Wir gönnen uns jetzt ein richtiges Sommerlied, sagt Pippo Pollina und wechselt an den schwarzen Flügel, spielt die ersten Töne von Mare, mare, mare. Das Publikum jubelt. Datemi una giornata al mare … -offenbar trifft dieses Flehen in alle Herzen. Ein Tag, eine Nacht am Meer, ein Atemzug voll Salzluft, una boccata eccezionale, das genügt, das genügt.
Am 9. Mai um 22:20 Uhr ist es soweit. Dass ich es sehe. Und rieche. Das Meer. Da unten, am Fuße des Hügels, breitet es seine dunkle Fläche aus, bis zum Horizont. Nein, kein Horizont. Die Meeresfläche spannt sich auf, von allen Seiten umgibst du mich, von hinten und von vorn hast du mich umschlossen, du hast deine Hand auf mich gelegt. Vereinzelte Lichter kleiner Fischerboote schwimmen unten und vor mir und über mir, ruhig ziehen sie, ohne Aufhebens, seit Jahrtausenden sind sie das gewohnt. Ich höre keine Brandung, das Meer will den Hügel nicht stören, es hält seine Wucht zurück, behutsam lecken gezähmte Wellen an Ufern, noch nicht, murmeln sie, noch nicht. Ich kann nicht mit dir spielen, sagt der Fuchs zum kleinen Prinzen, ich bin noch nicht gezähmt. Und: wenn du mich zähmst, wird mein Leben wie durchsonnt sein. Ich höre den Klang meiner Schritte auf dem Kies. Vorsichtig sind sie und langsam. Ich kenne den Weg zwischen den Reben. Ich kenne den Weg nicht in der Nacht. Ein Tasten, ein Innehalten, ein Weitergehen. Unten das Meer. Und so hoch der Himmel ist, ist deine Gnade über mir, wenn mein Herz voll Schatten ist, strahlt dein Lächeln über mir, über mir ist das Meer mit seinen stillen Lichtern, die Nacht ist lau, fast zwanzig Grad, eine Sommernacht, und da ist ein Klang, ein helles Zirpen. Nicht enden wollend. Endlos. Ad infinitum. Ich lenke meine Schritte durch den Rhythmus der Feldgrillen.
Beim Lied der Grillen
ergreift das Meer den Hügel.
Ein Sommernachtstraum.

(Psalm 139,5. )
(Antoine de Saint-Exupéry: Der Kleine Prinz. Eine meiner Ausgaben erworben 1979: Karl Rauch Verlag Düsseldorf, Neuauflage 1979. )
(Lied von Johannes Hartl 2017: So hoch der Himmel ist)
