Monsieur Cezanne verabschiedet sich

(zu Cezanne siehe auch Blogeinträge vom 13.Februar, 17.April und 2.Mai 2026)

Muss kurz in die Provence. Nochmal Monsieur Cezanne treffen. Dann bin ich schon da. Auf dem Hügel Les Lauves. Im Jahr 1906. Über die Sommerwiese bin ich gekommen und setze mich auf die Terrasse des Ateliers. Gegenüber von Monsieur Vallier nehme ich Platz. Einmal. Dann noch einmal. Und schließlich zum dritten Mal. Seinen Hut behält Monsieur Vallier jedesmal auf. Ein schöner Sonnenhut. Wahrscheinlich aus Stroh. Beim letzten Besuch gleist die Sonne so, dass der Hut fast weiß ist, und auch Monsier Valliers Kleidung erscheint weiß. Am schwarzen Hutband erkenne ich aber, dass es immer derselbe Hut ist, den er trägt. Auch der Stuhl, auf dem er mir gegenüber sitzt, ist immer derselbe. Monsieur Vallier liebt es, in immer derselben entspannten Haltung auf seinem Stuhl zu sitzen, das rechte Bein über das linke geschlagen, den rechten Fuß leicht nach vorne gestreckt, den linken auf dem Boden, Unterarme und locker verschränkte Hände auf dem rechten Oberschenkel abgelegt. Er ruht gerade von seiner Arbeit. Seine Arbeit ist eine Cura. Monsieur Vallier kümmert sich um den Garten und er kümmert sich um den erkrankten Monsieur Cezanne. Ich schaue mein Gegenüber an, aber dessen Augen sind vom Hut beschattet, auch die Gesichtszüge kann ich nicht genau erkennen, nur der weiße Bart leuchtet. Sonst ist es Monsieur Vallier gerade recht, dass seine Person so gut mit den Farben der Umgebung harmoniert, ja nahezu in sie übergeht. Blau, Ocker, Grün, Braun, Rosé. Provence eben.

Jetzt will ich aber noch Monsieur Cezanne sprechen. Ach, da höre ich ihn schon. Er unterhält sich mit Joachim Gasquet, dem Schriftsteller. Was reden sie da? Ein Kind sei er, sagt Monsieur Cezanne? Wieso beneidet er dann Joachim Gasquet für seine Jugend? Wissen will er und fühlen, damit er wissen kann, sagt Monsieur Cezanne? Und dann steht er nur und schaut und schaut und schaut. Zwanzig Minuten brauche er manchmal zwischen einem Pinselstrich und dem nächsten, sagt Monsieur Gasquet. Oder ist das eine Frage? Was riechen Sie? Das ist eine Frage. Die stellt Monsieur Cezanne an Gasquet, das höre ich genau. Aber mit der Antwort ist er nicht zufrieden. Nur die Kiefer im Vordergrund? Nein, auch die Wiesen sind zu riechen, der Berg im Hintergrund. Die Farben. Die Farben.

(Portrait de Vallier, um 1906, Aquarell und Grafit auf Papier, Privatsammlung)

(Le jardinier Vallier, 1906, Sammlung Emil Bührle, Dauerleihgabe im Kunsthaus Zürich)

(Le jardinier Vallier, 1906, Tate, Vermächtnis von C.Frank Stoop, 1933)

(Insgesamt hat Cezanne seinen Gärtner neunmal gemalt, zuletzt noch an einem Portrait von Vallier auf der Terrasse wenige Tage vor seinem Tod gearbeitet)

(18-minütiger Film Cezanne on art, 2025 von Albert Oehlen und Oliver Hirschbiegel für die Fondation Beyeler, gedreht an Originalschauplätzen an der südfranzösischen Montage Sainte-Victoire und im Steinbruch von Bibémus)

(Von Joachim Gasquet (1873-1921) erschien im Jahr 1921 ein Buch über Cezanne in zwei Bänden, der erste Teil trägt den Titel Ce que je sais ou ai vu de sa vie, der zweite Ce qu’il m’a dit, in dem er die Gespräche mit Cezanne 15 Jahre nach dessen Tod aufschrieb in einer Mixtur aus authentischen und ersonnenen Äußerungen.)

(Die Ausstellung Cezanne endet am 25.Mai, am 24.Mai wird die neue Ausstellung eröffnet: Pierre Huyghe, geb.1962 in Paris, bis 13.September 2026)