
… sie hatte den Weg zu der anderen deutschen Insel, zur Kirche in der Via Sicilia aber auch oft zu Fuß zurückgelegt, war vom Diakonissenheim nach links Richtung Tiberbrücke abgebogen, hatte die kleine Parkanlage vor der Brücke passiert, und war geradeaus zur Brücke und auf den durchs Geäst der ufersäumenden Platanen sichtbaren Obelisken der Piazza del Popolo zugelaufen,
hatte aber jedes Mal auf der Brücke mit Namen Ponte Margherita innegehalten und flussabwärts bis zur nächsten Biegung und zur nächsten Brücke, hinter der dann bald die Engelsbrücke auftauchen würde, geschaut, sie hatte diesen Blick geliebt, den grüngrauen, grüngelben Fluss mit einer Reihe von Hausbooten der Freizeit- und Ruderclubs, unbelebt und geschlossen in diesen Wintertagen, zwischen den hellen, hohen Ufermauern,
bevor sie, als sei das selbstverständlich, weiterging, auf die Piazza del Popolo zu, wo sie von der Ziegelsteinmauer und von der Rückseite des hoch über die Mauer ragenden Denkmals für irgendwelche Meeresgötter empfangen wurde, einer mächtigen Mannsfigur flankiert von zwei Halbmenschhalbfischgestalten und sich dann entscheiden musste, ob sie am linken oder rechten Paar der Fische im Kopfstand vorbeilaufen würde,
dicke, zufrieden grinsende, flossengeschmückte Köpfe, Leiber und Schwanzflossen nach oben gereckt umeinander geschlungen und geflochten, die Schwanzflossen ohne Berührung miteinander spielend in der Höhe, und Jahrzehnte später würde sie den nämlichen Weg wieder wählen und Friedrich Christian Delius‘ Text Bildnis der Mutter als junge Frau illustrieren, ohne ihn zu kennen,

den Weg aber kannte sie noch gut und ging wieder an den auf die Platzmauer gelagerten Sphingen vorbei auf die Pinciotreppen zu, wie sie es als junge Frau gemacht hatte, als sie nicht nur beim Gang zur evangelisch-lutherischen Kirche auf den Pincio, wo der Himmel nah war, gestiegen war, sondern oft auch zum Flanieren im weitläufigen Park der Villa Borghese,
über den sie am 15.November geschrieben hatte, dass der schöne alte Park den Pincio, einen Hügel Roms, einschlösse, so dass man über den Häusern stünde, und sie hatte die angelegten Gärten, die Brunnen und die Wege mit Statuen und Denkmälern bestaunt und vor allem auch den Wechsel all dessen mit den naturbelassenen Wiesen und den mächtigen, alten Pinien geliebt,

und auf einem Teich, in dessen seichtem, von leichten Wellen bewegtem Wasser Enten schwammen, hatte sie, eingebettet zwischen Laub von Herbstbäumen, die Säulen eines kleinen Aeskulaptempels aufragen sehen, und später den Jungs zugeschaut, die in einem alten Stadion Fußball spielten und das Bild schön gefunden, das edle Pferde vor einem Stück alter Stadtmauer auf dem Reitplatz boten,
sich aber an den Karussells einiger weniger Schausteller gestört, obwohl sie den Kindern die Freude gegönnt hatte, und da sie sich bereits in Rom beheimatet fühlte, hatte sie sich über Rilke gewundert, der am Rand der Parkanlage in der Villa Strohl-Fern während eines längeren Romaufenthaltes hatte leben dürfen und unglücklich gewesen war,
hatte er doch die Stadt so ganz anders als sie empfunden, sie schien ihm laut, grell, aufdringlich und unnatürlich, sie aber hatte den zauberhaften Augenblick vor dem Abstieg vom Hügel genossen, als sie auf die alte Mauerbrüstung gelehnt zwischen schon abendlich dunklen Bäumen hindurch die Sonne als roten Feuerball hatte untergehen sehen,
einen Feuerball, der aber nicht mehr die Kraft gehabt hatte, Stadt und Himmel zu entzünden, so dass alle Farben ergeben waren in ein eigenartiges Grau, in dessen dunkler werdenden Ferne sich die Kuppel des Petersdomes nur noch als Silhouette konturierte, und bevor sie am Abend wieder in der Via Sicilia im Kirchenchor gesungen hatte,
war sie auf dem Rückweg vom Pincio, ihrem Heimweg, wie sie geschrieben hatte, sofort geborgen gewesen im warmen Widerschein der Kerzen, im Gold des Altarbildes und der friedvollen Stille im Raumdunkel der Kirche Santa Maria del Popolo, ohne zuvor gewusst zu haben, dass Martin Luther vor dem Altar die Messe gelesen und gepredigt hatte, als er als junger Mönch in Rom war,…
(Fortsetzung folgt)
(kleiner Flyer der ev.-luth. Christus-Kirchengemeinde Rom aus 1977; übrige Fotos August 2024)
(die kursiv gesetzten Wendungen im Text finden sich auch – an unterschiedlichen Stellen und ggf. in grammatikalisch gering anderer Form – in Friedrich Christian Delius „Bildnis der Mutter als junge Frau“, Rowohlt TB-Verlag, 3.Aufl.2010)
