
Ich entschließe mich, doch noch die bereits seit dem 24.Mai laufende Ausstellung in der Fondation Beyeler zu besuchen, bevor sie übermorgen endet. Der Ausstellungsflyer, der außer den weißen Buchstaben, die Ort und Daten festhalten, sehr düster wirkt in seinen Grauschwarztönen, hatte mich nicht angezogen, vom 1962 in Paris geborenen (und dort lebenden und arbeitenden) Künstler hatte ich bisher weder gehört noch gelesen (genau heute hat er Geburtstag, stelle ich bei der Recherche fest). Die Ausstellung sei eigens fürs Museum konzipiert und würde sich als ortsspezifisches Erlebnis entfalten, meint der Text des Flyers. Ein grauer Teppich aus dem Museum Ludwig mit einer durch die immer ähnlich darüber gehenden Menschen entstandenen sichtbaren Laufstraße führt in den ersten Raum auf eine weiße Stellwand zu , auf der Ameisen ihren Straßen folgen. Genau fünf Ameisen entdecke ich auf der hohen weißen Wand. Die weiteren Räume werden von den düsteren Grauschwarztönen dominiert, fast labyrinthisch irrt man durch neu geschaffene enge Gänge in total finstere Räume mit schwarzer Wandbespannung, in denen dystopisch anmutende Filme des Künstlers laufen, in Raum 3 zum Beispiel Liminals von 2025, der u.a. mit fotogrammatischen Scans erarbeitet wurde. „Als Vorstellung eines nicht-menschlichen Zustandes erforscht er völlige Ungewissheit“, heißt es im Saal-Booklet, die handelnde Figur sei eine gesichtslose, hohle Gestalt, die sich zwischen verschiedenen Zuständen bewege, während sie versuche, jenseits von Raum und Zeit zu existieren. Ich schaue lange, aber nicht die gesamten 50 Minuten hin. Und muss an den Roman Die Wand von Marlen Haushofer denken (den Film mit Martina Gedeck sah ich vor vielen Jahren), auch Der Schrei von Edvard Munch fällt mir ein, wie ein einziger entsetzlicher Schrei wirkt in gewissen Momenten des Films das schwarze Oval, das das Gesicht der Figur aushöhlt, manchmal aber auch wie eine Maske oder wie das schwarze Loch eines übergroßen Mangels. Die Umgebung, in der sich der einer schönen, idealproportionierten Statue gleichende Frauenkörper bewegt (gehend, kriechend, liegend, tastend, suchend, zurückschreckend), ist so etwas wie wüst und leer (Und die Erde war wüst und leer, und Finsternis lag auf der Tiefe – denke ich, oder vielmehr: die Erde ist verwüstet und leer und Finsternis liegt allüberall…). Äußerst lange und geduldig fahren die Einstellungen über sämtliche Oberflächen (Gesteinskörper, menschlicher Körper) und gehen den Details nach. Dass die nächsten Räume wieder heller sind, nimmt man erleichtert wahr, bevor einen die Irritation von Apnea ereilt, einem künstlichen Organ, das sich im Wasser eines Aquariums unter einem Gesteinsbrocken rhythmisch zusammenzieht und atmet, manchmal auch mit dem Atmen aussetzt. Der unbeständige Atemrhythmus zirkuliert auch in den Wänden der gesamten Ausstellung, Löcher in den Wänden machen ihn hörbar, er beeinflusst das Erscheinungsbild von Glaspaneelen, die in Türdurchlässen verschiedener Räume eingearbeitet sind und von durchsichtig zu milchig-undurchsichtig changieren, so dass man entweder die BesucherInnen des anderen Raums sieht oder aber gespiegelt sich selbst. „In diesem veränderlichen Raum verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Fiktion, Anwesenheit und Abwesenheit, zwischen Menschlichem und Nicht-Menschlichem“, so im Text des Saal-Booklets. Unsicherheit und Widersprüchlichkeit der Daseins-Erfahrung sind Themen, mit denen sich Pierre Huyghe auseinandersetzt, sie sind auch den Museumsbesuchern anzumerken, die meisten wirken ratlos, schauen suchend ins Heftchen und in die Räume, sitzen still und stumm im Dunkeln vor den Filmen. Einzig eine Gruppe Kinder springt, spricht und lacht, ein Mädchen fragt: habt ihr euch getraut, den letzten Film anzuschauen? (Film: Camata 2024). Dass auch die Teppiche, die ungewohnt alle Ausstellungsräume belegen, ein Huyghe’sches Kunstwerk sind (Light Dust), bekommen die meisten wohl gar nicht mit. Die Ausstellung passt zum 9/11-Tag, denke ich, dessen 25.Wiederkehr heute sämtliche Medien füllt. Und bin dann froh, dass mich draußen Septembersonne und Schönheit des Beyeler Parks empfangen.











