(römische Freuden 1-8 siehe Blogeinträge vom 20.01.,21.01.,27.01.,30.01.,03.02.,06.02.,11.02.,16.02.)
…, und eine Woche später war sie wieder in den Vatikanischen Museen unterwegs gewesen, die ungeheure Ansammlung von Kunst und Kostbarkeiten aller Zeiten hatte sie fast wirr gemacht und in ihr den Wunsch geweckt, in jedem Saal möge nur eine Skulptur stehen oder nur ein Bild hängen, damit jedes einzelne Kunstwerk seine Schönheit und Besonderheit ungestört darbringen könne,
und sie hatte sich gefragt, warum die alten Ägypter die Leiber der Verstorbenen so haltbar gemacht hatten, die Mumien in ihren Sarkophagen waren ihr arm vorgekommen und hatten sie an nasse, zertretene Blätter und gar nicht mehr an Menschen erinnert, mit anderen Leben aber hatte sie sich wundersam verbunden gefühlt,
verbunden, obwohl sie diese Leben nicht kannte, hatten doch die Künstler Hand an das Original gelegt, vor dem sie nun stand und die Leben kamen ihr nahe im Werk, etwas, das ihr Reproduktionen nicht schenkten, wie sie notiert hatte,
die Büste des Julius Cäsar oder des Perikles, die Laokoon-Gruppe waren ihr zuvor nur in Schulbüchern begegnet, jetzt erlebte sie Nähe, auch bei den von Raffael und seinen Schülern ausgemalten Stanzen, beim Abguss von Rodins Denker, bei den Lesenden Mönchen von Barlach, die ihr so ausdrucksstark erschienen waren in ihrer Einfachheit,
und sie hatte versucht, sich Hintergründe zu erarbeiten, die ihr fehlten, mit Stützers Römischer Kunstgeschichte, aber sie wollte gar nicht beflissen gebildet sein, oder so tun müssen, als sei sie geflissen gebildet, auch wenn sie gerne stöberte in der Libreria Herder an der Piazza Montecitorio, lieber las sie in ‚Engelsbrücke-Römische Betrachtungen‘ von Marie Luise Kaschnitz, das die Mutter ihr geschickt hatte,
und unterhielt sich mit den Waschfrauen und Büglerinnen im Keller der Casa beim Mangeln der Wäsche oder mit Anna aus Napoli beim Präpieren eingelegter Peperoni, buk mit der munteren J. und der trägen S. ein Lebkuchenhaus, flocht mit den Diakonissen tannenduftende Kränze für den Adventsbazar der deutschen evangelischen Kirche, ging mit der Südtirolerin Maria zur feierlichen Christmette im Petersdom,
wo Papst Paul VI. zelebrierte, den sie auch am 8.Dezember an der Colonna dell’ Immacolata erlebt hatte auf der Piazza Mignanelli, nahe der Spanischen Treppe und dem von Berninis Vater geschaffenen Schiffbrunnen, so dass sie später und weit von Rom am 6.August 1978 in ihrem Tagebuch seinen Tod festhielt,
heute Abend, hatte sie geschrieben, um 20:40 Uhr starb in Castelgandolfo Papst Paul VI., möge er nun Frieden haben. Dankbar sei sie, hatte sie notiert, dass sie ihm noch begegnen konnte, nicht nur durchs Fernsehen, dass sie ein paar Blicke in sein Gesicht habe machen können und daher alles, was man über ihn lese und höre, nun in Verbindung damit beurteilen könne,
und überhaupt hatte sie all die römischen Freuden aufgesaugt, sie hatte kaum ihren Augen getraut, als sie eines Mittags auf der weitläufigen Dachterrasse des dem Diakonissenheim gegenüberliegenden Collegio ein köstliches Bild wahrnahm: Priesteranwärter übten in langen schwarzen Kutten Rollbrettfahren, stützten einander und hielten hoch über Rom ungeschickt die Balance, …
(Fortsetzung folgt)
(Herbert Alexander Stützer: Römische Kunstgeschichte. Herder-V. Freiburg-Basel-Wien 1973)
(Marie Luise Kaschnitz: Engelsbrücke. Römische Betrachtungen. Dtv München, 2.Aufl.1976)
(die kursiv gesetzten Wendungen im Text finden sich auch – an unterschiedlichen Stellen und ggf. in grammatikalisch gering anderer Form – in Friedrich Christian Delius „Bildnis der Mutter als junge Frau“, Rowohlt TB-Verlag, 3.Aufl.2010)

(Foto 4.Aug.2024)




















