Haustochter war sie geworden mitten in Rom, wie es ihr Wunsch gewesen war, nachdem die Tante vom Diakonissenheim gesprochen hatte, und wie die muntere J. aus der französischen Schweiz und die träge S. aus dem Schwäbischen arbeitete sie in der Küche und bei der Essensausgabe,
in der Küche und in der Wäscherei im Souterrain, wo sie von den Frauen, die frühmorgens diese deutsche Insel betraten, gleich ein paar Brocken aus der eiligen Melodie der geliebten italienischen Sprache heraushören und verstehen wollte,
heraushören und verstehen, was nicht leicht war bei der einfachen Anna aus Napoli, die wie die Südtirolerin Maria eine Zuflucht bei den deutschen Diakonissen gefunden hatte, Napoli, der Zielort des D-Zuges 385, der aus Stuttgart gekommen war und in dessen Wagen mit der Nummer 255 sie um 17:47 Uhr in Rottweil ihre Reise begonnen hatte,
die Reise nach Rom, bei der unterwegs am Abend des 30.Oktober 1977, einem Sonntagabend, in Singen die Tante mit Familie am Bahnsteig gestanden hatte, um ihr Adieu zu sagen, bevor sie das Zugfenster wieder geschlossen und dann sogar ein paar Worte hatte wechseln können mit den anderen jungen Menschen im Abteil, die zurückkehren wollten nach Sizilien,
und am nächsten Morgen hatte der junge Sizilianer ihr in Roma Termini den Koffer aus dem Abteilfenster gereicht, den schweren Koffer, in den sie außer Kleidung auch ihre Flöten, eine Insel-Ausgabe von Rilkes Werken und den alten Reiseführer von J.M. Wiesel „Rom, die ewige Stadt“ gepackt hatte,
den Reiseführer aus dem Kohlhammer-Verlag, der sogar etwas älter war als sie selbst, den die Mutter ihrem „geliebten Kind“ zur Abreise gewidmet hatte unter Bekräftigung der Mitfreude und verbunden mit dem Wunsch des „Gott mit Dir“, angefügt des Kindes Namen schon nach italienischem Gebrauch „Gott mit Dir, Federica“,
und endlich war sie angekommen vor dem großen schmiedeisernen Tor in der Via Alessandro Farnese 18 und hatte die Messingklingel gedrückt, die sie später oft gewienert hatte, bis sie wieder glänzte, und Frau W., die deutsche Hausdame, die in Nähe des Pantheons wohnte, hatte sie empfangen und zum Zimmer im zweiten Stock gebracht, das sofort das ihre war und in dem sie noch ein wenig ruhte, bevor der Gong durchs Haus schallte und um 13:15 Uhr das Mittagessen gereicht wurde an altertümlichen Tischen im Speisesaal,
(Fortsetzung folgt)

