Im Augustinermuseum 4

Vorbei am Sündenfall aus Buchsbaumholz (Schlange und Baum der Erkenntnis umgarnen sich gegenseitig, die Mähne des vorm Baum lagernden Löwen übertrumpft die der Eva, das Löwengesicht erinnert an ein menschliches, changierend zwischen Grimm und Lächeln) verlassen wir die „Kirche“ nach rechts, passieren den Silberaltar, der sich überwiegend aus Kunstwerken einer Augsburger Gold-und Silberschmiede des 18.Jahrhunderts zusammensetzt und zu bestimmten Zeiten des Kirchenjahres, nämlich von Ostern bis Fronleichnam im Freiburger Münster aufgebaut wird, und steigen dann nach links hinab in die Schatzkammer. Hier waren wir noch nie. Es ist kühl im unterirdischen Gewölbe, wir frösteln fast, wie vereinbart flüstern plötzlich alle Eintretenden, ein italienischer Zehnjähriger bittet begeistert und leise seine mamma um ein Foto eines Details, das er in einer Vitrine entdeckt hat. Wir sind auch begeistert. Und zwar von den Bildergeschichten der Wandbehänge aus verschiedenen oberrheinischen Provenienzen des frühen vierzehnten Jahrhunderts. Wolle erzählt hier auf Leinen von allerlei Begebenheiten und erschafft sprechende Welten. „Weiberlisten“ heißt eines der Bildprogramme, vier Doppelszenen beschäftigen sich auf dem „Maltererteppich“ (Malteserteppich) aus dem Dominikanerkloster St.Katharina in Freiburg mit bekannten Männern aus biblischem Kontext bis hin zur Ritterzeit, die „durch die Liebe zu einer Frau Schaden erleiden“, da war man offenbar fündig geworden bei Samson, bei Aristoteles, bei Vergil und bei Iwein. Aha, denken wir, und Männerlisten gibt es wohl nicht? Jedenfalls nicht als Sujet der Kunst oder des Kunsthandwerks, zur Weiberlist gesellt sich die Männertorheit, belesen wir uns einmal mehr, die Darstellungen dieser Motive wären in Zeichnungen und Bildern, auf Kabinettscheiben, Stickereien und Kachelöfen des Spätmittelalters und der Renaissance sehr beliebt gewesen, vor allem nördlich der Alpen, im Bodenseeraum und in der Eidgenossenschaft, der Schaulust hätten sie gedient und der Belehrung. Eieiei. Gibt es nicht das Sprichwort Ein Schelm, wer Böses dabei denkt oder Hon(n)i soit qui mal y pense? Nichtsdestotrotz sind die Darstellungen auf den Wandteppichen einfach wunderschön. Besonders gefallen hat uns aber ein anderes und einzigartiges Motiv: zwischen den Wappen der Familie von Munzingen und der Familie von Falkenstein in äußeren Feldern ist Alexander der Große zu Gast im Palast der indischen Königin Candace. Und dieser Palast gleicht einem Boot oder der Arche, finden wir, ein Elefant trägt das Palastboot samt seiner Insassen. Einen solchen Elefanten haben wir doch schon einmal gesehen? Einen Elefanten, der eher Pfotenfüße hat, einen Trompetenrüssel und Flügelohren? Zähne wie ein Wildschweineber? Ja genau, am Basler Münster sind uns ganz ähnliche Exemplare begegnet. Und dann bewundern wir noch ein am Oberrhein zu Anfang des 16.Jahrhunderts aus Wolle gewirktes (und teilweise geknüpftes) Antependium mit Maria und den Heiligen Barbara (rechts) und Katharina (links). Die drei Frauen sitzen vor einem blühenden Rosenhag, in dem Vögel sich sichtlich wohlfühlen, auch den drei heiligen Frauen geht es richtig gut, ihre Gesichter lächeln unter blondgelockt rieselnden Haaren, unter Kronen und Heiligenscheinen, sie unterhalten sich offenbar frohgemut und mühelos, Maria wendet ihren Kopf der Hl.Barbara zu, während das Jesuskind, das sie zwar mit beiden Händen fest vor ihren Rumpf hält, ansonsten aber gerade nicht beachtet, Ärmchen und Beinchen nach der Hl.Katharina ausstreckt, die bereit ist, es mit strahlenden Augen, lächelnden Mundwinkeln und offenen Armen zu empfangen. Kaum können wir uns vom Anblick trennen, das Stifterehepaar muss das nicht tun, klein kniet in der rechten unteren Ecke die Frau, in der linken der Mann, beide betrachten auf ewig oder solange es ihnen die Konservierungskünste erlauben, ihre Lieblingsheiligen. Wir nehmen heute nicht den Ausgang Richtung Graphische Sammlung, sondern kehren zurück zum anderen, steigen die Treppe hinauf und stärken uns, bevor wir unsere Tasche dem Schließfach entnehmen, im nun belebteren Kreuzgang mit einem Caffè espresso aus dem Museumscafé. Und beschließen, bald wiederzukommen.
 

Dreizehnter Sonntag nach Trinitatis

Für den heutigen Sonntag wurde ein Vers aus dem ersten Buch der Könige ausgelost (1.Kön.19,7):

Der Engel des HERRN rührte Elia an und sprach: Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir.

Dazu wurde im Herrnhuter Losungsbüchlein der neutestamentliche Vers aus Apostelgeschichte 27 ausgesucht (Vers 34, Paulus spricht):

Ich ermahne euch, etwas zu essen; denn das dient eurer Rettung; es wird keinem von euch ein Haar vom Haupt fallen.

(Oder wie es in der Elberfelder Übersetzung heißt: Deshalb ermahne ich euch, Speise zu euch zu nehmen, denn dies gehört zu eurer Rettung; denn keinem von euch wird ein Haar des Hauptes verloren gehen. Der entsprechende Abschnitt der Apostelgeschichte ist überschrieben mit:  Sturm und Schiffbruch auf der Romreise.)

Der sogenannte Dritte Text der Losung ist heute ein Liedvers aus Lied Nr.228 im Evangelischen Gesangbuch. Das Lied greift 1.Könige 19,7 auf. In meiner schönen kleine Ausgabe des Gesangbuches mit Silberschnitt und drei Lesebändchen in den Farben gelb, grün und violett findet sich unter dem Lied 228 ein sehr bekannter und oft zitierter Text der Dichterin Hilde Domin (1909-2006):

Nicht müde werden/ sondern dem Wunder/ leise/ wie einem Vogel/ die Hand hinhalten.

Im Augustinermuseum 3

Wir folgen nicht weiter der Prozession mit dem Leichnam der Hl.Ursula durchs Kölner Stadttor, sondern suchen an der Stirnseite des linken „Seitenschiffs“ eine andere Heilige auf: Katharina von Alexandrien, die auch in der orthodoxen Kirche verehrt wird und zu den sogenannten Virgines capitales gehört, den vier großen heiligen Jungfrauen. Wen oder was sie nicht alles beschützt! Die Versammlung reicht von Jung- und Ehefrauen über Müller, Bäcker, Näherinnen und Buchdrucker bis hin zu Philosophen und Theologinnen, von Kirchengebäuden und Krankenhäusern bis zu Universitäten und Hochschulen. Die Hl.Katharina ist auch die Patronin der Theologischen Fakultät der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und – was uns besonders gefällt – eine Helferin bei Sprachschwierigkeiten und Leiden der Zunge. Viele dieser Zuschreibungen basieren auf Katharinas außerordentlicher Gelehrsamkeit, von der die Legende erzählt, der Überlieferung nach lebte sie im dritten bis frühen vierten Jahrhundert n.Chr. und erlitt unter dem römischen Kaiser Maxentius (oder aber Maximinus Daia oder unter Maximinian) das Martyrium. Die heutigen Forscher halten die Hl.Katharina für eine fiktive Gestalt, basierend auf der realen spätantiken Philosophin, Mathematikerin und Astronomin Hypatia aus Alexandria (um 360- 415/416 n. Chr.), die von einem Mob aufgebrachter Christen ermordet wurde. In der Legendenbildung wurden also die Rollen der Übeltäter getauscht. Unsere Hl.Katharina im roten, goldgesäumten Mantel und mit goldener Krone, die sowohl auf ihre königliche Abstammung als auch auf ihren Glaubenssieg weist, hält ein aufgeschlagenes Buch in der rechten Hand, in das sie konzentriert schaut, mit der Linken umgreift sie wie selbstverständlich das Instrument ihres Martyriums: das Schwert, mit dem sie enthauptet wurde. Sie ist aus wieder anderem Holz geschnitzt als dem, welches unseren vorigen beiden Begegnungen als Material diente: waren es dort Pappel- und Nadelholz, nahm der Künstler einer Straßburger Werkstatt Ende des 15.Jahrhunderts hier Lindenholz für seinen Auftrag. Lindenholz gilt wegen seiner geringen Dichte und seiner feinen Struktur ohne Astansätze als leicht in alle Richtungen zu bearbeiten, belesen wir uns, außerdem nimmt es Farben oder Lacke freudig und gleichmäßig an, unsere Katharina erhielt ihre bis heute sichtbare Farbfassung vermutlich im 17.Jahrhundert bei der barocken Neugestaltung des Flügelaltars von Obersimonswald, in dessen Schrein sie beheimatet war. Roter Sandstein der Münsterturmfiguren, verschiedene Baumhölzer der anderen Exponate in der „Kirche“ des Augustinermuseums – es umgibt uns also das Material der nahen Umgebung. Der Obersimonswälder Katharina fehlt ein Insignium: das durch ein Wunder gesprungene Rad, mit dem sie schon hatte gemartert werden sollen. Auch einen Palmzweig können wir nicht entdecken, andere Pflanzen blühen auf ihrem Gewand – und dann, was sehen wir da? Wenn wir sie von der Seite betrachten? Blüht da nicht noch etwas? Etwas, das ihre Jungfräulichkeit Lügen strafen würde? Hatte der Meister in der Straßburger Werkstatt etwa eine Schwangere als Modell?

(Addendum: weil heute Vollmond ist samt partieller Mondfinsternis: 1935 wurde ein Mondkrater von der Internationalen Astronomischen Union nach der Hl.Katharina von Alexandrien benannt: der Einschlagkrater Catharina auf der Mondvorderseite westlich des Mare nectaris.)

(Fortsetzung folgt)

Im Augustinermuseum 2

Hängt es noch an selber Stelle, an der wir es gewohnt sind? Wir stehen dem amputierten Pappelholzjesus zur Seite und blicken an ihm vorbei über den Rücken des Esels hinweg zur taubenblauen Wand links neben dem Eingang in die Skulpturenhalle („Kirche“). Ja, da ist sie, die mit Tempera oder Ölholzfarben auf Nadelholz ausgeführte Darstellung „Grabtragung der Hl. Ursula“, um die Mitte des 15.Jahrhunderts am Oberrhein entstanden als Teil eines Flügelaltars mit Szenen der Ursula-Legende. Die Bild-Legende wiederum lässt uns dazu außer der Provenienz nur noch Folgendes lesen: „Die britische Prinzessin und ihre 11000 Gefährtinnen werden auf ihrer Rückreise aus Rom vor den Mauern Kölns von den Hunnen ermordet. Hier tragen Chorherren den Leichnam Ursulas in einer Prozession durch das an den Wappenschilden erkennbare Kölner Stadttor“. Und der Pfeil, mit dem ein Sohn des Attila die britannische Königstochter Ursula tötete, nachdem sie auch ihm eine Vermählung verweigert hatte, steckt noch in ihrer Kehle. Das Gesicht: bleich, jedoch ohne Zeichen eines Todeskampfes, im Einklang mit sich selbst: dem selbst auferlegten Schwur war Ursula treu geblieben, in sehr jungen Jahren hatte sie ihr Leben Christus geweiht und ewige Jungfräulichkeit versprochen. Was auch zu ihrem Aufbruch nach Rom geführt hatte. Da ihr Vater sie einem heidnischen Herrscher zur Frau geben wollte, hatte Ursula zur Friedenssicherung zugestimmt unter der Bedingung einer dreijährigen Frist bis zur Hochzeit, während derer ihr Bräutigam zum Christentum übertreten und getauft werden müsse. Sie selbst begab sich mit zehn weiteren Jungfrauen auf die Wallfahrt nach Rom, zunächst per Schiff über die Nordsee, dann auf dem Rhein über Köln nach Basel, von Basel schließlich zu Fuß nach Rom. Aus elf Jungfrauen wurden 11.000, was in Erzählungen und Vermutungen unterschiedlich gedeutet wird. Dass sie in Köln auf dem Rückweg von Rom erneut vorbeikommen und dort das Martyrium erleiden würde, erfuhr Ursula bereits auf dem Hinweg in Colonia Claudia Ara Agrippinensium, also Köln, in einer Traumvision von einem Engel. So erzählt die Legende, deren Kern auf eine Inschrift aus dem 5.Jahrhundert zurückgeht. Die Ermordung Ursulas wird in das Jahr 383 n.Chr. datiert, in zeitgenössischen Quellen ist ihr Leben aber nicht bezeugt.  

Wir fragen uns, wohin die Chorherren schauen. Aufs Wappenschild rechts oben? Auf etwas außerhalb dieses Bildausschnitts, etwas, das in einer anderen Szene des Altars festgehalten war? Nur einer der Herren mit Tonsur scheint auf die Heilige Ursula zu blicken und von einer trüberen Stimmung ergriffen zu sein. Die drei voranschreitenden Knaben (Ministranten) haben alle Augen voll zu tun, die Prozessionsfahnen und das Vortragekreuz angemessen zu jonglieren. Ihre Proportionen entsprechen ihrem Alter wesentlich besser als diejenigen der Erwachsenen, bei denen die überdimensionierten Köpfe nicht so recht zu den Körpern passen wollen, auch die Füße unterm Saum der Soutanen wirken groß. Auch der Art, wie der junge Mann links oben in einer Maueröffnung lehnt und aufs Geschehen schaut, ist anzumerken, dass der namentlich nicht bekannte oberrheinische Meister eine eher einfache Malweise hatte. Dennoch tragen die Figuren individuelle Züge und differenzierte Mimik, die Gesichter leben, die Szene spricht.

Beim Betrachten der Szene kommt uns auch die Hl.Chrischona in den Sinn, auf deren Anhöhe wir Tag für Tag schauen, als Gefährtin der Hl. Ursula auf der Pilgerreise nach Rom war sie mit Pantalus, dem ersten Bischof von Basel, mit Kunigunde, Mechtund und Wibrand unterwegs, starb aber auf dem Rückweg  und wurde auf dem Dinkelberg, dem heutigen St.Chrischona bestattet. Ein anderer Erzählstrang der Legende aber lässt sie leben, zusammen mit ihren Schwestern Margarethe und Ottilia nach der Enthauptung von Pantalus fliehen und in drei Einsiedeleien auf den Hügeln (St.Chrischona, Margarethenhügel/Binningen und Tüllinger Berg/Obertüllingen) beten, das Evangelium verkünden und des Nachts durch brennende Lämpchen Nachrichten austauschen. Das ist doch, was wir in manchen Nächten sehen, oder?

(Fortsetzung folgt)

Im Augustinermuseum

Nachdem wir die inwendigen Au’s verlassen haben, zielen wir wieder zu solchen (W)Orten, die sich gleich vorne mit dem Au schmücken. Zuvor aber müssen wir uns an anderen Freuden gütlich tun und da wir uns in der Bächle-Stadt befinden, speisen wir Badisches Dreierlei: Brägele, Bibeleskäs und – oh, da hat die alemannische Lautverschiebung stattgefunden – nicht Burst-, sondern Wurstsalat. Damit sind wir gestärkt genug, um das endlich  baustellenbefreite Augustinermuseum anzusteuern. Die Sanierung des geschichtsträchtigen Museums hatte eine fast Stuttgart21-hafte Entwicklung genommen, aber nun ist es endlich wieder frei, vollständig und mit neuen „Highlights“ zugänglich. Wir wollen heute nicht das gesamte Museum durchlaufen, sondern wenige Dinge in Augenschein nehmen. Als erstes den mittelalterlichen Kreuzgang. Der Stille ausstrahlt, obwohl sich in seinem Umgang auf einer Seite die Schließfächer befinden und auf zwei anderen kleine Tische des Museumscafés, das nun in einem Seitenraum ansässig ist. Über den Spitzbogenfenstern rankt Blattgrün und die Waben der Butzenscheiben gewähren Durchsicht in den rechteckigen Innenhof. In dessen Mitte schickt ein in den Boden eingelassener Brunnen seine bescheidene Fontäne Richtung Himmel, während er aus diesem am Regentag lauter muntere Tropfen empfängt. Wir gehen weiter in die „Kirche“, ein Raum, der auch in den letzten Jahren immer geöffnet war und den wir kennen. Wir wollen also seine Exponate wiedersehen, wir hören, wie andere Besucher beim Eintreten beeindruckt sind von der Raumhöhe und den übermannsgroßen, teils grimmig schauenden Sandsteinfiguren der Propheten, die früher einmal am Münsterturm ihren Platz hatten, genau wie die Scheinwasserspeier, die nun hier von weit oben auf uns zum Glück nicht speien, nur blicken. Wir richten unser Augenmerk auf eine oberrheinische Pappelholzskulptur aus dem 14.Jahrhundert: Christus auf dem Esel oder „Palmesel“. Der ursprünglich zur Figur gehörende Wagen ist nicht mehr vorhanden und auch sonst ist die Figur stark beschädigt. Überall hat sie Löcher oder gar Amputationen, die Bemalung ist verblasst. Gerade deswegen beeindruckt uns die Holzskulptur so. Es ist, als ob bereits der Augenblick der Hosanna-Rufe, von dem alle vier Evangelisten erzählen, das kommende Kreuzweg– und Kreuzestodgeschehen in sich trägt. Und im Gesicht des Pappelholzjesus aus Oberrotweil ist das auch zu lesen.

(Fortsetzung folgt)

(zum Augustinermuseum siehe auch Blogeintrag vom 2 September 2025)

https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/freiburg/wiedereroeffnung-augustinermuseum-wird-nach-jahrelanger-sanierung-eroeffnet-100.html

https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/freiburg/feierliche-wiedereroeffnung-augustinermuseum-freiburg-100.html

Weinlese

Am Hügel beginnt die Weinlese, früher als sonst, und die Winzer und Hobbywinzer suchen helfende Hände, längst schon habe ich da einmal mitmachen wollen, etwas hindert mich auch dieses Jahr. Dann also nächstes! Für Münder und Mägen wird auch gesorgt sein, heißt es, und ich stelle mir das gemeinsame Arbeiten, Essen und Trinken in den Rebreihen als etwas sehr Schönes vor. Auch die Regionalzeitung widmet heute auf der Weiler Seite der Weinlese einen Artikel und bittet im Namen der Winzer und Winzerinnen um Rücksichtnahme und Unterstützung der Bevölkerung, das Betreten der Rebgrundstücke sei während der Traubenreife verboten, während aber auf hiesiger Gemarkung die öffentlichen Wege am Weinberg offen blieben. Ich erinnere mich, dass das in früheren Jahren schon einmal anders war und die Wege während der Lese mit rotweißem Flatterband und Schranken gesperrt wurden. Nun werden Rebhüter eingesetzt, die auf Einhaltung der Regeln achten und nicht nur unbefugte Personen von Grundstücken verjagen, sondern auch – mithilfe von Schreckschussmunition – Stare, die sich an reifen Trauben laben wollen. Schon fahren Traktoren, sehe ich bei einem Spaziergang am Hügel, und Jeeps mit Hängern, auf denen Bottiche leuchten. In den vier Platanen hinter mir haben Winde ein Stelldichein mit Sonnenstrahlen, im Brombeergestrüpp dunkeln erste Früchte ihrer Reife entgegen. Das Reblaub gehört zum Wenigen, das diesen Sommer tiefgrün geblieben ist, der Hügel ist durch die dichten Rebreihen noch immer von dunklem Grün überzogen, blicke ich darüber hinweg, gewinnen in der Ferne die Vogesengipfel an einer Klarheit, die den nahenden Herbst ankündigt.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;

gib ihnen noch ein wenig Regen,

geleite sie zur Reife hin und lege

die letzte Güte in den süßen Wein.

Ich möchte hier noch einmal den schön zusammengestellten und gestalteten Insel-Bücherei Band Nr.1549 empfehlen: Rilkes Tiere. Hrsg. von Angelika Overath und Manfred Koch, Insel Verlag Berlin 2025. Siehe hierzu auch Blogeintrag vom 26.September 2025:

(Und unbedingt muss ich noch vor dem 19.Januar 2027 in die Ausstellung im Literaturmuseum der Moderne des Deutschen Literaturarchivs Marbach: Und dann und wann ein weißer Elefant. Rilkes Welten)

Zwölfter Sonntag nach Trinitatis

Für die 35.Kalenderwoche steht im Herrnhuter Losungsbüchlein ein Vers (3a) aus Jesaja 42 :

Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.

(Elberfelder Übersetzung 2006).

In der Einheitsübersetzung (1980) steht der Vers im Präsens:

Das geknickte Rohr zerbricht er nicht, und den glimmenden Docht löscht er nicht aus.

Auch der für den heutigen Sonntag ausgeloste Tagesvers findet sich bei Jesaja, Vers 21 im 48.Kapitel. Gemäß Elberfelder Übersetzung lautet er so:

Und sie dürsteten nicht, als er sie durch Trümmerstätten führte, Wasser aus dem Felsen ließ er ihnen rinnen, er spaltete den Felsen, und Wasser floss heraus.

Und in der Einheitsübersetzung so:

Sie litten keinen Durst, als er sie durch die Wüste führte; Wasser ließ er für sie aus dem Felsen sprudeln, er spaltete den Felsen und es strömte das Wasser.

(Foto: Baumwollfadeninstallation der Künstlerin Elke Maier im Freiburger Münster)



https://katholisch.de/artikel/68298-erstmals-grosse-kunstinstallation-im-freiburger-muenster

In der Regionalbahn

Bitte beachten Sie, an dieser Station ist ein barrierefreier Ausstieg nicht möglich, mahnt die KI-modulierte Männerstimme, bevor unüberhörbar und durch sämtliche Ohrknöpfe von Regionalbahnreisenden hindurch, die Töne zur Türöffnung erklingen, zunächst langsame zwei (Quart aufwärts?), da capo und noch einmal da capo, dann schnellgepulst ein repetitives di, wir zählen die Wiederholungen des gleichbleibenden Tons mit, es sind neun, dididididididididi. An dieser Station will aber niemand aussteigen, wahrscheinlich hat die KI-Stimme haushohe Barrieren-Angst in den Regionalbahnreisenden errichtet, schließlich sind sie keine Hürdenläufer und die Aussicht, bei Verlassen des Zugs gleich in die harten Arme von rot-weiß-gestreiften oder sonstwie gearteten Hindernissen zu geraten, mindert jegliche Ausstiegsmotivation. Nächste Station Auggen, spricht der KI-Mann, wir lauschen, aber es folgt kein Bitte beachten Sie, sondern nur Ausstieg in Fahrtrichtung rechts. Wir sind noch nie bei Auggen nach rechts ausgestiegen, auch nicht nach links, weder nach oben noch nach unten, einfach überhaupt nicht ausgestiegen, aber vielleicht sollten wir das einmal machen, jetzt, wo es keine haushohen Hürden mehr gibt, schließlich weiß man nie, wieviele Ausstiegsgelegenheiten das Leben noch für einen bereithält. Und dann halten wir außer dem Leben auch Augen und Ohren offen, denn nicht nur errichteten die Markgrafen von Hachberg-Sausenberg in Auggen eine Burg und in den Gewannen Schlossacker und Grün ruhen die Reste einer römischen Villa Rustica, sondern der Weiler war auch die Heimat des Johannes Brunwart von Augheim, Minnesänger, Ritter und Schultheiß, und wenn wir genau hinhören, verschwinden sicher die Quart und das neunfache di und höfische Minnelieder aus dem Oughein des 13. Jahrhunderts umgarnen uns. Ach, da mischt sich wieder der KI-Stimmen-Mann in den Klang, holt uns aus der Minne und kündigt Heitersheim an, rechts oder links, oben oder unten, jetzt haben wir nicht aufgemerkt, aber Barrieren scheint es auch hier nicht zu geben, sondern eine römische Villa Urbana und ein Malteserschloss, denn das Großpriorat Deutschland des Johanniter- und späteren Malteserordens wurde hierher verlegt und der Großprior von Heitersheim war Verwalter aller Kommenden von Norditalien bis Schweden und vom Burgund bis nach Ungarn und die Ortschaft mit zehn zugehörigen Dörfern wurde ein selbständiges Fürstentum innerhalb des Heiligen Römischen Reiches. Das zu wissen, stimmt uns nun wirklich heiter, denn auch wir haben eine Geschichte mit den Johannitern und mit Bewohnern des Heiligen Römischen Reiches unterhalten wir uns gerne, wir merken uns also nicht nur für Auggen, sondern auch fürs Heim eines Heitilo einen baldigen Ausstieg vor, heute aber müssen wir uns weiter von der gleichgültigen KI-Stimme mitnehmen lassen bis zum letzten dididididididididi, denn wir haben eine Verabredung mit (W)Orten, die das Au nicht vorne, sondern in sich tragen.

Malheur oder Mikrodrama 4

(Mikrodrama 1,2 und 3 siehe Blog vom 16.04., 20.04. und 12.05.2026)

Noch nicht, antworte ich dem forschen Vertretungsoberarzt, der mit den Worten Sie sind Frau Bayer auf mich zustürmt und mir dann so ins Gewebe pfetzt, dass ich ihm davonspringe, was sonst gar nicht meine Art ist, heiße ich wie ich wolle. Frau Bayer, die vom Türbett, also die rechte, wird ganz still und bereitet sich schon einmal vor, damit nicht auch sie hüpfen muss, das nämlich kann sie nicht mehr so gut, sie ist schon Ü80, aber noch immer bester Dinge. Nur ausgerechnet heute sprang der Kaffee aus der Tasse und die rechte Frau Bayer musste noch einmal das fertig gepackte Köfferchen öffnen, ein frisches Shirt herausziehen und das kaffeegenässte verstauen, also weitere Malheure müssen diese Bettkante heute wirklich nicht mehr visitieren. Inzwischen bin ich dem Vertretungsoberarzt ergeben, schließlich bin ich ja froh, dass ich nicht wieder mein mageres Pfund Literaturkenntnisse in die Waagschale werfen muss, nur um ein schlichtes „s“ zu entfernen, das sich irgendwie immer in namentliche Anreden schleicht, und nur, um nach meinem Pfundswurf dann die Verwirrung zu sehen, die meinem Wir sind nicht bei Tod in Venedig und Ich heiße nicht Gustav folgt. Ein kurzer Blick auf das Bändchen, das man mir wie einem neugeborenen Kindlein ums Handgelenk geschlungen hat, bestätigt mir den Namen ohne „s“, und auch sonst stimmt alles bis hin zum Barcode, mit dem schon die ganze Person eingescannt wurde samt Blutdruck (105/78), Puls (92, warum so schnell?) und Sauerstoffsättigung (95, das passt). Auch kann der Vertretungsoberarzt ja nicht wissen, dass, solange die rechte Frau Bayer sich im Stationsbad von der Kaffeenässe befreite, ich selbige Befreiung dem Boden vor der Bettkante antat, die tristgrauen Tücher aus dem Einmalhandtuchspender haben sich jedenfalls über die Farbänderung gefreut, mein Gewebe aber anscheinend nicht über die Verschiebung, und deshalb war es jetzt auf der Hut, vielmehr Flucht vor dem Herrn nicht im weißen Kittel, sondern im frischen hellblauen OP-Dress. Der Klügere gibt nach, habe ich mal gelesen, und so ergeben wir uns, das Gewebe und ich, und das klappt ganz gut und der junge Vertretungsoberarzt ist schließlich auch ein ganz kompetenter und trifft rasch die Entscheidungen, zack eins und zack zwei, und schon weiß jeder, was zu tun und was zu lassen ist und dann ist er auch schon bei der rechten Frau Bayer und schafft, bevor er die Tür öffnet, um mit seinem Gefolge davonzueilen, noch ein Ich wünsche Ihnen alles Gute. Erst als Frau Bayer vom Türbett, also die rechte, mit Das wünsche ich mir auch antwortet, stutzt der Forsche, hält inne, muss tatsächlich lachen und sagt: das ist gut, das muss ich mir merken