Märchenhaft

Wohl Ravels Märchenwelt von Ma Mère l’Oye inspirierte den Titel, unter dem das Konzert des Sinfonieorchesters Basel am 4. (und 5.) März firmierte, das Programmheft verriet, dass Ravel (1875-1934) fünf der Geschichten von Mutter Gans der Märchensammlung von Charles Perrault entnommen und ursprünglich die sieben  Stücke als einfache Klavierstücke den Kindern eines befreundeten Paares geschenkt hatte.

Bei der Konzerteinführung erzählt der bemühte und zwischen deutsch und englisch jonglierende Benjamin Herzog, dass Perrault etwa 100 Jahre vor den Brüdern Grimm Märchen gesammelt habe, deren Fassungen den Grimm-Brüdern dann auch als Vorlage dienten. Herzog jongliert mit den Sprachen, da der Dirigent des Abends, der Finne Pekka Kuusisto (geb.1976; auch Violinist), und die Geigensolistin des Abends, Patricia Kopatchinskaja (geb.1977), die Konzerteinführung mit bestreiten und dabei vor allem die Zuhörerschaft mit der Begeisterung für die Musik des Abends und die hinter der Musik stehenden Geschichten anstecken wollen. Pekka Kuusisto meint beispielsweise, dass  Stück VII Apothéose. Le jardin féerique von Ma Mère l’Oye  für ihn fast eine religiös zu nennende Erscheinungsqualität habe. Patricia Kopatchinskaja möchte lieber während des Konzerts vor dem gesamten Publikum weiter etwas erzählen zum Konzert für Violine und Orchester Nr.1 von Béla Bartók, und das tut sie und wie sie das tut, nachdem sie es bis in alle melodischen, rhythmischen und dynamischen Feinheiten virtuos, präzise, ungeheuer ausdrucksstark und wie immer barfuß gespielt hat, im offenen, leuchtend roten leichten Mantel über sonst schwarzer Kleidung. Einstweilen verrät das Programmheft, dass das von Bartók 1908 für die Geigerin Stefi Geyer komponierte Violinkonzert erst 50 Jahre später, also 1958 (13 Jahre nach Bartóks Tod) zur Uraufführung kam, und zwar just in Basel, unter Leitung von Paul Sacher mit dem Solisten Hansheinz Schneeberger.  Patricia Kopatchinskaja beteuert, Geschichten zu lieben, es ginge immer darum, wie man heute die alten Stücke zum Leben bringt, es sei wie die Restaurierung alter Gemälde, man müsse sie erfrischen. Und zu ebensolcher Erfrischung ist sie nun wirklich fähig! Dass Geyer Bartóks Stück so lange in einem Safe versteckt und begraben hat, findet sie reichlich brutal. Dann aber wird sie selbst brutal, denn sie muss uns „vierteilen“! Wir sollen nämlich ins Motiv der Coda einstimmen, den Kanon, den Bartók wohl einmal in jungen Jahren mit der Geigerin und anderen gesungen hatte. Kurzerhand teilt sie die Zuhörerschaft in vier Gruppen ein, Gruppe 1 zu Patricia, Gruppe 2 zu Peeka, Gruppe 3 zu Antoine (aus dem Orchester), Gruppe 4 zu Friederike (aus dem Orchester), tja ich lande tatsächlich in Gruppe 4 und der ganze Stadtcasino-Saal singt heiter und kräftig mit- und ineinander: „Der Esel ist ein dummes Tier, was kann der Elefant dafür, i-a, i-a, i-a, i-a.“  Was Kopatchinskaja, die sich nach der Pause mitten ins Publikum setzt, nicht erzählt :  der Reim des Kanons stammt eigentlich (leicht anders) aus dem Naturgeschichtlichen Alphabet von Wilhelm Busch (Naturgeschichtliches Alphabet für größere Kinder und solche, die es werden wollen).

(das weitere spannende Programm des Abends: The Rapids of Life von 2023 der 1985 geb. finnischen Komponistin Outi Tarkiainen und Entr’acte von 2014 der 1982 geb. amerikanischen Geigerin, Sängerin und Komponistin Caroline Shaw)