Aktion Mönchweiler

Heute kam ich auf die Idee, zu Dr.med.dent. Johann Georg Schnitzer zu recherchieren. Ja genau, der mit der Schnitzer-Kost, mit dem Schnitzer-Brot und den besonderen Getreidemühlen. Ich saß nämlich einmal auf seinem Zahnarzt-Stuhl. Und ich diente ihm als Forschungsexemplar. Ich war bei einer Fernsehaufzeichnung dabei, als Begleiterin meines Vaters. Ich erinnere mich, dass einer der Drehorte eine Waldlichtung war.

Ein deutscher Zahnarzt und Sachbuchautor, der sich selbst als Forscher bezeichnete, meint Wikipedia, am 1.Juni 1930 in Freiburg i.Brsg. als Sohn des Zahnarztes Otto Schnitzer und dessen Frau Frieda geboren, am 3.Dezember 2023 in Friedrichshafen gestorben. Schulen hat er in St.Georgen und Villingen im Schwarzwald besucht und in Freiburg Zahnmedizin studiert, 1962 die väterliche Zweitpraxis in Mönchweiler übernommen. Und auf dortigem Zahnarztstuhl erschreckten ihn kariesbedingte Zahnschäden bereits bei Kleinkindern offenbar derart, dass er ihnen den Kampf ankündigte. Also nicht den Kleinkindern, sondern den Zahnschäden – obwohl …..

Das „Schlemmerleben“ jener Zeit machte er als Schuldigen aus und verordnete eine drastische Reduktion von Süßwarenangebot, stattdessen eine Ernährung mit Vollkornprodukten. „Gesundheit für unsere Jugend“ nannte er die Aufklärungsstudie, die er von 1963 bis 1969 in Zusammenarbeit mit dem Bürgermeister der Gemeinde Mönchweiler durchführte, so steht es in Wikipedia. Jener Bürgermeister der Gemeinde Mönchweiler war mein Vater, und so kam ich also nicht nur in den (seltenen) Genuss des Zahnarztstuhls, sondern auch von meinem 5. bis 11. Lebensjahr in den eines Studienobjektes. Die „Aktion Mönchweiler“, wie der Feldversuch in der Presse genannt wurde, schlug durchaus hohe und schwierige Wellen, unter anderem auch, weil die offenbar vom Bürgermeister vorgeschlagene und vom Gemeinderat genehmigte Beilage von Informationsblättern zum Gemeindeblatt als unerlaubte Werbung für Dr.Schnitzers Zahnarztpraxis durch die Bezirkszahnärztekammer Südbaden geahndet wurde, die ein Berufsgerichtsverfahren einleitete, welches wiederum mediale Aufmerksamkeit auf sich zog und Schnitzers Bekanntheitsgrad steigerte. Auch den Wikipedia-Ausführungen kann man entnehmen, dass Dr.Schnitzer recht geschäftstüchtig war. Bis 1975 führte er die Zahnarztpraxis in Mönchweiler, ich erinnere noch gut sein Aussehen, und tatsächlich, das Foto, das sich bei den Wikipedia-Quellen finden lässt, bestätigt meine Erinnerung. Solange die Aktion dauerte, war ihr Erfolg beschieden, die Kariesschäden der Kinder gingen signifikant zurück. In der Zeitschrift Diaita berichtete Dr.Schnitzer 1969 in einer „Kariesdämmerung“ genannten Zwischenbilanz nach fünf Jahren und schrieb: „Die Mönchweiler Erfahrungen zeigen schon heute, dass es bei geeigneter Aufklärung durchaus möglich ist, einen tiefgreifenden Wandel der Ernährungsgewohnheiten der Bevölkerung zu erreichen. Wer das heute noch bestreitet, hat es selbst entweder überhaupt nicht oder auf untaugliche Weise versucht.“  Tja, tiefgreifend vielleicht, aber ach, die lieben Gewohnheiten…. Jedenfalls setzten alte Vor-Schnitzer-Aktion- Gewohnheiten wieder ein und der Kariesbefall kehrte zurück. In ganz Gallien? Nein! Ich jedenfalls bin sehr lange ziemlich verschont geblieben. Dabei lebten wir keinesfalls streng nach Schnitzer-Vorgaben, eine Getreidemühle stand weder im Elternhaus noch in späteren Küchen, es gab alles zu essen und das in allen Aggregatzuständen (schließlich ist der Mensch ein Omnivore und sein Kau- und Verdauungsapparat auf die breite Palette ein- und ausgerichtet – warum fällt mir jetzt Kafka und sein Fletchern ein?). Aber: wir holten Schnitzerbrot in den Mönchweiler Bäckereien (dass wir die Butter darauf manchmal mit Zucker krönten, müssen wir ja nicht verraten), wir bekamen kaum je gesüßte Getränke (außer Aranciata in den Italien-Urlauben), überhaupt selten Süßigkeiten (außer Eszet-Schnitten auf die Butter aufs Schnitzerbrot). Die frühe Prägung (auch durch strenge Handhabung im Kindergarten während der laufenden Aktion Mönchweiler) hat bei mir jedenfalls anhaltend dazu geführt, dass ich meist herzhafte Kost den Süßspeisen vorziehe (Käse statt Dessert anstelle von Käse vor dem Dessert, obwohl: ein klitzekleinwenig Dessert darfs doch sein), dass ich vor gesüßtem Tee Reißaus nehme, dass ich lieber Weissweinschorle sauer anstatt Apfelsaftschorle trinke (wenn es denn unbedingt Schorle sein muss…).

Da können Sie mal sehen, Dr.med.dent. Johann Georg Schnitzer, was Sie mit Ihrer Aktion Mönchweiler bewirkt haben, gemeinsam mit meinem Vater, den Sie – obwohl im selben Jahr geboren – um einige Jahre überlebt haben, wie Wikipedia mir heute mitgeteilt hat.