Die 15-Grad-Grenze

„Auch der Winter hat in Mönchweiler seine ganz besonderen Reize“ tönt der alte Prospekt. Ja, das hatte er, ich erinnere mich, dass wir als Kinder mit den Schlitten zu einem kleinen Hang beim Sportplatz zogen, um dort ein wenig zu rodeln. Ansonsten bot der Ort wenig Gelegenheit, den Schlitten Tempo zu geben, ist er doch, obgleich 750 bis 800 Meter hoch gelegen, recht eben, was dem Übergang der Schwarzwaldlandschaft in die Hochebene der Baar geschuldet ist.

Die Winter der Kindheit waren auf jeden Fall schneereich und lang, umso mehr sehnten wir irgendwann den Frühling herbei, der spät kam und nur ein kurzes Gastspiel gab, bevor er dem Sommer wich. Kaum erwarten konnten wir das Tragen der Kniestrümpfe, endlich wurden wir die kratzigen Strumpfhosen los und bekamen Luft an die Beine! Gebannt beobachteten wir das Außenthermometer, würde die blaue Flüssigkeit in der Kapillare die 15 Grad plus erreichen? Das nämlich galt wie ein Gesetz: Kniestrümpfe tragen ist erst erlaubt, wenn es draußen 15 Grad warm ist! Warum es genau 15 Grad waren, weiß ich nicht mehr. Was wäre geschehen, hätten wir bei 14 Grad die Kniestrümpfe angezogen? Hätte uns dann der kalte Ostwind Knie und Oberschenkel abgefroren? Wir wissen jetzt also, dass an dem Tag, an dem das Prospektfoto entstand, die Temperatur in Mönchweiler mindestens 15 Grad plus betragen haben muss, denn ich posiere (ein wenig ungelenk) in braunen Kniestrümpfen vor der Schafherde.

Zum Prädikat Luftkurort hatte es nicht gereicht, aber mit dem Nachweis einwandfreier Luft, geringer Lärmbelastung und gewisser touristischer Infrastruktur (auf dem Foto mit Schule und Alemannenhalle ist der neu angelegte Minigolfplatz zu sehen, ein hier nicht dargestelltes zeigt die Wassertretstelle)  erlangte Mönchweiler die Auszeichnung „Staatlich anerkannter Erholungsort“, die man sogleich auf den Prospekt stempelte, der mit Licht, Luft und Landschaft warb: „Die Heilkraft der Sonne verbindet sich ungehindert mit der staubfreien, kristallklaren, kräftigen Luft und der Würze weiter Wiesen und schattenspendender Wälder. Hier ist nicht bedrückende Enge. Befreiende Weite der Landschaft trägt den Blick zum Höhenzug der Schwäbischen Alb und bei Wettergunst zu den schneeigen Firnen der Alpen Österreichs und der Schweiz.“