Backstage Sant’Andrea della Valle

Noch lasse ich sie oder lassen sie mich nicht los – Puccinis Melodien. Sie steigen in mir auf wie sie aufstiegen in die drittgrößte Kuppel Roms (nach denjenigen von Pantheon und Petersdom), die Kuppel von Sant‘Andrea della Valle.

Wissen, hören und sehen, dass die Klänge nicht nur nach vorne zum Publikum in den Holzbänken und nach hinten zum Apsisfresko mit dem in Patras gekreuzigten Hl.Andreas (Bruder von Simon Petrus), sondern auch hinauf und damit direkten Einlass finden in die „Herrlichkeit des Paradieses“, welche Giovanni Lanfranco während der 1620er Jahre in die hohe Wölbung malte, ist römische Glückseligkeit. Herrlichkeit des Paradieses- Gloria del Paradiso, mein aus den 50er Jahren stammender Reiseführer von J.M. Wiesel und eine aktuelle Internetquelle (www.italia.it) bezeichnen so das Fresko, ein Schlüsselwerk des römischen Barock und auch bekannt unter Himmelfahrt Mariä mit Engelsglorie. Das Werk bringt den Himmel ins Innere der Kirche, lese und bestätige ich. Gian Lorenzo Bernini äußerte über die große technische Anstrengung, mit der Lanfranco die kreisende himmlische Leichtigkeit erreichte: „Als der Cavaliere Lanfranco die Kuppel von Sant‘ Andrea della Valle übermalte, benutzte er keine Pinsel, sondern grobe Bürsten, die er an lange Stangen festband, und diese waren so schwer, dass er sie von zwei Männern hochhalten lassen musste. Er selbst dirigierte nur und hat auf diese Art und Weise die Übermalung doch schließlich fertig gebracht. Das nenne ich noch eine anstrengende, schwierige Technik.“  

Puccini also unter dieser Kuppel und der aus Vicenza stammende Bariton-Solist rundet mit Opernfigur und Belcanto noch die Messa di Gloria ab. Nach der Anspielprobe und vor dem Konzert ist eine Messfeier, die Musizierenden verlassen das Kirchenschiff, viele in die römische Umgebung, einige aber bleiben in der Ruhe der hinteren Räume, Herberge für Instrumente, Rucksäcke, Taschen, Handys. Eine kleine Nonne mit weißem Habit und dunklem Schleier bringt von irgendwoher wenige Stühle, eine das Orchester ergänzende einheimische Geigerin sucht eine Steckdose zum Aufladen des Smartphones, zwei auch unterstützende jugendlich hübsche Musikerinnen aus Rom geben die Toilette frei, in der sie sich umgezogen haben und verlagern weitere Maßnahmen vor den Spiegel, der über einem einfachen Waschbecken hängt. An den Wänden unter einem Fries, auf dem goldene Löwen spazieren, gerahmte Gemälde verschiedener Heiliger, Kruzifixe, Glühbirnen in schlichter Halterung neben vergoldeten Barock-Wandleuchten. In einer Ecke unbeachtet die aufwändig gestaltete Gebäudeattrappe einer Weihnachtskrippe, daneben hat ein Orchestermusiker seinen schwarzen Notenständer platziert, die Noten aufgeschlagen unter der Pultbeleuchtung. Das schwarzweiße Schachbrett diagonal verlegter Bodenfliesen endet an steinerner Schwelle vor einer hohen Kassettentür aus tiefdunklem Holz, die im Gegensatz zur weiter hinten gegenüberliegenden geöffnet steht, da sie nach rechts den Weg zur Toilette freigibt. Ebenfalls diagonal verlegte Quadrate von Terrakottafliesen bedecken hier den Boden. Im Gang, den Priester und Ministranten auf ihrem Weg aus der Sakristei ins Kircheninnere queren, Pläne der Basilica mit Bezeichnungen und Erläuterungen der einzelnen Orte (z.B. Cappella Barberini – Primo atto della Tosca di Puccini, eretta 1610 da M.Castelli di Melide. Pitture ad olio di Domenico Cresti. Statue di vari artisti,1616 circa), eine Grottennische mit von goldenem Strahlenkranz umgebener betender Madonna, über ihr ein Schriftband mit Großbuchstaben Io sono l’immacolata concesione, zu ihren Füßen eine anbetend Knieende und allerlei Devotionalien, vor allem ein Gewirr an Fotografien (gut zu erkennen ein schmales markantes Männergesicht), schließlich ein leeres marmornes Weihwasserbecken in Muschelform, wie sie häufig zu Renaissance- und Barockzeiten gearbeitet wurden, nachdem das Symbol des Meeres von Aphrodite/Venus im christlichen Kontext auf die „wahre Aphrodite“ Maria übergegangen war.