Arrivederci Roma

O wie ist mir diesmal der Abschied von Italien so schwer geworden! – schreibt Jacob Burckhardt am 11.September 1846 aus Basel. Der Abschied von Rom ist schmerzlich und ein Aufreißen der Seele – schreibt Werner Bergengrün in seinem Römischen Erinnerungsbuch, und fährt fort: Er stellt einem alles Ungenügen des irdischen Zustandes vor Augen. Wer scheidet, nach einem Aufenthalt von Tagen oder von Jahren, der scheidet mit dem Bewusstsein, kaum erst begonnen zu haben. Und niemand weiß, ob er der Wiederkehr gewiss sein kann.

Kaum erst begonnen, genau! Wir wollten doch unbedingt noch zu unseren römischen must-haves Santi Quattro Coronati und Santa Costanza!! Auch waren wir nicht auf dem Cimitero acattolico neben der Cestius-Pyramide, haben nicht das Grab von August v. Goethe aufgesucht, der dort lediglich als „Goethe Filius“ ruht, nicht das von John Keats (1795-1821), in dem alles liegt, was von einem jungen englischen Dichter sterblich war („This grave contains all that was mortal of a young english poet“) , nachdem er auf dem Sterbebett die Grabinschrift verfügt hatte: „Here lies One Whose Name was writ in Water“, und auch nicht das der deutschen Schriftstellerin Malwida von Meysenbug, auf dem außer dem Namen, dem Geburts- und Sterbeort samt Geburts- und Sterbejahr (Cassel 1816, Roma 1903) auf dem Sockel unter einer Amphore noch die Worte Amore und Pace in Großbuchstaben eingraviert sind.

Ihr Bücher/Gärten/Grüfft‘; ihr Bilder/Nadeln/Stein/Ihr, die diß und nochmehr schliß’t in die Sinnen eyn/ Ade! Man kann euch nicht satt mit zwey Augen schawen  – ja, Andreas Gryphius, ich stimme Ihm zu, der Er dies schrieb Als er auß Rom geschieden!  

Wir M Ü S S E N also wiederkommen, auch wenn wir keine Münze in die Fontana di Trevi geworfen, ja sogar nicht einmal aufs vom Aquädukt Acqua Vergine gespeiste Wasserspiel und die mächtige Barockfassade geschaut haben. Stattdessen sind wir beim Ponte Vittorio Emmanuele II hinabgestiegen zum Ufer des Tiber, direkt neben ihm wollten wir gehen, und bis auf eine Handvoll Radelnder waren wir alleine mit den Ufermauern, mit Schilf- und grünen Gräsern, mit rotem Klatschmohn und der erstaunlich frischen Farbe des Flusses. Erst als wir wieder hinaufgestiegen waren auf den Ponte Cestio, umgaben uns mehr Menschen, die Polizia Roma Capitale lief mit rechts im Schaft kniehoher schwarzer Stiefel steckenden Kelle auf die wie ein ankerndes Schiff im Fluss liegende Tiberinsel, die zu unseren römischen Unbedingtheiten gehört. Lang lehnten wir uns auf die Brüstung der Brücke, schauten in die Strömung, die hier über eine Stufe fallend mit weißer Gischt ihre Ruhe verliert, wiederholten das auf dem alten Ponte Fabricio, nachdem wir die im Zeichen des Aesculap stehende Insel überquert hatten, bevor wir vorbei am Marcellustheater auf den Kapitolshügel zusteuerten.

(dtv Reisetextbuch Rom. Ein literarischer Begleiter auf den Wegen durch die Stadt. Deutscher Taschenbuchverlag, München, 2.Aufl. 1986)

(Werner Bergengrün: Römisches Erinnerungsbuch. Mit 16 Piranesi-Stichen. Herderbücherei Band 509. Herder-V., Freiburg, 2.Aufl.1976)

Wenn der Töne Zauber walten

Morgen ist es soweit! Die Ausstellung zu 100 Jahre Motettenchor wird im Dreiländermuseum Lörrach eröffnet und die Vernissage mit ein paar sommerleichten Liedern umflochten – zwei Brahms-Stücke aus den Liebeslieder-Walzern Op.52 und Neuen Liebesliedern Op.65 (es sind Vertonungen aus der Sammlung Polydora des Religionsphilosophen, Lyrikers und Kaspar-Hauser-Erziehers Georg Friedrich Daumer) und der erste Song aus Edward Elgars Bavarian Highlands Op.27: The Dance.

Der Ausstellungstitel allerdings greift einen Text von Christoph Kuffner (Wiener Konzipist und Redakteur) auf, den Ludwig van Beethoven in seiner Fantasie für Klavier, Chor und Orchester Op.80 mit hymnischem Klang ausgestattet hat: „Wenn der Töne Zauber walten und des Wortes Weihe spricht, muss sich Herrliches gestalten, Nacht und Stürme werden Licht,…“ Das und mehr werden wir im zweiten Jubiläumskonzert am 18.Oktober 2026 im Lörracher Burghof singen.

Die kostenlose Ausstellung im Hebelsaal des Dreiländermuseums ist bis zum 8.November zu sehen und ab und an auch zu hören, denn es gibt zum Beispiel am 19.September einen Stimmbildungs-Workshop mit dem Chorleiter Joss Reinicke, der auch bereits diesen Samstag, 20.Juni einen praktisch ausgelegten Workshop Ensemble-/Chorgesang anbietet, in dem man u.a. erfahren kann, was es bedeutet, eine gemeinsame Vokalfarbe zu finden.

Mal sehen, ob am Hitzetag, der eher in Schwimmbäder und Badeseen oder in Waldeskühle lockt, überhaupt einige in den Hebelsaal finden. Wir jedenfalls sind da und sagen mit Brahms: „Übrigens möchte ich doch riskieren, ein Esel zu heißen, wenn unsere Liebeslieder nicht einigen Leuten Freude machen.“

(Das war’s dann mit den Feierlichkeiten? Natürlich nicht! Aber bei der großen Chorgeburtstagsfeier im Anschluss an die Vernissage singen wir nur uns zur Freude. Und am Samstag singt ganz Lörrach für uns – naja, ich gebe zu, auch für andere: zum Auftakt des Stimmenfestivals waltet der Töne Zauber wieder in der ganzen Stadt bei Lörrach singt!)

(siehe auch Blog-Eintrag vom 15.Apr.2026)

https://motettenchor-loerrach.de

https://www.stimmen.com

Ein Radstopp

Bei sonntäglicher Ausfahrt stoppen wir unser E-Bike. Waaas sehen wir da? Die Schnägge-Straußi wird zerrupft??? Gerüste vorm, halbgare Plastikplanen am und kaum noch Schnecken ums Haus? Eins komma fünf Meter Abstand sollen wir halten, doch trauen wir uns näher ran und wünschen der hölzernen Klinkenschnecke, dass sie ihr glückliches Lächeln behält, obwohl trockene Laubhaufen sie missachten und ungeniert neben ihr in die Weinlaube spazieren. Weiße Kabelschlangen rollen sich zusammen und platzieren graue Köpfe da, wo einst freundlich gedeckte Tische Gäste willkommen hießen  – und nun können wir gar nicht mehr endlich einmal das Land z’Morge genießen, was wir noch nie gemacht haben! Hätten wir nicht liebend gerne einmal am sonntäglichen Frühstücksbrunch die Kinderträume gegessen und dazu ein Glas spritzigen Sekt getrunken- selbst wenn wir so gar keine Bruncher sind? Auch Antipasti und sogar Tomate-Mozzarella hätten wir dann nicht verachtet! Und vielleicht hätten wir außer zum Caprese- auch zum Wurstsalat (Elsässer-Art?) gegriffen? Bestimmt hätten wir sogar das in Betracht gezogen – je nach Uhr- und Jahreszeit, und auf jeden Fall bitte Elsässer Art, dazu ein knusprigfrisches Bauernbrot. Nun bleibt uns nichts als den sonnengegilbten Fotos im Schaukasten die Frühstücksüppigkeit zu glauben und die Brüsseler Spitze des großen weißen Schmetterlings zu bewundern, der das Muster im Schatten doppelt. Gar nicht vergilbt sind die Blüten des punktierten Gilbweiderich, die mit gelber Leuchtkraft das Abschiedsszenario Lügen strafen und uns sonn(en)täglich aufmuntern.

Es weicht die Schnägge.

Kein Weinlaubenkindertraum.

Gilbweiderich glüht.

(siehe auch Blogeintrag vom 3.März 2025 „Sunndigsmenü“)

Wo haben Sie in Rom gewohnt?

…fragt der bayerische König Ludwig I. den Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe in einem Brief zu dessen 80.Geburtstag. Das wollen auch wir endlich wissen, vielmehr inwendig erfahren, denn wir kennen die Adresse seit 50 Jahren, sind aber bisher am Haus 18, Via del Corso, immer vorbei spaziert und haben lediglich verlangend an der Fassade hinauf -, aber nie in die Räume hinein oder aus ihnen heraus geschaut. Nun haben wir uns für den Besuch ausgerechnet den Tag der Festa della Repubblica ausgesucht, an dessen Morgen wir beim Bronzetor in den rechten Kolonnaden Karten für die päpstliche Generalaudienz in Empfang nehmen, bevor wir über den Ponte Sant’Angelo mit seinen wieder enthüllten Engeln, durch die Via dei Coronari zur Santa Maria dell‘ Anima, über die Piazza Navona zu San Luigi dei Francesi und weiter über die Piazza della Rotonda zur Piazza della Minerva laufen, wo wir unbedingt Berninis obelisktragenden Elefanten mit gebührenden Blicken würdigen wollen, hat er doch nicht nur seinen langen Rüssel zwischen den Stoßzähnen zur rechten Seite bis auf Höhe seines großen Ohres geschwungen, während der nicht kurze Schwanz dem linken Hinterbein anliegt, sondern steht auch gerne auf seinem Sockel, der uns mit Inschrift B auf Latein kundtut, dass es eines robusten Geistes bedarf, um eine solide Weisheit zu stützen, zu tragen, (empor-), (aufrecht-), (aus-) zu halten. Wir kauen diesen Gedanken, während wir kurz darauf in den Corso eintrudeln, wo sich von der Piazza Venezia her eine riesige Menschenmenge aufbaut, alle Köpfe in den Nacken, alle Augen Richtung Monumento Vittorio Emmanuele II, alle Handys zum römischen Himmel gehoben, wir folgen der Bewegung und all’improvviso zaubern die Frecce tricolori über uns die Streifen der Flagge, deren Auflösung in italienisch gefärbte Wolken uns besonders gefällt. Für unser Fortkommen wählen wir dann unbedingt ruhigere Gefilde und schlingern uns durch Gässchen, Gassen und Straßen, touchieren kurz die Theaterkulisse der Piazza Sant’Ignazio, sind auf der Piazza Colonna dem Palazzo Chigi und damit der italienischen Ministerpräsidentin, danach dem Palazzo Montecitorio mit der italienischen Abgeordnetenkammer nah, bevor wir vorbei am Palazzo Borghese in die Via di Ripetta einbiegen, die Ara Pacis Augustae in ihrem Glashaus wahrnehmen und das Mausoleum des Augustus sehen, das noch für Rundgänge hergerichtet wird, Ende 2026 sollen die Arbeiten abgeschlossen sein. Auf der neu und großzügig hell gestalteten Piazza Augusto Imperatore können wir die Menschen an einer Hand abzählen, bevor uns kurz darauf wieder das Gewusel des Corso umgibt, der hier seine letzten Meter zur Piazza del Popolo zurücklegt. Casa di Goethe verkündet weiße Schrift auf rotem Schild und wir treten durchs messingbeschlagene Holztor ins 1997 eröffnete „einzige deutsche Museum im Ausland“, steigen hinauf in den erhöhten ersten Stock und sind alleine mit Filippo Miller (oder Johann Philipp Möller) und seinen Maler-Gefährten in gut gekühlten Räumen, deren Terrakottafliesenboden man dem ursprünglichen nachempfunden hat, wie Tischbeins berühmtes Aquarell seines Mitbewohners beweist, und natürlich schauen auch wir durchs Fenster hinunter auf die Via della Fontanella. „Für mich ist es ein Glück daß Tischbein ein schönes Quartier hat, wo er noch mit einige Mahlern lebt. Ich wohne bey ihm und bin in ihre eingerichtete Haushaltung mit eingetreten, wodurch ich Ruh und häuslichen Frieden in einem fremden Lande genieße. Die Hausleute sind ein redliches altes Paar, die alles selbst machen und für uns wie Kinder sorgen….Wie wohl mir dies aufs Italiänische Wirtshausleben thut, fühlt nur der der es versucht hat. Das Haus liegt am Corso, keine dreihundert Schritte von der Porta del Popolo“ schreibt Goethe am 31.November 1786 in seinem ersten Brief aus Rom an die Weimarer Freunde. Alleine mit Möller-Goethe und den Maler-Gefährten, haben wir gesagt? Und was ist dann mit dem verfluchten zweiten Küßen (Kissen), von dem Johann Heinrich Wilhelm Tischbein uns in Federzeichnung und Handschrift erzählt? Mit den ungelenken Zeilen einer unbekannten Römerin, die von Filippo Miller etwas wissen will? Wir schauen in der stanza di Goethe in den Spiegel, der errötend dreisprachig verrät: questo è ciò che vedeva Goethe quando si svegliava – dies sah Goethe, als er aufwachte – this is what… – wir aber sehen lediglich dunkle Schlieren in der Maserung der Holzkassettendecke.

www.casadigoethe.it

Roberto Zapperi: Römische Spuren. Goethe und sein Italien. Verlag C.H. Beck, München 2007

Gustav Seibt: Ein Sommer mit Goethe. Verlag C.H. Beck, München 2026

Hanns-Josef Ortheil: Faustinas Küsse. Roman. btb 4.Aufl.2000, copyright 1998 by Luchterhand-V., München

Johann Wolfgang Goethe: Tagebuch der Italienischen Reise 1786, hrsg. u. erläutert von Christoph Michel, insel taschenbuch 176, Insel-V., Frankfurt a.M. 1.Aufl.1976

Johann Wolfgang Goethe: Italienische Reise. Mit vierzig Zeichnungen des Autors. I. Band. Hrsg. u. mit einem Nachwort versehen von Christoph Michel, insel taschenbuch 175. Insel-V., Frankfurt a.M. 1.Aufl.1976

Von Betten und Bartstoppeln

Sind Sie schon einmal vor einem Bett gestanden, in dem Johannes Brahms schlief? Oder haben Sie bereits einmal die Bartstoppeln von Philipp Glass gezählt? Nein? Lieben Sie diese Art, sich Komponisten zu nähern? Ja? Dann schicke ich Sie nach Baden-Baden! Womit die Versammlung der B’s komplett wäre: B(ett), B(rahms), B(artstoppeln), B(aden) -B(aden). Und wo bringen wir nun Philipp Glass unter? Im Frieder B(urda) – Museum! Na also, geht doch, da haben wir auch für ihn das B.

Jetzt aber mal der Reihe nach:

„Manche glückliche Stunde habe ich da verlebt und manche hübsche Noten geschrieben, traurig und lustig – was auf das Glück der Stunden keinen Einfluss hat“ schrieb Johannes Brahms (1833-1897) nach Karlsruhe an den Hofkapellmeister Felix Otto Dessoff über die Sommermonate im „hübschen Haus auf dem Hügel“ in Baden-Baden- Lichtenthal. 1865 mietete Brahms im weißen Häuschen der Witwe Clara Becker erstmals zwei Zimmer im Dachgeschoss, um die Sommermonate dort zu verbringen, in Nähe seiner Lebensfreundin Clara Schumann (1819-1896), die – bereits verwitwet – mit ihren Kindern ebenfalls in Lichtenthal wohnte, in einem Haus an der Oos, das sie von selbiger Advokatenwitwe Becker erworben hatte. Bis 1876 wiederholten sich die bis in den Herbst gedehnten Sommeraufenthalte im auf einem Felsen stehenden Häuschen, das Deutsche Requiem hat Brahms in Lichtenthal vollendet und schließlich auch die 1. Sinfonie in c-Moll (op.68), das Baden-Badener „Badeblatt“ vermeldete jeweils die Ankunft des Komponisten in der Stadt. Grundstück und schindelgedecktes Haus sind im Stil des 19.Jahrhunderts unverändert erhalten, alte Original-Böden wurden wieder hervorgebracht, ebenso eine Zimmerdecke im Erdgeschoss, in dem BesucherInnen nun ein „Hörkino“ mit Musik, Bildern und Geschichten erleben können. Interessanter und noch lebendiger aber sind Anekdoten und Geschichten, die die Hüterin des Museums mit Liebe zum Sujet erzählt, gebannt ist man in Atmosphären versetzt, in denen Baden-Baden zur Capitale d’été avanciert und ein beliebter Treffpunkt von Gästen aus Literatur, Musik, Kunst, Wissenschaft und Adel war. Lange weilt man in den beiden kleinen Brahms-Räumen, blickt mit dem Komponisten durch die Fenster auf Schwarzwaldhöhen, blickt auf den Komponisten in Fotos und Zeichnungen, folgt den Schwüngen seiner Handschrift in von ihm geschriebenen Zeilen, lauscht seinem Walzer op.39 Nr.15, den jemand aus der Gruppe spontan auf dem Klavier der Gebrüder Trau spielt (das zumindest ein gleiches ist wie das, welches Brahms bei selbiger Firma gemietet hatte) und steht vorm nicht großen Holzbett, das nun wirklich das originale sein soll, in dem Johannes Brahms in jenen Sommermonaten seine Nächte verbrachte.

Nein, ich habe es nicht geschafft, die Bartstoppeln des amerikanischen Musikers und Komponisten Philipp Glass (geb.1937) zu zählen, die sein Freund Chuck Close (1940-2021) akribisch und präzise ins großformatige Portrait des Gesichts gemalt hat. „Inspiration ist für Amateure; der Rest von uns kommt und macht sich an die Arbeit“ ist ein Statement des Fotorealisten Chuck Close, das man bei Wikipedia findet. „Wettstreit mit der Wirklichkeit. 60 Jahre Fotorealismus“ lautet der Titel der noch bis zum 2.August 2026 im Frieder Burda-Museum gezeigten Ausstellung. Die Stilrichtung stehe für eine Kunst, heißt es im Flyer, die den fotografischen Blick auf die Welt zum Ausgangspunkt nimmt – und diesen mit malerischen Mitteln auf illusionistische Weise reproduziert. Und so steht man staunend und bewundernd nicht nur vor Lippenfurchen, Augenfältchen, feinsten Halshärchen und Bartstoppeln von Philipp Glass, sondern auch vor Straßenszenen, Ketchup-Salzstreuer-Stillleben, früchtegefüllten Teetassen (Alexandra Averbach 2025 –„Mit meinen Gemälden von Teetassen erforsche ich die Spannung, die zwischen alltäglicher Schönheit und Momenten der Schwebe besteht“ ), vor Rudi the Unseen Bull (Alexandra Klimas 2025), vor unfassbar realistisch wirkenden Wasseroberflächen und Schneeresten.

www.brahms-baden-baden.de

www.museum-frieder-burda.de

Zweiter Sonntag nach Trinitatis

Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken – übersetzt Martin Luther den Wochenspruch aus Matthäus 11 (Vers 28). In der Elberfelder Übersetzung lautet der Vers so: Kommt her zu mir, alle ihr Mühseligen und Beladenen! Und ich werde euch Ruhe geben.

Der im Herrnhuter Losungsbüchlein für den heutigen Sonntag angegebene Psalm ist Psalm 36. Ich zitiere daraus die Verse 6 bis 11:

HERR, an den Himmel reicht deine Gnade, deine Treue bis zu den Wolken. Deine Gerechtigkeit ist den Bergen gleich, deine Rechtssprüche dem gewaltigen Urmeer; Menschen und Vieh hilfst du, HERR. Wie köstlich ist deine Gnade, Gott! und Menschenkinder bergen sich in deiner Flügel Schatten; sie laben sich am Fett deines Hauses, und mit dem Strom deiner Wonnen tränkst du sie. Denn bei dir ist der Quell des Lebens; und in deinem Licht sehen wir das Licht. Erhalte deine Gnade denen, die dich kennen, und deine Gerechtigkeit den von Herzen Aufrichtigen!

Fundstücke

Dem groß gewordenen Jemand entgeht nichts. Seine Augen und Ohren entdecken alles. Nonna, schenke ich Dir – ruft er inmitten von Gartenarbeiten und überreicht der nonna ein filigranes Gebilde- das leere Haus einer Weinbergschnecke. Nonna und groß gewordener Jemand sind entzückt vom kleinen Juwel, schau mal, schau mal, sagen sie sich gegenseitig und deuten auf Rillen und Windungen. Die Gabe erhält einen Ehrenplatz auf dem Küchenfensterbrett. Aber warum ist das Gehäuse weiß? Die nonna liest nach: ist die langlebige Weinbergschnecke eines natürlichen Todes gestorben oder von Fressfeinden vertilgt worden, blättert am leeren Schneckenhaus das farbige Periostracum, die schützende Schalenhaut ab, es bleibt die Kalkschicht.

Nicht mehr regennass

windet weiß sich zur Spitze

das Haus der Schnecke.

Paolo canta Roma

Da steht er, am Morgen des ersten Junitages, in blauer Hose und mit türkisfarbenem Poloshirt unter einem Sonnenschirm, der mit verschossener Farbe zwischen den beiden Meerestönen changiert. Er ist schon älter, mit feinem hellgrauen Haar, die Sonnenbrille so dunkel wie die Umhängetasche, die locker über der linken Schulter hängt. Seine Hände lassen nicht zu, dass der angenehm kühlende Wind, der hier oben auf dem Gianicolo unter die Schabracke des Schirms, in Hosenbeine und weite Sommerröcke greift, ihm das Liedblatt entführt, dessen Texte und Melodien er con passione über die Piazzale Giuseppe Garibaldi, über die gesamte Stadt und bis zum Horizont der Albaner Berge schallen lässt. „Diese Touristen werden das Panorama Roms so lange betrachten, bis sie es abgenutzt haben….Langsam wird es abgenutzt, Tag für Tag, und zuletzt wird nichts mehr übrigbleiben. Ich trete an die kleine Mauer und sehe…“ schreibt Luigi Malerba (1927-2008) in seinem Tagebuch eines Träumers. Auch wir treten an die kleine Mauer und sehen, dass es noch da ist, das Panorama Roms und wie der Protagonist in Emile Zolas Roman Rom vermögen wir „schon Einzelheiten zu unterscheiden“ und erkennen „mit kindlicher Freude“ die Monumente, die zum Teil so hell herauf- und herausleuchten wie sie es noch nie getan haben, seit wir Rom begegnet sind.

Wir sind die Salita di Sant‘Onofrio hinaufgestiegen, der Wüstenheilige gewährte diesmal aber keinen Einlass ins kleine Kloster, so dass uns im Vorübergehen nur die Erinnerung blieb an seine Geschichte im stillen Kreuzgang, ans Grabmal von Torquato Tasso in der Seitenkapelle und an die einsam grüne Kühle eines Brunnens. Bei Gedenktafeln an der Außenwand des Kirchleins, von denen wir wissen, dass sie Besuche der Schriftsteller Chateaubriand und Goethe würdigen, reichte das Nahen nicht, um Schrift und Daten zu entziffern. Wir haben unseren Weg nach oben fortgesetzt, an einem Nasone den Trinkbecher und direkt vom Strahl auch unseren Mund mit kaltem Quellwasser gefüllt, wir haben ins Grün der Villa Abamelek hinuntergeschaut und beinahe den sonnenbehüteten Gärtner beneidet, der auf motorisiertem Rasenmäher dort seine Bahnen zog. Oben angekommen, grüßen wir kurz Giuseppe Garibaldi auf hohem Ross, dann aber schenken wir unsere Augen ausschließlich dem Panorama und unsere Ohren ganz und gar Paolos Gesang von Rom.

Erst als seine Lieder enden, gehen wir weiter und senken uns zum „Triumph des Wassers“, den Johann Wolfgang von Goethe im „Wasserschwall der Acqua Paola“ bemerkte, „welcher durch eines Triumphbogens Pforten und Tore in fünf Strömen ein großes verhältnismäßiges Becken bis an den Rand füllt“. Dort beliebt es dem durch die Innenfarbe des Beckens hell türkis colorierten Wasser, in Zusammenspiel mit jetzt mittäglicher Sonne die Bühne für römische Spezialitäten auszuleuchten und ein rotes Fiat 500-Vintage-Cabriolet genießt vor der mächtigen Fassade den großen Auftritt. Wen wundert nun noch, dass ein Stückchen weiter unten in der Chiesa di San Pietro in Montorio eine Hochzeit zelebriert wird? Wir warten vorm Gitter, hinter dem Bramantes Tempietto Siesta hält und gegenüber vom opulenten Oleanderbusch, der ein roséfarbenes Festkleid angelegt hat, bis das Brautpaar am Fuße der Treppe den Reisregen empfängt.

(Die kurzen Zitate sind längeren Texten im Kapitel ‚Trastevere und Gianicolo‘ des ‚dtv Reisetextbuch Rom. Ein literarischer Begleiter durch die Stadt‘ entnommen. 2.Aufl.1986. Darin sind im Autoren- und Quellenverzeichnis zu Malerbas, Zolas und Goethes Text folgende Quellen angegeben: Malerba,Luigi (geb.1927). Tagebuch eines Träumers. Aus dem Italienischen von Joachim A.Frank. Frankfurt(Suhrkamp) 1984; Zola, Emile (1840-1902):Rom. Übersetzt von A.Berger.Berlin o.J. ; Goethe, Johann Wolfgang (1749-1832): Goethes Werke. Hamburger Ausgabe Bd.I/XI.Hamburg 1962/1961)

Schwarzwald und mehr im Basler Literaturhaus

Darf man über Bücher schreiben, die man noch gar nicht gelesen hat?

Man darf über Lesungen schreiben, die man erlebt hat. Wie die gestrige im Basler Literaturhaus mit Hannah Häffner Die Riesinnen und Julia Weber Weil ich Ruth bin. Ich gebe zu, mir den Termin ausgeguckt zu haben, weil Rezensionen mir verraten hatten, dass der Schwarzwald in Die Riesinnen eine Rolle spielt, und ich schon einmal live hineinschnuppern wollte, wie er das tut. Die Autorin sagt denn auch, dass der Schwarzwald sozusagen als vierte Hauptfigur plötzlich da war, zusammen mit den drei Figuren der Riesinnen, die sie sich samt dieser Benennung nicht bewusst ausgedacht habe. Vielmehr sei sie auf dem Spielplatz gestanden und habe ihre Kinder beobachtet, da seien die Riesinnen und der Schwarzwald einfach aufgetaucht, irgendwo aus dem Hinterzimmer ihres Kopfes, und sie habe sich dem Trupp lediglich angeschlossen und die Geschichte dann entwickelt. Und ich muss sagen, dass mir das, was ich bisher davon kosten konnte, außerordentlich gut gemundet hat, eine Sprache, die einem auf der Zunge zergeht und ein Inhalt, den man auch nach dem Schlucken noch langsam aufschließen und verdauen sollte. Es ist zudem ein Genuss, Hannah Häffner (geht der Name der 1985 Geborenen nicht auch herunter wie Öl?) lesen zu hören, eine sanfte, aber klare und sichere Stimme mit gekonnten Rhythmen, Modulationen, Tempovariationen. Politikwissenschaften hat sie studiert, u.a. Praktika im Europäischen Parlament gemacht, dann als Werbetexterin gearbeitet, sich dabei aber zunehmend dem kreativen und literarischen Schreiben zugewandt, vor den Riesinnen bereits drei Kriminalromane veröffentlicht. Auf die Fragen und Anregungen der beiden Moderatorinnen antwortet sie ruhig, überlegt, unprätentiös; so dass ich fast verwundert bin, als sie bei der Frage an beide Autorinnen, ob ihnen ihre weiblichen Figuren Vorbild sein können, ausführt, sie würde gerne von ihrer Cora lernen, einfach gar nichts auf die Meinung anderer zu geben, sie würde sich wünschen, das in ihr steckende „People-Pleaser-tum“ los zu werden. Die 1983 in Tansania geborene Schweizerin Julia Weber (Studium Literarisches Schreiben am Literaturinstitut Biel) beantwortet die Frage nach dem Vorbild ihrer Figur Ruth im Roman Weil ich Ruth bin damit, dass diese etwas aussendet, dadurch Begegnung und Empfangen ermöglicht und in dieser Berührung die Möglichkeit gemeinsamer Verwandlung – wie dies auch beim Schreiben und Lesen von Büchern geschehe und in der Kunst. Julia Webers Debütroman Immer ist alles schön war 2017 erschienen, bei Wikipedia lese ich, dass sie im Sommer 2022 für einige Monate zusammen mit ihrer Familie in der Casa Baldi in Olevano Romano (zur Deutschen Akademie Villa Massimo, Rom gehörende Künstlerresidenz) lebte und dort Briefe an verstorbene und lebende Autorinnen und Autoren schrieb. Im Gegensatz zum plötzlichen Auftauchen der Figuren bei Hannah Häffner, hatte sich Webers aktueller Roman im Gefolge eines Schreibauftrages entwickelt. In der Passage, die sie auch sehr gut liest, beginnen viele der Sätze mit „ich erinnere mich“, es erzählt an dieser Stelle das mit einem Fell geborene Baby über den Vorgang seiner Geburt und die Momente danach. Beide Bücher handelten auch von weiblichen Körpererfahrungen, hatten die Moderatorinnen einleitend gesagt. Die Veranstaltung im Literaturhaus war eine Kooperation mit der Initiative Art of Intervention, bei der auch Lea Dora Illmer, eine der Moderatorinnen beteiligt ist. Daneben betreibt sie das Archiv der vollen Bäuche, erfährt man bei der Vorstellungsrunde, die gleichlautende Ausstellung im Klingental-Museum habe ich leider verpasst, wie die Website von Lea Dora Illmer preisgibt. Das Projekt ziele darauf ab, „das Alltagskochen, das Schreiben und das Sprechen über Essen ernst zu nehmen, kritisch zu erkunden und gleichzeitig zugänglich(er) zu machen. …“ – Da traue ich mich doch jetzt, meinen heute bereits nach vormittäglichem Italienisch-Kurs ungewohnt früh gekochten Risotto dazuzustellen (mit grünem Spargel, Räucherlachs, spezzettini getrockneter Bio-Tomaten, Lauchzwiebelringen, gekrönt von Gremolata).

(Hannah Häffner: Die Riesinnen. Penguin-V. Febr.2026)

(Julia Weber: Weil ich Ruth bin. Limmat-V. Febr.2026)

(Lea Dora Illmer https://share.google/gh13zmtsc3g9ht3rl)