Im durchgesehenen Wochenstapel der Regionalzeitung findet sich am 6.August auch ein Artikel über eine Ausstellung im Züricher Kunsthaus, die dem dänischen Maler Vilhelm Hammershøi (1864-1916) gewidmet ist: Maler des stillen Klangs. „Seine Bilder atmen nicht, sie halten den Atem an“, heißt es im Artikel von Volker Baumeister, und auch eine Rilke-Aussage findet da Platz: „Man fühlt, dass er nur malt und nichts anderes kann oder will.“ Hammershøi nehme sich heraus, die Malerei als einen idealen Ort des Rückzugs anzusehen, meint der Autor des Artikels.
Angelika Overath hat die Ausstellung schon gesehen und die kleine Gruppe des Senter Schreibkurses erhält die Aufgabe „Schreiben nach einem Plakat“, das ein Gemälde Hammershøis abbildet:
Eine Zimmerflucht, auf den ersten Blick alle Türen geöffnet, niemand ist zu sehen. Ein sehr dunkler, fast schwarzer Dielenplankenboden. Sind es Schatten, die ihn im Vordergrund noch dunkler machen oder wurde gerade aufgewischt? Die dunklen Flecken folgen dem Lauf der Dielen in den Flur. Von ganz hinten, aus einem letzten Raum, nur zu erahnen durch den Spalt, den man bei der nach rechts geöffneten Tür von der nach links offenstehenden des Flureingangs sehen kann, ein Lichteinfall. Ein hohes Sprossenfenster, das sich im Spalt andeutet, schließt wohl den Raum ab. Alle Türen sind hell, eierschalenfarben, sie haben je drei gestemmte Kassetten im Türfutter, einfach gearbeitete rechteckige in den Flurtüren, nochmals achteckig abgesetzte in der einen Tür am rechten Bildrand, die in den das Gemälde öffnenden Raum führt – in dem wer steht? Diejenigen, die das Gemälde betrachten? Der Maler, das Stubenmädchen, das aufgewischt hat, die Hausherrin, die sicher gleich das Klavier im letzten Raum aufsuchen will, das sich dort doch bestimmt befindet? Oder ist bereits jemand im letzten Raum? Auch alle Türzargen sind hell, im gleichen Ton wie die Türen. Schlicht und doch sorgfältig gearbeitet mit dreifachem Profil. Eine dunkle Schwelle trennt den ersten Raum vom Flur. Wer hat zuletzt die Messingklinken angefasst? Werden die Türen je geschlossen oder stehen sie immer offen? Und was ist mit der Tür, die rechts hinten im Flur in einen weiteren Raum führt? Steht auch sie offen? Ich kann es nicht sehen, aber ich ahne sie geschlossen. Jedenfalls ist da nichts, was das Dunkel um sie und vor ihr erhellt. Ich merke, dass es mich in den letzten Raum zieht, dort steht nicht nur ein Klavier, sondern auch ein Tisch und ein Stuhl. Auf dem Tisch gibt es Papier, ein Tintenfass und eine Feder, und der Lichteinfall ist stimmig. Ist die Bibliothek auch in diesem Raum oder stehe ich auf, trete auf den Flur und öffne die Tür, die sich nun links von mir befindet?
(Text vom 12.Juli 2026, überarbeitet)
(Ein Kursteilnehmer sagt, bei Hammershøi lerne man die Möbel lieben. Eine Kursteilnehmerin spricht von der Präsenz der Absenz bei Hammershøi)
(Kunsthaus Zürich: Vilhelm Hammershøi – Maler des stillen Klangs. Noch bis 25.10.2026. Ich habe also noch Chancen, die Ausstellung zu sehen. Und ich habe bereits Vorfreude auf die Fortsetzung der Senter Lektüren mit Goethes Lyrik Anfang Oktober in der Schreibschule Sent)

(Senter Tür 11.Juli 2026)
