Zweiter Sonntag nach Weihnachten

Für den heutigen Tagesvers der Herrnhuter Losungen wurde der zweite Vers des 40.Psalmes ausgelost. Ich zitiere aus diesem Psalm die Verse 2 bis 4a nach der Elberfelder Übersetzung:

Beharrlich habe ich auf den HERRN geharrt, und er hat sich zu mir geneigt und mein Schreien gehört.

Er hat mich heraufgeholt aus der Grube des Verderbens, aus Schlick und Schlamm; und er hat meine Füße auf Felsen gestellt, meine Schritte fest gemacht.

Und in meinen Mund hat er ein neues Lied gelegt, einen Lobgesang auf unseren Gott.

Als Lied für den heutigen Sonntag ist Nummer 56 im Evang.Gesangbuch vorgeschlagen, wie schön, ich habe es in der Silvesternacht mit Freunden gesungen, ein „modernes“ Kirchenlied, der Theologe Dieter Trautwein dichtete und komponierte es 1963:

Weil Gott in tiefster Nacht erschienen, kann unsre Nacht nicht traurig sein, lautet der Kehrvers, der nach der letzten Strophe ein Wort austauscht und wechselt zu: Weil Gott in tiefster Nacht erschienen, kann unsre Nacht nicht endlos sein.

(Foto: Über was Josef wohl hier nachdenkt? Bestimmt nicht darüber, wann er wieder in die Kiste der Krippenfiguren verräumt wird. In meiner Kindheit standen die Figuren jedenfalls immer mindestens bis zum Geburtstag der Mutter, der mitten zwischen Epiphanias und Mariä Lichtmess lag)

Die alte Handtasche

Niemand wusste, wo sie wohnte. Jeder sah sie gehen, über das Pflaster der Stadt, im hellgrauen Mantel, eine schwarze Bügeltasche hing an kurzem Henkel über ihrem rechten Unterarm, den sie fest an die Brust drückte. Ihre Beine waren krumm, die Fesseln noch schlank, stets trug sie feine Schuhe, obwohl ihre Schritte schwer geworden waren und kurz. Die linke Hand griff den Knauf eines Gehstocks wie einen Fremdling, ein Hut verdeckte ihr Haar, das die Farbe des Mantels angenommen hatte. Kinder machten sich einen Spaß daraus, ihr nachzulaufen, sie zu überholen, wild zu feixen und allerlei krause Worte nach ihr zu werfen, aber sie beachtete sie nicht und murmelte nur unverständliche Silben vor sich hin. Einmal schnappte ein Hund nach ihrer Handtasche, da erschrak sie und klemmte sie noch fester an sich. Der breitkrempige Hut beschattete die Augen, die vor ihren Schritten her liefen und noch alles wahrzunehmen schienen. Manchmal sah man sie auf einer Bank sitzen, hoch oben über der Stadt, niemand wusste, wie sie dorthin gekommen war, Vögel pickten neben ihren schmalen Füßen, die auf dem Kies ruhten. Einmal öffnete sie den Metallbügel der alten Handtasche und verlor sich lange an deren Inneres. Es war leer.

(Foto: Fund beim Neujahrsspaziergang)

2026!

O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit war eines der Weihnachtslieder, das allerorten gesungen wurde. Inzwischen hat man das Singen der Weihnachtslieder schon wieder verlassen, obwohl die Weihnachtszeit noch andauert, zumindest bis Epiphanias am 6.Januar, wenn nicht sogar bis zum 2.Februar, Mariä Lichtmess (40.Tag der Weihnachtszeit). Fröhlich mag ja noch angehen – auch wenn es häufig mit spaßig verwechselt wird, aber selig und gnadenbringend sind doch oft fremde Vokabeln geworden, mit deren Gehalt viele nichts mehr anfangen können. Mit der Betonung durch Verdopplung folgt in dem Lied – dessen Melodie einer Legende zufolge auf ein sizilianisches Marienlied zurückgehen soll und dessen erste Strophe Johannes Daniel Falk (1768-1826, evang. Schriftsteller und Kirchenlieddichter) in Johann Gottfried Herders Sammlung Stimmen der Völker in Liedern fand (die beiden anderen Strophen verfasste Johann Heinrich Holzschuher aus Wunsiedel) – der Imperativ Freue, freue dich… ! Wie wäre es, wenn wir diesen Imperativ mitnehmen ins eben begonnene 2026, ohne dabei den Blick zu verlieren auf alles, was fern und nah geschieht, was besorgt und durcheinanderbringt. Freue, freue dich !

Ich freue mich beispielsweise immer aufs Neue an einem alten schmalen Kalender mit Schwarzweißfotos italienischer Orte. Ich habe ihn seit 2013 nicht von Wänden genommen, sondern blättere nur immer wieder die Seiten, wenn ein Monat vorüber ist. Wie jedes Mal reise ich daher, wenn der Januar den Dezember ablöst, von Venedig nach Rom. Ich stehe nicht mehr auf feuchtglänzendem Pflaster des Markusplatzes und blicke auf entzündete Laternen und die Säule, die den Markuslöwen trägt, dessen langer Schwanz seltsam frei in Lüften schwingt, sondern ich gehe auf den Pflasterrauten des Ponte Sant‘ Angelo direkt auf das Hadrian-Mausoleum zu, besser bekannt als Engelsburg, und schaue dabei ebenfalls auf einen Geflügelten, auf die Bronzestatue des Erzengels Michael, die der flämische Bildhauer und Architekt Peter Anton von Verschaffelt (1710 Gent-1793 Mannheim, römischer Name Pietro Fiamingo) im Jahr 1748 als Ersatz für die beschädigte des italienischen Bildhauers und Baumeisters Raffaello da Montelupo schuf.

(Foto: Am Schlüsselberg in Basel findet sich ein 1470 entstandenes Relief des Markuslöwen als Hauszeichen am Haus zum Venedig, das einem Kaufmann mit Geschäftsbeziehungen zu Venedig gehörte. Von 1805 bis 1808 befand sich in diesem Haus der Betsaal der dritten jüdischen Gemeinde Basels, von 1824 bis 1891 war es Logenhaus der Freimaurer „Zur Freundschaft und Beständigkeit“, 1955 wurde es als Nebengebäude des Museums an der Augustinergasse umgebaut. Wie in vielen Darstellungen hält der Löwe mit seiner Pfote ein aufgeschlagenes Buch, in welchem man folgende Worte lesen kann: PAX TIBI MARCE EVANGELISTA MEUS – Friede sei mit dir, Markus, mein Evangelist)

(Wie in den vergangenen Tagen versucht, habe ich vor, kürzere Beiträge und sog. Reels künftig auf meinen Instagram Account @achfrie58 zu stellen, anderes weiterhin hier zu bloggen)

Tag 24 im Dezember – Heiligabend – Weihnachtsfest

Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging …

So beginnt die Weihnachtsgeschichte im zweiten Kapitel des Evangelisten Lukas nach der Lutherbibel, und dem ein oder anderen mag dieser Anfang wohlbekannt sein.

Im Alten Testament setzt sich Der Prediger mit der Wechselhaftigkeit menschlichen Lebens auseinander:

Für alles gibt es eine bestimmte Stunde. Und für jedes Vorhaben unter dem Himmel gibt es eine Zeit: Zeit fürs Gebären und Zeit fürs Sterben, Zeit fürs Pflanzen und Zeit fürs Ausreißen des Gepflanzten, Zeit fürs Töten und Zeit fürs Heilen, Zeit fürs Abbrechen und Zeit fürs Bauen, Zeit fürs Weinen und Zeit fürs Tanzen, …. (Kap.3)

Derzeit fragen wir oft: was ist das nur für eine Zeit?

Es geht die Rede von einer Zeitenwende.

Wohin, fragen wir, wendet sich die Zeit und wie ist es ihr möglich, sich zu wenden? Dreht sie sich um und schaut nach rückwärts? Geht sie etwa zurück? Rast sie nicht immer weiter vorwärts, so dass wir oft das Gefühl haben, gar nicht Schritt halten zu können? Wendet die Zeit sich ab, wenn wir in den Spiegel blicken und Spuren sehen, die sie in unser Antlitz geschrieben hat?

Und was ist mit den tausend Jahren, die vor Gott wie der gestrige Tag sein sollen, wenn er vergangen ist?  (Ps.90,4)

Gibt es einen, fragen wir uns, der die Zeiten wendet, jemanden, der weder in Amerika, noch in Russland, China oder wo auch immer sitzt, jemanden, der nicht von dieser Welt, aber doch in der Welt ist?  (Joh.8,23)

Die Fragen selbst liebzuhaben und jetzt die Fragen zu leben, legt Rainer Maria Rilke, dessen 150. Geburtstag im Dezember gewürdigt wurde, einem jungen Dichter in einem Brief ans Herz. Vielleicht, fährt er fort, leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines  fernen Tages in die Antwort hinein.

Ich bin bei Euch alle Tage, bis zur Vollendung des Zeitalters, wird das Kind aus der Krippe eines Tages sagen, als es den Kreuzestod schon hinter sich hat. (Mt.28,20)

1731 wurde die erste gedruckte Losung herausgegeben und seither erscheinen die Losungen der Herrnhuter Brüdergemeine ohne Unterbrechung und inzwischen in etwa 60 Sprachen.

Und so blicken wir über die Weihnachtstage hinaus ins kommende 2026 hinein mit der Jahreslosung, mit Worten, die der Johannes der Offenbarung hörte und die ihm zu schreiben aufgetragen wurden:

Siehe, ich mache alles neu.  (Off.21,5)

FROHE WEIHNACHTEN – BUON NATALE – JOYEUX NOEL

(Hier gibt es nun eine Pause. Der nächste Blogeintrag ist vorgesehen für den 2.Januar 2026)

Tag 23 im Dezember

Auch das vierte Adventswochenende war in Worte und Musik getaucht.

Um die Lörracher Bonifatiuskirche hat man ein „Weihnachtsdorf“ gebaut und das Kirchentor weit gemacht. Locken draußen Grillflammen, glühende Waffeleisen und Würzwein, ziehen Kerzenschein, Weihnachtsillumination und Waldboten nach drinnen. Dort wartet „Jazzy Christmas“, Susanne Hagen (Keyboard, Stimme) und Traute Mittlmeier (Saxofone) füllen den Raum mit amerikanischen Klängen, von Filmmusik (The Preacher‘s Wife) über Diana Kralls Christmas Compilation bis zu „Breath of Heaven“ (Mary‘s Song). Wenn es nach Diana Krall klingt, ist das richtig so, sagt die Interpretin, und dass Jazz helfe, nicht alles so ernst zu nehmen. Es ist spielerischer Ernst, mit dem sich die Musikerinnen in ihre Darbietung werfen, intonieren, improvisieren, vorlegen, antworten, crescendieren, zurücknehmen. Nicht nur im hohen Kirchenraum schwingt die Resonanz.

Die Basler Weihnacht füllt Barfüsser- und Münsterplatz mit Buden, die ganze Stadt mit festlichem Lichterglanz und die dreischiffige Emporenbasilika des Basler Münsters mit dem Adventskonzert der Basler Münsterkantorei, begleitet vom Sinfonischen Orchester Schweiz und der Knabenkantorei Basel. Unter mittelalterlich anmutenden Radleuchtern und zwischen hohen Buntsandsteinwänden werden Menschenscharen still und dann aus vibrierenden Tiefen „per aspera ad astra“ geholt durch Lili Boulangers (1893-1918) Vertonung des 130.Psalms „Du fond de l’abîme“, die jung verstorbene Komponistin wusste, worum sie fleht. „So steigt Boulanger beim Ausruf je crie vers toi im Männerchor vom tiefen fes-Moll über 12 Quinten nach oben und lässt einen dreistimmigen, hellen Frauenchor in G-Dur den Gottesnamen Jahwe, Adonai (…) erklingen“ heißt es im Programmheft. Die Altistin Marion Eckstein (Professorin für Gesang an der HMDK Stuttgart) folgt mit ihrer Stimme den komponierten Bewegungen aus Tiefen hinauf in Himmel. „Wie ein warmes Gewand umhüllt uns anschließend das Adagio aus der Orgelsinfonie von Camille Saint-Saëns“ meint das Programmheft, den Organisten Freddie James (u.a. Professor für Orgel an der Hochschule Luzern) sehe ich aus dem Chorraum in der Ferne hoch oben an der großen Münsterorgel und ich stimme dem Satz des Programmheftes zu wie auch weiteren genannten Beschreibungen von Saint-Saëns (1835-1921) Musik: typisch französisch, Klarheit und Übersichtlichkeit, Eleganz der melodischen Linien, verhaltene Expressivität. Zu „Une cantate de Noël“ von Arthur Honegger (1892-1955) läuft die Knabenkantorei ein, in schwarzen Hosen und roten Pullovern passt sie sich ein ins Bild der Choristen, die schwarzgewandet aus roten Notenmappen singen. Mit Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir lässt auch Honegger sein Weihnachtsstück beginnen, dann folgen wunderbar ineinander verschränkte Melodie- und Textschnipsel verschiedener bekannter Weihnachtslieder und der Bariton (Gregory Feldmann, derzeit Opernhaus Zürich und Metropolitan Opera New York) übernimmt den Part der Engel: Fürchtet euch nicht, denn ich verkündige euch große Freude,… – und schließlich vereinen sich Chor, Knabenchor und Bariton zu Ehrerbietung und Lobgesang: Gloria in excelsis Deo… (Lk.2,17), Laudate Dominum omnes gentes… (Ps.117) und Gloria Patri et Filio et Spirito Sancto, sicut erat in principio et nunc et semper et in saecula saeculorum. Amen (Kleine Doxologie aus der lateinischen Messe). Ich bleibe lange im Nachhall.

Basler Muenster https://share.google/hWbQcSaTyWLf8Y4XQ

(Lichtsensation im Basler Münster)

Tag 22 im Dezember

Singstunde meinen Monsieur Henri de Toulouse-Lautrec und der Büroaufsteller. Dann lassen wir mal das Sternsingerlein singen:

Sie kann den Schnee riechen. Eine pure Frische, die nichts will. Der Schnee ist sich selbst genug. Sie atmet ein, Kälte rinnt in die Kehle. Sie atmet aus und schaut den weißen Gebilden hinterher, die sich an die Winterluft verlieren. Ihr Gesicht glüht, dicke Decken halten ihren Körper warm. Der Schlitten schwebt durch den Wald, lautlos, nur ab und an das Schnauben der Pferde, die Huftritte vom Schnee verschluckt. Plötzlich hört sie ein Rieseln, ja dort, dort vorne wurde der Tanne weiße Last zu schwer, gleich, nein jetzt streifen befreite Nadeln ihre Wange, kaum atmet sie würzigen Duft, ist es vorbei, sie sind vorüber. Der Rücken des Schlittenführers zeigt keine Regung.

(Mini-Text vom 20.Dezember 2023, komplett überarbeitet)

Vierter Sonntag im Advent – Tag 21 im Dezember

ist gleichzeitig Winteranfang und um 16:03 Uhr mitteleuropäischer Zeit Sonnenwende.

Die Verse, die von der Herrnhuter Brüdergemeine für die beginnende letzte Kalenderwoche des Jahres ausgelost wurden, stehen im Philipperbrief, Kap.4, 4 u. 5b, ich zitiere sie nach der Elberfelder Übersetzung:

Freut euch im HERRN allezeit! Wiederum will ich sagen: Freut euch! Der HERR ist nahe.

Eines der beiden im Losungsbüchlein vorgeschlagenen Wochenlieder ist Nr.19 im evangelischen Gesangbuch und wir haben es vor einer Woche auch mit lateinischem Text im Konzert des Motettenchores gesungen: Veni, veni Emmanuel. O komm, o komm, du Morgenstern, beginnt das Lied auf Deutsch.

Spät gestern Abend pusht mir das Smartphone die Nachricht einer MDR-Sendung in die Meldungen (die Algorithmen arbeiten gut), und ich sehe, dass die Sendung über die Herrnhuter Sterne genau gleichzeitig mit meinem Blogeintrag darüber an Tag 19 im Dezember online gestellt wurde. Inzwischen habe ich den 45-minütigen Filmbeitrag angeschaut und lege ihn denen ans Herz, die mehr über Geschichte und Gegenwart dieses besonderen Leuchtens erfahren möchten, auch für mich war Neues dabei und durchaus überraschend die Bestätigung meiner Kindheitswahrnehmung der Herrnhuter Sterne in Königsfeld, sie wurden tatsächlich zur Zeit meiner Kinderjahre erstmals in Königsfeld aufgehängt.

200 Jahre Weihnachtszauber: Die Geschichte des Herrnhuter Sternes https://share.google/DAQzdVlmqIwjM3PpC

(Foto: Herrnhuter Stern in der Buchhandlung Zum Wetzstein, Freiburg)

Tag 20 im Dezember

Endlich hast du die Krippe wieder aufgebaut, entfährt es dem groß gewordenen Jemand, als er zu Anfang der Adventszeit ins Wohnzimmer schneit, und es klingt, als habe er sich jede einzelne Sekunde des vergangenen Jahres nach dem Auftauchen des Stalls und der Figuren gesehnt. Er verharrt einen Moment in andächtiger Entfernung, nimmt alles genau in Augenschein, bemerkt schließlich kritisch die Position eines Schafes. Warum es da stehe, bei einem der Könige, bemängelt er, es gehöre doch zu den Hirten. Mit der Erklärung der nonna zu Platz-, Balance- und sonstigen Gründen gibt er sich nicht zufrieden, sondern eilt nun zügig gen Bethlehem, greift entschlossen das Schaf, setzt es an die rechte Stelle und betrachtet sein Werk mit Wohlgefallen.

Hirten und Herde sind vereint, dass manche Versammelten ein bisschen wackeln, was macht das schon – das Kind liegt in Windeln gewickelt auf seinem roten Kissen, Maria und Josef betrachten es froh, Ochs und Esel blinzeln herüber, die Weisen bringen die Gaben, der Kamelführer lehnt in heller Djellaba an seinem großen Tier, ein paar Steine fixieren das über Kartons gezogene Leintuch, die Kerze ist sicher im orientalisch anmutenden Glas untergebracht und alle können in den Bachchoral einstimmen, dessen Text von Paul Gerhardt stammt: Ich steh an deiner Krippen hier, o Jesu, du mein Leben, ich komme, bring und schenke dir, was du mir hast gegeben…

Dass die Figuren bereits in meiner Kindheit Blessuren hatten, sehe ich auf dem alten Foto, die Krippe begleitet mich nämlich schon seit meinem allerersten Weihnachtsfest, im Elternhaus stand sie immer unter dem Baum, der es -nach dem Umzug in den Schwarzwald noch vor meinem zweiten Weihnachtsfest- nicht weit hatte von seinem Standort im Wald in unsere Weihnachtsstube.

Tag 19 im Dezember

Das Kind sah sie zuerst wenige Kilometer entfernt vom Elternhaus. Dort hingen sie zur Advents- und Weihnachtszeit überall im Ort und verbreiteten ein heimeliges Leuchten: die Herrnhuter Sterne – war doch die Nachbargemeinde eine Herrnhuter Gründung, und zwar die erste planmäßige baden- württembergische Siedlungsgründung der 1727 in Herrnhut durch Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf ins Leben gerufenen Brüdergemeine. Die Gründungsurkunde König Friedrichs I. von Württemberg ist mit dem Datum 12.August 1806 versehen, bereits 1804 schrieb der Diaspora-Pfleger auf der Suche nach einem geeigneten Siedlungsort über die in Frage kommende Fläche: „Der Ort liegt auf dem…Schwarzwald, 20 Stunden von Basel und ebenso weit von Stuttgart entfernt. … Freilich sei es schade, dass man…ihm nicht 4-6 Wochen länger Sommer geben könne. Wenn es aber auch ein etwas raues Klima sei, so sei es doch gesund.“ Später wurde das Gebiet dem Großherzogtum Baden zugesprochen. Bereits 1809 reisten erste Kurgäste aus Basel an, die im ersten errichteten Gebäude, dem „Gemeinlogis“ weilen konnten. Ebenfalls 1809 entstand die „Erziehungsanstalt“ für Mädchen, 1813 diejenige für Jungen, bis heute existieren die Zinzendorfschulen mit breitem Bildungsangebot. 1815 wurde eine Apotheke eingerichtet und ein Arzt ließ sich nieder, Vorboten der späteren Entwicklung zum Höhenluftkurort (auch Albert Schweitzer wohnte ab 1923 immer einmal wieder mit Frau und Tochter in Königsfeld).

Mittlerweile ist der Herrnhuter Stern überall zu sehen, drinnen oder draußen, klein oder groß, ein- oder mehrfarbig, fertig gekauft oder selbst zusammengebastelt, er gilt als Ursprung aller Weihnachtssterne. Seine Geschichte reicht zurück bis in die Anfänge des 19.Jahrhunderts. Ein Erzieher hatte ihn im Mathematikunterricht erdacht, der Stern aus Papier und Pappe sollte nicht nur in den Internatsstuben sein Licht verbreiten, sondern auch ein besseres geometrisches Verständnis bei den Schülern (meist Kinder der Missionare) wecken.  

Wo auch immer sie mir begegnen, verbinden mich die Herrnhuter Sterne mit dem heimeligen Leuchten der Kindheit. Am liebsten sind mir die schlichten weißen einfarbigen. Fragt sich nur, warum meiner seit langem in seiner Schachtel vor sich hin schlummert …

Herrnhuter Sterne https://share.google/CFANdjjrO7OnlW4ki