Römische Freuden 13

(Römische Freuden 12 siehe Blogeintrag vom 3.März)

…, später einmal würde sie wieder die hässlichen Quartiere passieren mit einem Linienbus Richtung Osten, mitten im Nirgendwo der Campagna aussteigen und auf einem abgelegenen Hof die Südtirolerin Maria besuchen, deren Zeilen sie willkommen geheißen hatten im Diakonissenheim, Maria, die inzwischen erblindet und bettlägerig auf Hilfe der mürrischen Hofeignerin angewiesen war,

als sie aber mit der munteren J. von Tivoli heimgekehrt war in die Via Alessandro Farnese 18, hatte Maria noch im Halbzimmerchen bei der Vorhalle gewacht, und in ihrem Zimmer im zweiten Stock hatte die 19-Jährige den Ausflug ihrem Tagebuch anvertraut, am nächsten Tag in der Mittagspause einen langen Brief geschrieben, und am übernächsten Tag ebenso,

denn es gab jeden Tag so Vieles zu schreiben, so Vieles, was sie mitzuteilen hatte, all denen, die fern der römischen Freuden waren, und sie hatte von ihren Wegen durch Rom erzählt, von all den Museen und Kirchen, von Santa Sabina auf dem Aventin, von San Gregorio al Celio, von San Luigi dei Francesi, Santa Maria dell‘ Anima, Santa Maria Maggiore, Santa Maria in Trastevere, San Vitale, Santa Prassede,

und all den anderen, großen und kleinen, die im Wiesel-Reiseführer gewürdigt waren oder über die sie irgendwo sonst gelesen hatte, und endlich hatte sie nicht alle, aber doch die wichtigsten und schönsten auch den Eltern zeigen können, die sie am Ende der vier Wintermonate besuchen gekommen waren,  

gemeinsam waren sie bergan zu den Santi Quattro Coronati gestiegen, und nicht nur in die intime Stille des lichten Kreuzgangs eingetaucht, sondern auch eingelassen worden in die Kapelle des heiligen Silvester, dessen Geschichte samt der Konstantinischen Schenkung auf deren mittelalterlichen Fresken erzählt wird,

sie waren in die Via Nomentana gefahren zu Santa Costanza, die ursprünglich im vierten Jahrhundert für die Töchter Konstantins des Großen als Mausoleum errichtet worden war und deren wundervolle weißgrundige Mosaike aus eben diesem Jahrhundert im Tonnengewölbe des Umgangs Zeugnis geben vom spätrömischen Erbe, aus dem die frühchristliche Kunst hervorging, Weinreben ranken, Trauben werden verarbeitet, Vögel flattern, Figuren schweben in geometrischen Mustern,

auch die Wasser von Tivoli hatten sie zusammen besucht, und die Villa Adriana, die sechs Kilometer vor Tivoli liegende Sommerresidenz des Kaisers Hadrian, waren vom Bahnhof an der Cestiuspyramide aus Richtung Meer gefahren, um Ostia antica zu durchstreifen, und von der Via Alessandro Farnese zu Fuß zum Konzert von Alfred Brendel gelaufen, wo sie gemeinsam mit dem Theologiedoktoranden aus Zimmer 33 hinter dem Pianisten auf der Bühne saßen,

aber das Fünfeck des Palazzo Farnese di Caprarola hatte sie den Eltern nicht mehr zeigen können, die Hausdame Frau W., die die Haustochter auch einmal in ihre Wohnung in Nähe des Pantheons eingeladen hatte, war eines Tages mit ihr zu diesem Renaissance-Juwel sechzig Kilometer nordwestlich von Rom gefahren,

und von der Piazza des Ortes waren die Beiden die Stufen hinauf zum Palast gestiegen, den die beiden Alessandro Farnese, der Papst Paul III. und sein Enkel, der Kardinal, im 16.Jahrhundert hatten erbauen lassen, und das Innere des Palazzo mit der Sala del Mappamondo und mit der Fülle der manieristischen Fresken war nur für die zwei Besucherinnen allein dagewesen,…

(Schluss folgt)

(die kursiv gesetzten Wendungen im Text finden sich auch – an unterschiedlichen Stellen und ggf. in grammatikalisch gering anderer Form – in Friedrich Christian Delius „Bildnis der Mutter als junge Frau“, Rowohlt TB-Verlag, 3.Aufl.2010)