… und ja, die Eltern würden sie besuchen kommen am Ende der römischen Zeit und sie würde gemeinsam mit ihnen die Freuden genießen, von denen sie geschwärmt hatte, und nicht nur in einem langen, langen Brief von den Wegen erzählen, sondern die Wege gehen, wo sich nach der zweiten, von jungen Steineichen gesäumten Querstraße der Platz mit dem Namen Cola di Rienzo öffnete,
Cola di Rienzo, ein Volkstribun, der im 14. Jahrhundert gelebt hatte und dessen dunkle Bronzestatue mit entschieden emporgerecktem Arm und kapuzenvermummtem, entschlossenen Gesicht 1887 keinen Platz im neuen Prati – Viertel unweit des Vatikans gefunden hatte, sondern zwischen der Cordonata, der zum Kapitol hinansteigenden Treppe, und der steileren hinauf zu Santa Maria in Aracoeli, aufgestellt wurde,
sie hatte ihn dort oft gesehen, noch bevor sie wusste, wer er war, aber der Gang durch die ihm gewidmete Straße war ihr bereits zur Gewohnheit geworden, geradewegs führte die Straße zur Piazza Risorgimento und von dort zur Piazza San Pietro oder zu den Vatikanischen Museen, denn das Diakonissenheim lag nur eine Viertelstunde Fußweg entfernt von Peterskirche und Vatikan,
und an ihrem vierten Tag in Rom, einem strahlenden dritten November war sie zum Petersplatz gelaufen und hatte sich am Fuße einer der hohen dorischen Säulen niedergesetzt, die die 240 Meter Breite der Piazza umarmen, um in Ruhe zu schauen und zu erfassen und die freudejauchzenden Kinder zu betrachten, die auf den Pflastersteinen umhersprangen und mit den Tauben spielten,
und sie hatte sich über den Pater gefreut, der liebevoll ob der Unbefangenheit der Kleinen gelächelt hatte und gedacht, dass trotz allem Gigantischen einem nichts bedrücken, sondern vielmehr die hoheitsvolle Schönheit einem Aufnahme und Geborgenheit bieten würde, was ihr ein Sinnbild schien für die Größe und Schönheit Gottes,
und gleich nach Dienstschluss war sie am selben Tag mit Schwester E., dem Haushund Luchs und der trägen S. noch einmal zum Petersplatz gelaufen und in Nähe der Vatikanpost auf dem schönen Stein gesessen, links mächtig die Fassade des Petersdomes, gegenüber die andere Säulenhalle, gekrönt von den Statuen der Heiligen,
darüber der Häuserhügel des Vatikan, der sich in den Nachthimmel erhob und dessen warmscheinende Fenster wie Augen auf sie blickten, auf dem Platz der Springbrunnen, der im Dunkel wässriges Licht versprühte, so dass sie ihn Lichtbrunnen taufte, und sie hatte sich nicht lösen können vom Schauen,
so dass sie im Haus noch auf die Dachterrasse gestiegen war und den Tag mit dem Anblick des nächtlichen Rom beschlossen und geschrieben hatte „sono felice!“, aber erst drei Tage später die Piazza San Pietro wieder überquert hatte, um das erste Mal den verheißungsvollen Aufstieg über die breiten Stufen hinauf zu nehmen und den Petersdom zu betreten,
nicht ohne zuvor an der Fassade hinauf zu den überlebensgroßen Figuren von Johannes, dem Täufer, von Christus und elf Aposteln zu blicken, die ihr ein seltsames Bild boten, wie sie da so in den novemberblauen Himmel ragten, dann endlich die Vorhalle durchschritten und eines der fünf Portale ins Innere der Basilica genommen hatte,
wo sie sich sofort von warmgoldenem Licht umfangen gefühlt und ob des Eindrucks erst einmal ganz hinten auf eine weiße Marmormauer gesetzt hatte, um das Erfassen und Begreifen zu beginnen, bevor sie langsam den Weg nach vorne zum Kuppelraum beschritten und sich an den Vorhängen gestört hatte, die in den Arkaden das Mittelschiff von den Seitenschiffkapellen trennten,….
(Fortsetzung folgt)
(zu den im Text kursiv gesetzten Wendungen siehe Blogeintrag vom 27.Januar)

