Malheur oder Mikrodrama 4

(Mikrodrama 1,2 und 3 siehe Blog vom 16.04., 20.04. und 12.05.2026)

Noch nicht, antworte ich dem forschen Vertretungsoberarzt, der mit den Worten Sie sind Frau Bayer auf mich zustürmt und mir dann so ins Gewebe pfetzt, dass ich ihm davonspringe, was sonst gar nicht meine Art ist, heiße ich wie ich wolle. Frau Bayer, die vom Türbett, also die rechte, wird ganz still und bereitet sich schon einmal vor, damit nicht auch sie hüpfen muss, das nämlich kann sie nicht mehr so gut, sie ist schon Ü80, aber noch immer bester Dinge. Nur ausgerechnet heute sprang der Kaffee aus der Tasse und die rechte Frau Bayer musste noch einmal das fertig gepackte Köfferchen öffnen, ein frisches Shirt herausziehen und das kaffeegenässte verstauen, also weitere Malheure müssen diese Bettkante heute wirklich nicht mehr visitieren. Inzwischen bin ich dem Vertretungsoberarzt ergeben, schließlich bin ich ja froh, dass ich nicht wieder mein mageres Pfund Literaturkenntnisse in die Waagschale werfen muss, nur um ein schlichtes „s“ zu entfernen, das sich irgendwie immer in namentliche Anreden schleicht, und nur, um nach meinem Pfundswurf dann die Verwirrung zu sehen, die meinem Wir sind nicht bei Tod in Venedig und Ich heiße nicht Gustav folgt. Ein kurzer Blick auf das Bändchen, das man mir wie einem neugeborenen Kindlein ums Handgelenk geschlungen hat, bestätigt mir den Namen ohne „s“, und auch sonst stimmt alles bis hin zum Barcode, mit dem schon die ganze Person eingescannt wurde samt Blutdruck (105/78), Puls (92, warum so schnell?) und Sauerstoffsättigung (95, das passt). Auch kann der Vertretungsoberarzt ja nicht wissen, dass, solange die rechte Frau Bayer sich im Stationsbad von der Kaffeenässe befreite, ich selbige Befreiung dem Boden vor der Bettkante antat, die tristgrauen Tücher aus dem Einmalhandtuchspender haben sich jedenfalls über die Farbänderung gefreut, mein Gewebe aber anscheinend nicht über die Verschiebung, und deshalb war es jetzt auf der Hut, vielmehr Flucht vor dem Herrn nicht im weißen Kittel, sondern im frischen hellblauen OP-Dress. Der Klügere gibt nach, habe ich mal gelesen, und so ergeben wir uns, das Gewebe und ich, und das klappt ganz gut und der junge Vertretungsoberarzt ist schließlich auch ein ganz kompetenter und trifft rasch die Entscheidungen, zack eins und zack zwei, und schon weiß jeder, was zu tun und was zu lassen ist und dann ist er auch schon bei der rechten Frau Bayer und schafft, bevor er die Tür öffnet, um mit seinem Gefolge davonzueilen, noch ein Ich wünsche Ihnen alles Gute. Erst als Frau Bayer vom Türbett, also die rechte, mit Das wünsche ich mir auch antwortet, stutzt der Forsche, hält inne, muss tatsächlich lachen und sagt: das ist gut, das muss ich mir merken

Maler des stillen Klangs oder Nachlese Sent 7

Im durchgesehenen Wochenstapel der Regionalzeitung findet sich am 6.August auch ein Artikel über eine Ausstellung im Züricher Kunsthaus, die dem dänischen Maler Vilhelm Hammershøi (1864-1916) gewidmet ist: Maler des stillen Klangs. „Seine Bilder atmen nicht, sie halten den Atem an“, heißt es im Artikel von Volker Baumeister, und auch eine Rilke-Aussage findet da Platz: „Man fühlt, dass er nur malt und nichts anderes kann oder will.“ Hammershøi nehme sich heraus, die Malerei als einen idealen Ort des Rückzugs anzusehen, meint der Autor des Artikels.

Angelika Overath hat die Ausstellung schon gesehen und die kleine Gruppe des Senter Schreibkurses erhält die Aufgabe „Schreiben nach einem Plakat“, das ein Gemälde Hammershøis abbildet:

Eine Zimmerflucht, auf den ersten Blick alle Türen geöffnet, niemand ist zu sehen. Ein sehr dunkler, fast schwarzer Dielenplankenboden. Sind es Schatten, die ihn im Vordergrund noch dunkler machen oder wurde gerade aufgewischt? Die dunklen Flecken folgen dem Lauf der Dielen in den Flur. Von ganz hinten, aus einem letzten Raum, nur zu erahnen durch den Spalt, den man bei der nach rechts geöffneten Tür von der nach links offenstehenden des Flureingangs sehen kann, ein Lichteinfall. Ein hohes Sprossenfenster, das sich im Spalt andeutet, schließt wohl den Raum ab. Alle Türen sind hell, eierschalenfarben, sie haben je drei gestemmte Kassetten im Türfutter, einfach gearbeitete rechteckige in den Flurtüren, nochmals achteckig abgesetzte in der einen Tür am rechten Bildrand, die in den das Gemälde öffnenden Raum führt – in dem wer steht? Diejenigen, die das Gemälde betrachten? Der Maler, das Stubenmädchen, das aufgewischt hat, die Hausherrin, die sicher gleich das Klavier im letzten Raum aufsuchen will, das sich dort doch bestimmt befindet? Oder ist bereits jemand im letzten Raum? Auch alle Türzargen sind hell, im gleichen Ton wie die Türen. Schlicht und doch sorgfältig gearbeitet mit dreifachem Profil. Eine dunkle Schwelle trennt den ersten Raum vom Flur. Wer hat zuletzt die Messingklinken angefasst? Werden die Türen je geschlossen oder stehen sie immer offen? Und was ist mit der Tür, die rechts hinten im Flur in einen weiteren Raum führt? Steht auch sie offen? Ich kann es nicht sehen, aber ich ahne sie geschlossen. Jedenfalls ist da nichts, was das Dunkel um sie und vor ihr erhellt. Ich merke, dass es mich in den letzten Raum zieht, dort steht nicht nur ein Klavier, sondern auch ein Tisch und ein Stuhl. Auf dem Tisch gibt es Papier, ein Tintenfass und eine Feder, und der Lichteinfall ist stimmig. Ist die Bibliothek auch in diesem Raum oder stehe ich auf, trete auf den Flur und öffne die Tür, die sich nun links von mir befindet?

(Text vom 12.Juli 2026, überarbeitet)

(Ein Kursteilnehmer sagt, bei Hammershøi lerne man die Möbel lieben. Eine Kursteilnehmerin spricht von der Präsenz der Absenz bei Hammershøi)

(Kunsthaus Zürich: Vilhelm Hammershøi – Maler des stillen Klangs. Noch bis 25.10.2026. Ich habe also noch Chancen, die Ausstellung zu sehen. Und ich habe bereits Vorfreude auf die Fortsetzung der Senter Lektüren mit Goethes Lyrik Anfang Oktober in der Schreibschule Sent)

(Senter Tür 11.Juli 2026)

Ein Regentag

Auch der Kolumnist der Badischen Zeitung (in diesem Fall René Zipperlein) hat es gestern von fremd gewordenen Geräuschen, Dingen und Ansichten. „Seltsames Zischen“, „schmatzende Sandalen“ oder so etwas wie zu Schnüren gereihte Kügelchen, Tupperschüsseln aus Stoff gleichende Dinge an Stäben, vollgelaufene Innenstadtgräbele, verschwundene Sonnen – was ist das bloß? Und was ist zu tun? Der Kolumnist empfiehlt (allen Ernstes!?? 😉) „Nachschlagen bei Johannes, Sie wissen schon, der ganz hinten in der Bibel mit Lamm und sieben Siegeln, der hat alles gesehen“. Oder auch gehört. Das „Brüllen am Himmel“. Brüllen am Himmel, wo genau steht denn das? Ich schlage nach: Offenbarung 10 Vers 3,4a: und er (=der Engel, Anm.) rief mit lauter Stimme, wie ein Löwe brüllt. Und als er rief, ließen die sieben Donner ihre Stimmen vernehmen. Und als die sieben Donner redeten, wollte ich schreiben… Ob es gestern genau sieben Donner waren am Morgen, keine Ahnung, ich habe sie nicht gezählt. Jedenfalls passte die gewitterbedingte Auflösung einer Anspannung. Der unerbetene Filmrollenvertrag wird erst einmal nicht verlängert (siehe Blogeintrag vom 4.August), Deo gratias.

Horch! Welch fremder Ton!

Tropfen prasseln auf Reblaub.

Endlich ein Regen!

Büstenreliquiare

Im Düsseldorfer Kunstpalast bin ich (nach Monet – Cézanne – Matisse) auf der Suche nach Gemälden der Brüder Oswald (1827-1905) und Andreas (1815-1910) Achenbach, zumindest das 1896 gemalte Im Park der Villa Borghese von Oswald Achenbach sollte sich doch hier befinden, wie mir aus einem älteren Bildband Andreas und Oswald Achenbach „Das A und O der Landschaft“ bekannt ist. Ein freundlicher Kassenmitarbeiter des Museums muss auf meine Frage, wo in der weitläufigen Sammlung sich die Gemälde denn befinden könnten, passen- aber ich habe Glück, ein weiterer, der sich gerade zu einem Plausch oder Schwaat eingefunden hat, zeichnet mir den Ort im Museumsplan ein. Ich beginne den langen Weg durch die Sammlung, ohne Eile, bleibe immer einmal wieder stehen an Stationen, die mir ins Auge springen, wie zum Beispiel eine Ansicht der Via di Ripetta in Rom von Bernardo Bellotto (1721/22-1780), Kartoffelernte von Max Liebermann (1847-1935), Das eherne Zeitalter von Auguste Rodin (1840-1917), Am Meer (Moderne Iphigenie) von Anselm Feuerbach (1829-1880) und- noch ziemlich zu Anfang des Rundganges – die beiden Reliquienbüsten, etwa um 1370/1380 in Böhmen von einem unbekannten Künstler geschaffen.

Was daran zieht mich an? Zunächst einmal, dass da zwei solche Köpfe in der gut ausgeleuchteten Glasvitrine sind, ähnlich, aber keineswegs gleich. Das eine Gesicht etwas schmaler und länglicher, das andere breiter, rundlicher. Schwestern könnten es sein. Der eine Kopf nach links geneigt, der andere nach rechts, aber nicht einander zu. Bei der Rundlicheren scheint ein sanftes Lächeln die Lippen zu umspielen, die Schmalere ist eher ernst oder so, als spüre sie eine Last ihrer Aufgabe. Beide schauen in eine Ferne, die nicht im Außen, sondern im Innen liegt. Die hohen Stirnen gefallen mir, die zurückgehaltenen Haare, die aber doch in kräftigen Locken rahmen. Die zurückhaltenden, wenigen, stimmigen Farben. Und was hat es mit den runden Brustöffnungen auf sich? Sie sollten die greifbaren spirituellen Objekte aufnehmen, die Reliquien, also Überbleibsel, sterbliche Überreste von Heiligen oder auch von heilig- oder seliggesprochenen Päpsten oder KaiserInnen. Die Verehrung von Reliquien als Ausdruck der Heiligenverehrung begann im zweiten nachchristlichen Jahrhundert und erreichte im Mittelalter einen Höhepunkt. Berühmte Kirchbauten gründen auf der Verehrung besonderer Reliquien. Im Zuge der Reformation und ihres Bildersturms wurden viele Reliquien aus den Kirchen entfernt oder gar verbrannt, eine Mittler- oder Fürsprecherfunktion der Heiligen abgelehnt (gemäß 1.Timotheus 2,5 gibt es nur einen Mittler:„Denn einer ist Gott, und einer ist Mittler zwischen Gott und Menschen, der Mensch Jesus Christus.“) Die Reliquienverehrung hat dennoch überdauert, auch in anderen Religionen ist sie bekannt. Die beiden Schwestern verraten mir nicht, an welcher Aufgabe sie getragen haben. Sie schauen weiter in eine Ferne, die ihnen innen nahe ist.

Ich setze den Rundgang fort, schließlich will ich noch mit Oswald Achenbach durch den Park der Villa Borghese spazieren, und ja, ich finde das Gemälde, das der Düsseldorfer Maler vier Jahre nach einem Besuch in Rom nach Skizzen angefertigt hat, und kann mich ein wenig ins milde Licht zu dem Kind auf die Steinbank setzen, auf die Villa Borghese und rosa Wolken schauen, dem Pferdegetrappel der vorbeifahrenden Kutsche lauschen.

Elfter Sonntag nach Trinitatis

Das Herrnhuter Losungsbüchlein schlägt für den heutigen Sonntag als Bibellese den 21-versigen Psalm 145 vor, der Psalm ist ein Lobgesang von David. Ich zitiere nach der Elberfelder Übersetzung 2006 daraus die Verse 1-8,11,13-16,18-19:

Ich will dich erheben, mein Gott, du König, und deinen Namen preisen immer und ewig. Täglich will ich dich preisen, deinen Namen will ich loben immer und ewig. Groß ist der HERR und sehr zu loben. Seine Größe ist unerforschlich. Eine Generation wird der andern rühmen deine Werke, deine Machttaten werden sie verkünden. Reden sollen sie von der herrlichen Pracht deiner Majestät, und deine Wunder will ich bedenken. Sie sollen sprechen von der Kraft deiner furchtbaren Taten, und deine Großtaten will ich erzählen. Das Lob deiner großen Güte werden sie hervorströmen lassen, deine Gerechtigkeit werden sie jubelnd preisen. Gnädig und barmherzig ist der HERR, langsam zum Zorn und groß an Gnade…Sie werden sprechen von der Herrlichkeit deines Reiches, sie werden reden von deiner Kraft…Dein Reich ist ein Reich aller Zeiten, deine Herrschaft dauert durch alle Generationen hindurch. Der HERR stützt alle Fallenden, er richtet auf alle Niedergebeugten. Aller Augen warten auf dich, und du gibst ihnen ihre Speise zu seiner Zeit. Du tust deine Hand auf und sättigst alles Lebendige nach Wohlgefallen…Nahe ist der HERR allen, die ihn anrufen, allen, die ihn in Wahrheit anrufen. Er erfüllt das Verlangen derer, die ihn fürchten. Ihr Schreien hört er, und er hilft ihnen.

Heute, am 16.August 2026 würde mein Großvater mütterlicherseits, der Methodistenpastor Gotthilf Heinrich Hölzer, 130 Jahre alt. 1980 ist er gestorben. Der Kopf des Propheten Joel in der Sixtinischen Kapelle hat mich immer an den Kopf meines Großvaters erinnert. Ein schwarzweißes Abbild des Joel befindet sich auf dem Umschlag des schmalen Büchleins Zwölf heilige Menschen Gottes, das mein damals 17-jähriger Vater Günter Sick 1947 offenbar als ersten Preis eines „Erzähler-Wettbewerbs“ bei einem (methodistischen) Jugendtreffen im saarländischen Elversberg als ersten Preis erhalten hat.

Singen! – an Ferragosto

Nachdem mich der weitläufige Düsseldorfer Kunstpalast vier Stunden lang verschluckt hatte, stöberte ich am 30.Juli noch ein wenig in der Literaturhandlung des Heinrich Heine-Hauses in der Bolkerstraße (natürlich nicht ohne vorher auch dem Rhein einen Besuch abgestattet zu haben) und – verließ ich das ruhige Haus so, wie ich es betreten hatte? Natürlich auch das nicht! Gab es dort doch so schöne Sachen zu finden wie die Nummer 181/182 des marbacher magazins mit dem Titel singen! Lied und Literatur. Und die goldenen Minuskeln von singen bewegten sich schon von selbst wie eine Melodie.

Auf der Coverrückseite ist zu lesen: „Am Anfang der Literatur war das Lied. Im Musikalienbestand des Deutschen Literaturarchivs Marbach ist das Lied folgerichtig die dominante Gattung mit rund 5100 Notendrucken und 2800 Notenhandschriften vom 18.Jahrhundert bis zur Gegenwart, darunter Vertonungen von Schiller, Mörike und Hesse, von Brecht, Stramm und Kafka.“ Und in der Einleitung heißt es, dass bereits in der Antike der Gesang zur Lyra begeisterte. Von der Lyra bekam bekanntermaßen die Lyrik ihren Namen. Lieder aller Art sind ubiquitär, „Lieder sind der Soundtrack unseres Lebens“, heißt es zu Anfang eines Kapitels, „Lieder stärken das Wir-Gefühl“ zu Beginn eines weiteren, und das Heft versammelt ansprechend informative Texte und wunderschöne Abbildungen in den Kapiteln Lieder und ihre Situationen, Geburt, Natur, Liebe, Politik, Tod. Man erfährt zum Beispiel „Wie Frauen das Wunderhorn herbeigesungen haben“ (von Alexandra Hertlein).

Ob in San Mauro Mare auch gesungen wird zu Ferragosto 2026 (zu Teenagerzeiten habe ich dort am 15.August das Lichtsprühen des Feuerwerks über dem Meer bestaunt)? Es gab/gibt jedenfalls ein tolles Programm mit einem Concerto all‘Alba um 6 Uhr bis hin zu einem Spettacolo Fontane Danzanti um 23:30 Uhr. Allora: buon ferragosto!

(Marbacher Magazin 181-182 Singen! Lied und Literatur. Herausgegeben von Gunilla Eschenbach. Deutsche Schillergesellschaft Marbach am Neckar 2023)

(zu Ferragosto siehe auch Blogeintrag vom 14.August 2025)

Die Weltkarte

Paulina lag und starrte auf die Weltkarte, die sich über die Decke des Doppelzimmers zog, in dem das zweite Bett leer blieb. Scharf konturiert reihten sich dort oben große und kleine Flecken aneinander, deren bunte Farben die Länder voneinander abgrenzen sollten. Viel breites Rosa für Russland, die Ukraine in Pink. Beim afrikanischen Kontinent dominierten die Gelbtöne, ein wenig Rosé und Orange war auch dabei, zwei dunkelblaue und ein schwarzes Land kontrastierten hart. Ein System konnte Paulina nicht erkennen. Sie dachte daran, dass sie einmal in Kenia (Rosé) gewesen war, in Ägypten (wüstengelb) und auch im nachtblauen Streifen Tunesien. Wo sie gesehen hatte, welches Licht in die Farben von August Macke und Paul Klee gemischt worden war. In Ägypten waren Geschichtsbücher lebendig geworden und die Bibel, Pyramiden, Papyri, Pharaonen, das Tal der Könige, auf dem Nil hatte sie der Diarrhoe Whisky und Zitronensaft entgegengehalten. In Kenia war sie den Spuren von Jungmädchenbüchern gefolgt, die ihr eine Liebe zum afrikanischen Hochland ins Herz gelegt hatten, damals hatte es keinen Unterschied gegeben zwischen der Liebe der Protagonistin und ihrer Liebe. Im Fernsehen hatte sie zudem Daktari gesehen und selbstverständlich auch gekämpft gegen Wilderer und Elefantendiebe. Eifrig hatte sie alle Suaheli-Wendungen aus den Jungmädchenbüchern heraus geschrieben, zuerst von Hand, dann mit der Schreibmaschine auf DIN A5- Ringbuchblätter abgetippt, ahsante sana, kuku na pili pili hoho, heia safari, kwaheri, Paulina erinnerte die Worte noch, und schließlich hatte sie ein schmales Polyglott-Wörterbuch besorgt, Sprachführer Suaheli für Ostafrika, der Einband hatte geglänzt in der Farbe der Savanne. Sie hatte sich aber dann in Ostafrika doch lieber um Menschen kümmern wollen, an den Tieren nur erfreuen, aus Faszination für Tansania und dessen nachkoloniale Entwicklung hatte sie im Gymnasium ein Referat über Julius K. Nyerere geschrieben. Schließlich war da noch Jenseits von Afrika gewesen, mit Meryl Streep und Robert Redford, noch immer sprach die Stimme Ich hatte eine Farm in Afrika am Fuße der Ngongberge, noch immer spürte sie, wie Robert Meryls Haare wusch, noch immer hörte sie das Knistern des Lagerfeuers, im Jahr des Films war sie 27 geworden und hatte ihr Studium beendet. Von Tania Blixens Buch besaß sie eine Ausgabe Manesse Bibliothek der Weltliteratur, auf dem Umschlagbild das von Tania Blixen gemalte ruhige Portrait eines Kikuju-Mädchens, die Savannenfarbe im Hintergrund. Ich hatte eine Farm in Afrika am Fuße der Ngongberge. Hundert Meilen nördlicher lief der Äquator durchs Hochland, aber die Farm lag in einer Höhe von über zweitausend Metern. Da spürt man tagsüber die Höhe, die Nähe der Sonne, aber die Morgenfrühe und die Abende sind klar und friedvoll, und die Nächte sind kalt. Den Äquator hatte sie in Kenia überquert, ein Schild und der Fahrer des Landrovers hatten das verkündet, Zinkbettflaschen und Kannen voll heißen Tees hatten die Nächte gewärmt, Elefanten sich an der Wasserstelle eingefunden und die Dunkelheit war rasch in die klare Luft gefallen. Es war die Zeit, als das zweite Bett nicht länger leer gewesen war. Von da sah ich im Südwesten die Ngongberge liegen. In edlem Schwung erhob sich das Gebirge luftig-blau über das umliegende Flachland, doch war es so fern, dass die vier Gipfel ganz klein erschienen, kaum unterscheidbar und anders geformt, als man sie von der Farm aus sah. Der Umriss des Gebirges war von der sänftigenden Hand der Ferne geglättet… Paulina blickte noch einmal hinauf zu den bunten Flecken der Zimmerdecke, alle Weltmeere waren weiß, dann drehte sie sich auf die Seite und schloss die Lider, sie musste endlich schlafen.

(Text vom 7./9./14.August; siehe auch Blogeintrag vom 4.August 2025: kuku na pili pili hoho)

Choreomania oder ansteckendes Tanzen

Ich schaue einen Wochenstapel Tageszeitungen durch und kaum habe ich begonnen, bleibe ich an einem Artikel hängen, der Die Dritte Seite ganz füllt. Schon das vorgeschaltete, sich über die gesamte Seitenbreite erstreckende Bild zieht mich an: es ist ein Gemälde von Pieter Bruegel dem Jüngeren (1564-1638), das dieser nach Zeichnungen seines Vaters Pieter Bruegel dem Älteren fertigte: Tanzmanie auf der Pilgerfahrt von „Epileptikern“ zur Kirche in Molenbeek. Milde Farben, bewegte Menschen, verrenkte Körper, vor allem von den beiden Frauen geht die Aktion aus, von jeweils zwei Männern werden die Beiden gehalten, mittig zwei gebeugt gehende Spielleut, die auf dudelsackähnlichen Instrumenten musizieren, aber gleichzeitig ihre Augen aufs Geschehen lenken. Bei der Abbildung handelt es sich um einen Ausschnitt des Gemäldes Tanz in Molenbeek und die milden Farben sind offenbar der Wiedergabe geschuldet und im Original leuchtender. Der Artikel mit der Überschrift Als das Tanzen ansteckend war behandelt die Straßburger Tanzwut von 1518, als ab dem 14.Juli, ausgehend von einer einzigen Frau namens Troffea (Paracelsus erfand den Namen Frau Troffea) immer mehr Menschen vom unwiderstehlichen Drang zum Tanzen erfasst wurden und über Tage hinweg in einer Art Trance ekstatisch bis zur völligen Erschöpfung auf den Straßen tanzten. Zeitgenössische schriftliche Quellen berichten von den Ereignissen. Als Auslöser des Tanzrausches, auch als Tanzpest, Tanzwut, Epilepsia saltatoria oder Choreomanie bezeichnet, habe die damalige Gesellschaft eine besondere Konstellation von Himmelsgestirnen vermutet, eine Störung der kosmischen Ordnung, sagt die Historikerin Elisabeth Clementz. Dass getanzt wurde, war nicht ungewöhnlich, das Tanzen habe im Mittelalter zum Leben gehört und sei Bestandteil vieler Feste gewesen. Lediglich der ansteckende Rausch, das Außer-Sich-Geraten und die vollkommene Verausgabung waren das Auffällige. Dass es sich, wie immer wieder diskutiert, um Auswirkungen von Mutterkornalkaloid gehandelt hat, das mit von einem Pilz befallenen Getreide aufgenommen wurde (LSD-ähnlich), ist von Symptomatik und Verlauf nicht nachvollziehbar, wohl aber mögen die euphorisierenden Effekte der durchs Tanzen hervorgerufenen Dopaminausschüttung zu den Tanzepidemien beigetragen haben.

Eine andere Quelle im Netz, die u.a. denselben Ausschnitt des Bruegel-Gemäldes zur Illustration verwendet, verrät mir zu Tanzpest, Choreomanie oder Tanzseuche, dass die schlimmste Tanzmanie der Welt 1374 von Aachen ihren Ausgang nahm und sich rasch auf Städte in Belgien und entlang des Rheins in den Niederlanden ausbreitete. Wochenlang tanzten Tausende Menschen, vernachlässigten Essen und Schlafen, tanzten wie Rasende, bis sie vor Erschöpfung zusammenbrachen. So plötzlich wie die Manie begonnen hatte, endete sie auch wieder. Bekannt ist, dass Regionen, in denen die Tanzepidemien ausbrachen, zuvor hart getroffen worden waren (selbst für mittelalterliche Verhältnisse), im Jahr 1374 waren es z.B. heftige Überschwemmungen, in Chroniken ist ein Anstieg des Rheinpegels um zehn Meter verzeichnet. In Straßburg 1518 begann das ansteckende Tanzen bei großer Hitze und nach einer dreijährigen Hungersnot, wie in einem kurzen arte-Video erläutert wird.

(Als das Tanzen ansteckend war, Bärbel Nückles, Badische Zeitung, 11.August 2026; hier nachrecherchiert, z.T. erweitert u. nach anderen Quellen korrigiert)

(Das ungelöste Rätsel der mittelalterlichen Tanzpest, Sanj Atwal, 5.Dezember 2022, guinessworldrecords.com)

(Foto: Sascha Wiederhold, 1904-1962 : Jazz-Symphonie, 1927. Kunsthalle Mannheim)

Unwägbarkeiten

Reisen führen zuweilen zu Zielen, die beim Aufbruch nicht im Sinn waren. Wege nehmen überraschende Wendungen. Und manchmal erhält man unterwegs unerwartete Nachrichten. Ich drücke es einmal so aus: die Nachricht lautet, dass man in einer Filmrolle besetzt wird, für die man sich gar nicht beworben hat.

Daher macht mein Blog eine etwas verlängerte Pause, ich denke aber, kommende Woche mit Einträgen fortfahren zu können.

Flirrende Hitze.

Räder rollen stromaufwärts.

Weiter und weiter.