Ein kleiner Friedhof auf dem Tüllinger Hügel. Er neigt sich dem Wiesental zu. Und den Schwarzwaldhöhen. Deutlich zeichnen sie sich ab, mit allen Details. Wo die herbstbreiten Schatten leichter Wolken auf dem Wald liegen, dunkelt er nach. Immaterielles Erbe Friedhofkultur, ein Schild am gusseisernen Eingangstor weist auf das UNESCO- Anerkenntnis deutscher Friedhofkultur hin, nicht die Friedhöfe an sich sind gemeint, sondern die „lebendigen Ausdrucksformen, die von menschlichem Wissen und Können getragen, von Generation zu Generation weitervermittelt und stetig neu geschaffen und verändert werden“. Es geht demnach um das Lebendige, nicht um das Tote. Der Text unterstreicht das mit Tunwörtern, Verben: trauern, erinnern, gedenken, gestalten, pflegen, bewahren. Erstaunlich viele Gießkannen beherbergt das tausend Quadratmeter große Areal, vier baumeln an Haken beim unteren Brunnen, eine fünfte steht neben ihm. Ich steige hinauf bis zur oberen Einfassung, auch hier warten zwei Gießkannen beim zweiten Brunnen, ihr Grün ist heller als das des Efeuvorhangs, der an der Mauer zugezogen ist. Eher gleicht es dem spät im Jahr gefärbten Grasgrün der Wiese, die den Hügel weiter hinauf klettert und von der ich weiß, dass sie ganz oben kleinen und großen Füßen den Boden bereitet, während deren Besitzer in den Himmel schauen, nicht dem Lauf der Wolken hinterher, sondern dem zitternden Flug der Drachen. Langsam schreite ich die gestuften Reihen der Gräber ab, bemooste Grabsteine mit verwitterten Inschriften, frische Holzkreuze mit schwarzen Namen und Daten. Ich kenne niemanden, der hier begraben liegt. Ach doch, dort, eine frühere Chorkollegin, hochbetagt ist sie gestorben. Ein Schauer gelber Blätter trifft mich und lässt sich dann auf grauen Wegplatten nieder. Ich kehre zum Ausgang zurück, ein schlanker Birnbaum schiebt sich in den Weitblick, alt muss er sein, so hoch wie er den Stamm erhebt, reichlich Früchte hält er noch fest. Ich hebe die Augen, hinüber zu den Schwarzwaldhöhen, plötzlich höre ich die Eichendorff-Strophe, zu oft überschreibt sie Todesanzeigen: Und meine Seele spannte/ weit ihre Flügel aus,/ flog durch die stillen Lande,/ als flöge sie nach Haus.

(Foto: 1.November 2026)











