Hoch hinaus oder Spaziergang 7

(Spaziergang 6 siehe Blogeintrag vom 25.Oktober 2025)

Einer der Eisheiligen, es ist der in der Via Aurelia enthauptete Pankratius, hat genug vom grauen Einerlei. Zwar bleibt er kühl, bläst aber dunkle Wolken beiseite und spannt einen azurblauen Schirm über alles, was bereits dem Sommer entgegenwächst. Das mag daran liegen, dass er der Schutzpatron der Saat und der Blüten ist, denke ich – also nichts wie hinaus! Und hinauf! Nach St.Ottilien! Ich folge der Röhrigasse, bald lasse ich die Rebreihen links liegen und betrete den sakralen Raum unter einer grünen Kuppel aus Blattwerk. Sonnenflecke üben Cosmatenmuster auf dem Weg, der hier noch asphaltiert ist. Nach der Brunnenstube aber nehme ich weiter hügelan den unbefestigten Pfad, kaum lässt er zu, dass ich hinunter schaue in die Ebene und hinüber zu den Vogesen. Wiese, Buschwerk und Baumbestand wollen alle Saat zeigen, die aufgegangen ist, zwischen hochgewachsenen Gräsern behaupten sich eher versteckt die Blüten wilder Wiesenblumen. Ich lasse einen Herrn passieren, der es eilig hat, und bin wieder allein mit dem silbrigen Glanz, den das Gegenlicht dem gewöhnlichen Glatthafer verleiht. Seine Rispen hauchen den Nachhall einer Berührung in die linke Hohlhand. Weiter oben, in einer Gartenlaube zur Rechten, hat sich zu den beiden Gießkannen aus Zink eine dritte gesellt, brav gereiht hängen die Drillinge an ihren Henkeln und warten auf den nächsten Einsatz. Ein grüner Tunnel entlässt mich schließlich dorthin, wo ich den ersten Blick aufs Ottilienkirchlein haben kann, aber – ich sehe es nicht! Über der Mauer, die ihre Bruchsteine der Sonne entgegenhält, thronen die altehrwürdigen Bäume, die große Linde und die Kastanien breiten in ungehinderter Pracht ihre frühsommerliche Lebendigkeit aus. Im Inneren des Kirchenraums breitet auch jemand etwas aus, es muss der auferstandene Christus sein, der weit öffnend seine Arme aus Gewandfalten streckt, in beiden Hohlhänden das Zeichen der Nägel, das Gemälde beschränkt sich als horizontal gedehntes Rechteck auf diese Geste, nichts sonst ist zu sehen von der Gestalt. Allein durch Gnade steh ich hier/vor deinem Thron, mein Gott bei dir/der mich erlöst hat, lädt mich ein/ganz nah an seinem Herz zu sein/durchbohrte Hände halten mich…, haben diese Liedzeilen die Pinselstriche geführt? Im Kirchlein ist es still, niemand hat es betreten, auf dem Vorplatz rastet mit Blick ins Wiesental und zu den Juraausläufern ein Radfahrer in Sportkleidung, am Smartphone gibt er irgendeinem Gegenüber durch, wo er sich gerade befindet, das Rad hat er an die rötliche Sandsteinmauer gelehnt. Ein Paar unterhält sich auf der Holzbank unter einem Kastanienbaum, von hier lassen sich auch die Schwarzwaldhöhen sehen. Im Kircheninneren gehe ich die wenigen Schritte nach vorne in den Altarraum, die drei Jungfrauen im Sakramentsschrein neigen unverändert ihre Gesichter unter dem Weiß der Schleiertücher, eine nach links, die zweite nach rechts mit Blick auf die dritte und – stimmt, die dritte im roten Gewand zeigt ja ihr Gesicht gar nicht mehr, hier hat das Fresko eine Lücke. Ich sprach in meinem Herzen: Wohlan, ich will wohl leben, und gute Tage haben! Aber siehe, das war auch eitel. Ich sprach zum Lachen, du bist toll! Und zur Freude: was machst du? – die alte Bibel auf dem Altartisch liegt aufgeschlagen beim Prediger Salomo, das zweite Kapitel, und die Frakturschrift fährt fort: Da dachte ich in meinem Herzen, meinen Leib mit Wein zu pflegen, doch also, dass mein Herz mich mit Weisheit leitete, und zu ergreifen, was Thorheit ist, bis ich lernete, was den Menschen gut wäre, dass sie thun sollten, so lange sie unter dem Himmel leben. Ich that große Dinge; ich baute Häuser, pflanzte Weinberge; ich machte mir Gärten und Lustgärten, und pflanzte allerlei fruchtbare Bäume drein… Als ich bis hierhin gelesen habe, denke ich in meinem Herzen, dass es mich wieder hinauszieht unter das Himmelsblau, zu den Bäumen und Gärten und den Rebreihen des Weinbergs. Der Weg schickt mich Richtung Westen, die Wiese, die sich unterhalb des Obertüllinger Lindenplatzes zum Süden neigt, trägt auch ihr Frühsommergewand, niemand hat gemäht, Horden von zottigem Klappertopf säumen den Wegrand, die Blüten wíe zitronengelbe Kolibris zwischen dem scharfgesägten Hellgrün der Blätter. Links lädt eine Bank zum Verweilen ein, ich habe das rote Büchlein des Reclam Fremdsprachentextes dabei, ich setze mich, und wenn ich nicht auf die Zeilen des treno dei bambini blicke, können meine Augen unten in der Ebene den Lauf des Rheins verfolgen. Der Protagonist der Lektüre hat seine Kindheit inzwischen schon lange verlassen, nun aber greifen ihre Bilder wieder nach ihm, zufällig trifft er auf einen Schuhmacher, der ihn von einem seit Kindertagen mitgeschleppten Leiden erlöst, kaum kann er es glauben, so dass der still arbeitende Schuster schließlich spricht: I piedi sono tutti diversi, ognuno tiene la sua forma, bisogna saperla assecondare. Sennò è una sofferenza continua. Im Italienisch-Kurs wird die Lehrerin ihre corsisti fragen, was es mit dieser Textstelle auf sich hat, mit der Eigenform eines jeden Fußes, die man so etwas wie erhören muss, damit der Schuh nicht zu eng ist – sind es Metaphern? Ich habe meine Hausaufgaben beendet, richte Blick und Füße weiter gen Westen, das Dunkelblau der Vogesen begrenzt den Horizont, ein Dürrbaum hat sich als stehendes Totholz selbst in eine Skulptur verwandelt und kann seinen Schatten auf den Boden schreiben, weil hier die Wiese gemäht ist. Weiter unten ändere ich die Himmelsrichtung meiner Schritte, zwischen den Rebreihen, an denen die Traubengescheine ihrer Wandlung entgegensehen, laufe ich nun ostwärts, bis ich in Nähe meines Ausgangspunktes das burgunderrote Schild erspähe, das die lieben Wanderer und Weinfreunde auf dem ersten grenzüberschreitenden Weinweg der Region willkommen heißt, mit Wahlmöglichkeiten und herrlichen Ausblicken wirbt und empfiehlt: Nehmen Sie die Schönheiten entlang des Weges mit offenen Sinnen auf und lernen Sie auch die Arbeit der Winzer im Jahresverlauf kennen, die notwendig ist, um unsere ausgezeichneten Weine genießen zu können.

(Viola Ardone: Il treno di bambini. Reclam Fremdsprachentexte. Reclams Universal-Bibliothek Nr.14501, Philipp Reclam jun. Verlag 2023)

Himmelfahrt(en)

Johannes 12,32 ist der Vers im Herrnhuter Losungsbüchlein, der dem heutigen Feiertag Christi Himmelfahrt zugeordnet ist: (Christus spricht) Und ich, wenn ich von der Erde erhöht bin, werde alle zu mir ziehen.

Über ein Himmelfahrtereignis, also eine für die Jünger sichtbare Auffahrt Jesu in den Himmel, erzählt aber nur Lukas wirklich, am Ende seines Evangeliums und vor allem im ersten Kapitel der Apostelgeschichte: …wurde er vor ihren Blicken emporgehoben, und eine Wolke nahm ihn auf vor ihren Augen weg. Voraus geht, dass Jesus seinen Nachfolgern klar macht, dass es nicht ihre Sache ist, Zeiten oder Zeitpunkte zu wissen – das ist nicht, worauf es ankommt. Wesentlich ist das Empfangen, das Empfangen der bewegenden Kraft (dynamis) des Heiligen Geistes, und das Weitergeben, das Weitergeben bis ans Äußerste der Erde als Zeugen (martyres) des Christus. Interessant ist auch die Erzählung vom dem Himmelfahrtsgeschehen vorausgegangenen Zeitraum seit der Auferstehung: 40 Tage, eine Quarantäne also, die Zahl 40 mit hoher Symbolkraft in der gesamten Bibel und in der Antike, in Zusammenhang (u.a.) mit einer Zeit der Besinnung, die Verwandlung, Neuausrichtung und Neuanfang ermöglicht. Während des 40-tägigen Zeitraums seit der Auferstehung hat Jesus sich den ihm Nachfolgenden in vielen sicheren Zeichen lebendig dargestellt und über die Dinge geredet, die das Reich Gottes betreffen, heißt es in Apg.1,3. Und ihnen die Zusage des Immanuel gegeben, nämlich bei ihnen zu sein alle Tage bis zur Vollendung des Zeitalters (Mt.28,20).

Mit Christi Himmelfahrt verbinden sich vielfältige, alte Traditionen, unter anderem das Fest einer Vermählung mit dem Meer (Festa della Sensa). Hierzulande wird der Tag häufig nur noch als Vatertag gewürdigt und entsprechend begangen, wobei den so Feiernden oft auch nicht bewusst ist, dass solcherart Vatertagsausflüge sich im 19.Jahrhundert als Herrenpartien aus christlichen Prozessionen entwickelten. Im Tessin, in Italien und auf der Iberischen Halbinsel wird hingegen der Vatertag nicht an Christi Himmelfahrt, sondern am Josefstag, dem 19.März gefeiert.

Hoch erhoben ist der Christus, mit einem Namen ausgezeichnet, der über alle Namen ist. Warum, das steht im zweiten Kapitel des Philipperbriefes.

Wissenswertes zum Feiertag Christi Himmelfahrt und zum Vatertag – SWR Aktuell https://share.google/kiFjJ3aOPj9ULtZWu

(Foto: Schaufenster Optikergeschäft in W. 23.03.2023)

Die Eisheiligen

Und, wisst ihr, wie die Eisheiligen heißen und wie sie hintereinander folgen ?– fragt jemand in der Chorprobenpause am ersten (kühlen und regnerischen) Eisheiligen-Tag, dem 11.Mai. Ich muss passen, beschließe aber nachzuschauen. Nicht in allen meiner Kalender sind sie verzeichnet, aber der „Was mein Leben reicher macht“ – Abreißkalender, den man mir in meiner (noch geöffneten) kleinen Buchhandlung schenkte, führt sie auf, die Namen der Heiligen, die den Tagen des 11. bis 15.Mai zugeordnet sind, an denen man gemäß tradierten Bauernregeln mit den letzten Nachtfrösten eines Jahres rechnen muss. Wobei sich die mit Bauernregeln verknüpften Namenstage noch auf den seit 1582 nicht mehr gültigen julianischen Kalender beziehen. Also, wie heißen sie denn nun, die Eisheiligen oder Gestrengen Herren oder Eismänner? Gemein ist ihnen jedenfalls, dass sie Bischöfe oder Märtyrer im 3.bis 5. Jahrhundert n. Chr. waren.

Der um 477 gestorbene Mamertus, Erzbischof von Vienne (bei Lyon), ist der erste, er führte die Bittprozessionen an den drei Tagen vor Christi Himmelfahrt ein und ist Schutzpatron der Hirten und der Feuerwehr.

Der zweite ist Pankratius, aus Phrygien stammend, starb er 304 (oder auch schon früher) in Rom den Märtyrertod, er wurde enthauptet in der Via Aurelia, wo sich nach ihm benannte Katakomben befinden, in denen er begraben ist. Er ist nicht nur Eisheiliger, sondern gehört auch zu den Vierzehn Nothelfern und gilt als Patron des Eides, der Kinder, der Ritter, der Saat und der Blüten (was für eine Zusammenstellung).

Als dritter folgt am heutigen 13.Mai Servatius, in dessen Gestalt offenbar zwei historische Personen vermischt sind, und zwar erstens jener aus Armenien von jüdischen Eltern abstammende Servatius, Bischof von Tongeren, Belgien, dem der Legende zufolge durch eine Erscheinung Petri in Rom der drohende Hunneneinfall unter Attila (450 n.Chr.) vorhergesagt wurde, der zurückreiste, die Bürger von Tongeren warnte und den Bischofssitz nach Maastricht verlegte, wo er kurz drauf starb, zweitens ein Servatius aus Gallien, der u.a. 359 n.Chr. an einer Synode in Rimini teilnahm. Die Heiligengestalt Servatius jedenfalls ist im Dom zu Maastricht begraben.

Jetzt sind wir beim 14.Mai und dem vierten Eisheiligen angelangt: es ist der Römer Bonifatius von Tarsus. Als Nichtchrist gesandt, um in der Region von Tarsus (Türkei) Reliquien christlicher Märtyrer zu finden und nach Rom zurückzubringen, war er von der Glaubensstärke der unter Kaiser Galerius zu Tode Gefolterten so beeindruckt, dass er sich taufen ließ und selbst im Jahr 307 n.Chr. in Tarsus das Martyrium durch siedendes Pech erlitt. In der Basilica Santi Bonifacio e Alessio auf dem römischen Aventin verehrt man seine Reliquien.

Bleibt noch ein „Eismann“ und der ist kein Mann, sondern eine Frau, der Name des Tages ist doch bei Vielen haften geblieben und so mancher Kalender führt nur diese Eisheilige auf: die Kalte Sophie. Wer aber weiß, dass sich dahinter die Heilige Sophia von Rom verbirgt, über die nicht viel mehr bekannt ist, als dass sie um 304 n.Chr. während der diokletianischen  Christenverfolgung starb. Nicht verwechseln solle man sie, sagen verschiedene Quellen im Netz, mit der Hl.Sophia von Mailand, die sich nach dem Tod ihres Mannes den Märtyrertod herbeiwünschte und deshalb mit ihren drei Töchtern Fides (Glaube), Spes (Hoffnung) und Caritas (Nächstenliebe) nach Rom ging, wo sich unter Kaiser Hadrian (117-138 n.Chr.) dieser Wunsch (für alle vier) erfüllte. Mein 2019 in einem Lörracher Antiquariat erworbenes Reclam- Lexikon der Heiligen und der biblischen Gestalten vermischt allerdings die beiden Sophien.

Nach heute gültigem, international anerkanntem, gregorianischen Kalender wären die mit den Eisheiligen verknüpften Bauernregeln eine gute Woche später anzuwenden. Schauen wir also mal, wie lange uns der Kälteeinbruch noch erhalten bleibt.

(Reclams Lexikon der Heiligen und der biblischen Gestalten. Legende und Darstellung in der bildenden Kunst. Von Hiltgart L.Keller. 8.durchgesehene Auflage 1996)

(Foto: auf St.Chrischona am 10.Mai 2026)

Mikrodrama 3

(Mikrodrama 1 und 2 siehe Blogeinträge 16. und 20.April 2026)

Elena spannte den Schirm auf. Gelbe Polka Dots tanzten auf dem schwarzen Gewebe. Sie eilte vorwärts. Nur weg von hier! Die Lügen waren Tentakel, die nach ihr griffen. Sie spürte bereits das Nahen der Saugnäpfe, den Biss, die drohende Lähmung. Nervengift. Kein Atmen mehr möglich. Also schnell, noch konnte sie sich bewegen und entkommen! Sie barg sich unter den Schirm, beschleunigte die Schritte, ihr Atem durchbrach das Dunkel. Eure Rede sei: Ja, ja! Nein, nein! – die Worte blubberten wie Blasen empor. Ja, ja! Nein, nein! Sie passte ihre Schritte dem Rhythmus an: ja, ja! Nein, nein! Fast geriet das zu einem Hüpfen, jaja, neinnein, jaja, neinnein. Sie begann, den Schirm mitzuschwingen. Die gelben Punkte strahlten am Firmament der Bespannung wie Löwenzahnblüten. IstsyBitsyTeenieWeenieYellowPolkaDotBikini, plötzlich sang in ihrem Kopf eine Stimme aus Kindertagen, HonoluluStrandBikini – warum hatte das Lied auf Deutsch die Punkte verloren?- , Pezzettini di Bikini, italienisch sang Dalida von den Stückchen, das schüchterne Mädchen im Polka Dot Bikini traut sich nicht heraus aus der geschlossenen Kabine, sie trägt so etwas zum ersten Mal, she was afraid to come out of the locker, she was as nervous as she could be, endlich hüllt sie sich in eine Decke und setzt sich ans Ufer -ist es das Meer?- , schließlich lässt sie die Decke und schafft es ins Wasser, dann aber nicht mehr heraus, non ha il coraggio di uscire dal mar, auf Italienisch also das Meer. Jaja, neinnein, jaja, neinnein, es hüpfte sich schon besser, Elena kam schneller voran. Der Schirm schwang im Rhythmus, aber nicht mehr über dem Kopf, sie spürte, wie der Regen über ihr Gesicht rann, ein kühlender Balsam, und sie wusste nicht, ob noch anderes Wasser dabei war, salziges, aber sie wusste, dass sie früher einmal getanzt hatte in einem Sommerregen, mit weit ausgebreiteten Armen. Jaja, neinnein, jajaneinnein, jajajajajaneineineineinein, schneller und schneller hüpften die Füße, die Regentropfen reihten sich zur Melodie, I’m singin‘ in the rain, singin‘ and dancin‘ in the rain, was war das für ein schöner Refrain, die Füße folgten ihm jetzt von allein, singin‘ an dancin‘, dancin‘ and singin‘, und wurde es dort vorne nicht heller, wie konnte das, ach, Elena traute den Augen kaum, vom Schwung mitgenommen, hatten die Polka Dots sich vom Schirmgewebe gelöst und tanzten gelben Sonnen gleich auf dem nassen Asphalt. Und je weiter sie tanzten und rollten, desto größer wurden sie. Und es wurde Licht.

Looking forward to Rome

Am 8.Juli 2019 habe ich einmal mit Bleistift in einem Notizbuch den Versuch gemacht, etwas aufzuschreiben zu „kleinen Heimaten“, bezogen auf die Via Alessandro Farnese 18 in Rom, die ich erstmals mit 18 Jahren kennengelernt habe. Der Versuch endete mit dem Satz „Sie ist angekommen. Und da stellt es sich wieder ein, das schwer zu beschreibende Rom-Gefühl: am ehesten Glückseligkeit“. Makarios also – glückselig (siehe auch Blogeintrag vom 9.Mai 2026), da kann man sich ja in etwa vorstellen, wie groß und tief meine Vorfreude ist auf einen erneuten Rom-Aufenthalt. Bald! Zum Fest des Spirito Santo! Pfingstmontagfrüh beginnen die Proben in Rom. War ich bereits mit dem Projektchor und Orchester des Süddeutschen Ärztechores zu Aufführungen des Deutschen Requiems von Brahms im September 2024 in Verona, Venedig und Mantua (Proben in Verona, Konzert in der Frari-Kirche, Venedig mit Spendenerlös zugunsten von deren Erhaltung, und im Dom von Mantua mit Spendenerlös zur Restaurierung der Orgel), so steht nun (u.a.) die Messa a 4 voci con orchestra SC6 ( Messa di Gloria) von Giacomo Puccini (1858-1924) auf dem Programm. Mit Konzert am 29.Mai um 20 Uhr in Sant‘Andrea della Valle und am 30.Mai um 18 Uhr in der Nationalkirche der Portugiesen Sant’Antonio dei Portoghesi. Giacomo della Porta (1532-1602) begann den Bau der Mutterkirche des Theatinerordens Sant‘Andrea della Valle, später setzte der prominente, aus dem Tessin stammende Architekt Carlo Maderno (1556-1629) ihn fort, konzipierte und vollendete auch die Kuppel, die drittgrößte Roms. Bekannt ist die Kirche auch, weil Giacomo Puccini den ersten Akt seiner Oper Tosca in ihr spielen lässt, bevor das Geschehen dann im Palazzo Farnese und in der Engelsburg seinen weiteren Lauf nimmt.

Ich ziehe also zur Vorbereitung der römischen Freuden wieder meine Rom-Lektüren aus dem Regal. An Auswahl mangelt es nicht. In welche schaue ich ? Welche werde ich mitführen?

Der Stapel auf dem Foto ist nur eine Auswahl der Auswahl. Fange ich mal an mit:

Émile Zola: Meine Reise nach Rom. Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung Mainz 2014, erworben August 2019

Rom. Literarische Spaziergänge. Insel TB 2298, 1.Aufl.2000, erworben im Lörracher Antiquariat Juni 2020

(Zu ‚Römische Freuden‘ s.auch Blogeintrag vom 17.März 2026 und weitere)

Fünfter Sonntag nach Ostern – Rogate

Betet! – lautet der Imperativ des heutigen Sonntags und als Wochenspruch ist ihm im Herrnhuter Losungsbüchlein ein Psalmvers zugeordnet: Gepriesen sei Gott, der nicht verworfen hat mein Gebet noch seine Gnade von mir zurückzieht. (Ps.66,20)

Die Kantate, die Johann Sebastian Bach (1685-1750) für Rogate komponierte, basiert auf der Perikope des 5.Sonntags nach Ostern: Vers 23 aus dem 16.Kapitel des Johannesevangeliums: Und an jenem Tag werdet ihr mich nichts fragen. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Was ihr den Vater bitten werdet in meinem Namen, wird er euch geben. (BWV 086; uraufgeführt am 14.Mai 1724)

Der Psalm 95 ist gemäß Herrnhuter Losungsbüchlein die heutige Bibellese. Ich zitiere daraus noch die Verse 1 bis 6:

Kommt, lasst uns dem HERRN zujubeln, lasst uns zujauchzen dem Fels unseres Heils! Lasst uns vor sein Angesicht treten mit Dank! Lasst uns mit Psalmen ihm zujauchzen! Denn ein großer Gott ist der HERR, ein großer König über alle Götter. In seiner Hand sind die Tiefen der Erde, und die Höhen der Berge sind auch sein. Sein ist das Meer; er hat es ja gemacht, und das Trockene, seine Hände haben es gebildet. Kommt, lasst uns anbeten und uns neigen, lasst uns niederknien vor dem HERRN, der uns gemacht hat.

(alle Zitate nach der Elberfelder Übersetzung 2006)

Fußball- und Glaubensbegeisterung

Der 9.Mai ist der Tag, der das Ende des Zweiten Weltkriegs feiert, in der Europäischen Union ist er als Europatag bekannt, in Erinnerung an die Rede des französischen Außenministers Robert Schuman (Schuman-Erklärung 1950) soll er Frieden und Freiheit in Europa feierlich würdigen. In hiesiger Region feiern die Fans seit Donnerstagabend allerdings vor allem einen anderen „historischen Erfolg“: den Einzug des SC Freiburg ins Finale des Europapokals. Hat der französische Staatspräsident Emmanuel Macron vor wenigen Tagen beim Staatsbankett in der armenischen Hauptstadt Jerewan La Bohème vom französisch-armenischen Doppelbürger Charles Aznavour gesungen, um die Beziehung des armenischen Landes zur EU zu stärken, so singt – wenn man den Bildern und Tönen der diversen Medien Glauben schenkt – ganz Freiburg seit Donnerstagabend immer wieder neu entstandene Songs der Begeisterung: „ Wir fahren über die Alpen, nach Baku ans Kaspische Meer, nach London über den Kanal, denn Freiburg spielt international“. Jedenfalls gibt es nach dem Schlusspfiff kein Halten mehr, Scharen von Fans in weißen Oberteilen stürmen auf den Platz und in die Arme ihrer Spieler. „Kollektive Glückseligkeit“ titelt die Badische Zeitung heute auf der Dritten Seite und benutzt dabei eindeutig religiöses, ja biblisches Vokabular. Makarios – glückselig, gesegnet, das Wort im Sinne eines tiefen, umfassenden, von Gott herrührenden Glücks ist bekannt aus den Seligpreisungen der Bergpredigt. Und es lohnt, einmal im fünften Kapitel des Matthäusevangeliums nachzulesen, wer da glückselig gepriesen wird und warum. Aber lassen wir einmal den im Vers 12 erwähnten „Lohn in den Himmeln“ weg (m.E. zu oft sehr falsch verstanden) und bleiben bei dem „freut euch und jubelt“ im selben Vers. Anscheinend fällt dieses Freuen und Jubeln ja den Fußballfans leicht, ungebremst brechen sich Emotionen Bahn und knüpfen auch ein Band der Verbundenheit mit allen möglichen anderen Menschen, auch wildfremden – Hauptsache, sie jubeln für denselben Club. Warum fällt ein solches Freuen und Jubeln in anderen Zusammenhängen so schwer? Zum Beispiel auch in Zusammenhängen des Glaubens? Die Psalmdichter konnten es noch gut. Aber sie konnten auch ganz andere Sachen, weinen nämlich und schreien, heftig klagen, um Befreiung aus Ängsten und Bedrängnissen flehen. Wie wunderbar! Beides! Kollektive Begeisterungsstürme wecken in mir nämlich immer auch die kritische Vorsicht, gerade auch in religiösen Zusammenhängen, zu schnell sind manipulative Mächte am Wirken. Dabei be-geist-ere ich mich liebend gerne oder lasse mich be-geist-ern, von und in der Musik, beim Singen, in und durch Sprache, beim Lesen und Schreiben, in und von der Natur (ohne in allem Genannten besondere Kenntnisse zu haben) –  ja auch von der Begeisterung anderer für mir zunächst unbekannte oder fremde Dinge werde ich angesteckt. In der Schönheit sprachlicher Wendungen, im unfassbaren Geschehen der Musik, im sonnenberührten Reblaub tönt für mich eine Ahnung des makarios-Zustandes durch, erfahre ich eine re-ligio. Dann juble ich, oft im Stillen, oder ich sage (stumm): schau mal, Gott, oder hör mal – ja, tatsächlich ist das meist meine Art Gebet, mehr ein ständiges oder immer wieder fortgesetztes Gespräch oder Erzählen. Es war nie weg, seit meiner Kindheit. Und beinhaltet auch die anderen Dinge, die die Psalmdichter in Worte fassen konnten. Die Fragen, Zweifel, Ungereimtheiten, Ängste, Traurigkeiten. Auf jeden Fall aber Wahrhaftigkeit, so gut wie möglich.

Und jetzt? Kümmern wir uns um Europa? Die mit der weiten Sicht oder aber die Breitgesichtige? Die der als Stier auftretende Zeus schwimmend nach Kreta entführte? Oder schließen wir uns denen an, die Europa von erebu  bzw. arab = untergehen ableiten – wohlgemerkt bezogen auf die Sonne?

Nein, wir wünschen dem SC Freiburg einen hymnischen Einzug ins Europapokal-Finale und empfehlen sehr, ein Gespräch (nach) zu hören über „Glück und Gnade des Schreibens. Zur Begegnung des Menschen mit seiner Sprache“, s.Link. (u.a. ein Bischof ohne fixfertige Lösung zum Begriff Ewigkeit, großartig!)

Glück und Gnade – Ein Gespräch über Schreiben und Inspiration (SWR Kultur)

https://share.google/4admSALCl259UB4jZ

Kleine Metamorphosen

Nicht nur schließt die kleine, nahe, inhabergeführte Buchhandlung in wenigen Wochen (was geschieht mit dem Raum?), auch bei der kleinen, wenige Minuten hügelab liegenden Bäckerei konnte man eine ganze Weile nicht die drei Stufen hinauf und durch die Eingangstür treten. Zwar saß der betagte Bäcker häufig wie eh und je auf seiner Bank vor der grünen Fassade mit den weißen Schlagläden und winkte Vorbeiradelnden freundlich zu, aber auf der schwarzen Gehwegtafel fehlte die lockende Kreideschrift. Nun aber soll wieder Leben eingezogen sein, und da kleine Gartenhelfer auch einmal eine Pause, auf jeden Fall aber eine große Stärkung benötigen, machen wir uns auf den Weg. Und landen  – in Italien, genauer gesagt, in Sizilien. Sogar der Boden erinnert an Italien, das äußert genauso ein groß gewordener Jemand, der seine Augen weg von der Auslage und hinunter auf die Rauten der Terracotta- Fliesen gerichtet hat. Nicht nur der Boden, auch die durch den Laden tönende Musik spricht die passende Sprache. Was heißt, dass wir die kleine italienische Insel nicht verlassen können, ohne ein paar Stücke Sizilien mit uns zu führen. In den Tüten landen ein Cannolo und zwei Arancini, Kugel- und Kegelform sind vertreten. Ich hab‘ eine Idee, sagt die nonna, wir spielen Strand.- Jaaa, ich maak das heute machen, ist der Nicht-mehr-Purzel begeistert, angesichts der Umgebung des Rückwegs aber plötzlich verunsichert: wie geht das? – Na, wir setzen uns in den Strandkorb, essen dort und rufen laut „Schau mal, da vorne ist das Meer!“ – Eifriges Nicken des kleinen Gartenhelfers, dann doch noch leichter Zweifel: Das musst du aber auch machen, nonna!  Aber klar, sagt die nonna, ich mach‘ das!

Und später springen nicht nur Bälle, sondern auch ein paar Dreizeiler zur Auswahl vorbei:

I

Gartengehilfen.

Eidechsen im Sonnenlicht.

Kurz Lavendelduft.

II

Die Eidechse flieht.

Auf Steinen weilen Winden.

Kurz Lavendelduft.

III

Kurz Lavendelduft.

Eidechsen huschen vorbei.

Winden wurzeln tief.

IV

Eidechsen huschen.

Winden wuchern sonnenwärts.

Wohin wächst der Wind?

V

Den Mauerspalten

vertrauen die Eidechsen.

Husch, husch, verschwunden.

Vom schneeweißen Marmor und anderen Weltmaterialien

Uiuiuiiii – ist das ein Feuerwerk an Wissen, Ideen und Gedanken, das die 1980 geborene Schriftstellerin und Buchgestalterin Judith Schalansky am Abend des 6.Mai im Basler Literaturhaus zündet! Leider habe ich bisher von ihr, die auch Mitherausgeberin der wunderbaren Reihe Naturkunden (Matthes & Seitz-V.,Berlin) ist, noch nie etwas gelesen. Als ich aber in den letzten Tagen über ihr neues Werk Marmor, Quecksilber, Nebel las und sah, dass sie kurz darauf im Literaturhaus Basel zu Gast sein würde, wusste ich sofort: ich muss dahin. Aus Texten und Textfragmenten für die Frankfurter Poetik-Vorlesung (2025 Judith Schalansky: Marmor, Quecksilber, Nebel. Woraus die Welt gemacht ist) ist das Buch entstanden und auch von der Autorin selbst gestaltet worden. Woraus die Welt gemacht ist, diesem nicht gerade klein zu nennenden Thema stellt sich die Autorin mit all ihrem Einfallsreichtum, ihrem großen Hintergrundwissen, ihren fleißigen und akribischen Recherchen, ihren „Gedankengirlanden“, ihrem Sprachwitz und Humor. Judith Schalansky sei eine der geistreichsten Erscheinungen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, meint der Literaturkritiker, Übersetzer und Journalist Denis Scheck. Jedenfalls erfährt man in Basel ungeheuer geistsprühend nicht nur, woraus die Welt, sondern auch woraus und wie Schalanskys Texte gemacht sind. Die unerwartet berührende Begegnung mit einem Block aus Thassos-Marmor, berühmt für ein Weiß von frischgefallenem Schnee, ist die Initialzündung für das Triptychon der Texte, welche Buchbesprechungen mit windungsreich, überraschend, mal Essay, mal Erzählung charakterisieren und denen spielerische Präzision attestiert wird. Wer Spaß an Hieroglyphen hat, dem traut man auch zu, dass er dem Marmor lauscht, rekapituliert Schalansky eine Wahrnehmung. Die sehr gut und mit persönlichem Touch zwischen Aktion und Zurückhaltung changierende Moderatorin Jennifer Khakshouri konstatiert, dass Schalanskys Sprache sehr flüssig sei, man sei sozusagen bei Schalanskys Erleben dabei. Außerdem wisse man, dass Schalansky eine sehr gründliche Rechercheurin sei (kurze Irritation, wie heißt es richtig? J.Sch. schlägt ‚Rechercheuse‘ vor), aber wie mache man nun daraus das Geschriebene? Antwort J.Sch.: harte Arbeit. Sie arbeite immer, ihr gesamtes Erwachsenenleben lang, in der Staatsbibliothek Berlin, dem Sharoun-Bau, auch weil man sich da jeden Tag wieder an einen leeren Schreibtisch setzen könne, im Gegensatz zum Schreibtisch zuhause. Genau diese Metamorphose mache ihr ja Freude beim Schreiben : wie kann sie das Material in literarische Sprache umsetzen. Am Basler Abend ist zu erleben, dass Judith Schalansky auch beim spontanen Sprechen inhaltlich und sprachlich großartige Sätze gelingen. Und das Lesen aus allen drei Aggregatzuständen des Buches gerät ebenfalls zum Genuss: Tempo-, Rhythmus-, Stimmlagen- Artikulations- und Lautstärkenvariationen werden mühelos jongliert. Keine Fragen, nur Schlussapplaus im fast, aber nicht ganz ausverkauften Literaturhaus, in dem ich auch den Schriftsteller Alain Claude Sulzer im Publikum gesichtet habe. Fasziniert, aber auch eingeschüchtert, bleibt mir nur, das Buch und weitere von Judith Schalansky auf meine Leseliste zu setzen.

(Judith Schalansky: Marmor, Quecksilber, Nebel. Woraus die Welt gemacht ist. Suhrkamp-V.2026

(NB.: ich erinnere mich, in den 1980er Jahren für meine kleine Dissertation in Geschichte der Medizin Eugen Neter, ein Beitrag zur pädagogischen Aufgabe des Kinderarztes im Sharoun-Bau der Staatsbibliothek Berlin recherchiert zu haben)