Römische Freuden 10

(Römische Freuden 9 siehe Blogeintrag vom 19.Februar)

…, wie ja die ganze Stadt eine Balance zu halten suchte zwischen vielen Zeiten und Welten, am 12. November hatte sie das Brummen der Überwachungshubschrauber gehört, den ganzen Tag im Haus zu bleiben, war besser gewesen, weil eine große und verbotene Demonstration der Ultralinken die Stadt mit Molotow-Cocktails in Unruhe versetzt und Tränengasantwort provoziert hatte,

so dass sie nicht hatte verstehen können, warum die Menschen immer wieder so sehr dem Unfrieden dienten, eine Antwort schien ihr in Zeilen eines Rilke-Gedichtes zu liegen: „Endlich ein Gott. Da wir den friedlichen oft nicht mehr ergriffen, ergreift uns plötzlich der Schlacht-Gott, schleudert den Brand“,

und da sie im Schutz des Diakonissenheims geblieben war, hatte sie im Musiksalon gelesen und später mit allen Sinnen die Sprache eines Klavierspiels empfangen, dem sonst niemand lauschte, an anderen Abenden aber mit der munteren J. und der trägen S. die Piazza Navona genossen, den mittigen prachtvollen Brunnen, dem kräftige Figuren entwuchsen,

die imposante Fassade von Sant‘ Agnese al Circo Agonale, das Treiben der Straßenmaler, die gerade jemanden portraitierten oder ihre Bilder zu verkaufen suchten, solange den Platz genossen, bis sie hatten fliehen müssen, weil sie sich der „Angriffe“ junger Italiener nicht mehr hatten erwehren können, alles Reden hatte nichts geholfen,

dieselben Jungen hatten sie aber ganz in Ruhe gelassen, wenn der Römer Enzo die muntere J. aus der französischen Schweiz begleitete, sie hatte es amüsiert notiert und als geltendes Prinzip verstanden, und mit diesem Schutz konnten sie noch das Professionisti aufsuchen, wo sie auf Bruno trafen, einen Italienisch-Deutsch-Dolmetscher und ebenfalls den anderen Haustöchtern schon bekannt,

solcherart Bekanntschaften aber waren ihr fremd geblieben, sie fand Enzo einen wirklich netten Jungen und hatte sich gewundert, dass die muntere J. ihn nur für die Dauer des römischen Aufenthaltes gebrauchen wollte, und sie war froh gewesen um die Orgelkonzerte in Sant’Ignazio in Begleitung des Klavierspielers,

oder um Besuche der römischen Oper, dem Teatro dell’Opera auf dem Viminal, wo sie, dem Deckengemälde nah und unter dem großen Kristallluster, der dramatischen Schönheit der Belcanto-Klänge in Donizettis Lucia di Lammermoor nicht hatte entkommen können und wollen, …

(Fortsetzung folgt)

(Foto: Cover einer weiteren Ausgabe des Reiseführers J.M. Wiesel: Rom. Die ewige Stadt. W.Kohlhammer-Verlag, Stuttgart 1954, ein handgeschriebener Zettel meines Großvaters ist vorne hineingeklebt)