Erste Tuchfühlung mit Cezanne

Bis zum 25.Mai sind in der Fondation Beyeler 58 Ölgemälde und 21 Aquarelle von Paul Cezanne (1839-1906) zu erleben. Ich habe heute mit der Kontaktaufnahme begonnen. Das Saalbooklet erwähnt außer den schwierigen künstlerischen Anfängen auch die Schulfreundschaft zum späteren Schriftsteller Émile Zola und den engen Austausch mit Camille Pissaro in den 1870er Jahren, der zur Entwicklung des Malstils beitrug, durch den Cezanne Berühmtheit erlangte. Außerdem erklärt das Heft mir, warum in der Ausstellung die Schreibweise „Cezanne“ ohne Accent verwendet wird: weil der Künstler selbst so signierte und inzwischen die Nachkommen und die Société Paul Cezanne für die originäre Schreibweise plädieren. Und gleich in Saal 1 begegnet mir Monsieur Cezanne, ohne und mit Palette, auf der schon die nebeneinander gesetzten Farbflecken auf die eigensinnige Maltechnik hinweisen – erst beim Betrachten setzen sie sich zu einem farbigen Gefüge zusammen. Monsieur Cezanne nannte sie „taches“ – wohlgemerkt ohne Circonflexe. Saal 2 versammelt zwölf Variationen des Sujets Tisch/Tischdecke/Krug/Obstschale/Obst, drei davon enthalten ein- und denselben grauen Krug, der Ingwertopf auf dem 1890-1893 gemalten Fruit et pot de gingembre ist aber ein anderer und in ein sehr weitmaschiges Netz zum Transportieren gebettet. Eine Nature morte avec pot et fruits aus der Sammlung O.Reinhart „Am Römerholz“, Winterthur, wohl von 1890 und wohl unvollendet geblieben, wird im Booklet gewürdigt mit dem hohen künstlerischen Wert des Fragments, der „Möglichkeit des Werdens“ im „Prinzip des non-finito“, welches „bereits in der Renaissance als Kunst der gezielten Andeutung geschätzt“ worden sei. Das Gemälde hat für mich eine große Schönheit, wie da so der Obstteller, die beiden Birnen, der helle, modern anmutende Krug in der weißen Leere der unbemalten Leinwand schweben und die lediglich angedeutete Tischdecke gerade nur diesen wenigen Dingen einen gewissen Halt zu geben scheint. Umso deutlicher sprechen die Dinge und die Betrachtenden können dem Ensemble Umgebungen ihrer Wahl geben oder auch nicht. Das erinnert mich auch an eine Aussage von Iris Wolff zu ihrer Art zu schreiben, dass sie nämlich nicht immer alles auserzählen, sondern an den Rändern offen lassen wolle. In Saal 6 kommt eine der vielen Variationen des Motivs La Montagne Sainte-Victoire vue des Lauves (um 1904, Privatsammlung, Derbyshire) auch mit wunderbar wenigen, sogar zart anmutenden Pinselstrichen und sparsamer Farbgebung auf weißem Hintergrund aus. Dass Cezanne das Weiß auch gestalten konnte und wollte, davon zeugt das Portrait seines Pariser Kunsthändlers Ambroise Vollard, der 140 Sitzungen hatte über sich ergehen lassen müssen, bevor Cezanne zufrieden war mit der Darstellung des weißen Hemdes. Es ist nur der Ausschnitt des Hemdes, der zu sehen ist, aber der leuchtet nun wunderbar heraus aus dem Braun der Weste und des Jacketts, unter dem Dunkel der Fliege und des Vollbarts (und besteht natürlich nicht nur aus Weiß). Saal 3 beherbergt ein weiteres häufig gemaltes Motiv in mehreren Varianten: Le jardinier Vallier. Das Begleitheft weiß, dass Cezanne zu seinem Gärtner eine besondere Beziehung unterhielt, war doch Vallier nicht nur ein Pfleger von Cezannes Garten, sondern auch einer des Künstlers selbst (der an Diabetes erkrankt war). Noch wenige Tage vor seinem Tod hatte Cezanne an einem Portrait gearbeitet, das den Gärtner auf der Terrasse zeigt, wobei er die Gesichtszüge des Portraitierten immer nur unscharf wiedergab. Auch auf dem in Saal 8 ausgestellten aquarellierten Portrait Valliers ist das so (um 1906, Aquarell und Grafit auf Papier, Privatsammlung). Rainer Maria Rilke hatte sich zu den Aquarellen Cezannes 1907 in einem Brief an Paula Modersohn-Becker so geäußert: „eine Reihe von Flecken, wunderbar angeordnet und von einer Sicherheit im Anschlag: als spiegelte sich eine Melodie“.

Flecken, Melodien oder etwas ganz anderes kann jeder, der möchte (ohne Altersgrenzen, unter 12-Jährige jedoch mit Begleitperson), ausprobieren beim eigenen Kreativwerden im Aquarellatelier, das mehrere Stunden täglich alle benötigten Materialien, Werkzeuge und – falls gewünscht- auch Anleitung bereithält. Inspiriert vom Ausstellungsbesuch und angetan vom unkomplizierten Angebot haben sich schon viele anstecken lassen. Ich hebe es mir für eine weitere Cezanne-Begegnung auf und schaue noch ein wenig im Garten der Fondation umher – und was entdecke ich da: auch er ist farbfleck- infiziert , äh – inspiriert!

(Cezanne, Fondation Beyeler, CH-Riehen, bis 25.Mai 2026)