Mikrodrama 3

(Mikrodrama 1 und 2 siehe Blogeinträge 16. und 20.April 2026)

Elena spannte den Schirm auf. Gelbe Polka Dots tanzten auf dem schwarzen Gewebe. Sie eilte vorwärts. Nur weg von hier! Die Lügen waren Tentakel, die nach ihr griffen. Sie spürte bereits das Nahen der Saugnäpfe, den Biss, die drohende Lähmung. Nervengift. Kein Atmen mehr möglich. Also schnell, noch konnte sie sich bewegen und entkommen! Sie barg sich unter den Schirm, beschleunigte die Schritte, ihr Atem durchbrach das Dunkel. Eure Rede sei: Ja, ja! Nein, nein! – die Worte blubberten wie Blasen empor. Ja, ja! Nein, nein! Sie passte ihre Schritte dem Rhythmus an: ja, ja! Nein, nein! Fast geriet das zu einem Hüpfen, jaja, neinnein, jaja, neinnein. Sie begann, den Schirm mitzuschwingen. Die gelben Punkte strahlten am Firmament der Bespannung wie Löwenzahnblüten. IstsyBitsyTeenieWeenieYellowPolkaDotBikini, plötzlich sang in ihrem Kopf eine Stimme aus Kindertagen, HonoluluStrandBikini – warum hatte das Lied auf Deutsch die Punkte verloren?- , Pezzettini di Bikini, italienisch sang Dalida von den Stückchen, das schüchterne Mädchen im Polka Dot Bikini traut sich nicht heraus aus der geschlossenen Kabine, sie trägt so etwas zum ersten Mal, she was afraid to come out of the locker, she was as nervous as she could be, endlich hüllt sie sich in eine Decke und setzt sich ans Ufer -ist es das Meer?- , schließlich lässt sie die Decke und schafft es ins Wasser, dann aber nicht mehr heraus, non ha il coraggio di uscire dal mar, auf Italienisch also das Meer. Jaja, neinnein, jaja, neinnein, es hüpfte sich schon besser, Elena kam schneller voran. Der Schirm schwang im Rhythmus, aber nicht mehr über dem Kopf, sie spürte, wie der Regen über ihr Gesicht rann, ein kühlender Balsam, und sie wusste nicht, ob noch anderes Wasser dabei war, salziges, aber sie wusste, dass sie früher einmal getanzt hatte in einem Sommerregen, mit weit ausgebreiteten Armen. Jaja, neinnein, jajaneinnein, jajajajajaneineineineinein, schneller und schneller hüpften die Füße, die Regentropfen reihten sich zur Melodie, I’m singin‘ in the rain, singin‘ and dancin‘ in the rain, was war das für ein schöner Refrain, die Füße folgten ihm jetzt von allein, singin‘ an dancin‘, dancin‘ and singin‘, und wurde es dort vorne nicht heller, wie konnte das, ach, Elena traute den Augen kaum, vom Schwung mitgenommen, hatten die Polka Dots sich vom Schirmgewebe gelöst und tanzten gelben Sonnen gleich auf dem nassen Asphalt. Und je weiter sie tanzten und rollten, desto größer wurden sie. Und es wurde Licht.