Im Düsseldorfer Kunstpalast bin ich (nach Monet – Cézanne – Matisse) auf der Suche nach Gemälden der Brüder Oswald (1827-1905) und Andreas (1815-1910) Achenbach, zumindest das 1896 gemalte Im Park der Villa Borghese von Oswald Achenbach sollte sich doch hier befinden, wie mir aus einem älteren Bildband Andreas und Oswald Achenbach „Das A und O der Landschaft“ bekannt ist. Ein freundlicher Kassenmitarbeiter des Museums muss auf meine Frage, wo in der weitläufigen Sammlung sich die Gemälde denn befinden könnten, passen- aber ich habe Glück, ein weiterer, der sich gerade zu einem Plausch oder Schwaat eingefunden hat, zeichnet mir den Ort im Museumsplan ein. Ich beginne den langen Weg durch die Sammlung, ohne Eile, bleibe immer einmal wieder stehen an Stationen, die mir ins Auge springen, wie zum Beispiel eine Ansicht der Via di Ripetta in Rom von Bernardo Bellotto (1721/22-1780), Kartoffelernte von Max Liebermann (1847-1935), Das eherne Zeitalter von Auguste Rodin (1840-1917), Am Meer (Moderne Iphigenie) von Anselm Feuerbach (1829-1880) und- noch ziemlich zu Anfang des Rundganges – die beiden Reliquienbüsten, etwa um 1370/1380 in Böhmen von einem unbekannten Künstler geschaffen.
Was daran zieht mich an? Zunächst einmal, dass da zwei solche Köpfe in der gut ausgeleuchteten Glasvitrine sind, ähnlich, aber keineswegs gleich. Das eine Gesicht etwas schmaler und länglicher, das andere breiter, rundlicher. Schwestern könnten es sein. Der eine Kopf nach links geneigt, der andere nach rechts, aber nicht einander zu. Bei der Rundlicheren scheint ein sanftes Lächeln die Lippen zu umspielen, die Schmalere ist eher ernst oder so, als spüre sie eine Last ihrer Aufgabe. Beide schauen in eine Ferne, die nicht im Außen, sondern im Innen liegt. Die hohen Stirnen gefallen mir, die zurückgehaltenen Haare, die aber doch in kräftigen Locken rahmen. Die zurückhaltenden, wenigen, stimmigen Farben. Und was hat es mit den runden Brustöffnungen auf sich? Sie sollten die greifbaren spirituellen Objekte aufnehmen, die Reliquien, also Überbleibsel, sterbliche Überreste von Heiligen oder auch von heilig- oder seliggesprochenen Päpsten oder KaiserInnen. Die Verehrung von Reliquien als Ausdruck der Heiligenverehrung begann im zweiten nachchristlichen Jahrhundert und erreichte im Mittelalter einen Höhepunkt. Berühmte Kirchbauten gründen auf der Verehrung besonderer Reliquien. Im Zuge der Reformation und ihres Bildersturms wurden viele Reliquien aus den Kirchen entfernt oder gar verbrannt, eine Mittler- oder Fürsprecherfunktion der Heiligen abgelehnt (gemäß 1.Timotheus 2,5 gibt es nur einen Mittler:„Denn einer ist Gott, und einer ist Mittler zwischen Gott und Menschen, der Mensch Jesus Christus.“) Die Reliquienverehrung hat dennoch überdauert, auch in anderen Religionen ist sie bekannt. Die beiden Schwestern verraten mir nicht, an welcher Aufgabe sie getragen haben. Sie schauen weiter in eine Ferne, die ihnen innen nahe ist.
Ich setze den Rundgang fort, schließlich will ich noch mit Oswald Achenbach durch den Park der Villa Borghese spazieren, und ja, ich finde das Gemälde, das der Düsseldorfer Maler vier Jahre nach einem Besuch in Rom nach Skizzen angefertigt hat, und kann mich ein wenig ins milde Licht zu dem Kind auf die Steinbank setzen, auf die Villa Borghese und rosa Wolken schauen, dem Pferdegetrappel der vorbeifahrenden Kutsche lauschen.

