Dritter Sonntag der Passionszeit – Oculi

„Ich suchte den HERRN, und er antwortete mir; und aus allen meinen Ängsten rettete er mich. Die auf ihn sehen, werden strahlen vor Freude, und ihr Angesicht wird nicht beschämt. Dieser Elende rief, und der HERR hörte, und aus allen seinen Bedrängnissen rettete er ihn. Der Engel des HERRN lagert sich um die her, die ihn fürchten, und hilft ihnen heraus. Schmecket und sehet, wie freundlich der HERR ist. Wohl dem, der auf ihn trauet!“

(Psalm 34 Verse 5 -9 nach der Elberfelder und der Luther Übersetzung; im Herrnhuter Losungsbüchlein ist der Psalm 34 als heutige Bibellese angegeben)

Haus Nr.84

An meinem zwanzigsten Arbeitstag werde ich darüber nachdenken, warum ich Haus Nr.84 nicht beschreiben will, nur von außen, nicht eintreten, weder durch den Haupteingang, zu dem einige Stufen hinaufführen und durch den man in die Halle mit den Ahnenbildern, aber auch in den kleinen Arbeitsraum des Herrn Matern gelangt

   noch über die verfallene Terrasse….

   noch durch die Holzlege…..

   noch durch die Hintertür, durch deren Glasscheibe man die vielen Kinderstiefelchen sehen kann, die dort gleich beim Hereinkommen ausgezogen werden müssen, die vielleicht den Kindern des Herrn Matern gehören, vielleicht aber auch schon den Kindern dieser Kinder, oder den Kindern ganz fremder Leute

  eben weil man das nicht weiß, weil man nichts weiß, alles nur von außen ….“

Wir stehen am Zufahrtsweg zu Haus Nr.84, dort, wo Schilder an die Grenze zum Privaten gemahnen, wir halten das uns liebe Buch in Händen und lesen mezza voce den ganzen Text des zwanzigsten Arbeitstages. Über Gras, das sein Frühlingsgrün noch zurückhält, kommt mit kräftigen Schritten ein hochgewachsener hagerer Herr auf uns zu, in Arbeitskleidung und Gummistiefeln: „Sie sind auf den Spuren meiner Tante?“ – „Ja“, bestätigen wir, wunderlich berührt. „Kommen Sie, gehen Sie ruhig weiter, das Tor steht offen“, lädt der Baron, wie er im Dorf genannt wird, ein. Und so kommt es, dass wir auf dem gekiesten Geviert des Innenhofes stehen und auf das Rund eines steinernen Brunnens blicken, auch auf die vier jüngeren, noch kahlen Bäume, Wächter in den Ecken des Rasenstücks, das den Brunnen rahmt, so kommt es, dass wir in einen tiefer gelegenen Garten blicken, in dem noch nicht die Rosen blühen, aber ein weiteres Brunnenrund die Kreuzung der Kieswege auffängt und eine Magnolie ihre rosige Blütenschar der Frühlingsluft entgegen schickt, so kommt es, dass wir auf altes Gemäuer blicken und auf Narzissen, die ihre gelbe Glocke über das geäderte Grün des Efeus schwingen.

Zuvor haben wir den am Ölbergweg gelegenen Friedhof beschritten und die Sandsteinplatte betrachtet, die vielleicht leicht, vielleicht schwer trägt an der Gravur des Namens der Dichterin, geb. Freiin v. Holzing-Berstett geb. in Karlsruhe 1901 – gest. in Rom 1974, und wir haben darüber den Namen gesehen des geliebten Mannes  der „Windsbraut“ Guido Frhr.Kaschnitz v. Weinberg Archäologe geb. in Wien – 1890 – gest. in Frankfurt Main 1958. Wir haben der freundlichen Frau zugehört, die von ihren Arbeiten am  Nachbargrab aufsah, sich uns zuwandte und davon sprach, noch als Kind der Dichterin immer einmal wieder und nicht nur auf dem Friedhof begegnet zu sein.

Wir haben den Bachlauf der Möhlin gequert, um den Friedhof zu erreichen, wir haben zuvor ein Foto betrachtet der Windsbraut, wie sie vor dem Brunnenrund im Innenhof steht und am Dezembertag der weiße Schleier dem steinernen Brunnen entgegenweht und um den Brunnen herum liegt der Kies und ein dicker Baumstamm wächst in eine Höhe, die das Foto nicht fasst.

„…ich bin immer gern gegen den Wind gelaufen, selbst der heimatliche Westwind, dieser an den Nerven zerrende Heuler gefiel mir…“ schreibt die Windsbraut 1973 in „Orte“ und wir haben das und anderes gelesen und gesehen und gehört im Raum, den man der Dichterin zum Gedenken gewidmet hat im Rathaus von Bollschweil.

(Marie Luise Kaschnitz: Beschreibung eines Dorfes. Mit Fotografien von Michael Grünwald. Insel Taschenbuch 665, erste Aufl.1983)

Die Freiburger Bächle

schicken ihr Dreisam-gespeistes Wasser seit dem frühen 13. Jahrhundert durch die Stadt, wahrscheinlich sogar bereits seit dem 12.Jahrhundert, wobei sie in jenen Zeiten auch Felder außerhalb der Stadt bewässerten und düngten. Im Jahr 1238 finden die Bächle Erwähnung in einer Urkunde des Grafen Konrad von Freiburg, die besiegelt, dass den Dominikanern der Hofstättenzins für ihr „inter duas ripas“ (zwischen zwei Ufern) errichtetes Predigerkloster erlassen wird

Mit dem Ableiten des Regenwassers schwemmten die Bächle auch Schmutz und Unrat aus der Stadt; damit sie ein schönes Bild boten, durften in ihnen tagsüber seit dem 14.Jahrhundert  keine „Ärgernis erregende Stoffe“ entsorgt werden, schließlich wurde die Entsorgung fester Stoffe ganz verboten, so kündet eine Ratsverordnung aus dem 16.Jahrhundert: „Und soll nymandt dhein mist, strow, stain in die bäch schütten…“

Na gut, dass die paarigen Gummistiefel nicht erwähnt sind! Wohin machten sie sich denn an einem durchsonnten Frühlingstag auf? Doch nicht etwa auf die 15,9 km lange (und auf 6,4 km unterirdisch verlaufende) Bächle-Wanderung, die den alemannischen Diminutiv Lügen straft?

Nein, sie eilten kunterbunt ins Literaturhaus, um eine muntere Reise durch die Ländereien des Schreibens zu erleben, unter Reiseführung von Hanns-Josef Ortheil, Kevin Kuhn und Martin Bruch.

(Buchempfehlung: Hanns-Josef Ortheil: Nach allen Regeln der Kunst. Schreiben lernen und lehren. Insel-Verlag 2024)

„Die Alchemie des Klaviers“

ist ein 53-minütiger Film, den ich gestern Abend in der Arte- Mediathek sah. Der 1983 in Locarno geborene Pianist Francesco Piemontesi hat sich aufgrund eines Schlüsselerlebnisses (er hörte eine unveröffentlichte Aufnahme von 1940: Rachmaninoff selbst spielt Teile seiner Symphonischen Tänze) auf den Weg gemacht, die Zutaten des Klavierspiels zu erforschen. Dazu besucht und befragt er ältere Kollegen und Kolleginnen, die auch eine Rolle in seiner eigenen Künstler-Biographie gespielt haben. Er will ihre Gedanken dazu erfahren und vor allem auch die Hintergründe praktischer Umsetzung. So sieht und hört man Maria Joao Pires zum Bestandteil „Körper“, Stephen Kovachevic zum Element „Klang“ (flache Finger, mehr Fleisch auf den Tasten), einen zum Priester „konvertierten“ ehemaligen Pianisten zu den notwendigen „Bildern“ (Faurés Nocturne verbindet er mit dem 1.Johannesbrief; Musik als eine Art Feier), weiter geht es mit den Inhaltsstoffen „Stimme“ (Lernen von der menschlichen Stimme) und „Farbe“ (den Willen zu einer bestimmten Farbe haben). 

Dann: der betagte und sehr wache Alfred Brendel (den ich 1978 einmal bei einem Konzert in Rom erlebte, und zwar hinter ihm auf der Bühne sitzend ) zu „Form“. Wie er aufnimmt, was Francesco Piemontesi spielt, was er wie dazu sagt, sein Mienenspiel (schon allein deswegen lohnt sich der Film) !!!

Außer zu den Besuchen bei den Pianisten-Kollegen begleitet man Francesco Piemontesi auch durch die Rachmaninoff-Villa in Weggis am Vierwaldstättersee (und erfährt zum Beispiel etwas über seinen langen vierten Finger).

Der Film endet mit einem Zitat  von Sergei Rachmaninoff:

„In jedem guten Klavierspiel gibt es einen Lebensfunken, der aus der Aufführung eines Werks eine lebendige Gestalt macht. Er existiert nur im Augenblick und ist unerklärlich.“

https://de.m.wikipedia.org/wiki/Francesco_Piemontesi

(Foto: aktuelle sonnige Gelb-Invasion)

Sacro Monte di Orta

Mezza voce ist im Brahms-Requiem notiert für die Stelle aus Jesaja „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“ und wir haben sie gestern, ich würde sagen, mezza mezza voce gesungen, regelrecht innig, aber dennoch mit großer Intensität und Präzision, und die „Zwiesprache“ mit dem „ich will euch wiedersehen und euer Herz soll sich freuen“ der jungen, wunderbar intonierenden Solo-Sopranistin war so gelungen, dass nicht nur das Publikum in der ausverkauften Bonifatiuskirche ergriffen war. Ganz von allein fingen beim Abgang vom Podest einige aus dem Chor unvermutet an, davon zu sprechen, wie sehr sie plötzlich bewegt waren vom (Ge-)Denken an ihre Mütter oder Eltern (was würden dazu wohl forschende Ethnologen sagen, die Methoden kennen, wie man Menschen ein Reden oder Erzählen über Lebensthemen und Lebensweisen entlockt? –  ich muss mal meine Nachkommin fragen, schließlich hat sie u.a. Kulturanthropologie studiert).

Mir kam ein Bild meiner Mutter in den Sinn, es zeigt sie während ihrer Verlobungszeit (also eine Weile, bevor es mich gab). Sie sitzt, angetan mit einem grünen 50er-Jahre Sommerkleid, Kette und Armreif, wie in einem Lichtkegel auf dem steinernen Abschluss einer schön geschwungenen Geländerbrüstung, unter ihr der See und die Isola San Giulio. Das Foto (eigentlich ein altes Diapositiv) muss auf dem Sacro Monte di Orta aufgenommen sein, der sich inmitten der Halbinsel am Ostufer des Ortasees erhebt und dem Gedächtnis des Hl. Franziskus von Assisi gewidmet ist; die zwischen 1590 und 1788 errichteten zwanzig Kapellen des Pilgerwegs hinauf stellen Szenen aus dem Leben des Franziskus dar, die aus dem 11.Jahrhundert stammende Kirche auf dem Gipfel des Sacro Monte ist dem Hl. Nikolaus geweiht; 2003 ist der Sacro Monte di Orta mit acht weiteren Sacri Monti im Piemont und der Lombardei zum Weltkulturerbe erklärt worden.

Und dann gibt es ein zweites Foto dort oben, da gesellt sich der Verlobte zur jungen Frau im grünen Kleid und hinter den Beiden heben sich die dunklen Gipfel des westlichen Ufers einem Himmelslicht entgegen.

https://www.sacrimonti.org/sacro-monte-di-orta

Zweiter Sonntag der Passionszeit – Reminiscere

Ach, das ist ja wirklich schön, dass das Herrnhuter Losungsbüchlein heute auch unseres Konzertes gedenkt und als Lehrtext den Vers 22 aus dem 16.Kapitel des Johannesevangeliums bringt:

„Ihr habt nun Traurigkeit; aber ich will euch wiedersehen und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen.“

Im Deutschen Requiem von Johannes Brahms singt die Sopranistin diesen Vers im fünften Satz, der Chor fällt dazu mezza voce ein mit „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ (Jesaja 66,13)

(eine wundervolle Stelle)

Cucina della nonna

ist der Titel eines (nicht nur Koch-) Buches, das C.E.F. mir einmal geschenkt hat. Am 4.Februar 2025 habe ich das Buch schon erwähnt, Domenico Gentile (der auch einen Food-Blog hat) präsentiert darin Familienrezepte aus Kalabrien und erzählt dabei ein wenig ihre Geschichten, indem er von Antipasti, contorni e zuppe  über Primi und Secondi piatti zu den Dolci wandert. (Becker Joest Volk Verlag, Hilden 2023)

Als ich heute das Buch vom Regalbrett nehme, fällt mir das eingelegte Buchzeichen entgegen und die schöne Karte, die eine Schachbrettblume (Fritillaria meleagris) zeigt.

C.E.F. hat in einer Stadt des Nordens an den Süden und an mich gedacht, und ich denke (nicht nur) heute an C.E.F. und ihren baldigen Besuch, blättere durch das Buch, tauche mit Texten und Fotos in die Aromen des Südens und erinnere mich, dass das Caffè Portofino nicht nur an der Piazza des Politikers und Volkstribuns Cola di Rienzo (1313-1354) in Rom seine Köstlichkeiten darbietet, sondern auch in der Straße des vermeintlichen Stadtgründers Bertold III. von Zähringen (um 1085-1122) in Freiburg, neben dem Theater. Zwar gibt es dort leider nicht die variantenreichen tramezzini und piatti caldi, aber die gelati sind „cremig, fruchtig, frisch“ und mit oder ohne Sahne vorhanden, und caffè bekommt man auch, also weiß ich ziemlich sicher, wohin es C.E.F. und mich ziehen wird.

Davor aber gibt es Proben, Proben, Proben und ein Konzert, beim Einsingen lockern wir nicht nur die Kiefer, sondern kauen auch die Töne und die Stadt ist ganz augen(ge)fällig mit blauen Plakaten gepflastert!

Die drey scheenschte Dääg – Rückblick

Am Dienstag sind die drey scheenschte Dääg voll in Gang, das Wetter hat sich für aufgelockerte Bewölkung mit sonnigen Abschnitten entschieden, es spricht nichts dagegen, über Frankreich am Rhein entlang in die Schweizer Nachbarstadt zu radeln. Bei St.Johann erreicht uns schon der Rhythmus der Trommeln und das Pfeifen der Piccolo-Flöten, noch ist es vereinzelt und verhalten, rasch wird es sich steigern in Lautstärke und Frequenz. Die Räder parken wir bei der christkatholischen Kirche neben dem Universitätsspital und gehen zu Fuß Richtung Mittlere Brücke. Wir schauen nach oben und sehen, dass die „Trois Rois“ an den drey scheenschte Dääg keine Könige bleiben wollen, sondern sich in Waggis verwandelt haben und aus Vogelperspektive auf das Treiben schauen. Den heute ruhig fließenden Rhein sehen sie nicht, wir aber können ihn immer einmal wieder erblicken.

Laut, sagt der groß gewordene Jemand und hält sich die Ohren zu, als das Trommeln direkt an uns vorbei und auch in unseren Bauch kommt. Und dann geht er richtig los, der Kinder- Cortège, der Fasnachts-Umzug der Binggis, bei dem auch große Menschen und Cliquen, Ainzelmasgge und Gruppen teilnehmen können – und Brücken und Gassen füllen sich mit so viel Volk, so viel Rhythmen und Räppli, dass sie fast bersten.

Wir bewundern die fantasievollen Kostüme und Sujets, lassen uns vom hypnotischen Pfeifen und Trommeln einlullen und wärde au mol gstopft (später werden wir Mühe haben, die knallbunten Räppli wieder loszuwerden). Der groß gewordene Jemand und der freudige Fratz haben sich inzwischen an das Treiben gewöhnt und sammeln eine Menge Dääfeli und Plüschtierchen, die an Buntheit den Räppli in Nichts nachstehen. So große Schuhe wie die herzigen Clowns haben wir nicht, aber wir wollen ja auch nicht die lange Strecke mitlaufen, sondern nur den Rheinsprung hinauf, um auf dem Münsterplatz die Laternen – Gehäuse zu bestaunen. Dass das und erst recht danach der Weg zurück zu den Rädern zu einem Schneckenrennen gerät, weil kaum noch ein Durchkommen ist und aus allen Winkeln, Ecken, Straßen und Gassen immer neue Formationen trommelnd und pfeifend marschieren, lässt uns bedauern, dass wir uns nicht mit einem der zem Siirpfle angebotenen Wässerli gestärkt haben.

Schließlich befreien wir aber die Räder aus der Kohorte derer, die sich zu ihnen gesellt haben, erreichen über St.Johann den Dreylanddichterweg am Rhein, entfernen uns von Rhythmen, Räppli und Menschenmengen und denken daran, dass der mit weißer Hose, blauem Hemd und rotem Foulard gekleidete Waggis ursprünglich ein elsässischer Tagelöhner war.

(Und wer nicht weiß, was Binggis sind, der darf unter dem Link nachschauen)

https://www.dwds.de/wb/Binggis