Arrivederci Roma

O wie ist mir diesmal der Abschied von Italien so schwer geworden! – schreibt Jacob Burckhardt am 11.September 1846 aus Basel. Der Abschied von Rom ist schmerzlich und ein Aufreißen der Seele – schreibt Werner Bergengrün in seinem Römischen Erinnerungsbuch, und fährt fort: Er stellt einem alles Ungenügen des irdischen Zustandes vor Augen. Wer scheidet, nach einem Aufenthalt von Tagen oder von Jahren, der scheidet mit dem Bewusstsein, kaum erst begonnen zu haben. Und niemand weiß, ob er der Wiederkehr gewiss sein kann.

Kaum erst begonnen, genau! Wir wollten doch unbedingt noch zu unseren römischen must-haves Santi Quattro Coronati und Santa Costanza!! Auch waren wir nicht auf dem Cimitero acattolico neben der Cestius-Pyramide, haben nicht das Grab von August v. Goethe aufgesucht, der dort lediglich als „Goethe Filius“ ruht, nicht das von John Keats (1795-1821), in dem alles liegt, was von einem jungen englischen Dichter sterblich war („This grave contains all that was mortal of a young english poet“) , nachdem er auf dem Sterbebett die Grabinschrift verfügt hatte: „Here lies One Whose Name was writ in Water“, und auch nicht das der deutschen Schriftstellerin Malwida von Meysenbug, auf dem außer dem Namen, dem Geburts- und Sterbeort samt Geburts- und Sterbejahr (Cassel 1816, Roma 1903) auf dem Sockel unter einer Amphore noch die Worte Amore und Pace in Großbuchstaben eingraviert sind.

Ihr Bücher/Gärten/Grüfft‘; ihr Bilder/Nadeln/Stein/Ihr, die diß und nochmehr schliß’t in die Sinnen eyn/ Ade! Man kann euch nicht satt mit zwey Augen schawen  – ja, Andreas Gryphius, ich stimme Ihm zu, der Er dies schrieb Als er auß Rom geschieden!  

Wir M Ü S S E N also wiederkommen, auch wenn wir keine Münze in die Fontana di Trevi geworfen, ja sogar nicht einmal aufs vom Aquädukt Acqua Vergine gespeiste Wasserspiel und die mächtige Barockfassade geschaut haben. Stattdessen sind wir beim Ponte Vittorio Emmanuele II hinabgestiegen zum Ufer des Tiber, direkt neben ihm wollten wir gehen, und bis auf eine Handvoll Radelnder waren wir alleine mit den Ufermauern, mit Schilf- und grünen Gräsern, mit rotem Klatschmohn und der erstaunlich frischen Farbe des Flusses. Erst als wir wieder hinaufgestiegen waren auf den Ponte Cestio, umgaben uns mehr Menschen, die Polizia Roma Capitale lief mit rechts im Schaft kniehoher schwarzer Stiefel steckenden Kelle auf die wie ein ankerndes Schiff im Fluss liegende Tiberinsel, die zu unseren römischen Unbedingtheiten gehört. Lang lehnten wir uns auf die Brüstung der Brücke, schauten in die Strömung, die hier über eine Stufe fallend mit weißer Gischt ihre Ruhe verliert, wiederholten das auf dem alten Ponte Fabricio, nachdem wir die im Zeichen des Aesculap stehende Insel überquert hatten, bevor wir vorbei am Marcellustheater auf den Kapitolshügel zusteuerten.

(dtv Reisetextbuch Rom. Ein literarischer Begleiter auf den Wegen durch die Stadt. Deutscher Taschenbuchverlag, München, 2.Aufl. 1986)

(Werner Bergengrün: Römisches Erinnerungsbuch. Mit 16 Piranesi-Stichen. Herderbücherei Band 509. Herder-V., Freiburg, 2.Aufl.1976)