In der Regionalbahn

Bitte beachten Sie, an dieser Station ist ein barrierefreier Ausstieg nicht möglich, mahnt die KI-modulierte Männerstimme, bevor unüberhörbar und durch sämtliche Ohrknöpfe von Regionalbahnreisenden hindurch, die Töne zur Türöffnung erklingen, zunächst langsame zwei (Quart aufwärts?), da capo und noch einmal da capo, dann schnellgepulst ein repetitives di, wir zählen die Wiederholungen des gleichbleibenden Tons mit, es sind neun, dididididididididi. An dieser Station will aber niemand aussteigen, wahrscheinlich hat die KI-Stimme haushohe Barrieren-Angst in den Regionalbahnreisenden errichtet, schließlich sind sie keine Hürdenläufer und die Aussicht, bei Verlassen des Zugs gleich in die harten Arme von rot-weiß-gestreiften oder sonstwie gearteten Hindernissen zu geraten, mindert jegliche Ausstiegsmotivation. Nächste Station Auggen, spricht der KI-Mann, wir lauschen, aber es folgt kein Bitte beachten Sie, sondern nur Ausstieg in Fahrtrichtung rechts. Wir sind noch nie bei Auggen nach rechts ausgestiegen, auch nicht nach links, weder nach oben noch nach unten, einfach überhaupt nicht ausgestiegen, aber vielleicht sollten wir das einmal machen, jetzt, wo es keine haushohen Hürden mehr gibt, schließlich weiß man nie, wieviele Ausstiegsgelegenheiten das Leben noch für einen bereithält. Und dann halten wir außer dem Leben auch Augen und Ohren offen, denn nicht nur errichteten die Markgrafen von Hachberg-Sausenberg in Auggen eine Burg und in den Gewannen Schlossacker und Grün ruhen die Reste einer römischen Villa Rustica, sondern der Weiler war auch die Heimat des Johannes Brunwart von Augheim, Minnesänger, Ritter und Schultheiß, und wenn wir genau hinhören, verschwinden sicher die Quart und das neunfache di und höfische Minnelieder aus dem Oughein des 13. Jahrhunderts umgarnen uns. Ach, da mischt sich wieder der KI-Stimmen-Mann in den Klang, holt uns aus der Minne und kündigt Heitersheim an, rechts oder links, oben oder unten, jetzt haben wir nicht aufgemerkt, aber Barrieren scheint es auch hier nicht zu geben, sondern eine römische Villa Urbana und ein Malteserschloss, denn das Großpriorat Deutschland des Johanniter- und späteren Malteserordens wurde hierher verlegt und der Großprior von Heitersheim war Verwalter aller Kommenden von Norditalien bis Schweden und vom Burgund bis nach Ungarn und die Ortschaft mit zehn zugehörigen Dörfern wurde ein selbständiges Fürstentum innerhalb des Heiligen Römischen Reiches. Das zu wissen, stimmt uns nun wirklich heiter, denn auch wir haben eine Geschichte mit den Johannitern und mit Bewohnern des Heiligen Römischen Reiches unterhalten wir uns gerne, wir merken uns also nicht nur für Auggen, sondern auch fürs Heim eines Heitilo einen baldigen Ausstieg vor, heute aber müssen wir uns weiter von der gleichgültigen KI-Stimme mitnehmen lassen bis zum letzten dididididididididi, denn wir haben eine Verabredung mit (W)Orten, die das Au nicht vorne, sondern in sich tragen.