste Herbstzeitlose, sie haben das trockene Erdreich durchbrochen. Noch tanzen zitronengelbe Falter über die zarten Blüten und Sportler joggen in kurzen Hosen über den Hügel. Kaum ein Nebel wagt sich hervor, allenfalls läuft leichter Wind durch Blätter und Gräser.
Werden wir wie Jill Barklem in Brombeerhag im Herbst sagen: Es war ein wunderschöner Herbst? Werden wir dem allzeit vergnügten Tabakraucher von Johann Peter Hebel Im Herbst beipflichten und sprechen: Chönnt denn d’Welt no besser si?/Mit sim Trübel, mit sim Wi/stärkt der Herbst mi lustig Bluet,/und mi Pfifli schmeckt so guet (Könnt‘ die Welt denn besser sein?/Mit den Trauben und dem Wein/stärkt der Herbst mein lustig Blut,/und mein Pfeiflein schmeckt so gut)?
Die Schatten länger.
Ein Wind läuft durch die Gräser.
Der Abend noch licht.
(Jill Barklem: Brombeerhag im Herbst. Aus dem Englischen von Ilse Walter. Annette Betz-Verlag, Wien-München 1981)
(Das Jahreszeitengedicht Der allzeit vergnügte Tabakraucher von Johann Peter Hebel in Alemannische Gedichte. Reclams Universalbibliothek Nr.8294, Philipp Reclam jun.,Ditzingen 2007)