Best Ager Darstellerin gesucht

Seit einiger Zeit spielt mir Instagram immer wieder Werbung einer Plattform zu, die Darsteller für Werbespots sucht, zum Beispiel eine Best Ager Schauspielerin, die als „Callcenter Anette“ für ein Social Media Format agieren soll, die Bezahlung ist angegeben und dem geposteten Foto ist offenbar zu entnehmen, welchen Vorstellungen die BewerberInnen entsprechen sollen, für diesen Auftrag jedenfalls kommen w/d-Personen in Frage, gezeigt wird eine freundlich lächelnde schlanke ältere Dame mit weißem kurzem Bob (oder sind die Haare hochgesteckt? Ein feines Haargespinst ist hinter den Ohren neben dem Nacken noch zu erkennen), das warme kräftige Rot des Lippenstifts passt perfekt zum Blazer. Ich habe keine Ahnung, warum ich diese Anzeigen sehe, erhalten sie vielleicht alle Menschen, die sich auf Instagram tummeln? Denn, überlege ich, woher sollte der Meta-Konzern wissen, dass ich schon einmal an einem Casting teilgenommen und in der Oberstufe in der Theater-AG gespielt habe? Habe ich ihm das etwa verraten? Über verborgene Flüsterbogen zugeflüstert? Gut also, jetzt kannst du es eben wissen, Meta, ich erzähle es dir öffentlich: ich war mal zu einem Casting für die Serien Richterin Barbara Salesch und Jugendgericht, an einem 29.Juni um 18 Uhr, der Ort gut zu erreichen, zweieinhalb Stunden (Eigen-) Zeit zu ermöglichen, der professionelle Foto-Termin fürs Portrait- und Ganzkörperfoto bezahlbar. Etwas jünger als die Dame aus der Instagram-Anzeige war ich, aber doch schon Ü 40, Middle-Ager also. Haare knapp schulterlang, Metallrahmenbrille, Lippenstift passend zur Bluse mit gerundeten graphischen Mustern von weiß über orange und rot zu schwarz. Was ich vor der Kamera gesagt habe, erinnere ich nicht mehr, auf jeden Fall mangelte es wohl an spontaner Schlagfertigkeit, ich wurde nicht genommen, das Setting beim Casten aber und das ganze Drumherum waren mir Feier genug.

Das Buch „Wir spielen immer“, in dem Will Quadflieg (1914-2003) Erinnerungen festhielt, hatte ich mir gewünscht für die Anerkennungsgabe zu den „Leistungen“ in der Theater-AG, die sich aber auf Nebenrollen beschränkten, in Dürrenmatts Die Physiker, in Ionescos Die Nashörner, wir durften auf der Bühne des „Theater am Ring“ auftreten. Was habe ich denn im Jahr 1977 in dem Buch angestrichen (ich weiß noch, dass ich es las, als ich bei der Johanniter-Unfallhilfe einen Schwesternhelferinnen-Kurs absolvierte)? „Wissen, woher man kommt“ ist die Seite 13 überschrieben und mit Bleistift markiert habe ich die „innere Biographie“ im Satz „Doch es gibt so etwas wie eine innere Biographie, und mit der war ich ohnehin seit einiger Zeit beschäftigt, als ich begonnen hatte, in mir aufzuräumen.“ Über den Seiten 206ff steht „Die Existenz des Schauspielers“ , markiert habe ich „ich stelle eine andere Person dar, als ich bin, aber ich lüge nicht. Ich zeige nur die eigenen inneren Wahrheiten, die der Dichter an- und ausgesprochen hat.“ „Mein Hauptantrieb zum Theater zu gehen, das weiß ich genau, war das Wort, die Ausformung der Sprache.“ „Was nicht erlischt, ist mein Bedürfnis, Verse zu sprechen, ist der innere Zwang, mich selbst immer genauer kennenzulernen; auch mir selbst zuzeiten zu entkommen…“ Auf Seite 232 unter „Rechenschaft vor mir selbst“ einen ganzen Abschnitt zu Bachs Matthäuspassion mit dem Choral ‚O Haupt voll Blut und Wunden‘  und besonders den Satz „Seit der Arbeit an….hat die Verbindung von Musik und Wort eine ständig wachsende Anziehungskraft für mich“. S.246: „Niemand kann die magische Kraft und Wirkung, die einige aneinandergereihte Worte in einer aufnahmefähigen Seele bewirken können, logisch definieren.“

Genug, die Best Agerin hört hier mal auf, sonst finden das Zitieren und der Blog-Eintrag kein ENDE.

(Will Quadflieg: Wir spielen immer. Erinnerungen. S.Fischer-V., Frankfurt a.M. 1976)

Am 8.August 1976

nehmen wir Abschied von Andora-Pinamare, nachdem wir noch einmal auf Französisch und Italienisch mit Giorgio gesprochen und unsere neuen Bekannten, die Familie Chiesa aus A.burg getroffen und den „Geschichtsvortrag“ des elfjährigen Spielfreundes über die Schlacht um Jerusalem bewundert haben. „Wir winken, bis wir sie nicht mehr sehen; Abschiede sind nicht schön!“

Am 4.August sind wir aber noch da und fahren nach Monaco, auf der Autobahn. Die „Autobahn ist herrlich, geht über viele Brücken und durch viele Tunnels, vor allem sieht man viel von der Landschaft: Täler, Felsen, Berge, kleine Dörfer, die auf den Bergkuppen sitzen, und die großen Orte am Meer.“ Bald haben wir den kleinen Stau an der italienisch-französischen Grenze hinter uns gelassen und finden es lustig, „dass nach der Grenzstation, die gleich hinter der letzten Alt-Station ist, noch ein ganzes Stück Italien kommt“ und erst in einem Tunnel „dann die richtige Staatsgrenze (Confine di Stato)“ ist, „dann der erste Blick auf Monaco- Monte Carlo! Wie ich mich freue!“ Nachdem wir auf gewundenen Straßen die Principauté erreicht haben, stellen wir fest, dass es auch hier Menschen gibt, „die ihr Alltagsleben führen (jemand schüttelt sein Staubtuch aus)“. Wir fahren durch die ganze Stadt, vorbei auch an den vielen neuen Hochhäusern und notieren, dass in einem dieser Hochhäuser Johannes Mario Simmel wohnt. Dann parken wir „auf einem großen Parkplatz in Nähe des Schlosses, das weniger prunkvoll als das Casino auf einem Felshügel über dem Meer liegt“, wir essen unsere mitgebrachten Sachen aus der Kühltasche und sehen, dass das noch einige andere so machen. Gestärkt steigen wir zum Schloss hinauf, am tollen Stadion und einem kleinen Zoo vorbei und sehen ganz oben auf dem Felsen den Kakteengarten. Vor dem Schloss stehen die Wachen in weißen Anzügen und vor allem viele Menschen. Nachdem wir Postkarten erworben haben, schreiben wir und sitzen dabei auf einer Bank „mit herrlichem Blick über ganz Monaco“. Im Wachsfigurenkabinett erfahren wir später etwas über alle Fürsten Monacos, angefangen bei François Grimaldi, der als Mönch verkleidet die Burg eingenommen hatte. Nachdem wir in einer Bar neben dem Aquarium etwas getrunken haben, besichtigen wir die Domkirche mit der Grabkapelle der Fürsten und verlassen sie wieder, „die schöne Kirche, die ganz aus weißem Stein gebaut ist, nachdem sich auch Mama und Papa noch in das Gästebuch eingetragen haben“. Später fahren wir am Hafen und am Casino vorbei und bewundern neben dem Casino, in das wir noch nicht hinein dürfen, das Hôtel de Paris, vor dem Wagen wie Rolls Royce und Sonderanfertigungen von Mercedes stehen. Als wir uns wieder Richtung Italien aufmachen, sehen wir noch den Friedhof von Monaco, „auf dem, wie wir später erfahren, Josephine Baker begraben liegt“. Von der Autobahn fahren wir in San Remo ab, die Eltern haben es aber von früher viel schöner in Erinnerung. Die Küstenstraße Via Aurelia führt uns über Cervo zurück nach Andora und, nachdem wir noch etwas gegessen haben, gehen wir „müde und glücklich zu Bett“.

Auch am 8.August gehen wir schnell zu Bett, nachdem wir noch ein letztes Mal durch „meine eine kleine Seligkeit“, die Bazarstraße von Laigueglia gegangen sind und gesagt haben „Auf Wiedersehen, Laigueglia, aber hoffentlich wirklich ein Wiedersehen!“

Regen und Glück in Osnabrück

Nein, ich kann sie nicht zählen, die Blätter der Winterlinde, die in der Sommermorgensonne die Bank an der Bushaltestelle beschatten. Später zieht die Sonne sich doch noch einmal einen Schleier über den strahlenden Kopf, wahrscheinlich haben deswegen die blauen Gitterstühle der Raucherecke im Hof noch keine Gäste. Hellgraue Steppnähte lassen die schwarzen Ledersofas gekachelt erscheinen und mir gegenüber muss eine flotte Mittfünfzigerin ein Schlüsselproblem lösen, das Smartphone hebt sie dafür ans rechte Ohr unter die graumelierte überschulterlange Mähne und bemüht sich, leise hinein zu beschwichtigen: „Den findest du wieder, der ist nicht weg, den hast du nur verlegt, kann passieren in der Hektik, du weißt ja jetzt, dass du einen bekommst.“ Dass ihr Telefongegenüber einen Schlüssel erhält, hat sie mit einer Marlene geklärt, die sie wachgeklingelt hat, weswegen anzunehmen ist, dass es sich bei Marlene um ihre noch jugendliche Tochter handelt, die genau instruiert wurde, wo die Rettung zu finden ist, nämlich in einer Seitentasche der rosa Jacke: “Wenn du den Reißverschluss der rechten Seitentasche öffnest, da ist der Schlüssel.“  Ein Martinshorn tönt durch die geöffneten Fenster, durch die jetzt die Sommersonne scheint, entfernt sich der Einsatzwagen oder kommt er näher? Die Mittfünfzigerin wird aufgerufen und läuft raschen Schritts zum Behandlungszimmer, die weiten Hosenbeine ihrer blauen Culotte-Jeans schwingen über beigen Sneakern aus Segeltuch, die zur Farbe des Blousons stimmen, mit den Füßen hat sie jedenfalls kein Malheur. 

Blütenfotos im quadratischen Großformat sollen das Warten versüßen, das aber hoffentlich nicht alle Jahreszeiten durchläuft, die die Blüten verkörpern, Schneeglöckchen-, Gänseblümchen-, Klatschmohn- und Dahlien-Portraits hängen zwischen den Türen. Ich schaue weg von den Blüten und hinein in meine Lektüre, Harald Martensteins Betrachtungen und Geschichten aus einem komischen Land, und bin doch sehr erfreut, dass mich gleich der zweite Text ins Glück entführt, nach Osnabrück nämlich, wo die zufriedensten Deutschen leben, und dann erfährt mein Erfreutsein noch eine Steigerung, denn auf Platz 2 und damit direkt nach Osnabrück rangiert das Gebiet rund um Villingen-Schwenningen und somit genau die Gegend, in der ich aufgewachsen bin, und Stuttgart, die Jugendheimat meiner Mutter, liegt mit Platz 5 weit vor München.

„Osnabrück ist hübsch“ schreibt Martenstein und das kann ich bestätigen, denn vor nicht allzu langer Zeit habe ich es samt dem Fluss Hase endlich kennengelernt, bin durch die Altstadt gelaufen, habe zwar nicht den Dom, wohl aber die St.Marien-Kirche am Markt besucht und dort „Schöne deutsche Literatur in schöner arabischer Schrift“ angeschaut und später in einer Buchhandlung ein Belegexemplar der kalligraphischen Kunst von Iyad Shraim erstanden, eine Doppelkarte mit dem in Schwarz und Ocker gemalten Text „Fühlst du nicht an meinen Liedern, dass ich eins und doppelt bin“ aus Goethes Gingko biloba-Gedicht von 1815. Neben St.Marien fanden meine Begleiterin und ich auch ein heimeliges Café, das zum Osnabrück-Glück stärkenden Kuchen und wärmende Getränke bereit hielt, so dass wir den Regenschirmen, die den Altstadt-Gang beschützten, eine Pause gönnen konnten.

Das graue Nass war uns aber auch sonst nicht auf den Kopf gefallen, denn die Osnabrück-Begegnung galt nicht nur der Friedensstadt, sondern auch dem am 15.Dezember 1928 in Wien geborenen und am 19.Februar 2000 in Queensland verstorbenen Friedensreich Hundertwasser, dem das von Daniel Libeskind entworfene Felix- Nussbaum-Museum die noch bis zum 31.August 2025 zu sehende Familienausstellung „Paradiese kann man nur selber machen“ gewidmet hat.

In der Ausstellung, die den Aspekt des Öffnens an den Anfang setzt, badeten wir bei den rund 90 Werken nicht nur in Farben aller Art, sondern auch in Hundertwassers Ideen und Appellen zu bewusstem, schützendem Umgang mit der Natur, zur Aktivierung schöpferischer Fähigkeiten, für eine menschengerechtere Architektur. Einen Friedensvertrag mit der Natur hat er entworfen, als Architekturdoktor eine Therapie für die kranken Bauten der Nachkriegszeit erfunden und Regentage fand er so schön, dass er nicht nur das Schiff, auf dem er zehn Jahre lebte und malte, auf den Namen Regentag taufte, wie wir in Peter Schamonis Film von 1972 sehen konnten, sondern auch einen Regentag seinen Vornamen hinzufügte und somit wurde er: Friedensreich Regentag Dunkelbunt Hundertwasser. Sein persönliches Paradies fand der als Friedrich Stowasser Geborene in Neuseeland, wo er mitten in der Natur an einem verträumten Fluss ein Haus baute, die Wälder durchstreifte, seine Bilder entstehen und die Gedanken fliegen ließ, wie der Flyer, der jüngere Museumsbesucher zur Ausstellungsrallye einlädt, erklärt.

Jetzt höre ich aber plötzlich einen Namen, meinen Namen, klappe daher Osnabrück-Glück und Martenstein zu, verstaue das Buch im Rucksack und gehe langsam und unrund zum Behandlungsraum. Wo ich dann doch noch weitere Untersuchungen und das erhalte, was sich vornehm Fußentlastungsorthese nennt, ich aber bezeichne es als Elefantenfuß. Und da habe ich doch wieder geöffnetes Glück, denn bekanntermaßen sind Elefanten meine Lieblingstiere. Und der Tag ist ein Sommersonnentag.

(Harald Martenstein: Romantische Nächte im Zoo. Betrachtungen und Geschichten aus einem komischen Land. aufbau taschenbuch 3.Aufl.2018)

(Peter Schamoni: Hundertwassers Regentag. Dokumentarfilm von 1972)

Sommerfreuden in Ligurien

Am 6.August 1976 geht es erst um halb drei und damit zu ungewohnter Uhrzeit an den Strand, vor und nach dem Frühstück haben wir geschrieben. Das Meer hält an diesem Tag die größten Wellen für uns bereit und abends hören wir es rauschen, während wir durch „mein geliebtes Laigueglia“ gehen und im Ristorante Rialto Eis essen, etwas trinken und Menschen beobachten, nachdem wir zuvor in der großen und weiten Kirche elf Altäre gezählt haben.

Am ersten August haben wir auch „herrliche Wellen“ wahrgenommen und am zweiten August einen „enormen Wind“, der alles „plastisch und nah“ erscheinen lässt und dem Meer „die schönsten, dunkelsten Farben“ beschert. Weil wir so viel geschrieben haben und fünfzig Briefmarken für Karten benötigen, betrachtet uns der Postbeamte am Windtag mit komischem Blick, aber es ist kein Missverständnis, wir bekommen die Marken und wenden uns dann einem Marktbesuch und dem „bunten Gewirr von Ständen und Menschen“ zu und das Finden einer passenden Handtasche macht uns „ganz verrückt vor Glück“. Auch „süße Baumwollkleider“ tragen zum Marktglück bei und die Mama und der Papa schenken uns die Kleider zum Geburtstag des Großpapas, der aber gar nicht an diesem Tag ist, sondern an einem anderen im August: „wie wir uns freuen!!!“

Am dritten August schreiben wir nach dem Frühstück, gehen wieder zur Post und auch zur Bank, danach sind wir am Strand „fast nicht mehr zu bewegen, unsere Badefreuden zu beenden“ und als wir spätnachmittags nach Mittagessen, Schreiben und Einkaufen noch einmal an den Strand fahren, haben wir ihn und „das Meer beinahe für uns allein“. Abends im Ferienhaus „lesen wir vier noch etwas aus dem Buch von Jörg Zink“ und gehen früh zu Bett, „weil wir ja morgen nach Monaco fahren wollen!“

Kuhrettung

Heute, am Dienstag, den 5.August 2025, einem Tag, der sich nach Anfangsschwierigkeiten zu einem Sommertag gemausert hat, berichtet die Lokalzeitung über einen pensionierten Landtierarzt, der nun nicht mehr Nutztiere auf Bauernhöfen behandelt, sondern aus seinen Erlebnissen Kurzgeschichten bastelt. Er habe viel zu erzählen, nicht nur von Tieren, sondern auch von den Bauern, meint der Artikel, die Texte seien anschaulich, lebendig und mit einem Schuss Humor versehen. Da gibt es Trauer um ein Familienpferd, veritable oder vermutete Tollwutanfälle und Kuhrettungen aus dem Rhein mit Hilfe eines Krans.

Beim Ausflug zum Büroaufsteller gestern, Montag, den 4.August 2025, begrüßen mich friedlich unter Bäumen und wohl nicht am Rhein, sondern an der Leie grasende Kühe, die der flämische Maler Emile Claus (1849-1924) Ende August 1909 auf Leinwand gebannt hat, und mit ihnen das flirrende Licht eines Sommertages, war er doch ein Wegbereiter des Luminismus.

Bunt, sagt der freudige Fratz (den wir jetzt zum Purzel ernennen) zum kleinen Holzspielzeug und hat seine helle Freude, wenn die Kuh mit ihren Wackelbeinen einknickt und tanzt. Seine nonna zieht eine Textminiatur vom 22.März 2024 heraus:

Rau ist die Zunge, die über den Handteller schleckt, rau und lang und warm. Das Mädchen zieht die Hand nicht weg, es hat keine Angst. Es sieht die großen, braunen Augen mit den langen Wimpern, ruhig legt es seinen Blick in den der Kuh. Als der dampfende Atem das Gesicht des Mädchens erreicht, will es über dem feuchten Rosa der Nüstern die weiße Blesse berühren. Kurz nur lässt die Kuh das zu, dann dreht sie den Kopf zur Seite. Aber es genügt, die weiche Geschmeidigkeit des Fells kommt in den Fingern des Mädchens an und bleibt dort, wie das Raue bleibt, das den Handteller berührte. „Sie mögen das Salz der Haut“ sagt die Bäuerin und fragt, ob das Mädchen melken will. Das Mädchen nähert sich dem prallen Euter, es hat Respekt, es setzt sich auf den Schemel, legt die Finger um die Zitze und müht sich um den rechten Druck und Rhythmus. Das ist schwer, die Bäuerin lacht und übernimmt die Arbeit. Rasch füllt sich der Eimer, das Mädchen verlässt mit der Bäuerin den Stall des Aussiedlerhofes und nimmt den Geruch mit. Am Ausgussbecken wäscht es mit kaltem Wasser das Klebrige von der Hand. Dann wird es in die gute Stube geführt, dort sitzt der Vater mit dem Bauer und das Mädchen bekommt eine geblümte Sammeltasse bis zum Rand gefüllt mit der Milch. Es taucht die Lippe ein und der erste Schluck liegt samtig, sahnig und warm auf der Zunge.

Römische Notizen

Im Sommer 1978 bin ich nach dem ersten Studiensemester für einen Monat nach Rom zurückgekehrt, nachdem ich es Ende Februar 1978 hatte verlassen müssen. Die private Anfrage zu einer mehrwöchigen Nachtwache bei einer alten Dame hatte mir die Möglichkeit eröffnet, wieder in „meiner“ casa zu sein, auch wenn die gestrenge Leiterin des Hauses mit dieser Lösung zunächst nicht einverstanden war. So hatte ich auch nicht eines der den Haustöchtern zustehenden Zimmer, sondern war – immerhin allein – in einem Mehrbettjugendraum im Souterrain untergebracht für die wenigen Schlafstunden, denn tagsüber wollte ich unbedingt meine Streifzüge durch Rom fortsetzen, ebenfalls allein. Spärliche Notizen sind von diesen Gängen erhalten, meist habe ich aus Rom seitenlange Briefe geschrieben, an Freundinnen, vor allem aber an die Eltern. Die Briefe waren eigentlich lange Notate dessen, was ich bei meinen römischen Erkundungen gesehen und mir im Sehen, Erleben und Nachlesen angeeignet hatte (diese brieflichen Aufzeichnungen existieren nicht mehr).

In einem spiralgehefteten quaderno, das ich im Sommer 1978 in Rom gekauft haben muss, denn die erste Seite weist es als italienisch aus (Feld für nome/materia/classe/scuola und Feld für Stundenplaneintragungen lunedi/martedi/mercoledi/giovedi/venerdi/sabato), finden sich am 2.August 1978 folgende Eintragungen:

Chiesa del Gesù

Obwohl mir ja eigentlich die Art des Barock nicht zusagt, so scheint es mir nun doch, als wollte man mit all dieser Pracht an Malerei, Skulptur, Architektur, Dekoration, mit all dieser Fülle an Bewegung und Farbe die Macht und die Freude des Ganz-Anderen, der Vollkommenheit, der Göttlichkeit ausdrücken, die die Menschen ergreift.

Gedenkstätte für Aldo Moro in der Via Caetani in der Nähe des Kapitols

Seltsam dieser Ausdruck einer fast heidnischen Anbetung, fast Vergöttlichung, ganz auf dem Gefühl beruhend, für ein Opfer der verkörperten Gewalt, die für menschliche Empfindungen und Gefühle keinen Raum mehr lässt.

Santa Sabina

Diese Einfachheit – welch ein Gegensatz zur barocken Überlast! Sie und die absolute Stille erheben das Herz, so dass es hineingenommen wird in die Hoheit Gottes, welche sich dem Einfachen zuwendet.

(Die 47 Jahre alte Postkarte zeigt eine ungewöhnliche Darstellung der Kreuzigung Christi auf der aus dem 5. Jahrhundert (!) stammenden Holztür der Basilica di Santa Sabina all‘ Aventino. Die Zypressenholztür war für das Hauptportal extra entworfen worden, ihre Reliefbilder zählen zu den bedeutendsten Kostbarkeiten abendländischer Kunst. Die Tafel der Kreuzigungsszene gilt als älteste Darstellung des gekreuzigten Christus, wobei das Kreuz an sich gar nicht dargestellt ist, sondern ein aufrecht stehender Christus in Orantenhaltung mit ausgebreiteten Armen und weit offenen Augen, die Hände von Nägeln durchbohrt, daneben die beiden mit ihm gekreuzigten Schächer)

(Aldo Moro, italienischer Ministerpräsident von 1963 bis 1968 und von 1974 bis 1976, ansonsten mehrfach Minister, wurde am 16.März 1978 auf dem Weg ins Parlament von den Brigate Rosse entführt, dabei wurden seine fünf Leibwächter ermordet.  Aus der Geiselhaft schrieb er mehr als 80 Briefe an Parteifreunde, an seine Familie und an Papst Paul VI., welcher sich vergeblich als Geisel im Austausch für den befreundeten Moro anbot. Ein Teil dieser Korrespondenz sowie Texte der Entführer wurden in Auszügen im Corriere della Sera abgedruckt. Am 9.Mai 1978 wurde Moro tot in der Via Michelangelo Caetani im Kofferraum eines roten Renault 4 aufgefunden, durch acht Schüsse ermordet)

Kuku na pili pili hoho

Sie weiß noch immer, dass das Paprikahuhn heißt. Wozu sie das weiß, weiß sie nicht. Sie hatte Jungmädchenromane gelesen von Berte Bratt und alle Wörter und Wendungen der fremden Sprache herausgeschrieben, die sie hatte finden können, später abgetippt und in ein Ringbuch geheftet und schließlich hatte sie sich auch einen schmalen Swahili- Sprachführer besorgt. Dass Daktari Doktor heißt, hatte sie bereits zuvor gewusst, ab und an hatte sie die Fernsehserie gesehen, die diesen Titel trug, und sie liebäugelte mit den East African Flying Doctors, obwohl sie keineswegs fliegen konnte und schon immer Höhenangst hatte.

Das Flugzeug mit den schwarzweißen Zebrastreifen, an das sie sich jetzt erinnert, gehörte aber nicht den Flying Doctors, sondern war das, mit dem Vater und Sohn Grzimek unterwegs waren, um die Tierwanderungen rund um den Ngorongoro- Krater zu erfassen, natürlich hatte sie auch Serengeti darf nicht sterben damals gesehen und aufgeschrieben, dass Serengeti das Swahili- Wort für Durst ist, aber jetzt sagt ihr das Smartphone, dass das nicht stimmt, denn es bedeutet ‚endlose Ebene‘ und das Wort für Durst ist kiu.  Ahsante sana, Smartphone, danke, dass du die Safari begleitest, karani heißt aber wirklich der Schreiber, kitabu ist ein Buch und mwalimu ist der Lehrer.

Mwalimu war nicht nur der Beruf, sondern auch der Ehrentitel des ersten (Minister)Präsidenten der Republik Tanganjika und später Vereinigten Republik Tansania, des Katholiken Julius K.Nyerere, und sie hatte nicht nur in der Oberstufe ein Referat gehalten über das ehemalige Deutsch-Ostafrika, sondern sich auch einige Jahre später aus der Reihe ‚Texte zum Kirchlichen Entwicklungsdienst‘ Schriften von und über Nyerere besorgt zu „Freiheit und Entwicklung“, zu „Bildung und Befreiung“ und zum Afrikanischen Sozialismus.

„Ich hatte eine Farm am Fuße der Ngongberge. Hundert Meilen nördlicher lief der Äquator durchs Hochland, aber die Farm lag in einer Höhe von über zweitausend Metern. Da spürt man tagsüber die Höhe, die Nähe der Sonne, aber die Morgenfrühe und die Abende sind klar und friedvoll, und die Nächte sind kalt.“

Sie hat das kenianische Hochland, das Karen Blixen in Out of Africa beschreibt, genauso einmal erlebt, für die kalten Nächte hatte man ihr metallene Wärmflaschen ins Bett der Lodge im Mount Kenya Nationalpark gelegt und Thermosflaschen mit heißem Tee ins Zelt am Mara-Fluss gestellt und an den sonnenerhitzten Tagen hatte sie die trockenen Farben gesehen, „glasiert wie Farben irdener Geschirre“ und sie war den geliebten Elefanten ganz nahe gekommen. Und waren nicht damals Meryl Streep als Karen Blixen und Robert Redford als Denys George Finch Hatton im Film Jenseits von Afrika einfach wunderbar gewesen –  wie er ihr die Haare wäscht, wie er sie im gelben Doppeldecker über die afrikanische Landschaft fliegt bis zum Lake Nakuru, auf dem die Flamingos rosa Wolken bilden. Auch sie war bis zum Nakurusee gekommen, in einem Jeep, hatte die unzähligen Flamingos gesehen, die sich ihre Farbe mit der besonderen Nahrung des Sodasees einverleiben. Sie überlegt, sie erinnert sich, es ist mehr als sechsunddreißig Jahre her.

„Von da sah ich im Südwesten die Ngongberge liegen. In edlem Schwung erhob sich das Gebirge luftig-blau über das umliegende Flachland, doch war es so fern, dass die vier Gipfel ganz klein erschienen, kaum unterscheidbar und anders geformt, als man sie von der Farm aus sah. Der Umriss des Gebirges war von der sänftigenden Hand der Ferne geglättet, wie ich ihn von der Farm aus sich hatte glätten sehen unter den streichelnden Fingern der Nacht.“

Kwaheri heißt Auf Wiedersehen – auch das weiß sie noch.

(Die Zitate stammen aus Tania Blixen „Afrika. Dunkel lockende Welt“, Manesse Bibliothek der Weltliteratur, Manesse-V. Zürich 1986. Titel der englischen Originalausgabe „Out of Africa“, New York 1937. Die dänische Schriftstellerin Karen Blixen-Finecke, geborene Dinesen, 1885-1962, war 17 Jahre lang Kaffeefarmerin in Kenia. Ihr Pseudonym auf dem deutschen Buchmarkt ist meist Tania Blixen, ihre englischsprachigen Bücher erschienen oft unter dem Pseudonym Isak Dinesen)

Siebter Sonntag nach Trinitatis

Wer erinnert sich noch an den Hit, den der niederländische Sänger Bruce Low 1971 während seines Comebacks landete? Richtig: Noah found grace in the eyes of the Lord –  Noah fand Gnade vor den Augen des HERRN !

Der Liedtext bezieht sich auf Textstellen aus dem 1.Buch Mose (Genesis), auch Kirchenfernen mag die Geschichte der Sintflut und der Arche Noah einigermaßen geläufig sein (eine Sintflut-Erzählung gibt es auch im Gilgamesch-Epos). Nach biblischer Erzählung war Noah 600 Jahre alt, als die vernichtende Flut kam, die er, seine Familie und „alle Tiere nach ihrer Art – je zwei und zwei“ in der Arche überlebten. Nach Zeiten der Quarantäne wird das Leben aus der Arche wieder auf die Erde entlassen, die es füllen soll – ja, es steht sogar geschrieben „wimmelt auf der Erde!“ (1.Mose 9,2 u.7). Gott richtet einen Bund auf zwischen sich und „jedem lebenden Wesen“, „auf ewige Generationen hin“. Ich zitiere die Verse 13 bis 15 aus dem 9.Kapitel Genesis nach der Elberfelder Übersetzung:

Meinen Bogen setze ich in die Wolken, und er sei das Zeichen zwischen mir und der Erde. Und es wird geschehen, wenn ich Wolken über die Erde aufwölke, und der Bogen in den Wolken erscheint, dann werde ich an meinen Bund denken, der zwischen mir und euch und jedem lebenden Wesen unter allem Fleisch besteht; und nie mehr soll das Wasser zu einer Flut werden, alles Fleisch zu vernichten.

Und ich zitiere noch eine Strophe aus Bruce Lows Hit:

Noah sprach: HERR, ich glaub‘, das kann ich nicht/ Der HERR sprach: Noah, mach‘ kein störrisches Gesicht/ Du weißt nie, was du kannst, bevor du es versuchst/ Jetzt geh und hole Bauholz, auch wenn du leise fluchst.

(Bruce Low, 1913-1990, war der Sohn eines Missionars der Herrnhuter Brüdergemeine, die auch Herausgeberin der Losungen ist; www.losungen.de ; Print-Ausgaben erscheinen im Friedrich Reinhardt Verlag, Lörrach/Basel)

fünfter sein

Inzwischen ist es etwas lädiert, das schmale, kleine, vielbenutzte Büchlein, das meine Mutter einmal ihrem Enkel schenkte und das inzwischen eine nonna oft mit dem groß gewordenen Jemand las und betrachtete, alle immer aufs Neue gebannt von Ernst Jandls Zeilen und Norman Junges Illustrationen, die mit minimalen Mitteln Stimmung und Geschehen der aufs Äußerste reduzierten Gedichtgeschichte übertragen.

Gestern hätte der am 9.Juni 2000 in Wien gestorbene „Sprachformer“ Ernst Jandl 100. Geburtstag gefeiert.

Wir warten ein wenig ängstlich und gespannt, was hinter der geschlossenen Tür passiert und zählen die Stühle, bis wir dran sind, wir schauen, was die Lampe macht, wenn die Tür sich öffnet und einer hineingeht oder herauskommt, wir betrachten, wie er sich bewegt beim Hineingehen und beim Herauskommen und wir erkunden, welche Accessoires er dann verlieren oder wieder bekommen darf und zum guten Schluss sagen wir erleichtert „tagherrdoktor“.

(Ernst Jandl, Norman Junge: fünfter sein, Beltz Verlag Weinheim und Basel 1997,1999; Gestaltung von Norman Junge, Köln; Ernst Jandls Werk ist im Luchterhand-Verlag beheimatet)

Ernst Jandl: Lautgedichte und Performance-Poesie https://share.google/Ny5jjSlbfVq8xuI1g