Besucherfahrt in den Landtag und Rückblick auf den Tag der Demokratie

Die Einladung eines Abgeordneten bringt einen durch ein Wechselspiel dichter oder duftiger Nebel mit farbengesättigter Herbstlandschaft direkt zur Konrad-Adenauer-Straße 3 in Stuttgart, wo das Baden-Württembergische Landtagsgebäude liegt, im Schlossgarten, umringt von Schauspiel, Staatsoper, Staatsgalerie, Landesbibliothek, Altem Schloss, Markthalle, Stiftskirche und Neuem Schloss (und unweit des S21-Projektes mit den Lichtaugen und den Baucontainern, auf denen in großen Lettern „Seele“ prangt). Man habe die Demokratie mitten ins herrschaftliche Herz pflanzen wollen, wird der Besuchergruppe zur Platzierung erklärt. 1959 bis 1961 erbaut, war es jedenfalls der erste Parlamentsneubau Deutschlands nach dem zweiten Weltkrieg, wobei der Heidelberger Architekt Horst Linde und der Stuttgarter Bauleiter Erwin Heinle auf einen Entwurf des von Mies van der Rohe inspirierten Mainzer Architekten Kurt Viertel zurückgriffen. Das Gebäude gilt als markantes Beispiel deutscher Nachkriegsarchitektur und als eines der wichtigsten Baudenkmäler Deutschlands. Klares Konzept, teilweise offene Raumstruktur und moderne Formensprache sollten für Offenheit und Transparenz der neuerstandenen Demokratie stehen. Eine Sanierung und Modernisierung 2016 brachte die Transformation des Daches in eine fünfte lichtspendende Fassade durch Einarbeitung kreisrunder Öffnungen verschiedener Größen, seit 2017 existiert das angefügte Bürger- und Medienzentrum.

Nachmittags verfolgt man vom Besucherbalkon aus einen Ausschnitt der 132.Sitzung. Die Sitzungen werden aufgezeichnet und lassen sich ein bis zwei Tage später über die Mediathek des Landtages nachschauen und nachhören. Überraschend und beeindruckend aber im Live-Erlebnis ist die Arbeit der Stenografinnen und Stenografen, die zu beiden Seiten des RednerInnen-Pultes platziert sind und alles von Hand mitprotokollieren, die Reden und alle Zwischenrufe etc. mit namentlicher Zuordnung. Wie bei einem Staffellauf übernehmen – auch im Wechsel zwischen rechts und links – nach jeweils fünf Minuten andere, greifen die Blätter und verschwinden in Nebenräume, um das in Kürzeln Mitgeschriebene in von allen lesbare Protokolle zu verwandeln. Fast schwindlig nimmt man in der Stunde des Plenarsitzungsbesuches die Menge an Stenografen und Stenografinnen wahr, die mit ruhigen und doch zügigen, routinierten Bewegungen und unbewegten Mienen ihre Arbeit tun. Wo kommen sie alle her? Sie sind begehrt, erfährt man später bei Nachfragen, keine KI kann sie ersetzen, es gibt Festangestellte und solche, die herumreisen für ihre Dienste. 200 bis 400 Kürzel vermögen sie in der Minute zu schreiben und gewinnen Medaillen bei Kurzschriftwettbewerben. So also gelingt das Mitschreiben von Demokratie.

Eine warme Spätsommersonne begleitete die Veranstaltung zum Tag der Demokratie in Lörrach, die in diesem Jahr um einen Tag auf den 20.September vorverlegt wurde. Der 1956 geborene Jurist und Publizist Michel Friedman sprach unter dem Balkon des Alten Rathauses Lörrach, von dem aus der 1805 geborene Rechtsanwalt und Publizist Gustav Struve am 21.September 1848 die Deutsche Republik ausrief, und umkreiste lobend und mahnend die über ihm auf der Flagge festgehaltenen Früchte und Aufgaben der Demokratie: Freiheit, Bildung, Wohlstand. Hörten ihm mehr Menschen zu als den Veranstaltern einer Gegendemonstration auf dem benachbarten Alten Marktplatz?

Parlamentsstenografen schreiben blitzschnell alle Reden im Landtag mit | Staatsanzeiger BW https://share.google/tzeuuCAZ2pzWcDAGl

Landtags-Stenografen holen Medaillen bei Kurzschrift-Meisterschaft | Landtag Baden-Württemberg https://share.google/iBnumRkQuj9GHQDyU

Herbstfreuden 2

Am 11.Oktober 2022 war ich auf Wegen der Kindheit und Jugend unterwegs.

Im Rathaus arbeitete 28 Jahre lang der Vater, bei Besuchen dort faszinierte das Kind die lange, schwere Amtskette, der am Schreibtisch befestigte und mit einer Kurbel zu bedienende Bleistiftspitzer, die dunkle Holztreppe hinauf zur Wohnung der Gemeindeschwester Marie, die vom Hof zugängliche Gefängniszelle.

In der benachbarten evangelischen St.Antoniuskirche sang die Teenagerin ab dem 10.Lebensjahr in einer Kurrende (Kinderchor) und ab und an predigte dort auch der Bürgermeister-Vater.

Den am Brunnen neben der Kirche sitzenden bronzenen Mönch gab es damals noch nicht, wie im Wappen des Ortes erinnert er an die Entstehung des Weilers im 11./12.Jahrhundert durch klösterliche Kolonisationsbewegungen.

In Räumen der evangelischen Pauluskirche der benachbarten Kreisstadt fand der Blockflötenunterricht statt, es unterrichtete die ledige Frau W., die auch die Kurrende leitete. Der Fußweg von der Bushaltestelle zu den Unterrichtsräumen zog sich sehr in die Länge.

Näher an der Bushaltestelle lag das Romäusring-Gymnasium, nach drei Jahren Grundschule wegen Kurzschuljahren (52 Kinder in der Klasse) kam die Neunjährige dort in die Sexta. Zu Schuljahresbeginn und am Aschermittwoch gab es den Schülergottesdienst in der benachbarten katholischen St.Fideliskirche.

Der gelehrige Bücherwurm im Hof des Gymnasiums thronte damals noch nicht auf seinem Stapel Glück, er fand sich erst 2014 ein.

Im Münster Unserer Lieben Frau war das Kind und die Jugendliche selten, manchmal aber doch, benachbart lag die bevorzugte Buchhandlung der Eltern. Die fast 56-Jährige sang am Sonntag, den 14.Dezember 2014 um 17 Uhr in diesem Münster ein Adventskonzert mit dem Motettenchor Lörrach.

„Mönchweiler, nahe der trutzigen Mauern des wehrhaften Villingen, war durch Jahrhunderte eine kaum beachtete, ungeschützte Wegmarke an der großen Heer- und Kulturstraße“ heißt es auf dem 231 Seiten umfassenden kirchengeschichtlichen Lesebuch über Mönchweiler, das der ehemalige Schulrektor Dieter-Eberhard Maier 1999 veröffentlichte (Untertitel: Von den Ursprüngen des christlichen Glaubens und Wirkens bis zur Gegenwart).

Ein großes Paket ist angekommen mit Familienarchivmaterial. Ich werde mich darum kümmern.

Woche der Buchmesse: Darum ist es gesund zu lesen https://share.google/qwtZCdXpl21cVY8VE

Herbstfreuden

Gestern Abend in der kurzen Pause der Chorprobe (Johannespassion mit Konzert am 29.März, Palmsonntag und Beginn der Sommerzeit) stimmen eine Soprankollegin und ich überein im Befremden darüber, dass das Jahr schon die Neigung zu seinem Ende hin nimmt, wir haben Mitte Oktober und es ist bereits an der Zeit, sich um neue Kalender zu kümmern, dabei hatten wir doch erst Januar – oder nicht? Ist das eine Alterserscheinung, fragen wir uns, und weisen diesen Gedanken natürlich umgehend von uns, zumal auch Jahrzehnte Jüngere von diesem Phänomen zu berichten wissen. Auch meinen wir, der Sommer sei dieses Jahr nicht sehr groß gewesen, eher etwas klein geraten. In den letzten Tagen treiben bereits heftig die Blätter und der erwartete Wein scheint genug Süße zu haben, die Traktoren zogen schon über den Hügel und fleißige Hände befreiten die Rebstöcke von reifer Last. Und obwohl der Rosmarin noch blüht, haben sich auf meinem Höhenweg neben ihm die Herbstzeitlosen eingefunden und vereinen ihre sattgelben Strahlen mit den etwas blasseren der Herbstsonne. Am Morgen umgarnen die Nebel den Hügel und er lässt sich werben. Gibt zur Antwort, dass er sich an den Herbst gewöhnt habe, ja ihn nicht missen möge, dass er sich ausgesöhnt habe mit der wuchernden Durchsichtigkeit der Rebstöcke, dass er es liebe, wenn Morgenlicht mit den Nebeln spiele und einen Widerpart fände in der Färbung des Herbstlaubs. Wenn dann noch Raubvögel über seinen Wölbungen kreisten, sagt er, und die Nebel ein Fenster freigäben auf sein Chrischona-Gegenüber, dann sei er ganz in den Herbstfreuden angekommen.

(ein paar Formulierungen aus einem Mini-Text vom Oktober 2023 sind eingearbeitet)

Nizza? Cannes? Monte Carlo? -Nein, Badenweiler!

und zwar die 12. Badenweiler Literaturtage unter dem Titel „Zeitenwende“. Gastgeber Rüdiger Safranski (geb. 1.Januar 1945) schreibt dazu im Flyer: „Der Begriff Zeitenwende hat nicht nur einen heute viel diskutierten politischen Aspekt, sondern hat auch zu tun mit existentiellen Umbrüchen, Krisen, neuen Lebensentwürfen. Und so ist Zeitenwende immer auch ein Thema der Literatur.“

Die Veranstaltungen finden nicht im palastartigen ehemaligen Grand Hotel Römerbad statt, sondern im benachbarten Kur – und Festspielhaus unterhalb der Burgruine, 1972 von Architekt Klaus Humpert gestaltet mit Bankettsaal im Wiesengeschoss, Tourist- und Restaurantbereich im Promenadengeschoss und Vortragssaal im Musengeschoss. „Le Jardin“ heißt der Saal für die Lesungen und er ist in Reihen bestuhlt und bei der Lesung von Iris Wolff aus ihrem 2024 erschienenen Roman „Lichtungen“ komplett ausverkauft (Arno Geiger mit Reise nach Laredo, Anna Katharina Hahn mit Der Chor, Zora del Buono mit Die Marschallin, Burkhard Spinnen mit Vorkriegsleben, Michael Kleeberg mit Dämmerung waren die weiteren AutorInnen der diesjährigen Badenweiler Literaturtage – ohne dass ich sie erlebt hätte). „Lichtungen“ habe ich 2024 erworben, aber erst dieses Jahr im Juli/August gelesen, nachdem 2022 bereits Iris Wolff Roman „Die Unschärfe der Welt“ eine meiner Lektüren war.

Im Gespräch mit Nicola Steiner (Leiterin Literaturhaus Zürich) erzählt Iris Wolff mit ihrer angenehmen Stimme auch über die Entstehung der Werke, über Bilder, Prägungen, Erzählweisen, die Idee, die Geschichte vom Ende her zu erzählen (sie erwähnt, dass manche LeserInnen daher tatsächlich das Buch dann umgekehrt gelesen haben, also nicht mit dem am Anfang stehenden Kapitel Neun begonnen haben, sondern mit dem am Ende stehenden Eins – und als ich in der Schlange zum Signieren stehe, höre ich von Ähnlichem  – aha). Die nicht mehr vorhandene Welt, in der ihre Romane spielen, könne sie ein Stück weit bewahren, gleichzeitig sei das Schreiben darüber auch eine Befreiung, es sei wichtig, woher man komme, aber genauso wichtig, wohin man wolle. Malerei und Grafik hat Iris Wolff (geb.1977 in Hermannstadt) studiert, hat aber mit dem Malen aufgehört, als sie mit dem Schreiben anfing, das Sehen sei jedoch ihr bevorzugter Sinn geblieben, inzwischen aber auch das Hören. Sie versuche, mit „offenen Rändern“ zu schreiben, nicht alles auszuerzählen, ihren Figuren auch Freiheit und Würde zu lassen, auch in Lichtungen sei es zwischen den beiden Hauptfiguren eine Schwebe zwischen Liebe und Freundschaft, nie sei ganz klar, was es denn nun sei – aber, sagt sie, in jeder Liebe sei ja auch Freundschaft und in jeder Freundschaft Liebe.

Lichtungen seien ihr während des Schreibens zu einer Metapher für Erinnerungen geworden, für Erinnerungsinseln, „Lichtung ist ein dem Wald geborgter Ort“ kommt in ihrer mittlerweile in Buchform zu erhaltenden Dresdner Poetik-Vorlesung „Einladung ins Ungewisse“ vor (leider sind die am Büchertisch ausliegenden Exemplare bereits alle ausverkauft, als ich vom Signieren aus dort ankomme).

Sehr viel Klang und Rhythmus enthielte Wolffs Sprache, bemerkt Nicola Steiner und fragt die Autorin, ob sie auch Gedichte schreibe. Sie versuche, immer klarer und reduzierter zu schreiben, antwortet Iris Wolff, aber es würde wohl nie ein Gedicht werden, da sie immer den Raum zum Erzählen brauche.

(Im seit 2016 geschlossenen Hotel Römerbad, in dessen Hofsaal bis dahin und seit 1973 auch die Römerbadmusiktage stattfanden, logierten schon Thomas Mann, Andy Warhol, der Opernsänger Richard Tauber und im Juni 1904 auch der tuberkulosekranke Anton Tschechow)

(Iris Wolff : Lichtungen, Klett-Cotta 2024) (Iris Wolff: Die Unschärfe der Welt, Klett-Cotta 2020)

Siebzehnter Sonntag nach Trinitatis

Psalm 5 schlägt das Herrnhuter Losungsbüchlein für den heutigen Sonntag vor, die Regieanweisung in Vers 1 heißt „Zu Flöten“, der Autor (und Komponist?) ist David. Ich zitiere die Verse 2 bis 4a und 12 nach der Elberfelder Übersetzung 2006:

Meine Worte nimm zu Ohren, HERR, merke auf mein Seufzen!

Horche auf die Stimme meines Schreiens, mein König und mein Gott, denn zu dir bete ich.

HERR, in der Frühe wirst du meine Stimme hören.

Doch mögen sich freuen alle, die sich bei dir bergen, und jubeln allezeit. Du beschirmst sie, darum jauchzen in dir, die deinen Namen lieben.

Gespräch mit einer Kapelle

I

Ich besuche Dich, Kapelle, und schaue, was Du machst.

Stehst Du weiter so still auf Deinem hohen Platz und verbirgst Dein Inneres ?

Oder gewährst Du dem, der sich zu nähern wagt, Einblick durch das Gitter ?

Du stehst ganz für Dich, als benötigst Du niemanden,

außer den Bäumen, die sich um Dich scharen, als gehörten sie zu Dir.

Und die sich zu Dir neigen und Dich mit ihrem Blattwerk liebkosen.

Das Gras hat heute einen Teppich vor Dich gebreitet,

grün und weich, noch feucht von der Nacht.

Die Baumgesellen weisen dem Besucher den Weg,

sie leiten ihn zu Dir, das lässt Du zu.

Die roten Pfosten hast Du mit einem Kreuz geschmückt,

gelbes Stroh von den Feldern, denke ich, aber Du belehrst mich

und zeigst mir, es ist gewirkt aus beblätterten Zweigen.

Ich trete an Deine Seite und da Du mich nicht abweist, lehne ich mich an

und spüre die Wärme des Tages, die das dunkle Fachwerk mir weiterreicht,

während Dein Wandweiß noch die Kühle der Nacht bewahrt.

Die Pflastersteine hast Du wie eine Krause um Dich gelegt,

ich folge ihren Faltungen und schaue hinauf zum Kruzifix,

wo der Christus voller Harm keine Kraft mehr hat,

den Blick zu heben ins Sommergrün der Landschaft.

Ich aber tue das, ich trete vor ans rostrote Geländer,

um das sich kräftige Pflanzen ranken,

ich sende einen Gruß in die Weite des Himmels

und zu den Wölbungen der Höhen.

Dann verlasse ich Dich wieder, Kapelle,

und danke Dir,

dass Du Deine Stille mit mir geteilt hast.

II

Da bist du ja wieder, Kapelle!

Das Morgenlicht begrüßt Dich und gibt Dir eine Gloriole.

Die Bäume haben kein Laub und ich bin fast geblendet.

Du aber stehst frei und findest, dass der Lichtkranz Dir gut steht.

Stämme und Äste der Baumgesellen strecken ihre Schatten lang

und zeichnen so den Weg zu Dir.

Ihr Blattwerk haben sie schon dem Boden geschenkt,

einen dicken Teppich gewoben, in dem der Morgenregen versinkt.

Wie Kristallschmuck glitzern die beiden Laternen,

das weiße Spitzengeflecht eines Spinnennetzes ziert das Türgitter,

ein einzelnes Herbstblatt hat sich darin verfangen

und stimmt sich auf den roten Ton der Tür ein.

Heute bist Du offenherzig, Kapelle,

und lässt einen Blick in Dein Inneres zu,

ich schaue, wie das Morgenlicht die Holzbänke streichelt

und den Rahmen des Altarbilds golden zum Leuchten bringt.

Dann trete ich zur Seite, folge den Pflastersteinen, die Deinen Grundriss begleiten,

bis ich an Deiner Rückwand stehe, die das Kruzifix trägt.

Du beschirmst den Christus mit dem Dunkel eines Holzdachs,

Du hast es dem Fachwerk entlehnt.

Ich schaue hinauf zum Turm, den Du in den Himmel schickst,

die Schieferplatten schmiegen sich übereinander und gewähren Schutz.

Das Rot der Tür hat einen hölzernen Gruß in die Fensteröffnungen gesandt

und Du, Kapelle, atmest ein durch ein gesägtes Herz und aus durch schräge Kiemen.

Du willst dem Himmel noch näher sein, eine Kreuzrosette krönt geschmiedet den Turm .

Pfeile durchbohren sie wie den heiligen Sebastian.

Im Morgenlicht sind sie in Blitze gewandelt.

Ein großer Vogel lässt sich auf der obersten Spitze nieder

und ich sage Adieu, Kapelle,

bleibe standhaft, ich sehe Dich wieder!

(Texte vom August 2023 und Januar 2024, überarbeitet)

Kapelle im Engadin

Eigentlich will ich nur meinen Museumspass verlängern und radle über den Hügel ins Dreiländermuseum der Nachbarstadt. Stimmt, dort ist ja im Hebelsaal die kleine Ausstellung zu Hermann Daur, eine von mehreren Ausstellungen regionaler Museen, die dem am 21.Februar 1870 in Lörrach/Stetten geborenen und am 21.Februar 1925 in Weil am Rhein/Ötlingen gestorbenen Maler, Zeichner und Sammler anlässlich seines 100.Todestages gewidmet sind. Ich erwarte die Landschaftsgemälde des Markgräflerlandes zu sehen, von denen ich einige bereits kenne und dann … bin ich plötzlich wieder im Engadin! Und schaue durch das Glockenfenster eines Kirchturms auf die Stelle, wo sich beschneite und unbeschneite Flächen der Engadiner Berge treffen. Ich laufe zwischen winterlich gewordenen Wiesen auf die mauerumschlossene Kapelle zu, deren Giebel die Form der Berge spiegelt und  – stehe ich jetzt nicht auch im eigentümlichen Engadiner Leuchten? Ausschlaggebend für Daur seien Charakter und Stimmung der jeweiligen Landschaft gewesen, heißt es in einem der Saaltexte, er habe sich keiner festen Stilrichtung verschrieben.

(Kapelle im Engadin, Kreidelithographie, Druck in zwei Farben, um 1908)

Auch am Meer finde ich mich unvermittelt wieder, an der Nordseeküste bei Duhnen, wo sich Hermann Daur ab 1895 des Öfteren aufhielt und wo er seine spätere Frau Margarete Boldt kennenlernte, die in der Ausstellung mit zwei Portraits vertreten ist: um 1900 ein „Seitenblick … unter französischem Einfluss“ , wie der Begleittext meint, aufgrund „der Lebendigkeit des Augenblicks und des Komplementärkontrastes des dunkelroten Kleides zur zartgrünen, ornamentreichen Tapete“ und  ein 15 Jahre später gemaltes en face – Portrait.

„Einsamer Baum am Waldrand“ ist ein Motiv, mit dem sich Daur wiederholt, intensiv und variantenreich beschäftigt, die Ausstellung zeigt zwei Kaltnadelradierungen und ein Ölgemälde mit der je „einfachen Bildkomposition“ einer Horizontalen (Wiese) und einer leicht diagonalen Vertikale (hochgewachsener Baumstamm).

Und dann treffe ich noch auf ein Wort, nach dem ich gesucht habe, als ich neulich am Höhenweg fotografierte: Hocke. Auf meinem Foto sind es Grashocken, also aufgeschichtete Grashaufen, Hermann Daur faszinieren die Getreidehocken abgeernteter Kornfelder und er malt in der Zeit seiner Anlehnung an den Impressionismus etliche Variationen des Sujets unter „weitem Horizont“ und in „atmosphärischem Licht“.

Hermann Daur: Maler und Mensch in Ötlingen | Museums-PASS-Musées https://share.google/ZcCRroLlM6WEpnRJT

Quelle: Museen Basel https://share.google/OtU1IGNeLS25m8BvR

Schreibschule Sent – Senter Skizzen

Neben dem Unterwegssein mit Goethe und seinen Reisegefährten gab es auch ad hoc Schreibaufgaben mit bestimmten Vorgaben…

…was für mich eine Herausforderung darstellt. Mir ist dann immer, als könne ich überhaupt nicht schreiben und schon gar nicht in den anberaumten Zeiten von zehn bis maximal je nach Aufgabe zwanzig Minuten. Und ich bewundere die Teilnehmenden, die in der Lage sind, unter diesen Voraussetzungen recht lange, originelle, schöne Texte zu produzieren. Ich tue mich schwer, denn lieber würde ich eine Weile über die Aufgabe nachdenken, etwas recherchieren, im Kopf zurechtlegen und dann mit dem Schreiben anfangen. So aber muss ich einfach loslegen und das kann vielleicht auch hilfreich sein, egal, was dabei zuerst herauskommt. A. sagt einen wohltuenden Satz: „in diesem Raum gibt es kein Falsch“.

Doris Dörrie schreibt in ihrem Buch „Leben, Schreiben, Atmen – Eine Einladung zum Schreiben“ (Diogenes-V. Zürich 2019), das ich gerade im September erstmals gelesen habe : „Der Schlüssel zum Schreiben ist, nicht nachzudenken, um die Inspiration nicht zu unterbrechen. Probier es aus: Schreib los! Jetzt!“ Und dazu, als eine der Regeln: „Schreib zehn Minuten ohne Pause. Am besten mit der Hand. Lass dich treiben.“ (S.17)

Wie man mit dem Schreiben beginnt und wie man damit weiterkommen kann, erzählt Hanns-Josef Ortheil in seinem 2024 im Insel-Verlag erschienenen Buch „Nach allen Regeln der Kunst. Schreiben lernen und lehren“ – eine Einladung „zu einer weiten Reise durch die Ländereien des Erzählens“, „eine breit angelegte Recherche nach den unterschiedlichen Facetten literarischer Formen und Kreativität“, „mit inspirierenden Anregungen für alle Schreibinteressierten“ – wie es im Klappentext auf dem Bucheinband heißt.

Auch die Schreibschule Sent bietet bei ihren Kursen vertiefende und vertiefte Schreibarbeit an (Werkstatt).

Schreibschule Sent 3

Neben dem Unterwegssein mit Goethe und seinen Reisegefährten gab es auch ad hoc Schreibaufgaben mit bestimmten Vorgaben (hier: wenn ich dich malen sollte/ wenn ich dich musizieren sollte/ wenn ich dich singen sollte o.ä.) wie diese vom 5.Oktober zu etwas aus A.‘s Garten (gering überarbeitete Version):

Wenn ich dich singen sollte

würde ich tief einatmen

kaum hörbar deinen zarten Stiel hauchen

mit langsamen crescendo über deine kleinen grünen Blätter steigen

kurz innehalten

subito fortissimo in deinen burgunderroten Jubel ausbrechen

ihn modulieren, an- und abschwellen lassen

in langem decrescendo in deinem milden Mäulchen versinken

und die gelben Staubfäden mit winzigen Tönen pianissimo antupfen

(und was war das aus A.’s Garten? – richtig! : Löwenmäulchen)