Da steht er, am Morgen des ersten Junitages, in blauer Hose und mit türkisfarbenem Poloshirt unter einem Sonnenschirm, der mit verschossener Farbe zwischen den beiden Meerestönen changiert. Er ist schon älter, mit feinem hellgrauen Haar, die Sonnenbrille so dunkel wie die Umhängetasche, die locker über der linken Schulter hängt. Seine Hände lassen nicht zu, dass der angenehm kühlende Wind, der hier oben auf dem Gianicolo unter die Schabracke des Schirms, in Hosenbeine und weite Sommerröcke greift, ihm das Liedblatt entführt, dessen Texte und Melodien er con passione über die Piazzale Giuseppe Garibaldi, über die gesamte Stadt und bis zum Horizont der Albaner Berge schallen lässt. „Diese Touristen werden das Panorama Roms so lange betrachten, bis sie es abgenutzt haben….Langsam wird es abgenutzt, Tag für Tag, und zuletzt wird nichts mehr übrigbleiben. Ich trete an die kleine Mauer und sehe…“ schreibt Luigi Malerba (1927-2008) in seinem Tagebuch eines Träumers. Auch wir treten an die kleine Mauer und sehen, dass es noch da ist, das Panorama Roms und wie der Protagonist in Emile Zolas Roman Rom vermögen wir „schon Einzelheiten zu unterscheiden“ und erkennen „mit kindlicher Freude“ die Monumente, die zum Teil so hell herauf- und herausleuchten wie sie es noch nie getan haben, seit wir Rom begegnet sind.
Wir sind die Salita di Sant‘Onofrio hinaufgestiegen, der Wüstenheilige gewährte diesmal aber keinen Einlass ins kleine Kloster, so dass uns im Vorübergehen nur die Erinnerung blieb an seine Geschichte im stillen Kreuzgang, ans Grabmal von Torquato Tasso in der Seitenkapelle und an die einsam grüne Kühle eines Brunnens. Bei Gedenktafeln an der Außenwand des Kirchleins, von denen wir wissen, dass sie Besuche der Schriftsteller Chateaubriand und Goethe würdigen, reichte das Nahen nicht, um Schrift und Daten zu entziffern. Wir haben unseren Weg nach oben fortgesetzt, an einem Nasone den Trinkbecher und direkt vom Strahl auch unseren Mund mit kaltem Quellwasser gefüllt, wir haben ins Grün der Villa Abamelek hinuntergeschaut und beinahe den sonnenbehüteten Gärtner beneidet, der auf motorisiertem Rasenmäher dort seine Bahnen zog. Oben angekommen, grüßen wir kurz Giuseppe Garibaldi auf hohem Ross, dann aber schenken wir unsere Augen ausschließlich dem Panorama und unsere Ohren ganz und gar Paolos Gesang von Rom.
Erst als seine Lieder enden, gehen wir weiter und senken uns zum „Triumph des Wassers“, den Johann Wolfgang von Goethe im „Wasserschwall der Acqua Paola“ bemerkte, „welcher durch eines Triumphbogens Pforten und Tore in fünf Strömen ein großes verhältnismäßiges Becken bis an den Rand füllt“. Dort beliebt es dem durch die Innenfarbe des Beckens hell türkis colorierten Wasser, in Zusammenspiel mit jetzt mittäglicher Sonne die Bühne für römische Spezialitäten auszuleuchten und ein rotes Fiat 500-Vintage-Cabriolet genießt vor der mächtigen Fassade den großen Auftritt. Wen wundert nun noch, dass ein Stückchen weiter unten in der Chiesa di San Pietro in Montorio eine Hochzeit zelebriert wird? Wir warten vorm Gitter, hinter dem Bramantes Tempietto Siesta hält und gegenüber vom opulenten Oleanderbusch, der ein roséfarbenes Festkleid angelegt hat, bis das Brautpaar am Fuße der Treppe den Reisregen empfängt.

(Die kurzen Zitate sind längeren Texten im Kapitel ‚Trastevere und Gianicolo‘ des ‚dtv Reisetextbuch Rom. Ein literarischer Begleiter durch die Stadt‘ entnommen. 2.Aufl.1986. Darin sind im Autoren- und Quellenverzeichnis zu Malerbas, Zolas und Goethes Text folgende Quellen angegeben: Malerba,Luigi (geb.1927). Tagebuch eines Träumers. Aus dem Italienischen von Joachim A.Frank. Frankfurt(Suhrkamp) 1984; Zola, Emile (1840-1902):Rom. Übersetzt von A.Berger.Berlin o.J. ; Goethe, Johann Wolfgang (1749-1832): Goethes Werke. Hamburger Ausgabe Bd.I/XI.Hamburg 1962/1961)











