Die Eisheiligen

Und, wisst ihr, wie die Eisheiligen heißen und wie sie hintereinander folgen ?– fragt jemand in der Chorprobenpause am ersten (kühlen und regnerischen) Eisheiligen-Tag, dem 11.Mai. Ich muss passen, beschließe aber nachzuschauen. Nicht in allen meiner Kalender sind sie verzeichnet, aber der „Was mein Leben reicher macht“ – Abreißkalender, den man mir in meiner (noch geöffneten) kleinen Buchhandlung schenkte, führt sie auf, die Namen der Heiligen, die den Tagen des 11. bis 15.Mai zugeordnet sind, an denen man gemäß tradierten Bauernregeln mit den letzten Nachtfrösten eines Jahres rechnen muss. Wobei sich die mit Bauernregeln verknüpften Namenstage noch auf den seit 1582 nicht mehr gültigen julianischen Kalender beziehen. Also, wie heißen sie denn nun, die Eisheiligen oder Gestrengen Herren oder Eismänner? Gemein ist ihnen jedenfalls, dass sie Bischöfe oder Märtyrer im 3.bis 5. Jahrhundert n. Chr. waren.

Der um 477 gestorbene Mamertus, Erzbischof von Vienne (bei Lyon), ist der erste, er führte die Bittprozessionen an den drei Tagen vor Christi Himmelfahrt ein und ist Schutzpatron der Hirten und der Feuerwehr.

Der zweite ist Pankratius, aus Phrygien stammend, starb er 304 (oder auch schon früher) in Rom den Märtyrertod, er wurde enthauptet in der Via Aurelia, wo sich nach ihm benannte Katakomben befinden, in denen er begraben ist. Er ist nicht nur Eisheiliger, sondern gehört auch zu den Vierzehn Nothelfern und gilt als Patron des Eides, der Kinder, der Ritter, der Saat und der Blüten (was für eine Zusammenstellung).

Als dritter folgt am heutigen 13.Mai Servatius, in dessen Gestalt offenbar zwei historische Personen vermischt sind, und zwar erstens jener aus Armenien von jüdischen Eltern abstammende Servatius, Bischof von Tongeren, Belgien, dem der Legende zufolge durch eine Erscheinung Petri in Rom der drohende Hunneneinfall unter Attila (450 n.Chr.) vorhergesagt wurde, der zurückreiste, die Bürger von Tongeren warnte und den Bischofssitz nach Maastricht verlegte, wo er kurz drauf starb, zweitens ein Servatius aus Gallien, der u.a. 359 n.Chr. an einer Synode in Rimini teilnahm. Die Heiligengestalt Servatius jedenfalls ist im Dom zu Maastricht begraben.

Jetzt sind wir beim 14.Mai und dem vierten Eisheiligen angelangt: es ist der Römer Bonifatius von Tarsus. Als Nichtchrist gesandt, um in der Region von Tarsus (Türkei) Reliquien christlicher Märtyrer zu finden und nach Rom zurückzubringen, war er von der Glaubensstärke der unter Kaiser Galerius zu Tode Gefolterten so beeindruckt, dass er sich taufen ließ und selbst im Jahr 307 n.Chr. in Tarsus das Martyrium durch siedendes Pech erlitt. In der Basilica Santi Bonifacio e Alessio auf dem römischen Aventin verehrt man seine Reliquien.

Bleibt noch ein „Eismann“ und der ist kein Mann, sondern eine Frau, der Name des Tages ist doch bei Vielen haften geblieben und so mancher Kalender führt nur diese Eisheilige auf: die Kalte Sophie. Wer aber weiß, dass sich dahinter die Heilige Sophia von Rom verbirgt, über die nicht viel mehr bekannt ist, als dass sie um 304 n.Chr. während der diokletianischen  Christenverfolgung starb. Nicht verwechseln solle man sie, sagen verschiedene Quellen im Netz, mit der Hl.Sophia von Mailand, die sich nach dem Tod ihres Mannes den Märtyrertod herbeiwünschte und deshalb mit ihren drei Töchtern Fides (Glaube), Spes (Hoffnung) und Caritas (Nächstenliebe) nach Rom ging, wo sich unter Kaiser Hadrian (117-138 n.Chr.) dieser Wunsch (für alle vier) erfüllte. Mein 2019 in einem Lörracher Antiquariat erworbenes Reclam- Lexikon der Heiligen und der biblischen Gestalten vermischt allerdings die beiden Sophien.

Nach heute gültigem, international anerkanntem, gregorianischen Kalender wären die mit den Eisheiligen verknüpften Bauernregeln eine gute Woche später anzuwenden. Schauen wir also mal, wie lange uns der Kälteeinbruch noch erhalten bleibt.

(Reclams Lexikon der Heiligen und der biblischen Gestalten. Legende und Darstellung in der bildenden Kunst. Von Hiltgart L.Keller. 8.durchgesehene Auflage 1996)

(Foto: auf St.Chrischona am 10.Mai 2026)