Vorbei am Sündenfall aus Buchsbaumholz (Schlange und Baum der Erkenntnis umgarnen sich gegenseitig, die Mähne des vorm Baum lagernden Löwen übertrumpft die der Eva, das Löwengesicht erinnert an ein menschliches, changierend zwischen Grimm und Lächeln) verlassen wir die „Kirche“ nach rechts, passieren den Silberaltar, der sich überwiegend aus Kunstwerken einer Augsburger Gold-und Silberschmiede des 18.Jahrhunderts zusammensetzt und zu bestimmten Zeiten des Kirchenjahres, nämlich von Ostern bis Fronleichnam im Freiburger Münster aufgebaut wird, und steigen dann nach links hinab in die Schatzkammer. Hier waren wir noch nie. Es ist kühl im unterirdischen Gewölbe, wir frösteln fast, wie vereinbart flüstern plötzlich alle Eintretenden, ein italienischer Zehnjähriger bittet begeistert und leise seine mamma um ein Foto eines Details, das er in einer Vitrine entdeckt hat. Wir sind auch begeistert. Und zwar von den Bildergeschichten der Wandbehänge aus verschiedenen oberrheinischen Provenienzen des frühen vierzehnten Jahrhunderts. Wolle erzählt hier auf Leinen von allerlei Begebenheiten und erschafft sprechende Welten. „Weiberlisten“ heißt eines der Bildprogramme, vier Doppelszenen beschäftigen sich auf dem „Maltererteppich“ (Malteserteppich) aus dem Dominikanerkloster St.Katharina in Freiburg mit bekannten Männern aus biblischem Kontext bis hin zur Ritterzeit, die „durch die Liebe zu einer Frau Schaden erleiden“, da war man offenbar fündig geworden bei Samson, bei Aristoteles, bei Vergil und bei Iwein. Aha, denken wir, und Männerlisten gibt es wohl nicht? Jedenfalls nicht als Sujet der Kunst oder des Kunsthandwerks, zur Weiberlist gesellt sich die Männertorheit, belesen wir uns einmal mehr, die Darstellungen dieser Motive wären in Zeichnungen und Bildern, auf Kabinettscheiben, Stickereien und Kachelöfen des Spätmittelalters und der Renaissance sehr beliebt gewesen, vor allem nördlich der Alpen, im Bodenseeraum und in der Eidgenossenschaft, der Schaulust hätten sie gedient und der Belehrung. Eieiei. Gibt es nicht das Sprichwort Ein Schelm, wer Böses dabei denkt oder Hon(n)i soit qui mal y pense? Nichtsdestotrotz sind die Darstellungen auf den Wandteppichen einfach wunderschön. Besonders gefallen hat uns aber ein anderes und einzigartiges Motiv: zwischen den Wappen der Familie von Munzingen und der Familie von Falkenstein in äußeren Feldern ist Alexander der Große zu Gast im Palast der indischen Königin Candace. Und dieser Palast gleicht einem Boot oder der Arche, finden wir, ein Elefant trägt das Palastboot samt seiner Insassen. Einen solchen Elefanten haben wir doch schon einmal gesehen? Einen Elefanten, der eher Pfotenfüße hat, einen Trompetenrüssel und Flügelohren? Zähne wie ein Wildschweineber? Ja genau, am Basler Münster sind uns ganz ähnliche Exemplare begegnet. Und dann bewundern wir noch ein am Oberrhein zu Anfang des 16.Jahrhunderts aus Wolle gewirktes (und teilweise geknüpftes) Antependium mit Maria und den Heiligen Barbara (rechts) und Katharina (links). Die drei Frauen sitzen vor einem blühenden Rosenhag, in dem Vögel sich sichtlich wohlfühlen, auch den drei heiligen Frauen geht es richtig gut, ihre Gesichter lächeln unter blondgelockt rieselnden Haaren, unter Kronen und Heiligenscheinen, sie unterhalten sich offenbar frohgemut und mühelos, Maria wendet ihren Kopf der Hl.Barbara zu, während das Jesuskind, das sie zwar mit beiden Händen fest vor ihren Rumpf hält, ansonsten aber gerade nicht beachtet, Ärmchen und Beinchen nach der Hl.Katharina ausstreckt, die bereit ist, es mit strahlenden Augen, lächelnden Mundwinkeln und offenen Armen zu empfangen. Kaum können wir uns vom Anblick trennen, das Stifterehepaar muss das nicht tun, klein kniet in der rechten unteren Ecke die Frau, in der linken der Mann, beide betrachten auf ewig oder solange es ihnen die Konservierungskünste erlauben, ihre Lieblingsheiligen. Wir nehmen heute nicht den Ausgang Richtung Graphische Sammlung, sondern kehren zurück zum anderen, steigen die Treppe hinauf und stärken uns, bevor wir unsere Tasche dem Schließfach entnehmen, im nun belebteren Kreuzgang mit einem Caffè espresso aus dem Museumscafé. Und beschließen, bald wiederzukommen.

