Sind Sie schon einmal vor einem Bett gestanden, in dem Johannes Brahms schlief? Oder haben Sie bereits einmal die Bartstoppeln von Philipp Glass gezählt? Nein? Lieben Sie diese Art, sich Komponisten zu nähern? Ja? Dann schicke ich Sie nach Baden-Baden! Womit die Versammlung der B’s komplett wäre: B(ett), B(rahms), B(artstoppeln), B(aden) -B(aden). Und wo bringen wir nun Philipp Glass unter? Im Frieder B(urda) – Museum! Na also, geht doch, da haben wir auch für ihn das B.
Jetzt aber mal der Reihe nach:

„Manche glückliche Stunde habe ich da verlebt und manche hübsche Noten geschrieben, traurig und lustig – was auf das Glück der Stunden keinen Einfluss hat“ schrieb Johannes Brahms (1833-1897) nach Karlsruhe an den Hofkapellmeister Felix Otto Dessoff über die Sommermonate im „hübschen Haus auf dem Hügel“ in Baden-Baden- Lichtenthal. 1865 mietete Brahms im weißen Häuschen der Witwe Clara Becker erstmals zwei Zimmer im Dachgeschoss, um die Sommermonate dort zu verbringen, in Nähe seiner Lebensfreundin Clara Schumann (1819-1896), die – bereits verwitwet – mit ihren Kindern ebenfalls in Lichtenthal wohnte, in einem Haus an der Oos, das sie von selbiger Advokatenwitwe Becker erworben hatte. Bis 1876 wiederholten sich die bis in den Herbst gedehnten Sommeraufenthalte im auf einem Felsen stehenden Häuschen, das Deutsche Requiem hat Brahms in Lichtenthal vollendet und schließlich auch die 1. Sinfonie in c-Moll (op.68), das Baden-Badener „Badeblatt“ vermeldete jeweils die Ankunft des Komponisten in der Stadt. Grundstück und schindelgedecktes Haus sind im Stil des 19.Jahrhunderts unverändert erhalten, alte Original-Böden wurden wieder hervorgebracht, ebenso eine Zimmerdecke im Erdgeschoss, in dem BesucherInnen nun ein „Hörkino“ mit Musik, Bildern und Geschichten erleben können. Interessanter und noch lebendiger aber sind Anekdoten und Geschichten, die die Hüterin des Museums mit Liebe zum Sujet erzählt, gebannt ist man in Atmosphären versetzt, in denen Baden-Baden zur Capitale d’été avanciert und ein beliebter Treffpunkt von Gästen aus Literatur, Musik, Kunst, Wissenschaft und Adel war. Lange weilt man in den beiden kleinen Brahms-Räumen, blickt mit dem Komponisten durch die Fenster auf Schwarzwaldhöhen, blickt auf den Komponisten in Fotos und Zeichnungen, folgt den Schwüngen seiner Handschrift in von ihm geschriebenen Zeilen, lauscht seinem Walzer op.39 Nr.15, den jemand aus der Gruppe spontan auf dem Klavier der Gebrüder Trau spielt (das zumindest ein gleiches ist wie das, welches Brahms bei selbiger Firma gemietet hatte) und steht vorm nicht großen Holzbett, das nun wirklich das originale sein soll, in dem Johannes Brahms in jenen Sommermonaten seine Nächte verbrachte.

Nein, ich habe es nicht geschafft, die Bartstoppeln des amerikanischen Musikers und Komponisten Philipp Glass (geb.1937) zu zählen, die sein Freund Chuck Close (1940-2021) akribisch und präzise ins großformatige Portrait des Gesichts gemalt hat. „Inspiration ist für Amateure; der Rest von uns kommt und macht sich an die Arbeit“ ist ein Statement des Fotorealisten Chuck Close, das man bei Wikipedia findet. „Wettstreit mit der Wirklichkeit. 60 Jahre Fotorealismus“ lautet der Titel der noch bis zum 2.August 2026 im Frieder Burda-Museum gezeigten Ausstellung. Die Stilrichtung stehe für eine Kunst, heißt es im Flyer, die den fotografischen Blick auf die Welt zum Ausgangspunkt nimmt – und diesen mit malerischen Mitteln auf illusionistische Weise reproduziert. Und so steht man staunend und bewundernd nicht nur vor Lippenfurchen, Augenfältchen, feinsten Halshärchen und Bartstoppeln von Philipp Glass, sondern auch vor Straßenszenen, Ketchup-Salzstreuer-Stillleben, früchtegefüllten Teetassen (Alexandra Averbach 2025 –„Mit meinen Gemälden von Teetassen erforsche ich die Spannung, die zwischen alltäglicher Schönheit und Momenten der Schwebe besteht“ ), vor Rudi the Unseen Bull (Alexandra Klimas 2025), vor unfassbar realistisch wirkenden Wasseroberflächen und Schneeresten.

