…ist bereits das zweite Hauptkonzert des Erasmus klingt!– Festivals in Basel. War es am 6.September die Via Francigena, die Pilgerstrasse von Canterbury nach Rom, deren Orientierung gebende Sternbilder ich in der Martinskirche hören konnte im von Sir John Eliot Gardiner konzipierten und geleiteten Programm mit geistlichen Werken der Renaissance und des Frühbarock (gesungen von The Constellation Choir), so reiste ich gestern Abend in der Peterskirche mit Il Giardino Armonico unter Giovanni Antonini „durch die Musiklandschaft Oberitaliens im frühen 17.Jahrhundert“, wie es im Programmheft heißt.
Davvero in der Peterskirche? Durch die Musiklandschaft? Nein! Nicht mehr in der Basler Kirche, sondern in Italien, in der Musik, in der Landschaft, in den einzigartigen Klängen, die in dieser Zeit dem Ausdruck von Text und Gefühl zunehmend Raum gaben. Musik solle nun Art und Weise aufnehmen, wie Sprache funktioniert, sagt die reizende junge Studentin der Musikwissenschaften in der Konzerteinführung, zum Beispiel Hervorhebungen und Geschwindigkeiten, es entstehe ein musikalisches Gespräch, eine Stimme (vokal/instrumental) beginne einen Gedanken, eine Melodie, eine andere greife das auf, variiere es, führe es fort. Viele der Komponisten hätten mit vorhandenem Material gearbeitet (Liedern, Tänzen), das Alte und das Neue würden auf diese Weise ineinander greifen, Melodien gehörten ja niemanden, sie könnten wandern, erkennbar bleiben und sich doch ändern. In solcherart Gespräch beziehen einen dann die wahrhaft virtuosen zehn MusikerInnen des Giardino Armonico ein, ich bin eine ununterbrochene Stunde lang Beteiligte der Viaggio, weiß nicht genau, in oder auf welchem (Weg -) Stück ich mich gerade befinde, es ist ein grandioses, mal rasches, mal langsames Gleiten, während dem auch MusikerInnen lautlos Instrumente wechseln, auf- und abtreten, bis schließlich der letzte Klangraum vor der Pause (Dario Castello: Sonata 17 in ecco) das Gespräch bis zum Echospiel erweitert, zwei am Kirchenausgang stehende Musiker antworten den vorne Rufenden, als hallte ein Echo von Bergen wider.
Wie bereits die erste, so wird auch die zweite Stunde nach der Pause eingeläutet mit einer Lesung des Schriftstellers Alain Claude Sulzer, der als künstlerischer Berater des Festivals fungiert. Er liest jeweils einen der über dreitausend Briefe und Reiseberichte des Erasmus von Rotterdam, jenes niederländischen Universalgelehrten, der am 11. oder 12.Juli 1536 in Basel verstarb, wo er schon in den Jahren 1514 bis 1529 gelebt und gearbeitet und seine Schriften hatte drucken lassen in der Werkstatt des späteren Freundes Johann Froben. Ging es im ersten gelesenen Brief von Gewittererlebnissen über beeindruckende Wolkenbilder bis hin zu stillen Örtchen und Darmentleerungen, so mahnt Erasmus im zweiten vorgelesenen einen Freund zur Einhaltung einer der Gesundheit förderlichen Ordnung im Lesen und Schreiben, zur Erstellung und Einhaltung eines Tages- und Jahresplans, zum Führen eines Tagebuchs, denn die Sorgfalt, Tag für Tag etwas zu notieren, habe sich schon bei Vielen gelohnt. Humor, Ironie, ja gar Satire scheinen nach ernsten, tiefempfundenen Sätzen in den Briefwendungen durch und versprechen eine köstliche Lektüre. Am Büchertisch in der Kirche liegt u.a. Erasmus unterwegs aus, eine neu vom Historiker Tobias Roth edierte und übersetzte Sammlung von 40 Briefen und Reiseberichten. „Lebhaft und lustig“ erhofft Erasmus auch die Antworten seines Briefgegenübers.
Nur widerwillig kehre ich nach der zweiten Klangreisestunde (die noch einmal ausführlicher auch von der absolut klaren, reinen und doch warmen Sopranstimme der 2005 geborenen Angelica Antonini begleitet wird), in das Basel der Jetztzeit zurück und muss mich ermahnen, auf die vielen Stufen der Treppe zu achten, die neben der Peterskirche hinunterführt Richtung Schifflände zur Tramhaltestelle.
https://www.ilgiardinoarmonico.com
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