Zweiter Sonntag im Advent – Tag 7 im Dezember

Der im Herrnhuter Losungsbüchlein angegebene Vers für die beginnende Kalenderwoche 50 steht in Lukas 21 (Vers 28) und ich zitiere ihn nach der Elberfelder Übersetzung 2006:

Wenn aber diese Dinge anfangen zu geschehen, so blickt auf und hebt eure Häupter empor, weil eure Erlösung naht.

Das vorgeschlagene Wochenlied ist Nr.7 im evangelischen Gesangbuch, eine Freundin schenkte mir im Dezember 2016 die kleine, besonders ausgestattete Ausgabe des Gesangbuches für die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern und die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland im Gebiet der ehemaligen Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen. Unter Lied Nr.7 O Heiland, reiß die Himmel auf findet sich darin eine Anrufung des niederländischen, anfangs römisch-katholischen, später konfessionslosen Theologen (und Dichters) Huub Oosterhuis (1933-2023).

Tag 6 im Dezember

„Sieg des Volkes“ bedeutet der Name Nikolaus und an einem 6.Dezember ist er gestorben, der heilige Nikolaus von Myra, so viel steht fest, das Sterbejahr jedoch ist nicht genau bekannt (um 350 n.Chr.), ebenso wenig wie das Geburtsjahr (zwischen 270 und 286 n.Chr.) Viele Legenden ranken sich um sein Wirken und er ist einer der bekanntesten Heiligen sowohl der Ostkirchen als auch der lateinischen Kirche. Einmal war ich da in Myra, dem heutigen Demre (Provinz Antalya, Türkei), wenn auch nur kurz und vor vielen Jahren.

Ich blicke aber nicht nur auf Myra, sondern auch zurück auf die Retraite in Ralligen:

Was ich denn den ganzen Tag mache, fragen mich andere Frauen beim Frühstück, während wir Ralliger Quittengelee auf selbstgebackenes Brot türmen, das wir zuvor mit einer Butter bestrichen, die ihre Bergherkunft nicht leugnen kann. Oh, ich habe zu tun, antworte ich, es gibt so viel zu entdecken – und zeige meinen fotografischen Versuch, die Rosa-Überwältigung des frühen Morgens einzufangen. Der Niesen ist diese Himmel gewohnt, er sitzt unverändert und ruhig und auch sein flüssiges Spiegelbild kümmert ihn nicht, er ist nicht Narziss. Später werde ich denken, dass er mich begleitet und ein Gegenüber bleibt, obgleich ich in Bewegung bin. In leichter Bewegung, denn ich will meinen Radius nur gering erweitern und der Sonne entgegengehen. Der Oberländerweg verspricht, mich ohne Aufs und Abs und dennoch erhaben nach Merligen zu bringen, Poesie mit Seebrise kommentiert zu Recht das Werbeplakat eines Bauvorhabens, Bergwiesen rechts und links wechseln mit verstreuter Bebauung ab, bis diese sich verdichtet und nach zwanzig Minuten der Ort erreicht ist. Den Kirchturm sehe ich noch etwas entfernt vor mir, ich werde ihm erst am nächsten Tag näher kommen, das Panorama vom Kirchenvorplatz aus betrachten, die auf einem Felsensporn aus einheimischen Balmholz-Bruchsteinen erbaute Merliger Kirche betreten und im einfachen Innensaal unter der Holzbalkendecke fast erschrecken im Angesicht zweier türkisgewandeter, steif aufragender Engel in den beiden hohen Stichbogenfenstern der Stirnseite. Heute aber will ich über den Bäreneggweg etwas bergan steigen, um auf den Ralligweg zu gelangen, ich komme am steinernen Oval des Pappelbrunnens vorbei, Laub des namengebenden Baumes beansprucht mit seinem gelben Leuchten fast allen Raum der Brunnenschale, das Wasser hat ein Nachsehen. Der Frauenverein lädt beim Wintermärit alle Familien zum Kasperlitheater ein, was dabei erzählt werden wird, kann ich nur verstehen, indem ich auf die Buchstaben der Ankündigung höre: Kasperlis Abetüür im töife Meer. Inzwischen stehe ich auf einer Brücke und in mir steigt ein Lied auf, das das Kind mit den Eltern sang bei Fahrten durch die Schweiz „Von den Bergen rauscht ein Wasser, rauscht, als wär es kühler Wein, kühler Wein, ja der soll es sein…“, der Stillenbach nämlich ist keineswegs still, sondern tut, was er kann an Gurgeln, Schäumen und Rauschen, dabei muss man ihn erst einmal ein wenig suchen unter Gestrüpp und Bewuchs, erst weiter unten, nachdem er ein paar Felsstufen heruntergestürzt ist  und sich dem See zuwendet, zeigt er offen sein Gesicht. Bevor ich durch eine fast hohle Gasse in ein Waldstück einbiege, bewundere ich links Renovierungsarbeiten an einem Anwesen, Erdgeruch weht mir vom Aushub entgegen, das Haus mindestens eine Villa, ah, da steht es ja auch, es ist ein Schlösschen: Châtel Claire. Es geht dem Mittag entgegen und selbst im Wald ist es nicht kühl, kräftige Herbstsonne erreicht entlang kahl gewordener Stämme auch die Bodenschichten, auf kleinen Felsen bekräftigen Moose ihr Grün und melden meiner Hand weiche Wärme, ein Wort taucht auf von irgendwo: Martinisommer. „Mis Träumli“ heißt das Chalet rechts am Berghang nach dem Waldstück, hier führen links die Stufen hinunter, die mich zurück auf den Oberländerweg bringen, nicht harte weiße Bälle springen über die alte Tischtennisplatte, die ich passiere, schrumplige dunkel gewordene Äpfel ruhen sich auf ihr aus. Vor der letzten Stufe halte ich erstaunt inne – nein, es ist kein Herbstblatt, das da vor mir flattert, es ist ein Schmetterling, er setzt sich auf die Schottersteine zu Füßen der Treppe, breitet weit die Flügel und bleibt so, er sammelt die Sonne wie ich. Dann bewegt er sich etwas vorwärts, ja tatsächlich, er geht ein paar Schritte – habe ich jemals schon einen Schmetterling eine solche Wegstrecke gehen sehen? Schließlich erhebt sich der Admiral wieder und ich schaue zu, dass ich meinen Rundgang vollende, denn nicht mehr lang und die Glocke wird rufen zum Mittagsgebet unter hohem Dach, ich werde auf das Drahtkreuz schauen, das ins Rund der bleigefassten Glasscheibe eingelassen ist, die über dem Altar schwebt und Durchblick gewährt, und dann wird die Küche die Zusammengekommenen verwöhnen mit einem Herbstmahl, Hirschgulasch, selbstgemachte Spätzle und nussige Maronen gesellen sich zum Blaukraut aus dem Gärtchen, so dass ich frage und mir gleich selbst die Antwort gebe: ist heute ein Festtag? Ja – heute ist ein festlicher Tag!

(Fortsetzung folgt)

Tag 5 im Dezember

schenkt mir die Zeit, in der Regionalbahn mit einer meiner Lektüren nicht anzufangen, sondern fortzufahren: Alltäglicher sind andere Anfänge. Man fängt mit der Lektüre eines neuen Buches an……In jedem wahrhaften Anfang steckt die Chance zur Verwandlung…..In besonderem Maße hat es Literatur mit dem Abenteuer des Anfangens zu tun… Diese und viele weitere sehr lesenswerte Sätze finden sich in Rüdiger Safranskis Auffächerung des Phänomens Zeit, die von Kap.1 Zeit der Langeweile bis Kap.10 Erfüllte Zeit und Ewigkeit reicht. Die zitierten Sätze sind dem Kap.2 entnommen „Zeit des Anfangens“ (Im Oktober 2022 hatte Rüdiger Safranski als Gastgeber die Badenweiler Literaturtage unter das Thema „Über das Anfangen“ gestellt).

Folgen wir dem zweiten Teil des Untertitels  „Zeit – und was wir aus ihr machen“ und nehmen uns nach einem Termin Eigen(e) Zeit : das Museum für Neue Kunst in der Marienstraße lädt nicht nur zur Ausstellung MAL ER – MAL SIE über Parallelen und Unterschiede in den Werken der KünstlerInnen Olga Jakob (geb.1985) und Artur Stoll (1947-2003), sondern auch zur Kostprobe von Dolce Vita, gibt es doch nicht nur die Plakate, sondern auch einen kleinen Mittagstisch im Museumscafé und von den drei angebotenen Pasta-Gerichten fällt unsere Wahl auf alla Puttanesca, und zwar in der römischen Variante. Gegenüber lockt die eine (Fundevogel) und nicht weit entfernt die andere Buchhandlung (Zum Wetzstein) – wir verweilen zeitvergessen –  und schließlich geraten wir genau dann ins Münster, als dort der Organist nicht nur die Marienorgel, sondern auch die anderen drei Orgeln vom Generalspieltisch im Chorraum aus zum Klingen und Stürmen bringt. Den heiligen Bischof Nikolaus im Fenster der Stürzelkapelle (Kapelle des Stifters Konrad Stürzel) sehen wir nicht, aber dessen Zeit ist ja auch erst an Tag 6 im Dezember.

Kinderbuchhandlung Fundevogel | leseliebe.de https://share.google/SvJIXnTDAAKplYsDB

Start – Buchhandlung zum Wetzstein https://share.google/UjC8nTQP3N2A8HuEg

(Rüdiger Safranski: Zeit – Was sie mit uns macht und was wir aus ihr machen. hier: Fischer TaschenBibliothek 3.Aufl. Juli2024)

Tag 4 im Dezember

steht ganz im Zeichen von Rainer Maria Rilkes 150. Geburtstag. Und auch ich stimme nun ein wenig in den Chor der Gedenkenden und Feiernden ein, liefert mir doch der Büroaufsteller einen Anlass dafür: Edouard Manets Rosen weisen mich auf die Zeilen hin, die Rilke selbst seiner Grabstätte beigegeben hat:

Rose, oh reiner Widerspruch,

Lust,

Niemandes Schlaf zu sein

Unter so viel

Lidern

So steht es unter dem Wappen der Familie und Rilkes Namen ohne Geburts- und Sterbedatum auf dem hellen Grabstein, der an die Südmauer der Burgkirche von Raron/Oberwallis gelehnt ist. Geburtsjahr 1875 und Todesjahr 1926 waren auf die Vertikale des Holzkreuzes eingelassen, auf dessen Horizontale nur die Initialen RMR standen. Das Kreuz wurde 2009 gestohlen und dann offenbar durch eine Nachbildung ersetzt.

Es mag zwanzig oder noch ein paar Jahre mehr her sein, dass ich einmal vor diesem Grab auf der felsigen Anhöhe stand und die aus dem 16.Jh. stammende Pfarrkirche St.Romanus (Burgkirche) besichtigte, in der sich das größte, aber teilweise zerstörte Kirchenwandbild der Schweiz befindet, ein Fresko des Jüngsten Gerichts aus dem späten Mittelalter.

Raron ehrt Rilke vor allem im kommenden Jahr (100.Todestag) mit vielen Veranstaltungen, das Dorf wird „zur Bühne für Kultur, Begegnung und Inspiration“.

Und ich kann mich jetzt entscheiden, welchen Podcast/welche Radiosendung ich hören oder welche Dokumentation in den verschiedenen Mediatheken ich zum 150. (zuerst) sehen will.

Rainer Maria Rilke in NRW – WDR 3 Mosaik – WDR 3 – Podcasts und Audios – Mediathek – WDR https://share.google/9zEtfooCynKog8k19

Lost in Music https://www.swr.de/kultur/musik/ruf-und-echo-zum-150-geburtstag-des-klangzauberers-rainer-maria-rilke-lost-in-music-2025-12-04-100.html

Tag 3 im Dezember

schenkt mir unverhofft ein paar Stunden und ich mache weiter mit dem Rückblick auf die Retraite:

Nach der Mittagsmahlzeit steige ich nicht hinauf zum Bauernhaus, sondern nehme einen gekiesten Weg mit mittiger Grasnarbe hinunter Richtung See, Spaziergänger kommen mir entgegen. Beim Überqueren der Uferstraße, die Thun mit Interlaken verbindet, muss ich ein wenig Acht geben. Vor mir erhebt sich ein Fahnenmast, als wolle er der hohen Palme zur Seite stehen, neben deren Stamm er aufragt. Sein langes blauweißes Banner bekräftigt den südlichen Charakter des Ortes und auch die Großbuchstaben wollen nicht horizontal bleiben, sondern wachsen in die Höhe, ich sehe sie zudem von hinten, dennoch deklamieren sie unmissverständlich „Palmendorf“ , und die kleinen Geschwister der großen Palme fühlen schon künftige Höhe und strecken ihre Wedel himmelwärts. Seidige Pampasgrasrispen präsentieren im Mittagslicht ihre Konturen, schaue ich über die Straße zurück, so haben sie dort ein Gegenüber, das sein flauschiges Cremeweiß über einer Bruchsteinmauer besonnen lässt. Nun habe ich das zum Gutsgelände gehörende Seegrundstück erreicht, im Gärtchen warten Salat und Blaukraut auf die Ernte, zwei Gießkannen stehen parat und zeigen mit ihren Tüllen auf schmale Holzpflöcke, die Mikadostäben gleich auf die Erdkrume geworfen sind. Unter einem Nadelbaum führen fünf bemooste Steinstufen zu einem sanften Einstieg in den See, ich lasse jedoch den Nadelbaum nur meinen rechten Arm streifen und gehe auf noch sattgrünem Gras zu einer Bank, die parallel zum Seeufer steht, das hier mit einer Mauer befestigt ist. Es ist warm geworden, die Jacke kann ich ablegen und mein Gesicht dem Niesen und der Sonne entgegenhalten, wenn ich es nicht über die Lektüre beuge oder auf den See schaue, wo gerade ein Entenpaar ohne Hast vorüberschwimmt, Herbstlaub in friedlichen Wellen schaukelt und eine Segeljolle an der Boie schläft. Ich lese in Schreiben auf Reisen. Wanderungen, kleine Fluchten und große Fahrten – Aufzeichnungen von unterwegs  und in Fließendes Land. Geschichten vom Schreiben und Reisen, beide Lektüren sind mir bereits bekannt, aber ich will sie wiederholen. Auf dem Cover von Fließendes Land liegt ein Holzboot im Wasser und als ich aufschaue, dümpelt sein Zwilling direkt in meiner Blickachse auf dem See. Ich habe nicht mitbekommen, wie das Boot dahin geraten ist – sitzt jemand darinnen?  –  im gleißenden Gegenlicht kann ich es nicht erkennen. Ich lese weiter. Plötzlich höre ich das Klatschen von Rudern, das Boot kommt näher und näher, schließlich fährt es links neben mir ein ins Bootshaus, das nach drei Seiten offen ist. Der Ruderer enthebt das Boot mit einem Seilzug dem Wasser und hievt es bis unters Dach. Hinter dem Bootshaus grenzt eine mit dunklem Efeugrün dicht bewachsene Mauer die Uferruhe von den Geräuschen der Straße ab, und ich sehe, dass außer mir noch jemand froh um sie ist: Sonne und See spielen miteinander und streamen live ihren bewegten Film auf die lebendige Leinwand. Kaum kann ich die Augen abwenden, so hell und heiter ist die Geschichte. Dann aber verlasse ich meinen Sitzplatz, nehme den Durchgang zwischen Mauer und Bootshaus, um die Fortsetzung des Seegrundstücks zu erkunden, ein kleiner rechteckiger Gartentisch hat Astbruch aufgefangen, drei zierliche Bänke mit metallenem Fußgestell schauen vereint auf den See und hinüber zum Niesen, genau um 15 Uhr setzt sich die Sonne auf seine Pyramidenspitze und auch sein flüssiges Abbild empfängt den Sonnengast. Unter einer Platane breitet sich braun und rund ein Teppich aus Herbstlaub aus, es ist so trocken, dass es laut knistert, als ich es durchschreite. In der Feuerschale leuchten beschriftete Papierschnipsel auf verkohltem Holz, sie sind so winzig, dass ich ihre Sprache nicht erkennen kann, aber Deutsch ist es nicht. Ein einzelner Zigarettenstummel sucht ihre Gesellschaft. Niemand ist hier, der Ruderer längst gegangen, ich laufe auf den Holzsteg, der von der Ufermauer ins Wasser ragt, zwischen seinen sechs Dalben wird am nächsten Tag ein Mann auf einem Stuhl sitzen und lesen. Ich kehre zu meiner Bank zurück und setze meine Lektüre fort, Schreiben im Kloster heißt eines der Kapitel in Fließendes Land. Ich bleibe, bis eine frischer werdende Luft ans frühe Einbrechen des Abends gemahnt. Auf 18 Uhr wird die Glocke rufen hinauf in die hohe Kapelle, schlichte Gesänge werden Worte begleiten, bevor sich Gäste und Brüder ein halbe Stunde später zur Abendmahlzeit zusammenfinden, bei der Kürbissuppe wärmt, das Gärtchen für Salat sorgt und Bergkäse seine Würze kräftig oder mild variiert.

(Angelika Overath: Fließendes Land. Geschichten vom Schreiben und Reisen. Luchterhand-V.2012)

(Hanns-Josef Ortheil: Schreiben auf Reisen. Duden-V. 2012, Nachdruck 2017.Lektorat: Imma Klemm)

(Fortsetzung folgt)

Tag 2 im Dezember

lässt mich zurückblicken auf die Retraite in Ralligen:

Gegen sieben Uhr früh ist alles in Rosa getunkt und staune ich darüber schon am ersten Morgen, so werden mir die Himmel am nächsten Tag zeigen, dass sie es noch besser können. Eine zunehmende Herbsthelligkeit legt sich aufs noch ruhende Wasser, später trötet dunkel ein Kursschiff, ich schaue, ja dort gegenüber ist es, gleich landet es an in Spiez. Ich kenne die Reise über den See, schon mehrfach habe ich sie gemacht, im Kanal in Thun ging sie los und endete in Interlaken erneut in einem Kanal, dazwischen die Stationen an den Seeufern, links und rechts und wieder links – Hilterfingen, Oberhofen, Gunten, Spiez, Faulensee, Merligen, Beatenbucht, Beatushöhlen, Neuhaus –  und geradeaus im Gegenlicht der Morgenblick auf die Schneegipfel dreier Majestäten: Mönch, Eiger, Jungfrau. Jetzt aber habe ich anderes zu schauen, so Vieles, dass ich Wochen beschäftigt wäre. Die Frische des Morgens ist inzwischen einer Herbstmilde gewichen, Mücken tanzen um die Winterlinde, die Spreu des Herbstlaubs bedeckt das Sechseck der Bank und den gepflasterten Boden, im Gutsgelände steige ich entlang eines Bachlaufs zum Bauernhof hinauf, kräftiger Stallgeruch zieht mich an, er steigert sich, als ich die Holztür weiter öffne, ja, da liegen Heuhaufen an eine einfache Wand gelehnt und kleine Emaille-Schalen der Tränken hängen darüber – aber wo sind die Kühe? Am Vorabend rief eine Glocke zum Gebet in die Kapelle unterm Dachzelt des Schlosses, sie rief mit dem Klang einer Kuhglocke. Außer mir ist niemand beim Bauernhaus, in die Stille strömt ein kristallklarer Strahl und vereint sein Wasser mit dem kühlen, das bereits einen verwitterten steinernen Trog füllt. Auf der Wiese vorm Stall beweist ein Traktor, dass hier gewirtschaftet wird, Erdschlamm und Herbstlaub haben in den Rillen seiner großen Reifen Wohnung genommen, daneben lädt eine Bank zum Weitblick ein, nah werben auf einem Mäuerchen Zierkürbisse gelbgrün um Beachtung und lassen mich an Yayoi Kusamas Motive denken. Ich folge dem Feldweg, rechts hat ein Baum noch Blattwerk bewahrt, fast golden leuchten große dünne Blätter, die von den Ästen hängen als wären sie tibetanische Gebetsfahnen. Ich ahne, dass bald wieder die Glocke rufen wird, diesmal zum Mittagsgebet, die Zeiten sind genau gehalten, gleich steige ich im Schloss die steinerne Wendeltreppe ganz nach oben, ein Handlauf aus Bambusholz hilft mir dabei, und fünfzehn Minuten später werde ich die Kapelle verlassen, auf dem Weg hinab kurz das Kaminzimmer streifen, dann mit anderen Hausgästen und den Brüdern unten im Speisesaal vor hohen Fenstern, durch die der Niesen grüßt, Herbstaromen vom Kartoffel-Kürbisgemüse aufnehmen und eine feine Säure vom Ralliger Apfelmus.

(Fortsetzung folgt)

Tag 1 im Dezember

Tag 1 im Dezember ist ein Büroaufstellertag. Immerhin gibt es einen Küchengruß aus dem Musée du Louvre von Jean Siméon Chardin (Nov.1699-Dez.1779), dessen Stillleben und Genrebilder sich durch außerordentliche Klarheit und Bescheidenheit auszeichnen, wie Wikipedia mir sagt; er malte auch so hübsche Dinge wie einen Erdbeerkorb, auf dem sich besagte Früchte pyramidenförmig türmen oder eine Brioche, aus der es blüht. Da möchte man sofort zugreifen und einverleiben, tja, vielleicht legt einem ja auch das fotografierte Gemälde ein wenig Geschmack auf die Zunge -doch, das gibt eine gute Mélange, Walderdbeeren und Brioche, und dann schauen wir mal,was die Terrine für uns bereithält.

Das Jahr 2020, zu dem mir der Büroaufsteller geschenkt wurde, war ein Schaltjahr, mit 29 Tagen im Februar, jetzt ist mir auch klar, warum inzwischen im Gegensatz zum Beginn des Jahres 2025 der Wochentag nicht mehr mit dem Datum übereinstimmt, sondern immer einen Wochentag voraus ist. Das bedeutet aber auch, dass letztes Jahr der 1. Dezember ein Sonntag war. Etwa gleichzeitig der 1.Advent? Schauen wir mal nach, was der FB-Eintrag zum 1.Dezember 2024 sagt:

Tatsächlich, der erste Dezember 2024 war gleichzeitig der erste Adventssonntag und die Hl.Chrischona war dem Imperativ „Auf, werde licht!“ gefolgt. Gestern trug Chrischona andere Farben, licht wurde es dennoch, beim Hören vieler alter und neuer Advents-und Weihnachtsgesänge, von einem Vater unser auf Kisuaheli (Baba Yetu, von Christopher Tin, veröffentlicht 2005), Bethlehem Rhapsody von der Band Queen über Ich steh an deiner Krippen hier von Joh.Seb.Bach bis zu Tollite Hostias aus dem Oratorio de Noël von Camille Saint-Saëns (1835-1921) .

Erster Sonntag im Advent

Der zum Beginn des neuen Kirchenjahres im Herrnhuter Losungsbüchlein vorgeschlagene Psalm ist Psalm 24, einer von gesamt 73 Psalmen, die mit David in Verbindung gebracht werden, dem Hirtenjungen und König.

Ich zitiere die Verse 1 und 2 sowie die Bekräftigung der Verse 7 und 8 im neunten und zehnten Vers, zunächst nach der Elberfelder Übersetzung:

Des HERRN ist die Erde und ihre Fülle, die Welt und die darauf wohnen. Denn er, er hat sie gegründet über Meeren und über Strömen sie festgestellt.

Erhebt, ihr Tore, eure Häupter und erhebt euch, ihr ewigen Pforten, dass der König der Herrlichkeit einziehe. Wer ist er, dieser König der Herrlichkeit? Der HERR der Heerscharen, er ist der König der Herrlichkeit.

In der Luther-Übersetzung lautet das dann so:

Die Erde ist des HERRN und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen. Denn er hat ihn über den Meeren gegründet und über den Wassern bereitet.

Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehre einziehe! Wer ist der König der Ehre? Es ist der HERR Zebaoth; er ist der König der Ehre.

Das bekannte Adventslied Macht hoch die Tür, die Tor macht weit greift die Stelle aus Psalm 24 auf.

Bei den achten Herbstfreuden

Bevor meteorologischer Winter und Adventszeit beginnen, schaue ich zurück auf die achten Herbstfreuden, die Retraite am Thuner See.

Gegen 16:10 Uhr am Tag des Hl. Martin von Tours erreiche ich den Schlossweg 3, das Licht neigt sich bereits dem Abend entgegen und ummantelt Landschaft und Anwesen mit mildem Leuchten: das Goldgelb des Gingko-Baumes zur Rechten, die Nadelbäume zur Linken, das satt aufsitzende Haupthaus vor mir, dessen tief gezogenes Zeltdach ein Zwilling des Berges ist, der auf der anderen Seeseite nicht bedrohlich, sondern wie ein Beschützer regiert. Das hat er schon getan, als das vom Augustinerkloster Interlaken errichtete Rebhaus ihm gegenüber 1133 erstmals urkundlich erwähnt und das daraus erwachsene Rebgut Ralligen im Jahr 1465 als Lehen dem Thuner Schultheiß Peter Schopfer überlassen wurde. Weinbau wird 560 Jahre später nicht mehr betrieben, einzelne Rebranken zieren die Gebäude, von Früchten der Obstbäume und aus Gemüsegärten werde ich kosten, Palmen auf der Sonnenterrasse und übers Gelände verteilte Zypressen sind Zeugen von günstigem Klima, haben einen Tessiner Anklang und versetzen mich in den Süden. Noch nie war ich hier, obwohl ich die evangelische Kommunität, die das ab Ende des 19.Jahrhunderts bis zum zweiten Weltkrieg als Koch- und Haushaltungsschule geführte Schloss vor bald 50 Jahren erwarb, schon ebenso lang, ja sogar ein paar Jahre mehr kenne. Am 24.März 1972 schwärmt die 13-Jährige in ihrem neuen Tagebuch: „Heute war der letzte Abend und der allerallerschönste. Die Woche mit den Christusträgern war ja so toll, so temperamentvoll mit den schönen Songs. Und der Bruder D., den mag ich so schrecklich, er ist wirklich ein einmaliger Mensch. Und auch Saarländer und er hat auch einen Jugendkreis geleitet. Und er redet so toll und überzeugend…“  –  Saarländer und Jugendkreisleiter waren dabei die Parallele zu meinem Vater. Am Martinitag 2025 werde ich Bruder D. wiedersehen, nachdem man mich zu meinem Zimmer gebracht hat, ich sehe ihn auf dem Foto in einem Jubiläumsband, der auf dem Tisch liegt. Der junge Bruder, der mich zum Zimmer bringt, führt mich am Haupthaus und an blauen Kisten mit erdbefleckten Zwiebeln vorbei, das Zimmer entpuppt sich als ganzes Holzhäuschen, wie geschaffen für die stillen Tage, eine einfache und doch komfortable Kajüte mit allem, was ich brauche. Ich trete ans hohe Fenster, es lässt sich zu einem kleinen Balkon hin öffnen, das Licht fällt schon, vertieft dabei aber sein gelbes Leuchten über dem zunehmenden Dunkel der Hügel, der See nimmt es auf und hält es noch lange, ehe eine blaue Dämmerung Bäume und Berge in einen Scherenschnitt verwandelt und der Niesen sich schließlich nicht mehr abgrenzen will vom Himmel, selbst seine dünne Schneehaube ist nicht mehr auszumachen, nur eine einsame Laterne schwebt irgendwo hoch oben über nachtschwarzem Wasser. Ein leises Plätschern lässt noch den steinernen Brunnentrog erahnen, der sich unterhalb des Balkons an die Mauerbrüstung der Terrasse lehnt, aber das Herbstlaub auf dem Sechseck der Holzbank, die den dicken Stamm einer gestutzten Winterlinde umfängt, sehe ich nicht mehr. Ich laufe zum Haupthaus, aus dessen Fenstern goldgelbes Licht fließt, auf dem Gutsgelände weiter oben erhellt ein Herrnhuter Stern den Giebel eines Chalets. Im holzgetäfelten Refektorium versammelt man sich nicht mehr zu den Mahlzeiten (das geschieht in einem einfacheren Speisesaal), auf rotsamtenen Sitzflächen der Stühle liegen Liederbücher, das tiefbraune Leder einer alten Couchgarnitur zeigt stolz Narben und Falten, die randständigen Nieten leihen sich Glanz vom Kerzenlicht. Jemand sitzt mit dem Smartphone hier, WLAN gibt es nur im Haupthaus zu bestimmten Zeiten des Tages. Später knackt und knistert ein Feuer, es wärmt einen hohen Raum mit weiß verschlemmten Wänden und wirft flackerndes Licht aufs asketische, aber rote Gewand Johannes des Täufers, der vor dichtem Baumgrün und Bergzügen am Horizont aus seiner rechten Hohlhand Wasser auf Jesu Haupt fließen lässt.

(Fortsetzung folgt)