Aus dem Tagebuch der Ferien ’73 in S. Mauro a Mare Hotel Conti

O-Ton 14.August:

Heute Morgen gingen wir nach einem feinen Frühstück gleich an den Strand. Da wir noch keine Liegestühle hatten und unsere Nachbarn noch bis morgen auch hier sind, waren wir bei ihnen. Die letzten Wochen war hier eine große Hitze, aber heute war es sehr windig, auf dem Meer sogar stürmisch. Aber natürlich ist es immer noch warm. Um halb eins gab es Mittagessen. Dann haben wir bis 15 Uhr etwas geruht und sind dann an den Strand gegangen. Als wir im Wasser waren, sahen wir plötzlich zwei Bademeister ganz schnell mit ihren Booten zu einer bestimmten Stelle rudern. Ein junger Mann wurde von zwei anderen auf‘s Boot gehoben. Er zeigte keinerlei Lebenszeichen mehr. Der Bademeister legte ihn sofort auf die Seite und begann, dem jungen Mann den Arm zu bewegen. Ganze Mengen von Wasser kamen aus seinem Mund. Der Mann war ganz blau im Gesicht und hatte Schaum vor dem Mund. Am Strand liefen große Mengen Schaulustiger zusammen und behinderten den Bademeister derart, dass er mit dem Ruder in die Menge schlagen musste, um den Ertrunkenen überhaupt erst vom Boot zu bringen. Man erzählte uns, dass gleich Mund-zu-Mund-Beatmung gemacht wurde. Dann wurde der junge Mann ins Krankenhaus gebracht. In Mauro Mare ist ein Stück des Meeres durch Steinwälle abgetrennt, damit nicht zu große Wellen kommen. Dazwischen sind aber immer Öffnungen, durch die man hinausschwimmen oder mit dem Boot hinausfahren kann. Ich nehme an, dass der Mann hinausgeschwommen ist und gegen die großen Wellen nicht mehr ankam. Nach dem Abendessen haben wir uns noch etwas auf die Terrasse gesetzt.

O-Ton 15.August:

Natürlich waren wir wieder am Strand. Der starke Wind hat sich gelegt. Wie schön haben wir es doch hier! Wir haben erfahren, dass der junge Mann tot ist. Er ist mit seiner Freundin mit der Luftmatratze auf‘s offene Meer geschwommen. Eine der hohen Wellen hat die Luftmatratze umgekippt, so dass die beiden loslassen mussten. Die Freundin hat sich jedoch wieder halten können, er aber wurde abgetrieben, kam gegen die hohen Wellen nicht an und schluckte zu viel Salzwasser. Der Mann war 23 Jahre alt und war mit seiner Freundin aus Bologna hier. Für das Mädchen muss es ja schrecklich sein!

(Mehr hatte ich an diesem Tag nicht aufgeschrieben. Zu den Sommerferien 1973 siehe auch Blogeintrag vom 30.Juni 2025: Quattordici. Das Hotel Conti in der Via Diana in San Mauro a Mare gibt es noch,wie ich recherchiert habe. Ci andrò l’anno prossimo?)

Septembermahlzeit

Viel Besuch erhalte ich derzeit.

Besuch, der sich in rosa Blütenwolken der Lagerströmia verlustiert.

Oder an nahen Köstlichkeiten gütlich tut.

Er lässt sich nicht stören.

Hat Zeit, verweilt.

Dann fliegt er auf, rastet auf dem Nachbargiebel.

Schaut sich um.

Kehrt zurück.

Ein gelber Schnabel

bewegt sich im Rebengrün.

Septembermahlzeit.

Pasta für Nachtigallen

…ist der Titel eines sehr schön ausgestatteten Buches, das ich im Januar für wenige Euro in einer Buchhandlung noch original eingeschweißt mitgenommen habe, offenbar hatte sich niemand sonst dafür interessiert. Ein Handbuch über Vogelpflege aus dem 17.Jahrhundert lautet der Untertitel, auf kartonfestem Papier finden sich maßstabsangepasste Illustrationen auf Basis jener originalen kolorierten Vogelzeichnungen, die der bedeutende italienische Kunstmäzen Cassiano dal Pozzo (1588-1657) im 17.Jahrhundert für sein Papiermuseum hatte fertigen lassen.

Über vierzig Jahre lang hatte Dal Pozzo für das Papiermuseum (Museo Cartaceo) Zeichner beschäftigt, die römische Antiken, frühchristliche Relikte, naturkundliche Gegenstände, Drucke zu Tagesereignissen etc. festhielten, es ging um Realien, um Sachkultur. Teile der Sammlung sind heute in der Royal Library in Windsor Castle und im British Museum of London zu finden, die Originalausgabe des Buches erschien 2018 unter dem Titel Pasta for Nightingales bei Royal Collection Trust, London.

Cassiano dal Pozzo war seit 1622 Mitglied der Accademia Nazionale dei Lincei, also der Akademie der Luchsartigen (im Sinne von Scharfsichtigen), einer ersten privaten Institution zur Förderung der Naturwissenschaften in Europa. Zudem pflegte er einen umfangreichen Briefwechsel mit Korrespondenten in fast ganz Europa, etwa vierzig Bände des Briefwechsels sind erhalten.  

Die Texte zu den in Pasta für Nachtigallen abgebildeten Vögeln stammen aus L’Uccelliera, ovvero discorso della natura e proprietà di diversi uccelli von Giovanni Pietro Olina (Roma 1622). Giovanni Pietro Olina (1585- ca.1645) war ein italienischer Naturforscher, Jurist und Theologe, vor allem bekannt durch die genannte L’Uccelliera (Voliere), ein Werk über das Fangen und Halten von Singvögeln.

Lesen wir die Texte heutzutage, mag der ein oder andere befremdet sein über damalige Gepflogenheiten. Akribisch wird nicht nur der jeweilige Vogel beschrieben, sondern auch wie mit ihm am besten zu verfahren und umzugehen ist.

Schauen wir mal nach der Lörracher Lerche, gibt es sie? Ja, da ist sie ja: „Über unsere heimische Lerche“ ist der Text überschrieben und man bekommt geraten, dass man sie bei der Aufzucht wie die Nachtigall mit zerkleinertem Herz füttern soll. Sobald sie aber ausgewachsen ist, empfiehlt sich zur Kostenersparnis auch geschälter Weizen, Dinkel, Hafer, Mischkost und Hirse. Und dann folgt eine Beschreibung des Lerchengesangs, der mit seinen Trillern, Rouladen (Trällern) und Diminuendi entzückt.

Dass Nachtigallen auch mit zerkleinertem (Ochsen-) Herz gefüttert werden sollen, wissen wir jetzt ja schon, aber was hat es mit dem Titel des Buches auf sich? Aha, hier steht es: kleine Pastakörner sollen die Ernährung der älteren Exemplare ergänzen, und auf einer ganzen Seite findet sich die Anleitung zur Herstellung von Pasta als Futter für die Nachtigall, komplettiert auf der korrespondierenden Seite durch die Wiedergabe eines Stiches aus Olinas Uccelliera: Das Abwiegen, Sieben und Kochen von Pasta, um Nachtigallen damit zu füttern.

Auf den nächsten Seiten folgt die ausführliche Beratung, „Wie man die Nachtigall zum Singen ermuntert“ und das gelingt nicht allein durch Nahrungsergänzung um gemahlene Pinienkerne und Safranfäden, sondern unter aktiver Beteiligung der Vogelhalter und Vogelhalterinnen: „Veranstaltet man in dem Raum, in dem die Nachtigall gehalten wird, ein liebliches Konzert aus Klängen oder Stimmen, regt sie Selbiges ganz wundervoll zum Singen an.“

Tja, was würde wohl Denis Scheck dazu sagen, der gerade in ‚druckfrisch‘ (13.09.2026) Das Buch der Vögel (von Robert Macfarlane, Illustrationen Jackie Morris, Übersetzung Daniela Seel) empfohlen hat?

(Pasta für Nachtigallen. Ein Handbuch über Vogelpflege aus dem 17.Jahrhundert. Vorwort von Helen Macdonald. Deutsche Ausgabe Gerstenberg-Verlag, Hildesheim 2018, 133 S.)

Schön, sind Sie mit uns unterwegs

…tönt es in der Tram nach Basel und bei der Konzerteinführung im Vortragssaal des musikwissenschaftlichen Seminars wird man mit einem weiteren eleganten Helvetismus empfangen: schön, sind Sie so zahlreich erschienen. Schön, sind Sie da, hieß es beim vorigen Mal und ich bedaure fast, dass bereits ein paar Meter über der Grenze diese Wendungen so nicht zu hören sind. Ist es nicht hübsch, wie man sie verstehen kann, wenn man im Gesprochenen das Komma nicht mithört? Also nicht nur: schön, dass Sie mit uns unterwegs sind, sondern auch: Sie sind mit uns schön unterwegs oder gar: Sie sind schön! Und mit uns unterwegs.

Schön unterwegs (und dazu noch zahlreich, in der ausverkauften Peterskirche) war man denn auch beim Hauptkonzert Nr. 7 des Erasmus klingt!-Festivals mit VOCES 8, dem gefeierten A-cappella-Oktett aus Großbritannien, man reiste mit den wundervollen acht Stimmen nicht nur durch Zeiten, sondern auch durch Orte.

Unter dem Titel Metropolis kam man in Venedig, München, Paris, London, Reykjavik, Talinn, Oslo, Helsinki, Rom, Leipzig, Wien, Liverpool und New York vorbei – ach nein, man kam nicht nur vorbei, sondern tauchte in die Klangatmosphären der Städte ein, wobei gemäß Programmstationen New York zweimal (mit The Sound of Silence und I Get a Kick Out of New York), Paris sogar dreimal vertreten war mit Pater Noster von Igor Stravinsky (1882-1971), Dessus le marché d’Arras von Orlando di Lasso (1532-1594) und April in Paris von Vernon Duke (1903-1969)/Yip Harburg (1896-1981). Für Rom stand das Magnificat Primi Toni von Giovanni Pierluigi da Palestrina (1525-1594), für Venedig Giovanni Croce (1557-1609) mit Buccinate in Neomina Tuba, ein Umstellen der wenigen Ensemblestimmen erinnerte an die im Markusdom üblichen ‚cori spezzati‘ (mindestens zwei Chöre sangen von gegenüberliegenden Emporen). Orlando di Lasso vertrat mit dem Gloria aus der Missa Bell’ Amfitrit’ Altera auch München, wo er lange lebte und auch begraben liegt. Deutschsprachig stellten sich Leipzig mit Denn er hat seinen Engeln befohlen über dir von Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809-1847) vor sowie Wien mit Liebe von Franz Schubert (1797-1828). Und wer wohl nahm einen mit nach Liverpool? Natürlich die Beatles mit einem 1994 von den verbliebenen Pilzköpfen wieder aufgegriffenen Demo-Tape aus 1977 des 1980 ermordeten John Lennon Free as a bird (arr. Jim Clements 1983).

Zwischen den Stationen fungierten die Ensemblemitglieder als humorvolle ReiseführerInnen mit profunden Kenntnissen. Und so verflog die pausenlose Reisezeit (aus einem Brief des oft unfreiwillig reisenden Erasmus lesend eingeleitet von Alain Claude Sulzer „ich bin dort zuhause, wo meine Bibliothek ist“, „einzig und allein Italien habe ich freiwillig besucht“) schneller als den Mitreisenden lieb war. Aber irgendwann wollte das Oktett weder den Reisegefährten noch sich selbst weiter seinen „Smell“ zumuten, denn passend zum Viaggio-Thema des Festivals, bei dem es auch ein Konzert mit dem Titel Arie di Baule – Kofferarien gegeben hatte, waren zwar die Melodien, aber nicht die Koffer mit den VOCES mitgereist, British Airways sei’s gedankt, das Oktett musste „casual“ auftreten. Ein Reise- Surplus ließ sich dann doch noch bei den standing ovations erklatschen: Come, fly with me (to the moon).

(Das Surplus, ein Arrangement von Alexander L’Estrange der Songs ‚Come Fly with me‘ und ‚Fly me to the moon‘ kann man auch in mehreren YouTube-Videos von VOCES 8 anhören und ansehen, 18.11.2022,05.06.2025,30.01.2026 – viele weitere wunderbare VOCES 8- Videos auch)

Fünfzehnter Sonntag nach Trinitatis

Der Wochenspruch für die 38.Kalenderwoche gemäß Herrnhuter Losungsbüchlein steht im ersten Brief des Apostels Petrus (er schreibt „den Fremdlingen von der Zerstreuung…, die auserwählt sind…“):

Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch. (Vers 7).

Der Vers wird oft so für sich allein, aus dem Zusammenhang genommen, zitiert und vielleicht missverstanden.

In der Elberfelder Übersetzung lautet er als Fortsetzung des vorhergehenden Verses: indem ihr alle eure Sorge auf ihn werft! Denn er ist besorgt für euch.

Und die Interlinearübersetzung griechisch-deutsch überträgt die grammatikalische Form so: alle eure Sorge geworfen habend auf ihn, weil ihm liegt an euch!

In den abschließenden Segenswünschen und Grüßen bezeichnet Petrus Gott als den Gott aller Gnade. Ein solcher Gott ist besorgt für die Angesprochenen, es liegt ihm an ihnen. Und „werfen“ ist etwas sehr Aktives.

Hermann Hesse in Riegel 5 oder Vom Baum des Lebens

Den Baum des Lebens kennen wir aus biblischen Zusammenhängen, in der Genesis taucht er auf: Und Gott der HERR pflanzte einen Garten in Eden im Osten, und er setzte dorthin den Menschen, den er gebildet hatte. Und Gott, der HERR, ließ aus dem Erdboden allerlei Bäume wachsen, begehrenswert anzusehen und gut zur Nahrung, und den Baum des Lebens in der Mitte des Gartens, und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen (Gen.2,8-10) und – nachdem in Genesis 3 die Schwierigkeiten mit dem Baum des Lebens ihren langen Lauf nehmen – schreibt der Johannes der Offenbarung, was ihm zu hören gegeben wurde: Wer überwindet, dem werde ich zu essen geben von dem Baum des Lebens, welcher in dem Paradies Gottes ist (Off.2,7). 

Vom Baum des Lebens“ ist der Titel des Insel-Bücherei-Bandes 454, der ausgewählte Hesse-Gedichte versammelt, auf Seite 10 einer alten Ausgabe findet sich das Gedicht Die Zypressen von San Clemente aus dem Jahr 1901, Hermann Hesse lässt als lyrisches Ich die Zypressen selbst sprechen, die viel sehen an Werden und Vergehen „Wir biegen flammend schlanke Wipfel im Wind,/ Wir schauen Gärten, welche voll Frauen sind/ Und voll Spiel und Gelächter…“, „Wir sehen Täler und sehen silberne Weiten,/ Wo Menschen sich freuen, müde werden und leiden, …“ Am Ende warten die Zypressen selbst und leise, „…Ob der Tod uns erreiche oder vorüberreise.“

Ein Saaltext in der Ausstellung der Kunsthalle Messmer in Riegel ist dem „Baum bei Hermann Hesse“ gewidmet, Themen wie Selbstfindung und Selbstwerdung sieht Hesse im Baum verkörpert, u.a. deswegen, weil der Baum Erde und Himmel verbindet, mit festen Wurzeln in der Erde streckt er seine Äste dem Himmel entgegen, ein „Individuum…, das danach strebt, sich möglichst vollständig zu entwickeln und seine Potentiale gemäß seinem inneren Gesetz zu entfalten.“  Die eindringlichsten Prediger seien Bäume für ihn immer gewesen, schreibt Hermann Hesse in einem Text.

Auf sehr vielen der Aquarelle und Federzeichnungen, die zumeist aus der Kunststiftung der Sparkasse Pforzheim Calw stammen, sind denn auch Bäume ein Motiv oder Begleiter des Motivs. Einen Brief im Jahr 1958 an Carl Schnoeckel beginnt Hesse mit einer wunderschön einfachen aquarellierten Zeichnung, die einen einzelstehenden Baum vor einer See- und Bergkulisse zeigt (Baum im Tessin), der Brieftext gibt „sonderbar gemischten Gefühlen“ Ausdruck über das Angebot des Empfängers, Hesse „mit Papier zu beschenken“. Einen „Papier-Mäzen“ habe er sich früher hundertmal gewünscht. „Aber, wie es bei Goethe steht, erfüllen die glühendsten Jugendwünsche sich dann im Alter, zu spät.“ Denn die vorhandenen Papiervorräte sieht Hesse als über sein Lebensende hinaus reichend an. Seinem (ablehnenden) Dank fügt Hesse aber doch noch seine Präferenzen an: „Aquarelliert habe ich früher am liebsten auf italienisches Ingres, und das schönste zum Malen wie zum Schreiben gleich gute war ein starkes, eher glattes Whatman.“

Hesse-Sammlung Martin Pfeifer / Hermann Hesse https://share.google/parHd4tSpzxxlSqlQ

Pierre Huyghe in der Fondation Beyeler

Ich entschließe mich, doch noch die bereits seit dem 24.Mai laufende Ausstellung in der Fondation Beyeler zu besuchen, bevor sie übermorgen endet. Der Ausstellungsflyer, der außer den weißen Buchstaben, die Ort und Daten festhalten, sehr düster wirkt in seinen Grauschwarztönen, hatte mich nicht angezogen, vom 1962 in Paris geborenen (und dort lebenden und arbeitenden) Künstler hatte ich bisher weder gehört noch gelesen (genau heute hat er Geburtstag, stelle ich bei der Recherche fest). Die Ausstellung sei eigens fürs Museum konzipiert und würde sich als ortsspezifisches Erlebnis entfalten, meint der Text des Flyers. Ein grauer Teppich aus dem Museum Ludwig mit einer durch die immer ähnlich darüber gehenden Menschen entstandenen sichtbaren Laufstraße führt in den ersten Raum auf eine weiße Stellwand zu , auf der Ameisen ihren Straßen folgen. Genau fünf Ameisen entdecke ich auf der hohen weißen Wand. Die weiteren Räume werden von den düsteren Grauschwarztönen dominiert, fast labyrinthisch irrt man durch neu geschaffene enge Gänge in total finstere Räume mit schwarzer Wandbespannung, in denen dystopisch anmutende Filme des Künstlers laufen, in Raum 3 zum Beispiel Liminals von 2025, der u.a. mit fotogrammatischen Scans erarbeitet wurde. „Als Vorstellung eines nicht-menschlichen Zustandes erforscht er völlige Ungewissheit“, heißt es im Saal-Booklet, die handelnde Figur sei eine gesichtslose, hohle Gestalt, die sich zwischen verschiedenen Zuständen bewege, während sie versuche, jenseits von Raum und Zeit zu existieren. Ich schaue lange, aber nicht die gesamten 50 Minuten hin. Und muss an den Roman Die Wand von Marlen Haushofer denken (den Film mit Martina Gedeck sah ich vor vielen Jahren), auch Der Schrei von Edvard Munch fällt mir ein, wie ein einziger entsetzlicher Schrei wirkt in gewissen Momenten des Films das schwarze Oval, das das Gesicht der Figur aushöhlt, manchmal aber auch wie eine Maske oder wie das schwarze Loch eines übergroßen Mangels. Die Umgebung, in der sich der einer schönen, idealproportionierten Statue gleichende Frauenkörper bewegt (gehend, kriechend, liegend, tastend, suchend, zurückschreckend), ist so etwas wie wüst und leer (Und die Erde war wüst und leer, und Finsternis lag auf der Tiefe – denke ich, oder vielmehr: die Erde ist verwüstet und leer und Finsternis liegt allüberall…). Äußerst lange und geduldig fahren die Einstellungen über sämtliche Oberflächen (Gesteinskörper, menschlicher Körper) und gehen den Details nach. Dass die nächsten Räume wieder heller sind, nimmt man erleichtert wahr, bevor einen die Irritation von Apnea ereilt, einem künstlichen Organ, das sich im Wasser eines Aquariums unter einem Gesteinsbrocken rhythmisch zusammenzieht und atmet, manchmal auch mit dem Atmen aussetzt. Der unbeständige Atemrhythmus zirkuliert auch in den Wänden der gesamten Ausstellung, Löcher in den Wänden machen ihn hörbar, er beeinflusst das Erscheinungsbild von Glaspaneelen, die in Türdurchlässen verschiedener Räume eingearbeitet sind und von durchsichtig zu milchig-undurchsichtig changieren, so dass man entweder die BesucherInnen des anderen Raums sieht oder aber gespiegelt sich selbst. „In diesem veränderlichen Raum verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Fiktion, Anwesenheit und Abwesenheit, zwischen Menschlichem und Nicht-Menschlichem“, so im Text des Saal-Booklets. Unsicherheit und Widersprüchlichkeit der Daseins-Erfahrung sind Themen, mit denen sich Pierre Huyghe auseinandersetzt, sie sind auch den Museumsbesuchern anzumerken, die meisten wirken ratlos, schauen suchend ins Heftchen und in die Räume, sitzen still und stumm im Dunkeln vor den Filmen. Einzig eine Gruppe Kinder springt, spricht und lacht, ein Mädchen fragt: habt ihr euch getraut, den letzten Film anzuschauen? (Film: Camata 2024). Dass auch die Teppiche, die ungewohnt alle Ausstellungsräume belegen, ein Huyghe’sches Kunstwerk sind (Light Dust), bekommen die meisten wohl gar nicht mit. Die Ausstellung passt zum 9/11-Tag, denke ich, dessen 25.Wiederkehr heute sämtliche Medien füllt. Und bin dann froh, dass mich draußen Septembersonne und Schönheit des Beyeler Parks empfangen.

https://www.fondationbeyeler.ch

Mittag im September

„Es hält der blaue Tag/ für eine Stunde auf der Höhe Rast…“, so beginnt ein weiteres Septembergedicht von Hermann Hesse, dessen Zeilen Septemberluft, Septemberduft, Weltgedanken und Septemberfarben sammeln und zusammenhalten „…dass schattenlos die Welt,/ in Blau und Gold gewiegt,/ in lauter Duft und reifem Frieden liegt. …“ Und dann fällt eine andere Zeile ein.

Auf Youtube existieren verschiedene Videos, in denen unterschiedliche Sprecher das Gedicht rezitieren, zum Beispiel 2018 ein Herr Olaf Pietsch, der es mit einem goldblauen Gemälde und mit einem Musikstück hinterlegt. Gedichte zu sprechen, ist nicht einfach, ich „höre“ sie meist anders, wenn ich sie lese.

Um Gedichte wird es recht bald auch gehen bei der Fortsetzung der Senter Lektüren, um Gedichte nämlich jenes Herrn von Goethe, der mir ständig über den Weg läuft (vielleicht, weil jemand mir einen Duden-Kalender Mit Goethe durch das Jahr 2026 – Goethe und das Klima geschenkt hatte? Oder vielleicht, weil man schon bei meiner Namensgebung diesen Herrn im Sinn hatte?) – Goethes Lyrik also in Sent bei Angelika Overath und Manfred Koch und vielleicht beim goldgelben Ton der Lärchen unterm Engadiner Blau.

Hermann Hesse in Riegel 4 etcetera

Eine gute und inspirierende Zeit – das wünscht die Kunsthalle Messmer auch beim Besuch gewisser Örtlichkeiten und da spricht nicht der Nobelpreisträger, Maler und Dichter Hermann Hesse, sondern Johann Wolfgang von Goethe, der ebenfalls mit allerlei Professionen aufwarten konnte, er spricht über Unaussprechliches.  Die „Kunst als Vermittlerin“, Hesse bedient sich ihrer mit Feder und Pinsel, in einem Brief an Franz Ginzkey schreibt er 1921: „Das Produzieren mit Feder und Pinsel ist für mich der Wein, dessen Rausch das Leben so weit wärmt und hübsch macht, dass es zu tragen ist“.  Zur Malerei gelangte Hesse über den Austausch und auch (in depressiver Krisenzeit) über  psychoanalytische Arbeit mit C.G.Jung, wie ich in der Ausstellung erfahre. Habe ich Demian (1919), in dem diese Erlebnisse literarisch verarbeitet wurden, früher gelesen? Ich schaue nach in meiner alten, noch vorhandenen Suhrkamp-Jubiläumsausgabe zum hundertsten Geburtstag von Hermann Hesse, der dritte Band, und ja, da habe ich doch auch gleich am Anfang schon Anstreichungen gemacht, mit Bleistift, und durch den Band hindurch, der nach Demian, der Geschichte von Emil Sinclairs Jugend auch Wanderung enthält, Untertitel Aufzeichnungen. Und da begegnen mir im blau marmorierten Büchlein weitere Texte wieder, die sich in der Kunsthalle Messmer an den Wänden finden, auch das Rote Haus ist da, die Magie und der Klang der Farben, die Malerfreude  „…Grün klingt auf aus neugeborener Quelle…“ Nicht nur Farben klingen bei Hesse, auch „aus der Kindheit her/ weht ein Klang mir nach“, wie es in einem Gedicht heißt, das zu jenen gehört, die samt Aquarell-Illustrationen an die ungarische Sängerin Ilona Durigo (1881-1943) gerichtet waren. Finde ich die gezeigten Gedichte auch in jenen schmalen Hesse-Gedicht-Büchern, die ich immer einmal wieder in Antiquariaten mitgenommen habe? Ja, das Septembergedicht ist enthalten im Insel-Bücherei-Band Nr.454 Vom Baum des Lebens, in den jemand schon am 24.X.36 einen Erwerb- oder Lektüre-Vermerk geschrieben hat „in den Aarauer Ferien!“ Und Der Klang finde ich in Der Blütenzweig. Eine Auswahl  aus den Gedichten von Hermann Hesse, Fretz&Wasmuth Verlag Zürich 1945, dort bildet die erste Zeile auch den Titel (Weihnacht 1956 hat eine Monika den Band ihrer lieben Maritha herzlichst gewidmet). Bäume und Blütenzweige sehe ich auch auf den Exponaten, ein ganzer Saaltext befasst sich mit  „Der Baum bei Hermann Hesse“ und ein weiterer mit „Hermann Hesse als Gärtner“. Werde ich davon noch erzählen? Mal sehen. Jetzt bin ich aber nach Stufen und der Fotovergrößerung, die Hermann Hesse im Jahr 1951 mit seiner Enkelin Sibylle zeigt auf dem Pflaster einer Gasse in Curio/TI (Hermann Hesse im Schatten vor einer Toreinfahrt, Sibylle auf der Gasse in einem Lichtstreifen; Fotoarchiv Martin Hesse) an der Plexiglasschranke angekommen, die mich aus der Ausstellung entlässt, und merke, dass ich eine Stärkung benötige. Gab es nicht in der Nähe den hübschen Biergarten? In dem man unter großen Kastanien auf einfachen klappbaren Holzgartenstühlen sitzen konnte? Ja! Dort dreht sich ein kleines Mühlrad, kein Rauschen erklingt, nur ein sanftes Plätschern unterstreicht die Stille, die auch die wenigen Gäste an den vielen Tischen dämpft. Gewisse Örtlichkeiten sind präzise ausgewiesen „Über die Brücke, dann rechts & dann links“, dem kühlen sauren Weißweinschorle steht also nichts im Weg. Als ich allerdings frage, was nun der dritte große Schriftstellende, der mir an diesem Tag begegnet, was also Jean Paul auf dem Servierbrett des Riegeler Marktflammkuchens zu suchen hat, weiß der schmale, dunkelhaarige Kellner keine Antwort, obwohl er doch den Gästen am Nachbartisch genau erklären konnte, wieso um alles in der Welt die Fürstenberg-Brauerei die Tafel mit dem WC-Wegweiser aufstellt im Riegeler Biergarten.