Interview im Kochdunst 3

(Text vom 15.März 2026)

Liebe Frau A., ein paar Moleküle haben sich in meiner Nase verfangen, haben Sie wieder etwas in ihre Töpfe gerührt? – Jetzt bin ich aber froh, dass Sie nicht geschmissen gesagt haben! Rühren gefällt mir besser, auch dann, wenn es sich mit Präfixen schmückt. – Hä? Helfen Sie mir, ich komme nicht mit. – Ja, scusi, zum Beispiel umrühren, unterrühren, anrühren, glattrühren, manchmal aber auch aufrühren. –  Hm, verstehe, was Sie immer alles finden im Kochdunst, ich bin regelrecht gerührt. – Na, sehen Sie, da haben wir’s, das Rühren berührt auch die Rührenden, was für ein Glück. Ich musste nämlich heute ein bisschen Sonne in die Töpfe rühren. –  Wieso denn das? – Ach, wissen Sie, draußen gab’s auf einen Schlag so wenig davon, der Frühling hatte die Pause-Taste gedrückt, auf den Hügeln hatte sich frischer Schnee häuslich niedergelassen und alle Jogger trugen wieder lange Hosen. – Stimmt, das war mir auch sofort aufgefallen! Aber wie um alles in der Welt haben sie denn Sonne in die Töpfe gerührt? – Ganz einfach, ich habe Risotto gekocht. – Schon wieder Risotto? Das ist ja langweilig.  – Also, jetzt entschuldigen Sie mal, lieber Herr Spürnase, Sie sind aber auch gar nicht anspruchsvoll. Sagten Sie nicht, dass es gut duftet? – Ich sagte, ein paar Moleküle haben meine Nase erreicht. –  Ah, immerhin, schauen – nein, riechen Sie: es ist der Safran, Crocus sativus! Ein paar wenige der kostbaren Fäden hab‘ ich zum Schluss unter den Risotto gerührt, als er schon in der Brühe sämig geworden, aber noch bissfest geblieben war. Finden Sie nicht, dass man all die Handarbeit, die zur Ernte der Safran-Narben nötig ist, riechen kann? –  Ah, das war’s, was meine Nase erreicht hat, klar, der Geruch der ausdauernden Handarbeit! Aber was ist denn jetzt mit der Sonne? –  Ja, wissen Sie, das Wort Safran kommt aus dem Persischen und bedeutet gelb sein oder gelb werden. Und sehen Sie, unsere sehr sparsame Dosierung der Fäden (wichtig, denn- wie schon Paracelsus wusste, die Dosis macht das Gift!) hat den ganzen Risotto in sonniges Gelb getunkt. Da geht einem doch gleich das Herz auf! – Sie meinen, wir rühren das Herz auf?  – Giusto, Sie haben es erfasst, Herz, Gemüt, Geist, wenn man so will, denn es ist sogar wissenschaftlich belegt, dass Safran als Antidepressivum wirkt. Also wir werden nicht mehr unter- oder runter- oder heruntergerührt beziehungsweise  -gedrückt,  sondern stattdessen hinauf – ist das nicht schön?! –  Doch, doch, ganz schön, aber irgendwie fehlt mir noch was. – Ihnen fehlt wieder was? Was ist es denn diesmal? – Mir fehlt das Italienische. Also bis auf die paar eingestreuten Wörtchen ist das zu kurz gekommen. – Ach, wenn es weiter nichts ist, lieber Herr Spürnase,  dann kann ich Abhilfe schaffen, es handelt sich nämlich um Risotto Milanese und außer dem Safran habe ich zum Ende der Garzeit noch Formaggio hineingerührt, und zwar geriebenen Parmigiano Reggiano. – Oh, das ist gut, da bin ich jetzt doch be- oder gerührt, denn bereits Boccaccio erwähnte im 14.Jahrhundert den Parmigiano Reggiano in seinem berühmten Decamerone: „…et eravi una montagna di formaggio Parmigiano grattugiato , sopra la quale stavan genti, …“
 

NB.: der Büroaufsteller und Paul Signac haben sich heute auch für die liturgische Farbe Rosa entschieden: