Römische Freuden 11

…, und sie hatte versucht, den letzten, im Raum schwebenden und schwindenden Akkord so lange wie möglich im Gehör zu wiegen, bevor sie wieder hinaus aufs Pflaster der Stadt getreten war und fortan all die Töne getragen und im Herzen bewegt hatte, die von Sant‘ Ignazio, die von Flötenspiel und Kirchenchor, die der Oper, alle römischen Freuden schienen unter das Himmelszelt der Musik zu passen, auch die wunderbare Stille,

die sie auf den Friedhöfen fand, in der Nekropole unter dem Petersdom, im Hag des Campo Santo Teutonico, auf dem Cimitero acattolico, wo sie lange umhergestreift war und die Gräber von Goethes Sohn August, von Axel Munthe, Malwida von Meysenbug, von John Keats und Percy Shelley gesucht und gefunden hatte,

auch beim Hinabsteigen in die Katakomben, wo die ersten Christen die Jahrhunderte der Verfolgungen überlebt hatten, die Katakomben von Sant’Agnese fuori le mura an der Via Nomentana, die der Pricilla an der Via Salaria, die des Hl.Kallixtus zwischen Via Appia Antica und Via Ardeatina, und war es ad catacumbas Domitilla oder San Sebastiano gewesen, wo ein junger blonder Student sie eingeladen hatte, ihm allein in sonst nicht zugängliche Bereiche der Totenstadt zu folgen,

und wo sie voller Vertrauen die Einladung angenommen hatte, um zu schauen, was nicht jeder sah, um tiefer noch einzutauchen in Leben und Sterben früher Christen, um mit denen zu atmen, die fast zweitausend Jahre vor ihr Zeichen, Inschriften, Fresken auf mehreren Stockwerken unter der Erde angebracht hatten, und um dem deutschen Sprechen des Studenten zu lauschen, das nun ihr ganz allein galt,

wo sie dann aber nach ausgedehnter Runde, über Hindernisse hinweg und durch Engstellen hindurch doch froh gewesen war, dass der Blonde sie zurück zum Ausgang geführt hatte, froh gewesen war, sich über der Erde wieder der milden römischen Winterluft überlassen und zu Fuß auf der Appia Antica und vorbei an der kleinen Kirche ‚Domine Quo Vadis‘ den Rückweg gehen zu können, bis sie sich nach der Porta San Sebastiano innerhalb der Aurelianischen Mauer einem Linienbus anvertraut hatte,…

(Fortsetzung folgt)

(die kursiv gesetzten Wendungen im Text finden sich auch – an unterschiedlichen Stellen und ggf. in grammatikalisch gering anderer Form – in Friedrich Christian Delius „Bildnis der Mutter als junge Frau“, Rowohlt TB-Verlag, 3.Aufl.2010)

(abgebildetes Buch: dtv Reise Textbuch Rom. Ein literarischer Begleiter auf den Wegen durch die Stadt, mit Fotos von Gertrud Leutenegger, hrsg. von Franz Peter Waiblinger. 2.Aufl.Aug.1986)