Rilkes Tiere

Angelika Overath und Manfred Koch, in deren Schreibschul-Klassenzimmer der Senter Chasa Misoch ich bald wieder bei den grünen Bibliothekslampen sitzen werde (s.Blogeintrag vom 22.Mai 2025), haben eine wunderschöne Anthologie herausgegeben und mit einem -wie der Verlag schreibt- „kundigen“ Nachwort versehen, am 15.September ist sie im Insel-Verlag Berlin erschienen: „Rilkes Tiere“, Insel-Bücherei Nr.1549. Sie versammelt Gedichte und Prosa-Texte aus Rainer Maria Rilkes Werken und stellt ihnen korrespondierende Gemälde-Details zur Seite, denen Angelika Overath in Museen begegnet ist, die sie gesehen und fotografisch eingefangen hat. So werden die Lesenden zwiefach mitgenommen zum Einhorn, zu den Teppichen der Dame a la Licorne, zu Hunden, Katzen, Löwen, Marienkäfern, Fliegen, zu Schwänen, Flamingos, Papageien, Meisen und anderen Vögeln, zu einer Gazelle (sehr interessante Bezüge im Nachwort) und auch der weiße Elefant des Karussells im Jardin du Luxembourg ist vertreten.

Rilkes Geburtstag jährt sich am 4.Dezember zum 150. Mal, im kommenden Jahr wird am 29.Dezember sein 100.Todestag sein, von Manfred Koch ist daher in 2025 auch die Biographie „Rilke – Dichter der Angst“ erschienen (Verlag C.H. Beck, München),s.Blogeintrag vom 7.Mai 2025.

Wie sehr Rilke oft der äußerst genaue Beobachter ist, der seine Texte entfaltet aus der Anschauung, Durchdringung und Verwandlung des konkreten Gegenstandes oder wie man die nicht immer einfache Dichtkunst Rilkes auch genießen kann (nämlich getragen „wie von Musik“), lässt sich unter vielen anderen schön beleuchteten Aspekten und Hintergründen im Nachwort der Herausgeber mit Freude lesen.

https://www.suhrkamp.de/buch/rainer-maria-rilke-rilkes-tiere-t-9783458195498

Alte (oder frühe?) Lektüren

Nach ausgedehntem Ausflug zum Büroaufsteller gehe ich zum Bücherregal und schaue, ob ich das noch habe: „Hundert Jahre Einsamkeit“ von Gabriel García Márquez (1927-2014). Tatsächlich, da ist es in der zweiten Reihe des Regalbretts mit der „spanischen Abteilung“ und im Verein mit weiteren Márquez-Werken aus verschiedensten Zeiten und Herkünften (z.B. habe ich den Fischer-Taschenbuch-Band, Ausgabe 2004 „Von der Liebe und anderen Dämonen“ am 27.Januar 2018 in einer Riehener Brockenstube erworben), die aber zum allergrößten Teil noch auf die Lektüre warten (soweit mir bekannt ist, kennt das Japanische ein eigenes Wort für den Stapel ungelesener Bücher). „Die Erzählungen“ (Kiepenheuer und Witsch, Köln 1992) sollte ich mir bald einmal vornehmen. Auf jeden Fall gelesen habe ich aber „Hundert Jahre Einsamkeit“, und zwar 1983. Es interessiert mich, was ich damals mit Bleistift markiert habe:

„Die Welt war noch so jung, dass viele Dinge des Namens entbehrten, und um sie zu benennen, musste man mit dem Finger auf sie deuten.“ (S.9) „Doch trotz seiner unermesslichen Weisheit und seiner geheimnisvollen Ausstrahlung lastete Menschliches auf ihm, eine irdische Bedingtheit, die ihn an die kleinen Gegebenheiten des Alltags fesselte.“ (S.14) „..dass er etwas tat, von dem er seit langem wünschte, dass man es tun könne, von dem er sich aber nie vorgestellt hatte, dass man es in Wirklichkeit tun könne, ohne zu wissen, wie er es tat, weil er nicht wusste, wo die Füße und wo der Kopf waren, und wo er fühlte, dass er nicht länger dem eisigen Rauschen seiner Nieren und der Luft seiner Eingeweide widerstehen könne und der Angst und dem betäubenden Drang zu fliehen und gleichzeitig für immer dabeizubleiben in jener verzweifelten Stille und jener entsetzlichen Einsamkeit.“ (S.39) „So lebten sie in einer schlüpfrigen Wirklichkeit dahin, die sie vorübergehend mit dem Wort festhielten, die ihnen jedoch unrettbar entglitt, sobald sie den Wert des geschriebenen Buchstabens vergaßen.“ (S.62)  etcetera.

1982 erhielt der im kolumbianischen Aracataca als Ältester von elf Geschwistern geborene spätere Jurastudent, Journalist und Schriftsteller Gabriel García Márquez den Literaturnobelpreis. Ich erinnere mich auch noch, die Verfilmung eines seiner Romane gesehen zu haben, vor langer Zeit, es muss „Chronik eines angekündigten Todes“  mit Ornella Muti, Gian Maria Volonté, Rupert Everett und Anthony Delon gewesen sein.

(Gabriel García Márquez: Hundert Jahre Einsamkeit. Aus dem Spanischen von Curt Meyer-Clason. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1982)

La musica italiana

Anfang September in einem messenger-Dienst: Il corso comincia il 24, esatto! Mi piacerebbe avere come filo conduttore le canzoni d’autore italiane: sono belle da cantare, i testi sono spesso profondi e ci darebbero molti spunti di conversazione. Che ne dici?  – Und was habe ich wohl dazu gesagt? Genau, mit einem einzigen Wort habe ich geantwortet: perfetto!

Und nun sitzen die corsisti und hören, wie die Nun-wieder-Italienisch-Lehrerin ein Lied vom 1940 geborenen Francesco Guccini vorsingt, das 1972 veröffentlichte Il vecchio e il bambino, das sich auf die einzigartige Weise der cantautori des Themas der Umweltzerstörung annimmt. Es erzählt die Geschichte eines Alten, der mit einem Kind an der Hand durch eine endlose verwüstete Ebene geht und ihm von Weizenfeldern, Früchten, Blüten, Bäumen erzählt, vom Grün, das die ganze Ebene einnahm, vom Regen, der fiel und von den Sonnen, die den Rhythmus des Menschen und den der Jahreszeiten anzeigten. Das Kind bleibt schließlich stehen, sieht träumend nie gesehene Dinge, und sagt zum Alten: Mi piaccion le fiabe, raccontane altre – ich mag Märchen, erzähle andere.

Und dann lesen wir nicht nur den Text, sondern singen auch alle vier Strophen, insieme, einfach so vom Blatt.

Wasser und Worte

finden sich unter diesem Titel zusammen beim Spaziergang am Rhein auf der Kleinbasler Seite, ausgerichtet von www.literaturspur.ch. Entlang der Verbindung von Ort und Text gestalten Martina Kuoni und MitarbeiterInnen die Veranstaltungen, „Literaturspur/ liest und läuft zwischen den Zeilen“ heißt es auf den Flyern. Der Rheinspaziergang diesmal eine Kooperation mit www.bellevue-fotografie.ch , beginnend beim k-Haus flaniert man entlang der OpenAir-Ausstellung Bild /Fluss, blickt aufs Wasser und seine Ufer, lauscht Wortgeschöpfen, die am Basler Rheinufer geboren wurden und hört allerlei interessante Geschichten. Zum Beispiel jene von den aus wohlhabenden Familien stammenden Dominikaner-Nonnen, die im (Ende des 13.Jh. gegründeten) Klosterkomplex (Kaserne, k-Haus) beheimatet waren und das Kloster mit Lesen, Gesang, Musikveranstaltungen belebten, sich zudem die Freiheit nahmen, im Rhein zu baden, so dass die gegenüber in der Predigerkirche ansässigen Dominikanermönche versuchten, dem Treiben Einhalt zu gebieten, was nicht gelang, Schwestern aus dem Elsass wurden zu Hilfe gerufen und als auch das nicht fruchtete, griff schließlich der Papst ein.

Werner Lutz (1930-2016, Maler, Grafiker, Dichter) lebte zuletzt in Basel und Binningen, in seinen Treibgutzeilen (Waldgut-Verlag 2013) lässt er Schiffe fahren aus Morgen, aus Abend, aus Eisen und „wer am Ufer sitzt/ist miteinander verwandt…..dasselbe Wasser fließt uns durch die Augen“. Der mit ihm bekannte Rainer Brambach (geb.1917 in Basel-gest.1983 in Basel, Möbelpacker, Torfstecher, Werbetexter, Wanderer durch Deutschland, Österreich und Frankreich, Maler in Stuttgart, Gartenbauarbeiter in Basel) schuf -laut Wikipedia- eine von der Naturerfahrung des Gärtners geprägte Lyrik, in schlichtem, zurückhaltendem Stil, in dem auch seine Prosatexte verfasst waren. Wir hören aus dem 2013 im Diogenes Verlag erschienenen Band Gesammelte Gedichte: Am Fluss und (den Wasser-gewirkten) Lebenslauf. Im Café Spillmann sitzt Ulrich Becher (1910-1990) und schreibt den Text über das Sommergewitter, das er gerade bei der Mittleren Brücke erlebt. Sein Hauptwerk ist der 1969 erschienene Roman Murmeljagd, der wohl bei Diogenes nun neu aufgelegt wird, Literaturspur befasst sich am 26.September mit dem Werk (Gespräch und Lesung mit Martina Kuoni und Dieter Häner); im Netz finde ich einen Beitrag des Deutschlandfunks aus dem März 2020 und begeisterte Pressestimmen zum damals im Schoeffling-Verlag wieder aufgelegten Murmeljagd.

Ein Kuriosum hat Martina Kuoni noch zu bieten, sie hat in einer Publikation des Tiefbauamtes einen Artikel aufgestöbert „Vater Rhein, Mutter Aare“, der nicht nur referiert, wann die einzige Stadt, die „am Rhein“ im offiziellen Namen trägt, dazu gekommen ist (16.Aug.1929), sondern auch belegt, dass es eigentlich die Aare ist, die sich auf den Weg zum Meer macht, denn hydrologisch ist der Rhein ein Nebenfluss der Aare und nicht die Aare ein Nebenfluss des Rheins, bringt doch die wasserreiche Aare am Zusammenfluss im schweizerischen Koblenz 560 Kubikmeter ein, der Rhein lediglich 439 – eigentlich müsste die Stadt also heißen Weil an der Aare, das Bundesland Aarland-Pfalz und die Wagner-Oper Aargold. Der Rhein aber hat das Rennen gemacht – und (f)lies(s)t Richtung Meer. Wasser und Worte!

Ulrich Becher: „Murmeljagd“ – Ein Sprachmeisterwerk wird neu entdeckt https://share.google/OnYwIhu8WRLK5YqrN

Vierzehnter Sonntag nach Trinitatis

Der Wochenspruch für die heute beginnende Woche ist gemäß Herrnhuter Losungsbüchlein der zweite Vers des 103.Psalms:

Preise den HERRN, meine Seele und vergiss nicht alle seine Wohltaten!

Und der Losungsvers für den heutigen Sonntag findet sich im Buch Rut, Kap.1, Vers 16:

Aber Rut sagte: Dringe nicht in mich, dich zu verlassen, von dir weg umzukehren! Denn wohin du gehst, will ich gehen, und wo du bleibst, da bleibe ich.

(zitiert nach der Elberfelder Übersetzung 2006)

Das vorgeschlagene Wochenlied ist Nummer 333 im Evangelischen Kirchengesangbuch: Danket dem HERRN! Wir danken dem HERRN, denn er ist freundlich und seine Güte währet ewiglich, sie währet ewiglich, sie währet ewiglich.

(Das Lied ist eine Vertonung von Psalm 118,1. Manchmal haben wir es in meiner Herkunftsfamilie vor dem Essen gesungen)

Puppentheater

Wann geht es endlich los? fragt ein groß gewordener Jemand, als wir eine Weile zu früh in den rotsamtenen Kinosesseln sitzen, mit denen man den Souterrain-Raum einer Stadtbibliothek bestückt hat. Nach und nach trudelt eine kunterbunte junge Gesellschaft ein, Klappsitze knallen, Trinkfläschchen ploppen, Papierchen knistern, aufgedrehte Lautstärke wird von den Älteren heruntergedimmt. Der groß gewordene Jemand ist nicht laut, wir kaufen das nicht, sagt er, als er Kleine und Große zum Süßigkeitentisch neben der Bühne eilen sieht, wo sie nach Blick auf das Preisschild eine oder zwei oder drei Gummischlangen erwerben, die dann nicht nur in Münder wandern, sondern auch um Finger gewickelt werden. Den schmecke ich nicht da drin, lässt er die nonna wissen, als er auf der Tüte mit Knabbersnacks das Abbild eines Käses sieht und die Tüte beständig weiter an Volumen verliert. Wann geht’s denn jetzt los? Wir zählen die Minuten und studieren Vorhänge und Bühnenumgebung, der groß gewordene Jemand betrachtet alles konzentriert und hat detaillierte Fragen. Die nonna verleiht ihm den Beobachter-Preis in Gold. Und dann geht das Licht im Raum aus, ein Glöckchen klingelt, der rote und der gelbe Vorhang bewegen sich zur Seite, sämtliche Augen auf den roten Sitzen wenden sich zum Bühnenbild (der groß gewordene Jemand speichert das neue Wort), die Geräusche sammeln sich zu leisem Raunen und Staunen, da sind sie ja, die bekannten Figuren, die flattrigen Hühnerschwestern, der so sympathisch verschusselte und verschrobene Pettersson, der pfiffige Findus. Und dann werden Groß und Klein in die Geschichte gezogen und dürfen mitgestalten und tun das kräftig und ein groß gewordener Jemand wendet zwischendurch ein Strahlen zur nonna. Drei Aufzüge sind es und der groß gewordene Jemand versichert sich selbst, wieviele Pausen zu den Aufzügen gehören. Großes Gelächter bei der Pointe der Geschichte, glücklicher Applaus, als die Vorhänge sich endgültig schließen, und dann nichts wie hinaus in die sommerliche Luft zum Gelato (kein al limon, sondern Vanille im Hörnchen) für einen groß gewordenen Jemand und zum Affogato für eine nonna.
 

Schneeweisschen und Rosenrot

Eine meiner derzeitigen Lektüren, die ich gestern Abend gerade noch rechtzeitig beendet hatte, ließ auch die Erinnerung an ein Märchen der Gebrüder Grimm auftauchen: Schneeweißchen und Rosenrot. Ich muss es als Kind beim Hören einer Märchenschallplatte kennengelernt haben oder vielleicht hat es mir auch jemand vorgelesen. Wie lange habe ich daran nicht gedacht? Sehr lange. Ich laufe zum Bücherregal und suche die Ausgabe der von den Brüdern Grimm gesammelten Kindermärchen, die ich im Februar 2022 einmal in einem Antiquariat entdeckt und mitgenommen habe, ah da ist er ja, der schöne kleine alte Band – aber leider enthält diese Volksausgabe von 1863 (achtundfünfzigste, mit dem Originaltext verglichene Auflage; Loewes Verlag Ferdinand Carl in Stuttgart) nicht Schneeweißchen und Rosenrot, also suche ich nach dem Text im Netz und werde fündig auf www.grimmstories.com . Man kann das (und weitere) Märchen dort auch als pdf-Datei herunterladen, in anderen Sprachen lesen oder sogar sich vorlesen lassen, zum Beispiel von einer Frauenstimme in Italienisch. In meinem Band fehlt auch der Froschkönig, ein Lieblingsmärchen auf der Kinderschallplatte. Ich erinnere noch, wie mir zumute war beim Hören von Hänsel und Gretel, von Rotkäppchen, Aschenputtel, Frau Holle und Die Sterntaler. Das Inhaltsverzeichnis meines Bandes weist diese Märchen aus und dazu weitere dreiunddreißig, beginnend mit Daumerlings Wanderschaft über Brüderchen und Schwesterchen, Hans im Glück, Fundevogel, endend mit Doktor Allwissend. Und mit welchem Satz enden die Bremer Stadtmusikanten? Hm? Na gut, ich verrate den Satz, der in meinem Büchlein dem, der auf grimmstories den Schluss bildet, angehängt ist: „Und der das zuletzt erzählt hat, dem ist der Mund noch warm.“

Septemberluft

mit dieser deutschen Wortbildung bezeichnete vor vielen Jahren der italienische Familienfreund E. das, was der September uns derzeit bietet. Kannte E. das Gedicht Die kleine Passion von Gottfried Keller (1819-1890), das in der ersten Zeile das Wort verwendet: „Der sonnige Duft, Septemberluft/sie wehten ein Mücklein mir aufs Buch…“ ? – möglich, ich weiß es nicht; ich kannte es nicht, die Suchmaschine hat es mir präsentiert. Das Wort aber hat sich in mir festgesetzt und es steigt immer auf im September, wenn wie heute die Morgen frisch und klar sind, die Himmel wie blankgefegt, wenn sich auf meinem Höhenweg die Schatten der Rebreihen lang ziehen, die Reihen selbst aber dicht stehen mit Traubenbehang und noch üppigem Grün, das sich an den Rändern zu verfärben beginnt, wenn die Strahlen der tiefstehenden Sonne so gebrochen werden, dass sie durchs Dickicht der Rebreihen und Bäume flackern und ich beim Radeln auf die Irritationen des Gegenlichts achten muss. Wenn die Traktoren der Herbstlese zu tuckern beginnen am Hügel und den Wegrand schon prallvolle Behälter säumen. Wenn der Wiesentalbach funkelt, als habe man kistenweise wohlgeschliffene Diamanten hinein geschüttet und wenn es mittags so warm wird, dass ich die oberen Lagen der Kleidung ablegen kann. Wenn es gut ist, einen Fahrradhelm auf dem Kopf zu haben, damit herabstürzende Kastanien abgefangen werden und ich aber geneigt bin, sofort anzuhalten und ihren verlockenden braunen Glanz einzuheimsen.

Wenn ich beim Ausflug zum Büroaufsteller ins Ruderboot springen und mit Henri Lebasque (1865-1937) (oder wem auch immer) unter Blattwerk auf der funkelnden Marne im Septemberlicht entlanggleiten kann.

Unbewohnt

Um sie herum unbewohnte Häuser. Spinnweben hinter der Scheibe im Giebel, wo früher die mürrische Alte stand und jede Regung gegenüber mit genauen Augen aufzeichnete, solange die Augen ihr folgten. Als die Augen keine Regungen mehr herein ließen, herrschte die Alte ihren Mann an, der Mund gehorchte ihr noch, und der Mann brachte alles ans Bett, aus dem die Alte nicht mehr aufstand. Der Mann war selber alt, die Haare wirr und weiß, die Hose voller Löcher, ausgeleierte Hosenträger hielten sie gerade noch über einem Hemd, dessen Farbe unbestimmt war. Der Mann sagte nie ein böses Wort zur mürrischen Frau. Irgendwann erübrigte sich sein Gang zum Bett im ersten Stock, er stand vor dem Haus und beschnitt die Hecke, sein linker Arm war dick, man hatte ihm eine Geschwulst aus der Achselhöhle entfernt. Die Gartenschere führte er mit rechts, links griff er ins Grün, ein Kompressionsverband erschien aus dem Ärmel des Hemds, dessen Farbe sich nicht geändert hatte. Mit beiden Händen sammelte der Mann das Schnittgut geduldig in einen Behälter, die Hecke war lang.

Einmal schaute sie nachts aus dem Badfenster im zweiten Stock, ein Polizeiwagen hielt an der Kreuzung, die Beamten halfen dem alten Mann heraus, unsicher tastete er mit Augen und Füßen. Im Nachthemd und barfuß eilte sie hinunter, da aber hatte der alte Mann bereits die Erinnerung und den Hauseingang gefunden.

Irgendwann sah sie ihn lange nicht bei der Hecke, eine fremde Stimme bat am Telefon, sie solle das Haus gegenüber im Auge behalten, es gäbe so viele Einbrüche. Später ließ die fremde Tochter ein Video-Auge anbringen und eine Kette vor die Einfahrt spannen, in der niemand mehr aus dem alten weißen Kombi stieg. Nur das Unkraut erhob sich aus den Ritzen und die Hecke streckte sich in die Höhe, im Sommer garniert vom Weiß der Winden. Eine Katze schlich unter der Kette in die Einfahrt, sonst regte sich nichts.

Auf der anderen Seite der Gasse fehlte das Kinderlachen, das hier aufgewachsen war, sie hatte gehört, wie es sich veränderte und wie sich Laute und Wörter zu ihm gesellten, immer mehr. Im Sommer plantschte es im Gartenpool, der hinter der Buchenhecke stand, und ab und an vermischte es sich mit anderem Lachen und Rufen und ein Ball flog durch die Luft und blieb auf einem Vordach liegen. Manchmal kamen Stimmen Erwachsener hinzu, auch italienische waren darunter, ein Geruch von Grillfeuer zog zu ihr herüber und die Sprachfetzen flogen herbei und wieder davon wie kleine Vögel. Dann zogen Stimmen und Lachen weiter, der Grillplatz lag verwaist, dem Schornstein entwich kein Rauch mehr und nie wieder erhellte Licht das Wohnzimmerfenster, das nun kaum noch auszumachen war hinter dem ungebremsten Wuchs des Holunders.