(Römische Freuden 1-13 siehe Blogeinträge vom 20.,21,.27.,30.Jan.,3.,6.,11.,16.,19.,24.,27.Febr.,3.,11.März)

…, und bei all dem hatte sie immer gedacht, wie gütig mich unser Gott geführt hat, dass ich hierher und nicht dorthin gekommen bin, dass sie Haustochter geworden war und in der Küche und bei der Essensausgabe gearbeitet hatte, dass ihr auf der Terrasse des Diakonissenhauses oder bei den Gängen durch die Stadt über den Dächern die imponierende Kuppel der Peterskirche in den Blick gerückt war,
und dass sie nun als Krönung die römischen Freuden hatte teilen können mit den Eltern, die Plätze, die Straßen, die Brunnen, die Museen und Menschen, wie eine große Familie hatten sich alle vereint, die Südtirolerin Maria und die Mutter, der Theologiedoktorand und der Vater, die Schwester des Doktoranden und sie, dazu ein Klassenkamerad, der auch noch gekommen war,
gemeinsam waren sie, umarmt von den Kolonnaden, über die Weite des Petersplatzes geschritten, auch die strenge Schwester R. hatte sie begleitet, und die Luft war schon so frühlingshaft warm gewesen, dass die große Diakonisse ihren Mantel locker über dem Arm und die Haustochter den langen hellen Kapuzentrenchcoat offen getragen hatte,
und beim Brunnen auf dem Petersplatz war ihr wieder C.F. Meyers Gedicht vom Römischen Brunnen eingefallen, das aber einem anderen Brunnen galt, einem in der Villa Borghese, „Aufsteigt der Strahl und fallend gießt/ Er voll der Marmorschale Rund…“, Meyer hatte über Jahrzehnte immer wieder „verdichtend“ daran gearbeitet, und einen Schluss vollendet, den sie liebte „Und jede nimmt und gibt zugleich/ Und strömt und ruht“,
aber sie hatten nicht nur die Gräber der Apostelfürsten besucht, sondern die Eltern waren auch mit ihr über die Piazza del Popolo hinauf zum Pincio gestiegen, den Weg gegangen zu der anderen deutschen Insel, zur Kirche in der Via Sicilia und sie hatten den Brunnen mit der auffällig großen Schale gesehen, der gegenüber der Villa Medici unter den Bäumen stand und zu kurzem Innehalten einlud,
wie sie überhaupt alles erfasst hatten, was ihr vertraut und wichtig geworden war, die Exemplare der „Gartenlaube“, die sie in einem Stauraum im Haupttreppenhaus gefunden und verschlungen hatte, die Begegnungen mit den Übriggebliebenen auf dem Stockwerk des Altenheims, mit dem 80-jährigen Fräulein, das einst Gouvernante von Diplomatenkindern gewesen war,
mit dem schittrigen Herrn K., für den sie immer am Kiosk Jerry Cotton-Hefte hatte kaufen müssen und der in Gesprächen die Trauer um seine Frau genauso umkreiste wie schwierige geheimdienstliche Missionen, in denen er unterwegs gewesen zu sein glaubte, so dass sich in seinen Geschichten die Grenze zwischen Realität und Fantasie verflüssigte,
schließlich aber war die Zeit im Diakonissenheim an ihr Ende gekommen, sie hatte Flöten, Noten, Reiseführer und Rilke-Ausgabe wieder in den Koffer gepackt, obwohl ein Abschied von den römischen Freuden kaum vorstellbar war, denn „der Abschied von Rom ist schmerzlich und ein Aufreißen der Seele. Er stellt einem alles Ungenügen des irdischen Zustandes vor Augen“,
das hatte schon Werner Bergengrün gewusst, dessen „Römisches Erinnerungsbuch“ ihr die Mutter zum Trost gereicht hatte auf der gemeinsamen Zugrückreise, auf der sie sich des Weinens nicht schämte, denn das Weinen gehörte zur Gewalt der Trauer, die sie erfasst hatte, und durch die Tränen hindurch hatte sie zu lesen begonnen,
und sich wiedergefunden in Sätzen wie „Dies Zurückbleibende ist mehr als eine Summe vom Gedächtnis aufbewahrter Dinge: es ist ein neuer, freilich in der Anlage vorbegründeter Bestandteil unser selbst“ , und auch mit Eindruck und Wunsch am Schluss des Buches hatte sie sich einverstanden erklärt: „Deutlicher als an jedem anderen Ort spürst du in Rom, dass etwas vom Pilger in uns allen steckt. Möchtest du auch spüren, dass jedem Pilger die Heimkehr verheißen ist“,

und sie hatte sich nie trennen können von allem, was sie während der römischen Freuden in Händen und Herz gehalten, aufgeschrieben und in Fotonotizen festgehalten hatte, sondern die Dinge aufbewahrt, und wenn sie nun, Jahrzehnte später, im Frühlingsmonat März das Römische Erinnerungsbuch aufschlägt, fällt ihr die Postkarte entgegen,
die den Altare della Cattedra di San Pietro con la ‘Gloria’ del Bernini aus dem Petersdom zeigt, und auf der die Mutter am 5.März 1978 mit blauer Tinte an ihr „geliebtes Kind“ geschrieben hatte: „Roma-Mönchweiler im Zug. Rom liegt hinter Dir. Rom, die Stadt, die alles in sich birgt und irgendwie miteinander verbindet: Vergangenes und Zukünftiges. Gott mit Dir und Mut.“
(Fine)
(die kursiv gesetzten Wendungen finden sich auch – an unterschiedlichen Stellen und ggf. in grammatikalisch gering anderer Form – in Friedrich Christian Delius „Bildnis der Mutter als junge Frau“, Rowohlt TB-Verlag, 3.Aufl.2010)
(die Lektüre-Zitate stammen aus Werner Bergengrün: Römisches Erinnerungsbuch. Mit 16 Piranesi-Stichen. Herderbücherei Band 509. Herder-V. Freiburg-Basel-Wien 2.Aufl.1976)
(Engelbert Kirschbaum SJ: Die Gräber der Apostelfürsten. St.Peter und St.Paul in Rom. Societäts-V. Frankfurt/Main. 3.Aufl.1974, schenkte die Mutter dem Vater am 8.März 1978 „zur Vertiefung des gemeinsam Erlebten“)

