Ein Basler in Rom

Verlässt man das Gelände des Palazzo Barberini durch das hohe schmiedeiserne Tor des Haupteinganges und wendet sich nach rechts, um hinunter und nach der Piazza Barberini wieder ein wenig hinauf über die Via Sistina Richtung Pincio zu laufen und hebt dabei im Gehen den Kopf, so entdeckt man in unmittelbarer Nachbarschaft des Palazzo in der Via delle Quattro Fontane 11 eine Gedenktafel, welche die Unterkunft markiert, in der der in Basel geborene und gestorbene und jahrelang an der dortigen Universität lehrende Kulturhistoriker Jacob Burkhardt (1818-1897) während seines ersten römischen Aufenthaltes im Jahr 1846 wohnte. Zu seinem 100.Todestag hat die Stadt Rom sie dort angebracht. Die Tafel erwähnt auch das bekannteste, 1860 erstmals erschienene Werk Burckhardts Die Kultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch. Beim Kröner-Verlag, Stuttgart, ist eine 594 Seiten umfassende überarbeitete und aktualisierte Fassung zu erhalten (12.Aufl.2009 KTA), „anhand der originalen lateinischen und italienischen Quellen“ entwerfe Burckhardt „die Konturen und Gestaltungsformen des uomo universale“, mit den „zentralen Aspekten“ der „Ausbildung des modernen Individuums“, der „neuartige(n) Entdeckung der Welt und des Menschen in Reisen, in Naturforschung und Landschaftswahrnehmung“, heißt es dazu u.a. in der Verlagsbeschreibung des Buches. Weitere Ausgaben des Klassikers der Kulturgeschichte sind erschienen bei Fischer TB Verlag und bei Reclam. 1853 hatte Burckhardt sein erstes Hauptwerk Die Zeit Constantins des Großen veröffentlicht, 1855 folgte das zweite Cicerone, worin er die italienische Kunstwelt, beginnend bei der Antike, darstellt.

Jacob Burckhardt, als viertes von sieben Kindern des reformierten Pfarrers Jacob Burckhardt d.Ä. zur Welt gekommen, wurde in Basel umfassend humanistisch gebildet samt Erwerb von Sprachkenntnissen in Französisch und Italienisch sowie in den alten Sprachen. Nach Beginn seines Studiums in Basel (u.a. evang. Theologie) wechselte er nach Berlin, konzentrierte sich auf Kunstgeschichte, Geschichte und Philologie, lernte dort unter anderem Bettina von Arnim und Jacob Grimm kennen. Weitere Lebensstationen außer den Italienaufenthalten zwischen 1846 und 1848 waren Bonn (ein Semester), Paris (wenige Wochen mit intensiver Arbeit in Archiven und Bibliotheken), Zürich (von 1855 bis 1858 Professor für Kunstgeschichte am Eidgenössischen Polytechnikum) und schließlich blieb es Basel, wo er den Lehrstuhl für Geschichte und Kunstgeschichte von 1858 bis 1893 innehatte. Als Friedrich Nietzsche mit 24 Jahren als jüngster deutscher Universitätsprofessor nach Basel gekommen war, würdigte er Burckhardt als „unseren großen, größten Lehrer“. Jacob Burckhardt war aber auch ein reger Briefeschreiber, über 1700 der Briefe sind erhalten und auch veröffentlicht worden, man findet einige auch bei Projekt Gutenberg im Netz. Zum Beispiel einen mit „Rom, 21.April 1846“ datierten an Karl Fresenius, mit der Adressangabe Café del Greco, Via Condotti, da Burckhardt sich dorthin Briefe expedieren ließ. Im genannten Schreiben heißt es u.a.: „Ich bin seit bald drei Wochen hier eingerückt, habe den ganzen heiligen Karneval mitgemacht, die Ewige Stadt nach allen Enden durchloffen und mich insoweit gefasst, um vernünftige Briefe schreiben zu können. Komm, Junge! Weiter sag ich nichts.“ Diesem Intro folgen ganz praktische (und nicht immer positiv konnotierte) Hinweise mit  Berechnungen der Kosten von Unterkunft, Essen, Kleidung, Zigarren, um dann wieder allgemeine Empfindungen zu seinem Rom zu schildern: „…aber alles zusammengenommen ist es doch noch die Königin der Welt und gibt einen aus Erinnerung und Genuss so wundersam zusammengesetzten Eindruck wie keine andere Stadt. Ich wüsste nur Köln damit zu vergleichen…“

Aha, sehr geehrter Herr Burkhardt, das ist ja äußerst interessant, wo bleibt denn da Ihr Basel? In einem anderen Brief, den Sie aus Basel am 11.September 1846 schrieben, nachdem Sie Rom am 8.Juli verlassen hatten, meinten Sie, Ihr ganzes Streben darauf ausrichten zu müssen, wieder hin zu kommen, denn Sie fühlten sich „zu Rom in einer Harmonie aller Kräfte, wie …nie gekostet, einige gute Tage in Bonn ausgenommen.“ Wieder ist es also eine Stadt am Rhein, die Sie zum Vergleich heranziehen, aber Ihr Basel hat ihn doch auch, den Rhein? Ganz mit Ihnen d’accord bin ich aber, wenn Sie schreiben : „Ich könnte Dir in Rom verschiedene Stellen zeigen, auf der Straße, in Gärten u.s.w., wo mich ohne besonderen Anlass das Gefühl überraschte, dass ich jetzt vollkommen glückselig sei.“ Übrigens hat man an Ihrem Wohnhaus in der St.Alban-Vorstadt in Basel, in dem Sie von 1848 bis 1855 und erneut von 1858 bis 1864 wohnten, auch eine Gedenktafel angebracht. Sie ist sehr schlicht und aus Messing. Ihr Ehrengrab auf dem wundervollen Hörnli-Friedhof in Riehen, in das man 1936 Ihren (offenbar noch existierenden) Holzsarg überführte, muss ich unbedingt bei meinem nächsten Besuch der weitläufigen stillen Oase aufsuchen und Ihnen nicht nur, aber auch als dem Rom-Enthusiasten meinen Gruß entbieten.

(Das zweite Briefzitat stammt aus dtv Reise Textbuch Rom. Ein literarischer Begleiter auf den Wegen durch die Stadt. Mit Fotos von Gertrud Leutenegger. Herausgegeben von Franz Peter Waiblinger. 2.Aufl.1986.)

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