Die späten Tage

Von Natascha Wodin (geb.1945) habe ich bisher leider erst die fünf Erzählungen des Bandes „Der Fluss und das Meer“ gelesen (im März/April 2024; Rowohlt-V., Hamburg 2024). Jetzt machte mich C.E.F. darauf aufmerksam, dass derzeit die von mir geschätzte Schauspielerin Martina Gedeck (ich mag, wie sie spielt, ich mag ihre Stimme) aus Wodins neuem Werk „Die späten Tage“ liest, und zwar auf NDR Kultur in der Sendung „Am Morgen vorgelesen“, zehn Folgen bis zum 6.Februar (jeweils knapp 30 Minuten). Schön, dass dies auch im Süden Deutschlands problemlos gehört werden kann, zu jeder beliebigen Zeit des Tages, über die NDR Kultur- App, womit ich bereits begonnen habe (für „Neueinsteiger“: Folge 1 ist nur noch zwei Tage abrufbar). Über Deutschlandfunk Kultur ist seit gestern Abend ein etwa 47-minütiger Beitrag zu „Die späten Tage“ abrufbar unter dem Titel „Ein schrecklich schönes Leben“.

(NB: welchen zweiten Vornamen die 64-jährige Martina Gedeck trägt, hat mir Wikipedia gerade erst verraten)

Martina Gedeck liest aus „Die späten Tage“ von Natascha Wodin | ndr.de https://share.google/WgqZk7ClbezlezE0t

(Foto: Winter Mood 30.01.2026)

Römische Freuden 4

… und ja, die Eltern würden sie besuchen kommen am Ende der römischen Zeit und sie würde gemeinsam mit ihnen die Freuden genießen, von denen sie geschwärmt hatte, und nicht nur in einem langen, langen Brief von den Wegen erzählen, sondern die Wege gehen, wo sich nach der zweiten, von jungen Steineichen gesäumten Querstraße der Platz mit dem Namen Cola di Rienzo öffnete,

Cola di Rienzo, ein Volkstribun, der im 14. Jahrhundert gelebt hatte und dessen dunkle Bronzestatue mit entschieden emporgerecktem Arm und kapuzenvermummtem, entschlossenen Gesicht 1887 keinen Platz im neuen Prati – Viertel unweit des Vatikans gefunden hatte, sondern zwischen der Cordonata, der zum Kapitol hinansteigenden Treppe, und der steileren hinauf zu Santa Maria in Aracoeli, aufgestellt wurde,

sie hatte ihn dort oft gesehen, noch bevor sie wusste, wer er war, aber der Gang durch die ihm gewidmete Straße war ihr bereits zur Gewohnheit geworden, geradewegs führte die Straße zur Piazza Risorgimento und von dort zur Piazza San Pietro oder zu den Vatikanischen Museen, denn das Diakonissenheim lag nur eine Viertelstunde Fußweg entfernt von Peterskirche und Vatikan,

und an ihrem vierten Tag in Rom, einem strahlenden dritten November war sie zum Petersplatz gelaufen und hatte sich am Fuße einer der hohen dorischen Säulen niedergesetzt, die die 240 Meter Breite der Piazza umarmen, um in Ruhe zu schauen und zu erfassen und die freudejauchzenden Kinder zu betrachten, die auf den Pflastersteinen umhersprangen und mit den Tauben spielten,

und sie hatte sich über den Pater gefreut, der liebevoll ob der Unbefangenheit der Kleinen gelächelt hatte und gedacht, dass trotz allem Gigantischen einem nichts bedrücken, sondern vielmehr die hoheitsvolle Schönheit einem Aufnahme und Geborgenheit bieten würde, was ihr ein Sinnbild schien für die Größe und Schönheit Gottes,

und gleich nach Dienstschluss war sie am selben Tag mit Schwester E., dem Haushund Luchs und der trägen S. noch einmal zum Petersplatz gelaufen und in Nähe der Vatikanpost auf dem schönen Stein gesessen, links mächtig die Fassade des Petersdomes, gegenüber die andere Säulenhalle, gekrönt von den Statuen der Heiligen,

darüber der Häuserhügel des Vatikan, der sich in den Nachthimmel erhob und dessen warmscheinende Fenster wie Augen auf sie blickten, auf dem Platz der Springbrunnen, der im Dunkel wässriges Licht versprühte, so dass sie ihn Lichtbrunnen taufte, und sie hatte sich nicht lösen können vom Schauen,

so dass sie im Haus noch auf die Dachterrasse gestiegen war und den Tag mit dem Anblick des nächtlichen Rom beschlossen und geschrieben hatte „sono felice!“, aber erst drei Tage später die Piazza San Pietro wieder überquert hatte, um das erste Mal den verheißungsvollen Aufstieg über die breiten Stufen hinauf zu nehmen und den Petersdom zu betreten,

nicht ohne zuvor an der Fassade hinauf zu den überlebensgroßen Figuren von Johannes, dem Täufer, von Christus und elf Aposteln zu blicken, die ihr ein seltsames Bild boten, wie sie da so in den novemberblauen Himmel ragten, dann endlich die Vorhalle durchschritten und eines der fünf Portale ins Innere der Basilica genommen hatte,

wo sie sich sofort von warmgoldenem Licht umfangen gefühlt und ob des Eindrucks erst einmal ganz hinten auf eine weiße Marmormauer gesetzt hatte, um das Erfassen und Begreifen zu beginnen, bevor sie langsam den Weg nach vorne zum Kuppelraum beschritten und sich an den Vorhängen gestört hatte, die in den Arkaden das Mittelschiff von den Seitenschiffkapellen trennten,….

(Fortsetzung folgt)

(zu den im Text kursiv gesetzten Wendungen siehe Blogeintrag vom 27.Januar)

I giorni della merla

nennt man die mit dem 29.Januar beginnenden drei letzten Tage des Januar in Italien, die Tage der Amsel, die nach altem Volksglauben die kältesten des Jahres sein sollen (bei Ausfall der Heizung pflichte ich gerade bei). Verschiedene Legenden ranken sich um die Amseltage, basierend auf dem Mythos von Demeter und ihrer Tochter Persephone (römisch Ceres und Proserpina), es geht um den Wechsel der Jahreszeiten.

Über die in lateinischer Sprache verfasste Handschrift des Livro de Horas (Stundenbuch) de la Condessa de Bertiandos, aus der mich eine der 2066 detailreichen Buchmalereien heute wieder auf dem Büroaufsteller empfing, habe ich bereits am 29.Januar 2025 geschrieben und nicht damit gerechnet, der fantastischen Szenerie nochmals am gleichen Ort zu begegnen. Immerhin überlasse ich nach und nach reichliche handschriftliche Exzerpte dem Schlund des Spezial-Büro-Mülleimers und vertraue auf den sich ankündigenden Wechsel der Lebensjahreszeiten.

Für die kommende Lebensjahreszeit wünsche ich mir neben dem Lesen das Schreiben als Kontinuum, ein Päckchen Nährstoffe dafür lag heute vor der Haustür. Dann weiß ich ja, was ich an den weiteren giorni della merla zu tun habe!

Römische Freuden 3

…im Speisesaal, in dem auch die alte Standuhr ihren Dienst versah, Jahrzehnte später würde die Uhr noch immer in derselben Ecke stehen, aber keine gestrenge Schwester R. würde mehr das Pendel richten und durch die Räume eilen in grauer Tracht mit gestärktem weißen Kragen, die grauen Haare unter der weißen Diakonissenhaube zusammengefasst,

und die strenge, große Schwester R. würde auch nicht mehr staunen, dass sie, die Haustochter, den Boden des Speisesaals knieend aufwischte, wie sie es kannte von zuhause, und nicht mehr ihre Bestimmtheit ablegen für gemeinsames Musizieren mit ihr und einem klavierspielenden Hausgast, der in Zimmer 33 und an der Gregoriana für seine Doktorarbeit schrieb,

der auch einmal predigte in der anderen deutschen Insel, der Kirche in der Via Sicilia, in der sie oft aufgeschaut hatte nach vorn zu den blinkenden Mosaiksteinen der Apsis, wo auf einem blauen Planeten und auf einem Regenbogen Jesus thronte, die Hand zum segnenden Gruß erhoben, und wo sie im Kirchenchor mitgesungen und beim Adventsbazar geholfen hatte,

mit anderen der evangelisch-lutherischen Auslandsgemeinde, Menschen, die bei der Botschaft, an der deutschen Schule oder den deutschen Instituten in Rom arbeiteten, in „ihrem“ Rom, über das sie am fünften Tag nach der Ankunft ins Tagebuch geschrieben hatte, wie schnell man es so lieb gewinnen und sich mit ihm verwachsen fühlen würde,

Rom, der Inbegriff einer Stadt, die Stadt aller Städte, die sie sich vor allem im Laufen angeeignet hatte, schon am ersten Tag war sie mit der munteren J. durchs Forum Romanum spaziert und es war ihr vorgekommen wie ein Traum, all die Säulen, Steine, Gebäude, Triumphbögen, dazwischen die Pinien und Zypressen, und sie war überwältigt, auch vom Raum der Basilica Ss.Cosma e Damiano, der im Gold der Mosaiken funkelte, und hatte geschrieben „ich laufe mitten durch Geschichte“,

wie alles Geschichte atmete und gleichzeitig gegenwärtig war, auch die alten Menschen hoch oben in der Via Alessandro Farnese, auf dem Stockwerk, das übrig geblieben war vom Altenheim und auf dem Schwester E. ihren Dienst versah, die freundliche Krankenschwester und frühere Haustochter, die mit der neuen Haustochter am 2.November auf der Questura den Permesso di Soggiorno einholte,

so dass die vier Monate in der Casa gesichert waren, wo sie am 1.November, ihrem ersten Arbeitstag, um halb acht morgens Zwieback und Kaffee, das richtige Frühstück aber erst um neun Uhr bekommen und in der Küche im Souterrain Kartoffeln geschält, auf den Stockwerken beim Reinigen der Zimmer und mittags beim Abtrocknen geholfen hatte, weil wegen des Feiertages nicht genug römische Frauen da waren,

am Abend aber bereits im Speisesaal serviert hatte, die flotte J. aus der französischen Schweiz hatte sie eingewiesen, denn es musste gelernt sein, das Eindecken mit der korrekten Platzierung des Vorlegebestecks, das Reichen der Teller von der richtigen Seite, das Abräumen mit dem Stapeln der weißen Teller auf dem linken Unterarm,

und es hatte ihr Freude gemacht und sie hatte immer die Freude teilen wollen und nicht nur ins Tagebuch, sondern gleich an die Eltern geschrieben, die sie am Ende der vier Monate besuchen kommen würden, wie sie es bereits am dritten römischen Tag erhofft hatte: „Nur ist es traurig, wenn niemand bei einem ist, dem man seine Freude und seine Gedanken mitteilen kann, ich ertappe mich immer wieder dabei, dass ich mir vorstelle, wie ich das alles denjenigen zeigen werde, die mich besuchen kommen“, …

(Fortsetzung folgt)

(die kursiv gesetzten Wendungen finden sich auch in Friedrich Christian Delius „Bildnis der Mutter als junge Frau“, Rowohlt TB-Verlag 3.Aufl. 2010, siehe auch Blogeinträge vom 20. und 21.Januar)

Dritter Sonntag nach Epiphanias

Für die mit dem heutigen ökumenischen Bibelsonntag beginnende Woche steht im Herrnhuter Losungsbüchlein der 29.Vers aus dem Kapitel 13 des Lukasevangeliums. In der Elberfelder Übersetzung 2006 lautet er so:

Und sie werden kommen von Osten und Westen und von Norden und Süden und zu Tisch liegen im Reich Gottes.

Die Interlinearübersetzung des griechischen Textes (Nestle-Aland-Ausgabe) gibt den Text so wieder:

Und sie werden kommen von (Sonnen)aufgang und (Sonnen)untergang und von Norden und Süden und werden sich zu Tisch legen im Reich Gottes.

Luther passte an andere kulturelle Gegebenheiten an (revidierte Lutherübersetzung 1984):

Und es werden kommen von Osten und Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes.

Interview im Kochdunst

Sagen Sie mal, liebe Frau A., was machen sie denn, wenn vegetarisch Speisende spontan Aufenthalte verlängern? – Ach, wissen Sie, ich liebe Aufenthaltsverlängerungen, sie geben mir Gelegenheit, meine Übungen zu vertiefen. – Was für Übungen denn? – Na die, gleichzeitig fest und biegsam zu bleiben, wie ein Bambusrohr vielleicht. – Wie ein Bambusrohr? Sie machen mir Spaß. – Das ist gut, lachen Sie ruhig, ich liebe Lachen! Und die Eigenschaften von Bambus sind doch genial, hohe Druck- und Zugfestigkeit, hohe Stabilität bei gleichzeitig hoher Flexibilität, Biegsamkeit und Bruchfestigkeit, man kann damit leicht und langlebig bauen, ich mag das. Außerdem finde ich diese Süßgräser schön. Da fällt mir allerdings ein, hohl will ich nicht sein. – Aha, da bin ich dann doch froh, hohl ist nämlich doof, bei der menschlichen Spezies jedenfalls. Aber jetzt mal weg von diesem Exkurs und hin zum Praktischen! Wie handhaben sie das? – Ganz einfach, ich befrage meinen Kühlschrank, was er so hergibt. Und kreiere ein Curry. – Ein Curry? – Jaja, so ein Gericht, das sich aus der indischen und asiatischen Küche ableitet. Der Kühlschrank antwortete nämlich mit Wirsing, Paprika, Mango, Ingwer, Knoblauch, Zitrone. Und das Vorratskämmerchen kann auch mitreden und trägt Kokosnussmilch und Mango-Chutney bei. – Soso, und damit machen Sie was? – Ghee habe ich nicht, ich nehme eine Mischung aus gesalzener Butter und Olivenöl, erhitze sie sanft, dahinein rühre ich die winzigen Würfelchen frischen Knoblauchs und Ingwers, dazu Salz und die pulverisierten Gewürze (weißen Pfeffer, Koriander, Curcuma, eine zitronig-fruchtige Java-Curry-Mischung, etwas Kreuzkümmel und Kardamom), wenn das Gewürzpotpourri im Fett sich etwas sämig verbunden hat, darf sich der frisch gepresste Zitronensaft zu ihm gesellen, der hatte sich darauf schon so gefreut. – Freude befürworte ich. – Da bin ich ganz bei Ihnen, lieber Herr Spürnase. Und schauen Sie mal, bevor ich jetzt die geschnippelte Gemüse-Obst-Mischung in den Kochtopf gebe, muss ich Ihnen was zeigen. – Was denn? Ich bin gespannt.

– Ja hier, diese Küchenabfälle. Sind sie nicht hübsch? Könnten grad beim Catwalk mitmachen. – Bei was, bitte? – Na, bei einer Modenschau, zum Beispiel an einem langen Tisch auf weißer Tischdecke. – Also, ich muss schon sagen, wie kommen Sie jetzt darauf? Die haben doch keine langen Beine. Und High Heels tragen sie auch nicht. – Jaaaaa, d’accordo, da haben Sie recht. Aber es sind Schönheiten, das müssen Sie doch zugeben. – Gut, gut, ich versuche, es mit Ihren Augen zu sehen. – Ach, vielen Dank, zu freundlich von Ihnen. Ich weiß das zu schätzen. – Sie wissen das zu schätzen? Das macht mich jetzt auch froh, das Schätzen ist nämlich in heutiger Zeit ein wenig abhandengekommen. – Ja, nicht wahr, viele haben es verlernt. Das geschnipselte Gemüse und die Mangowürfel haben aber inzwischen gelernt, im Currysud weicher zu werden, dabei aber dennoch Biss bewahrt, jetzt schütten wir die Bio-Kokosmilch dran, die zu 86% aus Kokosnussfleisch besteht und sonst nur aus Wasser, wenn wir mögen, können wir etwas Orangensaft dazu geben, auf jeden Fall aber das fruchtig-scharfe Mango-Chutney aus dem 250 -Gramm-Glas „Asian-Spirit“ mit 46% Mango-Anteil. Jetzt ist unsere Arbeit getan und wir überlassen das Ganze sich selbst und einer kleinen Weile des Vor-Sich-Hin-Köchelns, bis sich die Aromen durchdrungen und gut miteinander verbunden haben. – Hmm, ich verstehe, duftet ja schon ganz gut. Aber irgendwas fehlt mir. – Ihnen fehlt was? Das klingt nicht gut. Was fehlt Ihnen denn? – Gibt‘s denn nichts dazu? – Huch, natürlich, wie konnte ich das vergessen! Reis gibt’s dazu, die passende Reissorte war ja im Keller. Duftreis, Jasmin- oder Basmati, je nach Geschmack. – Sie haben Reis im Keller? Ich dachte, Sie bewahren ganz andere Sachen im Keller auf. – Worauf spielen Sie denn jetzt an? Ich habe keine Ahnung, was Sie meinen! – Wirklich? Naja, konzentrieren wir uns mal aufs Speisen. Da fällt mir ein, was ist denn mit dem Streuen? – Also, Sie sind aber auch wirklich unersättlich, lieber Herr Spürnase, das Streuen heben wir uns heute ausnahmsweise für ein anderes Mal auf!

Kusama geht, Cézanne kommt…

…vorgestern konnte ich aber noch einmal anschaulichen Anteil haben an Kusamas „Auseinandersetzung mit der Unendlichkeit und der Auflösung der Grenzen zwischen Kunstwerk, Raum und Betrachter:innen“, wie es im Begleit-Booklet heißt. Zwanzig Minuten vor Öffnung stand ich im Wintermorgenlicht in der noch übersichtlichen Schlange ruhig wartender und zum Teil lesender Menschen, erhielt problemlos Einlass und genoss den zunächst raschen Gang durch noch leere Säle (unter freundlichen Begrüßungsworten der Aufseher), um als erstes in den im Souterrain installierten Infinity Mirrored Room zu gelangen, was ohne jede Wartezeit möglich war, so dass ich noch einmal zwischen den scheinbar ins Unendliche rankenden Tentakeln schweben konnte, bevor ich langsam die Treppe wieder hinauf stieg und in den neun oberen Räumen einzelne Exponate gezielt aufsuchte.

In Saal 8 hat ein verspiegelter Kubus runde Gucklöcher, die beim Hineinschauen kaleidoskopartige bunte Bilder präsentieren. Wände voller leicht gewölbter Spiegelpunkte, in denen die eigene Gestalt mehr oder minder verformt erscheint (10), bilden den Durchgang zum mit der Nummer 11 versehenen Saal, in dem man einen Blick werfen kann auf die Cover von Kusamas Büchern hustlers grotto – three novellas (verschlungene gelbe Tentakel mit den schwarz konturierten Punktmustern) und violet obsessions – poems (flottierende violette Tentakel) sowie mehrere Videoportraits der Künstlerin betrachten kann, auf einem taucht sie unter breitkrempigem gelben Sonnenhut aus einem Feld von Sonnenblumen auf. Ein Selbstportrait aus dem Jahr 1995 (Radierung auf Papier) findet sich in Saal 7, es zeigt ein eiförmiges Gebilde mit repetitiven Strichstrukturen (ähnlich wie Bambushalme), das in einen Hintergrund aus der eiförmigen Form folgenden schwarzen Strichen gebettet ist, mich erinnert es an die Draufsicht auf eine Schädelkalotte. Die Künstlerin würde den Prozess des Druckens als eine unerschöpfliche Quelle kreativer Entdeckungen betrachten, meint das Begleit-Booklet und durch die „radikale Beschränkung auf sehr wenige Gestaltungselemente“ ergäbe sich bei den gezeigten Radierungen eine „Art visuelles Alphabet an Mustern“. Das Selbstportrait aus dem Jahr 1972 in Saal 6 aus der Sammlung der Künstlerin bedient sich anderer Eigen-Sinn-igkeiten: eine Collage mit Pastell, Kugelschreiber und Tusche auf Papier setzt die Innenansicht eines Ameisenbaus mitten in eine rosarote Blumenform, die von wundervollen Schmetterlingen umschwirrt ist, eine gebogene schwarzweiße Raupe mit rötlich glänzendem Köpfchen ist unterhalb des Ameisenbaus in die Blume eingefügt. Die Blume steht vor dem Hintergrund einer Winterlandschaft mit tiefliegendem Horizont. Kusama befand sich zu dieser Zeit in einer Umbruchphase, in welcher sie schließlich aus den USA nach Japan zurückkehrte, erfährt man aus dem Begleitheft, und dass der Künstler Joseph Cornell, mit dem sie bis zu dessen Tod 1972 verbunden war, ihr für ihre Collagen auch aus Zeitschriften ausgeschnittene Illustrationen oder Fotografien zur Verfügung stellte.

Inzwischen hatten sich die Säle merkbar gefüllt, neu hereinströmende BesucherInnen waren froh um die Freigabe eines Garderobenfaches und ich um die klare Winterluft im Museumspark, dessen Baumbestände mit dem spiegelpolierten Edelstahl des 2025 für Riehen geschaffenen Infinity Mirrored Room mit dem Titel Illusion Inside the Heart in Dialog treten. In gebückter „Demutshaltung“, wie vorgesehen, konnte ich unverzüglich Eingang finden und im farbigen Licht unendlich gespiegelter Kreise Abschied nehmen von Kusamas Universen.

Römische Freuden 2

Haustochter war sie geworden mitten in Rom, wie es ihr Wunsch gewesen war, nachdem die Tante vom Diakonissenheim gesprochen hatte, und wie die muntere J. aus der französischen Schweiz und die träge S. aus dem Schwäbischen arbeitete sie in der Küche und bei der Essensausgabe,

in der Küche und in der Wäscherei im Souterrain, wo sie von den Frauen, die frühmorgens diese deutsche Insel betraten, gleich ein paar Brocken aus der eiligen Melodie der geliebten italienischen Sprache heraushören und verstehen wollte,

heraushören und verstehen, was nicht leicht war bei der einfachen Anna aus Napoli, die wie die Südtirolerin Maria eine Zuflucht bei den deutschen Diakonissen gefunden hatte, Napoli, der Zielort des D-Zuges 385, der aus Stuttgart gekommen war und in dessen Wagen mit der Nummer 255 sie um 17:47 Uhr in Rottweil ihre Reise begonnen hatte,

die Reise nach Rom, bei der unterwegs am Abend des 30.Oktober 1977, einem Sonntagabend, in Singen die Tante mit Familie am Bahnsteig gestanden hatte, um ihr Adieu zu sagen, bevor sie das Zugfenster wieder geschlossen und dann sogar ein paar Worte hatte wechseln können mit den anderen jungen Menschen im Abteil, die zurückkehren wollten nach Sizilien,

und am nächsten Morgen hatte der junge Sizilianer ihr in Roma Termini den Koffer aus dem Abteilfenster gereicht, den schweren Koffer, in den sie außer Kleidung auch ihre Flöten, eine Insel-Ausgabe von Rilkes Werken und den alten Reiseführer von J.M. Wiesel „Rom, die ewige Stadt“ gepackt hatte,

den Reiseführer aus dem Kohlhammer-Verlag, der sogar etwas älter war als sie selbst, den die Mutter ihrem „geliebten Kind“  zur Abreise gewidmet hatte unter Bekräftigung der Mitfreude und verbunden mit dem Wunsch des „Gott mit Dir“, angefügt des Kindes Namen schon nach italienischem Gebrauch „Gott mit Dir, Federica“,

und endlich war sie angekommen vor dem großen schmiedeisernen Tor in der Via Alessandro Farnese 18 und hatte die Messingklingel gedrückt, die sie später oft gewienert hatte, bis sie wieder glänzte, und Frau W., die deutsche Hausdame, die in Nähe des Pantheons wohnte, hatte sie empfangen und zum Zimmer im zweiten Stock gebracht, das sofort das ihre war und in dem sie noch ein wenig ruhte, bevor der Gong durchs Haus schallte und um 13:15 Uhr das Mittagessen gereicht wurde an altertümlichen Tischen im Speisesaal,

(Fortsetzung folgt)