Isola San Giulio 2

Das gerahmte Schwarz-Weiß-Foto der Isola San Giulio (Ortasee, Piemont) hing in meinem Elternhaus über der Telefonablage in der Diele. Auf der an der Wand angebrachten Ablage stand das beige Telefon, erst noch mit Wählscheibe, später hatte es eine Tastatur, immer aber eine lange Schnur, so dass man es von der Ablage nehmen und sich damit ein Stück entfernt auch hinsetzen konnte. Oft saß dann vor allem die Mutter auf dem einfachen, dicken Teppich in der Diele mit dem Telefon im Schoß, die Beine ausgestreckt, so milderte sie ihre Müdigkeit. Sie war als Gesprächspartnerin im Dorf und darüber hinaus sehr gefragt, nicht nur am Telefon und nicht nur als Frau des Bürgermeisters. Der Blick auf die Isola San Giulio war der Blick auf einen Sehnsuchts- und Familienort und ein Blick in frühe Zeiten. Bereits als Verlobte war sie mit dem Vater auf der Mauer des Sacro Monte gesessen im grünen 50er-Jahre Sommerkleid, hatte auf die Isola, den See und die dahinter liegenden Hügel geschaut. Auch ihre Eltern waren dabei gewesen, auf einem vom Verlobten aufgenommenen Foto stehen Eltern und Tochter glückselig auf dem Treppenbalkon des Rathauses von Orta. Die Isola San Giulio blieb ein Familienort, über viele Jahre traf sich dort die Großfamilie in wechselnder Zusammensetzung und zu wechselnden Zeiten, auch im noch kühlen Frühjahr, das dennoch den Süden versprach. Der Fährmann Mario schipperte Kleine und Große von Orta aus hinüber zur Insel und holte sie auch wieder, wenn Abschied genommen werden musste. Ich weiß noch, dass ich als Kind immer das Gefühl hatte, die Insel gehöre uns, auf jeden Fall gehörte sie zu uns. Die Großeltern blieben meist länger, viele Wochen, auch die Schreibmaschine des Großvaters wohnte dann auf San Giulio.

Das gerahmte Schwarzweiß-Foto habe ich in eine Vitrine des Raumes gestellt, den ich beginne, mein Schreibzimmer zu nennen. Auf meiner inneren Liste steht: Orta, Sacro Monte, Isola San Giulio in Farbe vor Ort erleben!

(siehe auch Blogeinträge vom 28.Februar und 17.März 2025)

Römische Freuden 9

(römische Freuden 1-8 siehe Blogeinträge vom 20.01.,21.01.,27.01.,30.01.,03.02.,06.02.,11.02.,16.02.)

…, und eine Woche später war sie wieder in den Vatikanischen Museen unterwegs gewesen, die ungeheure Ansammlung von Kunst und Kostbarkeiten aller Zeiten hatte sie fast wirr gemacht und in ihr den Wunsch geweckt, in jedem Saal möge nur eine Skulptur stehen oder nur ein Bild hängen, damit jedes einzelne Kunstwerk seine Schönheit und Besonderheit ungestört darbringen könne,

und sie hatte sich gefragt, warum die alten Ägypter die Leiber der Verstorbenen so haltbar gemacht hatten, die Mumien in ihren Sarkophagen waren ihr arm vorgekommen und hatten sie an nasse, zertretene Blätter und gar nicht mehr an Menschen erinnert, mit anderen Leben aber hatte sie sich wundersam verbunden gefühlt,

verbunden, obwohl sie diese Leben nicht kannte, hatten doch die Künstler Hand an das Original gelegt, vor dem sie nun stand und die Leben kamen ihr nahe im Werk, etwas, das ihr Reproduktionen nicht schenkten, wie sie notiert hatte,

die Büste des Julius Cäsar oder des Perikles, die Laokoon-Gruppe waren ihr zuvor nur in Schulbüchern begegnet, jetzt erlebte sie Nähe, auch bei den von Raffael und seinen Schülern ausgemalten Stanzen, beim Abguss von Rodins Denker, bei den Lesenden Mönchen von Barlach, die ihr so ausdrucksstark erschienen waren in ihrer Einfachheit,

und sie hatte versucht, sich Hintergründe zu erarbeiten, die ihr fehlten, mit Stützers Römischer Kunstgeschichte, aber sie wollte gar nicht beflissen gebildet sein, oder so tun müssen, als sei sie beflissen gebildet, auch wenn sie gerne stöberte in der Libreria Herder an der Piazza Montecitorio, lieber las sie in ‚Engelsbrücke-Römische Betrachtungen‘ von Marie Luise Kaschnitz, das die Mutter ihr geschickt hatte,

und unterhielt sich mit den Waschfrauen und Büglerinnen im Keller der Casa beim Mangeln der Wäsche oder mit Anna aus Napoli beim Präparieren eingelegter Peperoni, buk mit der munteren J. und der trägen S. ein Lebkuchenhaus, flocht mit den Diakonissen tannenduftende Kränze für den Adventsbazar der deutschen evangelischen Kirche, ging mit der Südtirolerin Maria zur feierlichen Christmette im Petersdom,

wo Papst Paul VI. zelebrierte, den sie auch am 8.Dezember an der Colonna dell’ Immacolata erlebt hatte auf der Piazza Mignanelli, nahe der Spanischen Treppe und dem von Berninis Vater geschaffenen Schiffbrunnen, so dass sie später und weit von Rom am 6.August 1978 in ihrem Tagebuch seinen Tod festhielt,

heute Abend, hatte sie geschrieben, um 20:40 Uhr starb in Castelgandolfo Papst Paul VI., möge er nun Frieden haben. Dankbar sei sie, hatte sie notiert, dass sie ihm noch begegnen konnte, nicht nur durchs Fernsehen, dass sie ein paar Blicke in sein Gesicht habe machen können und daher alles, was man über ihn lese und höre, nun in Verbindung damit beurteilen könne,

und überhaupt hatte sie all die römischen Freuden aufgesaugt, sie hatte kaum ihren Augen getraut, als sie eines Mittags auf der weitläufigen Dachterrasse des dem Diakonissenheim gegenüberliegenden Collegio ein köstliches Bild wahrnahm: Priesteranwärter übten in langen schwarzen Kutten Rollbrettfahren, stützten einander und hielten hoch über Rom ungeschickt die Balance, …

(Fortsetzung folgt)

(Herbert Alexander Stützer: Römische Kunstgeschichte. Herder-V. Freiburg-Basel-Wien 1973)

(Marie Luise Kaschnitz: Engelsbrücke. Römische Betrachtungen. Dtv München, 2.Aufl.1976)

(die kursiv gesetzten Wendungen im Text finden sich auch – an unterschiedlichen Stellen und ggf. in grammatikalisch gering anderer Form – in Friedrich Christian Delius „Bildnis der Mutter als junge Frau“, Rowohlt TB-Verlag, 3.Aufl.2010)

(Foto 4.Aug.2024)

Aschermittwoch – Beginn der Passionszeit

In der hiesigen Regio Trirhena ist mit dem Aschermittwoch die Fasnachtszeit noch nicht vorbei. Immer am Sonntag nach Aschermittwoch folgt die Weiler Buurefasnacht mit großem Umzug, vielen Hästrägern (Häs – aus dem alt- und mittelhochdeutschen für Kleid, Kleidung, Gewand – bezeichnet das Narrenkostüm der schwäbisch-alemannischen Fasnet) und Zuschauern. Sozusagen nahtlos schließen sich die drei scheenschte Dääg der Basler Fasnacht an, der Morgestraich erhellt um 4 Uhr am Montag nach Aschermittwoch die Basler Innenstadt mit den Lichtern der handbemalten Laternen und tausende Kostümierte umspielen mit dem typischen Pfeifen und Trommeln das Sujet ihrer Clique. Das tun sie immer aufs Neue bis zum Ändstraich am Donnerstagfrüh um 4 Uhr.  Eine regelrecht nahe Person ist die Frau Fasnacht den Baslern und Baslerinnen und sie sind mit ihr zu kreativen Höchstleistungen unterwegs. Wegen ihrer Besonderheiten wurde die Basler Fasnacht (die größte der Schweiz) 2017 ins immaterielle Weltkulturerbe der UNESCO aufgenommen. (siehe auch Blogeintrag vom 5.März 2025)

Einen Aschermittwoch kennt das Herrnhuter Losungsbüchlein nicht, aber der heutige Tag ist gesondert gekennzeichnet mit „Beginn der Passionszeit“. Eine Woche vor Ende der Passionszeit, am Palmsonntag (6.Sonntag der Passionszeit) wird der Motettenchor Lörrach beim ersten seiner beiden Jubiläumskonzerte zum 100-jährigen Bestehen des Chores die Johannespassion von Johann Sebastian Bach zu Gehör bringen, ein Werk, das zu den am meisten aufgeführten in der Geschichte des Chores gehört und eines, das „unglaublich narrativ, erzählend“ ist, wie der Dirigent Joss Reinicke in einem Zeitungsartikel äußert, eine szenische Komposition dergestalt, „dass man sich als Chor zeigen kann, sehr plastisch im Musizieren, in der Direktheit“.  „Klangvielfalt durch neue Wege“ ist der Artikel der Badischen Zeitung vom 14.Februar überschrieben und Joss Reinicke charakterisiert den Chor und seine Ausrichtung darin so: „Der Motettenchor ist ein Klangkörper, der große Werke der klassischen Musik auf hohem Niveau dem Publikum zu Gehör bringt. Es ist unser Anspruch, eine Musikkultur, die reichhaltig ist, weiterzutragen und lebendig zu halten. Wir stehen für lebendiges Musizieren und Unmittelbarkeit.“  Zu Lebendigkeit, Flexibilität und Wachheit tragen neues Repertoire, neue Konzertorte, neue Formate, Zusammenarbeiten und Inszenierungen bei, für das zweite Jubiläumskonzert am 18.Oktober im Burghof Lörrach ist u.a. die Uraufführung eines Auftragswerks vorgesehen, das die Komponistin Elisabeth Fußeder (geb.2000) aus Freiburg schreibt, es greift Mendelssohns Vertonung der Goethe-Ballade ‚Die erste Walpurgisnacht‘ auf und trägt sie in die Gegenwart.

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Römische Freuden 8

…, einstweilen aber und bevor sie zum Rom-Abschied die Silhouette des Petersdomes aus grünem Karton geschnitten und umgeben von wenigen mattblauen Worten erhielt, fühlte sie sich bei den Orgelkonzerten geborgen wie in einem Pantheon der Töne, unter einer Himmelsleiter aus lauter himmlischen Tonleitern, unter einer Kuppel aus Harmonien,

und sang mit Freude im Kirchenchor der deutschen evangelischen Kirche, wo sie aus den Augen des im goldenen Mosaikhimmel thronenden Christus, aus dem bärtigen Gesicht unter dem Heiligenschein die leise Ermahnung las, nicht zu viel herbeizuwünschen und herumzuphantasieren, und sie ging nicht nur mit den anderen Haustöchtern nachmittags Lungotevere spazieren oder abends flanieren auf der Piazza Navona,

sondern eroberte sich ihr Rom vor allem allein und zu Fuß, und ging über die Via Cola di Rienzo zu den Vatikanischen Museen, bevor sie auf der Dachterrasse des Diakonissenheims zwischen der Peterskuppel und der Kuppel einer nahen Kirche das Sonnenrot untergehen sah hinter den schwarzgezeichneten Bäumen des vatikanischen Hügels und den Ausruf notierte „wie liebe ich diese Stadt“,

zuvor hatte sie am Freitag, dem 11.November in den Vatikanischen Museen den kleinen Rundgang genommen und zügig die gewölbten, langgestreckten Räume durchquert, Räume, angehäuft mit Decken- und Wandgemälden, Stuck, Wandteppichen, Skulpturen, Schränken, Vasen und Amphoren, denn sie wollte ihr Ziel, die Cappella Sistina rasch erreichen,

und man konnte ja keinesfalls alles auf einmal sehen, das war schlichtweg unmöglich bei der Mannigfaltigkeit an kostbaren Dingen, die zu sehen sie lohnenswert fand, und sie hatte sich vorgenommen, oft herzukommen und bei jedem Mal einen anderen Schwerpunkt zu setzen, und der für den 11.November war eben die Cappella Sistina,

endlich, endlich, hatte sie geschrieben, darf ich die berühmten und oft auf Abbildungen gesehenen Gemälde des Michelangelo betrachten und erfühlen, die Schöpfungsgeschichte an der Decke und das Jüngste Gericht über dem Altar, in ihren wirklichen Farben und Ausmaßen, in ihrer ganzen Natur, im Raum, in dem Michelangelo Buonarroti sie erschaffen hat,

sie hatte nicht wissen können, dass die Farben von der Patina der Jahrhunderte gedämpft waren und wenige Jahre später die ganze Welt über die Kraft ihres originären Leuchtens staunen würde, sondern hatte im ersten Eindruck das dunkle Licht als wohltuend empfunden, das von den zarten Farben der Gemälde ausgegangen war,

und auch so schon gefunden, dass Michelangelos Figuren sich lebhafter, bewegter und ausdrucksstarker dartaten als die an den Wänden, gefertigt von anderen Malern desselben Zeitalters, Pinturicchio, Perugino, Signorelli, della Gatta, Rosselli, Botticelli und Ghirlandaio, die Figuren zeigten sich ihr lebensecht,

und sie hatte gespürt, mit welcher Vehemenz der junge und der alte Michelangelo seine Auffassung zum Ausdruck gebracht hatte und geschrieben, wie glücklich sie sei, in der Nähe seines Schaffens sein zu können, alle Abbildungen könnten kaum einen Bruchteil der Wirklichkeit wiedergeben, sondern lediglich nach dem unmittelbaren Erleben helfen, in der Erinnerung die Atmosphäre erneut erstehen zu lassen,

und vom Ausgang aus hatte sich ihr schließlich noch ein Blick aufgetan in die zauberhaften Gärten des Vatikans, wo sich hinter Stufen von Grünfärbungen die Vollkommenheit der Peterskuppel abhob vom römischen Blau des Himmels,…

(Fortsetzung folgt)

(die kursiv gesetzten Wendungen im Text finden sich auch – an unterschiedlichen Stellen und ggf. in grammatikalisch gering anderer Form – in Friedrich Christian Delius „Bildnis der Mutter als junge Frau“, Rowohlt TB-Verlag, 3.Aufl.2010)

(Fotos: Ausschnitte der Postkarte, die eine Freundin Ende Oktober 1977 mitgab nach Rom)

Sonntag vor der Passionszeit – Estomihi

Der Name des Sonntags leitet sich ab vom dritten Vers des 31.Psalms:

Sei mir (ein starker) Fels!

Heute gebe ich einmal den sogenannten Dritten Text der Tageslosung des Herrnhuter Losungsbüchleins wieder, Ilse Weisgerber hat ihn geschrieben:

Mit ausgeruhten Augen sind wir wieder fähig, genau hinzuschauen und zu sehen, wie Menschen leben. Mit ausgeruhten Ohren fällt es uns wieder leichter, aufmerksam zu sein und zu hören, was jemand sagen möchte. Mit ausgeruhtem Mund finden wir wieder das treffende Wort. Gott, unsere Zuversicht, hilf uns, einander zu tragen, mutig zu sein, uns ins Unbekannte zu wagen. Lass deinen Geist in uns fließen.

Erste Tuchfühlung mit Cezanne

Bis zum 25.Mai sind in der Fondation Beyeler 58 Ölgemälde und 21 Aquarelle von Paul Cezanne (1839-1906) zu erleben. Ich habe heute mit der Kontaktaufnahme begonnen. Das Saalbooklet erwähnt außer den schwierigen künstlerischen Anfängen auch die Schulfreundschaft zum späteren Schriftsteller Émile Zola und den engen Austausch mit Camille Pissaro in den 1870er Jahren, der zur Entwicklung des Malstils beitrug, durch den Cezanne Berühmtheit erlangte. Außerdem erklärt das Heft mir, warum in der Ausstellung die Schreibweise „Cezanne“ ohne Accent verwendet wird: weil der Künstler selbst so signierte und inzwischen die Nachkommen und die Société Paul Cezanne für die originäre Schreibweise plädieren. Und gleich in Saal 1 begegnet mir Monsieur Cezanne, ohne und mit Palette, auf der schon die nebeneinander gesetzten Farbflecken auf die eigensinnige Maltechnik hinweisen – erst beim Betrachten setzen sie sich zu einem farbigen Gefüge zusammen. Monsieur Cezanne nannte sie „taches“ – wohlgemerkt ohne Circonflexe. Saal 2 versammelt zwölf Variationen des Sujets Tisch/Tischdecke/Krug/Obstschale/Obst, drei davon enthalten ein- und denselben grauen Krug, der Ingwertopf auf dem 1890-1893 gemalten Fruit et pot de gingembre ist aber ein anderer und in ein sehr weitmaschiges Netz zum Transportieren gebettet. Eine Nature morte avec pot et fruits aus der Sammlung O.Reinhart „Am Römerholz“, Winterthur, wohl von 1890 und wohl unvollendet geblieben, wird im Booklet gewürdigt mit dem hohen künstlerischen Wert des Fragments, der „Möglichkeit des Werdens“ im „Prinzip des non-finito“, welches „bereits in der Renaissance als Kunst der gezielten Andeutung geschätzt“ worden sei. Das Gemälde hat für mich eine große Schönheit, wie da so der Obstteller, die beiden Birnen, der helle, modern anmutende Krug in der weißen Leere der unbemalten Leinwand schweben und die lediglich angedeutete Tischdecke gerade nur diesen wenigen Dingen einen gewissen Halt zu geben scheint. Umso deutlicher sprechen die Dinge und die Betrachtenden können dem Ensemble Umgebungen ihrer Wahl geben oder auch nicht. Das erinnert mich auch an eine Aussage von Iris Wolff zu ihrer Art zu schreiben, dass sie nämlich nicht immer alles auserzählen, sondern an den Rändern offen lassen wolle. In Saal 6 kommt eine der vielen Variationen des Motivs La Montagne Sainte-Victoire vue des Lauves (um 1904, Privatsammlung, Derbyshire) auch mit wunderbar wenigen, sogar zart anmutenden Pinselstrichen und sparsamer Farbgebung auf weißem Hintergrund aus. Dass Cezanne das Weiß auch gestalten konnte und wollte, davon zeugt das Portrait seines Pariser Kunsthändlers Ambroise Vollard, der 140 Sitzungen hatte über sich ergehen lassen müssen, bevor Cezanne zufrieden war mit der Darstellung des weißen Hemdes. Es ist nur der Ausschnitt des Hemdes, der zu sehen ist, aber der leuchtet nun wunderbar heraus aus dem Braun der Weste und des Jacketts, unter dem Dunkel der Fliege und des Vollbarts (und besteht natürlich nicht nur aus Weiß). Saal 3 beherbergt ein weiteres häufig gemaltes Motiv in mehreren Varianten: Le jardinier Vallier. Das Begleitheft weiß, dass Cezanne zu seinem Gärtner eine besondere Beziehung unterhielt, war doch Vallier nicht nur ein Pfleger von Cezannes Garten, sondern auch einer des Künstlers selbst (der an Diabetes erkrankt war). Noch wenige Tage vor seinem Tod hatte Cezanne an einem Portrait gearbeitet, das den Gärtner auf der Terrasse zeigt, wobei er die Gesichtszüge des Portraitierten immer nur unscharf wiedergab. Auch auf dem in Saal 8 ausgestellten aquarellierten Portrait Valliers ist das so (um 1906, Aquarell und Grafit auf Papier, Privatsammlung). Rainer Maria Rilke hatte sich zu den Aquarellen Cezannes 1907 in einem Brief an Paula Modersohn-Becker so geäußert: „eine Reihe von Flecken, wunderbar angeordnet und von einer Sicherheit im Anschlag: als spiegelte sich eine Melodie“.

Flecken, Melodien oder etwas ganz anderes kann jeder, der möchte (ohne Altersgrenzen, unter 12-Jährige jedoch mit Begleitperson), ausprobieren beim eigenen Kreativwerden im Aquarellatelier, das mehrere Stunden täglich alle benötigten Materialien, Werkzeuge und – falls gewünscht- auch Anleitung bereithält. Inspiriert vom Ausstellungsbesuch und angetan vom unkomplizierten Angebot haben sich schon viele anstecken lassen. Ich hebe es mir für eine weitere Cezanne-Begegnung auf und schaue noch ein wenig im Garten der Fondation umher – und was entdecke ich da: auch er ist farbfleck- infiziert , äh – inspiriert!

(Cezanne, Fondation Beyeler, CH-Riehen, bis 25.Mai 2026)

Gute Dinge

1 Wenn Büroaufstellerausflugstage leuchtend blaue Überraschungen bereithalten, wartet man gespannt (und keineswegs blauäugig) auf das Eintreten der Prophezeiung

2 Auf anderen Schreib-Schreibtischen warten bereits gute Dinge. Zum Beispiel das Herbstgeschenk, das eine Freundin aus Ligurien brachte. (Natürlich musste ich recherchieren, wer G.Tsukiyama ist: wohl die in San Francisco geborene Autorin Gail Tsukiyama, Tochter einer chinesischen Mutter aus Hongkong und eines japanischen Vaters aus Hawai. Sie studierte an der San Francisco State University Kreatives Schreiben und war dort auch als Lektorin für Kreatives Schreiben tätig)

Römische Freuden 7

(Römische Freuden 1 bis 6 siehe Blogeinträge vom 20.01., 21.01., 27.01., 30.01., 03.02. u. 06.02.26)

…, gepredigt hatte auch der 24-jährige Theologie-Doktorand, auf Deutsch und in der evangelisch-lutherischen Christuskirche in der Via Sicilia, und sie hatte seinen Worten gerne gelauscht, auch in der Casa delle diaconesse, wenn sie ihm Pudding gebracht und Gespräche über Gott und die Welt geführt hatte, oder wenn sie an manchen Abenden mit ihm zu Fuß in die Chiesa Sant‘ Ignazio zum Orgelkonzert gelaufen war, über die Piazza Navona und vorbei am Pantheon,

zur Chiesa Sant‘ Ignazio, einer mit dem Jesuitenkloster verbundenen großen Barockkirche, die -wie sie am Donnerstag, den 10.November geschrieben hatte – zur Feier der Heiligsprechung des Hl.Ignatius von Loyola errichtet worden war, mit einer faszinierenden Vielfalt an Deckengemälden und Fresken, und sie war unter der nur gemalten Kuppel gesessen, was ihr zu verdeutlichen schien, dass Größe bisweilen nur vorgetäuscht und Schein ist,

sie hatte die Besucher beobachtet, darunter auch viele junge, alle waren ihr weniger steif vorgekommen als Konzertbesucher in Deutschland, lasen sie doch bis zum Konzertbeginn auch in der Kirche Zeitung, der Organist des Abends war Eugen Grossmann, wie sie notiert hatte, und das Orgelkonzert eines aus dem Aufführungs-Zyklus der Orgelwerke von Johann Sebastian Bach,

und sie hatte geschrieben, dass der Klang der Orgel einen großen, weiten, unwahrscheinlich schönen Raum schaffen würde, in den man hineingenommen und in dem gleichsam alles in einem mitschwingen würde, es wäre die Hingebung der Musik an den Menschen und des Menschen an die Musik, es gäbe keine Trennung mehr, vielmehr würden Mensch und Klang eins,

mit der Ausbreitung der Töne im Kirchenraum würde man eine Dimension erlangen, die einem sonst versagt sei, und dann hatte der Organist als Zugabe noch einen ihrer Lieblingschoräle angestimmt „O Haupt voll Blut und Wunden“ und bei der zweiten Zugabe, einem wahren Orgelsturm, hatte sie unter der Kuppel der Klänge ob der Gewaltigkeit des Instruments ein Zittern empfunden,

und eine Woche später hatte sie wieder in einer Kirchenbank von Sant‘ Ignazio beim Orgelkonzert gesessen und danach in ihrem Tagebuch ein Zitat von Max Frisch festgehalten, das sie gerade im Brief einer Freundin gelesen hatte „Glück als das lichterlohe Bewusstsein: diesen Anblick wirst du niemals vergessen“ , Augenblick, hatte die Freundin aber geschrieben, und sie hatte das bekräftigt und ergänzt mit „es ist wirklich so, aber es ist noch mehr als das“,

im Dezember aber, an ihrem Geburtstag, war sie mit dem Theologie-Doktoranden über die Via Cola di Rienzo zum Petersplatz gelaufen, hinaufgestiegen in die Peterskuppel und hatte vom Dach des Domes heruntergeblickt auf die Umarmung der Piazza durch die Bernini-Kolonnaden und sich über die adventliche Losung zum Tag ihres 19. Geburtstages gefreut,

die der 24-Jährige ihr auf die Karte mit einem Motiv aus den Priscilla-Katakomben geschrieben hatte: „Ich will dem Herrn singen, denn er hat Herrliches getan. Der Herr ist meine Stärke und mein Lobgesang und mein Heil. Das ist mein Gott, ich will ihn preisen, er ist meines Vaters Gott, ich will ihn erheben“, ein Wort aus dem Buch Exodus,

und das liturgische Blatt „Infra Hebd. iii. Adventus“, dem die Karte beigegeben war, würde sie von da an durch ihr Leben begleiten mit seinen roten Notenlinien, mit den schwarzen Noten und Buchstaben der Antiphon „Nolite timere, quinta enim die veniet ad vos Dñs noster“, ohne dass sie beim ersten Blick darauf Künftiges hätte erahnen können,

ohne dass sie beim ersten Entrollen hätte wissen können, dass sie Jahrzehnte später dem Schenkenden einmal wieder begegnen würde und noch einmal sein gesprochenes Wort hören konnte in der Studienstadt ihres Nachkommen, wo der Theologieprofessor auch ab und an predigte in einer Peterskirche, …

(Fortsetzung folgt)

(die kursiv gesetzte Wendung im Text findet sich auch in Friedrich Christian Delius: Bildnis der Mutter als junge Frau, Rowohlt TB-Verlag, 3.Aufl.2010)