Irgendwann schließe ich die Augen. Arresta il passo – wo bin ich? In einer musikalischen Gesellschaft des italienischen Barock? Im Garten der Arkadier in Rom? Mitten im Schäferspiel von Amintas und Phyllis? Auf jeden Fall habe ich Ort und Zeit gewechselt und wohne in Händels Melodien der Opernkantate Aminta e Fillide (HWV 83; 1708), grandios dargeboten vom männlichen Sopranisten Bruno de Sá (geb.1989 in Brasilien), der weiblichen französischen Sopranistin Emmanuelle de Negri und dem lebendig aufspielenden Kammerorchester Basel. Ein Gurren und Tirilieren, ein Zuwerfen, Abweisen, Auffangen, schließlich das von den beiden SängerInnen hinreißend ineinandergewobene Duett, Hochgenuss! Der gesamte Saal mitgerissen in Begeisterung, frenetischer Beifall, Bravo-Rufe, da capo das Duett mit noch mehr fröhlich ausgelassenem Körperspiel, tänzerisch, im Publikum befreites Lachen, standing ovations. Als die Orchestermusiker sich umarmen, bevor sie die Bühne verlassen, öffnen schließlich die Saaltüren, noch in den Klängen der beiden Kantaten schwebend (vor Arresta il passo/Aminta e Fillide gab es Da quel giorno fatale/Delirio amoroso HWV 99) dankt man auch den Polizisten, die rund um den Burghof Wache hielten, denn das Staatsoberhaupt, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier saß in der ersten Reihe. Zu Fuß war er über den Alten Marktplatz zum Burghof gekommen, passo per passo an mir vorbei, umringt von Sicherheitsleuten, Hände von Passanten schüttelnd, Zurufe aufnehmend. Seit Dienstag und bis heute weilt Steinmeier zur „Ortszeit“ in Lörrach, hat u.a. das Musikgeschäft einer altgedienten Chorkollegin aufgesucht, im Phaenovum Forschungsprojekte von SchülerInnen bewundert, beim Mittagstisch eines Quartierstreffs den Senioren das Essen serviert und dort auch Ottmar Hitzfeld begrüßt. Lörrach hatte sich nicht beworben, im April erfahren, dass die Stadt ausgesucht wurde für die dreitägige Ortszeit. „Ich bin froh, hier zu sein, weil wir Städte aussuchen, in denen nicht alles ganz glatt ist. Städte wie Lörrach zum Beispiel, die auch Wandel hinter sich haben, schwierige Situationen hinter sich gelassen haben, die interessant sind für uns. Deshalb steht Lörrach im Fokus, mit der Region hier im Dreiländereck und mit dem Zusammenleben mit Schweizern und Franzosen, auf, wenn ich das so sagen darf, engstem Raum“ – so der O-Ton des Bundespräsidenten zu den Gründen der Wahl. Gut zuhören kann er, das kristallisiert sich als einstimmige Resonanz auf Begegnungen und Gespräche bei Steinmeiers Lörracher Ortszeit heraus. Perfetto also, dass der Termin in die Zeit des Stimmen-Festivals fällt und er nicht nur der stimmlichen Virtuosität von Emmanuelle de Negri und Bruno de Sá lauschen kann, sondern auch deren gut verständlichen italienischen Worten.
(im Wikipedia-Artikel zu Bruno de Sá kann man lesen, dass er nach Phasen der Unsicherheit bezüglich seiner Stimme durch ein Schlüsselerlebnis zu mehr Selbstvertrauen fand und entdeckte, dass Gesang ein Prozess des Loslassens von Ängsten und inneren Spannungen ist, bei dem am Ende die eigene Persönlichkeit sichtbar wird – wie schön!)










