Winterfreuden 2

Gegen Ende des vergangenen Jahres fiel mein Blick auf dem Tisch einer Buchhandlung auf zwei benachbart ausliegende Bücher. Beide sind mit Covern versehen, die einen sofort anziehen. Das eine, im Spätsommer erschienene, kannte ich schon (habe es bereits zum zweiten Mal gelesen), das andere schaute mich an, mit Augen schwebender Zwitterwesen: braune Iriden, in denen der Lichtreflex schimmert, sind zwischen lange Schnäbel und halbe Blüten gebettet. Auch der Titel hatte etwas Lockendes „Botanik des Wahnsinns“ und der Name des Autors las sich fließend. Aber ich kannte den Autor nicht und ich hatte auch bis dahin nirgendwo etwas über das Buch gelesen. Ich nahm das zuoberst liegende Exemplar in die Hand, drehte es um und las auf der Rückseite des Einbandes nicht nur Sätze, die Siri Hustvedt und Doris Dörrie zu diesem Debütroman geäußert hatten, sondern auch zwei Fragen: „Was ist ein normaler Mensch? Hast du schon einen getroffen?“ (die beiden Fragen sind im Buch auf S.29 zu finden, mit wunderbarer etymologischer Erläuterung des Wortes „normal“), ich drehte das Buch wieder um, schlug es auf, um den ersten Satz zu lesen – und ja: der Anfang hatte mich – um es mal so salopp auszudrücken. Ich habe inzwischen das vielfältige (der Klappentext stellt „Familienanamnese, Schelmenroman, Lehrstück in Empathie“ zur Auswahl) und oft überraschende Buch mit Vergnügen gelesen. Ganz nebenbei kann sich, wer will, bei dieser Lektüre auch über psychiatrische Diagnosen, Symptome und Therapien fortbilden (und über die Unmöglichkeit, Menschen mit ihren Eigentümlichkeiten zu kategorisieren und katalogisieren!).

Der 1989 in Osterzell (Ostallgäu) geborene Leon Engler wird im Wikipedia-Eintrag als deutscher Theater- u. Hörspielautor und Dozent angegeben. U.a. hat er in Wien und Paris Theaterwissenschaften, in Berlin Kulturwissenschaften und in Berlin und Köln Psychologie studiert. Er lehrt am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaften der Universität Wien literarisches Schreiben. 2022 wurde er beim Bachmann-Wettbewerb mit dem 3sat-Preis ausgezeichnet, nach zahlreichen veröffentlichten Theaterstücken, Hörspielen und Kurzgeschichten ist „Botanik des Wahnsinns“ sein Romanerstling, erschienen 2025 im DuMont Buchverlag, Köln. Am Donnerstag, den 15.Januar wird Leon Engler um 19 Uhr im Literaturhaus Basel lesen, ich bin gespannt auf den Abend.

(Foto: 3.Januar 2026)

Zeitreise in Sachen Mode

Womit fange ich jetzt an? Mit dem 2019 verstorbenen Karl Lagerfeld, der- wie immer mit weißem Zopf, dunkler Sonnenbrille und Vatermörder- inmitten seiner Models im Pariser Grand Palais läuft? Mit dem 1958 geborenen Dries van Noten, der 2005 zur Prêt-A-Porter-Schau in eine riesige Fabrikhalle eines Pariser Vorortes lud, wo er für 500 Gäste einen 150 Meter langen Tisch eindecken ließ, der sich nach dem von 250 Kellnern servierten Essen in den Laufsteg der Modenschau verwandelte? Mit der ersten Modenschau auf der chinesischen Mauer 2007 (Fendi unter Karl Lagerfeld)? Mit dem gläsernen Laufsteg, auf dem die Models übers Wasser der Fontana di Trevi schwebten (Fendi)? Mit den kunstvollen und aufwändig gestalteten Einladungen, die außer den notwendigen Informationen bereits das Thema der Schau andeuten? Mit dem Verweben der Ausdrucksformen von Architektur und  Mode, zum Beispiel bei Prada in Mailand („Architektur strukturiert Orte, Mode umhüllt den Körper und macht ihn zur Bühne“)? Mit den innovativen Ideen zu Pandemie-Zeiten, um doch präsentieren zu können (bei Prada sollte eine „Abfolge von vier Räumen“ aufgrund der Materialauswahl dafür sorgen, dass online „eine sinnliche Dimension“ erlebt werden konnte)? Mit den gesellschaftlichen Entwicklungen, die sich in Themen und Inszenierungen der Schauen widerspiegeln? Mit dem 4-minütigen Film der Prêt-A-Porter-Schau Frühjahr/Sommer 2019, die Dior wegen der dem Tanz gewidmeten Kollektion gemeinsam mit der Choreografin Sharon Eyal inszenierte und bei der weiße Blütenblattflocken im nur punktuell ausgeleuchteten Raum auf die Präsentierenden rieselten („Mode hat denselben Effekt auf den Körper wie das Tanzen – es ist wie Musik, eine universelle Sprache“ – verlautbarte die Designerin)? Mit dem Koffer voller Miniaturkleider, der während der Corona-Pandemie für die Haute-Couture-Kollektion des Hauses Dior im Herbst/Winter 2020/21 eine filmische Fantasiereise antrat, wobei der Designerin Maria Grazia Chiuri das Théâtre de la Mode als Vorbild diente, das in der Krisenzeit 1945 in Paris die Modenschauen durch Präsentation verkleinerter Kleider auf Miniaturpuppen ersetzte und dem man sich im ersten Raum der Ausstellung u.a. gewidmet hat? Fange ich mit den Ansichten aus den Pariser Salons an, die sämtlich großflächige Fenster hatten, damit zu Beginn des 20.Jahrhunderts vor der flächendeckenden Elektrifizierung die Präsentationen auch gut ausgeleuchtet waren? Mit den Damen, die in langen Roben und mit aufgespannten japanischen Schirmen durch den verschneiten Garten von Paul Poiret (1879-1944) flanierten? Mit den Ursprüngen also der Modenschauen, als Pariser Couturiers ihre Kreationen von Mannequins vorführen ließen („Das französische Wort Mannequin leitet sich vom flämischen mannekijn ab, was ‚kleiner Mann‘ bedeutet“) ? Ich glaube, ich fange gar nicht an, sondern höre hier auf und erwähne nur noch, dass man die Ausstellung Catwalk – The Art of the Fashion Show im Vitra Design Museum, Weil am Rhein, noch bis zum 15.Februar anschauen kann, was sich zudem auch deswegen lohnt, weil man dort kreativ gekleideten Besuchern begegnet, Herren in Knickerbocker-Hosen zum Beipiel und mit Schiebermützen.

(Die kenntlich gemachten Zitate stammen aus den Saaltexten)

Winterfreuden

Dass der nur datumsaktuelle Büroaufsteller bei meinem erstmaligen Ausflug zu ihm im neuem Jahr (tja, nicht nur die DB hat so allerlei Probleme) mit Michelangelos Delphischer Sibylle aus der Cappella Sistina aufwartet, rechne ich ihm hoch an. Und gehe davon aus, dass die Sibylle von ihrer Lektüre aufschaut, um mir zu prophezeien, dass ich ihr in diesem Jahr wieder nahe komme!

Einstweilen schaue ich zurück auf Spaziergangfunde:

Am Straßengraben

ruft klare Wassermusik.

Nur das Eis hört zu.

(O-Ton auf Instagram @achfrie58)

Ein Neujahrsinterview

Sagen Sie mal, liebe Frau A., haben Sie nicht mal wieder gekocht? -Hmmm, doch, zum Beispiel mit den italienischen Farben.- Sie haben Farben gekocht? – Aber nein, ich bin doch kein alter Färber, huuu – ich muss ja gendern, also –  ich bin doch keine alte Färberin. Ich habe mit Farben gekocht, Sie verstehen? – Helfen Sie mir bitte ein bisschen nach, wie geht das? – Also, man nehme finocchio, Fenchel, dazu dann Karotten in die gusseiserne Pfanne, ich muss zugeben, die sind lediglich kräftig orange, deswegen mische man noch ein paar aromatische Tomaten darunter, auch wenn sie nicht in die Jahreszeit passen. Beim Präparieren übrigens in Wuchsrichtung des Gemüses schneiden, bitte.  – Ja, und das Grün? – Das Grün liefern Fenchelkraut und glatte Petersilie. Alles ein wenig anrösten in Olivenöl und dann darin dünsten. – Streuen Sie denn diesmal gar nicht? – Ach, Sie wissen doch, ich kann das Streuen nicht lassen! – Warten Sie, ich ahne, es ist Chili in irgendeiner Form, oder?  – Nein, diesmal, lieber Herr Spürnase, liegen Sie falsch, es sind Fenchelsamen. – Oh, aha, ich merke, Sie lieben die Abwechslung. – Da gebe ich Ihnen recht, ich liebe die Abwechslung, aber genauso liebe ich die Beständigkeit. – Soso, darüber muss ich erst noch nachdenken. – Ja, tun Sie das ruhig und nehmen Sie sich ausreichend Zeit, ich liebe Nachdenken. – Was Sie alles lieben! – Ja, nicht wahr! Ich staune manchmal selbst. – Sie staunen? Das ist gut, das sollte man sich bewahren. – Sie haben mein volles Einverständnis. – Aber jetzt mal raus mit der Sprache, was haben Sie sonst noch gemacht, so in der Weihnachtszeit und in den ersten Tagen des neuen Jahres? – Sie sind aber auch gar nicht neugierig, lieber Herr Spürnase, was? Aber egal, ich liebe auch Neugier und Wohnung gucken und so, zumindest… – aber lassen wir das. – Also? – Also, ich stelle fest, man sollte nicht an einem 7.Januar in die Stadt radeln, auch wenn man das nur kurz vorhat und dringend etwas zur Post bringen muss, zu einer Post übrigens, die nicht mehr existiert, sondern in einem Kaufhaus untergebracht ist (das allerdings noch kunterbunte Waren darbietet wie früher, z.B. auch neue Minen für Jetstream-Stifte) – es sind nämlich offenbar alle auf so etwas wie Einkaufs-Entzug und müssen sich jetzt unbedingt tummeln und ihrer Sucht frönen und einparken und ausparken mit ihren SUVs und hin- und herwuseln und Kassen belegen etcetera pp. – Ja, und was sollte man Ihrer Meinung nach stattdessen machen?–  Oh, das weiß ich ganz genau. Man sollte zum Beispiel fortfahren mit dem Umräumen der Bücherregale, damit endlich die Stapel neue Heimaten finden und nicht mehr überall herum liegen müssen und damit es Platz gibt für neue Bücher, auch solche, die erst noch geschrieben werden. Oder man sollte weiter spazieren gehen am Hügel, auch wenn es ein bisschen frostig ist, man entdeckt dabei nämlich so schöne Dinge wie- schauen Sie nur:

Oder man sollte weiter drüber nachdenken, ob man den Stapel saisonale Bücher jetzt sofort verräumt, obwohl man kaum dahinein geschaut hat, oder ob man ihn noch eine Weile liegen lässt. – Sie haben gar nicht darin gelesen? – Naja, es gibt in dem Stapel welche, da schaue ich zu gewissen Zeiten immer hinein. –  Aha, welche sind denn das und warum? – Tja, lieber Herr Spürnase, haben Sie da nicht eine Ahndung? Dann lasse ich es Ihnen als Rätsel, schließlich kann ich Ihnen nicht alles auf die Zunge legen – auch wenn es vielleicht schmackhaft wäre – womit wir endlich wieder beim Kochen angelangt sind! – Puuuh, ja dann, alla prossima!

Epiphanias oder Dreikönig

I

Wie in diesen Gemeinden üblich, stand der Prediger am Ende des Gottesdienstes an der Ausgangstür und verabschiedete die Gottesdienstbesucher. Er war kein Hauptamtlicher, nur ein Laienprediger mit gelegentlichen Engagements. Heute hatte er in einer ihm fremden Gemeinde gesprochen, die ganze Familie war mitgefahren. Am Ausgang erhielt er Dankesworte, das war er gewohnt. Dann aber reichte ein Herr in feinem Anzug ihm nicht nur die Hand, sondern auch einen später zu öffnenden Umschlag und war rasch verschwunden. Im Umschlag fanden sich fünfzig Deutsche Mark, sehr viel Geld zu jener Zeit und für die Familie so etwas wie eine Antwort. Als der Laienprediger in der Gemeinde nachfragte, wer dieser Herr gewesen war, damit er ihm seinen Dank übermitteln könne, kannte ihn niemand und er wurde auch nicht wieder gesehen.

II

Sie machte Krankenpflegepraktikum im Krankenhaus der Stadt, in der sie das Gymnasium besucht hatte. Sie bezog Betten frisch, leerte Bettpfannen und Urinflaschen, brachte Essenstabletts an die Betten, wechselte ein paar Worte mit den Patienten. Sie hatte erfahren, dass einer der Gemeinderäte ihres Heimatortes in einem der Zimmer lag, schwerkrank. Sie suchte das Zimmer, klopfte zaghaft, öffnete sacht die Tür und trat ein. Ja, da hinten lag er, aber was war das nur für ein seltsames Licht? Der Schwerkranke drehte ein wenig den Kopf, sie konnte nicht weitergehen, sah ihn nur stumm an, dann verließ sie das Zimmer und schloss die Tür. Einige Zeit später hörte sie vom Vater, der Gemeinderat habe ihm vom Lichtschein erzählt, der eines Tages plötzlich das Krankenzimmer erhellte.

III

Sie sitzt mit einer Freundin im Regionalzug. Die Bahn ist voll, es ist unruhig. Ein junges, einfach gekleidetes Mädchen mit rundem, liebem Gesicht spricht in zweiter Reihe hinter ihnen in sein Smartphone, sie können nicht umhin, das Gesprochene mit zu hören. Die Sprecherin ist zunehmend bewegt, sie sucht Lösungen, es geht um ihren fünfzehnten Geburtstag. Sag ihr, beschwört sie ihr Telefongegenüber,sag ihr, dass ich zwei Monate auf mein Taschengeld verzichte, dann können wir wenigstens, …. Die beiden Mithörerinnen schauen sich an und sofort ist klar, was sie machen. Sie steht von ihrem Platz am Gang auf, geht kurz nach hinten, fragt das Mädchen: Sie sind es, die Geburtstag hat, richtig? Das Mädchen schaut aus nassen Augen auf und bejaht, sie reicht ihm rasch die fünfzig Euro – Hier, nehmen Sie das, herzlichen Glückwunsch – und geht schnell wieder zu ihrem Sitz. Niemand hat Notiz genommen. Das Mädchen ist still, telefoniert nicht weiter. Der Zielbahnhof ist erreicht, die Freundin und sie erheben sich zum Ausstieg wie viele andere. Vorne steht auch das Mädchen. Während die Wagentür öffnet, wendet es sich um und schaut die beiden Mithörerinnen an, sein ruhiges Gesicht leuchtet.

(Foto: frühes Morgenlicht 6.Januar 2026. Im Herrnhuter Losungsbüchlein ist der heutige Tag hervorgehoben als „Fest der Erscheinung des HERRN- Epiphanias“, zugeordnet wurde der Vers 8b aus dem 2.Kapitel des ersten Johannesbriefes, ich zitiere nach der Elberfelder Übersetzung: …weil die Finsternis vergeht und das wahrhaftige Licht schon leuchtet.)

Ein Neujahrstag

Als sie am Neujahrstag zum Vater kam, saß er im Sessel des Zimmers, dessen Fensteraussicht er mit schwarzen zittrigen, doch exakten Strichen gezeichnet hatte. Die Häuserzeile, die in einer Joh.-Seb.-Bach-Straße gegenüberlag, war sofort zu erkennen. Der Vater hatte noch nie bei Musikern gewohnt, bei Dichtern aber war er schon daheim gewesen, bei Hebel oder auch bei Goethe. Im Sessel saß er gebeugt, das kannte sie, er freute sich, dass sie kam, hatte jedoch nie Anspruch darauf erhoben. Vom Gang brandeten Unruhe und Rufen ins Zimmer, eine Frau, die schon lange ohne Mutter war, schrie Mama, Mama. Der Vater blieb ruhig und der Uringeruch vor der Zimmertür. Das Linoleum hatte man frisch gewachst und im Speiseraum brannten elektrische Kerzen am Christbaum. Sie wollten anstoßen aufs neue Jahr, Trinkbares fand sich im Schrank, in dem seine Wäsche mit Namensschildern versehen war. Auf dem Schreibtisch vorm Fenster lag rosafarben die Ausgabe der Hauszeitung, für die der Vater Beiträge geschrieben hatte, mit gelungen verknüpften Gedanken, als seien es Reden und Predigten von früher oder Artikel für Traktate der Methodistenkirche Ende der 50er Jahre, sie erinnerte sich an Der Kinderfreund und Der Evangelist. Das Zeichnen hatte er immer im Kopf, aber erst in diesem Zimmer auf Papier gehabt, auch mit Farben experimentiert, Pastellkreiden, Öl- und Aquarellfarben, Jahrzehnte später hatte sie die Schachteln aus dem Keller genommen und einer Freundin geschenkt. Sie betrachteten gemeinsam Fotografien, alte und die neuen, von Enkeln, die noch klein waren und fern. Sie erinnerte sich, dass dem Vater einmal der Fotoapparat gestohlen worden war, in einem Sommer an der ligurischen Küste. Es gab viele Fotografien, Kisten voller Diapositive, Schubladen voller Papierfotos, viele Leben waren darin festgehalten, der Vater hatte schon immer fotografiert und gefilmt. Das Filmen hatte er irgendwann aufgegeben, aber sie hatte die Abende geliebt, an denen der alte tannengrüne Projektor auf dem Esstisch aufgebaut, Filmspulen eingelegt und auf der einfachen weißen Wand Großeltern, weitere Verwandte, Bekannte und sie selbst zum Laufen, Gestikulieren und stummen Lachen gebracht wurden, während der Projektor surrte. Manchmal riss der Film, sie fügten zusammen und fädelten neu ein, bis schließlich das Ende kam, bei dem sich alles in hellem Geflirre und Gestöber auflöste. Hatte nicht ein Cousin den Vater einmal den Filmmann genannt? Sie betrachtete ihn, wie er im Sessel saß, gebeugt, schmaler als je, mit noch vollem kräftigem Haar, das erst spät die Farbe verloren hatte. Seine Bewegungen waren langsam geworden und wie gegen Widerstände, dem Schmerz gab er keinen Raum, aber etwas war heute anders. Ein Bein stand in unüblicher Stellung, außenrotiert, typisch für… – sie fragte ihn, ob er gestürzt sei. Das war viele Stunden her, wie eine Pflegerin bestätigte, die sie schließlich hatte finden können. Sie hievte den Vater in den geliehenen Rollstuhl, schob ihn zu ihrem Auto und brachte ihn ins zwanzig Kilometer entfernte Krankenhaus. Es war ein eisiger Neujahrstag.


 

Zweiter Sonntag nach Weihnachten

Für den heutigen Tagesvers der Herrnhuter Losungen wurde der zweite Vers des 40.Psalmes ausgelost. Ich zitiere aus diesem Psalm die Verse 2 bis 4a nach der Elberfelder Übersetzung:

Beharrlich habe ich auf den HERRN geharrt, und er hat sich zu mir geneigt und mein Schreien gehört.

Er hat mich heraufgeholt aus der Grube des Verderbens, aus Schlick und Schlamm; und er hat meine Füße auf Felsen gestellt, meine Schritte fest gemacht.

Und in meinen Mund hat er ein neues Lied gelegt, einen Lobgesang auf unseren Gott.

Als Lied für den heutigen Sonntag ist Nummer 56 im Evang.Gesangbuch vorgeschlagen, wie schön, ich habe es in der Silvesternacht mit Freunden gesungen, ein „modernes“ Kirchenlied, der Theologe Dieter Trautwein dichtete und komponierte es 1963:

Weil Gott in tiefster Nacht erschienen, kann unsre Nacht nicht traurig sein, lautet der Kehrvers, der nach der letzten Strophe ein Wort austauscht und wechselt zu: Weil Gott in tiefster Nacht erschienen, kann unsre Nacht nicht endlos sein.

(Foto: Über was Josef wohl hier nachdenkt? Bestimmt nicht darüber, wann er wieder in die Kiste der Krippenfiguren verräumt wird. In meiner Kindheit standen die Figuren jedenfalls immer mindestens bis zum Geburtstag der Mutter, der mitten zwischen Epiphanias und Mariä Lichtmess lag)

Die alte Handtasche

Niemand wusste, wo sie wohnte. Jeder sah sie gehen, über das Pflaster der Stadt, im hellgrauen Mantel, eine schwarze Bügeltasche hing an kurzem Henkel über ihrem rechten Unterarm, den sie fest an die Brust drückte. Ihre Beine waren krumm, die Fesseln noch schlank, stets trug sie feine Schuhe, obwohl ihre Schritte schwer geworden waren und kurz. Die linke Hand griff den Knauf eines Gehstocks wie einen Fremdling, ein Hut verdeckte ihr Haar, das die Farbe des Mantels angenommen hatte. Kinder machten sich einen Spaß daraus, ihr nachzulaufen, sie zu überholen, wild zu feixen und allerlei krause Worte nach ihr zu werfen, aber sie beachtete sie nicht und murmelte nur unverständliche Silben vor sich hin. Einmal schnappte ein Hund nach ihrer Handtasche, da erschrak sie und klemmte sie noch fester an sich. Der breitkrempige Hut beschattete die Augen, die vor ihren Schritten her liefen und noch alles wahrzunehmen schienen. Manchmal sah man sie auf einer Bank sitzen, hoch oben über der Stadt, niemand wusste, wie sie dorthin gekommen war, Vögel pickten neben ihren schmalen Füßen, die auf dem Kies ruhten. Einmal öffnete sie den Metallbügel der alten Handtasche und verlor sich lange an deren Inneres. Es war leer.

(Foto: Fund beim Neujahrsspaziergang)

2026!

O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit war eines der Weihnachtslieder, das allerorten gesungen wurde. Inzwischen hat man das Singen der Weihnachtslieder schon wieder verlassen, obwohl die Weihnachtszeit noch andauert, zumindest bis Epiphanias am 6.Januar, wenn nicht sogar bis zum 2.Februar, Mariä Lichtmess (40.Tag der Weihnachtszeit). Fröhlich mag ja noch angehen – auch wenn es häufig mit spaßig verwechselt wird, aber selig und gnadenbringend sind doch oft fremde Vokabeln geworden, mit deren Gehalt viele nichts mehr anfangen können. Mit der Betonung durch Verdopplung folgt in dem Lied – dessen Melodie einer Legende zufolge auf ein sizilianisches Marienlied zurückgehen soll und dessen erste Strophe Johannes Daniel Falk (1768-1826, evang. Schriftsteller und Kirchenlieddichter) in Johann Gottfried Herders Sammlung Stimmen der Völker in Liedern fand (die beiden anderen Strophen verfasste Johann Heinrich Holzschuher aus Wunsiedel) – der Imperativ Freue, freue dich… ! Wie wäre es, wenn wir diesen Imperativ mitnehmen ins eben begonnene 2026, ohne dabei den Blick zu verlieren auf alles, was fern und nah geschieht, was besorgt und durcheinanderbringt. Freue, freue dich !

Ich freue mich beispielsweise immer aufs Neue an einem alten schmalen Kalender mit Schwarzweißfotos italienischer Orte. Ich habe ihn seit 2013 nicht von Wänden genommen, sondern blättere nur immer wieder die Seiten, wenn ein Monat vorüber ist. Wie jedes Mal reise ich daher, wenn der Januar den Dezember ablöst, von Venedig nach Rom. Ich stehe nicht mehr auf feuchtglänzendem Pflaster des Markusplatzes und blicke auf entzündete Laternen und die Säule, die den Markuslöwen trägt, dessen langer Schwanz seltsam frei in Lüften schwingt, sondern ich gehe auf den Pflasterrauten des Ponte Sant‘ Angelo direkt auf das Hadrian-Mausoleum zu, besser bekannt als Engelsburg, und schaue dabei ebenfalls auf einen Geflügelten, auf die Bronzestatue des Erzengels Michael, die der flämische Bildhauer und Architekt Peter Anton von Verschaffelt (1710 Gent-1793 Mannheim, römischer Name Pietro Fiamingo) im Jahr 1748 als Ersatz für die beschädigte des italienischen Bildhauers und Baumeisters Raffaello da Montelupo schuf.

(Foto: Am Schlüsselberg in Basel findet sich ein 1470 entstandenes Relief des Markuslöwen als Hauszeichen am Haus zum Venedig, das einem Kaufmann mit Geschäftsbeziehungen zu Venedig gehörte. Von 1805 bis 1808 befand sich in diesem Haus der Betsaal der dritten jüdischen Gemeinde Basels, von 1824 bis 1891 war es Logenhaus der Freimaurer „Zur Freundschaft und Beständigkeit“, 1955 wurde es als Nebengebäude des Museums an der Augustinergasse umgebaut. Wie in vielen Darstellungen hält der Löwe mit seiner Pfote ein aufgeschlagenes Buch, in welchem man folgende Worte lesen kann: PAX TIBI MARCE EVANGELISTA MEUS – Friede sei mit dir, Markus, mein Evangelist)

(Wie in den vergangenen Tagen versucht, habe ich vor, kürzere Beiträge und sog. Reels künftig auf meinen Instagram Account @achfrie58 zu stellen, anderes weiterhin hier zu bloggen)