It´s fresh! – C´est cool!

Mit diesem doppelten Ausruf empfängt mich am Morgen das Terrassenfenster.

Es hat sich ganz offensichtlich inspirieren lassen durch das 2024 geschaffene Werk Avenue Rapp des gelernten Gartenbauingenieurs und künstlerischen Autodidakten Bertrand Lavier (geb.1949), dessen weiße Pinselstriche auch auf den Flyern und Stickern der Ausstellung Fresh Window zu sehen sind. Der Pfad des QR- Codes führt zu Informationen über die Erweiterung der Ausstellung in den Basler Stadtraum hinein, wo ehemalige Studierende des „Institut Kunst Gender Natur HGK Basel FHNW“  sieben Schaufenster „installativ und performativ bespielen“, siehe Link.

https://www.tinguely.ch/de/ausstellungen/ausstellungen/2024/fresh-window/schaufenster-in-der-stadt.html

Und ist da nicht auch einer von Tinguelys Engeln auf dem Fenster gelandet?

„Fresh Window – Kunst & Schaufenster“

heißt eine Ausstellung im Tinguely- Museum Basel, die noch bis 11.Mai zu sehen ist, und das Museum hat sie so eingerichtet, dass man zuerst die hohe Fensterfront mit Rheinblick und den langen Gang am Fluss entlang geführt wird, bevor man die über drei Stockwerke verteilten Ausstellungsräume erreicht.

Dort begegnet man einer Replik des titelgebenden Werks von Marcel Duchamp (1887-1968):  Fresh Window von 1920, mit dem er Funktionen und Bedeutungsebenen eines Fensters ad absurdum führte. Dann erfährt man, dass Jean Tinguely (1925-1991) als Schaufensterdekorateur begonnen hat, es war sein in Basel erlernter Ausbildungsberuf, Fotografien zeigen zu Beginn der Ausstellung u.a. seine Dekorationen für die Buchhandlung Tanner und das Basler Optikergeschäft Ramstein Iberg Co. aus den 50er Jahren, zum Ende der Ausstellung seine fürs Berner Warenhaus Loeb geschaffene Rotozaza III von 1969, die im Schaufenster Geschirr zerstörte (eine Konsumkritik). Dass Tinguely seine Karriere als Lehrling eines Schaufensterdekorateurs begann, war mir nicht bekannt, zum Glück ging es einem Kurator der Ausstellung auch so: Adrian Dannatt stellt im Katalog „Reflexionen über das Schaufenster“ und die Ideenentwicklung zur Ausstellung an, er dachte „über die lange Geschichte dieser kreativen Zusammenarbeit“ nach und fand immer mehr Künstler:innen, die auch im Beruf der Schaufensterdekorierenden tätig waren oder sind. Arbeiten von Christo und Warhol sind zum Beispiel vertreten; Ende der 50er Jahre gab es legendäre Dekorationen für Tiffany & Co. von „Matson Jones“, hinter dem Pseudonym verbargen sich Jasper Johns (geb.1930) und Robert Rauschenberg (1925-2008). Von deren Ideen und Inszenierung im starken Hell-Dunkel-Kontrast geht eine glitzernde Faszination aus, aber auch Tinguelys Idee für Wohnbedarf Jehle von 1950 hat etwas:  „Der Himmel kann warten…“ – und wenn man sich fragt, was nun lachende Engel und Himmel mit einem Geschäft für Wohnbedarf zu tun haben, hilft ein weiteres Schild im entsprechenden Schaufenster weiter: „…denn, Schränke von Wohnbedarf sind für Ihre Kleider das Paradies auf Erden“.  Womit man wahrlich paradiesisch geerdet ist. Und dann taucht auch noch Nofretete auf …
 

Bühnenbild für Kleopatra

Habe ich mich heute vertan? Jedenfalls betrat ich heute früh einen Bühnenraum. Robert Delaunay (1885-1941) hat das Bühnenbild entworfen (seine Frau Sonia Delaunay,1885-1979, im Übrigen die Kostüme). Wer die Ballons und Girlanden aufgehängt hat, verrate ich nicht, es fügte sich aber überraschend und gut um den „Thron“. Und nun lass ich den Büroaufsteller mal Büroaufsteller sein, oder?

Schneeglöckchen

Ich habe die ersten Schneeglöckchen gesichtet! In einem Nachbargarten waren sie plötzlich da. Noch stehen sie ein wenig zitternd im Wind und versagen sich den Gesang, als wüssten sie nicht genau, ob er schon angebracht ist. Lieber halten sie ihre Köpfchen geschlossen und harren der Tage, die kommen. Dann werden sie Aufstellung nehmen zum Vorfrühlings-Chor und ihre hellen Stimmen finden sich wieder ein in altbekannte Melodien.

Schneeglöckchen (auch Marienkerzen genannt, botanischer Name Galanthus) sind ein beliebtes Sammlerobjekt geworden, es gibt Schneeglöckchentage mit Versteigerungen, für bestimmte Exemplare werden mehrere hundert Euro gezahlt und die Schneeglöckchen- Liebhaber nennt man galanthophil.

Else Lasker-Schüler

SWR Kultur sagt mir, dass heute vor 156 Jahren, am 11.Februar 1869, Else Lasker-Schüler in Elberfeld (Wuppertal) geboren wurde. Gestorben ist sie am 22.Januar 1945 in Jerusalem und dort am Ölberg begraben. „Das Hebräerland“ erschien 1937 in der Schweiz, 1933 war Lasker-Schüler in die Schweiz emigriert, 1939 wurde ihr nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges die Wiedereinreise aus Palästina in die Schweiz verwehrt. Meine dtv-Taschenbuch- Ausgabe vom „Hebräerland“ habe ich im August 1986 gleich nach Erscheinen erworben, vor einer Reise nach Israel im Oktober 1986. Gedichte von Else Lasker-Schüler hatte ich zuvor schon gelesen. Ich erinnere mich, dass ich fasziniert davon war, wie sie sich mit ihrer Figur „Jussuf, Prinz von Theben“ ein Alter Ego geschaffen hatte in Worten und Bildern.

Flüchtige Fantastereien

Eines Tages fragte Dorothea sich, wie oft sie im Einkaufsgewühl Gedanken verlegt hatte. Die Gedanken waren durch das Gitter des Einkaufswagens gerutscht auf den grauen Fliesenboden des Supermarkts, abhandengekommen zwischen den Waren, die Dorothea aus den Regalen gezogen und in den Wagen gelegt hatte. Was benötigt wurde, hatte Dorothea im Kopf notiert, keinen Einkaufszettel geschrieben, nie hatte sie etwas vergessen. Sie ließ sich gern inspirieren vom jahreszeitlich wechselnden Angebot, einen festen Wochenplan für die Gerichte gab es nicht. Stand sie dann in der Küche, versuchte Dorothea oft, im Kochdunst flüchtige Fantastereien einzufangen, aber die Abzugshaube nahm fast alles mit, übrig blieb eine Freude an den frischen Farben der Gemüse, die sie geputzt hatte, und zudem fand Dorothea hübsch, wie sich die bunten Schälreste im Spülbecken zu neuen Ensembles zusammenfanden. Es gefiel ihr auch, dass sie in der Küche allein war, allein mit den Speisen, die sie gerne kreierte, und ab und an blieb sogar ein ferner Gedanke, heftete sich an den Pfannenwender oder fungierte als Soßenbinder.

Meist aber gingen die Worte verloren und Dorothea suchte sie auch zwischen  Wäschebergen vergeblich. Da fragte sie sich eines Tages, wo all die verschwundenen Worte jetzt waren, sie dachte an all die Gedanken, die die Putzmaschine des Supermarkts von den Bodenfliesen gewischt hatte und beschloss, Stift und Papier zu kaufen.

Vierter Sonntag vor der Passionszeit

„Und er sprach zu mir: Menschensohn, alle meine Worte, die ich zu dir reden werde, nimm in dein Herz auf, und höre sie mit deinen Ohren!“

„Bei dem aber auf die gute Erde gesät ist, dieser ist es, der das Wort hört und versteht, der wirklich Frucht bringt; und der eine trägt hundert-, der andere sechzig-, der andere dreißigfach.“

(Hesekiel 3,10 und Matthäus 13,23 nach der Elberfelder Übersetzung; Herrnhuter Tageslosung und Lehrtext)

Das Wimmelbuch

In den Seiten des Wimmelbuchs verstecken sich viele Geschichten, der freudige Fratz geht auf Entdeckungsreise und nimmt dabei seinen inzwischen ordentlich gefüllten Wortrucksack mit. Hier und da macht er halt und holt ein oder zwei Wörter heraus, „Boot“ zum Beispiel darf beim Rhein bleiben, das „Tü-Tata“ bei den Feuerwehrautos, „Sch-aaf“ bei den Gärten,  die „Katze“ ist beliebt und kommt gleich mehrfach rasch aus dem Sack. Schließlich landet der freudige Fratz mit André und Amelie, die durch das Buch radeln, beim Bläserfestival und mischt sich unter das musizierende und tanzende Volk. Dass die glücklich ausgepackte „Ööte“ keine Flöte ist, sondern eine Trompete, nimmt der freudige Fratz zum Anlass, das neue Wort vorsichtig in seinen Rucksack zu legen – bestimmt holt er es beim nächsten Ausflug heraus!
 

(„Wimmelspass in Weil am Rhein“, hrsg. von Weil am Rhein Wirtschaft & Tourismus GmbH 2012)

Vom Vermissen

Kann ich einmal nicht den Höhenweg radeln, weil ich Glätte befürchte an den steilen Stellen, vermisse ich ihn sofort.

Ich vermisse rechts das Schild mit der Aufschrift Landesgrenze und darunter dem Karee mit dem weißen Kreuz im kräftigen Rot neben dem Rechteck in Schwarz-Rot-Gelb .

Ich vermisse links den einfachen Brunnen aus rötlichem Stein, der da seit dem Jahr 1996 steht, „uff Aareegig vo Pro Schlipf“, wie die Gravur sagt, und die Holzpflöcke, die die für ihn geschaffene Lücke im Hügel rahmen, vermisse ich auch.

Ich vermisse rechts das Grasstück vor einer Hütte, auf dem im Frühjahr Krokusse sich empor wagen und später Narzissen üppig blühen und im Herbst Herbstzeitlose ihr Violett gegen das Braun des Herbstlaubs verteidigen.

Ich vermisse den Rosmarinbusch, der dort auch steht und ganzjährig sein kräftiges Grün bewahrt und den alten Baum, der das Grasstück auf der anderen Seite abschließt, den vermisse ich auch.

Ich vermisse den Blick auf den Chrischona-Hügel mit dem hoch in den Himmel ragenden Sendeturm darauf und der Kirchturmspitze, die man rechts daneben auch ausmachen kann. Und das Morgenlicht, das frei oder verborgen hinter dem Hügel aufsteigt, das vermisse ich auch.

Ich vermisse den Blick ins Tal, wo der Wiesentalbach eine gerade Straße bildet und wo eine Rauchfahne sich erhebt, immer weiß, manchmal wie festgefroren.

Ich vermisse die alten Holzlattenzäune, auf denen sich Moose und Flechten niedergelassen haben, und die Obstbäume dahinter, die jetzt kahl sind, bald aber ihre Säfte aktivieren werden.

Ich vermisse die Reihen der Stäbe und Drähte, an denen die Reben hinaufwachsen, rechts hügelab und links hügelan, und die Stapel des Rückschnitts, die zwischen den Reihen liegen, die vermisse ich auch.

Ich vermisse den Gedanken an die neuen Triebe, die kommen werden und an die Massen gelber Löwenzahnsterne, die dann zwischen den Reihen leuchten werden.

Ich vermisse die einfachen Holzhütten und die ausgebauten Chalets mit den umgebenden Gärten, die bald wieder zum Leben erwachen werden.

Ich vermisse die Glöckchen, die man Schafen umgebunden hat, die zu einem Grundstück rechts gehören, und den roten Traktor mit den gelben Felgen, der jetzt unter einer mattgrünen Plane verborgen ist, den vermisse ich auch.

Ich vermisse den tönernen Kopf, der seit Jahr und Tag an derselben Stelle liegt und den Blick immer gen Himmel richtet, nie zu mir.

Ich vermisse die ausgediente Schubkarre rechts, deren Bepflanzung nun in der Winterruhe ist, und die kleinen gelben Winterblüher links vermisse ich auch.

Ich vermisse die Ruhe auf dem Weg, bevor er sich ganz hinuntersenkt ins Wiesental und die Brücke hinüberführt in eine andere Welt.