Zeitreise in Sachen Mode

Womit fange ich jetzt an? Mit dem 2019 verstorbenen Karl Lagerfeld, der- wie immer mit weißem Zopf, dunkler Sonnenbrille und Vatermörder- inmitten seiner Models im Pariser Grand Palais läuft? Mit dem 1958 geborenen Dries van Noten, der 2005 zur Prêt-A-Porter-Schau in eine riesige Fabrikhalle eines Pariser Vorortes lud, wo er für 500 Gäste einen 150 Meter langen Tisch eindecken ließ, der sich nach dem von 250 Kellnern servierten Essen in den Laufsteg der Modenschau verwandelte? Mit der ersten Modenschau auf der chinesischen Mauer 2007 (Fendi unter Karl Lagerfeld)? Mit dem gläsernen Laufsteg, auf dem die Models übers Wasser der Fontana di Trevi schwebten (Fendi)? Mit den kunstvollen und aufwändig gestalteten Einladungen, die außer den notwendigen Informationen bereits das Thema der Schau andeuten? Mit dem Verweben der Ausdrucksformen von Architektur und  Mode, zum Beispiel bei Prada in Mailand („Architektur strukturiert Orte, Mode umhüllt den Körper und macht ihn zur Bühne“)? Mit den innovativen Ideen zu Pandemie-Zeiten, um doch präsentieren zu können (bei Prada sollte eine „Abfolge von vier Räumen“ aufgrund der Materialauswahl dafür sorgen, dass online „eine sinnliche Dimension“ erlebt werden konnte)? Mit den gesellschaftlichen Entwicklungen, die sich in Themen und Inszenierungen der Schauen widerspiegeln? Mit dem 4-minütigen Film der Prêt-A-Porter-Schau Frühjahr/Sommer 2019, die Dior wegen der dem Tanz gewidmeten Kollektion gemeinsam mit der Choreografin Sharon Eyal inszenierte und bei der weiße Blütenblattflocken im nur punktuell ausgeleuchteten Raum auf die Präsentierenden rieselten („Mode hat denselben Effekt auf den Körper wie das Tanzen – es ist wie Musik, eine universelle Sprache“ – verlautbarte die Designerin)? Mit dem Koffer voller Miniaturkleider, der während der Corona-Pandemie für die Haute-Couture-Kollektion des Hauses Dior im Herbst/Winter 2020/21 eine filmische Fantasiereise antrat, wobei der Designerin Maria Grazia Chiuri das Théâtre de la Mode als Vorbild diente, das in der Krisenzeit 1945 in Paris die Modenschauen durch Präsentation verkleinerter Kleider auf Miniaturpuppen ersetzte und dem man sich im ersten Raum der Ausstellung u.a. gewidmet hat? Fange ich mit den Ansichten aus den Pariser Salons an, die sämtlich großflächige Fenster hatten, damit zu Beginn des 20.Jahrhunderts vor der flächendeckenden Elektrifizierung die Präsentationen auch gut ausgeleuchtet waren? Mit den Damen, die in langen Roben und mit aufgespannten japanischen Schirmen durch den verschneiten Garten von Paul Poiret (1879-1944) flanierten? Mit den Ursprüngen also der Modenschauen, als Pariser Couturiers ihre Kreationen von Mannequins vorführen ließen („Das französische Wort Mannequin leitet sich vom flämischen mannekijn ab, was ‚kleiner Mann‘ bedeutet“) ? Ich glaube, ich fange gar nicht an, sondern höre hier auf und erwähne nur noch, dass man die Ausstellung Catwalk – The Art of the Fashion Show im Vitra Design Museum, Weil am Rhein, noch bis zum 15.Februar anschauen kann, was sich zudem auch deswegen lohnt, weil man dort kreativ gekleideten Besuchern begegnet, Herren in Knickerbocker-Hosen zum Beipiel und mit Schiebermützen.

(Die kenntlich gemachten Zitate stammen aus den Saaltexten)