Nein, nicht Horaz‘ Briefgedicht zur Dichtkunst ist gemeint, auch nicht Ulla Hahns Gedicht aus dem Lyrik-Band Herz über Kopf, sondern „ars poetica- Lyrik in Lörrach“ titelt die Volkshochschule und lädt zur sonntäglichen Matinée- Lesung in die Bar Dreikönig, wo denn auch jeder zur Verfügung stehende Sitz- und Stehplatz eingenommen wird. Geladen ist der 1963 geborene evangelische Theologe, Lektor, Übersetzer und Autor Mathias Jeschke. Eben erst ist er mit seiner Frau zurückgezogen in den Norden, nun nahe dem Bundesland, den Wäldern und Mooren seiner Kindheit und Jugend. Mit Meeren in Reichweite. Von 1999 bis 2025 war Jeschke Lektor bei der Deutschen Bibelgesellschaft in Stuttgart und betreute dort u.a. das Kinder- und Jugendprogramm, nun arbeitet er als freiberuflicher Lektor mit an der Übersetzung der alttestamentlichen Apokryphen für die BasisBibel. Bekannt ist er auch als Autor von Kinderbüchern. In der Dreikönig-Bar aber ist der Lyriker zu erleben, im Dialog mit der Lyrikerin Claudia Gabler und bei den Lesungen aus seinen Arbeiten. Vieles, was er schreibt, ist auf Wegen draußen geboren, sagt Jeschke und wir hören es bei der Lesung aus Mauersegler, Pappelrauschen und in Texten aus Ich bin der Wal deiner Träume. Nicht nur das Gedicht Johannes-Passion ist musikinspiriert. Im von Elke Ehninger feinsinnig illustrierten, „stillen“ Band Heuschreckensound of Silence sind Haiku und Tanka versammelt, Jeschke folgt streng den Silben-Vorgaben 5-7-5 oder 5-7-5-7-7, lässt sich aber in Bezug auf weitere Weisungen der japanischen Haiku-Dichtung Freiheit. Liebend gerne nutze er die Vielfältigkeit der Ausdrucksformen, das mache ihm Freude, sagt Jeschke, der Kristallisationspunkt suche sich selbst eine Form. Das Publikum lauscht zum Schluss einem Listen-Gedicht.
Und einer meiner freien Dreizeiler aus dem Juli 2021 (leicht überarbeitet):
passion et patience/ klingen als kluges Wortpaar/ göttliches Prinzip
dazu aktuell:
ars poetica/ leise Lyrik in Lörrach/ Nachhall aus der Bar
Als Eisenbahnerort wird der ehemalige Fischerort Portbou in der Comarca Alt Empordà bezeichnet. Kaum Platz ist zwischen den zerklüfteten Ausläufern der Pyrenäen und der vorhandene ist okkupiert von heute völlig überdimensionierten Gleisanlagen und Bahnhofsgebäuden. Ursprünglich war die 1872 eingeweihte und 1929 noch erweiterte Anlage für den internationalen Reiseverkehr konzipiert, jetzt verkehren hier nur noch Nahverkehrszüge. Die zwischen Cerbère und Portbou auf einem Pass verlaufende Grenze zwischen Frankreich und Spanien spielt heute kaum eine Rolle, in den 1930er/1940er Jahren war sie jedoch die kaum zu überwindende Barriere für Menschen, die aus dem nationalsozialistischen Deutschland und dem besetzten Frankreich über Spanien weiter flüchten wollten. Portbou wurde 1933 bis 1945 zum Sammelort deutscher und französischer Emigranten, die von FluchthelferInnen über die Grenze gebracht wurden. Eine solche Fluchthelferin war Lisa Fittko (1909-2005), sie geleitete am 24.September 1940 Walter Benjamin, den sie aus Pariser Jahren kannte (das Ehepaar Fittko hatte im selben Haus wie Benjamin gewohnt), und zwei andere Flüchtlinge über die Grenze nach Portbou. Die beiden anderen Flüchtlinge (eine aus Aachen stammende Fotografin und ihr 18jähriger Sohn) konnten sich von dort aus nach Lissabon durchschlagen und weiter nach Amerika reisen. Walter Benjamin (geb.15.Juli 1892 in Berlin) jedoch, der wegen einer Herzkrankheit den Fluchtweg nur sehr langsam hatte zurücklegen können, nahm sich in der Nacht vom 25. auf den 26.September 1940 im Hotel de Francia in Portbou das Leben, da er wegen einer neuen Verordnung der spanischen Regierung dennoch eine Auslieferung an die Deutschen befürchtete. Als wichtigste Quelle für seinen Suizid gilt ein Abschiedsbrief an Theodor W. Adorno, den er seiner Mitflüchtenden Henny Gurland (der Aachener Fotografin) ausgehändigt hatte. Gurland hatte diesen Brief nach der Lektüre vernichtet und erst später aus dem Gedächtnis aufgeschrieben. Seit 1979 erinnert eine Gedenktafel auf dem Friedhof von Portbou an Walter Benjamin, der Weg zur Realisierung des auf Anregung des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker ab 1989 geplanten Gedenkortes war jedoch mindestens ebenso steinig wie die kleinen Strände von Portbou, so dass dieser erst am 15.Mai 1994 und nicht wie ursprünglich vorgesehen zum 100. Geburtstag Benjamins 1992 eröffnet werden konnte. Lisa Fittko, die Fluchthelferin, war bei der Eröffnung anwesend. „Passagen – Gedenkort für Walter Benjaminund die Exilierten der Jahre 1933-1945“ lautet die offizielle Bezeichnung des vom israelischen Bildhauer Dani Karavan (1930-2021) entworfenen begehbaren Denkmals beim Friedhof von Portbou, etwa 20 Meter über dem Meeresspiegel. Bei der Feier zum 20jährigen Bestehen der Gedenkstätte war außer Karavan auch Wim Wenders anwesend.
Der 20.Juli 2021 ist ein Sommertag, auf dem Türkisblau des Meeres in der schmalen Bucht nur wenige Boote, zwischen den weißen Mauern des Friedhofs kaum Lebende. Eine durchsichtige Glasplatte stoppt den Gang hinunter auf den Treppenstufen des engen Korridors und vor dem Hintergrund der schroff ins Meer fallenden Pyrenäenausläufer lese ich dort auf Deutsch das Zitat „Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten. Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht. Walter Benjamin, G.S. I, 1241“. Es stammt aus Benjamins Notizen zu seinen letzten, in den Wintermonaten 1939/40 entstandenen Thesen Über den Begriff der Geschichte.
„Ohne Worte“ habe ich zu den Fotos im Juli 2021 auf Facebook geschrieben.
Das Herrnhuter Losungsbüchlein gibt als Wochenspruch für die 44.Kalenderwoche den Vers 14 aus Jeremia 17 an und ich zitiere ihn nach der Elberfelder Übersetzung:
Heile mich, HERR, so werde ich geheilt! Rette mich, so werde ich gerettet!
Und aus dem für den heutigen Sonntag vorgeschlagenen Psalm 32 zitiere ich den siebten Vers:
Du bist ein Bergungsort für mich; vor Bedrängnis behütest du mich; du umgibst mich mit Rettungsjubel.
Lange schon bin ich nicht mehr hinaufgestiegen nach St.Ottilien. Das hatte Gründe, der Fuß wollte nicht gerne unebenes Gelände betreten. Jetzt aber mag er wieder und nach dem Sturmtag erinnert der Himmel sich seiner Durchlässigkeit, gewährt weißgebleichten Wolken ein blaue Leinwand und mir die Freude, ihm entgegen zu gehen. In der Röhrigasse gibt es eine neue Quadermauer, noch sind die hellen Steine jungfräulich, nur ganz am Rand schaffen es dornige Ranken schon mit einer grünen Umgarnung. Dorngebüschbeeren, althochdeutsch bramberi, Brombeeren also halten ungestüm ihr Rot, das nicht mehr reifen will, in die Höhe, während die Hagebutten das ihre zwischen ein Braun der Zweige betten, die der Herbststurm zu Boden gerissen hat. Überhaupt hat der Herbst den Hügel fest im Griff, wo man auch hinschaut, bedecken Variationen des Herbstlaubs den Boden, während die Obstbäume noch etwas erstaunt ihre kahlen Äste ausstrecken. Gemächlich steige ich hügelan, rechts stecken zwei Gießkannen aus Zink ihre Tüllen wie Rüssel in den Blatteppich, der sich neben altem Mauerwerk einer Gartenlaube ausbreitet. Ich habe die Treppe hinauf zum Kirchenvorplatz erreicht, das undurchdringliche Buschwerk zu beiden Seiten bildet noch einen grünen Tunnel, ab und an illuminiert die Herbstsonne einzelne Blätter, die ob der geschenkten Aufmerksamkeit gleich frühlingshaft strahlen. Und wieder sehe ich eine Neuerung, an der roten Sandsteinmauer hat man eine bronzene Raute befestigt, wohl ein aufmunternder Rahmen für Langzeitwanderer: Westweg – Ziel in Sicht, Durchblicke erlauben auch die Buchstaben. Auf der Kirchenwand gegenüber schreibt sich mit sicheren Konturen der große Lindenbaum ein, viele seiner Blätter hat er noch nicht hergegeben, er möchte ihr goldenes Leuchten noch ein wenig an sich tragen.
Mir hänn jetzt zwei Vaterunser gbettet, eins für uns und eins für Sie, sagt der ältere Mann, als er mit seiner Begleiterin aus der Kirchentür auf den Kies des Vorplatzes tritt, die Beiden hatten mich auf der Treppe überholt, während ich pausierte und fotografierte. Das ist schön, bedanke ich mich, aber ich bete selbst auch noch eines, wenn es gestattet ist. Verdutzt hält der ältere Herr inne, er weiß nicht so recht, was er antworten soll, die Frau geht schon einmal zwei Schritte weiter, schenkt mir aber ein Lächeln, sie hatten wohl gedacht, dass ich das Kirchlein nicht betrete. Das aber tue ich und sehe, dass das Herbstlaub nicht vor der Tür geblieben ist, sondern im Innern den Gang eingenommen hat, aber auf eine Weise, als hätte ein Kind in festlichem Kleidchen vor einem Brautpaar Blüten auf den roten Teppich gestreut. Ich habe das Kircheninnere für mich alleine, niemand hat sich auf den Sitzpolstern der Stühle niedergelassen, kurz setze ich mich, dann gehe ich vor in den Altarraum, ich muss nach den drei Jungfrauen im Sakramentsschrein sehen, da sind sie ja, geschützt hinter einer Glasscheibe. Auf dem Altartisch liegt wie immer die Bibel mit der alten Frakturschrift aufgeschlagen, diesmal beim längsten Psalm, dem mit der Nummer 119, ich lese die ersten Verse der Seite, es sind die Verse 103 bis 105: „Dein Wort ist meinem Mund süßer denn Honig. Dein Wort macht mich klug; darum hasse ich alle falsche Wege. Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege.“ Ich traue mich, vorsichtig die Seiten zu wenden, um zu schauen, von wann die Bibelausgabe stammt, eine Lutherbibel ist es, Stereotyp-Ausgabe der Preußischen Haupt-Bibelgesellschaft, Berlin 1899, und Martin Luther ist abgebildet in einem Talar, breitbeinig, mächtig und mit entschlossenem Gesicht steht er da, das Bibelbuch fest in beiden Händen. Ich schlage wieder die Seite 618 auf, in früheren Zeiten hat dort jemand ganz oben etwas notiert, das sind.. und Mittag – Abend kann ich aus der verblassten Tintenschrift entziffern.
Dann verlasse ich St.Ottilien, setze aber meinen Spaziergang fort, noch ist es hell und mein Weg führt Richtung Westen. Auf der großen Wiesenfläche neben dem Obertüllinger Lindenplatz nutzen Einige die verbliebenen Böen und lassen bunte Drachen steigen, eine Eiche zu meiner Linken will sich am Spiel beteiligen und überlässt ihre gelappten Blätter dem Wind. Der Grasnarbenweg bleibt zunächst noch auf der Höhe und der Blick gleitet weit über die Rheinebene zum dunklen Blau der Vogesen am Horizont, dann beginnt der Pfad sich zu senken und ich folge ihm, vorbei an blond gewordenen Reben, die ordentlich ihre Reihen halten. Hängt da rechts am Baum eine Tierhaut? Ich trete näher, nein, jemand hat aus Totholzfindlingen eigenwillige Mobiles kreiert und im Wildwuchsdickicht platziert. Und dort leuchten Beeren in kräftigem Rot, wie kleine Spielzeugäpfel geformt, es sind die Früchte des eingriffeligen Weißdorns. Ich kehre auf den Pfad zurück, hebe aber noch einmal den Blick hinauf zu den dicken Mistelnestern, die die oberen Äste eines kahlen Baumes gekapert haben, über ihnen schwimmen die Wolken im blauen Himmelsbassin.
Nun habe ich wieder befestigtere Wege des Hügels erreicht, muss mich nach Osten wenden und begegne prompt denen, die ihre Hunde springen lassen, manchen springen die Lieblinge auch davon und werden mit Geschrei bedacht, auf das sie nicht hören, ich aber soll hören und Glauben schenken, dass die Lieblinge nichts machen, nur gerade außer Rand und Band sind, obwohl sie Arthrose haben und schon viel zu lange rennen. Hm, Bewegungsdrang, traue ich mich zu sagen und bin dann froh, dass meine Bewegung eine andere Richtung nimmt als die der Lieblinge und ihrer Besitzer. Gleich habe ich meine große Schlaufe beendet und bin wieder im Gewann Sänger angekommen, da entdecke ich links im heiteren Gelb des Reblaubs dunkle Dolden, es sind Trauben, die man für Eiswein hat hängen lassen.
die kennt man von der am 22.März 1929 in Matsumoto, Japan geborenen Yayoi Kusama, der die Fondation Beyeler eine umfassende Retrospektive auf über 70 Jahre künstlerisches Arbeiten widmet – und in Form von 1200 glänzenden, gleichförmigen Edelstahlkugeln empfangen sie mich am sturmgebeutelten Tag bereits vor Betreten des Museums. In einvernehmlicher Nachbarschaft mit den gefallenen Herbstblättern ziehen sie ihre Bahnen oder sich in eine Teichecke zurück, Narcissus Garden ist der Titel der Installation, die die nicht geladene Künstlerin erstmals dennoch 1966 auf der Biennale in Venedig präsentierte.
Spiegelungen, nicht nur die der Eitelkeit, sondern auch jene der Selbstreflexion, sind ein vielfach und überwältigend variiertes Thema von Kusama, die nach Lebensjahren in New York in ihre Heimat Japan zurückkehrte, sich dort 1977 selbst in eine psychiatrische Klinik einlieferte, in der sie seither lebt und arbeitet. Im September 2017 eröffnete sie in Tokyo ihr eigenes Museum. Halluzinationen von Punkten und Netzmustern begleiten Kusama seit ihrer Kindheit, in einer Bleistiftzeichnung der 10-Jährigen in Raum 1 überziehen die Punkte bereits das in sich gekehrte Gesicht einer jungen Frau und breiten sich in die Umgebung aus.
Ich nehme auch einen Bleistift, einen der kleinen, gut gespitzten, die neben den in Deutsch, Englisch und Französisch ausliegenden Mitmachheften für Kinder bereitliegen, dann kann ich vielleicht im Saalbooklet ein paar Anmerkungen notieren. Tatsächlich sind an diesem Donnerstagmorgen viele Kinder in der Ausstellung, eine ganze Gruppe im Kindergartenalter, munter trappeln sie durch die Räume, keine Ahnung, ob die Erzieherinnen die Kleinen von den freizügigen Performance-Videos in Raum 6 fernhalten, ich verliere die Gruppe aus den Augen und das Mitmachheft sagt dazu nichts. Eine Züricher Stiftung ermöglicht Kindern und jungen Menschen bis 25 Jahre ein Kunstvermittlungsprogramm und freien Eintritt in die Fondation.
Detailgenaue Bleistiftzeichnungen von Blättern und zarte Pastellgemälde geben in den ersten Räumen Zeugnis von Kusamas Ausbildung in traditioneller Malerei in Kyoto, bevor dann die ersten riesigen Ölgemälde der Infinity Net Paintings mit sich wie endlos dehnenden Netzmustern den ganz eigenen Weg der Künstlerin signalisieren. Ich setze mich auf eine der wenigen breiten Holzbänke, um eine Weile die weißgrauen Waben von The Pacific Ocean (1958) zu betrachten, neben mir ein noch sommerbraunes Paar, leise liest in beiger Hose und blauem Sweatpulli der junge Mann seiner Begleiterin die Saaltexte vor, auf Französisch, sie lauscht und schaut, wendet ihm ihr Gesicht zu mit der cognacfarbenen Brille, die einen der changierenden Farbtöne ihres langwelligen Haares aufnimmt, und antwortet sotto voce auf Französisch, bevor sich die Zwei erheben und weitergehen. Auch diese Beiden verliere ich aus den Augen in der zunehmenden Menge der Besucher, treffe aber in einem anderen Raum auf ein Paar aus meinem Chor.
Aus den Jahren 2021 bis 2023 stammen buntgemusterte und beschriebene Acrylgemälde mit Titeln wie The Net of Love I Aspired to in My Youth, My Wish is To Offer up This Splendor to Humankind und Every Day I Pray for Love. Extra für die Ausstellung aktuell geschaffen hat die 96-jährige Künstlerin den Infinity Mirrored Room – The Hope of the Polka Dots…(Titel noch länger), schon beim Hinabgehen in den Saal 9 winden sich die gelbschwarzen Tentakel vom jetzt gleichgemusterten Boden des doppelgeschossigen Ganges in die Höhe, bevor man im Saal von allen Seiten von ihnen umschlungen und schließlich für kurze Zeit eingeschleust wird in den eigentlichen Infinity Mirrored Room, in dem dunkle Spiegel oben, unten und von allen Seiten die leuchtende Bewegung der aufgeblasenen Tentakel ins Unendliche vervielfältigen, so dass man die Bodenhaftung verliert und in diesem Universum schwebt. Tatsächlich muss ich beim Hinausgehen erst wieder Trittsicherheit gewinnen.
Die Ausstellung ist in jeder Hinsicht überwältigend und es ist ein Glück, dass der Museums- Pass- Musées und die Nähe zur Fondation Beyeler es mir ermöglichen, noch des Öfteren in die Welt der Yayoi Kusama einzutauchen und punktgenau Einzelheiten zu studieren (zum Beispiel die eigenwilligen Selbstportraits).
(Seit dem 12.Oktober 2025 und noch bis 25.Januar 2026 in der Fondation Beyeler, CH-Riehen; danach vom 14.März bis 2.August 2026 im Museum Ludwig, Köln und vom 11.September 2026 bis 17.Januar 2027 im Stedelijk Museum, Amsterdam)
„Der Rhein springt in kinderglücklichem Eifer von seiner königlich hohen Wiege herab, wird bald von den tollen Knabenspielen schmutzig und unlustig vom Schleppen der vielen runden Steine, die ihm erst als geliebtes Spielzeug dienten. Der Bodensee scheint nur eben für ihn gefüllt mit hellem Wasser, in das des Himmels Bläue fällt, und der Knabe Rhein schwingt sich jauchzend in die große Wanne, denn er schämt sich plötzlich seines schmutzigen Antlitzes und lässt auch seinen Spielkram im Bade zurück. Strahlend gleitet er aus dem See, erfrischt und mit gebändigter Kraft; er will Mann sein. Nach dem tollkühnen Sprung bei Schaffhausen verliert er auch die letzte knabenhafte Wildheit. In besonnener Eile fließt er weiter und beschaut in seinem Spiegel die Ufer. Mit einem Mal möchte er seinen Gang verlangsamen; an seinen glänzenden Leib schiebt sich ein wunderschönes Gelände. Er leuchtet mit tausend Wellenaugen hinüber, es gefällt ihm so sehr, dass er mit Herrschergebärde seinen Weg nach Norden umbiegt, weil er dem schönen Gefilde möglichst lange nahe sein will. Leise braust Leidenschaft über ihn hin. Und siehe da: aus lieblichem, breitem Tal inmitten des Gartens klingt ein silbernes Lachen her, da springt ihm die Wiese entgegen, seine junge Braut. Er nimmt sie in sein leuchtendes Bett zu zweisam-verströmender, segensvoller Kameradschaft und segnet das Heimatland seiner Wiese und grüßt zu ihrem königlichen Vater hinauf, dem stolzen, dunklen Feldberg, und zum Hüter des großen Gartens hinüber, dem hohen Blauen. Der hebt sich im Osten aus den wuchtigen, hingelagerten Massen des Schwarzwaldes heraus im blauen Dunkel seiner ernsten Forste. Gleich einem tiefen, alle Harmonien in sich vollendenden Klang ruht er in dem heiteren Spiel der Landschaft.“ ….
Soweit einmal das Zitat aus der Nummer 26 der Heimatblätter „Vom Bodensee zum Main“, herausgegeben vom Landesverein Badische Heimat, erschienen 1924 im Verlag C.F.Müller, Karlsruhe. Mit dem Kapitel „Auftakt“ leitet der badische Heimatautor und Volkskundler Hermann Eris Busse (1891-1947) seine Schrift über den Ötlinger Maler Hermann Daur (1870-1925) ein, er beendet sie mit „Ausklang“, dazwischen finden sich die Kapitel Jugendzeit, Lehr- und Wanderjahre (hierunter die Abschnitte Basel, Karlsruhe, Furtwangen; Auf der Kunstschule; Dachau, Duhnen), Meisterschüler bei Hans Thoma und Ötlingen.
Die Sprache sei halt überschwänglich und fast kitschig, sagt die umsichtige und freundliche Dame, die das kleine Museum der Dorfstube Ötlingen an der Adresse Zur Alten Schmiede 9 freiwillig betreut, als sie am Ende ihrer Erzählungen über Hermann Daur eines von zwei Exemplaren des Heimatblattes Nr.26 zum Kauf anbietet. Ich mag sowas, sage ich, und erwerbe das Heft, zumal es mir in Abbildungen und Text eine Fortsetzung und Vertiefung dessen bietet, was ich inzwischen über den Markgräfler Maler erfahren habe. Die Dame hatte sich darum gekümmert, dass in unmittelbarer Nähe des Ötlinger Malateliers von Hermann Daur und im Ambiente seiner Zeit auch die Dorfstube eine Ausstellung seines Lebens und Wirkens anlässlich seines 100.Todestages anbieten kann. Und so sieht man in Schlaf- und Arbeitsstube neben altem Mobiliar auch einige von Daurs Landschaftsgemälden, Postkartenzeichnungen und Portraits seiner aus Duhnen bei Cuxhaven stammenden Frau Margarete, die ihren Mann um 30 Jahre überlebte. Nach Lebensstationen als Witwe bei ihrem ledigen Bruder in Heidelberg und bei einer Freundin in Cuxhaven wurde sie post mortem wieder nach Ötlingen verbracht und dort auf dem Tüllinger Hügel an der Seite ihres Mannes beerdigt. Die Duhnener seien übrigens neidisch, dass Hermann Daurs Blicke auf Ötlingen (wo er 20 Jahre lebte) heute noch ziemlich unverändert nachzuschauen sind, weiß die Museumsdame zu berichten, im Gegensatz zu seinen Ansichten rund um Duhnen. Die wenigen BesucherInnen, die aber die Räume der Dorfstube gut ausfüllen, hören noch so einige Anekdoten und Begebenheiten, auch dass man einmal gemeinsam mit der jetzigen Wirtin im Gasthaus das Essen nachgekocht habe, das der Markgräfler Maler dort zu speisen beliebte.
(Dorfstube Ötlingen, Öffnungszeiten März bis Oktober sonntags 15 bis 17 Uhr, Eintritt frei, Spende willkommen; Träger Stadt Weil am Rhein, Verein zur Förderung der Dorfstube Ötlingen e.V.; Sonderöffnungen und Rahmenprogramm wie z.B. Schmieden unterwww.museen-weil-am-rhein.de)
(zu Hermann Daur siehe auch Blogeintrag vom 10.Oktober 2025)
Betriebsleiter bei den Midland Great Western Railway war der Vater des irischen Malers Stanhope Alexander Forbes (1857-1947), sein Onkel James Staats Forbes ein Eisenbahnmanager, seine Mutter eine Französin, 1880 ging Stanhope Alexander für Malstudien nach Paris, 1881 in die Bretagne, wo er in prägenden Kontakt mit der Freilichtmalerei kam. 1901 wurde Forbes als unsentimentaler Maler beschrieben, von außergewöhnlicher Klarheit und Einfachheit, von der Gegenwart des Lebens durchdrungen, mit Appell an den Freimut jedes Einzelnen.
Bei solcher Trias (Freimut, Klarheit, Einfachheit) freuen wir uns wonniglich, wenn der Büroaufsteller bei unserem Ausflug zu ihm die Kurve kriegt, die wir auf morgendlichen Wegen dorthin genommen haben, wir haben auf unserem Bike den erblondeten Hügel links liegen gelassen und sind dem Ruf des Wiesentalbachs gefolgt, der auf seinem Weg Richtung Rhein heute ein bisschen Wasser aus den Himmeln aufnimmt, in die wir gerade nicht aufsteigen können.
Heute greife ich einmal nicht auf das Herrnhuter Losungsbüchlein zurück, sondern auf die wunderbaren Choräle aus Johann Sebastian Bachs Johannespassion, die wir (u.a.) geprobt haben mit fein angeleitetem Ohrenmerk aufs gestalterische Gelingen dessen, was die Musik an Aussage weckt und transportiert:
Wer hat dich so geschlagen, mein Heil, und dich mit Plagen so übel zugericht? Du bist ja nicht ein Sünder, wie wir und unsre Kinder, von Missetaten weißt du nicht. (In meinem Peters Klavierauszug, den ich 1985 erworben habe, als ich zum ersten Mal die Johannespassion sang, ist das N° 15)
O große Lieb‘, o Lieb‘ ohn‘ alle Maße, die dich gebracht auf diese Marterstraße, ich lebte mit der Welt in Lust und Freuden, und du musst leiden. (N° 7 Peters Klavierauszug)
„Gut `eu -ren“ (wie in heure) – gut hören, sagt die junge Französin, die schwungvoll und präzise einen Teil der Probe leitet.
Es ist sieben Uhr und ein frischer Morgen. Mit schüchterner Röte deutet sich über dem Chrischona-Hügel der Tag an. Die Randen sind nicht schüchtern, selbstbewusst lassen sie ihr dunkles Rot glänzen und imprägnieren gerne damit ihre Umgebung, Schneidebrett, Messer, Hände. Die feinen Röllchen der Lauchzwiebeln geben nicht nur die Komplementärfarbe dazu, sondern ergänzen mit Schärfe den erdigen Geosmin-Geruch. Wir fügen Walnüsse hinzu, nicht nur erinnert uns ihre Form an Gehirne, sie sind auch gut für diese wichtigen Organe, als „Brainfood“ fördern sie die Datenübermittlung. Fehlt noch das Dressing: wir halten es einfach, Salz, Pfeffer, Olivenöl, roter und weißer Balsamico als Mixtur, ein Hauch Honig. Fetawürfel können sich on top einfinden, müssen aber nicht. Und nun, wohin? Es ist Chorprobenwochenende und Teilete.
(zu „Teilete“ siehe Blogeintrag vom 4.Februar 2025)