Und wieder Goethe! In diesem Film, dessen Titel viele Räume öffnet. Goethe, dessen bekanntes Portrait mächtig über Hanns Zischler als Thomas Mann hängt während der Rede in Frankfurt am Main (US-Zone). Goethe, dessen strahlendweiße Marmorbüste göttergleich über Hanns Zischler als Thomas Mann schwebt während der Rede in Weimar (Sowjet-Zone). Eine Reise zu Goethes 200.Geburtstag in beide Teile von Nachkriegsdeutschland. Eine Reise in Schwarzweißbildern von großer Intensität. Eine Reise in die Gesichter der DarstellerInnen, Sandra Hüller als Tochter Erika Mann, August Diehl als Sohn Klaus Mann. Eine Reise -historisch in anderer Besetzung und anderen Zeitzusammenhängen (der Film verdichtet) – als Suchbewegung nach inneren Wahrheiten, nach inneren und äußeren Heimaten, nach Behausung inmitten von Zerbruch, als Suchbewegung aus inneren und äußeren Exilen.
Es wird viel gesungen in Vaterland, die Lieder verflechten ihre Zeilen mit den (Familien-)Geschehnissen, transportieren und transformieren inneres Erleben („denn es muss uns doch gelingen, dass die Sonne schön wie nie über Deutschland scheint, …dass nie eine Mutter mehr ihren Sohn beweint“- ein Kinderchor mit der Hymne des neuen Deutschland, getextet von Johannes R.Becher; Devid Striesow spielt den Dichter, damaligen Präsidenten des Kulturbundes und späteren Minister für Kultur der DDR). Großartig auch die Überblendung von Worten der Frankfurter Rede mit den nur in stillen Blicken und Mimik widergespiegelten Empfindungen von Erika und Klaus (Liebe, geschwisterlich, Leben, Tod). Am Schluss der Bach-Choral Jesus bleibet meine Freude, ohne Worte, intoniert an lädierter Orgel in hoher Kirchenruine, Erika und Thomas Mann – Sandra Hüller und Hanns Zischler mit verbindender Geste auf der Kirchenbank sitzend. Bach habe Klaus fast an Gott glauben lassen, zitiert Erika-Sandra den Bruder gegenüber ihrem Vater in einer früheren Szene des Films. Beim Abspann die Comedian Harmonists mit dem Song Irgendwo auf der Welt gibt´s ein kleines bisschen Glück und ich träum‘ davon in jedem Augenblick. Irgendwo auf der Welt gibt’s ein bisschen Seligkeit und ich träum‘ davon schon lange, lange Zeit.
Was bleibt noch zu sagen?
Vielleicht, dass es in Basel – veranstaltet von Literaturspur – immer einmal wieder einen literarischen Spaziergang gibt: Die Familie Mann in Basel (Katia und Thomas Mann logierten im Frühjahr 1933 einige Tage im Trois Rois, bis 1950 kamen sie immer wieder nach Basel für Vorträge, Besuche oder Arztkonsultationen; Erika Mann trat in den 1930er Jahren mit ihrem Politkabarett Die Pfeffermühle mehrfach in Basel auf).
Und vielleicht, dass Hanns Zischler nicht nur Schauspieler, sondern auch Autor ist und u.a. ein sehr schönes Buch über den Bleistift geschrieben hat. Außerdem hat er, wie ich lese, Thomas Manns Tagebücher 1918-1955 zum Hören eingesprochen (15 Stunden 52 Minuten zum Downloaden).

(Hanns Zischler: Der Bleistift. Mit Illustrationen von Hanna Zeckau. In der Reihe „Dinge des Lebens“ erschienen beim Residenz Verlag, Salzburg 2025)
