Im Kurs fragt die Nun-wieder-Italienisch-Lehrerin heute, welcher Sinn uns am ehesten in die Kindheit entführt. Kurze Antworten und kleine Geschichten der Teilnehmenden fallen ganz unterschiedlich aus, bei etlichen ist es ein bestimmter Geruch, bei anderen sind es visuelle Eindrücke, bei wieder anderen haptische, zum Beispiel das Gefühl von Sand am Strand, wenige haben auch bestimmte Stimmen im Ohr. Ich weiß nicht, ob das Thema der Woche die Sinne sind oder Kindheitserinnerungen oder beides zusammen (das gehört natürlich zusammen, wissen alle, die einen im Schreiben unterrichten), jedenfalls wird es vom 1.bis 3.Mai im Dreiländergarten ein „Festival der Sinne“ geben, mehr als 100 Kunsthandwerker, Gaukler, Marionettenspieler und Musiker werden dort auftreten oder ihre Stände aufbauen, teilt die Badische Zeitung mit. Die Kolumne Unterm Strich befasst sich heute mit dem Hörsinn und fragt, wie eine Rose klingt, beim Projekt „Re-Connecting with Nature“ könne man das am 21.Mai herausfinden, schreibt Alexander Dick, die Rose würde die Tasten eines Klavierflügels in Bewegung setzen – das wäre ja durchaus spannend zu hören (und auch zu sehen, oder?), wo soll die Performance denn stattfinden – ach, „in der Freien Waldorfschule zu Köln, am Weichselring“. So langsam frage ich mich, ob die Kolumnisten der BZ in hiesiger Gegend nicht genügend Anknüpfungspunkte für ihre Zeilen finden, ich werde das weiter verfolgen. Einstweilen bin ich froh, dass ich nicht die „ultraschallartigen Klickgeräusche“ von gestressten Pflanzen hören muss, das würde mich ja in eine Kümmer-Unruhe versetzen, dabei fällt mir ein: hören Fledermäuse die etwa und versuchen dann, die Pflanzen zu beruhigen? Im Italienisch-Kurs jedenfalls kommt mir wieder eine Stimme ins Ohr, eine warme, ruhige, schöne Stimme: es ist die eines Sprechers auf einer Märchenschallplatte „Nein, Herr, der Wagen nicht. Es ist ein Band von meinem Herzen, das da lag in großen Schmerzen, als Ihr in dem Brunnen saßt“ – der Frosch ist erlöst und wieder ein Königssohn mit schönen und freundlichen Augen, und jetzt müssen die drei eisernen Bande nicht mehr das Herz des treuen, traurigen Dieners vorm Zerspringen bewahren, sondern dürfen selbst aufspringen, eines nach dem anderen, das Herz ist nun auch erlöst und die Freude bricht sich Bahn.
(Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich, Kinder- und Hausmärchen KHM 1 der Brüder Grimm)
(Doris Dörrie: Leben-Schreiben-Atmen. Eine Einladung zum Schreiben. Diogenes-V. Zürich 2019, gelesen 2025)
(zu Märchen und Höreindrücken siehe auch Blogeinträge vom 28.Aug. und 19.Sept.2025)

