Interview im Kochdunst

Sagen Sie mal, liebe Frau A., was machen sie denn, wenn vegetarisch Speisende spontan Aufenthalte verlängern? – Ach, wissen Sie, ich liebe Aufenthaltsverlängerungen, sie geben mir Gelegenheit, meine Übungen zu vertiefen. – Was für Übungen denn? – Na die, gleichzeitig fest und biegsam zu bleiben, wie ein Bambusrohr vielleicht. – Wie ein Bambusrohr? Sie machen mir Spaß. – Das ist gut, lachen Sie ruhig, ich liebe Lachen! Und die Eigenschaften von Bambus sind doch genial, hohe Druck- und Zugfestigkeit, hohe Stabilität bei gleichzeitig hoher Flexibilität, Biegsamkeit und Bruchfestigkeit, man kann damit leicht und langlebig bauen, ich mag das. Außerdem finde ich diese Süßgräser schön. Da fällt mir allerdings ein, hohl will ich nicht sein. – Aha, da bin ich dann doch froh, hohl ist nämlich doof, bei der menschlichen Spezies jedenfalls. Aber jetzt mal weg von diesem Exkurs und hin zum Praktischen! Wie handhaben sie das? – Ganz einfach, ich befrage meinen Kühlschrank, was er so hergibt. Und kreiere ein Curry. – Ein Curry? – Jaja, so ein Gericht, das sich aus der indischen und asiatischen Küche ableitet. Der Kühlschrank antwortete nämlich mit Wirsing, Paprika, Mango, Ingwer, Knoblauch, Zitrone. Und das Vorratskämmerchen kann auch mitreden und trägt Kokosnussmilch und Mango-Chutney bei. – Soso, und damit machen Sie was? – Ghee habe ich nicht, ich nehme eine Mischung aus gesalzener Butter und Olivenöl, erhitze sie sanft, dahinein rühre ich die winzigen Würfelchen frischen Knoblauchs und Ingwers, dazu Salz und die pulverisierten Gewürze (weißen Pfeffer, Koriander, Curcuma, eine zitronig-fruchtige Java-Curry-Mischung, etwas Kreuzkümmel und Kardamom), wenn das Gewürzpotpourri im Fett sich etwas sämig verbunden hat, darf sich der frisch gepresste Zitronensaft zu ihm gesellen, der hatte sich darauf schon so gefreut. – Freude befürworte ich. – Da bin ich ganz bei Ihnen, lieber Herr Spürnase. Und schauen Sie mal, bevor ich jetzt die geschnippelte Gemüse-Obst-Mischung in den Kochtopf gebe, muss ich Ihnen was zeigen. – Was denn? Ich bin gespannt.

– Ja hier, diese Küchenabfälle. Sind sie nicht hübsch? Könnten grad beim Catwalk mitmachen. – Bei was, bitte? – Na, bei einer Modenschau, zum Beispiel an einem langen Tisch auf weißer Tischdecke. – Also, ich muss schon sagen, wie kommen Sie jetzt darauf? Die haben doch keine langen Beine. Und High Heels tragen sie auch nicht. – Jaaaaa, d’accordo, da haben Sie recht. Aber es sind Schönheiten, das müssen Sie doch zugeben. – Gut, gut, ich versuche, es mit Ihren Augen zu sehen. – Ach, vielen Dank, zu freundlich von Ihnen. Ich weiß das zu schätzen. – Sie wissen das zu schätzen? Das macht mich jetzt auch froh, das Schätzen ist nämlich in heutiger Zeit ein wenig abhandengekommen. – Ja, nicht wahr, viele haben es verlernt. Das geschnipselte Gemüse und die Mangowürfel haben aber inzwischen gelernt, im Currysud weicher zu werden, dabei aber dennoch Biss bewahrt, jetzt schütten wir die Bio-Kokosmilch dran, die zu 86% aus Kokosnussfleisch besteht und sonst nur aus Wasser, wenn wir mögen, können wir etwas Orangensaft dazu geben, auf jeden Fall aber das fruchtig-scharfe Mango-Chutney aus dem 250 -Gramm-Glas „Asian-Spirit“ mit 46% Mango-Anteil. Jetzt ist unsere Arbeit getan und wir überlassen das Ganze sich selbst und einer kleinen Weile des Vor-Sich-Hin-Köchelns, bis sich die Aromen durchdrungen und gut miteinander verbunden haben. – Hmm, ich verstehe, duftet ja schon ganz gut. Aber irgendwas fehlt mir. – Ihnen fehlt was? Das klingt nicht gut. Was fehlt Ihnen denn? – Gibt‘s denn nichts dazu? – Huch, natürlich, wie konnte ich das vergessen! Reis gibt’s dazu, die passende Reissorte war ja im Keller. Duftreis, Jasmin- oder Basmati, je nach Geschmack. – Sie haben Reis im Keller? Ich dachte, Sie bewahren ganz andere Sachen im Keller auf. – Worauf spielen Sie denn jetzt an? Ich habe keine Ahnung, was Sie meinen! – Wirklich? Naja, konzentrieren wir uns mal aufs Speisen. Da fällt mir ein, was ist denn mit dem Streuen? – Also, Sie sind aber auch wirklich unersättlich, lieber Herr Spürnase, das Streuen heben wir uns heute ausnahmsweise für ein anderes Mal auf!

Kusama geht, Cézanne kommt…

…vorgestern konnte ich aber noch einmal anschaulichen Anteil haben an Kusamas „Auseinandersetzung mit der Unendlichkeit und der Auflösung der Grenzen zwischen Kunstwerk, Raum und Betrachter:innen“, wie es im Begleit-Booklet heißt. Zwanzig Minuten vor Öffnung stand ich im Wintermorgenlicht in der noch übersichtlichen Schlange ruhig wartender und zum Teil lesender Menschen, erhielt problemlos Einlass und genoss den zunächst raschen Gang durch noch leere Säle (unter freundlichen Begrüßungsworten der Aufseher), um als erstes in den im Souterrain installierten Infinity Mirrored Room zu gelangen, was ohne jede Wartezeit möglich war, so dass ich noch einmal zwischen den scheinbar ins Unendliche rankenden Tentakeln schweben konnte, bevor ich langsam die Treppe wieder hinauf stieg und in den neun oberen Räumen einzelne Exponate gezielt aufsuchte.

In Saal 8 hat ein verspiegelter Kubus runde Gucklöcher, die beim Hineinschauen kaleidoskopartige bunte Bilder präsentieren. Wände voller leicht gewölbter Spiegelpunkte, in denen die eigene Gestalt mehr oder minder verformt erscheint (10), bilden den Durchgang zum mit der Nummer 11 versehenen Saal, in dem man einen Blick werfen kann auf die Cover von Kusamas Büchern hustlers grotto – three novellas (verschlungene gelbe Tentakel mit den schwarz konturierten Punktmustern) und violet obsessions – poems (flottierende violette Tentakel) sowie mehrere Videoportraits der Künstlerin betrachten kann, auf einem taucht sie unter breitkrempigem gelben Sonnenhut aus einem Feld von Sonnenblumen auf. Ein Selbstportrait aus dem Jahr 1995 (Radierung auf Papier) findet sich in Saal 7, es zeigt ein eiförmiges Gebilde mit repetitiven Strichstrukturen (ähnlich wie Bambushalme), das in einen Hintergrund aus der eiförmigen Form folgenden schwarzen Strichen gebettet ist, mich erinnert es an die Draufsicht auf eine Schädelkalotte. Die Künstlerin würde den Prozess des Druckens als eine unerschöpfliche Quelle kreativer Entdeckungen betrachten, meint das Begleit-Booklet und durch die „radikale Beschränkung auf sehr wenige Gestaltungselemente“ ergäbe sich bei den gezeigten Radierungen eine „Art visuelles Alphabet an Mustern“. Das Selbstportrait aus dem Jahr 1972 in Saal 6 aus der Sammlung der Künstlerin bedient sich anderer Eigen-Sinn-igkeiten: eine Collage mit Pastell, Kugelschreiber und Tusche auf Papier setzt die Innenansicht eines Ameisenbaus mitten in eine rosarote Blumenform, die von wundervollen Schmetterlingen umschwirrt ist, eine gebogene schwarzweiße Raupe mit rötlich glänzendem Köpfchen ist unterhalb des Ameisenbaus in die Blume eingefügt. Die Blume steht vor dem Hintergrund einer Winterlandschaft mit tiefliegendem Horizont. Kusama befand sich zu dieser Zeit in einer Umbruchphase, in welcher sie schließlich aus den USA nach Japan zurückkehrte, erfährt man aus dem Begleitheft, und dass der Künstler Joseph Cornell, mit dem sie bis zu dessen Tod 1972 verbunden war, ihr für ihre Collagen auch aus Zeitschriften ausgeschnittene Illustrationen oder Fotografien zur Verfügung stellte.

Inzwischen hatten sich die Säle merkbar gefüllt, neu hereinströmende BesucherInnen waren froh um die Freigabe eines Garderobenfaches und ich um die klare Winterluft im Museumspark, dessen Baumbestände mit dem spiegelpolierten Edelstahl des 2025 für Riehen geschaffenen Infinity Mirrored Room mit dem Titel Illusion Inside the Heart in Dialog treten. In gebückter „Demutshaltung“, wie vorgesehen, konnte ich unverzüglich Eingang finden und im farbigen Licht unendlich gespiegelter Kreise Abschied nehmen von Kusamas Universen.

Römische Freuden 2

Haustochter war sie geworden mitten in Rom, wie es ihr Wunsch gewesen war, nachdem die Tante vom Diakonissenheim gesprochen hatte, und wie die muntere J. aus der französischen Schweiz und die träge S. aus dem Schwäbischen arbeitete sie in der Küche und bei der Essensausgabe,

in der Küche und in der Wäscherei im Souterrain, wo sie von den Frauen, die frühmorgens diese deutsche Insel betraten, gleich ein paar Brocken aus der eiligen Melodie der geliebten italienischen Sprache heraushören und verstehen wollte,

heraushören und verstehen, was nicht leicht war bei der einfachen Anna aus Napoli, die wie die Südtirolerin Maria eine Zuflucht bei den deutschen Diakonissen gefunden hatte, Napoli, der Zielort des D-Zuges 385, der aus Stuttgart gekommen war und in dessen Wagen mit der Nummer 255 sie um 17:47 Uhr in Rottweil ihre Reise begonnen hatte,

die Reise nach Rom, bei der unterwegs am Abend des 30.Oktober 1977, einem Sonntagabend, in Singen die Tante mit Familie am Bahnsteig gestanden hatte, um ihr Adieu zu sagen, bevor sie das Zugfenster wieder geschlossen und dann sogar ein paar Worte hatte wechseln können mit den anderen jungen Menschen im Abteil, die zurückkehren wollten nach Sizilien,

und am nächsten Morgen hatte der junge Sizilianer ihr in Roma Termini den Koffer aus dem Abteilfenster gereicht, den schweren Koffer, in den sie außer Kleidung auch ihre Flöten, eine Insel-Ausgabe von Rilkes Werken und den alten Reiseführer von J.M. Wiesel „Rom, die ewige Stadt“ gepackt hatte,

den Reiseführer aus dem Kohlhammer-Verlag, der sogar etwas älter war als sie selbst, den die Mutter ihrem „geliebten Kind“  zur Abreise gewidmet hatte unter Bekräftigung der Mitfreude und verbunden mit dem Wunsch des „Gott mit Dir“, angefügt des Kindes Namen schon nach italienischem Gebrauch „Gott mit Dir, Federica“,

und endlich war sie angekommen vor dem großen schmiedeisernen Tor in der Via Alessandro Farnese 18 und hatte die Messingklingel gedrückt, die sie später oft gewienert hatte, bis sie wieder glänzte, und Frau W., die deutsche Hausdame, die in Nähe des Pantheons wohnte, hatte sie empfangen und zum Zimmer im zweiten Stock gebracht, das sofort das ihre war und in dem sie noch ein wenig ruhte, bevor der Gong durchs Haus schallte und um 13:15 Uhr das Mittagessen gereicht wurde an altertümlichen Tischen im Speisesaal,

(Fortsetzung folgt)

Römische Freuden

Lesen Sie, lesen Sie, sagt das Buch zu mir, kaum dass ich es in Händen halte, aus alten Beständen habe ich es geschenkt bekommen zum Geburtstag eines groß gewordenen Jemand, der dem meiner Mutter, die ihn seit über zwanzig Jahren nicht mehr feiern kann, nur um einen Tag vorausgeht,

und das mache ich, fast in einem Zug lese ich es, habe ich doch seltsamerweise dieses Buch, das auf 127 Seiten aus einem einzigen, in rhythmischen Schritten laufenden Satz besteht, nicht gekannt, obwohl es nicht nur auf Seite 19 die römischen Freuden für mich bereit hält,

nicht nur die Seite 19, nein, das ganze Buch ist eine einzige Freude für mich, auch wenn es im Laufen wie nebenbei schwerwiegende Themen berührt, Lebensthemen wie Heimat und Fremde, Glauben und Liebe, Krieg und all das, was Menschen sonst noch Menschen bereiten,

es ist die Freude, dass die junge Frau, die über die Terrakottafliesen des Flurs wieder in ihr Zimmer geht, im selben Haus Heimat gefunden hat in einer Fremde wie die 19-Jährige, zu der ich damals in dem fünfstöckigen Gebäude wurde,

das fünfstöckige, von Pflanzen umschmückte Gebäude, in dem nicht nur die junge Frau 1943 unter der Obhut der Kaiserswerther Diakonissen alles hatte, was sie brauchte, sondern auch 1977 die 19-Jährige in ihrem Zimmer im zweiten Stock, das zwar klein war,

an der Fensterseite etwa eineinhalb Meter breit, zur Tür hin etwas breiter und beinahe so hoch wie lang, schätzungsweise dreieinhalb bis vier Meter, ein Bett, ein Nachttisch, ein kleines Tischchen mit Blumen, ein Sekretär, ein in die Wand eingelassener Schrank gegenüber, ein Waschbecken,

und unterhalb des Fensters Regale, davor noch ein Sessel, ein Blick aus dem hohen Fenster auf die zu beiden Seiten mit Bäumen bestandene Via und ringsum die anderen schönen alten Häuser, diese Ecke als Schreibplatz, zumal die Platte des Sekretärs stark wackelte,

alles, was sie brauchte, auch eine Andacht jeden Morgen vor dem Frühstück, eine Terrasse auf dem Dach, wo die imponierende Kuppel der Peterskirche in den Blick rückte, die Vorhalle mit der Wartebank und dem Halbzimmerchen, wo meist die Südtirolerin Maria wachte,

die Südtirolerin Maria, die ihr Leben dem Diakonissenheim verschrieben und die Empfangskarte auf dem Tischchen im Zimmer mit ungelenken Buchstaben beschrieben hatte: Herzlich Willkommen in der Casa, Das Obst ist ungewaschen,

Maria, die die Post verteilte, bei der sich abzumelden hatte, wer das Haus verließ und deren Zettel die 19-Jährige vorfand, wenn sie von ihren Gängen durch Rom wieder in die Via Alessandro Farnese zurückkehrte und zur Haupttreppe ging : Ha telefonato la mamma,

die Mutter hatte angerufen, und eine Rückverbindung war stehend möglich im Telefonzimmerchen, das sich über Eck befand zum Eingangsraum, auf dessen Tisch immer Zeitungen lagen, auch italienische, und wo sie manchmal in den schmalen Sesseln wartete auf andere, die wie sie Haustochter genannt wurden,

(Fortsetzung folgt)

(Friedrich Christian Delius: Bildnis der Mutter als junge Frau. Rowohlt Taschenbuch Verlag, 3.Aufl. März 2010)

(Geburt in Rom – Friedrich Christian Delius‘ bewegende Erzählung einer Schwangeren : literaturkritik.de https://share.google/Juoa9nB3LKZh5VVcw )

Yayoi Kusama

Bisher ist es mir nicht geglückt, noch einmal Einlass zu finden in die Yayoi Kusama-Ausstellung in der Fondation Beyeler, Riehen, bevor die Ausstellung weiter wandert ins Museum Ludwig, Köln (ab 14.März) und schließlich ins Stedelijk Museum, Amsterdam. Ich wollte doch „punktgenau“ Einzelheiten studieren wie zum Beispiel die eigenwilligen Selbstportraits der Künstlerin (siehe Blogeintrag vom 23.Oktober 2025). Der Ausstellungsbesuch ist derart begehrt, dass auch der Museums- Pass- Musée den Eintritt ohne gebuchtes Zeitkontingent nicht mehr garantiert, und die Kontingente sind bis zum Ende der Riehener Ausstellung am 25.Januar vollständig ausgebucht. Aber ich habe ja fotografiert und kann zumindest auf die schlichten Handy-Fotos zurückgreifen, um mich noch einmal zu vertiefen in Yayoi Kusamas Welt, die nicht nur aus Bildern, sondern auch aus Objekten, nicht nur aus Punkten, sondern auch aus Schriften und Vielem mehr besteht. Im Mitmachheft für Kinder werden die jüngeren Besucher aufgefordert, verschiedene Materialien der Kunstwerke zu entdecken, das Heft bietet dafür eine Suche im „Buchstabensalat“ an, „von links nach rechts und von oben nach unten“ würden sich die gesuchten Worte verstecken. Worte hat Yayoi Kusama auch in ihrer Reihe „Every Day I Pray for Love“ versteckt, beziehungsweise in kunterbunte Kreise zwischen wie Perlen aufgefädelte Punkt- und weitere repetitive Muster geschrieben. Seit 2021 hatte sie an dieser Reihe gearbeitet, in der Ausstellung zu sehen sind Werke aus dem Jahr 2023 (Acrylic and marker pen on canvas, Collection oft the artist, Ota Fine Arts). In der „Accumulation of Letters“ wiederholte die 1929 geborene Yayoi Kusama ihren eigenen Namen in einer Collage auf Papier. Da bin ich gespannt, ob ich doch zum guten Schluss noch den Ausstellungsbesuch wiederholen kann, bevor Kusama aus- und Cézanne einzieht!

Zweiter Sonntag nach Epiphanias

Denn aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, und zwar Gnade um Gnade – lautet gemäß Herrnhuter Losungsbüchlein der Wochenspruch für die bereits vierte Kalenderwoche des Jahres 2026, er steht im ersten Kapitel des Johannesevangeliums (Vers 16).

Für die Epistel-Lesung ist ein Abschnitt aus dem ersten Korintherbrief vorgesehen (Kap.2,1-10), ich zitiere den neunten Vers: .., sondern wie geschrieben steht: Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben.

(Zitate nach der Elberfelder Übersetzung 2006)

(Foto: Kalenderblattentwürfe von Hermann Daur, Tusche und Aquarell auf Papier, um 1900, „Die Entwürfe erhalten durch eine farbintensive Flächigkeit und Konturierung der Bildelemente eine plakative Wirkung“, heißt es zu den beiden Entwürfen im Dreiländermuseum Lörrach)

Winterfreuden 4

Die Tramlinie 6 bringt einen an Winterabenden gemütlich in die Schweizer Nachbarstadt. Hat man den Badischen Bahnhof und das Schriftlaufband der Messehallen passiert, geht es nach dem belebten Claraplatz über die mittlere Rheinbrücke und es ist, als öffne sich mit der Fahrt über die Brücke eine festliche Welt, denn Basel präsentiert sich, auch nachdem die Weihnachtsbeleuchtung abgebaut ist, in elegantem Lichterglanz. Aus allen Fenstern des Trois Rois fällt der Schein auf den Rhein, am Marktplatz spart das runderneuerte Globuskaufhaus nicht an Lampen, selbst aus der Barfüsserkirche, die dem Literaturhaus benachbart liegt, leuchtet es durch die hohen Kirchenfenster, obwohl das Historische Museum bereits geschlossen ist.

Im Literaturhaus hat man einen Lila-Ton gewählt, um die Bühne zu illuminieren, auf der gleich Leon Engler, ja was? – zuerst jedenfalls hinter dem kleinen Synthesizer Platz nehmen und den Raum mit einer Komposition beschallen wird, die ihm in der Nacht zuvor im Hotelzimmer einfiel, wie er später sagt. Mit einer ad hoc- Komposition, in der er Elemente der anfänglichen aufgreift und weitere live instant ins Mikrofon gegebene einbaut, wird er nach Lesung und Gespräch auch den Abend ausklingen lassen. Was soll man sagen zu dieser Veranstaltung? Am besten das: Leon Engler hält, was sein Buch „Botanik des Wahnsinns“ verspricht. Er liest mit Modulation, Tempovariation, Rhythmus, ohne je zu überzeichnen, er beantwortet die Fragen der Moderatorin (Ann Mayer, Performerin, Kulturjournalistin etc.) überlegt, unprätentiös, mit Humor und Eigensinn, all das zudem mit einer angenehmen Stimme. Er erzählt, dass er eigentlich habe Musiker werden wollen, das sei nicht geglückt, nun nutze er die Gelegenheit der Lesereisen, um Kompositionen vor Publikum zu Gehör zu bringen und erweitere sein Equipment während der Reise. Als Singer-/Songwriter habe es die Regel gegeben „drei Akkorde und die Wahrheit“, diesen lakonischen Ton habe er auch für seinen Roman haben wollen, zudem sei dies auch der „Psychiatrie-Ton“, vor allem der einer forensischen Psychiaterin, die einmal einen ersten Romanversuch von ihm verrissen habe. Er habe bei der Sprache immer gesucht, wie er es noch einfacher machen könne, wie er Worte finden könne, denen die Zeit Silben abgeschliffen hat. Auf die Frage der Moderatorin, wie denn gewisse Passagen Eingang ins Buch gefunden hätten, antwortet er, sein Gehirn funktioniere so, sehr assoziativ. Außerdem habe er in seinem Roman verschiedene Arten Sprache kombinieren wollen, Fachsprache mit literarischer Sprache, und er habe die (vermeintliche) Grenze zwischen Normalität und Wahnsinn in ihrer Brüchigkeit und Durchlässigkeit beleuchten wollen.

Im ausverkauften Literaturhaus Staunen, Heiterkeit, Nachdenklichkeit und zum Schluss großer Beifall.

(Leon Engler: Botanik des Wahnsinns. DuMont Buchverlag, Köln 2025)

Ein Strauß Fliegenklatschen

Jetzt, da er nicht mehr da war, wollte sie als erstes die Fliegenklatschen entsorgen. Sie ging langsam durch alle Zimmer und zählte sie. Manchmal half Zählen. Da es in jedem Zimmer zwei Klatschen gab, außerdem weitere im Treppenhaus, kam sie auf eine hohe Summe. Sie ließ die drei übers Treppenhaus verteilten liegen und begann den Gang erneut im Wohnzimmer, dort nahm sie zuerst die schwarze, dann die grüne. Sie ging in die Küche, nahm die gelbe vom Haken und die violette vom Fensterbrett. Weitere im nächsten Raum. Über die Diele – dort war keine – erreichte sie das Esszimmer, griff die hellblaue und eine, deren Orange verblasst war. Sie hielt die hellblaue in die Höhe vors Fenster und betrachtete eine Weile den Himmel durch das Gitterraster der Klatsche, dann legte sie sie rasch zu den anderen, die als Plastikstrauß dem Parkettboden entwuchsen und setzte ihren Gang fort, bis sie das letzte Zimmer unterm Dach erreicht hatte. Im Schlafzimmer fand sie kaputte Klatschen, sie nahm sie, sammelte auf dem Rückweg die drei im Treppenhaus ein und brachte sie zu den anderen. Sie war seltsam zufrieden. Dann fiel ihr ein, dass sie den Keller vergessen hatte und sie eilte rasch hinunter, um die Sammlung zu vervollständigen. Auf der Kellertreppe stand die elektrische, die einem Tennisschläger glich, geeignet für Mücken, Fliegen, Spinnen, hieß es im Internettext zum Produkt, Insekten erhalten beim Berühren des Gitternetzes einen Stromschlag, für Menschen völlig ungefährlich. Sie erinnerte sich nicht, ob die Klatsche einmal zum Einsatz gekommen war. Als sie das Esszimmer wieder erreicht hatte, war sie ein wenig außer Atem, aber im Haus war es still, das gefiel ihr. Sie setzte sich auf einen Stuhl und betrachtete die grellbunte Aufschichtung. Mit Fliegenklatschen kannte sie sich aus, dachte sie. Fünf Stück Plastikfliegenklatschen, einfach zu benutzen, geeignet für Erwachsene, Kinder und ältere Menschen, ein gutes Geschenk für Eltern und Großeltern, sie wiederholte den Werbetext in ihrem Kopf, aus hochwertigen Materialien, robust und für den Preis langlebig. Sogar das Wort niedlich war dem bunten Strauß beigemischt, so dass es ihr nicht schwergefallen war, der abschließenden Bitte des Textes Folge zu leisten: Bitte vertrauen Sie uns. Dass es auch Fliegentöter mit Lederklatsche und Holzstiel gab, war ihr später aufgefallen, sie wurden sogar in Handform angeboten, ohne oder mit Beschriftung des Stiels, zur Auswahl standen Trefferquote 100% und Erwischt euch alle!!! oder Ich mach dich platt!!! Fliegenklatschenexpertin, dachte sie, hatte sie das werden wollen? Auf anderen Gebieten kam sie sich vor wie ein Dummerchen. Waren Fliegen denn dumm? Sie wusste es nicht. Sie wusste, dass Fliegen ihn immer gestört hatten. Die Jagd war wichtig gewesen. Lagen die Gejagten schließlich am Boden, war es gut. Dort blieben sie, das störte ihn nicht. Jetzt wollte sie nicht mehr die Gejagten, sondern die Klatschen fortschaffen. Wie still es war im Haus! – Plötzlich ein Surren, das näher kam. Sie stand vom Stuhl auf, öffnete mit rascher Bewegung die Balkontür und sah der schwarzen Fliege hinterher, die sich im hohen Blau des Himmels verlor.

(Und wer sich jetzt gleichzeitig zu Geräuschen der Fliegen und in Schweizerdeutsch fortbilden will, der clicke auf den Link und schaue das Filmchen: Schlauer i d’Wuche – Warum gibt es laute und leise Fliegen? – Kassensturz Espresso – SRF https://share.google/8w8h56ZYQFJ6i19yi )

(Foto: Insekt auf einem der Kunstwerke des Rehberger- Weges 24 Stops, die inzwischen leider größtenteils abgebaut sind)

Schreiben & Weglassen

Unter dieser Überschrift stand der gestrige Abend im Literaturhaus Basel mit Annette Pehnt und Peter Stamm und deren aktuellen Büchern „Einen Vulkan besteigen“ und „Auf ganz dünnem Eis“ . Man könnte sich jetzt fragen, ob man lieber mit Frau Pehnt den Vulkangefahren begegnet oder mit Herrn Stamm jenen dünnen Eises, zum Glück stellte sich diese Frage gestern nicht, hörte man doch von beiden je zwei Lesungen, dazu gab es ein von Katrin Eckert, der Intendantin des Basler Literaturhauses, moderiertes Gespräch zu den Werkstätten des jeweiligen Schreibens mit Fokus auf Möglichkeiten und Grenzen der Verknappung:  „Wieviele Worte braucht es, um Leben zu beschreiben?“

Der 1963 im Kanton Thurgau geborene Schweizer Schriftsteller Peter Stamm ist seit langem bekannt für eine schnörkellose und prägnante Sprache, er arbeitet oft mit Hauptsätzen. Der Stil des Schreibens habe viel mit der eigenen Persönlichkeit zu tun, sagt Stamm, er sei eben einfach so. Bei seinen Romanen sei allerdings schon ein etwas anderes Schreiben erforderlich, mit mehr Entspannung, man könne nicht 300 Seiten lang gespannt bleiben. Immer aber habe er den Wunsch, dass man seine Figuren so kennenlerne, wie man in der Realität Menschen kennenlernt, als Begegnung. Für seinen neuen Erzählband habe er Lust gehabt, wieder an seine Wurzeln als Journalist anzuknüpfen und weg zu kommen vom autofiktionalen Schreiben, und er habe dafür auch wie ein Reporter Orte seiner Erzählungen aufgesucht, um sie zu spüren. Form sei ihm wichtig, sie entwickele sich aber eher aus dem Raum, in dem er sich bewegt und in dem er das Material findet, man müsse dann ein Gefühl für das Material entwickeln.

Die 1967 in Köln geborene, in Freiburg im Breisgau wohnende und an der Stiftungsuniversität Hildesheim lehrende deutsche Schriftstellerin Annette Pehnt erzählt, dass sie beim Schreiben immer von einer Dringlichkeit ausgehe, die mit Lebensfragen zu tun habe. An die Frage würde sich dann das Material binden, sie suche dann eigentlich immer eine neue Form, die zur Frage und zum Material passen würde, aber dies nicht als leere Übung. Eigentlich suche sie in Texten (auch als Leserin) immer nach einem Suchen. Die erste Geschichte ihres Bandes „Einen Vulkan besteigen – Minimale Geschichten“ war auf Einladung als Teil des Projektes „LiES! Literatur in einfacher Sprache“ entstanden, sie sei dann so angefixt gewesen, dass sie auf die Art weiterschreiben wollte und sich für weitere Geschichten die Regeln der einfachen Sprache auferlegt habe, mit dem Stilmittel der einzeln stehenden Sätze, nur einer Information pro Satz etc.

Dann sagt Annette Pehnt selbst etwas, das genau meine Leseerfahrung bestätigt (ich hatte das Buch vor dem gestrigen Abend etwa zur Hälfte gelesen): man könne nicht viele Geschichten hintereinander lesen, sondern müsse das Buch immer wieder aus der Hand legen. Was Peter Stamm zur humorvoll gemachten Bemerkung veranlasst, man könne der Lektüre ja einen Beipackzettel mitgeben. Für mich interessant war, dass ich während Pehnts Lesung die Texte doch anders wahrnahm als beim Selbstlesen, in einem anderen, doch mehr fließenden Rhythmus, weniger abgehackt. Frappierend auch, was während der Lektüre der Minimalgeschichten an Empfindungen und Vorstellungen zu den Figuren und zum Sujet in einem entsteht.

Peter Stamms neuer Erzählband kommt auf meine „Noch-zu-Lesen-Liste“, einstweilen hatte ich begonnen, seinen 2021 bei S.Fischer erschienenen Roman „Das Archiv der Gefühle“ zu lesen.

(Annette Pehnt: Einen Vulkan besteigen. Minimale Geschichten. Piper-V. 2025)

(Peter Stamm: Auf ganz dünnem Eis. Erzählungen. S.Fischer-V. 2025)