Im Herrnhuter Losungsbüchlein ist für die heutige Bibellese der sechsversige Psalm 13 angegeben. Ich zitiere einige Verse nach der Elberfelder Übersetzung:
Bis wann soll ich Sorgen hegen in meiner Seele, Kummer in meinem Herzen bei Tage?…
titelte mein Vater in seiner schönen Schrift zu einem Foto, auf dem der „Fährmann“ Mario einmal wieder Groß und Klein, Alt und Jung auf die Isola S.Giulio brachte. Es gibt auch Titel wie „Die Tafelrunde“, „Beim Cappuccino“, „Deutsch-Italienische Kontaktaufnahme“ und „Lebt wohl, Ihr Gebeine der Heiligen“ oder „Arrivederci“.
Letzteres sage jetzt auch ich, wegen Aufbruchs in den hohen Norden (wo ich vielleicht auch herausfinden kann, wieso ein damals noch junges Familienmitglied „Mücke“ genannt wurde, der Name haftete lang) gibt es hier eine Pause bis zum Sonntag Trinitatis.
Kurzbeiträge unter achfrie58 auf meinem Instagram- Account.
Von italienischen Eigenheiten handeln kleine Texte und selbst die aus der ersten Hauptstadt des Vereinigten Italien und jetzigen Hauptstadt des Piemont stammende Italienisch-Lehrerin kennt nicht immer alle Hintergründe, weiß aber zu allen Themen nicht nur ihre studenti zum Sprechen zu bringen, sondern umgibt die studenti auch mit dem Wohlklang ihres persönlichen Erzählstroms und so landet man zum Beispiel von der Historie des coperto bei Geschichten von Sonntagsausflügen samt Picknick (mitgebrachtes Essen, gekaufter Wein) auf den sacromonti.
Der Betrag für das Gedeck (coperto) ist in Restaurants zu entrichten für die Bereitstellung von Geschirr, Besteck, Gläsern, Tischdecke, von Brot (pane), eventuell auch von Wasser und einem Schälchen Oliven. Der Brauch geht zurück auf das Mittelalter, wie wir alle lernen, als Pilger und Reisende in Straßenlokalen rasteten, dort ihre selbst mitgebrachten Speisen verzehren durften, aber die Gebühr für die gedeckten Tische zu bezahlen hatten. Unser Text (Cos’è il coperto del ristorante e perché si paga) meint, dass der Brauch ja längst überholt sei, das pane e coperto aber geblieben und den wahren Grund dafür wüssten nur die ristoratori italiani, auch wenn natürlich jedem bekannt sei, dass Traditionen in Italien heilig sind.
Keine mir bekannte italienische Tradition hat die zweitälteste bestehende Buchhandlung Deutschlands (gegründet 1596 in Tübingen), deren Filiale nach eigenen Angaben Leidenschaft lebt für Bücher, Lesen, Erzählen und Schwärmen für ernste und nicht ganz so ernste Literatur. Ich rätsele also seit der gestrigen Begegnung mit der laminierten zweisprachigen Bitte über deren kulturhistorische Hintergründe:
Jetzt hatte Christian seine Tasche vergessen. Dabei hing er doch so an ihr. Mindestens genauso wie die Tasche an ihm hing. An ihm herunterhing, ihm zur Seite war, auf Schritt und Tritt. Und das seit vielen Jahren. Eine lederne Treue hielt sie ihm und er wusste sie gerne an seiner Flanke, das gab ihm ein Gefühl von Sicherheit. Er legte den Arm um sie, meist den rechten, und hielt ihr die Schnallen oder sich an denen fest. Wenn er nicht mit zärtlicher Geste die Riemen herauszog und die Tasche öffnete, um ihren Inhalt erst zu betasten, bevor er ihn dem Futteral entnahm. Er kannte den Inhalt gut, ja er liebte ihn (obwohl er zu scheu war, ein solch großes Wort zu benutzen), dennoch bereitete es ihm jedes Mal aufs Neue eine reine und tiefe Freude, wenn er die Gegenstände ergriff und durch seine Hände gleiten ließ, bevor er sie mit raschem Entschluss aus der Tasche nahm. Es handelte sich um ein Notizbuch und mehrere Stifte. Die große Freude trug er nicht nach außen, er lachte nicht lauthals und verzog kaum eine Miene, allenfalls umspielte ein winziges Lächeln seine Lippen, die meist schwiegen. Alle Worte, die die Lippen nicht sagten, flossen in seine Finger, die sich mit dem Stift dergestalt zu einer bewegten Einheit verbanden, dass Christian später die Worte wiederfand auf dem Papier des Notizbuchs. Das war gut und auch schön, so waren die Worte draußen und blieben doch drinnen und in seinem Besitz und Christian konnte sie anschauen, wann immer er wollte und das Notizbuch öffnete. Die Worte waren seine Gesellen und ihm war wohl in ihrer Gesellschaft. Und nun hatte er die Tasche stehen lassen und mit ihr die Stifte und die Wortgesellschaft im Notizbuch! Das war ihm noch nie passiert. Das kam davon, wenn man sich an Orten aufhielt, wo man sich nicht auskannte! Wenn man die Tasche ablegte anstatt sie bei sich zu lassen, an der Flanke, wo sie hingehörte, wo sie sich so gut einschmiegte, als sei sie festgewachsen, eine zweite Haut. Christian war verstört. Die Leere an seiner Seite war furchtbar und die Fülle in seinem Kopf kaum auszuhalten. Wo nur hatte er die Tasche gelassen? Er versuchte, das Knäuel im Kopf zu entflechten, aber das war schwer ohne Stifte und Notizbuch und es gelang ihm nur zähflüssig und unter großen Mühen.
An einen Gitterkäfig hatte er die Tasche gelehnt, endlich erinnerte er sich, auf eine halbhohe Holzbarrikade, und über der Tasche schwamm ein türkisgrüner Fisch, der sein Metallmaul geöffnet hielt, er war wohl dem Schleppnetz entschlüpft, das schlaff auf dem Käfig unter dem erschrockenen Fisch vor sich hindümpelte. Christian hatte den Fisch gut verstanden, auch er hatte sich nämlich zuerst ein wenig erschrocken an diesem Ort, an dem er zuvor noch nie war. Aber dann hatte er gesehen, dass die Kacheln an den Wänden warmes Terrakotta trugen, das weckte in Christian eine alte Erinnerung und die leise Ahnung, dass sich an dem Ort viele Worte einfinden würden, deren Gesellschaft ihm angenehm war, mit denen er vielleicht sogar einmal anstoßen könnte an einem der kleinen Tische, die da voller Erwartung herumstanden. Was hatte er da gerade gedacht? Wie war er denn darauf gekommen? Das hatte er doch noch nie… ihm war ein wenig schwindelig. Noch ganz in Gedanken befangen, legte er die Ledertasche ab, lehnte sie an den Gitterkäfig auf die Barrikade und vergaß sie zu öffnen, denn sein Blick fiel auf einen silberglänzenden Shaker, der ein wenig schräg auf dem Podest einer kleinen Bronzestatue stand und in dem Christian nun auch Worte vermutete, Worte, die geschüttelt werden wollten, nicht gerührt, leise Worte und laute, dicke und dünne, vermisste Worte und solche, die er noch gar nicht kannte. Ein wunderbares Gemisch, eine kühle Flüssigkeit, ein Wortcocktail, der ihn beleben und erfrischen würde, Christian vergaß seine Scheu und machte einen raschen Schritt auf den Shaker zu, als ein gläsernes Klirren die Stille und Christians umherwandernde Gedanken zerriss, was ihn so ins Zittern brachte, dass er davonstürzte und die Tasche zurückließ.
Als er zum Stehen kam, fand er sich inmitten von geschäftigem Getriebe wieder, langsam gelangte Stimmengewirr in sein Ohr und in seinen Kopf das Bewusstsein, dass er nicht vollständig war, etwas fehlte doch an seiner Flanke, er griff sich an die Seite und wirklich: Leere! Christian wusste gar nicht wohin mit seiner rechten Hand, sie baumelte schlaff herunter, dann hob er sie mühsam an die Stirn, hinter der sich etwas zu türmen schien. Er schwitzte, wischte mit dem Handrücken die winzigen Tropfen ab, versuchte, seinen Atem in ruhigen Rhythmus zu bringen und klar zu bekommen, was geschehen war. Die Tasche neben dem Käfig unter dem Fisch, endlich erinnerte er sich. Sein Notizbuch, seine Stifte, seine liebe Wortgesellschaft. Christian stand still im Getümmel, dann setzte er sich in Bewegung.
(Und was ist das? Ein Flugelefant oder ein Seepferdchen?)
„Lux perpetua erforscht den komplexen Kosmos eines scheinbar wohlvertrauten, aber immer neu rätselhaften und tiefgründigen Fragments: Mozarts unvollendetes Requiem.“
Hör- und erlebbar am Sonntag, den 29.Juni um 18 Uhr im Burghof Lörrach
Ein Vers aus der Apostelgeschichte (10,28) begrüßt im Herrnhuter Losungsbüchlein den neuen Monat, dem Exaudi-Sonntag zugeordnet ist dort aber wieder ein Vers, den der Psalmdichter David schrieb. Ich zitiere ihn (Ps.27,7) nach der Elberfelder Übersetzung : Höre, HERR, mit meiner Stimme rufe ich: sei mir gnädig und erhöre mich!
(Der Mai erhält ein Adieu: Hinter der Linde / verbirgt Ottilien sich / im month of maying )
“Oder man spaziert direkt durch die Stadt und bindet die Kinder aktiv ins Geschehen ein“ – heißt es auf dem Cover von „Basel, die verzauberte Stadt“ (Ein spielerischer Spaziergang für Kinder. Von Helen Liebendörfer. Friedrich Reinhardt-Verlag, Basel 2006) und weiter „Am Ziel angekommen, hat man einen Teil der schönen Altstadt entdeckt und Basel ein wenig besser kennengelernt.“
Die Noch-Mai-Sonne scheint, luftige Kleidung genügt, also spricht nichts dagegen, dass wir uns aufmachen, ein groß gewordener Jemand mit der nonna im Schlepptau (so herum oder andersherum?) und wir beginnen bei der Helvetia, die vom Zweifrankenstück heruntergesprungen ist und mit Koffer, Schild und Lanze bei der Mittleren Brücke sitzt, den Kopf in die rechte Hand stützt und in Strömungsrichtung auf den heute in mattem Grün ruhig und breit dahinziehenden Rhein schaut. Wie der groß gewordene Jemand ein paar Stationen weiter sofort und sehr richtig bemerkt, ist die Helvetia dennoch auch auf dem Zweifrankenstück geblieben, mit dem wir den Fährimaa bezahlen, der in dem Fall eine Fährifrau ist. Allerhand Getier gilt es auf der Pfalz am und im Münster zu entdecken und den Flüsterbogen zu erproben, bevor am Schlüsselberg außer einem Wilden Mann ein Elefant, ein goldener Löwe und ein Falke darauf warten, gefunden zu werden.
Da geschieht es: bevor der gemeinte goldene Löwe beim Haus Zum Venedig auftaucht und der groß gewordene Jemand (der sich an den Flügeln stört) ausruft: das ist gar kein richtiger Löwe!, findet er andere Löwen in Gold (die aber auch ein wenig Affen gleichen), sie halten den Basler Krummstab am Haus Zur Mücke und da kommt die nonna in großes Staunen, als sie liest, was es mit diesem Haus auf sich hat. 1545 erbaut, beherbergte es von 1671 bis 1849 nicht nur die Universitätsbibliothek, sondern auch das erste öffentliche Museum Basels. Im Vorgängerbau gleichen Namens tagte das Basler Konzil (Concilium Basiliense), das von 1431 bis 1449 dauerte und ab 1437 selbstständig weitergeführt wurde nach einer Spaltung (gleichzeitig Konzile in Ferrara und Florenz). Und: während dieses Konzils fand im Haus Zur Mücke ein Konklave statt, eine Woche verging ohne Ergebnis und die Stadt wurde unruhig, am 5.November 1439 zog dann gegen 10 Uhr morgens eine Prozession vorm Haus Zur Mücke auf und betete um göttliche Eingebung. Da kam es zum letzten Wahlgang, in dem mit 26 von 33 gültigen Stimmen Herzog Amadeus von Savoyen zum Papst gewählt wurde. Kein weißer Rauch aus einem Schornstein verkündete das Gelingen der Wahl, sondern man hielt ein silbernes Kruzifix als Zeichen aus dem Fenster über dem Eingang. Und wo wurde schließlich am 24.Juli 1440 dieser (Gegen-) Papst Felix V. zum Papst gekrönt? Unter freiem Himmel auf dem Münsterplatz zu Basel! Das Volk rief ihm ein vielfaches „Vivat papa!“ zu. Es waren übrigens harte Zeiten: 1439 gab es eine Pestepidemie in Basel, daneben herrschte eine ungewöhnliche Dürre und Missernten der Vorjahre hatten zu einer Teuerung geführt.
Nach diesem unerwarteten Geschichts- und Geschichten-Exkurs verlassen der groß gewordene Jemand und die nonna sämtliche Löwen des Schlüsselbergs, schließlich müssen sie weiteres Getier (einen Papagei zum Beispiel) und einen römischen Feldherrn (mit roten Hosen unterm kurzen Rock) finden im Hof des prachtvollen Basler Rathauses, bevor sie sich eine Stärkung gönnen und dann der bronzenen Helvetia ein Uf Wiiderluege wünschen.
Am 15.Mai schlendere ich nicht nur durch die Eurovision-Song-Contest-Atmosphären und entlang der Lightning-Symphony von Claudia Comte, sondern komme am Spalenberg auch bei einem Antiquariat vorbei und natürlich mal wieder nicht umhin, dort etwas mitzunehmen, diesmal ist es „Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch“ von Jean Paul, und zwar ein Reprint der im Insel-Verlag 1912 erschienenen Ausgabe mit 16 Zeichnungen in zweiter Farbe von Emil Preetorius aus Anlass des 75.Bestehens der Insel-Bücherei (Insel-Bücherei Nr.1073). Offenbar hatte trotz des Gedenkjahres zum 200.Todestag von Jean Paul (1763-1825) niemand das Buch haben wollen, denn es liegt mit anderen aussortierten vor dem Ladenlokal an der frischen Luft auf dem Tisch, von dem man alles für einen Fünfliber (gelegentlich auch Schnägg genannt) erwerben kann.
Vierzehn fantasiereiche Beobachtungs-Flüge über Deutschland und die Schweiz macht der Giannozzo Genannte und schreibt sie ins Luftschiff-Journal unter dem Titel „Almanach für Matrosen, wie sie sein sollen“, adressiert an seinen Freund Graul, der am Rheinfall von Schaffhausen die Leiche des abgestürzten Luftschiffers findet und das Reisetagebuch bearbeiten und veröffentlichen soll. Zuvor schreibt der Aeronaut „Ich bin geschieden von der Welt – die unendliche Wetterwolke überdeckt die Schweiz und alles…“ , aber er schreibt und schreibt „bis auf die letzte Schlagminute“ : „vielleicht wird mein Tagebuch nicht zerschmettert“. Die Leser seines Reise-Almanachs spricht Giannozzo im Kapitel „Erste Fahrt“ mit „ihr Brüder meines Herzens“ an.
Ich habe den Fünfliber und freue mich, dass das Buch mich gefunden hat, meine erste Begegnung mit ihm hatte ich nämlich im September 2023 an einem Luftschiffhafen (den gab es von 1911 bis 1919 tatsächlich in Potsdam), dort stand es in der Flurbibliothek eines Hotels in einer anderen Inselbücherei-Ausgabe (Nr.434), flankiert zur Rechten von Nr:632 Scholochow: Aljoschkas Herz und Nr. 654 Honoré de Balzac: Das Mädchen mit den Goldaugen sowie zur Linken von Nr.616 Michelangelo: Sibyllen und Propheten, Nr.970 Cranach: Zeichnungen und Nr.369 Gogol: Der Revisor).
Ist das nun alles erzählenswert? Ich habe so meine Zweifel. Peter Bichsel beruhigt mich ein wenig mit seinen wunderbaren Ausführungen zum Lesen, zum Erzählen und Schreiben in Der Leser. Das Erzählen. Frankfurter Poetik-Vorlesungen (Sammlung Luchterhand, Oktober 1982).
Im ersten Kapitel der Apostelgeschichte schreibt der Arzt Lukas an Theophilus über Christi Himmelfahrt : „Und als er dies gesagt hatte, wurde er vor ihren Blicken emporgehoben, und eine Wolke nahm ihn auf vor ihren Augen weg. Und als sie gespannt zum Himmel aufschauten, wie er auffuhr, siehe, da standen zwei Männer in weißen Kleidern bei ihnen, die auch sprachen ….“ (Vers 9 und 10 nach der Elberfelder Übersetzung)
In seinem Buch Wolkendienst. Figuren des Flüchtigen zitiert der Anglist, Literaturwissenschaftler, Autor und Übersetzer Klaus Reichert (geb.1938) aus der mehrbändigen Schrift „Modern painters“ des Malers John Ruskin (1819-1900) zu Cumulus – Wolken: „Die wahre Cumulus, die majestätischste aller Wolken, ist großenteils windlos. Die Bewegung ihrer Massen ist feierlich, bedächtig, unerklärlich, ein stetes Vorwärts oder Zurück, als wären sie von einer unsichtbaren Macht dazu gezwungen. …“
(Klaus Reichert: Wolkendienst. Figuren des Flüchtigen. S.Fischer-Verlag,Frankfurt 2016)