Ein Neujahrstag

Als sie am Neujahrstag zum Vater kam, saß er im Sessel des Zimmers, dessen Fensteraussicht er mit schwarzen zittrigen, doch exakten Strichen gezeichnet hatte. Die Häuserzeile, die in einer Joh.-Seb.-Bach-Straße gegenüberlag, war sofort zu erkennen. Der Vater hatte noch nie bei Musikern gewohnt, bei Dichtern aber war er schon daheim gewesen, bei Hebel oder auch bei Goethe. Im Sessel saß er gebeugt, das kannte sie, er freute sich, dass sie kam, hatte jedoch nie Anspruch darauf erhoben. Vom Gang brandeten Unruhe und Rufen ins Zimmer, eine Frau, die schon lange ohne Mutter war, schrie Mama, Mama. Der Vater blieb ruhig und der Uringeruch vor der Zimmertür. Das Linoleum hatte man frisch gewachst und im Speiseraum brannten elektrische Kerzen am Christbaum. Sie wollten anstoßen aufs neue Jahr, Trinkbares fand sich im Schrank, in dem seine Wäsche mit Namensschildern versehen war. Auf dem Schreibtisch vorm Fenster lag rosafarben die Ausgabe der Hauszeitung, für die der Vater Beiträge geschrieben hatte, mit gelungen verknüpften Gedanken, als seien es Reden und Predigten von früher oder Artikel für Traktate der Methodistenkirche Ende der 50er Jahre, sie erinnerte sich an Der Kinderfreund und Der Evangelist. Das Zeichnen hatte er immer im Kopf, aber erst in diesem Zimmer auf Papier gehabt, auch mit Farben experimentiert, Pastellkreiden, Öl- und Aquarellfarben, Jahrzehnte später hatte sie die Schachteln aus dem Keller genommen und einer Freundin geschenkt. Sie betrachteten gemeinsam Fotografien, alte und die neuen, von Enkeln, die noch klein waren und fern. Sie erinnerte sich, dass dem Vater einmal der Fotoapparat gestohlen worden war, in einem Sommer an der ligurischen Küste. Es gab viele Fotografien, Kisten voller Diapositive, Schubladen voller Papierfotos, viele Leben waren darin festgehalten, der Vater hatte schon immer fotografiert und gefilmt. Das Filmen hatte er irgendwann aufgegeben, aber sie hatte die Abende geliebt, an denen der alte tannengrüne Projektor auf dem Esstisch aufgebaut, Filmspulen eingelegt und auf der einfachen weißen Wand Großeltern, weitere Verwandte, Bekannte und sie selbst zum Laufen, Gestikulieren und stummen Lachen gebracht wurden, während der Projektor surrte. Manchmal riss der Film, sie fügten zusammen und fädelten neu ein, bis schließlich das Ende kam, bei dem sich alles in hellem Geflirre und Gestöber auflöste. Hatte nicht ein Cousin den Vater einmal den Filmmann genannt? Sie betrachtete ihn, wie er im Sessel saß, gebeugt, schmaler als je, mit noch vollem kräftigem Haar, das erst spät die Farbe verloren hatte. Seine Bewegungen waren langsam geworden und wie gegen Widerstände, dem Schmerz gab er keinen Raum, aber etwas war heute anders. Ein Bein stand in unüblicher Stellung, außenrotiert, typisch für… – sie fragte ihn, ob er gestürzt sei. Das war viele Stunden her, wie eine Pflegerin bestätigte, die sie schließlich hatte finden können. Sie hievte den Vater in den geliehenen Rollstuhl, schob ihn zu ihrem Auto und brachte ihn ins zwanzig Kilometer entfernte Krankenhaus. Es war ein eisiger Neujahrstag.