I
Wie in diesen Gemeinden üblich, stand der Prediger am Ende des Gottesdienstes an der Ausgangstür und verabschiedete die Gottesdienstbesucher. Er war kein Hauptamtlicher, nur ein Laienprediger mit gelegentlichen Engagements. Heute hatte er in einer ihm fremden Gemeinde gesprochen, die ganze Familie war mitgefahren. Am Ausgang erhielt er Dankesworte, das war er gewohnt. Dann aber reichte ein Herr in feinem Anzug ihm nicht nur die Hand, sondern auch einen später zu öffnenden Umschlag und war rasch verschwunden. Im Umschlag fanden sich fünfzig Deutsche Mark, sehr viel Geld zu jener Zeit und für die Familie so etwas wie eine Antwort. Als der Laienprediger in der Gemeinde nachfragte, wer dieser Herr gewesen war, damit er ihm seinen Dank übermitteln könne, kannte ihn niemand und er wurde auch nicht wieder gesehen.
II
Sie machte Krankenpflegepraktikum im Krankenhaus der Stadt, in der sie das Gymnasium besucht hatte. Sie bezog Betten frisch, leerte Bettpfannen und Urinflaschen, brachte Essenstabletts an die Betten, wechselte ein paar Worte mit den Patienten. Sie hatte erfahren, dass einer der Gemeinderäte ihres Heimatortes in einem der Zimmer lag, schwerkrank. Sie suchte das Zimmer, klopfte zaghaft, öffnete sacht die Tür und trat ein. Ja, da hinten lag er, aber was war das nur für ein seltsames Licht? Der Schwerkranke drehte ein wenig den Kopf, sie konnte nicht weitergehen, sah ihn nur stumm an, dann verließ sie das Zimmer und schloss die Tür. Einige Zeit später hörte sie vom Vater, der Gemeinderat habe ihm vom Lichtschein erzählt, der eines Tages plötzlich das Krankenzimmer erhellte.
III
Sie sitzt mit einer Freundin im Regionalzug. Die Bahn ist voll, es ist unruhig. Ein junges, einfach gekleidetes Mädchen mit rundem, liebem Gesicht spricht in zweiter Reihe hinter ihnen in sein Smartphone, sie können nicht umhin, das Gesprochene mit zu hören. Die Sprecherin ist zunehmend bewegt, sie sucht Lösungen, es geht um ihren fünfzehnten Geburtstag. Sag ihr, beschwört sie ihr Telefongegenüber,sag ihr, dass ich zwei Monate auf mein Taschengeld verzichte, dann können wir wenigstens, …. Die beiden Mithörerinnen schauen sich an und sofort ist klar, was sie machen. Sie steht von ihrem Platz am Gang auf, geht kurz nach hinten, fragt das Mädchen: Sie sind es, die Geburtstag hat, richtig? Das Mädchen schaut aus nassen Augen auf und bejaht, sie reicht ihm rasch die fünfzig Euro – Hier, nehmen Sie das, herzlichen Glückwunsch – und geht schnell wieder zu ihrem Sitz. Niemand hat Notiz genommen. Das Mädchen ist still, telefoniert nicht weiter. Der Zielbahnhof ist erreicht, die Freundin und sie erheben sich zum Ausstieg wie viele andere. Vorne steht auch das Mädchen. Während die Wagentür öffnet, wendet es sich um und schaut die beiden Mithörerinnen an, sein ruhiges Gesicht leuchtet.

(Foto: frühes Morgenlicht 6.Januar 2026. Im Herrnhuter Losungsbüchlein ist der heutige Tag hervorgehoben als „Fest der Erscheinung des HERRN- Epiphanias“, zugeordnet wurde der Vers 8b aus dem 2.Kapitel des ersten Johannesbriefes, ich zitiere nach der Elberfelder Übersetzung: …weil die Finsternis vergeht und das wahrhaftige Licht schon leuchtet.)
