Mozart in Mannheim

Ob Mozart bei seinem Mannheim-Aufenthalt schon ahnt, dass er sich – etwa 10 Jahre später- nämlich im September 1787 zusammen mit seiner am 5.Januar 1762 in Zell im Wiesental geborenen Frau Constanze Weber nach Prag aufmachen wird, um dort im Zusammenwirken mit den Aufführenden (und dem Librettisten) die Oper Don Giovanni zu vollenden? Wohl kaum. 

Das Schild an der dem Schloss nahen Jesuitenkirche verrät weder mir noch dem begleitenden Nachkommen (der immerhin mit Wolfgang Amadeus ein gewisses Datum teilt), wann genau der Zeitraum war, in dem Mozart die Gottesdienste der Kirche besuchte, und es verrät auch nicht, dass Mozart die Familie Weber 1777 in Mannheim kennenlernte (sich dabei aber nicht in Constanze, sondern in deren ältere Schwester Aloisia, eine Sopranistin, verliebte). 

Das Café Prag sehen wir leider nur von außen (behalten uns aber nach Lektüre über Geschichte und Ausstattung einen späteren Besuch dort vor) und auch am Barockschloss, einer der größten Residenzen Europas, defilieren wir nur vorbei, versäumen dabei aber nicht, dem Kurfürsten Carl Theodor (1724-1799) einen Gruß zu entbieten, nachdem wir ihm bereits zuvor in seiner Schwetzinger Residenz eine Aufwartung machten und in seinem von Anfang an auch für das Volk geöffneten Schwetzinger Schlossgarten lustwandelten (der private Rückzugsort für ihn und seine Gäste  war das durch Hecken abgeschirmte Badhaus).

Was Carl Theodor alles auf den Weg brachte, können wir hier nicht aufzählen, zum Beispiel ging aus der 1773 von Carl Theodor gegründeten  kurfürstlich-pfälzischen Academie der Maler, Bildhauer- und Baukunst die heutige Kunstakademie Düsseldorf hervor und auch die klassizistische Stadterweiterung Düsseldorfs (Carlstadt) geht auf ihn zurück (Schloss Benrath, Schloss Jägerhof, Umbau Düsseldorfer Schloss, Erweiterung Düsseldorfer Hofgarten). Und wenn wir in Heidelberg über das Pflaster der Alten Brücke gehen und nach rechts und links auf den Lauf des Neckars schauen, denken wir daran, dass sie den offiziellen Namen Karl-Theodor-Brücke trägt und als insgesamt neunte Brücke an dieser Stelle unter Carl Theodor aus regionalem roten Sandstein erbaut wurde.

Eigentlich wollen wir ja Mozart in Mannheim begleiten: er spielt dort jedenfalls schon als Siebenjähriger für eben diesen Kurfürsten Carl Theodor und kommt immer einmal wieder nach Mannheim zurück, seine Aufenthalte dort summieren sich auf gesamt 176 Tage. Im Jahr 1777 schreibt er aus Mannheim nicht nur an seinen Vater, sondern auch (wegen ihrer speziellen „Machart“ bekannt gewordene) Briefe an sein „Allerliebstes bäsle häsle“, auch „Ma très chère Cousine“ genannt, bevor der Vater Anfang 1778 die Weiterreise nach Paris befiehlt.

(Das Reclam-Opernlibretto-Heft Don Giovanni, Reclam-V. Stuttgart 1954 habe ich mit weiteren dieser Art vor vielen Jahren einmal bei der Büchertauschbörse der Stadtbibliothek mitgenommen, in der Einleitung schreibt Wilhelm Zentner zur Entstehungsgeschichte der Oper, zu Schwierigkeiten der Aufführung in Wien wegen spezieller Sängerwünsche etc. und dazu, warum Mozart und da Ponte die Hauptpersonen des Dramas noch einmal in der Schluss-Szene auf der Bühne vereinigt sehen wollten „der Zuschauer sollte die Fäden ihres künftigen Geschicks entwirrt sehen und mit einem Gefühl der Versöhnung, wie es der Titel `heiteres Drama´ verhieß, nach Hause gehen“)

(Lux perpetua – ein vielfältig kulturelles Requiem über Ewigkeit nach Mozarts Requiem KV 626 von Maximilian Guth wird der Motettenchor Lörrach zusammen mit dem Asambura-Ensemble im Rahmen des Stimmenfestivals am 29.Juni 2025 im Burghof Lörrach zur Aufführung bringen)

(Buch: Wolfgang Amadeus schreibt an Maria Anna Thekla Mozart … und der nähmliche narr bleibe ich. Hrsg. Von Reinhard Ermen, mit Bildern von Michael Mathias Prechtl und einem Essay von Hanns-Josef Ortheil; Büchergilde Gutenberg, Frankfurt a.M. und Wien, 2.Aufl.1991)

https://www.schloss-mannheim.de/presse/pressemeldungen/pressemeldungen-detailansicht/6747/2023/november/10

Zweiter Sonntag nach Ostern – Misericordias Domini

Im Herrnhuter Losungsbüchlein ist für die heutige Bibellese der Psalm 23 angegeben, ein Psalm von David. Ich zitiere Vers 1 bis 3a nach der Elberfelder Übersetzung:

Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.

Er lagert mich auf grünen Auen, er führt mich zu stillen Wassern.

Er erquickt meine Seele.

(Foto: Im Schlosspark Schwetzingen am 3.Mai)

„Vertonte Orangen“

überschreibt Peter Peter ein Kapitel in seinem Buch Blutorangen – Eine Reise zu den Zitrusfrüchten Italiens, das mir C.E.F. einmal schenkte (dann und wann erhalte ich ja schöne Geschenke). Das Kapitel kümmert sich um ein sehr bekanntes Goethe-Gedicht und die von ihm inspirierten Vertonungen.

Und was mache ich, wenn mich wie neulich nach den Farben und Aromen Italiens verlangt? Richtig – ich schaue, was ich kochen kann und kreiere ein einfaches Gericht: Spaghetti (Grano duro, aus der Bronzeform) mit grünem Spargel, Kirschtomaten, Kapern und Gremolata.  Einen Zesteur (Zestenreißer) für die Gewinnung der Zitronen-Zesten habe ich nicht, es funktioniert auch mit der feinen Reibe (unbehandelte Bio-Zitrone, Abrieb streng von der Schale). Sonst benötigt man für die Gremolata nur noch glatte Petersilie und frischen Knoblauch, beides kleingehackt, eventuell etwas Olivenöl. Die al dente- gekochten Spaghetti gibt man in die Pfanne, in der man zuvor die Spargelstücke in Olivenöl angebraten hat (evtl. kann man sie zuvor kurz in Gemüsebrühe blanchieren), dort hat man auch die halbierten Kirschtomaten und einen Esslöffel voll Kapern hineingerührt, mit Salz und Pfeffer abgeschmeckt, mit ein wenig des Nudelwassers abgelöscht und alles gut untereinandergehoben. Die Gremolata ist ganz zum Schluss die Krönung .

(Peter Peter: Blutorangen. Eine Reise zu den Zitrusfrüchten Italiens. Wagenbach-V. Berlin 2024)

Un giro a Basilea

Bereits vor Längerem wurde im Italienisch-Konversationskurs für den 30.April der Rundgang durch Basel geplant – und wie es sich gehört, ist das Wetter einfach perfetto. Auf der Hinfahrt bewahrt der Uferwald der Langen Erlen noch ein wenig die Nachtfrische, die Dreiland-Rückfahrt entlang des Rheins gerät schon sommerlich und dazwischen folgen wir einem „Spielerischen Spaziergang für Kinder“ durch „die verzauberte Stadt“ – und wie es sich gehört, folgen wir natürlich nicht auf Deutsch dem Buch, sondern auf Italienisch der Übersetzung, die Beflissene früher einmal gefertigt haben. Übersetzen müssen auch wir, nämlich mit dem traghetto, das zwar beim Besteigen schaukelt, dann aber bei Niedrigwasser und ruhiger Strömung sehr gemächlich über den Fluss gezogen wird, so dass wir recht lange die Nähe zum Rheinwasser genießen. Zuvor haben wir schon einige Stationen gesucht und gefunden, vor allem tierreich geht es zu, später ist aber auch einmal ein Römer dabei, es gilt, seine rote Hose unter dem kurzen Rock zu entdecken. Ich entdecke tatsächlich auch mir Neues, ich wusste zuvor nicht, dass es sich bei dem Römer um den Feldherrn Lucius Munatius Plancus (87 v.Chr.-15 v.Chr.) handelt, der auch als Stadtgründer von Basel gilt. Und vom Flüsterbogen an einer seitlichen Tür der Münsterfront hatte ich bislang ebenfalls keine Kenntnis, wir machen die Probe und üben sussurrare (welch geniales Wort!) auf der einen und sentire auf der anderen Seite, und siehe oder höre da, es klappt hervorragend. Das Versteck des Sandstein-Hündchens am Fuß der Kanzel bleibt uns genauso wenig verborgen wie das leicht befremdliche Aussehen der beiden Sandstein-Elefanten, die Säulen eines Fensters tragen. Da wusste der Schöpfer des Elefanten am gelben Haus, Carl Gutknecht, im Jahr 1915 bereits besser Bescheid über die Elefanten-Gestalt, er hatte aber auch eine gute Vorlage, den ersten Elefanten des Zoologischen Garten Basels nämlich, wobei es sich –genauer gesagt –  um eine Elefantendame handelte, die den schönen Namen Miss Kumbuk trug. Noch mehr Tiere warten in den hügeligen Gässchen dieser Ecke, ja, da ist der Falke und dort der goldene Löwe, der – wie kann es anders sein – das Haus zum Venedig nicht nur ziert, sondern auch kenntlich macht, denn, da es in früheren Zeiten keine Hausnummern gab, erhielten die Häuser Eigennamen, und da etliche Menschen des Lesens und Schreibens unkundig waren, wurden die Eigennamen auch in Form von Gemälden oder Reliefs auf den Häusern platziert. Den goldenen Löwen und sein Haus zum Venedig kannte ich immerhin schon und wusste auch, dass ein Kaufmann mit Geschäftsbeziehungen zu Venedig im Jahr 1470 den geflügelten Markuslöwen an sein Haus anbringen ließ.

Und das Ende der Geschichte? Wer hilft denn nun den Kindern im Buch und uns alten corsisti unterwegs, das Ziel zu finden, das besondere Basel-Tier, das die Stadt entzaubert, so dass Helvetia weiterreisen kann? Ist das etwa wirklich der Lällekönig, das gekrönte Haupt, das allen Ankömmlingen die Zunge (baseldytsch „Lälli“) herausstreckt? Hm?

https://www.reinhardt.ch/de/basiliensia/504-basel-die-verzauberte-stadt-ein-spielerischer-spaziergang-fur-kinder.html

„In 80 Bäumen um die Welt“

Die Ausstellung Nordlichter in der Fondation Beyeler habe ich vor Kurzem zum zweiten Mal besucht. Sie widmet sich der zwischen den 1880er und 1930er Jahren in der sogenannten borealen Zone entstandenen Landschaftsmalerei, außer dem bekannten norwegischen Maler Edvard Munch sind viele Künstler und Künstlerinnen aus Skandinavien und Kanada vertreten, deren Namen außerhalb ihrer Herkunftsländer kaum im Gespräch sind. Das zentrale verbindende Motiv ist der Wald, dessen Korrespondenz und Interaktion mit dem nördlichen Licht und mit den weiteren Elementen der Landschaft und des Himmels wie Wasser, Felsen, Schnee, Wolken. Dabei taucht man ein in helle oder dunkle Stimmungen, man steht mit Weitblick oder mitten in undurchdringlichem Wald, ohne dass man durch Schilder neben den Gemälden gestört wird. Wer will, findet Titel, Namen und Daten zum jeweiligen Werk auf dem hölzernen Fußboden. Wikipedia sagt mir, dass der griechische Gott des Nordwindes Boréas Namensgeber des Oberbegriffs für die Wälder der kaltgemäßigten Klimazone ist, mir war der boreale Nadelwald bisher eher unter dem Begriff Taiga geläufig.

Zwar sind mein begleitender Nachkomme und erst recht ich dem Mitmachheft-Alter längst entwachsen, das Heft nehme ich dennoch mit, weil es so schön einlädt zum Rundgang mit „alles, was Du brauchst, ist dieses Mitmachheft und einen Bleistift“ und dabei die Erfahrung von spannenden Geschichten verspricht. Mit „Erzähl doch mal!“  regt Seite 6 an, eine kleine Geschichte zu den Bildern von Edvard Munch zu erfinden, Seite 7 möchte mit „Adlerauge“ den Blick auf Details schärfen und Seite 9 fragt „Wie hört sich ein Wald für Dich an und wie riecht es auf einem Berg?“

Im Museumsshop begeistern wir uns dann noch für „eines der leisesten und schönsten Bücher des Jahres“: das mit wundervollen Illustrationen von Lucille Clerc versehene „In 80 Bäumen um die Welt“ von Jonathan Drori (aus dem Englischen von Bettina Eschenhagen & Ulrich Korn, Laurence King-Verlag, 2.Aufl.2022). Darin findet sich zum Beispiel die Dahurische Lärche aus Sibirien, der asiatische Wildapfel aus Kasachstan, die Yoshino-Kirsche aus Japan, die Schwarz-Erle aus Italien, die Papier-Maulbeere aus Tonga, der gewöhnliche Zucker-Ahorn aus Kanada, der Granatapfel aus dem Iran, die Flötenakazie aus Kenia, die echte Quitte aus Kreta, der Olivenbaum aus Israel, der Baum der Reisenden aus Madagaskar (und jetzt muss ich aufhören, sonst zähle ich tatsächlich noch alle 80 auf).

(Die Ausstellung Nordlichter ist in der Fondation Beyeler, CH-Riehen, noch zu sehen bis zum 25.Mai 2025)

https://fondationbeyeler.ch

Calendario Romano

Am 4.August 2024, einem heißen Tag, lief ich nicht nur an Bauzäunen, der Piazza Venezia, der „Schreibmaschine“ (Monumento Vittorio Emanuele II), den Kaiserforen, dem Kolosseum, an Kloster- und Kirchenkomplexen entlang, sondern auch an Souvenirlädchen vorbei. „Roma si trasforma“ war in großen Lettern auf die Bauzäune gepinnt – aber lächelte nicht auf dem bereits für 2025 zu erwerbenden Calendario Romano genau derselbe junge Priesteranwärter wie damals auf dem Kalender für 1978?

Am Mittwoch, den 16.November 1977 schrieb ich : „ Gestern Mittag habe ich übrigens noch gesehen, wie die Priester im Haus gegenüber auf ihrer Dachterrasse Rollbrett fahren! Zuerst glaubte ich meinen Augen nicht zu trauen, es war aber auch wirklich ein köstliches Bild: wie sie in ihren langen schwarzen Kutten hoch über Rom ungeschickt ihre Balance halten, einander stützend!“  (das Collegio gegenüber der heutigen Casa Valdese gibt es noch, Rollbrett-fahrende Priester habe ich aber nicht mehr entdeckt)

Am Donnerstag, den 3.November 1977 schrieb ich über Szenen auf dem Petersplatz: „Freudejauchzend springen Kinder auf den Pflastersteinen und spielen mit den Tauben; ein Pater lächelt liebevoll ob der Unbefangenheit der Kleinen. … Nach Dienstschluss gehe ich mit E. , S.  und dem Hund Luchs noch einmal zum Petersplatz, damit ich sehe, wo die Vatikanpost sich befindet. Eine Weile sitzen wir auf dem schönen Stein, links erhebt sich mächtig die Fassade des Petersdomes, gegenüber die andere Säulenhalle, gekrönt mit den Statuen vieler Heiliger. Darüber erhebt sich in den nachtdunklen Himmel der Häuserhügel des Vatikans, dessen warmscheinende Fenster uns wie Augen anblicken.- Lustig, wenn man sagen kann, sieh, der Papst hat Licht! Ich kenne nun das Fenster, aus dem er jeden Sonntag um 12 Uhr auf den Platz hinausblickt. Der Springbrunnen auf dem Platz ist um diese Zeit zum Lichtbrunnen geworden: er scheint wässriges Licht zu versprühen.“

Am Samstag, den 26.April 2025 fragt mich eine Freundin, ob ich „in Rom dabei“ bin. Natürlich bin ich in Rom dabei! Die ganze Zeit. Wechsle aber zu Vatican Media Live deutsch, da sind die Bilder und die kommentierende Begleitung ruhiger.

Am Dienstag, den 4.März 2025 sah ich im Kino den auf dem gleichnamigen Roman von Robert Harris basierenden Film  „Konklave“ von Edward Berger, in dem u.a. Ralph Fiennes, Stanley Tucci und John Lithgow Kardinäle spielen und Isabella Rossellini eine Ordensschwester.

Und als ich heute „Meine Reise nach Rom“ von Émile Zola in die Hand nehme, liegt das gelbe Lesebändchen zwischen den Seiten des 8. und 9.November 1894 und an diesem 9.November schreibt Zola gerade über die Kardinäle.

(Buchempfehlung: Émile Zola „Meine Reise nach Rom“, Handbibliothek Dieterich, DVB Mainz 2014)

Erster Sonntag nach Ostern – Quasimodogeniti

„Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der nach seiner großen Barmherzigkeit uns wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.“ (1.Petrus 1,3 nach der Elberfelder Übersetzung; im Herrnhuter Losungsbüchlein heute als Wochenspruch angegeben)

Sein Buch „Wage zu träumen“ schloss Papst Franziskus mit einem 2020 geschriebenen Gedicht des kubanischen Schauspielers Alexis Valdés mit dem Titel HOFFNUNG, das so beginnt:

Wenn der Sturm vorüber sein wird/ und die Straßen besänftigt/ und wir die Überlebenden…

Ich zitiere einige Strophen daraus:

Und dann werden wir uns erinnern/ an alles, was wir verloren haben / und wir werden endlich lernen/ all das, was wir nie gelernt haben …

Wir werden verstehen, wie fragil es ist/ am Leben zu sein/ wir werden Mitgefühl schwitzen/ für die, die sind und die, die gegangen sind …

Und alles wird ein Wunder sein/ Und alles wird ein Vermächtnis sein/ Und das Leben wird geachtet werden/ das Leben, das wir gewonnen haben

Wenn der Sturm vorbei sein wird/ bitte ich dich, Gott, bekümmert/ dass du uns besser zurückgibst/ so wie du uns einst geträumt hast

(Foto: Santa Maria Maggiore am 4.August 2024; Buch: Papst Franziskus „Wage zu träumen! – Mit Zuversicht aus der Krise“ Im Gespräch mit Austen Ivereigh,Kösel-V.2020)

Die Häschenschule

Daran erinnere ich mich noch, sagt der groß gewordene Jemand, als er die einfache alte Osterdekoration sieht, die nur einmal im Jahr zu betrachten ist. Und wenig später fragt er: ist das die Häschenschule? Ja, sagt da die nonna, genau (deswegen mag die nonna auch diese Dekoration, weil sie sie erinnert an „ein lustiges Bilderbuch von Fritz Koch-Gotha zu Versen von Albert Sixtus“).  Der groß gewordene Jemand, der schon einige Buchstaben malen kann, obwohl er noch nicht in einer Schulbank sitzt, hat inzwischen schon so allerhand in seinem Kopf an (präzisen) Erinnerungen, an (schönen) Bildern, an (umfangreichen) Wortsammlungen (wie kommt zum Beispiel das Wort `Berufsgeheimnis´ da hinein? – er hat es nicht verraten) und an (wundervollen) Überlegungen zu seiner eigenen Frage, warum Kirchen immer so schön sind und so viele Sachen darinnen. Manchmal allerdings mag er gewisse Worte nie wieder hören, zum Beispiel (nach einer etwas aus den Fugen geratenen Wanderung) das Wort Wanderwege. Wobei –  mit ein wenig Abstand wird korrigiert: das Wort, das er nie wieder hören will, lautet SCHLUCHTEN.

(auf meiner Ausgabe der Häschenschule ist Alfred Hahn´s Verlag K.G. Hamburg, Verl.Nr.32 angegeben; es gibt auch Ausgaben des Esslinger-Verlags)

Eisenbahnfahren

Dann und wann erhalte ich schöne Geschenke. Sogar in solchen, die ich mir selber mache.

Ich habe nämlich weitere Bücher von Peter Bichsel (1935-2025) bestellt, am Karsamstag sind sie eingetroffen. Der schmale Insel-Band Nr.1227 (erste Auflage 2002) wird am Ostermontag geöffnet. Und was grüßt mich da in blauer, aufrechter Schrift? Ein Autogramm von Peter Bichsel! Zum Autogramm gehört etwas, das ich hier nicht vollständig abbilden kann, man findet aber Bilder im Netz und in einem Artikel der GBW vom 01.04.2025 (von Carl Bossard) auch die Erklärung, was dieses Etwas links neben dem Namen sein soll: das Bichsel-Blümchen. Hm. Ich sehe kein Blümchen. Man könnte an ein großes, sich himmelwärts reckendes spiegelverkehrtes P denken, dessen lange Gerade unten in ein fließendes und sich erdwärts in eine Welle fortsetzendes, ebenfalls spiegelverkehrtes B übergeht. Oder aber an einen eigens geschaffenen Notenschlüssel für eine sehr besondere Musik.

Da der Schweizer Germanist und Schriftsteller Peter von Matt am Ostermontag, den 21.April 2025 in Zürich gestorben ist (geboren am 20.Mai 1937 in Luzern), fällt mir zuerst die letzte der im Bändchen versammelten Geschichten ins Auge Die mehreren Peter von Matt oder kampanischen Nationalgesichter. Und darin begegnen mir mit den vervielfältigten Peter von Matts Kellner, Flüchtende, Schaffner, im Kopf stattfindende Leben, Schnee, Rom, richtige und falsche Bücher, Jean Paul, Japan, Speisewägen, Petersinseln, Erzengel, Schweizer Alpen, Germanisten, Inhaltsverzeichnisse von Köpfen, die Transsibirische Eisenbahn, Olten, Basel und noch so viel mehr auf zwölfeinhalb Seiten.

Fazit: Es lohnt sehr, das Eisenbahnfahren mit Peter Bichsel.

(Peter Bichsel „Eisenbahnfahren“, herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Rainer Weiss, Insel-Bücherei Nr.1227)