Im Gartenbad oder fast am Meer

Fünf Minuten, nachdem ich die Tasche mit dem Meeresmotiv im Radkorb verstaut habe, tauche ich ins Wasser. Seerosen lassen den Schlaf abperlen, öffnen ihre weißen Lider, die Strahlenkränze der Staubfäden sind tiefgelbe Iriden. Schilfgras beugt sich kaum vorhandenem Windhauch, am Rand zu stehen macht ihm nichts aus, die Mission des Säumens meistert es still und mit Anmut. Libellen jagen im Tiefflug über den Beckenteich, sie sausen, stoppen, stehen, wechseln die Richtung, entschwinden, verwundert über Köpfe, die das glatte Bild der Fläche unter ihnen stören. Blaugrün und blutrot schimmern ihre Körper, glänzende Edelsteine verschiedener Größen, denen doppelte Flügelpaare gewachsen sind. Satzfetzen fehlt der besondere Flugapparat, kaum haben sie sich erhoben, stürzen sie ab, bei uns gibt’s auch nichts, wir gehen essen heute Abend, nee, weißt du, ich bin allein zuhause, also 30 Grad ist ja normaler Sommer, aber jetzt, diese Hitze und so lang.

Als ich auf schmalen Tritten einer Edelstahlleiter aus dem Becken steige, muss ich erst einmal meine Körperschwere in Empfang nehmen, eine Stunde hat das Wasser sie getragen, jetzt ist es 10.36 Uhr und die Anzeigetafel bei den Garderoben meldet die Temperatur im Becken mit 25,9 Grad und jene der Luft mit 34 Grad Celsius. Auf der Liegewiese konkurrieren scharfkantige Schatten großer Sonnenschirmoktogone mit den unregelmäßig durchbrochenen alter Bäume.

Schau mal, Rita, hinter dir sitzt eine Dame auf einem Tuch, ich glaube nicht, dass die das möchte. Rita zuckt kurz zusammen, dreht sich um und entschuldigt sich artig, für was eigentlich, aus nassen Haarsträhnen hatten ein paar Tropfen fremdes Terrain berührt. Alles gut, sagt die Dame und spürt in dieser Bezeichnung jedes einzelne Jahr, das sie von Rita trennt. Dann packe ich die Lektüre in die Tasche, das Meeresmotiv ist unverändert, Raubvögel überlassen ihre Schwingen einem fahler werdenden Himmel, als ich die Garderoben passiere, meldet die Anzeige Wasser 26,1 Grad, Luft 37 Grad Celsius.

(zu Gartenbad siehe auch Blogeinträge vom 19.August und 15.September 2025, „Sommerfreuden“)