„United by Music“

ist das Motto des Eurovision Song Contest und ganz Basel, nein das ganze Dreiland ist im ESC-Fieber. Da wurde sogar unser aller Nicole reaktiviert, aber auch Selbstsingen ist erwünscht, dafür hat man Mini-Bühnen „Right Here – Rhine Now“ aufgebaut.

Morgens sind die Messehallen des Song Contest Village noch geschlossen, das pinke Leuchtband mit Welcome Home läuft aber, langsam trudeln die Security-Leute ein, erste Songcontest-Touris in Netzstrümpfen und Miniröckchen suchen eine saftige Frühstückserfrischung, ein kleines Mädchen in rosafarbener Flauschjacke bestaunt die pinkfarbenen Wellen der „Lightning Symphony“ von Claudia Comte, während sein Vater mit dem leeren Kinderwagen halt macht und die Verbotstafel studiert.

Mittags schwirren Sprachfetzen aus ganz Europa und von weiter her durch die Gassen, eine schlanke Mutter schlendert im silbernen Glitzerkleid-Partnerlook mit dem Töchterchen über die Mittlere Brücke und die besonnten Stufen am Rhein füllen sich langsam mit Menschen, als würde man einen nach dem anderen in ein Steckspiel stecken.

Abends sehe ich von fern die Illumination des St.Jakobs-Stadions.

Der alte Kalender

Der alte Kalender zeigte den richtigen Monat an, jedenfalls glaubte die Frau das. Es waren nur die Tage, die falsch waren. Das machte nichts, denn die Frau sah gerne immer wieder dieselben Bilder, im Februar Venedig, im März Rom, Florenz im April, Ravello im Mai, und so fort. Das beruhigte die Frau, wenn Jahr für Jahr die Bilder wiederkehrten, sie taten das seit zwölf Jahren. Die Engelsburg im Januar, ein einzelner Laternenpfahl vor einem Kanal im Februar, im März Brunnenfiguren vor der hohen Fassade von Sant’Agnese in Agone, im April ein steinernes Mädchengesicht an einer Hausecke, umrankt von Obstgirlanden, über ihr ein Widderkopf, unter ihr ein Fußpaar, das ihr nicht gehört. Die Bilder waren schwarzweiß und die Frau konnte sich in ihre Perspektiven und Schattierungen verlieren. Seit einiger Zeit aber hatte sie das Gefühl, dass die Jahre im Januar hängen blieben, zwar ging draußen die Welt weiter, aber drinnen hingen die Januare und bewegten sich nicht von der Stelle. Das schien der Frau seltsam. Denn irgendwann zeigte der alte Kalender wieder August (weiß eingedeckte Tische in einer toskanischen Laube), plötzlich auch Dezember (mit dem feuchten Pflaster des Markusplatzes) und dann kam draußen der nächste Januar und die Frau wusste gar nicht, wie er da hingekommen war, denn in ihr drin hing noch immer der vom letzten Jahr. Da erinnerte sich die Frau, einmal vom Gedanken gelesen zu haben, die Zeit sei geformt wie eine Kugel. Das hatte ihr gefallen. Oder war es etwa die Ewigkeit gewesen mit der Form einer Kugel? Egal, das machte ja dann nichts.

Erst zeichnen, dann schreiben

(Aufgabe vom 12.April 2025, Schreibschule Sent)

Ein Gesicht soll ich zeichnen mit geschlossenen Augen, mein Gesicht. Eine doppelte Herausforderung. Sogar eine dreifache, denn ich soll zeichnen ohne abzusetzen.

Früher habe ich gerne gezeichnet, auch Gesichter, aber nicht meines. Das von Will Quadflieg, das von Joan Baez, das von Lou Andreas- Salomé. Die Gesichter abgezeichnet von Fotografien, die zu mir sprachen. Lou Andreas -Salomé auf einem Insel-Taschenbuch, Will Quadflieg im Band „Wir spielen immer“, Joan Baez auf einem Platten-Cover. Einen Rötelstift in die Hand genommen und versucht. Will und Lou gelangen ganz gut, Joan weniger.  Jetzt habe ich seit langem nicht mehr gezeichnet. Mich selbst fotografiere ich ab und an, auch weil ich sonst selten auf Fotos bin, meist bin ich es, die fotografiert. Ich mache kein Selfie, sondern fotografiere mein Spiegel-Gegenüber. Manchmal fotografiere ich nur mein Gesicht, aber dann ist es ja spiegelverkehrt.

Wie also die Zeichnung anfangen? Ich beginne mit der Brille, die Form kenne ich gut. Dann will ich die Haare andeuten, die das Gesicht rahmen. Wie komme ich von der Brille aus dahin? Ich merke, dass ich krakele. Nun den Bogen des eher rundlichen Gesichts. Der geht, landet aber versetzt zur Brille, wie ich später sehe. Und die Augen? Bekomme ich nicht hin. Ein Nasenrücken gerät zum schrägen Strich, irgendwo. Ein lachender Mund soll es sein oder zumindest lächelnd. Ich zeichne einen Bogen, fast Halbkreis. Als ich die Augen öffne, sehe ich, er ist über dem rechten Brillenglas gelandet, da muss ich lachen.

Hoffnung in verrückten Zeiten

Unter diesem Titel firmierte vor Kurzem der Inspirationstag auf dem Chrischona- Berg. Er brachte nicht nur den äußeren, sondern auch den inneren Blick in die Weite. Impulse gab der Neutestamentler und Liederdichter Prof. Dr. Hans-Joachim Eckstein (geb. 27.01.1950), der -wie er sagte- zwar (im Alter von 15 Jahren) über das Herz zum Glauben kam, aber dann unbedingt den Glauben auch durchdenken wollte.

Eckstein spricht (u.a.) darüber, dass Christen in zwei Geschichten leben, ganz und gar hier in der ablaufenden Geschichte der Welt, gleichzeitig aber auch in einer anlaufenden Geschichte von der Auferstehung her.  Die Hoffnung selbst sei eine Kräfte- freisetzende Wirklichkeit, nicht nur ein bloßer Gedanke, und unbedingt notwendig für eine Entwicklung. „Wer das Schönste noch vor sich hat, der lebt an. Wer das Schönste an die Vergangenheit verloren hat, der gibt das Leben auf.“ Außerdem könne, wer das Schönste noch vor sich hat, jetzt das Schöne genießen. Wer hingegen den Blick nur aufs Verheerende richtet, den verlassen alle Kräfte. Für die Hoffenden laufe die Zeit an, sie führen sozusagen ein Leben im Advent, stehen dabei aber illusionslos in der Welt.

Wie lange er noch über Hoffnung reden wolle, werde er oft gefragt,  die Antwort: solange der Heilige Geist darüber redet (mit köstlichem Humor spinnt Prof. Eckstein solche Sätze fort, das lässt sich besser hörend erleben als schriftlich wiedergeben). Dass ein Einüben in der Hoffnung immer wieder nötig ist und dass es Verbündete der Hoffnung braucht, bezeugt Eckstein offen mit pragmatisch persönlichem Beispiel, was nicht nur ihn über sich selbst, sondern den ganzen Saal mit ihm lachen lässt.

https://de.m.wikipedia.org/wiki/Hans-Joachim_Eckstein

Die graue Wärmflasche

Die Wärmflasche kam sich vor wie eine Geliebte. Christian nahm sie immer mit ins Bett. Zumindest im Winter und lange ins Frühjahr hinein. Ab Mai meistens wurde es aber doch zu warm, und Christian schlief in den kommenden Monaten allein, ohne die Wärmflasche. Nicht dass die Wärmflasche das bedauerte, sie blieb dann im Kämmerchen und dachte sich ihren Teil. Ob Christian es bedauerte, wusste sie nicht, sie hatte ihn nie gefragt. Hätte sie ihn fragen sollen? Nein, sie wollte ihn ja keinesfalls bedrängen und so blieb sie lieber ungefüllt, aber weiter in ihr Grau gehüllt dort, wo Christian sie hingelegt hatte (nicht ohne ihr noch einmal über das weiche Flies gestrichen zu haben). Da lag sie dann im Dunkeln, neben ihresgleichen, die andere war knallbunt angetan, blieb aber seit langem unbeachtet, führte ein Schattendasein und dämmerte im Kämmerchen vor sich hin.

Ich träume jetzt ein wenig, dachte die graue Wärmflasche, und übersommere, irgendwann ist es wieder kalt genug, dann holt Christian mich eilends hier heraus, öffnet mit rascher Drehbewegung meinen Verschluss, füllt mich mit heißem Wasser und trägt mich beglückt in sein Bett. Ich bleibe bereit.

Dritter Sonntag nach Ostern – Jubilate

Jauchzt Gott, alle Welt!

Psalm 66 ist überschrieben mit „Dem Chorleiter. Ein Lied. Ein Psalm.“ Und der erste Vers ist der Tagesvers für den Sonntag Jubilate.

Als heutige Bibellese ist im Herrnhuter Losungsbüchlein der Psalm 45 angegeben, und ich zitiere den zweiten Vers nach der Elberfelder Übersetzung:

Bewegt ist mein Herz von gutem Wort. Sagen will ich meine Gedichte dem König! Meine Zunge sei (wie) der Griffel eines geschickten Schreibers!

(Und nun auf zum Chorleiter und zur Probenfortsetzung des „vielfältig kulturellen Requiem über Ewigkeit nach Mozarts Requiem KV 626“ mit Textstellen in Latein, Englisch, Arabisch, Hebräisch)

Joel in der Sistina und beim Schornstein ein Osterküken

Habe ich schon erzählt, dass mich der Kopf des Propheten Joel, wie ihn Michelangelo an die Decke der Sixtinischen Kapelle gemalt hat, immer an den Kopf meines Großvaters (eines Methodistenpredigers) erinnert? Auch deswegen steht das alte Buch über „Zwölf heilige Menschen Gottes“ nicht nur über den Buchrücken erkennbar zwischen anderen Büchern, sondern frontal vor diesen, so dass ich den darauf schwarz-weiß wiedergegebenen Kopf immer sehen kann. Als ich es gestern öffne, stoße ich auf die meinem Vater geltende Widmung eines mir unbekannten Menschen, die mich überrascht: einen ersten Preis im Erzählerwettbewerb hat der noch Jugendliche bei einem (wohl kirchlichen) Jugendtreffen gewonnen. Hat er da seinen späteren Schwiegervater, den Methodistenprediger, einen Mann auch der Schrift und des Wortes, bereits gekannt?

Michelangelo (1475-1564) malte die ganze Figur des Propheten Joel, aufmerksam und nachdenklich eine Schriftrolle studierend. Gegenüber blickt die jugendliche delphische Sybille (deren gerahmtes Kopf- Abbild ich auch aus dem Elternhaus mitnahm) gedankenvoll über ihren entrollten Papyrus hinweg in die Ferne.

Scharf geschnitzte Persönlichkeiten seien die Propheten gewesen, welche die Einsamkeit ihrer Führerschaft oft herb zu fühlen bekamen in ihrem manchmal freudigen, manchmal schweren Amt, heißt es in dem schmalen alten Büchlein. Und dass sie keine Wahl hatten: „Sie müssen den Ruf annehmen.“

Den Ruf einer Führerschaft angenommen hat gestern auch der 1955 geborene Augustiner Robert Francis Prevost. Ein Möwenküken spazierte mit seinen Eltern um den Schornstein der Sistina genau in dem Moment, als der weiße Rauch sich auf den Weg machte, und wie eine Gloriole umgab Sonnenlicht die Kuppel zum Zeitpunkt, als der noch unbekannte Pontifex sich durch den Raum der Tränen aufmachte zur Benediktionsloggia des Petersdomes. Dort zitierte er den Kirchenvater Augustinus von Hippo (354-430) : „Für euch bin ich Bischof, mit euch bin ich Christ“.

https://de.m.wikipedia.org/wiki/Sixtinische_Kapelle

(Johann Wolfgang von Goethe: „Ohne die Sixtinische Kapelle gesehen zu haben, kann man sich keinen anschauenden Begriff machen, was ein Mensch vermag.“)

(Buch: Ferdinand Sigg „Zwölf heilige Menschen Gottes. Zum Studium der zwölf kleinen Propheten. Gotthelf-Verlag Zürich, 2.Aufl.1944)

Rilke in Basel

Seinen „Dichter der Angst“ hat Manfred Koch mitgebracht nach Basel, gesamt 560 (dem Lektor und Verlag zum Teil abgetrotzte) Seiten umfasst die Rilke-Biographie, die in 12 Kapiteln ein Panorama auf den „Trostdichter der Deutschen“ öffnet mit Gewichtung einzelner Kapitel auf das „Leben im Werk“, anderer auf das „Werk im Leben“.  Die Kapitel tragen beredte Namen wie Großstadttod, Mutterfieber, Gottbauen, Kindheitsschrecken, Engelssturm, Herzgebirge, Schweizklang.

Wie im Buch (dessen Lektüre mir noch bevorsteht) erzählt Manfred Koch (geb.1955 in Stuttgart, bis 2021 Dozent deutscher Literaturgeschichte an den Universitäten Gießen, Tübingen und Basel) auch im Literaturhaus Basel locker, detail- und kenntnisreich über „seinen“ Rilke, zu dem er in jungen Jahren allerdings erst bekehrt werden musste. Gelungen ist diese Bekehrung Kochs damaliger Freundin und seit langem Ehefrau, der Schriftstellerin Angelika Overath, mit der Empfehlung, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge zu lesen, wie Koch selbst im Vorwort schreibt. So nimmt es nicht wunder, dass dieser Rilke-Roman, der ein „Angst-Buch“ sei, einen zentralen Platz in Kochs Rilke-Biographie einnimmt, die zum Jahr des 150.Geburtstages des Dichters (4.Dezember 1875) erschienen ist, nach drei Jahren Arbeit daran.

In der Kürze des Abends können vielfältige interessante Einzelheiten nur schlaglichtartig beleuchtet werden, zum Beispiel der Gedanke, dass zwei große Angstdichter (die sich nur einmal persönlich begegneten bei einer Lesung in München) aus Prag stammen (Kafka und Rilke), die Tatsache, dass Rilke 1905 Insel-Autor wurde und der Verleger Anton Kippenberg über lange Jahre treu seinem Autor verbunden war (und ihm auch unter schwierigen Umständen Geld in die Schweiz transferierte), die faszinierende Klanglichkeit von Rilkes Sprache (Koch zitiert dazu aus einem 1924 entstandenen Briefgedicht Rilkes an eine junge Wienerin: „das Tödliche hat immer mitgedichtet, nur darum war der Sang so unerhört“), die speziellen Bedürfnisse Rilkes an den geeigneten Schreib- „Raum“, den „Zweikampf“ Rilkes mit der Stadt Paris, der Wunsch, Kunst aus dem absichtslosen Arbeiten der Hände entstehen zu lassen (siehe auch Rodin-Essay), das im Jardin des Plantes eingeübte intensive Schauen ohne Absichten.

Rilkes Lesung in Basel im Jahr 1919 vor hunderten Menschen kommt auch zur Sprache, sie fand im Musiksaal des Stadt-Casinos statt, wie eine Quelle mir aufschließt, Rilke hatte sich für diese Lesungen vor großer Zuhörerschaft eine durchdachte Strategie angeeignet und so sei es ihm auch hier gelungen,  „den Saal mit seiner warmen Baritonstimme zu durchdringen“.  Welche Orte in und um Basel für Rilke in den Jahren 1919 und 1920 noch bedeutsam sind (u.a. das Hotel Trois Rois), wird im September 2025 ein Leseabend und Spaziergang aufgreifen, konzipiert und durchgeführt von Martina Kuoni, die auch den gestrigen Abend im Literaturhaus moderierte.

(Buchempfehlung: Manfred Koch: Rilke. Dichter der Angst. Eine Biographie, Verlag C.H.Beck, München 2025)

(Artikel: Rilke und Basel, Der Dichter auf dem Schönenberg – Freunde – Auswirkungen. E-Periodica ETH Bibliothek Zürich 2022. Baselbieter Heimatblätter Band 70, 2005)

(„hoffentlich bald wieder in Sent!“ hat Manfred Koch mir beim Signieren ins Buch geschrieben – die Hoffnung, einmal wieder bei einem Kurs der Schreibschule von Angelika Overath und Manfred Koch dabeizusein, teile ich)