Interview im Kochdunst 5

Liebe Frau A., ich schneie mal kurz in ihre Küche, ich hab‘ s nämlich gerade satt. – Sie sind satt? Dann sollte doch eher ich in Ihre Küche schneien, es ist mir nämlich zu Ohren, vielmehr in meine Nasenlöcher gekommen, dass dort so allerlei Rezepte ausprobiert werden, die wirklich gut duften. Mit schneien bin ich allerdings d’accord, das absolut passende Wort bei der Kälte. Oben im Schwarzwald soll‘s tatsächlich in den letzten Tagen.. – Frau A., nicht abschweifen!!! – Ach so ja, scusi. Fahren wir also nicht in den Schwarzwald, sondern bleiben in der Küche. Wieso sind Sie satt? – Ich bin nicht satt, ich habe es satt, und zwar das Grau. Ich dachte, Sie könnten vielleicht, also Sie haben doch mal so einen Risotto, in den Sie Sonne gerührt… – Aber bitte, lieber Herr Spürnase, wir befinden uns doch trotz des Graus, dem Sie den Garaus machen wollen, in der Spargelzeit. Und hier im schönen Markgräflerland…- Jaja, das weiß ich ja, und es ist auch eine ganze Weile her, dass jemand „Komm, lieber Mai und mache die Bäume wieder grün“ mit einer Singstimme versehen hat, und wenn ich so nach draußen schaue, dann hat das ja auch funktioniert, sind schon ordentlich grün die Bäume… – Genau, was fehlt Ihnen denn dann? Wie bereits wiedergekäut, es soll ja nichts mangeln, das hat doch schon David gesungen, mir wird nichts mangeln, sang er sogar, eine Tatsachenfeststellung, und das halten wir uns doch immer wieder vor die Augen, vielmehr Ohren, wobei  – die grünen Auen seh‘  ich regelrecht vor mir, hach, und stille Wasser sind doch auch soooo schön, Güte und Gnade alle Tage… –  Frau A.! jetzt ist aber mal gut, keine Predigt bitte, ich wollte doch nur schauen, ob Sie Ihre Küche auch mit Grün füllen können. – Na, wenn es weiter nichts ist, bitte, hier haben Sie’s: Grüne Soße, und zwar genau so geschrieben, äh gesagt. Oder Grie Soß, aber das kann ich nicht so gut aussprechen, ich kann kein Frankfurterisch babbele. – Mir dämmert’s. Sie haben Goethes Leibspeise gekocht? Frankfurter Grüne Soße zum weißen Markgräfler Spargel? – Naja, also gekocht hab‘ ich ja nur die Freilufteier, sonst halt geschnippelt und ein Wiegenlied gesungen, äh, ich meine natürlich, die doppelte Sichel des Wiegemessers über die sieben Kräuter bewegt, hin und her, her und hin. Wissen Sie, mein Supermarkt hält zur Spargelzeit die Gebinde auch parat, Pimpernelle, Kresse, Borretsch, Sauerampfer, Kerbel, Schnittlauch und krause Petersilie. – Braver Supermarkt. – Ja, mein Leben, mein Laden. – Wie bitte? Der Laden ist doch hoffentlich nicht Ihr Leben! – G.tt bewahre, das wäre ja fürchterlich! Nein nein, ist lediglich der nicht eben demütige Werbeslogan. Das weiß sogar die inzwischen ubiquitär ungefragt auftretende KI. Ganz eindeutig. Gut gefüttert. Man darf’s nur nicht umdrehen, dann kommt was anderes raus, hm. – Liebe Frau A., Sie sind mal wieder auf Abwegen, Sie wollten doch zur Grünen Soße was beitragen, die der geschätzte Herr von Goethe sich hat nach Weimar kutschieren lassen, die Meisterin der Zubereitung war ja bekanntermaßen seine Mutter.  – Na, viel beitragen kann ich gar nicht mehr, ist ja ganz einfach, was da noch die Kräuter unterstützt, Senf, Salz, Pfeffer, Essig, Öl, allenfalls ein wenig Schmand. Keine Ahnung, ob der Geheimrat zufrieden wäre, aber ich muss ihm beipflichten, seine Leibspeise schmeckt einfach saumäßig gut, entschuldigen Sie bitte, lieber Herr Spürnase. – Es sei Ihnen verziehen, liebe Frau A., glitzert jedenfalls schön grün. – Ja, finde ich auch, obwohl ich den Borretsch entfernt habe. – Sie haben den Borretsch entfernt, wieso denn das? – Tja, man weiß leider, dass er die Leber schädigt mit seinen Pyrrolizidinalkaloiden, also zu viel sollte man von diesen Pyrrodingensbummens nicht verspeisen. Ich hebe mir die Leberschädigung jedenfalls lieber für Anderes auf, Flüssiges, Sie wissen schon, überfließende Becher.  – Aha, sehr aufschlussreich, aber sagen Sie mal, wieso sind Sie denn vom Mixen des Diminutivs abgekommen? Also wieso von der Vinaigrette zur Grünen Soße gewechselt? – Das wissen Sie nicht? Ich liebe die Variation! Bei aller Grundlagentreue. Und außerdem  muss ich mich vorbereiten. Ich will ihn doch besuchen. – Wen wollen Sie besuchen? – Na, den Herrn von Goethe. Auch wenn er dort, wo ich ihn endlich besuchen möchte, ein anderer war, so eine Incognito- Identität um sich wickelte. Via del Corso 18, noch nie war ich da drin, nicht zu fassen, dabei bin ich x-mal dran vorbei spaziert, habe innegehalten, die Messingklingeln betrachtet, am Haus hinaufgeschaut. Aber jetzt! Jetzt schmeiß‘ ich Sie aus meiner Küche, ich muss nämlich was nachlesen, vielmehr nochmal lesen. – Sie müssen was nachlesen? Was denn? – Sie sind wieder mal gar nicht neugierig, was? Wird nicht verraten! Ein paar Geheimnisse müssen Sie mir schon noch lassen, also ich kann ja nicht alles öffentlich – aber Sie haben doch sicher trotzdem eine Ahnung, lieber Herr Spürnase, nicht wahr?

Das Museum Casa di Goethe – ein Ort mit Geschichte – Liebermann-Villa https://share.google/VOL10ebTSk8V9TXoz