Im Mönchweiler Rathaus

Nein, antworte ich Frau M., die vor vierzig Jahren noch zur Bürgermeisterzeit des Vaters ihre Tätigkeit im Rathaus aufgenommen hat, als sie davon spricht, wo sein Schreibtisch in dem Zimmer stand, in dem nun sie und andere arbeiten. Er war hier, vor dieser Wand, sage ich, die gegenüber nahm ein großer Schrank ein. Stimmt, erinnert sie sich nun, und für einen Moment stehe ich wieder als Kind im Amtszimmer des Vaters, blicke durch die Fensterfront der Langseite des Raumes, habe zur Rechten den dunklen Schrank, vor mir einen langen Tisch und zur Linken an der Stirnseite, die zur Hindenburgstraße zeigt, den Schreibtisch, der fast die ganze Breite des Zimmers einnimmt, und an einer Kante sehe ich den faszinierenden Apparat befestigt: ein gusseiserner Bleistiftspitzer, in Moosgrün, mit Handkurbel.

Das Kind durfte nicht nur die Stifte des Vaters in den Apparat stecken und die Handkurbel drehen, auch eigene Blei- und Buntstifte verschwanden stumpf in der Vorrichtung und konnten nach einigen Drehbewegungen mit scharfer Spitze wieder herausgezogen werden. Welche Befriedigung! Ab und an durfte das Kind auch die Amtskette des Vaters um den Hals hängen und ihre Schwere spüren, die Anlässe waren selten, an denen sie offiziell zum Einsatz kam, und für das Kind wurde sie extra aus verschlossener Schublade eines weiteren Zimmers geholt.

Ich schaue durch die Fensterfront, der Blick ist nicht verändert, denke ich, da aber fällt er auf zwei schwarze Elektroautos, die an Ladesäulen hängen und mit dem Mönchweiler Logo beschriftet sind, Dienstwägen. Einen Dienstwagen gab es früher nicht, oft ging der Vater zu Fuß zur Arbeit und das Kind begleitete ihn bis zum nah gelegenen Kindergarten, später bis zur nah gelegenen Volksschule.

Der Kindergarten ist noch an Ort und Stelle, ich habe neben ihm geparkt, sein Außengelände grenzt an die Milchzentrale, auf deren Rampe schon längst keine Kannen mehr warten, irgendwann hatte man die Gemeindebibliothek in ihr untergebracht und nun beherbergt sie ein kleines Heimatmuseum. Der Kindergarten hat einen anderen Anstrich erhalten, ein freundliches Lachsrosa, hinter den Fenstern präsentieren sich bunte Bastelwerke und die strenge Erzieherin, die das Kind mit zum „Doppelschlösschen“ gekreuzten Zeigefingern vorm Mund in die Ecke stehen hieß, schreitet nicht mehr durch seine Räume. Auch das alte Schulhaus mit dem krönenden Türmchen steht noch. Das Kind war in einer Klasse mit 52 anderen, der Lehrer war jung, chic und braungebrannt und einmal saß das Kind mit einem blonden Jungen im Treppenhaus, es hatte den Unterricht durch sein Lachen gestört.

An der Theke des jetzt ganz in Reinweiß gehaltenen Zimmers im Rathaus verabschiede ich mich von Frau M. und anderen, ich will zum Gemeindearchiv, das sich nicht im Gebäude befindet, ein Blick auf die Treppe zeigt helles Holz, wo früher tiefdunkles war, und die Stufen führten hinauf bis unters Dach, wo die Gemeindeschwester Marie R. wohnte, eine kleine Person in Diakonissentracht und mit weißgestärkter Haube, immer da, immer zur Verfügung, und zeichnen konnte sie wie eine Künstlerin. Vorbei am Prospektständer nun zum Ausgang, der auch der Eingang ist, durch seine Glastür im hohen Beton-Glas-Anbau auf der Rückseite habe ich das Rathaus betreten, und nicht mehr durch die schwere Holztür direkt gegenüber der evangelischen Antoniuskirche in der Hindenburgstraße.

Eine Tür an der Rückseite gab es früher auch, sie führte in etwas, das dem Kind so unheimlich wie faszinierend war: eine karge, enge Zelle für Landstreicher und Obdachlose, Tippelbrüder nannte man sie, über Nacht waren sie hier eingeschlossen, überdacht und mit Pritsche, Waschbecken und Toilette versorgt, der Dorfpolizei (nicht Dorfpolizist!) schaute vorbei und am Morgen gab der Vater ihnen die Freiheit wieder und ein Vesper mit, das die Mutter gerichtet hatte.

Noch ein Foto jetzt vom Feuerwehrhaus, es hat sich nicht vom Platz gerührt, und hinter ihm dehnen sich wie immer die Wiesen und Äcker hinauf bis dorthin, wo mit dunklem Tannengrün der Wald den Rand bildet, und da sehe ich das Kind über den Feldweg radeln, es wird das Rad am Waldrand abstellen, ein paar Blaubeeren klauben und wie auf einer Leiter immer weiter hinauf steigen im Baum, obwohl es doch Höhenangst hat, hier auf den Ästen fürchtet es sich nicht, ein würziger Duft und das dichte Grün der Nadeln behüten es, und das Kind schaut weit über die Felder und das Dorf bis dorthin, wo wieder dunkler Wald den anderen Horizont baut.

(Foto 1 Weihnachtsmitteilungsblatt 1986, Foto 2 Jahresrückblick 2025)

Vaterland

Und wieder Goethe! In diesem Film, dessen Titel viele Räume öffnet. Goethe, dessen bekanntes Portrait mächtig über Hanns Zischler als Thomas Mann hängt während der Rede in Frankfurt am Main (US-Zone). Goethe, dessen strahlendweiße Marmorbüste göttergleich über Hanns Zischler als Thomas Mann schwebt während der Rede in Weimar (Sowjet-Zone). Eine Reise zu Goethes 200.Geburtstag in beide Teile von Nachkriegsdeutschland. Eine Reise in Schwarzweißbildern von großer Intensität. Eine Reise in die Gesichter der DarstellerInnen, Sandra Hüller als Tochter Erika Mann, August Diehl als Sohn Klaus Mann. Eine Reise -historisch in anderer Besetzung und anderen Zeitzusammenhängen (der Film verdichtet) – als Suchbewegung nach inneren Wahrheiten, nach inneren und äußeren Heimaten, nach Behausung inmitten von Zerbruch, als Suchbewegung aus inneren und äußeren Exilen.

Es wird viel gesungen in Vaterland, die Lieder verflechten ihre Zeilen mit den (Familien-)Geschehnissen, transportieren und transformieren inneres Erleben („denn es muss uns doch gelingen, dass die Sonne schön wie nie über Deutschland scheint, …dass nie eine Mutter mehr ihren Sohn beweint“- ein Kinderchor mit der Hymne des neuen Deutschland, getextet von Johannes R.Becher; Devid Striesow spielt den Dichter, damaligen Präsidenten des Kulturbundes und späteren Minister für Kultur der DDR). Großartig auch die Überblendung von Worten der Frankfurter Rede mit den nur in stillen Blicken und Mimik widergespiegelten Empfindungen von Erika und Klaus (Liebe, geschwisterlich, Leben, Tod). Am Schluss der Bach-Choral Jesus bleibet meine Freude, ohne Worte, intoniert an lädierter Orgel in hoher Kirchenruine, Erika und Thomas Mann – Sandra Hüller und Hanns Zischler mit verbindender Geste auf der Kirchenbank sitzend. Bach habe Klaus fast an Gott glauben lassen, zitiert Erika-Sandra den Bruder gegenüber ihrem Vater in einer früheren Szene des Films. Beim Abspann die Comedian Harmonists mit dem Song Irgendwo auf der Welt gibt´s ein kleines bisschen Glück und ich träum‘ davon in jedem Augenblick. Irgendwo auf der Welt gibt’s ein bisschen Seligkeit und ich träum‘ davon schon lange, lange Zeit.

Was bleibt noch zu sagen?

Vielleicht, dass es in Basel – veranstaltet von Literaturspur – immer einmal wieder einen literarischen Spaziergang gibt: Die Familie Mann in Basel (Katia und Thomas Mann logierten im Frühjahr 1933 einige Tage im Trois Rois, bis 1950 kamen sie immer wieder nach Basel für Vorträge, Besuche oder Arztkonsultationen; Erika Mann trat in den 1930er Jahren mit ihrem Politkabarett Die Pfeffermühle mehrfach in Basel auf).

Und vielleicht, dass Hanns Zischler nicht nur Schauspieler, sondern auch Autor ist und u.a. ein sehr schönes Buch über den Bleistift geschrieben hat. Außerdem hat er, wie ich lese, Thomas Manns Tagebücher 1918-1955 zum Hören eingesprochen (15 Stunden 52 Minuten zum Downloaden).

(Hanns Zischler: Der Bleistift. Mit Illustrationen von Hanna Zeckau. In der Reihe „Dinge des Lebens“ erschienen beim Residenz Verlag, Salzburg 2025)

Neunzehnter Sonntag nach Trinitatis

Die 42.Kalenderwoche bricht an. Im Herrnhuter Losungsbüchlein findet sich dafür ein Wochenspruch aus dem 17.Kapitel des Buches Jeremia (Vers 14):

Heile mich, HERR, so werde ich geheilt! Rette mich, so werde ich gerettet!

Der für den heutigen Sonntag vorgeschlagene Psalm ist der davidische Psalm 32. Ich zitiere daraus die abschließenden Verse 10 und 11:

Viele Schmerzen hat der Gottlose; wer aber auf den HERRN vertraut, den umgibt er mit Gnade. Freut euch an dem HERRN und jauchzt, ihr Gerechten, und jubelt, alle ihr von Herzen Aufrichtigen.

(jeweils zitiert nach der Elberfelder Übersetzung 2006)

(Sichtung in Sent,1.Okt.2026)

Fünf-Wörter-Spiel

Der Senter Herbstmarkt hatte die Oktobersonne angelockt, die Morgenwolken verjagt. Frau Randulina war begeistert. Nun musste sie keinen dicken Mantel über das goldschimmernde Seidentaft- Kleid ziehen, sie konnte es pur ausführen wie ihren geliebten Dalmatiner. Das Besorgen der Engadiner Nusstorte, die ihrem Gemahl dermaßen mundete, würde genau zu dem strahlenden Auftritt werden, der ihr gefiel. Ab und an wunderte sie sich, dass der Herr Gemahl doch solch erlesenen Geschmack bewies, die Liebe zur Engadiner Nusstorte rechnete sie dazu und die Liebe zu ihr selbst auch. Gut, dachte sie, solange das so blieb, sollte er ruhig mit seiner Laubsäge das Holz bearbeiten, das er im Wald schlug, immerhin entstanden  hübsche Dinge daraus. Und ihrethalben konnte er auch die unförmigen schwarzen Boxhandschuhe über seine breiten Hände ziehen und den Boxsack bearbeiten, solange er die Fäuste nicht woanders hin richtete. Obwohl, manchmal fragte sie sich schon hinter ihrer reizenden Stirn, warum er dieses Boxen überhaupt nötig hatte. Ach, sei’s drum, sie wollte sich jetzt keinesfalls das Köpfchen zerbrechen, sondern ihren perfekt getupften Dalmatiner und ihr goldenes Seidentaft-Strahlen ausführen.

(die fünf Wörter, die am 3.Oktober aus dem Stegreif in einem kleinen, improvisierten Text unterzubringen waren, lauteten: Dalmatiner, Seidentaft, Laubsäge, Engadiner Nusstorte, Boxhandschuh)

Geschenk(t)e Zeit im Herbst

Das gibt ein Wochenende!

  1. Material sichten aus dem Gemeinde-Archiv Mönchweiler
  2. Vorbestellte Bücher abholen in der Buchhandlung – leider nicht mehr in meiner kleinen

(Im Abstand von 9 Minuten erreichen mich heute zwei automatisierte Mails, dass zwei vorbestellte Bücher eingetroffen sind und zur Abholung bereit liegen:

Buch 1: Japanischer Taschenkalender für das Jahr 2027, Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung Mainz, bestellt am 04.09.26

Buch 2: Das Panorama des Schreibens, von H.-J.Ortheil, Luchterhand-Verlag, bestellt am 06.10.26)

3. Die Kurstermine 2027 der Schreibschule Sent werden online gestellt – anmelden

Noch mehr Geschenke? – Noch mehr Geschenke! So was wie Wunderkammern! (Klingt fast nach Advents-Kalender-Zeit)

(bei diesem Weihnachtsmitteilungsblatt durfte ich die Angaben zu Nummer und Jahrgang schreiben; ich erinnere mich, Überschriften in Schulheften auch so geschrieben zu haben, mit bunten Filzstiften)

Goethe in Mönchweiler

Habe ich doch gesagt: der Unvermeidliche. Auch im Gemeindearchiv Mönchweiler ist er heute zugegen, der Johann Wolfgang.

Mein Vater zitiert ihn im Mitteilungsblatt der Ortsgemeinde, Weihnachtsausgabe 1971. Und entwickelt daraus die Gedanken zu tätigem Frieden.

Liest man sie, fragt man sich: 1971? Vor 55 Jahren? Wirklich? Sind sie nicht ins Jetzt hinein geschrieben?

Und auch, wenn Weihnachtswünsche dieses Jahr noch 76 Tage Zeit haben (und hier in mancher Sprache mit Osterwünschen durcheinander geraten – es gab keinen Google-Übersetzer!) – so sind sie mir doch in der Schönschrift des Vaters heute schon ein Geschenk.

Goethe in Elfchen

I

Goethe

der Unvermeidliche

selbst in Sent

wir nähern uns schreibend

demütig

II

Goethe

mein Begleiter

in jungen Jahren

geschwinder Ritt nach Sessenheim

Friederike

III

Goethe

kein Weimar

incognito in Rom

alle Sinne wieder offen

Faustina

(zum Einstieg in Senter Lektüren von Goethes Lyrik fabrizieren wir Elfchen, Schreibschule Sent 2.Okt.26)

Nachdem ich die Casa di Goethe in der Via del Corso 18 in Rom endlich besucht habe, als 16-Jährige einmal im Weimarer Gartenhaus war und als Teenagerin in einer Goethestraße wohnte, sollte ich nun doch bald einmal auch Sessenheim (von Goethe Sesenheim geschrieben) aufsuchen, das – etwa 40 km nordöstlich von Straßburg – eigentlich rasch zu erreichen ist. Vom 2.April 1770 bis zum 14.August 1771 hat Goethe, der in Straßburg Jura studierte, sich auch immer wieder in Sessenheim aufgehalten und die dortige 19-jährige Pfarrerstochter Friederike Brion besucht. Ich bin tatsächlich nach ihr benannt, wie die Eltern erzählten, und nicht nach der Großmutter väterlicherseits, die in der Familie nur als Frieda bekannt war. Ein paar Erinnerungsstücke hat man in Sessenheim zusammengetragen und ausgestellt, ein Goethe-Memorial errichtet mit Büstenkopf und Huldigungs-Inschrift und einen Goethe-Wanderpfad ausgewiesen, der wohl auch über den Goethe-Hügel (anderer Name: Friederiken-Ruh) führt. Die Grabplatten von Friederikes Eltern sind an der südlichen Außenwand der evangelischen Kirche zu sehen, während Friederike selbst in Meißenheim bei Lahr beerdigt ist, wo sie – die zeitlebens unverheiratet blieb und lange im Elternhaus wohnte – zuletzt mit ihrer Schwester lebte und im Alter von 61 Jahren am 3.April 1813 starb. Das Sessenheimer Pfarrhaus hat Goethe auch in einer Rötelzeichnung skizziert. Bekannte, von Goethe mehrfach selbst überarbeitete Gedichte, stehen in Zusammenhang mit der Friederiken-Beziehung: Mailied, Heidenröslein, Willkommen und Abschied. Hat man mit Sehen, Hören, Lesen, Wandern noch nicht genug von Johann Wolfgang und Friederike Elisabeth, dann kann man sich den Sessenheim-Aufenthalt auch noch so richtig einverleiben – mit einer Gourmandise de Goethe: ein wahrer Bäcker-Meister kreierte den Gaumenschmaus aus Mandeln, Haselnüssen, in Fleur de Bière eingelegten Pflaumen und einem Überzug aus Marzipan.

Literarische Begegnung mit Arnold Stadler

Der Hebelbund Lörrach hat den Hebelpreisträger von 2010 im Hebelgedenkjahr (200.Todestag) geladen, und da kommt er hinein in den Hebelsaal des Dreiländermuseums, legt die cognacfarbene Lederaktenmappe ab auf einen freien Stuhl in meiner Reihe, nimmt aus einer Baumwolltasche Bücher und Schreibutensilien, geht zum kleinen Tisch, der mittig auf jener Bühne steht, auf der wir Choristen im Juni zur Vernissage der Ausstellung 100 Jahre Motettenchor Come and hasten to the dancing (von Edward Elgar) gesungen haben, nimmt Platz, arrangiert seine Materialien hinter Wasserglas und Wasserflasche und wartet dort in Ruhe ab, bis die Vorredner ihre (durchaus lebendigen, Hebel und Stadler würdigenden) Worte losgeworden sind. Dann beginnt er zu lesen, Stühle sind nur wenige frei geblieben, die Reihen zwischen den Motettenchor-Exponaten sind gut gefüllt. Stadler (geb. 1954 in Meßkirch) liest als erstes einen neuen Text, den er geschrieben hat für sich und für uns („für Sie“), die Zuhörerschaft, und dann höre ich nicht genau, sagt er, einen neuen Hebel- oder einen neuen Himmel-Text. Auslöser jedenfalls war die Anfrage einer SWR-Redakteurin, sie aber stellte Hebel in die zweite Reihe, und da er dort nicht hingehört, empfand der Schriftsteller den Auftrag, ihn in die erste Reihe zu platzieren, wo er doch schon immer war und weiterhin ist, seit 200 Jahren, und nun könnten alle zusammen in diesem Weltraum der Poesie leben, für immer. Und dann bekennt Stadler, der u.a. wieder im kleinen Weiler lebt, in dem er aufwuchs, dass Hebel zu lesen immer wie ein Heimweg gewesen sei für ihn, „vom Kindergarten an hörte ich den Hebelklang.“ Worauf es ankomme, wäre der Klang, wird er auch noch sagen, und dass Hebels Sprache Klang sei, man könne sie singen. Walter Benjamin und Elias Canetti hätten ihr eigenes Schreiben an demjenigen Hebels überprüft. Stadlers Text kümmert sich auch um Charakterzüge, Themen und Vorlieben Hebels: den Zeitgenossen Jean Paul habe er neidlos verehrt, für Gelassenheit in schwierigen Zeiten habe er votiert, alles Dogmatische abgelehnt, ein Versöhner sei er gewesen, Weltgeschichte und persönliche Geschichte seien in Hebel zusammengefallen, „zämmekait“. Auch die Themen Vergänglichkeit und Unvergänglichkeit, Heimat und Heimatlosigkeit klingen an. Und dann klingt etwas anderes, nämlich die Glocke des nahen Kirchturms, es ist Sonntag, 18 Uhr, Stadler unterbricht sein Lesen, fragt (mit Dialektfärbung), ist das jetzt das Betläuten – ja, bekräftigt er selbst und ja, stimmen manche aus dem Publikum ein, das abendliche Betläuten oder Angelusgeläut. Noch einmal wird er die Lesung unterbrechen: „ach, jetzt sehe ich gerade jemand, bist Du es, R…., bist Du extra gekommen aus…?“ Die Angesprochene sitzt mit ihrem Begleiter in der Reihe vor mir und nickt lächelnd. Nach dem Hebeltext folgen Passagen aus dem allerersten Roman und aus dem jüngsten „Irgendwo. Aber am Meer“, den ich leider noch nicht gelesen habe. Stadler erzählt, was der auslösende Impuls zum Schreiben dieses Buches war: eine Veranstaltung auf Schloss Sayn anlässlich von Westerwälder Literaturtagen, bei der er geladen war zusammen mit einem anderen sehr bekannten Schriftsteller, den er aber im Buch nicht nenne, auch mit einem sehr bekannten Moderator, ein gutes Gespräch sei es gewesen, dann aber habe es von einer Dame aus der Zuhörerschaft Äußerungen gegeben (er nennt die wetternden Sätze), die ihn so getroffen hätten, dass er noch auf der Rückreise begonnen habe, das Buch zu schreiben. Das Schreiben des Romans sei also ein großer Heimweg gewesen. Mit dem Füller und blauer Tinte signiert Arnold Stadler schließlich auch den Vorgänger-Roman „Am siebten Tag flog ich zurück. Meine Reise zum Kilimandscharo“, den ich im Sommer 2021 erworben und mit großer Freude gelesen habe. (erschienen bei S.Fischer 2021)

Irgendwann wird im Laufe des Abends auch Goethe erwähnt und dieser beziehungsweise seine Lyrik ist der Grund, warum mein Blog nun eine Pause einlegt. Der nächste Eintrag ist vorgesehen für den 7.Oktober. Kurzbeiträge zwischenzeitlich auf meinem Instagram-Account @achfrie58

Im alten Garten

Wie alt der Gingko im Iselin-Weber-Park ist, will ich wissen. Und stoße auf einen Artikel  von Silvia Hofmann „Historische Gärten in Riehen“, der 1988 im Jahrbuch z’Rieche erschienen ist. Klosterzinspflichtige Höfe und Rebgüter seien die großen Landgüter ursprünglich gewesen, ist dort zu lesen, die im 16.Jahrhundert einer neuen Nutzung zugeführt wurden als Sommerfrischen und Lusthäuser der Basler Oberschicht. Aus dem Jahr 1786 existiert ein Plan, der die barocken Gartenanlagen von Glöcklihof und Iselin-Weber-Gut zeigt mit einer Einteilung des Gartens in einen Zier- und einen Nutzteil. Im 19.Jahrhundert schließlich wendet man sich von formaler Strenge ab und gestaltet einen der Natur nachgeahmten englischen Park. Das Iselin-Weber-Gut hatte bereits vor 1820 eine englische Anlage. Riesige Baustellen waren die Riehener Landgüter offenbar in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts mit großen Erdbewegungen, Pflanzarbeiten und baulichen Veränderungen, gleichzeitig im Berowergut und im Iselin-Weber-Gut. Wobei verwandschaftliche Verhältnisse die Besitzer verbanden. Vermutlich zwischen 1826 und 1835 zeichnete auf dem Höhepunkt seines Könnens der Gärtnermeister und Gartengestalter Jean-François Caillat d.Ä. den undatierten Gartenplan des Iselin-Weber-Guts mit großem Detailreichtum und als Novum mit einer Beschreibung des Wasserleitungssystems. In der kolorierten Tuschzeichnung haben die Bäume eine Sonnen- und eine Schattenseite, die Farben reichen bei den Nadelbäumen von hellem Blaugrün bis zu kräftigem Tannengrün, bei den Laubbäumen von gelblichem Hellgrün bis zu sattem Dunkelgrün. Der Weiher erhielt klares Hellblau und die Blütenfarben der Blumeninselbeete eine differenzierte Farbgebung mit Blau-, Gelb- und Rottönen. Die Legende des Plans ist in französischer Sprache verfasst (Caillat stammte aus dem Waadtland). Zum 1988 noch nicht öffentlich zugänglichen Iselin-Weber-Park heißt es im Artikel: „Hinter dem imposanten Gittertor zur Baselstrasse hin verbirgt sich etwas Besonderes: eine der schönsten Gartenanlagen in Riehen überhaupt. Ihre Ausdehnung (…) ist zwar respektabel, doch wirkt der Park in all seinen Aspekten intim,… Evoziert werden diese Empfindungen in erster Linie durch die geschickte Anordnung der Baumgruppen und Solitäre, die, wie es der Gartenarchitekt Caillat Vater ja beabsichtigt hat, das Auge hierhin und dahin führen und es immer wieder neue Perspektiven entdecken lassen.“ Und wie alt ist nun der Gingko-Baum, der die drei Stockwerke des von Peter Zumthor neu geschaffenen Wyss-Baus überragt? Baumreste des zweiten Basler Botanischen Gartens fanden offenbar in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts Einzug in den Iselin-Weber-Park, darunter auch der Gingko biloba, dessen Alter zum Zeitpunkt des Artikels auf 100 bis 120 Jahre geschätzt wurde.

Jenes Baumes Blatt,

altem Garten anvertraut,

trägt noch immer Grün.

(Dreizeiler frei nach Zeilen der ersten Strophe des von Johann Wolfgang v. Goethe 1815 verfassten Gedichtes Ging(k)o biloba)

(Marie Luise Kaschnitz schrieb Der alte Garten. Ein Märchen. Der Klappentext auf der Buchrückseite meiner alten Suhrkamp Taschenbuch-Ausgabe von 1977: „Ein Buch, das nie aufhört Märchen zu sein, und das sich doch auch ganz anders lesen lässt. Dem Menschen wird eindringlich klargemacht, dass die Welt, in der er lebt, ihm nicht einfach zur Verfügung stehen kann, dass sie nicht nach seinem Gutdünken manipulierbar ist.“)