Weiß-Blau und andere Farben

(Text vom 7./12.März 2024, überarbeitet)

In Murnau hatte sie ein Dirndl gekauft. Kein edles, schweres –  ein leichtes, baumwollenes in frischen Farben. Das Hellblau des Kleides erinnerte sie an den Sommerhimmel, wie eine einzige Schönwetterwolke quoll weiß die Bluse daraus hervor und das Band der Schürze stürzte über die Rockfalten wie ein Gebirgsbach über Felsen. Sie hatte noch nie ein Dirndl besessen und wann sie es tragen sollte, wusste sie nicht. Aber sie fühlte sich darin gut aufgehoben, fest gehalten und doch luftig frei. Vor dem Dirndlkauf hatte sie ein Grab gesucht, auf dem Friedhof bei der Kirche des Heiligen Nikolaus, von dem aus man die blauen Berge sehen konnte. Das Grab von Gabriele Münter.  Als sie vor dem Grabstein stand, war ihr, als würden die Buchstaben des Namens sich versammeln zu einer Gestalt und wieder einziehen in das alte Wohnhaus, das über der Friedhofsmauer in der Blickachse lag und das sie kannte von farbstarken Gemälden. Unweit des Gottesackers, der sich um die Kirche schmiegte, stieg ein Schlossgebäude in die Höhe. Weiße Zacken berührten den hellblauen Sommerhimmel, der wenige Cumuluswolken bereit hielt. Sie folgte dem Weg hinauf zum Schloss, ließ sich in die Säle ziehen und nun war ihr, als wären Gabriele Münter und ihre Gefährten gerade herein gekommen, um mit ihr zu sprechen und ihr teilzugeben an ihrem Murnau. Sie saß mit ihnen am weißgedeckten Tisch, sie ging mit ihnen auf der Dorfstraße durch die Sommerhitze, sie blickte mit ihnen über das satte Grün der Wiesen dorthin, wo die blauen Berge den Horizont markierten und ein Abendhimmel die Landschaft aufnahm. Als sie die Säle wieder verließ und hinaustrat, begleiteten sie die Farben. Ein Strauß Sonnenblumen hielt seine Frische in der Mittagshitze, eine Hauswand sättigte sich am Licht, das krause Wasserblau des Staffelsees barg sich in den Grünschattierungen der Ufer.

Sie steht im Dunkel des Zimmers, öffnet die Schranktür und streicht über den Baumwollstoff. Einmal, noch sommerbraun, hat sie das Dirndl angezogen und sich im Spiegel betrachtet. Sie hat ein Foto gemacht.

„Ich denke viel an Murnau – an Euch, an den Schnee, an das Land.“ (Ödön von Horváth, 1927)

Gabriele Münter – Wikipedia https://share.google/iiU6KgKJr9vOaCkhp

(Gabriele Münter: Murnau,1908, Schlossmuseum Murnau)