„Ab 26.04. Streckensperrung Rheinfelden- Erzingen mit Busersatz und Pendelverkehr RB30 Basel Bd Bhf- Rheinfelden. Bitte informieren Sie sich“ – unablässig läuft auf blauer Anzeigetafel am Gleis 7 das weiße Band über den Angaben zu Destination und Abfahrtszeit des Zuges, und obwohl der RE3 schon bereit steht, ist eine Reisewillige irritiert, lässt die Augen zwischen Anzeigetafel und Handy pendeln, die linke Hand aber festgefroren am Griff des Rollkoffers. Ich frage mich, bei der wievielten Wiederholung das weiße Band wohl in die Hirnwindungen der nett wirkenden Dame eindringt, bevor ich ihr aber Hilfe anbieten kann, hat sie das Vertrauen ins Datum und den Einstieg in den Regionalexpress gefunden. Die Informations-Causa liegt der DB Regio sehr am Herzen, schrecklich schief scheppernde Töne reißen die Fahrgäste entlang der Hochrheinstrecke immer aufs Neue aus Lektüren, Gesprächen und Landschaftsbetrachtungen, um das Unabwendbare in großer Dramatik zu verlautbaren: Streckensperrung, Zugausfälle, komplexer Schienenersatzverkehr ab dem kommenden Sonntag und das über ein Jahr lang! Leute, vergesst euer Deutschlandticket Richtung Bodensee bis Sommer 2027! Gut, ich gebe zu, der letzte Imperativ kam so nicht durch die Lautsprecher, aber dem langen Darben muss mit Vorsättigung vorgebeugt werden (ist das möglich?). Das Wetter spielt mit und so sitze ich also im Zug und fahre weit weg, nach Deutschland, oder besser… – ach, jetzt sind mir doch Worte meiner Begleitung hier rein gerutscht, diesmal nämlich habe ich nicht Martin Walser, sondern Roger Willemsen dabei, die Deutschlandreise, und wenn ich nicht rechts auf den Rhein schaue, der hier wie ein ruhiger Teich zwischen schon sommergrünen Bäumen liegt, vertiefe ich mich in Rogers unbestechliche Zeilen. Links über den Gang gähnen Asiaten und aufrecht sitzend fallen ihnen die Augen zu, offenbar haben sie schon ein stationenreiches Besichtigungsprogramm hinter sich gebracht. Rechts bläst der Kühlturm des Kernkraftwerks Leibstadt Wolken von unschuldigem Weiß in den Morgenhimmel, hinter Waldshut plötzlich die Fata Morgana schneebedeckter Alpengipfel, für uns im Süden, verkündet das Werbeplakat der Fürstenbergbrauerei. Dann wechselt das Land und die Brauerei, ein entschlossen blickender Falkenkopf prangt auf fensterlosem Turm neben den Gleisen. In Neuhausen habe ich nicht den minimalen Moment verpasst, in dem das Zugfenster den Blick hinunter zum Rheinfall freigibt, als Kind habe ich einmal zu ihm hinaufgeschaut und mit dem nimmermüden Rauschen seiner Wassermassen meine Ohren gefüllt. Gegenüber haben inzwischen die Mitreisenden gewechselt, die Asiaten sind aufgewacht und ausgestiegen, jetzt stürmt bei einer weißhauptigen Oma mit Kurzhaarschnitt die Bärenfamilie vorbei und trinkt sogar dem Maulwurf die Milch weg, der baseballbemützte Enkel lauscht gebannt und knabbert derweil eine Möhre. Eine Männerstimme hinter mir führt lang, breit und hochtief aus, welches Handy wie den Schlaf bewacht und Frequenz und Dauer von Atemaussetzern registriert, links hütet derweil die alte Festung den Hohentwiel. In Stahringen steht der Zug unplanmäßig. Draußen Streuobstwiesen, drinnen fängt die Schwester der Baseballmütze an, aus zweisprachigem Bilderbuch vorzulesen, irgendwas von acqua fresca und la carota, die Karotte. Der Zug fährt wieder, Apfelbaumplantagen säumen die Strecke mit Blütenüberfluss, hinter Überlingen weitet sich der See, eine stille Fläche. Es geht kein Wind, Segeljollen schlafen noch in ihren Häfen. Später werden ein paar auf dem See dümpeln, das Segeltuch höchstens gestreichelt von kaum vorhandener Brise, mir aber wird der Fahrtwind Haarsträhnen ins Gesicht wehen, denn der Katamaran beschleunigt ordentlich und ich sitze nicht, sondern stehe an der Reling, dem Wasser nah, und schaue hinüber zu den Alpengipfeln und hinauf zum silbrigen Schweben eines Zeppelins. Dann grüßt von rechts Annette herüber aus ihrer Meersburg und es scheint, als habe die Burg die Farbe ihrer Haare angenommen, der See aber ist in die ihrer Augen getaucht. Da nehme ich mir vor, die Bodensee-Gedichte der Droste-Hülshoff zu lesen und ihre Ruhestätte auf dem Friedhof Meersburg zu besuchen. Spätestens im Sommer 2027, wenn die Hochrheinstrecke von allen Hindernissen befreit sein wird.
(Roger Willemsen: Deutschlandreise. Fischer Taschenbuch Verlag. Limitierte Sonderausgabe, Frankfurt a.M. 2006)
(Für den Welttag des Buches am 23.April haben R.W. und ich einen Platz freigegeben und den zum Schwäbischen Meer eingenommen)
















