In der Karwoche oder An einem ersten April 2

(siehe auch Blogeintrag vom 1.April 2025)

Dann kam der Schreiner. Im Dorf war es der Schreiner, der die Särge bereithielt und die Totenwaschung machte. Der Schreiner war gut bekannt mit dem Bürgermeister.

Im darauffolgenden Jahr und an einem zweiten April starb Karol Józef Wojtyla, zum Zeitpunkt des Todes Johannes Paul II. genannt. Der 264. Bischof von Rom.

Ein Jahr und ein Tag.

Karol war lange Papst gewesen. Und die Mutter lange die Mutter. Fünfundvierzig Jahre, drei Monate und einhundertacht Tage. Einhundertacht wegen des Schaltjahres im gregorianischen Kalender. Ein zusätzlicher Tag.

Lang. Nicht lang genug.

Um sieben Uhr morgens bescheinigte der Arzt den Tod. Sie hatten ein paar Stunden gewartet. In der Nacht stockende Rhythmen, verebbende Wellen. Kaum noch vernehmbar. Plötzlich ein fremder Seufzer, lösend, langgezogen. Dann Stille. Horchen. Nein, nichts mehr. Kein Einatmen. Nie mehr.

…Und zwangen einen, der vorüberging, mit Namen Simon von Kyrene, der vom Feld kam, den Vater des Alexander und des Rufus, dass er ihm das Kreuz trage…

Das erste Kapitel hieß Die Profile des Kyreners, das zwölfte und letzte Betrachtung über den Tod. Es gab auch ein Kapitel über Die Mutter.

Die Mutter schenkte der geliebten Tochter das Buch, da war Karol schon Pontifex in Rom. Als polnischer Geistlicher und Kardinal von Krakau hatte er die Betrachtungen und Gedichte geschrieben.

Sie schlossen die Augen der Mutter. Endlich auch das, das sich nicht mehr hatte schließen wollen. Den gewölbten Uhrglasverband brauchte es nicht mehr. Tags zuvor hatte der Pfarrer gebetet, das Vaterunser. Die Mutter folgte, die spröden Lippen konzentriert auf die vertrauten Worte, lautlos.

……

(Karol Wojtyla: Der Gedanke ist eine seltsame Weite. Betrachtungen – Gedichte. Aus dem Polnischen übertragen und herausgegeben von Karl Dedecius. Verlag Herder Freiburg im Breisgau 1979. Libreria Editrice Vaticana, Città del Vaticano 1979)