Ich vermisse was, liebe Frau A. – Oh je, es soll Ihnen doch an nichts mangeln. Davon hatten wir‘s ja schon, grüne Auen und so. Was vermissen Sie denn? – Na, ahnen Sie das denn nicht? Das ist doch nun wirklich nicht schwer! Hat auch mit Tisch bereiten zu tun. Ich vermisse selbstverständlich das Kochen! – Ach so, na klar, wenn es weiter nichts ist. Ich musste halt warten. – Sie mussten warten? Wieso denn das? Obwohl, wenn ich so drüber nachdenke, Warten ist eine unterschätzte Kunst. – Ja, nicht wahr, das meine ich auch, gerade heutzutage, wo alles immer subito, schnellschnell, speedy gehen muss, wischwisch und weg. Keine pazienza mehr, keine Geduld. Das Seltsame ist, dass es dabei immer mehr Patienten gibt, als ob sich die pazienza neuen Raum schaffen will, wo sie sich ausbreiten kann. – Äh, liebe Frau A., Sie schweifen mal wieder ab. – Ja, scusi, aber ich dachte, Sie können bestimmt zum Warten noch eine Liste von Lektüreempfehlungen geben, so eine Art Einkaufszettel fürs Lesemenu. – Natürlich kann ich das. – Ach, herzlichen Dank, grazie mille, die Einkaufszettel sind nämlich very important für mich, sonst schwimme ich so herum in den unendlichen Möglichkeiten. Obwohl ich ja gerne schwimme, sehr gerne sogar, am liebsten im Meer, oh stopp, wir waren ja beim Kochen. – Gut, dass Sie selbst die Kurve gekriegt haben, aber warten Sie mal, mir fällt gerade ein, dass die Gebrüder Grimm dem Warten in ihrem Wörterbuch eine viel breitere Bedeutung beigemessen haben, als wir das heute tun. – Echt? Interessant! Welche denn? – Ja, also zum Beispiel nach etwas Ausschau halten, spähen, aufmerken, wahrnehmen, aber auch sich vorsehen, hüten, schützen, bewahren und, jetzt kommen wir zu Ihren Patienten, auch sorgen, pflegen. – Uiuiuiii, grandios, das Wort wird mir immer lieber. – Ich pflichte Ihnen bei, aber jetzt genug der Exkursionen, worauf haben Sie denn gewartet? – Auf die Saison habe ich gewartet, die heimische Spargelsaison. Schließlich kann ich nicht immer Risotto kochen. Obwohl, auch den hab‘ ich schon mit grünem Spargel und…. – Liebe Frau A., keinen Risotto bitte!!! – Ach so, ja, nein, nein, hiesigen Spargel hab ich gekocht, perlweiß, aus dem schönen Markgräflerland! Das Klima und der Boden sind da ganz gut für den Bleichspargel und ich hoffe, die Saison hält durch bis Johanni, ich hab schon mal im kleinen Duden-Büchlein „Mit Goethe durch das Jahr 2026-Goethe und das Klima“ nachgeschaut, was der Herr Geheimrat am Mittwoch, den 24.Juni zu sagen, äh zu schreiben hat (zu welchem Thema hatte er eigentlich nichts zu schreiben?), da steht „…muss denn alles schädlich sein, was gefährlich aussieht?“ Hmm, keine Ahnung, wie ich das jetzt in Verbindung mit den Spargelstangen bringen soll. – Das ist mir nun ausnahmsweise auch mal schleierhaft, liebe Frau A. Aber sagen Sie, welche Sauce haben Sie denn dazu gekocht? – Ich habe gar nicht gekocht, nur gemixt. – Gemixt? – Ja, certo, gemixt und gerührt, nicht geschüttelt. Den Diminutiv hab‘ ich gemixt. – Den Diminutiv? – Ja, von vinaigre. – Ah, mir dämmert: eine Vinaigrette! – Genau, eine Vinaigrette, etwas variiert: Kretisches Olivenöl, Bio-Dijon-Senf, ein paar Würfelchen frischen Knoblauch, ein paar hübsche Röllchen frischen Schnittlauch und feine Lauchzwiebelringlein, Bio-Gourmet-Kräutersalz, weißen Pfeffer, gemahlenen Koriander (Sie wissen schon: die üblichen Verdächtigen), weißen Balsamico- Essig, dazu wegen der Wärme noch ein wenig roten Balsamico. – Wegen der Wärme? – Ja, finden Sie nicht, der schmeckt warm? – Na, ich weiß nicht, eher süß-säuerlich, ein bisschen karamellig. – Wie dem auch sei, wir wollten ja vom Spargel profitieren, und zwar nicht allein von den Duftmolekülen, die er außer in der Küche auch langanhaltend woanders verbreitet, bitte ersparen Sie mir weitere Ausführungen. – Tue ich, tue ich, aber wie profitieren wir noch? – Asparagus officinalis ist rundum gesund, besteht größtenteils aus Wasser und hat nur wenige Kalorien bei guter Nährstoffdichte, seine Ballaststoffe wie Inulin fördern die Darmfunktion und ein ganzes Bündel an Vitaminen, Mineralstoffen und sekundären Pflanzenstoffen wandert mit den Spargelstangen in unseren Körper. – Huch, jetzt werfen Sie aber mit diesem Zeugs um sich, da werde ich ja wortsatt, dabei will ich doch… aber sagen Sie mal, streuen Sie heute gar nicht? – Nee, das nicht auch noch, hab‘ ja gerührt, nicht geschüttelt, und das schütte ich jetzt… – Ja, apropos schütten, außer dem Wasser im Spargel sollte doch auch noch eine Flüssigkeit ins Glas, oder? Was haben Sie da zu bieten? – Lieber Herr Spürnase, da haben Sie meilenweit mehr zu bieten als ich, da traue ich mich kaum, mit irgendwelchen Flüssigkeiten aufzuwarten, aber gut, ich verrate Ihnen so viel: Markgräfler Spargel, also Markgräfler Grauburgunder, flüssig, aber trocken! Salute!

(Buch: Mit Goethe durch das Jahr 2026. Goethe und das Klima. Hrsg. u. mit einem Essay von Bodo Plachta. Dudenverlag, Berlin 2025, ein Geschenk von C.E.F. im Dezember 2025)
(Text begonnen 19.Apr.2026)
