Die Bundesfeier

Der 1.August als Nationalfeiertag der Schweiz geht zurück auf den Bundesbrief von 1291 und nicht auf den Rütlischwur, der (erst im 16.Jh.) auf den 8.November 1307 datiert wurde. 1907 wurde zuletzt in Bezug zum Rütlischwur das 600-jährige Bestehen der Eidgenossenschaft gefeiert, wobei die Berner bereits 1891 in Verbindung mit der 700-Jahr-Feier ihrer Stadt das 600-jährige Bestehen der Eidgenossenschaft auf den 1.August und damit auf den Bundesbrief von 1291 datierten. Diese Urkunde ist eine von mehreren Bundesbriefen, ein Pergamentblatt im Format 320 x 200 mm mit zwei noch erhaltenen von drei Siegeln. 17 Zeilen in lateinischer Sprache halten den Bund der drei „Urkantone“  Uri, Schwyz und Unterwalden (oder Nidwalden) fest. „In nomine domini amen. Honestati consulitur et utilitati publice providetur, dum pacta quietis et pacis statu debito solidantur  – In Gottes Namen Amen. Das öffentliche Ansehen und Wohl erfordert, dass Friedensordnungen dauernde Geltung gegeben werde.“ – lauten die ersten Sätze. Der Rütlischwur von Vertretern der drei Urkantone auf einer Wiese am Vierwaldstättersee ist historisch nicht belegt, aber bis heute wichtiger Bestandteil des Gründungsmythos und von starkem Symbolgehalt. Wesentlich dazu beigetragen hat Friedrich Schiller mit seinem (1804 letzten fertiggestellten) Drama Wilhelm Tell. Gestützt hat Schiller sich dabei auf die im Weissen Buch von Sarnen erstmals schriftlich fixierte Tell-Legende, der Obwaldner Landschreiber Hans Schriber hat diese Handschrift im Stil der humanistischen Chronik um 1470 verfasst.

Ob das alle wissen, die seit dem gestrigen Abend in der Regio Trirhena den Nationalfeiertag der Schweiz mitfeiern? Basel feiert traditionell in den Tag hinein, das Festgelände umfasst das Kleinbasler Rheinufer von der Johanniter- bis zur Wettsteinbrücke, im Grossbasel erstreckt es sich von der Johanniterbrücke bis zur Mittleren Brücke und zum Marktplatz. Nach Glockengeläut zum Beginn gibt es auf einer Bühne musikalische Darbietungen für Jung und Alt bevor der Abend im 20 Minuten dauernden Feuerwerk gipfelt, das synchron von zwei Rheinschiffen aus gezündet wird. Von meinem entfernten Panoramaplatz genieße ich das perfekte Zusammenspiel und denke zurück an das Sonnenglitzern, das sich einmal beim Anlanden des Kursschiffs an der Tellsplatte aufs Türkisgrün des Vierwaldstättersees legte.

Der Schweizerpsalm wurde 1841 von Alberich Zwyssig, einem Zisterziensermönch des Klosters Wettingen auf Grundlage des Messegesangs Diligam te Domine komponiert, im Jahr 1965 vorläufig und 1981 endgültig zur offiziellen Nationalhymne der Schweiz erklärt (der Text stammt vom Schweizer Dichter Leonhard Widmer).

Und gerade gehen für dieses Jahr die Feierlichkeiten mit weiteren Feuerwerken rundum zu Ende.

Frederick Carl Frieseke

Der amerikanische Maler (1874-1939) mit brandenburgischen Wurzeln, der aber überwiegend in Frankreich lebte, ist heute für unser blütenreiches Gartenglück verantwortlich, leider nur auf dem Büroaufsteller, zu dem wir (manchmal ausgedehnte) Ausflüge unternehmen (Klammer auf, nicht nur die DB hat betriebstörende Personalausfälle, Klammer zu – nein nochmal auf, die Klammer: wir dachten, wenn wir ganz lieb zur S-Bahn sind, dann bringt sie uns nicht nur hin, sondern auch wieder zurück, aber da werden wir uns getäuscht haben – jetzt aber zu die Klammer).

Unsere heutigen Lektüren sind wohl nicht ganz so wonnig wie die der Gartenliebhaberin auf dem Gemälde, aber mit dem hochgelagerten linken Fuß können wir uns durchaus solidarisieren. Zudem haben wir die Möglichkeit, es der Lesenden im Gartenstuhl gleichzutun und ab und an über unsere Lektüren hinwegzuschauen, so dass der Sonnenschirm, der sie sanft beschattet, uns die Sonnenfarbe spiegelt und wir meinen, unser Schreibtisch befinde sich nun im sonnengefleckten Garten. Dann merken wir, dass hinter uns Frederick Carl Frieseke steht, sich zu uns herunterbeugt und uns seine thematische Eingrenzung ins Ohr flüstert: „Sonnenlicht, Blumen im Sonnenlicht, Mädchen im Sonnenlicht, das ist, was mich in den letzten Jahren interessiert hat“.

Wir verstehen ihn gut, schließen uns dann aber dem Nachmittagstee doch nicht an, denn als wir endlich die Bushaltestelle erreichen, sind wir durchaus froh, dass dort ein großer, gut gekühlter Schwarzwälder wartet und uns unter Beteuerung allerbester Absichten in sein Waldhaus mitnimmt: „Der tut nichts, der will nur schmecken!“

Giorgio

heißt der Handwerker, den wir am 30. Juli 1976 kennenlernen und der an diesem Tag die Reparaturarbeiten im Ferienhaus beginnen und beenden wird, womit aber der Kontakt keinesfalls endet, denn am letzten Ferientag an der ligurischen Küste wird Giorgio uns nochmals von selbstgemachtem Weißwein kosten lassen, uns seinen herrlichen Garten zeigen und mit dessen Gaben beschenken,  auch allein für die Mama wildwachsende Oleanderblüten pflücken.

Am 30.Juli kommt er gegen 9 Uhr und wir führen auf Französisch und Italienisch interessante Gespräche. Acht Jahre lang war er als Fremdenlegionär viel herumgekommen und diente in Algerien, Indochina, Japan, China und Vietnam. Außer auf Italienisch und Französisch kann er sich noch auf Arabisch, Vietnamesisch, Chinesisch, Japanisch und Spanisch verständigen, sagt er jedenfalls, und ich meine, „er könnte einem gut Sprachen lehren“. Er schreibt auf Arabisch unsere Namen und macht uns bereits an diesem Tag Geschenke: weil beim Tagebuchschreiben und Bildereinkleben der Uhu ausgegangen ist, spendiert er aus seinem Werkzeugkasten eine Tube Leim und nach der Mittagspause bringt er eine Flasche vom selbstgemachten Wein mit. Wir trinken ihn alle zusammen und Giorgio erzählt von seiner Familie. Bevor wir uns nach getaner Arbeit verabschieden und Giorgio hinterherwinken, fragt er den Papa, „ob er sein copain und sein ami sei“ und der Papa bestätigt das.

Den Tag, an dem wir Giorgio kennenlernten, beschließen wir mit Schreiben, nachdem wir uns noch eine Stunde lang im Meerwasser getummelt und eine tolle Yacht gesehen haben.

Schau an der schönen Gärten Zier

ist eine Zeile aus Paul Gerhardts jubelndem Sommerlied „Geh aus, mein Herz, und suche Freud in dieser lieben Sommerzeit…“  Andreas Loos (geb.1969 in Siegen), Automechaniker und promovierter Theologe, von 2002-2022 Dozent für Systematische Theologie am Theolog. Seminar Chrischona und seit 2022 tätig bei Fokus Theologie (Fachstelle für theolog. Erwachsenenbildung der Deutschschweizer Reformierten Kirchen), erzählte neulich vom Thema, mit dem er sich gerade in der Sommerzeit beschäftigen will: der Spiritualität des Gartens. Dazu schreibt er auf https://www.reflab.ch eine vierteilige Blogreihe, zwei Beiträge sind schon abrufbar, vom 20.Juli 2025 „Wetten, es gibt auch für Dich einen Garten?“ und vom 27.Juli 2025 „Raus in den Garten! Push- und Pull-Kräfte für Grünsüchtige“. Wer erfahren will, warum erfülltes Menschsein und Garten zusammengehören, wieviel Gartenvokabeln das Deutsche mindestens besitzt, warum Baumärkte säkulare Tempel der Lebendigkeit sind und die Grünsucht zu den Süchten gehört, die uns gesund machen, dem sei die Lektüre empfohlen.

Im Netz lässt sich auch das Manuskript zu einer Radiosendung des Bayrischen Rundfunks vom 2.April 2024 herunterladen mit dem Titel „Vom Entstehen und Vergehen. Gärtnern als spirituelle Erfahrung“, die Autorin Karin Lamsfuß breitet hier in Gesprächsform verschiedene Quellen zum Thema Sinnsuche im Garten aus.

Im April 2022 habe ich einmal ein Heft erstanden der Reihe Welt und Umwelt der Bibel zu „Eine Ahnung vom Paradies. Gärten in der Antike“.  Pairi daéza aus der altpersischen Sprache steht für einen eingehegten, umzäunten Ort, verwandt ist das hebräische pardes, zu dem Prof.Dr.Sandra Huebenthal (Exegese und Biblische Theologie, Universität Passau) im genannten Heft unter „PaRDeS – im Garten der Schrift wandeln“ über die jüdische Exegese schreibt, die von den (im hebräischen nur geschriebenen) Konsonanten P,R,D,S den vierfachen Schriftsinn der Tora ableitet aus dem Bild des Gartens: P (Pschat) für den unmittelbar zu erkennenden Wortsinn oder Literalsinn, R (Remes) für zwischen den Zeilen Verborgenes, also allegorische Auslegung, D (Drasch) für Forschen und eine Interpretation, die über das geschriebene Wort hinausgehen kann, und S (Sod) für das Geheimnis oder die mystische Botschaft der Tora. Den unterschiedlichen Zugängen gemeinsam sei: „Im Garten der Schrift wächst keine Monokultur“. Weitere Artikel widmen sich z.B. Tempelgärten zwischen Ägypten und Mesopotamien, Lust- und Nutzgärten in Israel, antiken Palastgärten, den hängenden Gärten von Babylon und den verschlossenen Gärten mittelalterlicher Klöster, die sich neben der notwendigen Zweckbestimmung der Versorgung auch zu Orten meditativer Stille und nicht nur durch ihre Kräuter- und Arzneipflanzenanlagen zu heilenden Gärten entwickelten (Abbildungen zeigen z.B. den Klosterplan von St.Gallen, den Arzneigarten von Kloster Andechs, ein Kreuz im Mittelpunkt als Ausdruck der spirituellen Gartenbedeutung im Zisterzienserkloster Marienstatt, den Garten des Klosters Mittelzell auf der Insel Reichenau, der nach dem im 9.Jh. verfassten 444 Verse umfassenden Gartengedicht „De cultura hortorum“ des Abtes Walahfried Strabo angelegt wurde). Eingegangen wird auch auf die Mariengärten, vor allem deren hochsymbolische Darstellung in der Kunst des 15.Jh. (Lochner: Madonna im Rosenhag; Oberrhein.Meister: Paradiesgärtlein; Tafelbild unbekannter Meister: Verkündigung an Maria mit Motiv des hortus conclusus).

Also, kann ich da nur mit Andreas Loos sagen : wetten, dass es auch einen Garten für Dich gibt! Und Du dann mit Walther von Stolzing singen kannst „Voll aller Wonnen, nie ersonnen, ein Garten lud mich ein, Gast ihm zu sein.“

(De cultura hortorum/ Über den Gartenbau , Wahlafried Strabos Lehrgedicht können Garten- und Gedichtliebhaber in einer zweisprachigen Ausgabe Lateinisch/Deutsch erwerben als Reclam-TB 19301; das Zitat der Zeile, die Walther von Stolzing singt, stammt aus dem 3.Aufzug von Richard Wagners Oper Die Meistersinger von Nürnberg; Paul Gerhardt hat sein 15 Strophen umfassendes Lied Geh aus, mein Herz, und suche Freud 1653 geschrieben, im evang. Gesangbuch ist es Nr.503)

Wetten, es gibt auch für Dich einen Garten? | RefLab https://share.google/VGNanhTZS2az7hrpc

Raus in den Garten! Push- und Pull-Kräfte für Grünsüchtige | RefLab https://share.google/J5X536lkLNnxmyy1E

(Die Postkarte Fresko in einem Saal der Villa Livia,Detail, Museo Nazionale Romano, habe ich im Winter 1977/78 erworben)

Am 28.Juli 1976

überlegen sie, ob sie nach Hause oder zum italienischen Hoteliersfreund an die Adria fahren sollen – und das, obwohl es ein „echter schöner Sommertag“ ist und „das Wasser noch klarer als sonst!“ Sie waren fröhlich hinunter zum Strand gefahren, ein Auto kam entgegen, sie haben den Leuten zugewunken, im Meer hatten sie Spaß beim Schwimmen mit den Luftmatratzen. Um halb drei aber sehen sie bei der Rückkehr schon von der Straße aus, dass das Außenlicht am Ferienhaus brennt und wundern sich, aber vielleicht sind sie ja versehentlich an den Schalter gekommen. Als erster traut sich dann der Papa hinein ins Haus und sagt nur „Hier brennt auch Licht – hier war jemand.“ Nach und nach entdecken sie aufgerissene Schubladen, durchwühlte Kleidung, ein großes Durcheinander, den kaputtgerissenen Rolladen vorm Toilettenfenster, den sie „ja immer schön zugemacht“ hatten und sie finden „die Tür, die Mama verschlossen hatte, weil das Fenster auf war“ aufgebrochen. Es fehlt der Fotoapparat vom Papa mit den Bildern, die er auf der Hinreise gemacht hatte, das merken sie gleich. Und später vermisst die Teenagerin drei dünne Goldarmreifen, ein silbernes Medaillon und Ersparnisse von 140 DM. „Traurig – aber nicht mehr zu ändern!“  Sie steigen wieder ins Auto, fahren in den Ort zur agenzia, aber der Herr V. ist nirgends zu finden, sie suchen die Polizeistation und finden sie schließlich und die Mama und der Papa erzählen dem Polizeibeamten das Vorgefallene und er verspricht zu kommen. Sie fahren zurück zum Ferienhaus und warten draußen und da überlegen sie sich das mit dem Fahren zum Freund an die Adria oder aber nach Hause. Nachbarn kommen vorbei, die sind aus Mannheim und erzählen, dass hier schon viel eingebrochen wurde, auch der Polizist, der gegen 17 Uhr da ist, berichtet von drei Einbrüchen an diesem Tag, „es muss im Sommer ganz schlimm sein!“ Bald nach dem Polizist kommt die Frau V. von der agenzia mit dem Sohn, der auch deutsch spricht, und mit ihrem Enkelkind und schauen sich alles an. So sind sie schließlich doch wieder im Haus, die Vier, die das Haus gemietet haben, und essen etwas zu Abend, nachdem sie aufgeräumt haben, und dann fahren sie nach Alassio, um einen Spaziergang zu machen inmitten von vielen Menschen und um sich „etwas zu zerstreuen“. Und um E. anzurufen, den italienischen Hoteliersfreund. Zurück im Ferienhaus schlafen die Mama und der Papa in dieser Nacht im Wohnzimmer und nicht im Schlafzimmer.

Am nächsten Tag werden die Vier auf der Terrasse frühstücken, bevor sie auf der Polizeistation alles zu Protokoll geben, dann die Badesachen holen und zum Strand fahren, dort schwimmen und spielen und lesen. Nach dem Mittagessen werden Lesen und Schreiben dran sein, bevor gegen Abend ein anderer Sohn von der agenzia nicht nur das Töchterchen, sondern auch einen Handwerker mitbringt zum Begutachten der Schäden. Der Handwerker wird versprechen, am nächsten Morgen zu kommen und mit den Reparaturen zu beginnen. Nach dem Abendessen werden die Vier sich aufmachen nach Laigueglia zum „schönen Bummel durch die alten Straßen“.

Sechster Sonntag nach Trinitatis

Psalm 21 ist der im Herrnhuter Losungsbüchlein angegebene Sonntagspsalm und ich zitiere die Verse 2,3 und 14:

HERR, über deine Kraft freut sich der König, und wie sehr jauchzt er über deine Hilfe! Den Wunsch seines Herzens hast du ihm gewährt, und das Verlangen seiner Lippen nicht verweigert.

Erhebe dich, HERR, in deiner Kraft! Wir wollen singen und spielen deiner Macht.

Auch der für heute geloste Tagesvers beinhaltet die Kraft. In Psalm 29 Vers 11 heißt es :

Der HERR möge Kraft geben seinem Volk, der HERR möge sein Volk segnen mit Frieden.

Und der zum Tagesvers herausgesuchte heutige „Lehrtext“ gehört zu meinen Lieblingsstellen, der Vers 7 im ersten Kapitel des zweiten Timotheusbriefes:

Denn Gott hat uns nicht gegeben einen Geist der Verzagtheit, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.

(Die Psalmverse habe ich zitiert nach der Elberfelder Bibel 2006, in deren Vorwort die beiden Verlage – R.Brockhaus-V.Wuppertal und Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg – auf die zugrundeliegenden Neubearbeitungskriterien eingehen, von Sprachentwicklung und Rechtschreibregelung über geistlich-theologische Reflexion bis hin zu Lesefreundlichkeit und Typographie. Für den neutestamentlichen Vers habe ich auf die Interlinearübersetzung Griechisch-Deutsch zurückgegriffen, 9.Aufl.2012 SCM R.Brockhaus im SCM-V. Witten, der griechische Text fußt auf der Nestle-Aland-Ausgabe)

Friedhof mit Weitblick

Der Gottesacker, der die evangelische Kirche St.Georg umgibt, ist wahrlich ein Hof des Friedens. In die Reben des Tüllinger Hügels gebettet, gibt er den Blick frei hinunter in die Rheinebene und hinüber zu den Vogesengipfeln. Hält man sich an einem Sommertag auf ihm auf, behütet einen der Schatten alter Bäume, deren Blätter im leichten Wind nur leise flüstern. Gießkannen, die bei steinernen Brunnentrögen auf ihre Bestimmung warten, leisten stille Gesellschaft. Zweige eines Lebensbaumes sind gebrochen und suchen Berührung mit bewegten Zeilen, die das Sonnenlicht ins Brunnenwasser schreibt. Nicht nur die Thuja schmiegt sich ins Nass, auch Moos probiert, ob es sich dem Fließen anlehnen und in Kreisen ausdehnen kann. Üppiges Sommerblühen mildert Endgültigkeit, und es ist, als würden all die Namen und Daten mit dem Sommerwind übers dichte Grün der Rebreihen hinaufwehen zum verheißenen Ort, an dem jede Träne abgewischt ist.

(siehe Offenbarung des Johannes Kap.7, Vers 17)

Vom Wasser und anderen Dingen

Das Wasserblau, das sich wie ein kühler Umschlag um meinen linken Fuß wickelt (ist es überhaupt wasserblau?  → noch klären, bevor es gelbgrün wird), lässt es gerade nicht zu, dass ich ihm an seinen angestammten Gestaden begegne. Was also mache ich? Tagsüber lesen, zum Beispiel weiter in Warte im Schnee vor deiner Tür von Friedl Benedikt (Zolnay-V. 1.Aufl.2025) und da heute, am 25.Juli 2025, Elias Canetti 120. Geburtstag hätte (und damit genau den doppelten von Ina Müller, die heute 60 wird; Canetti starb aber am 14.Aug.1994 in Zürich) schaue ich auch in seine Texte über das Leben im englischen Exil. Im Bücherregal habe ich noch seine Geschichte einer Jugend stehen: Die gerettete Zunge (Fischer-TB,30.Aufl.Nov.2000), das will ich mir auch einmal wieder vornehmen, es beginnt so schön (bevor die Bedrohung hinein kommt): „Meine früheste Erinnerung ist in Rot getaucht“. Schließlich ist Erinnerungstauchen eine Sportart, die sich außerhalb wie auch immer gearteter Gewässer gut durchführen lässt, also übe ich mich darin.

„To Fix the Image in Memory I-XI“ ist der Titel eines Objekts von Vija Celmins (geb.1938) in der aktuellen Ausstellung der Fondation Beyeler, ich schaue auf dem Handy meine in der Ausstellung gemachten Fotos an und betrachte noch einmal eingehend das in Saal 3 hängende „Untitled (Big Sea #2)“ von 1969, das auch im Ausstellungsflyer abgedruckt ist. Minutiös hat Celmins hier die Wasseroberfläche mit Bleistift gezeichnet, wenn man vor der Zeichnung steht, wähnt man sich vor einer Fotografie. Eigene Fotografien hat die Künstlerin aber lediglich als Vorlage benutzt, um dann mit nur einer Bleistifthärte und ohne jegliche Korrektur durch einen Radiergummi die Oberflächen zu zeichnen, und zwar nur diese, hier also ausschließlich das leicht bewegte Meereswasser, mittendrin, ohne Anfang, ohne Ende, kein Ufer, kein Horizont, kein Ding, kein Lebewesen. Fünfzehn Jahre lang malte Celmins nicht, sondern konzentrierte sich auf Zeichnungen, in Venice Beach entstanden die ersten dieser von ihr selbst so genannten „impossible images“. (Muss man noch erwähnen, dass Celmins ihrem Arbeitsgerät 1966 auch eine Skulptur gewidmet hat, die ebenfalls im Beyeler zu sehen ist, sonst aber in der National Gallery of Art, Washington, D.C.: ein in Öl auf Leinwand auf Holz mit Grafit ausgeführter Pencil/Bleistift/Crayon?)

Als Wasserspezialist gilt zudem der 1966 geborene Schriftsteller John von Düffel, der von 1996 bis 1998 auch einmal Dramaturg am Theater Basel war und der im Sommer 2025 die Intendanz des Bamberger ETA- Hoffmann- Theaters übernimmt, wie Wikipedia mir verrät. Ich muss gestehen, dass ich noch nie ein Buch von John von Düffel gelesen habe, weder Vom Wasser (ist auch die Geschichte einer Papierfabrikantenfamilie), noch Wasser und andere Welten oder Wassererzählungen, weder Schwimmen oder Goethe ruft an noch Houwelandt, um nur einige zu nennen. Houwelandt liegt aber seit 4.April hier herum und – um nicht nur die Zweige der Lagerströmia zu betrachten oder die Ringeltauben aus der Nachbarschaft heranzuzoomen – entnehme ich ihm zur Abendbeschäftigung gestern endlich die DVD mit dem 2004 von Jörg Adolph gedrehten Film über die Entstehung dieses Romans samt allem, was dazu gehört, bis das Buch endlich in die Buchhandlungen gerät, einschließlich beispielsweise der Umschlaggestaltung. Am liebsten sehe ich die Szenen und Prozesse des Schreibens, auch das geduldige Erneut- oder Umschreiben, Überarbeiten, Korrigieren und doch entfährt mir beim Schauen ein Hilf Himmel!

(John von Düffel: Houwelandt, DuMont Literatur und Kunst Verlag, Köln, 2.Aufl.2004)

(Elias Canetti: Party im Blitz. Die englischen Jahre. Fischer-TB, Juni 2005)

Die Künstlerin Vija Celmins in Basel: Flimmern zwischen Raum und Licht, Ding und Zeichen | taz.de https://share.google/R1Pt6NdVNp1ODP7yJ

Den Rhein rauf und runter

betitelt Martin Kluge, der Leiter Vermittlung und Wissenschaft der Papiermühle Basel in deren Journal N°25 Sommer 2025 seinen Artikel zur Bedeutung der Handelsbeziehungen zwischen Basel und den Niederlanden, speziell natürlich den Papierhandel betreffend. In der ersten Hälfte des 17.Jahrhunderts habe mehr als die Hälfte des in Holland verwendeten Papiers aus Basler Papiermühlen gestammt, auch Rembrandt habe für seine Zeichnungen und Radierungen solche Basler Papiere genutzt. Für den regen Handel (befördert durch den holländischen Großhändler Cornelis van Lockhorst und seine 1595 gegründete Compagnie der Duytse papieren) diente der mit Basel untrennbar verbundene Rhein als Transportweg, die in Basel hergestellten Papiere mit ihren überaus bekannten Wasserzeichen und die in Basel gedruckten Bücher wurden vor allem entlang von Rhein und Main nicht nur verschifft, sondern auch verkauft.

Wie die Wasserzeichen ins Papier kommen, woraus überhaupt das Papier besteht, wie man es schöpft, mit Federkielen und Tinte beschreibt oder in verschiedenen Verfahren bedruckt, das und noch viel mehr können ein groß gewordener Jemand und seine nonna in den drei Stockwerken des schönen alten Gebäudes der Basler Papiermühle mit Ausblicken auf den Rhein nicht nur anschauen, sondern auch ausprobieren und mit einem reich gefüllten Umschlag die Entdeckungsreise für diesmal beenden, wobei sie nicht vergessen, dem bemoosten und sich unermüdlich drehenden Mühlrad ein Uf Wiederluege zu winken. Denn zu einem raschen Wiedersehen lockt das Veranstaltungsprogramm, dass unter anderem in den Basler Sommerferien einen offene „Wort-Werkstatt“ anbietet für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die verspricht, Buchstaben zum Tanzen zu bringen: „Während der Basler Sommerferien widmen wir uns ganz dem Schreiben. Wir reimen, dichten, schmieden Verse, verfassen Briefe und lassen Endlos-Texte wachsen. Mit Stempeln, Tusche, Pinsel, Feder und Papier bringen wir Buchstaben zum Tanzen! Komm vorbei und teile deine Worte, Gedanken und Ideen.“ 

Da zeichnen sich ja weitere Sommerfreuden ab, also: Nichts wie hin!

www.baslerpapiermuehle.ch

Martin Kluge – Papiermühle Basel – Industriekultur Spot https://share.google/uqmrYeM1XSHp7YvyZ